• S.

    III

    DER ZWEITE TRAUM

    Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum vor,
    mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist nicht so voll
    durchsichtig zu machen wie der erste, brachte aber eine erwünschte
    Bestätigung einer notwendig gewordenen Annahme über den
    Seelenzustand der Patientin, füllte eine Gedächtnislücke aus und
    ließ einen tiefen Einblick in die Entstehung eines anderen ihrer
    Symptome gewinnen.

    Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich nicht kenne,
    spazieren, sehe Straßen und Plätze, die mir fremd sind.1) Ich
    komme dann in ein Haus, wo ich wohne, gehe auf mein Zimmer
    und finde dort einen Brief der Mama liegen. Sie schreibt: Da
    ich ohne Wissen der Eltern vom Hause fort bin, wollte sie mir
    nicht schreiben, daß der Papa erkrankt ist. Jetzt ist er gestorben,
    und wenn Du willst,2) kannst Du kommen. Ich gehe nun zum
    Bahnhofe und frage etwa 100mal: Wo ist der Bahnhof? Ich
    bekomme immer die Antwort: Fünf Minuten. Ich sehe dann einen
    dichten Wald vor mir, in den ich hineingehe, und frage dort
    einen Mann, dem ich begegne. Er sagt mir: Noch 21/2 Stunden.3)
    Er bietet mir an, mich zu begleiten. Ich lehne ab und gehe


    1)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe ich ein Monument.

    2)Dazu der Nachtrag: Bei diesem Worte stand ein Fragezeichen: willst?

    3)Ein zweites Mal wiederholt sie: 3 Stunden.

  • S.

    97

    allein. Ich sehe den Bahnhof vor mir und kann ihn nicht er-
    reichen. Dabei ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn man im
    Traume nicht weiter kommt. Dann bin ich zu Hause, dazwischen
    muß ich gefahren sein, davon weiß ich aber nichts. – Trete
    in die Portierloge und frage ihn nach unserer Wohnung. Das
    Dienstmädchen öffnet mir und antwortet: Die Mama und die
    anderen sind schon auf dem Friedhofe1).

    Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwierigkeiten
    vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem Inhalte ver-
    knüpften Umstände, unter denen wir abbrachen, ist nicht alles
    geklärt worden, und damit hängt wieder zusammen, daß meine
    Erinnerung die Reihenfolge der Erschließungen nicht überall
    gleich sicher bewahrt hat. Ich schicke noch voraus, welches Thema
    der fortlaufenden Analyse unterlag, als sich der Traum einmengte.
    Dora warf seit einiger Zeit selbst Fragen über den Zusammen-
    hang ihrer Handlungen mit den zu vermutenden Motiven auf.
    Eine dieser Fragen war: Warum habe ich die ersten Tage nach
    der Szene am See noch darüber geschwiegen? Die zweite:
    Warum habe ich dann plötzlich den Eltern davon erzählt? Ich
    fand es überhaupt noch der Erklärung bedürftig, daß sie sich
    durch die Werbung K.s so schwer gekränkt gefühlt, zumal da
    mir die Einsicht aufzugehen begann, daß die Werbung um
    Dora auch für Herrn K. keinen leichtsinnigen Verführungs-
    versuch bedeutet hatte. Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in
    Kenntnis gesetzt, legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter
    dem Einflusse krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen
    wird, so sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig.

    Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse dieses
    Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung, die sich in
    meiner Reproduktion ergibt, vorbringen.

    1)Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich besonders deutlich
    die Treppe hinaufgehen, und: Nach ihrer Antwort gehe ich, aber gar nicht traurig, auf mein
    Zimmer und lese in einem großen Buche, das auf meinem Schreibtische liegt.

  • S.

