• S.

    IV

    NACHWORT

    Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse
    angekündigt; man wird aber gefunden haben, daß sie in viel
    weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem
    Titel erwarten ließ. Es geziemt sich wohl, daß ich versuche,
    diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren.

    Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben,
    weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher
    erkannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeinen Resultat
    bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft
    schien, auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen
    hingewiesen. Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels
    welcher man allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken
    seinen Reingehalt an wertvollen unbewußten Gedanken entziehen
    kann, ist von mir hier durchwegs übergangen worden, womit
    der Nachteil verbunden bleibt, daß der Leser die Korrektheit
    meines Vorgehens bei diesem Darstellungsprozeß nicht bestätigen
    kann. Ich fand es aber ganz undurchführbar, die Technik einer
    Analyse und die innere Struktur eines Falles von Hysterie in
    einem zu behandeln; es wäre für mich eine fast unmögliche
    Leistung und für den Leser eine sicher ungenießbare Lektüre
    geworden. Die Technik erfordert durchaus eine abgesonderte
    Darstellung, die durch zahlreiche, den verschiedensten Fällen

  • S.

    116

    entnommene Beispiele erläutert wird und von dem jedesmaligen
    Ergebnis absehen darf. Auch die psychologischen Voraussetzungen,
    die sich in meinen Beschreibungen psychischer Phänomene ver-
    raten, habe ich hier zu begründen nicht versucht. Eine flüchtige
    Begründung würde nichts leisten; eine ausführliche wäre eine
    Arbeit für sich. Ich kann nur versichern, daß ich, ohne einem
    bestimmten psychologischen System verpflichtet zu sein, an das
    Studium der Phänomene gegangen bin, welche die Beobachtung
    der Psychoneurotiker enthüllt, und daß ich dann meine Meinungen
    um so viel zurechtgerückt habe, bis sie mir geeignet erschienen,
    von dem Zusammenhange des Beobachteten Rechenschaft zu geben.
    Ich setze keinen Stolz darein, die Spekulation vermieden zu haben;
    das Material für diese Hypothesen ist aber durch die ausgedehnteste
    und mühevollste Beobachtung gewonnen worden. Besonders dürfte
    die Entschiedenheit meines Standpunktes in der Frage des Un-
    bewußten Anstoß erregen, indem ich mit unbewußten Vorstel-
    lungen, Gedankenzügen und Regungen so operiere, als ob sie
    ebenso gute und unzweifelhafte Objekte der Psychologie wären
    wie alles Bewußte; aber ich bin dessen sicher, wer dasselbe Er-
    scheinungsgebiet mit der nämlichen Methode zu erforschen unter-
    nimmt, wird nicht umhin können, sich trotz alles Abmahnens
    der Philosophen auf denselben Standpunkt zu stellen.

    Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der Hysterie
    für eine rein psychologische gehalten und darum von vornherein
    für unfähig erklärt haben, ein pathologisches Problem zu lösen,
    werden aus dieser Abhandlung wohl entnehmen, daß ihr Vorwurf
    einen Charakter der Technik ungerechterweise auf die Theorie
    überträgt. Nur die therapeutische Technik ist rein psychologisch;
    die Theorie versäumt es keineswegs, auf die organische Grund-
    lage der Neurose hinzuweisen, wenngleich sie dieselbe nicht in
    einer pathologisch-anatomischen Veränderung sucht und die zu
    erwartende chemische Veränderung als derzeit noch unfaßbar
    durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion ersetzt. Der

  • S.

    117

    Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung der Hysterie wie
    der Psychoneurosen überhaupt sehe, wird den Charakter eines
    organischen Faktors wohl niemand absprechen wollen. Eine Theorie
    des Sexuallebens wird, wie ich vermute, der Annahme bestimmter,
    erregend wirkender Sexualstoffe nicht entbehren können. Die
    Intoxikationen und Abstinenz-
    en beim Gebrauch gewisser chro-
    nischer Gifte stehen ja unter allen Krankheitsbildern, welche
    uns die Klinik kennen lehrt, den genuinen Psychoneurosen am
    nächsten.

