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sammentreffen. Ich bin aber doch nicht in der Lage, die erste der
hier gestellten Fragen für meinen Fall befriedigend zu beantworten.
Der Psychoanalytiker pflegt sich ja eine eingehende körperliche
Untersuchung seiner Patienten in bestimmten Fällen zu versagen.
Eine auffällige Abweichung vom körperlichen Typus des Weibes
bestand jedenfalls nicht, auch keine menstruale Störung. Wenn das
schöne und wohlgebildete Mädchen den hohen Wuchs des Vaters
und eher scharfe als mädchenhaft weiche Gesichtszüge zeigte, so
mag man darin Andeutungen einer somatischen Männlichkeit er-
blicken. Auf männliches Wesen konnte man auch einige ihrer in-
tellektuellen Eigenschaften beziehen, so die Schärfe ihres Verständ-
nisses und die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit sie nicht
unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft stand. Doch sind diese
Unterscheidungen eher konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu ihrem Liebes-
objekt durchaus den männlichen Typus angenommen hatte, also die
Demut und großartige Sexualüberschätzung des liebenden Mannes
zeigte, den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung, die Bevor-
zugung des Liebens vor dem Geliebtwerden. Sie hatte also nicht
nur ein weibliches Objekt gewählt, sondern auch eine männliche
Einstellung zu ihm gewonnen.Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen oder einer
erworbenen Homosexualität entsprach, soll durch die ganze Ent-
wicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet werden. Dabei wird
sich ergeben, inwieweit diese Fragestellung selbst unfruchtbar und
unangemessen ist.II.
Auf eine so weitschweifige Einleitung kann ich nun eine ganz
knappe und übersichtliche Darstellung der Libidogeschichte dieses
Falles folgen lassen. Das Mädchen hatte in den Kinderjahren die
normale Einstellung des weiblichen Ödipuskomplexes 1) in wenig auf-
fälliger Weise durchgemacht, später auch begonnen, den Vater durch
den um wenig älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen in
früher Jugend wurden weder erinnert noch durch die Analyse auf-
gedeckt. Die Vergleichung der Genitalien des Bruders mit den
eigenen, die etwa zu Beginn der Latenzzeit (zu fünf Jahren oder
etwas früher) vorfiel, hinterließ ihr einen starken Eindruck und war
in ihren Nachwirkungen weit zu verfolgen. Auf frühinfantile Ona-
nie deutete sehr wenig, oder die Analyse kam nicht so weit, um
1)Ich sehe in der Einführung des Terminus „Elektrakomplex“ keinen Fort-
schritt oder Vorteil und möchte denselben nicht befürworten.S.
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diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt eines zweiten Bruders, als
sie zwischen fünf und sechs Jahren alt war, äußerte keinen beson-
deren Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul- und Vorpubertäts-
jahren wurde sie allmählich mit den Tatsachen des Sexuallebens
bekannt und empfing dieselben mit dem normal zu nennenden, auch
im Ausmaß nicht übertriebenen Gemenge von Lüsternheit und er-
schreckter Ablehnung. Alle diese Auskünfte erscheinen recht mager,
ich kann auch nicht dafür einstehen, daß sie vollständig sind. Viel- leicht war die Jugendgeschichte doch weit reichhaltiger; ich weiß
es nicht. Die Analyse brach, wie gesagt, nach kurzer Zeit ab und
lieferte darum eine Anamnese, die nicht viel verläßlicher ist als die
anderen, mit gutem Recht beanstandeten Anamnesen von Homo- sexuellen. Das Mädchen war auch niemals neurotisch gewesen, brachte
nicht ein hysterisches Symptom in die Analyse mit, so daß sich
die Anlässe zur Durchforschung ihrer Kindergeschichte nicht so bald
ergeben konnten.Mit 13 und 14 Jahren zeigte sie eine, nach dem Urteil Aller
übertrieben starke, zärtliche Vorliebe für einen kleinen, noch nicht
dreijährigen Jungen, den sie in einem Kinderpark regelmäßig sehen
konnte. Sie nahm sich des Kindes so herzlich an, daß daraus eine
langdauernde freundschaftliche Beziehung zu den Eltern des Kleinen
entstand. Man darf aus diesem Vorfall schließen, daß sie damals
von einem starken Wunsche, selbst Mutter zu sein und ein Kind
zu haben, beherrscht war. Aber kurze Zeit nachher wurde ihr der
Knabe gleichgültig, und sie begann ein Interesse für reife, doch
noch jugendliche Frauen zu zeigen, dessen Äußerungen ihr bald eine
empfindliche Züchtigung von seiten des Vaters zuzogen.Es wurde über jeden Zweifel sichergestellt, daß diese Wand-
lung zeitlich mit einem Ereignis in der Familie zusammenfällt, von
dem wir demnach die Aufklärung der Wandlung erwarten dürfen.