    98

    Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht Straßen
    und Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht B., worauf ich
    zuerst geraten hatte. sondern eine Stadt, in der sie nie gewesen
    war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja Bilder oder Photo-
    graphien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder entnehmen.
    Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag von dem
    Monumente auf einem Platze ein und dann sofort die Kenntnis der
    Quelle. Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein Album mit Stadt-
    ansichten aus einem deutschen Kurorte bekommen und dasselbe
    gerade gestern hervorgesucht, um es den Verwandten, die bei ihnen
    zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in einer Bilderschachtel, die sich nicht
    gleich vorfand, und sie fragte die Mama: Wo ist die Schachtel?1)
    Eines der Bilder zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der
    Spender aber war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekanntschaft
    sie einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge Mann hatte eine
    Stellung in Deutschland angenommen, um rascher zur Selbständig-
    keit zu kommen, benützte jede Gelegenheit, um sich in Erinnerung
    zu bringen, und es war leicht zu erraten, daß er vorhabe, seinerzeit,
    wenn sich seine Position gebessert, mit einer Werbung um Dora
    hervorzutreten. Aber das brauchte noch Zeit, da hieß es warten.
    Das Umherwandern in einer fremden Stadt war überdeter-
    miniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den Feiertagen
    war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen, dem sie jetzt
    die Stadt Wien zeigen mußte. Dieser Tagesanlaß war freilich
    ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie aber an einen
    kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals wanderte sie als
    Fremde herum, versäumte natürlich nicht die berühmte Galerie
    zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und Dresden
    kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen. Aber sie
    wies ihn ab und ging allein, blieb vor den Bildern stehen,
    die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie zwei Stunden

    1)Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung zog ich
    einen Schluß, den ich später entwickeln werde.

  • S.

    99

    lang in still träumender Bewunderung. Auf die Frage, was ihr
    an dem Bilde so sehr gefallen, wußte sie nichts Klares zu ant-
    worten. Endlich sagte sie: Die Madonna.

    Daß diese Einfälle wirklich dem traumbilden-
    den Material an-
    gehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein, die wir
    unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie wies ihn ab und
    ging allein — zwei Stunden). Ich merke bereits, daß „Bilder“
    einem Knotenpunkte in dem Gewebe der Traumgedanken ent-
    sprechen (die Bilder im Album — die Bilder in Dresden). Auch
    das Thema der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte
    ich für weitere Verfolgung herausgreifen. Vor allem aber sehe ich, daß
    sie sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem jungen
    Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er bestrebt sich,
    ein Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten, er braucht Geduld,
    er muß warten. Wenn sie dabei an den Ingenieur dachte, so hätte
    es gestimmt, daß dieses Ziel der Besitz eines Weibes, ihrer eigenen
    Person, sein sollte. Anstatt dessen war es ein — Bahnhof, für den
    wir allerdings nach dem Verhältnisse der Frage im Traume zu der
    wirklich getanen Frage eine Schachtel einsetzen dürfen. Eine
    Schachtel und ein Weib, das geht schon besser zusammen.

    Sie fragt wohl hundertmal… Das führt zu einer anderen,
    minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern abends
    nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac zu holen; er
    schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac getrunken. Sie verlangte
    den Schlüssel zum Speisekasten von der Mutter, aber die war in
    ein Gespräch verwickelt und gab ihr keine Antwort, bis sie mit
    der ungeduldigen Übertreibung herausfuhr: Jetzt habe ich dich
    schon hundertmal gefragt, wo der Schlüssel ist. In Wirklichkeit
    hatte sie die Frage natürlich nur etwa fünfmal wiederholt1).

    1)Im Trauminhalte steht die Zahl fünf bei der Zeitangabe: 5 Minuten. In
    meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen gezeigt,
    wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traume behandelt werden;
    man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue Zusammenhänge
    eingetragen.

  • S.

    100

    Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegen-
    stück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (siehe den ersten Traum.
    Seite 68) Es sind also Fragen — nach den Genitalien.

    In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen
    Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausge-
    sprochen, daß er noch lange in bester Gesundheit usw. Dabei
    hatte es so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters ge-
    zuckt, und sie hatte verstanden, welche Gedanken er zu unter-
    drücken hatte. Der arme kranke Mann! Wer konnte wissen, wie
    lange Lebensdauer ihm noch beschieden war.

    Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume ange-
    langt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig vom
    Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe im Traume sofort
    an den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben oder
    wenigstens für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief war be-
    stimmt, den Vater in Schrecken zu versetzen, damit er von Frau K.
    ablasse, oder wenigstens an ihm Rache zu nehmen, wenn er da-
    zu nicht zu bewegen sei. Wir stehen beim Thema ihres Todes
    und beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im Traume).
    Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation, welche
    die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephantasie gegen den
    Vater entspricht? Die mitleidigen Gedanken vom Tage vorher
    würden gut dazu stimmen. Die Phantasie aber lautete: Sie ginge
    von Haus weg in die Fremde, und dem Vater würde aus
    Kummer darüber, vor Sehnsucht nach ihr das Herz brechen.
    Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was dem Vater
    fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac schlafen konnte1).

    Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element für
    eine spätere Synthese der Traumgedanken merken.


    1)Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel, sowie
    Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der Vater schlief
    nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu das unten
    Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau.

  • S.

    101

    Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinierung zu-
    lassen. Woher stammte der Zusatz: „Wenn Du willst?"

    Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte „willst“
    ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch
    diese Worte als Zitat aus dem Briefe der Frau K., welcher die
    Einladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger
    Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn Du
    kommen willst?“ mitten im Gefüge des Satzes ein Fragezeichen.

    Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei den
    Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese Szene
    einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht viel
    Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen ernsthafte Einleitung
    vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur
    verstanden hatte, um was es sich handle, schlug sie ihm ins
    Gesicht und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er
    gebraucht; sie erinnerte sich nur an seine Begründung: „Sie
    wissen, ich habe nichts an meiner Frau!“. Sie wollte dann, um
    nicht mehr mit ihm zusammenzutreffen, den Weg nach L. zu
    Fuß um den See machen und fragte einen Mann, der ihr
    begegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Antwort:
    „21/2 Stunden“ gab sie diese Absicht auf und suchte doch wieder
    das Schiff auf, das bald nachher abfuhr. Herr K. war auch
    wieder da, näherte sich ihr, bat sie, ihn zu entschuldigen und
    nichts von dem Vorfalle zu erzählen. Sie gab aber keine Ant-
    wort. — Ja, der Wald im Traume war ganz ähnlich dem
    Walde am Seeufer, in dem sich die eben von neuem beschriebene
    Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte
    sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsausstellung
    gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man Nymphen2).


    1)Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen.

    2)Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden), aber in weit
    bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht, wird es zum
    Weibsbilde (Wald, Nymphen).

  • S.

    102

    Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahnhof1)
    und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war auffällig
    genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit auf das ähnlich
    gebildete „Vorhof“ gelenkt, einen anatomischen Terminus für
    eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien. Aber das
    konnte ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen“ dazu
    kamen, die man im Hintergrunde des „dichten Waldes“ sieht,
    war ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische
    Sexualgeographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte, aber
    nicht dem Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr
    gebräuchlich, die kleinen Labien im Hintergrunde des „dichten
    Waldes“ von Schamhaaren. Wer aber solche technische Namen
    wie „Vorhof“ und „Nymphen“ gebrauchte, der mußte seine
    Kenntnis aus Büchern geschöpft haben, und zwar nicht aus
    populären, sondern aus anatomischen Lehrbüchern oder aus einem
    Konversationslexikon, der gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller
    Neugierde verzehrten Jugend. Hinter der ersten Situation des
    Traumes verbarg sich also, wenn diese Deutung richtig war, eine
    Deflorationsphantasie, wie ein Mann sich bemüht, ins weibliche
    Genitale einzudringen2).

    Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muß zwingend
    gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes Stückchen des
    Traumes nach: Daß sie ruhig3) auf ihr Zimmer geht und

    1)Der „Bahnhof“ dient übrigens dem „Verkehre“. Die psychische Umkleidung
    mancher Eisenbahnangst.

    2)Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation. Die Hervor-
    hebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im Traume empfundene
    Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die wir an anderer Stelle durch
    die „Sixtina“ angedeutet finden. Diese sexuellen Gedanken ergeben eine unbewußte
    Untermalung für die vielleicht nur geheim gehaltenen Wünsche, die sich mit dem
    wartenden Bewerber in Deutschland beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben
    Traumsituation haben wir die Rachephantasie kennen gelernt, die beiden decken
    einander nicht völlig, sondern nur partiell; die Spuren eines noch bedeutsameren
    dritten Gedankenzuges werden wir später finden.

    3)Ein andermal hatte sie anstatt „ruhig“ gesagt „gar nicht „traurig“ (S. 97).
    Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer in der Traum-
    deutung (p. 299 u. ff., 7. Aufl. p. 387) enthaltenen Behauptung verwerten, daß die

  • S.