    Was sich aber über das „somatische Entgegenkommen“, über
    die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen Zonen
    und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen läßt, habe ich in
    dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt, sondern nur die
    Stellen hervorgehoben, an denen die Analyse auf diese organischen
    Fundamente der Symptome stößt. Mehr ließ sich von einem
    vereinzelten Falle aus nicht tun, auch hatte ich die nämlichen
    Gründe wie oben, eine beiläufige Erörterung dieser Momente zu
    vermeiden. Hier ist reichlicher Anlaß zu weiteren, auf eine große
    Zahl von Analysen gestützten Arbeiten gegeben.

    Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte ich
    doch zweierlei erreichen. Erstens als Ergänzung zu meinem Buche
    über die Traumdeutung zeigen, wie diese sonst unnütze Kunst
    zur Aufdeckung des Verborgenen und Verdrängten im Seelenleben
    verwendet werden kann; bei der Analyse der beiden hier mit-
    geteilten Träume ist dann auch die Technik des Traumdeutens,
    welche der psychoanalytischen ähnlich ist, berücksichtigt worden.
    Zweitens wollte ich Interesse für eine Reihe von Verhältnissen
    erwecken, welche heute der Wissenschaft noch völlig unbekannt
    sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses bestimmten Ver-
    fahrens entdecken lassen. Von der Komplikation der psychischen
    Vorgänge bei der Hysterie, dem Nebeneinander der verschieden-
    artigsten Regungen, der gegenseitigen Bindung der Gegensätze,
    den Verdrängungen und Verschiebungen u. a. m. hat wohl

  • S.

    118

    niemand eine richtige Ahnung haben könnnen. Janets Hervor-
    hebung der idée fixe, die sich in das Symptom umsetzt, be-
    deutet nichts als eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung.
    Man wird sich auch der Vermutung nicht erwehren können, daß
    Erregungen, deren zugehörige Vorstellungen der Bewußtseins-
    fähigkeit ermangeln, anders aufeinander einwirken, anders ver-
    laufen und zu anderen Äußerungen führen als die von uns
    „normal“ genannten, deren Vorstellungsinhalt uns bewußt wird.
    Ist man soweit aufgeklärt, so steht dem Verständnis einer
    Therapie nichts mehr im Wege, welche neurotische Symptome
    aufhebt, indem sie Vorstellungen der ersteren Art in normale
    verwandelt.

    Es lag mir auch daran zu zeigen, daß die Sexualität nicht bloß
    als einmal auftretender deus ex machina irgendwo in das Getriebe
    der für die Hysterie charakteristischen Vorgänge eingreift, sondern
    daß sie die Triebkraft für jedes einzelne Symptom und für jede
    einzelne Äußerung eines Symptoms abgibt. Die Krankheits-
    erscheinungen sind, geradezu gesagt, die Sexualbetätigung der
    Kranken. Ein einzelner Fall wird niemals imstande sein, einen
    so allgemeinen Satz zu erweisen, aber ich kann es nur immer
    wieder von neuem wiederholen, weil ich es niemals anders finde,
    daß die Sexualität der Schlüssel zum Problem der Psychoneurosen
    wie der Neurosen überhaupt ist. Wer ihn verschmäht, wird
    niemals aufzuschließen imstande sein. Ich warte noch auf die
    Untersuchungen, welchen diesen Satz aufzuheben oder einzu-
    schränken vermögen sollen. Was ich bis jetzt dagegen gehört
    habe, waren Äußerungen persönlichen Mißfallens oder Unglaubens,
    denen es genügt, das Wort Charcots entgegenzuhalten: „Ça
    n’empêche pas d’exister.“

    Der Fall, aus dessen Kranken- und Behandlungsgeschichte ich
    hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch nicht geeignet,
    den Wert der psychoanalytischen Therapie ins rechte Licht zu
    setzen. Nicht nur die Kürze der Behandlungsdauer, die kaum

  • S.