Vorher war ihre Libido auf Mütterlichkeit eingestellt gewesen, nach- her war sie eine in reifere Frauen verliebte Homosexuelle, was sie
seither geblieben ist. Dies für unser Verständnis so bedeutsame Er- eignis war eine neue Gravidität der Mutter und die Geburt eines
dritten Bruders, als sie etwa 16 Jahre alt war.Der Zusammenhang, den ich nun im folgenden aufdecken werde,
ist kein Produkt meiner Kombinationsgabe; er ist mir durch so ver-
trauenswürdiges analytisches Material nahegelegt worden, daß ich
objektive Sicherheit für ihn beanspruchen kann. Insbesondere hat
eine Reihe von ineinander greifenden, leicht deutbaren Träumen für
ihn entschieden.Die Analyse ließ unzweideutig erkennen, daß die geliebte Dame
ein Ersatz für die – Mutter war. Nun war diese selbst allerdingsS.
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keine Mutter, aber sie war auch nicht die erste Liebe des Mädchens
gewesen. Die ersten Objekte ihrer Neigung seit der Geburt des
letzten Bruders waren wirklich Mütter, Frauen zwischen 30 und 35
Jahren, die sie mit ihren Kindern in der Sommerfrische oder im
Familienverkehr der Großstadt kennen lernte. Die Bedingung der
Mütterlichkeit wurde später fallen gelassen, weil sie sich mit einer
anderen, die immer gewichtiger wurde, in der Realität nicht gut
vertrug. Die besonders intensive Bindung an die letzte Geliebte, die
„Dame“, hatte noch einen anderen Grund, den das Mädchen eines
Tages ohne Mühe auffand. Sie wurde durch die schlanke Erschei-
nung, die strenge Schönheit und das rauhe Wesen der Dame an ihren
eigenen, etwas älteren Bruder gemahnt. Das endlich gewählte Objekt
entsprach also nicht nur ihrem Frauen-, sondern auch ihrem Männer-
ideal, es vereinigte die Befriedigung der homosexuellen Wunsch-
richtung mit jener der heterosexuellen. Bekanntlich hat die Analyse
männlicher Homosexueller in zahlreichen Fällen das nämliche
Zusammentreffen gezeigt, ein Wink, sich Wesen und Entstehung
der Inversion nicht allzu einfach vorzustellen und die durch
gängige Bisexualität des Menschen nicht aus dem Auge zu ver-
lieren1).Wie soll man es aber verstehen, daß das Mädchen gerade durch
die Geburt eines späten Kindes, als sie selbst schon reif geworden
war und eigene starke Wünsche hatte, bewogen wurde, ihre leiden-
schaftliche Zärtlichkeit der Gebärerin dieses Kindes, ihrer eigenen
Mutter, zuzuwenden und an einer Vertreterin der Mutter zum Aus-
druck zu bringen? Nach allem, was man sonst weiß, hätte man das
Gegenteil erwarten sollen. Die Mütter pflegen sich unter solchen
Umständen vor ihren beinahe heiratsfähigen Töchtern zu genieren,
die Töchter haben für die Mutter ein aus Mitleid, Verachtung und
Neid gemischtes Gefühl bereit, das nichts dazu beiträgt, die Zärtlich-
keit für die Mutter zu steigern. Das Mädchen unserer Beobachtung
hatte überhaupt wenig Grund, für ihre Mutter zärtlich zu empfinden.
Der selbst noch jugendlichen Frau war diese rasch erblühte Tochter
eine unbequeme Konkurrentin, sie setzte sie hinter den Knaben zu-
rück, schränkte ihre Selbständigkeit möglichst ein und wachte be-
sonders eifrig darüber, daß sie dem Vater ferne blieb. Ein Bedürfnis
nach einer liebenswürdigeren Mutter mag also bei dem Mädchen von
jeher gerechtfertigt gewesen sein; warum es aber damals und in
Gestalt einer verzehrenden Leidenschaft aufflackerte, ist nicht be-
greiflich.
1)Vgl. J. Sadger, Jahresbericht über sexuelle Perversionen. Jahrbuch
der Psychoanalyse, VI, 1914 und a. a. O.S.