    103

    in einem großen Buch liest, welches auf ihrem Schreib-
    tische liegt. Der Nachdruck liegt hier auf den beiden Details:
    ruhig und groß bei Buch. Ich fragte: War es Lexikonformat?
    Sie bejahte. Nun lesen Kinder über verbotene Materien niemals
    ruhig im Lexikon nach. Sie zittern und bangen dabei und
    schauen sich ängstlich um, ob wohl jemand kommt. Die Eltern
    sind bei solcher Lektüre sehr im Wege. Aber die wunscherfüllende
    Kraft des Traumes hatte die unbehagliche Situation gründlich
    verbessert. Der Vater war tot und die anderen schon auf den
    Friedhof gefahren. Sie konnte ruhig lesen, was ihr beliebte.
    Sollte das nicht heißen, daß einer ihrer Gründe zur Rache auch
    die Auflehnung gegen den Zwang der Eltern war? Wenn der
    Vater tot war, dann konnte sie lesen oder lieben, wie sie wollte.
    Zunächst wollte sie sich nun nicht erinnern, daß sie je im
    Konversationslexikon gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche
    Erinnerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur
    Zeit, als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise
    nach Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen
    Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen, ein
    Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blinddarm-
    entzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach, welches
    die Symptome einer Blinddarmentzündung seien. Von dem, was
    sie gelesen, erinnert sie noch den charakteristisch lokalisierten
    Schmerz im Leibe.

    Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Tode der Tante
    eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durchgemacht.
    Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung zu ihren
    hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, daß sie die ersten
    Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im Unterleibe ver-
    spürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe kalte Umschläge be-

    zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke stets die für das Ver-
    ständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort den Schluß, daß auch das
    Vergessen der Träume die Erklärung durch den innerpsychischen Widerstand fordert.

  • S.

    104

    kommen, sie aber nicht vertragen; am zweiten Tage sei unter heftigen
    Schmerzen die seit ihrem Kranksein sehr unregelmäßige Periode ein-
    getreten. An Stuhlverstopfung habe sie damals konstant gelitten.

    Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein hysterischen
    aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber unzweifelhaft vor-
    kommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber dieser frag-
    lichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine organische,
    damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte die Spur
    wieder aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie den letzten
    Nachtrag zum Traume brachte: Sie sehe sich besonders
    deutlich die Treppe hinaufgehen.

    Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinierung.
    Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß sie ja die
    Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stocke gelegene
    Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen,
    wenn sie im Traume von der fremden Stadt nach Wien reisen
    und dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie sich
    auch über die Stufen der Treppe im Traume hinwegsetzen. Sie
    erzählte dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe sie
    schlecht gehen können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen.
    Das sei lange so geblieben, und sie hätte darum besonders
    Treppen gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal
    zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsultierte,
    hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach einer
    Blinddarmentzündung sehr verwundert, besonders da der Schmerz
    im Leibe nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs das Nach-
    ziehen des Fußes begleitete1).

    Das war also ein richtiges hysterisches Symptom. Mochte auch
    das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein — etwa durch

    1)Zwischen der „Ovarie“ benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen und der Geli-
    störung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammenhang anzunehmen,
    der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung, d. h. psychische Über-
    lagerung und Verwertung erfährt. Vgl. die analoge Bemerkung bei der Analyse der
    Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh und Eßunlust.

  • S.

    105

    eine der so häufigen Influenza-Erkrankungen ohne besondere
    Lokali-
    sation — so war doch sichergestellt, daß sich die Neurose
    des Zufalles bemächtigte, um ihn für eine ihrer Äußerungen zu
    verwerten. Sie hatte sich also eine Krankheit angeschafft, über
    die sie im Lexikon nachgelesen, sich für diese Lektüre bestraft
    und mußte sich sagen, die Strafe konnte unmöglich der Lektüre
    des harmlosen Artikels gelten, sondern war durch eine Verschiebung
    zustande gekommen, nachdem an diese Lektüre sich eine andere
    schuldvollere angeschlossen hatte, die sich heute in der Erinnerung
    hinter der gleichzeitigen harmlosen verbarg1). Vielleicht ließ
    sich noch erforschen, über welche Themata sie damals gelesen
    hatte.

    Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis nach-
    ahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen eines
    Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte, mußte
    sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung des
    Krankheitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn man ihn
    aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung werfen. Ich
    versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu finden. Es waren
    im Traume Zeiten vorgekommen; die Zeit ist wahrlich nichts
    Gleichgültiges bei allem biologischen Geschehen. Ich fragte also,
    wann diese Blinddarmentzündung sich ereignet, ob früher oder
    später als die Szene am See. Die prompte, alle Schwierigkeiten
    mit einem Schlage lösende Antwort war: neun Monate nachher.
    Dieser Termin ist wohl charakteristisch. Die angebliche Blind-
    darmentzündung hatte also die Phantasie einer Entbindung
    realisiert mit den bescheidenen Mitteln, die der Patientin zu
    Gebote standen, den Schmerzen und der Periodenblutung2). Sie

    1)Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus Anlässen, die
    anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben.