    119

    drei Monate betrug, sondern noch ein anderes dem Falle inne-
    wohnendes Moment haben es verhindert, daß die Kur mit der
    sonst zu erreichenden, vom Kranken und seinen Angehörigen
    zugestandenen Besserung abschloß, die mehr oder weniger nahe
    an vollkommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge
    erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch den
    inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität bezüglichen
    Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen Fällen das Be-
    finden der Kranken in dem Maße sich bessern, in dem man durch
    Übersetzung des pathogenen Materials in normales zur Lösung
    ihrer psychischen Aufgaben beigetragen hat. Anders ist der Verlauf,
    wo sich die Symptome in den Dienst äußerer Motive des Lebens
    gestellt haben, wie es auch bei Dora seit den letzten zwei Jahren
    geschehen war. Man ist überrascht und könnte leicht irre werden,
    wenn man erfährt, daß das Befinden der Kranken durch die selbst
    weit vorgeschrittene Arbeit nicht merklich geändert wird. In
    Wirklichkeit steht es nicht so arg; die Symptome schwinden
    zwar nicht unter der Arbeit, wohl aber eine Zeit lang nach der
    selben, wenn die Beziehungen zum Arzte gelöst sind. Der Aufschub
    des Heilung oder Besserung ist wirklich nur durch die Person
    der Arztes verursacht.

    Ich muß etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt ver-
    ständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen Kur ist
    die Neubildung von Symptomen, man darf wohl sagen: regel-
    mäßig, sistiert. Die Produktivität der Neurose ist aber durchaus
    nicht erloschen, sondern betätigt sich in der Schöpfung einer
    besonderen Art von meist unbewußten Gedankenbildungen, welchen
    man den Namen „Übertragungen“ verleihen kann.

    Was sind die Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nachbildungen
    von den Regungen und Phantasien, die während des Vordringens
    der Analyse erweckt und bewußt gemacht werden sollen, mit
    einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung einer früheren
    Person durch die Person des Arztes. Um es anders zu sagen: eine

  • S.

    120

    ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird nicht als ver-
    gangen, sondern als aktuelle Beziehung zur Person des Arztes
    wieder lebendig. Es gibt solche Übertragungen, die sich im Inhalt
    von ihrem Vorbilde in gar nichts bis auf die Ersetzung unter-
    scheiden. Das sind also, um in dem Gleichnisse zu bleiben, ein-
    fache Neudrucke, unveränderte Neuauflagen. Andere sind kunstvoller
    gemacht, sie haben eine Milderung ihres Inhaltes, eine Subli-
    mierung, wie ich sage, erfahren und vermögen selbst bewußt
    zu werden, indem sie sich an irgend eine geschickt verwertete
    reale Besonderheit an der Person oder in den Verhältnissen des
    Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr
    Neudrucke.

    Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik
    einläßt, kommt man zu der Einsicht, daß die Übertragung etwas
    notwendig Gefordertes ist. Praktisch überzeugt man sich wenigstens,
    daß man ihr durch keinerlei Mittel ausweichen kann, und daß
    man diese letzte Schöpfung der Krankheit wie alle früheren zu
    bekämpfen hat. Nun ist dieses Stück der Arbeit das bei weitem
    schwierigste. Das Deuten der Träume, das Extrahieren der un-
    bewußten Gedanken und Erinnerungen aus den Einfällen des
    Kranken und ähnliche Übersetzungskünste sind leicht zu erlernen;
    dabei liefert immer der Kranke selbst den Text. Die Übertragung
    allein muß man fast selbständig erraten, auf geringfügige Anhalts-
    punkte hin und ohne sich der Willkür schuldig zu machen. Zu
    umgehen ist sie aber nicht, da sie zur Herstellung aller Hinder-
    nisse verwendet wird, welche das Material der Kur unzugänglich
    machen, und da die Überzeugungsempfindung für die Richtigkeit
    der konstruierten Zusammenhänge beim Kranken erst nach Lösung
    der Übertragung hervorgerufen wird.

    Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des
    ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, daß dasselbe die Arbeit
    des Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von krankhaften
    psychischen Produkten noch vermehrt, ja, wird vielleicht eine

  • S.