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Die Erklärung ist die folgende: Das Mädchen befand sich in der
Phase der Pubertätsauffrischung des infantilen Ödipuskomplexes, als
die Enttäuschung über sie kam. Hell bewußt wurde ihr der Wunsch,
ein Kind zu haben, und zwar ein männliches; daß es ein Kind vom
Vater und dessen Ebenbild sein sollte, durfte ihr Bewußtes nicht
erfahren. Aber da geschah es, daß nicht sie das Kind bekam, son-
dern die im Unbewußten gehaßte Konkurrentin, die Mutter. Empört
und erbittert wendete sie sich vom Vater, ja vom Manne überhaupt
ab. Nach diesem ersten großen Mißerfolg verwarf sie ihre Weib- lichkeit und strebte nach einer anderen Unterbringung ihrer Libido.Sie benahm sich dabei ganz ähnlich wie viele Männer, die nach
einer ersten peinlichen Erfahrung dauernd mit dem treulosen Ge-
schlecht der Frauen zerfallen und Weiberfeinde werden. Von einer
der anziehendsten und unglücklichsten fürstlichen Persönlichkeiten
unserer Lebenszeit wird erzählt, daß er darum homosexuell geworden,
weil ihn die verlobte Braut mit einem fremden Gesellen hinter-
gangen hatte. Ich weiß nicht, ob dies historische Wahrheit ist,
aber ein Stück psychologischer Wahrheit steckt hinter diesem Ge-
rücht. Unser aller Libido schwankt normalerweise lebenslang zwi-
schen dem männlichen und dem weiblichen Objekt; der Junggeselle
gibt seine Freundschaften auf, wenn er heiratet, und kehrt zum Stamm-
tisch zurück, wenn seine Ehe schal geworden ist. Freilich, wo die
Schwankung so gründlich und so endgültig ist, da richtet sich unsere
Vermutung auf ein besonderes Moment, welches die eine oder die
andere Seite entscheidend begünstigt, vielleicht nur auf den geeig-
neten Zeitpunkt gewartet hat, um die Objektwahl nach seinem Sinne
durchzusetzen.Unser Mädchen hatte also nach jener Enttäuschung den Wunsch
nach dem Kinde, die Liebe zum Manne und die weibliche Rolle über-
haupt von sich gewiesen. Und nun hätte offenbar sehr Verschieden-
artiges geschehen können; was wirklich geschah, war das Extremste.
Sie wandelte sich zum Manne um und nahm die Mutter an Stelle
des Vaters zum Liebesobjekt 1). Ihre Beziehung zur Mutter war
sicherlich von Anfang an ambivalent gewesen, es gelang leicht, die
frühere Liebe zur Mutter wiederzubeleben und mit ihrer Hilfe die
gegenwärtige Feindseligkeit gegen die Mutter zur Überkompensation
zu bringen. Da mit der realen Mutter wenig anzufangen war, ergab
sich aus der geschilderten Gefühlsumsetzung das Suchen nach einem
1)Es ist gar nicht so selten, daß man eine Liebesbeziehung dadurch ab-
bricht, daß man sich selbst mit dem Objekt derselben identifiziert, was einer
Art von Regression zum Narzißmus entspricht. Nachdem dies erfolgt ist, kann
man bei neuerlicher Objektwahl leicht das dem früheren entgegengesetzte Ge-
schlecht mit seiner Libido besetzen.S.
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Mutterersatz, an dem man mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen
konnte 1).Ein praktisches Motiv aus ihren realen Beziehungen zur Mutter
kam als „Krankheitsgewinn“ noch hinzu. Die Mutter legte selbst noch
Wert darauf, von Männern hofiert und gefeiert zu werden. Wenn
sie also homosexuell wurde, der Mutter die Männer überließ, ihr
sozusagen „auswich“, räumte sie etwas aus dem Wege, was bisher
an der Mißgunst der Mutter Schuld getragen hatte 2).Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun gefestigt, als
das Mädchen merkte, wie unangenehm sie dem Vater war. Seit jener
ersten Züchtigung wegen einer allzu zärtlichen Annäherung an eine
Frau wußte sie, womit sie den Vater kränken, und wie sie sich an
1)Die hier beschriebenen Verschiebungen der Libido sind gewiß jedem
Analytiker aus der Erforschung der Anamnesen von Neurotikern bekannt. Nur
fallen sie bei diesen letzteren im zarten Kindesalter, zur Zeit der Frühblüte des
Liebeslebens vor, bei unserem ganz und gar nicht neurotischen Mädchen voll
ziehen sie sich in den ersten Jahren nach der Pubertät, übrigens gleichfalls
völlig unbewußt. Ob dieses zeitliche Moment sich nicht einstmals als sehr
bedeutsam herausstellen wird?2)Da ein solches Ausweichen bisher unter den Ursachen der Homosexualität
wie im Mechanismus der Libidofixierung überhaupt keine Erwähnung gefunden
hat, will ich eine ähnliche analytische Beobachtung hier anschließen, die durch
einen besonderen Umstand interessant ist. Ich habe einst zwei Zwillingsbrüder
kennen gelernt, die beide mit starken libidinösen Impulsen begabt waren. Der