    2)Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen Symptome, wenn sie
    ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation des Sexuallebens
    darstellen, also eine Szene des sexuellen Verkehres, eine Schwangerschaft, Ent-
    bindung, Wochenbett u. dgl.

  • S.

    106

    kannte natürlich die Bedeutung dieses Termins und konnte die
    Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede stellen, daß sie damals im
    Lexikon über Schwangerschaft und Geburt gelesen. Was war
    aber mit dem nachgezogenen Beine? Ich durfte jetzt ein Errraten
    versuchen. So geht man doch, wenn man sich den Fuß über-
    treten hat. Sie hatte also einen „Fehltritt“ getan, ganz richtig,
    wenn sie neun Monate nach der Szene am See entbinden konnte.
    Nur mußte ich eine weitere Forderung aufstellen. Man kann
    — nach meiner Überzeugung — solche Symptome nur dann
    bekommen, wenn man ein infantiles Vorbild für sie hat. Die
    Erinnerungen, die man von Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen,
    wie ich nach meinen bisherigen Erfahrungen strenge festhalten
    muß, nicht die Kraft, sich als Symptome durchzusetzen. Ich
    wagte kaum zu hoffen, daß sie mir das gewünschte Material
    aus der Kinderzeit liefern würde, denn ich kann in Wirklichkeit
    obigen Satz, an den ich gerne glauben möchte, noch nicht all-
    gemein aufstellen. Aber hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie
    hatte sich als Kind einmal denselben Fuß übertreten, sie war in
    B. beim Heruntergehen auf der Treppe über eine Stufe gerutscht;
    der Fuß, es war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll
    an, mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig. Es war
    kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten Lebensjahre.
    Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten:
    Wenn Sie neun Monate nach der Szene am See eine Entbindung
    durchmachen und dann mit den Folgen des Fehltrittes bis zum
    heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, daß Sie im Un-
    bewußten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben ihn
    also in ihrem unbewußten Denken korrigiert. Die Voraussetzung
    Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, daß damals etwas vorgegangen
    ist1), daß Sie damals all das erlebt und erfahren haben, was Sie

    1)Die Deflorationsphantasie findet also ihre Anwendung auf Herrn K., und es
    wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhalts Material aus der Szene am See
    enthält. (Ablehnung, 21/2 Stunden, der Wald, Einladung nach L.)

  • S.

    107

    später aus dem Lexikon entnehmen mußten. Sie sehen, daß Ihre
    Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht beendet war, daß sie sich, wie
    ich behauptet habe, bis auf den heutigen Tag –
    allerdings Ihnen
    unbewußt –
    fortsetzt. –
    Sie widersprach dem auch nicht mehr1).

    Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten
    zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluß der
    zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Aus-
    druck gab, antwortete sie geringschätzig: Was ist denn da viel
    herausgekommen? und bereitete mich so auf das Herannahen
    weiterer Enthüllungen vor.

    1)Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Madonna“ ist offenbar
    sie selbst, erstens wegen des „Anbeters“, der ihr die Bilder geschickt hat, dann weil
    sie Herrn K.'s Liebe vor allem durch ihre Mütterlichkeit gegen seine Kinder ge-
    wonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen doch schon ein Kind gehabt hat,
    im direkten Hinweise auf die Entbindungsphantasie. Die „Madonna“ ist übrigens
    eine beliebte Gegenvorstellung, wenn ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Be-
    schuldigungen steht, was ja auch bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammen-
    hange die erste Ahnung als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von
    halluzinatorischer Verworrenheit raschen Ablaufes, der sich als Reaktion auf einen
    Vorwurf des Bräutigams herausstellte.

    Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fortsetzung der Analyse
    wahrscheinlich als dunkles aber mächtiges Motiv ihres Handelns aufzudecken gewesen.