    121

    Bruchstück einer Hysterie-Analyse

    Schädigung des Kranken durch die analytische Kur aus der
    Existenz der Übertragungen ableiten wollen. Beides wäre irrig.
    Die Arbeit des Arztes wird durch die Übertragung nicht vermehrt;
    es kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die betreffende Regung
    des Kranken in Verbindung mit seiner Person oder mit einer
    anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber auch dem
    Kranken mit der Übertragung keine neue Leistung auf, die er
    nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen von Neurosen
    auch in Anstalten zustande kommen, wo psychisch-analytische Be-
    handlung ausgeschlossen ist, wenn man sagen konnte, daß die
    Hysterie nicht durch die Methode, sondern durch den Arzt geheilt
    wird, wenn sich eine Art von blinder Abhängigkeit und dauernder
    Fesselung des Kranken an den Arzt zu ergeben pflegt, der ihn
    durch hypnotische Suggestion von seinen Symptomen befreit hat,
    so ist die wissenschaftliche Erklärung für all dies in „Übertragungen“
    zu sehen, die der Kranke regelmäßig auf die Person des Arztes
    vornimmt. Die psychoanalytische Kur schafft die Übertragung
    nicht, sie deckt sie bloß, wie anderes im Seelenleben Ver-
    borgene, auf. Der Unterschied äußert sich nur darin, daß der
    Kranke spontan bloß zärtliche und freundschaftliche Übertragungen
    zu seiner Heilung wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann,
    reißt er sich so schnell wie möglich, unbeeinflußt vom Arzte, der
    ihm nicht „sympathisch“ ist, los. In der Psychoanalyse werden
    hingegen, entsprechend einer veränderten Motivenanlage, alle
    Regungen, auch die feindseligen, geweckt, durch Bewußtmachen
    für die Analyse verwertet, und dabei wird die Übertragung immer
    wieder vernichtet. Die Übertragung, die das größte Hindernis für
    die Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten
    Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten
    und dem Kranken zu übersetzen1).


    1)[Zusatz 1923:] Was hier über die Übertragung gesagt wird, findet dann seine
    Fortsetzung in dem technischen Aufsatz über die „Übertragungsliebe“ (enthalten in
    Bd. VI. dieser Gesamtausgabe).

  • S.

    122

    Ich mußte von der Übertragung sprechen, weil ich die Be-
    sonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Moment aufzu-
    klären vermag. Was den Vorzug derselben ausmacht und sie als
    geeignet für eine erste, einführende Publikation erscheinen läßt,
    ihre besondere Durchsichtigkeit, das hängt mit ihrem großen
    Mangel, welcher zu ihrem vorzeitigen Abbruche führte, innig zu-
    sammen. Es gelang mir nicht, der Übertragung rechtzeitig Herr
    zu werden; durch die Bereitwilligkeit, mit welcher sie mir den
    einen Teil des pathogenen Materials in der Kur zur Verfügung
    stellte, vergaß ich der Vorsicht, auf die ersten Zeichen der Über-
    tragung zu achten, welche sie mit einem anderen, mir unbekannt
    gebliebenen Teile desselben Materials vorbereitete. Zu Anfang war
    es klar, daß ich ihr in der Phantasie den Vater ersetzte, wie auch
    bei dem Unterschiede unserer Lebensalter nahelag. Sie verglich
    mich auch immer bewußt mit ihm, suchte sich ängstlich zu
    vergewissern, ob ich auch ganz aufrichtig gegen sie sei, denn der
    Vater „bevorzuge immer die Heimlichkeit und einen krummen
    Umweg“. Als dann der erste Traum kam, in dem sie sich warnte,
    die Kur zu verlassen wie seinerzeit das Haus des Herrn K., hätte
    ich selbst gewarnt werden müssen und ihr vorhalten sollen: „Jetzt
    haben Sie eine Übertragung von Herrn K. auf mich gemacht.
    Haben Sie etwas bemerkt, was Sie auf böse Absichten schließen
    läßt, die denen des Herrn K. (direkt oder in irgend einer Subli-
    mierung) ähnlich sind, oder ist Ihnen etwas an mir aufgefallen
    oder von mir bekannt geworden, was Ihre Zuneigung erzwingt,
    wie ehemals bei Herrn K.?“ Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit
    auf irgend ein Detail aus unserem Verkehre, an meiner Person
    oder an meinen Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges,
    aber ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sich verborgen
    hielt, und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die Analyse
    den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsächlichem Material der
    Erinnerung gewonnen. Ich überhörte aber diese erste Warnung,
    meinte, es sei reichlich Zeit, da sich andere Stufen der Über-

  • S.