eine von ihnen hatte viel Glück bei Frauen und ließ sich in ungezählte Ver-
hältnisse mit Frauen und Mädchen ein. Der andere war zuerst auf demselben
Wege, aber dann wurde es ihm unangenehm, dem Bruder ins Gehege zu kommen,
infolge seiner Ähnlichkeit bei intimen Anlässen mit ihm verwechselt zu werden,
und er half sich dadurch, daß er homosexuell wurde. Er überließ dem Bruder
die Frauen und war ihm so „ausgewichen“. Ein Andermal behandelte ich einen
jüngeren Mann, Künstler und unverkennbar bisexuell angelegt, bei dem sich
die Homosexualität gleichzeitig mit einer Arbeitsstörung durchgesetzt hatte. Er
floh in einem die Frauen und sein Werk. Die Analyse, die ihn zu beiden
zurückführen konnte, wies die Scheu vor dem Vater als das mächtigste psychische
Motiv für beide Störungen, eigentlich Entsagungen, nach. In seiner Vorstel-
lung gehörten alle Frauen dem Vater, und er flüchtete zu den Männern aus Er-
gebenheit, um dem Konflikt mit dem Vater auszuweichen. Solche Motivierung
der homosexuellen Objektwahl muß sich häufiger finden lassen; in den Ur-
zeiten des Menschengeschlechtes war es wohl so, daß alle Frauen dem Vater und
der Urhorde gehörten. – Bei Geschwistern, die nicht Zwillinge sind,
spielt solches Ausweichen auch auf anderen Gebieten als dem der Liebeswahl
eine große Rolle. Der ältere Bruder pflegt z. B. Musik und findet dafür An-
erkennung, der jüngere, musikalisch weit begabter, bricht trotz seiner Sehn-
sucht danach das Musikstudium bald ab und ist nicht mehr zu bewegen, ein
Instrument zu berühren. Es ist dies ein einzelnes Beispiel für ein sehr häufiges
Vorkommen, und die Untersuchung der Motive, die zum Ausweichen anstatt
zur Aufnahme der Konkurrenz führen, deckt sehr komplizierte psychische Be-
dingungen auf.S.
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ihm rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell aus Trotz gegen den
Vater. Sie machte sich auch kein Gewissen daraus, ihn auf jede
Weise zu hintergehen und zu belügen. Gegen die Mutter war sie
ja nur so weit unaufrichtig, als es nötig war, damit der Vater nichts
erfahre. Ich hatte den Eindruck, daß sie nach dem Grundsatz der
Talion handelte: Hast du mich betrogen, so mußt du es dir gefallen
lassen, daß ich auch dich betrüge. Auch die auffälligen Unvor-
sichtigkeiten des sonst raffiniert klugen Mädchens kann ich nicht
anders beurteilen. Der Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Um-
gang mit der Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung,
die ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, indem
sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen nahe
dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging u. dgl. Auch diese
Ungeschicklichkeiten geschahen nicht absichtslos. Es ist übrigens
merkwürdig, daß beide Eltern sich so benahmen, als ob sie die
geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden. Die Mutter zeigte
sich tolerant, als ob sie das Ausweichen der Tochter als Gefällig-
keit würdigte, der Vater raste, als fühlte er die gegen seine Person
gerichtete Racheabsicht.Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des Mädchens,
als sie in der „Dame“ auf ein Objekt stieß, welches gleichzeitig dem
noch am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido Be-
friedigung bot.III.
Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur Beschreibung der
verschlungenen und in verschiedenen seelischen Schichten ablaufen-
den seelischen Vorgänge. Ich bin genötigt, in der Diskussion des
Falles innezuhalten und einiges von dem Mitgeteilten zu erweitern
und zu vertiefen.Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem Verhältnis zur
verehrten Dame den männlichen Typus der Liebe annahm. Ihre
Demut und zärtliche Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla
chiede“, die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame ein Stück
weit zu begleiten und ihr beim Abschied die Hand zu küssen, die
Freude, wenn sie sie als schön rühmen hörte, während die Anerken-
nung ihrer eigenen Schönheit von fremder Seite ihr gar nichts be-
deutete, ihre Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte sich
vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen aller weiter rei-
chenden sinnlichen Wünsche: alle diese kleinen Züge entsprachen
etwa der ersten schwärmerischen Leidenschaft eines Jünglings für
eine gefeierte Künstlerin, die er hoch über sich stehend glaubt, und
zu der er seinen Blick nur schüchtern zu erheben wagt. Die Über-
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