    Die vielen Fragen, die sie in letzter Zeit aufgeworfen hatte, erscheinen wie Spät-
    abkömmlinge der Fragen sexueller Wißbegierde, welche sie aus dem Lexikon zu
    befriedigen gesucht. Es ist anzunehmen, daß sie über Schwangerschaft, Entbindung,
    Jungfräulichkeit und ähnliche Themata nachgelesen. –
    Eine der Fragen, die in den
    Zusammenhang der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Re-
    produktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier der
    Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? Es muß seinen Grund haben, daß sie
    diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie überhaupt in den Traum
    aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familiennamen selbst, der gleichzeitig
    Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehrfache, also einem „zweideutigen“ Worte
    gleichgesetzt werden kann. Ich kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu
    zeigen, wie geschickt er verwendet worden ist, um „Zweideutiges“ und „Unan-
    ständiges“ zu bezeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Region des
    Traumes, wo das Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante stammt, in
    dem Satze „Sie sind schon auf den Friedhof gefahren“ gleichfalls eine Wortanspielung
    zu finden. In diesen unanständigen Worten wäre wohl der
    Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle gelegen, da für sie das Wörterbuch
    nicht ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt gewesen zu hören, daß Frau K. selbst,
    die Verleumderin, diese Quelle war. Dora hätte dann gerade sie edelmütig ver-
    schont, während sie die anderen Personen mit nahezu tückischer Rache verfolgte;
    hinter der schier unübersehbaren Reihe von Verschiebungen, die sich so ergeben,
    könnte man ein einfaches Moment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K.,
    vermuten.

  • S.

    108

    Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen Sie,
    Herr Doktor, daß ich heute das letzte Mal hier bin?“ — Ich
    kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben. —
    „Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr1) halte ich es noch
    aus; länger will ich aber auf die Heilung nicht warten.“ — Sie
    wissen, daß Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben. Heute
    wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie den Entschluß
    gefaßt? — „Vor 14 Tagen, glaube ich.“ — Das klingt ja wie
    von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante, 14tägige Kündigung.
    — „Eine Gouvernante, die gekündigt hat, war auch damals bei
    K., als ich sie in L. am See besuchte.“ — So? von der haben
    Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie.

    „Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouvernante
    der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen den
    Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm keine Antwort,
    reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz, be-
    handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel höflicher
    gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See nahm
    mich das Mädchen auf die Seite; sie habe mir etwas mitzuteilen.
    Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu einer Zeit, als
    die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend war, genähert,
    sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig zu sein; er
    habe nichts von seiner Frau usw.“
    Das sind ja dieselben
    Worte, die er dann in der Werbung um Sie gebraucht, bei
    denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben. — „Ja. Sie gab
    ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er sich nicht mehr
    um sie, und sie haßte ihn seitdem.“ — Und diese Gouvernante
    hatte gekündigt? — „Nein, sie wollte kündigen. Sie sagte mir,
    sie habe sofort, wie sie sich verlassen gefühlt, den Vorfall ihren
    Eltern mitgeteilt, die anständige Leute sind und irgendwo in
    Deutschland wohnen. Die Eltern verlangten, daß sie das Haus

    1)Es war der 31. Dezember.

  • S.

    109

    augenblicklich verlasse, und schrieben ihr dann, als sie es nicht
    tat, sie wollten nichts mehr von ihr wissen, sie dürfe nicht
    mehr nach Hause zurückkommen.“ — Und warum ging sie
    nicht fort? — „Sie sagte, sie wolle noch eine kurze Zeit ab-
    warten, ob sich nichts bei Herrn K. ändere. So zu leben, halte
    sie nicht aus. Wenn sie keine Änderung sehe, werde sie kündigen
    und fortgehen.“ — Und was ist aus dem Mädchen geworden?
    — „Ich weiß nur, daß sie fortgegangen ist.“ — Ein Kind hat
    sie von dem Abenteuer nicht davongetragen? — „Nein.“

    Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten der
    Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorscheine ge-
    kommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich konnte
    Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages, mit dem
    Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht Kränkung über
    die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifersüchtige Rache. Als
    Ihnen das Fräulein seine Geschichte erzählte, machten Sie noch
    von Ihrer Kunst Gebrauch, alles beiseite zu schieben, was Ihren
    Gefühlen nicht paßte. In dem Moment, da Herr K. die Worte
    gebrauchte: Ich habe nichts an meiner Frau, die er auch zu dem
    Fräulein gesagt, wurden neue Regungen in Ihnen wachgerufen,
    und die Wagschale kippte um. Sie sagten sich: Er wagt es, mich
    zu behandeln wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese
    Hochmutskränkung zur Eifersucht und zu den bewußten be-
    sonnenen Motiven hinzu: das war endlich zu viel1). Zum Beweise,
    wie sehr Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des Fräuleins
    stehen, halte ich Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit
    ihr im Traume und in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den
    Eltern, was wir bisher nicht verstanden haben, wie das Fräulein
    es den Eltern geschrieben hat. Sie kündigen mir wie eine
    Gouvernante mit 14tägiger Kündigung. Der Brief im Traume,

    1)Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage über die Frau,
    deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben konnte, wie ich
    sie aus seinem Munde gehört habe.