    123

    tragung nicht einstellten und das Material für die Analyse noch
    nicht versiegte. So wurde ich denn von der Über-
    rascht und wegen des X, in dem ich sie an Herrn K. erinnerte,
    rächte sie sich an mir, wie sie sich an Herrn K. rächen wollte,
    und verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und verlassen
    glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer Erinnerungen
    und Phantasien, anstatt es in der Kur zu reproduzieren. Welches
    dieses X war, kann ich natürlich nicht wissen: ich vermute, es
    bezog sich auf Geld, oder es war Eifersucht gegen eine andere
    Patientin, die nach ihrer Heilung im Verkehre mit meiner Familie
    geblieben war. Wo sich die Übertragungen frühzeitig in die
    Analyse einbeziehen lassen, da wird deren Verlauf undurchsichtig
    und verlangsamt, aber ihr Bestand ist gegen plötzliche unwider-
    stehliche Widerstände besser gesichert.

    In dem zweiten Traume Doras ist die Übertragung durch
    mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir erzählte,
    wußte ich noch nicht, erfuhr es erst zwei Tage später, daß wir
    nur noch zwei Stunden Arbeit vor uns hatten, dieselbe Zeit,
    die sie vor dem Bilde der Sixtinischen Madonna verbracht, und
    die sie auch vermittelst einer Korrektur (zwei Stunden anstatt
    zweieinhalb Stunden) zum Maße des von ihr nicht zurückgelegten
    Weges um den See gemacht hatte. Das Streben und Warten im
    Traume, das sich auf den jungen Mann in Deutschland bezog
    und von ihrem Warten, bis Herr K. sie heiraten könne, herstammte,
    hatte sich schon einige Tage vorher in der Übertragung geäußert:
    Die Kur dauere ihr zu lange, sie werde nicht die Geduld haben,
    so lange zu warten, während sie in den ersten Wochen Einsicht
    genug gezeigt hatte, meine Ankündigung, ihre volle Herstellung
    werde etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, ohne solchen Ein-
    spruch anzuhören. Die Ablehnung der Begleitung im Traume,
    sie wolle lieber allein gehen, die gleichfalls aus dem Besuche
    in der Dresdener Galerie herrührte, sollte ich ja an dem hiefür
    bestimmten Tage erfahren. Sie hatte wohl den Sinn: Da alle

  • S.

    124

    Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heiraten. Dies
    meine Rache.1)

    Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache, die
    schon im Leben zur Aufrechterhaltung der Symptome verwendet
    worden sind, sich während der Kur auf den Arzt übertragen, ehe
    er Zeit gehabt hat, dieselben durch Rückführung auf ihre Quellen
    von seiner Person abzulösen, da darf es nicht Wunder nehmen,
    daß das Befinden der Kranken nicht den Einfluß seiner therapeuti-
    schen Bemühung zeigt. Denn wodurch könnte die Kranke sich
    wirksamer rächen, als indem sie an ihrer Person dartut, wie
    ohnmächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin ich geneigt,
    den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer Behandlungen,
    wie die Doras war, nicht gering zu veranschlagen.

    Erst fünf Vierteljahre nach Abschluß der Behandlung und dieser
    Niederschrift erhielt ich Nachricht von dem Befinden meiner
    Patientin und somit von dem Ausgange der Kur. An einem nicht
    ganz gleichgültigen Datum, am 1. April — wir wissen, daß
    Zeiten bei ihr nie bedeutungslos waren — erschien sie bei mir,
    um ihre Geschichte zu beenden und um neuerdings Hilfe zu


    1)Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse entferne, desto
    wahrscheinlicher wird mir, daß mein technischer Fehler in folgender Unterlassung
    bestand: Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu erraten und der Kranken mitzuteilen,
    daß die homosexuelle (gynäkophile) Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbe-
    wußten Strömungen ihres Seelenlebens war. Ich hätte erraten müssen, daß keine
    andere Person als Frau K. die Hauptquelle für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein
    konnte, dieselbe Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen Gegen-
    ständen verklagt worden war. Es war doch zu auffällig, daß sie alles Anstößige wußte
    und niemals wissen wollte, woher sie es wußte. An dieses Rätsel hätte ich anknüpfen,
    für diese sonderbare Verdrängung hätte ich das Motiv suchen müssen. Der zweite
    Traum hatte es mir dann verraten. Die rücksichtslose Rachsucht, welcher dieser
    Traum den Ausdruck gab, war wie nichts anderes geeignet, die gegensätzliche
    Strömung zu verdecken, den Edelmut, mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin
    verzieh und es allen verbarg, daß diese selbst ihr die Eröffnungen gemacht, deren
    Kenntnis dann zu ihrer Verdächtigung verwendet wurde. Ehe ich die Bedeutung
    der homosexuellen Strömung bei den Psychoneurotikern erkannt hatte, bin ich
    oftmals in der Behandlung von Fällen stecken geblieben oder in völlige Verwirrung
    geraten.