  • S.

    110

    der Ihnen erlaubt, nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück
    zum Briefe der Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten.
    „Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich erzählt?“
    „Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen?
    „Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe ich’s
    der Mutter erzählt.“

    Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charakteristi-
    sche Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie haben
    ja das arme Mädchen sehr wohl verstanden. Sie wollte nicht
    gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete, daß
    Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde. Das muß
    also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten den Termin ab,
    um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde, daraus
    hätten Sie geschlossen, daß es ihm Ernst war, und daß er nicht
    mit Ihnen spielen wollte wie mit der Gouverante.
    „In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch eine
    Ansichtskarte.“

    Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie Ihrer Rache
    freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, daß damals noch
    Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage zum
    Hinreisen nach ihrem Aufenthalte zu bewegen.
    „… Wie er’s uns ja auch zuerst angetragen hat,“ warf sie
    ein. — Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt worden —
    hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte — und er
    hätte Ihnen die Genugtuung geben können, die Sie sich verlangten.
    „Welche Genugtuung?“

    Ich fange nämlich an zu ahnen, daß Sie die Angelegenheit
    mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie bisher verraten
    wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung die Rede?
    „Gewiß, zuerst wollte sie nicht der Kinder wegen, und jetzt
    will sie, aber er will nicht mehr.“

    1)Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem Ich in der ersten
    Traumsituation verbirgt.

  • S.

    111

    Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner Frau
    scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß er jetzt nicht
    mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren freilich vor
    zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von der Mama
    erzählt, daß sie mit 17 Jahren verlobt war und dann zwei Jahre
    auf ihren Mann gewartet hat. Die Liebesgeschichte der Mutter
    wird gewöhnlich zum Vorbilde für die Tochter. Sie wollten also
    auch auf ihn warten und nahmen an, daß er nur warte, bis Sie
    reif genug seien, seine Frau zu werden1). Ich stelle mir vor, daß
    es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen war. Sie haben
    nicht einmal das Recht zu behaupten, daß eine solche Absicht
    bei Herrn K. ausgeschlossen war, und haben mir genug von ihm
    erzählt, was direkt auf eine solche Absicht deutet2). Auch sein
    Benehmen in L. widerspricht dem nicht. Sie haben ihn ja nicht
    ausreden lassen und wissen nicht, was er Ihnen sagen wollte.
    Nebstbei wäre der Plan gar nicht so unmöglich auszuführen ge-
    wesen. Die Beziehungen des Papa zu Frau K., die Sie wahr-
    scheinlich nur darum so lange unterstützt haben, boten Ihnen
    die Sicherheit, daß die Einwilligung der Frau zur Scheidung zu
    erreichen wäre, und beim Papa setzen Sie durch, was Sie wollen.
    Ja, wenn die Versuchung in L. einen anderen Ausgang genommen
    hätte, wäre dies für alle Teile die einzig mögliche Lösung ge-
    wesen. Ich meine auch, darum haben Sie den anderen Ausgang
    so bedauert und ihn in der Phantasie, die als Blinddarm-
    entzündung
    auftrat, korrigiert. Es mußte also eine schwere Enttäuschung für
    Sie sein, als anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und
    die Schmähungen von seiten des Herrn K. der Erfolg Ihrer An-
    klage wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut
    bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene

    1)Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalte der ersten
    Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe ich ein Stück
    der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traumes.

    2)Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zusammenlebens in B.
    das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte.

  • S.

    112

    am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert
    werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernst-
    haft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet.

    Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie schien
    ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit warmen
    Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam nicht wieder.
    Der Vater, der mich noch einige Male besuchte, versicherte, sie
    werde wiederkommen; man merke ihr die Sehnsucht nach der
    Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war wohl nie ganz auf-
    richtig. Er hatte die Kur unterstützt, so lange er sich Hoffnung
    machen konnte, ich würde Dora „ausreden“, daß zwischen ihm
    und Frau K. etwas anderes als Freundschaft bestehe. Sein Interesse
    erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg nicht in meiner Absicht
    liege. Ich wußte, daß sie nicht wiederkommen würde. Es war
    ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie in so unvermuteter Weise,
    als meine Erwartungen auf glückliche Beendigung der Kur den
    höchsten Stand einnahmen, abbrach und diese Hoffnungen ver-
    nichtete. Auch ihre Tendenz zur Selbstschädigung fand ihre
    Rechnung bei diesem Vorgehen. Wer wie ich die bösesten
    Dämonen, die unvollkommen gebändigt in einer menschlichen
    Brust wohnen, aufweckt, um sie zu bekämpfen, muß darauf
    gefaßt sein, daß er in diesem Ringen selbst nicht unbeschädigt
    bleibe. Ob ich das Mädchen bei der Behandlung erhalten hätte,
    wenn ich mich selbst in eine Rolle gefunden, den Wert ihres
    Verbleibens für mich übertrieben und ihr ein warmes Interesse
    bezeigt hätte, das bei aller Milderung durch meine Stellung als
    Arzt doch wie ein Ersatz für die von ihr ersehnte Zärtlichkeit
    ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht. Da ein Teil der Faktoren,
    die sich als Widerstand entgegenstellen, in jedem Falle unbekannt
    bleibt, habe ich es immer vermieden, Rollen zu spielen, und
    mich mit anspruchsloser psychologischer Kunst begnügt. Bei
    allem theoretischen Interesse und allem ärztlichen Bestreben, zu
    helfen, halte ich mir doch vor, daß der psychischen Beeinflussung

  • S.

    113

    notwendig Grenzen gesetzt sind, und respektiere als solche auch
    den Willen und die Einsicht des Patienten.

    Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte, wäre
    ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht keineswegs
    ein endgültiges „Nein“ Doras bedeutete, sondern der zuletzt
    geweckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten
    Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er
    dieses erste „Nein“ überhört und seine Werbung mit über-
    zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg
    leicht sein können, daß die Neigung des Mädchens sich über alle
    inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine,
    vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach-
    sucht um so ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche
    Seite sich in dem Widerstreite der Motive die Entscheidung
    neigt, ob zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung,
    das ist niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der
    realen Liebesforderung ist einer der wesentlichsten Charakterzüge
    der Neurose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der
    Realität und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phanta-
    sien am intensivsten ersehnen, davon fliehen sie doch, wenn es
    ihnen in Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien über-
    lassen sie sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr
    zu befürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung
    aufgerichtet hat, kann allerdings unter dem Ansturme heftiger,
    real veranlaßter Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch
    die Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht
    allgemein berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung mög-
    lich wäre1).

    1)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich nicht so
    gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese versuchen könnte. Als ein fassaden-
    artig vorgeschobenes Stück läßt sich die Rachephantasie gegen den Vater hervor-
    heben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen; der Vater ist erkrankt, dann
    gestorben… Sie geht jetzt nach Hause, die anderen sind schon alle auf dem Fried-
    hofe. Sie geht gar nicht traurig auf ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter
    zwei Anspielungen auf den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie
    Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie, Bd. X, 1901.

  • S.

    114

    die Eltern einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume von der Mama)
    und die Erwähnung des Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante.
    Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K., denen
    sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat. Die Diebstähle
    – die Einladung – der Wald – die 21/2 Stunden stammen aus dem Material der
    Vorgänge in L. Die Erinnerung an die Gouvernante und deren Briefverkehr mit
    ihren Eltern tritt mit dem Element ihres Abschiedsbriefes zu dem im Trauminhalte
    vorfindlichen Brief, der ihr nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung,
    sich begleiten zu lassen, der Entschluß, allein zu gehen, läßt sich wohl so übersetzen:
    Weil du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich stehen, gehe
    allein meiner Wege und heirate nicht. – Durch diese Rachegedanken verdeckt
    schimmert an anderen Stellen Material aus zärtlichen Phantasien aus der unbewußt
    fortgesetzten Liebe zu Herrn K. durch: Ich hätte auf dich gewartet, bis ich deine
    Frau geworden wäre – die Defloration – die Entbindung. – Endlich gehört es
    dem vierten, am tiefsten verborgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K.
    (Identifizierung mit dem Verehrer, der jetzt in der Fremde weilt), und daß an zwei
    Stellen die deutlichsten Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr
    X.) und auf die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon)
    enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume ihre
    Erfüllung.