  • S.

    125

    erbitten: ein Blick auf ihre Miene konnte mir aber verraten, daß
    es ihr mit dieser Bitte nicht ernst war. Sie war noch vier bis
    fünf Wochen, nachdem sie die Behandlung verlassen, im „Durch-
    einander“, wie sie sagte. Dann trat eine große Besserung ein, die
    Anfälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im Mai des
    jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehepaares K.,
    das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen Trauerfall zum
    Anlasse, um den K. einen Kondolenzbesuch zu machen, und
    wurde von ihnen empfangen, als ob in diesen letzten drei Jahren
    nichts vorgefallen wäre. Damals söhnte sie sich mit ihnen aus,
    nahm ihre Rache an ihnen und brachte ihre Angelegenheit zu
    einem für sie befriedigenden Abschlusse. Der Frau sagte sie: Ich
    weiß, du hast ein Verhältnis mit dem Papa, und diese leugnete
    nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von ihm bestrittene Szene
    am See zuzugestehen, und brachte diese, sie rechtfertigende Nach-
    richt ihrem Vater. Sie hat den Verkehr mit der Familie nicht
    wieder aufgenommen.1)

    Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche Zeit
    sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte, der sechs
    Wochen lang anhielt. Über diese Mitteilung überrascht, frage ich,
    ob dafür ein Anlaß vorhanden war, und höre, daß der Anfall an
    ein heftiges Erschrecken anschloß. Sie mußte zusehen, wie jemand
    von einem Wagen überfahren wurde. Endlich rückte sie damit
    heraus, daß der Unfall keinen anderen als Herrn K. betroffen
    hatte. Sie traf ihn eines Tages auf der Straße; er kam ihr an
    einer Stelle lebhaften Verkehres entgegen, blieb wie verworren
    vor ihr stehen und ließ sich in der Selbstvergessenheit von einem
    Wagen niederwerfen‘. Sie überzeugte sich übrigens, daß er ohne
    erheblichen Schaden davonkam. Es rege sich noch leise in ihr,
    wenn sie von dem Verhältnisse des Papas zu Frau K. reden höre,

    1)Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens“
    behandelten indirekten Selbstmordversuche.

  • S.

    126

    in welches sie sich sonst nicht mehr menge. Sie lebe ihren
    Studien, gedenke nicht zu heiraten.

    Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Gesichts-
    neuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann? „Seit
    genau vierzehn Tagen1).“ — Ich mußte lächeln, da ich ihr nach-
    weisen konnte, daß sie vor genau vierzehn Tagen eine mich
    betreffende Nachricht in der Zeitung gelesen, was sie auch be-
    stätigte (1902).

    Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer Selbst-
    bestrafung, der Reue wegen der Ohrfeige, die sie damals Herrn K.
    gegeben, und der daraus auf mich bezogenen Racheübertragung.
    Welche Art Hilfe sie von mir verlangen wollte, weiß ich nicht,
    aber ich versprach, ihr zu verzeihen, daß sie mich um die Be-
    friedigung gebracht, sie weit gründlicher von ihrem Leiden zu
    befreien.

    Es sind wiederum Jahre seit dem Besuche bei mir vergangen.
    Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar mit jenem
    jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, den die
    Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten Traumes erwähnten.
    Wie der erste Traum die Abwendung vom geliebten Manne zum
    Vater, also die Flucht aus dem Leben in die Krankheit bezeichnete,
    so verkündete ja dieser zweite Traum, daß sie sich vom Vater
    losreißen werde und dem Leben wiedergewonnen sei.


    1)Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung zum Thema der
    Rache in der Analyse des zweiten Traumes.