• S.

    8

    sammentreffen. Ich bin aber doch nicht in der Lage, die erste der
    hier gestellten Fragen für meinen Fall befriedigend zu beantworten.
    Der Psychoanalytiker pflegt sich ja eine eingehende körperliche
    Untersuchung seiner Patienten in bestimmten Fällen zu versagen.
    Eine auffällige Abweichung vom körperlichen Typus des Weibes
    bestand jedenfalls nicht, auch keine menstruale Störung. Wenn das
    schöne und wohlgebildete Mädchen den hohen Wuchs des Vaters
    und eher scharfe als mädchenhaft weiche Gesichtszüge zeigte, so
    mag man darin Andeutungen einer somatischen Männlichkeit er-
    blicken. Auf männliches Wesen konnte man auch einige ihrer in-
    tellektuellen Eigenschaften beziehen, so die Schärfe ihres Verständ-
    nisses und die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit sie nicht
    unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft stand. Doch sind diese
    Unterscheidungen eher konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
    Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu ihrem Liebes-
    objekt durchaus den männlichen Typus angenommen hatte, also die
    Demut und großartige Sexualüberschätzung des liebenden Mannes
    zeigte, den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung, die Bevor-
    zugung des Liebens vor dem Geliebtwerden. Sie hatte also nicht
    nur ein weibliches Objekt gewählt, sondern auch eine männliche
    Einstellung zu ihm gewonnen.

    Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen oder einer
    erworbenen Homosexualität entsprach, soll durch die ganze Ent-
    wicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet werden. Dabei wird
    sich ergeben, inwieweit diese Fragestellung selbst unfruchtbar und
    unangemessen ist.

    II.

    Auf eine so weitschweifige Einleitung kann ich nun eine ganz
    knappe und übersichtliche Darstellung der Libidogeschichte dieses
    Falles folgen lassen. Das Mädchen hatte in den Kinderjahren die
    normale Einstellung des weiblichen Ödipuskomplexes 1) in wenig auf-
    fälliger Weise durchgemacht, später auch begonnen, den Vater durch
    den um wenig älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen in
    früher Jugend wurden weder erinnert noch durch die Analyse auf-
    gedeckt. Die Vergleichung der Genitalien des Bruders mit den
    eigenen, die etwa zu Beginn der Latenzzeit (zu fünf Jahren oder
    etwas früher) vorfiel, hinterließ ihr einen starken Eindruck und war
    in ihren Nachwirkungen weit zu verfolgen. Auf frühinfantile Ona-
    nie deutete sehr wenig, oder die Analyse kam nicht so weit, um
     


    1)Ich sehe in der Einführung des Terminus „Elektrakomplex“ keinen Fort-
    schritt oder Vorteil und möchte denselben nicht befürworten.

  • S.

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    diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt eines zweiten Bruders, als
    sie zwischen fünf und sechs Jahren alt war, äußerte keinen beson-
    deren Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul- und Vorpubertäts-
    jahren wurde sie allmählich mit den Tatsachen des Sexuallebens
    bekannt und empfing dieselben mit dem normal zu nennenden, auch
    im Ausmaß nicht übertriebenen Gemenge von Lüsternheit und er-
    schreckter Ablehnung. Alle diese Auskünfte erscheinen recht mager,
    ich kann auch nicht dafür einstehen, daß sie vollständig sind. Viel- leicht war die Jugendgeschichte doch weit reichhaltiger; ich weiß
    es nicht. Die Analyse brach, wie gesagt, nach kurzer Zeit ab und
    lieferte darum eine Anamnese, die nicht viel verläßlicher ist als die
    anderen, mit gutem Recht beanstandeten Anamnesen von Homo- sexuellen. Das Mädchen war auch niemals neurotisch gewesen, brachte
    nicht ein hysterisches Symptom in die Analyse mit, so daß sich
    die Anlässe zur Durchforschung ihrer Kindergeschichte nicht so bald
    ergeben konnten.

    Mit 13 und 14 Jahren zeigte sie eine, nach dem Urteil Aller
    übertrieben starke, zärtliche Vorliebe für einen kleinen, noch nicht
    dreijährigen Jungen, den sie in einem Kinderpark regelmäßig sehen
    konnte. Sie nahm sich des Kindes so herzlich an, daß daraus eine
    langdauernde freundschaftliche Beziehung zu den Eltern des Kleinen
    entstand. Man darf aus diesem Vorfall schließen, daß sie damals
    von einem starken Wunsche, selbst Mutter zu sein und ein Kind
    zu haben, beherrscht war. Aber kurze Zeit nachher wurde ihr der
    Knabe gleichgültig, und sie begann ein Interesse für reife, doch
    noch jugendliche Frauen zu zeigen, dessen Äußerungen ihr bald eine
    empfindliche Züchtigung von seiten des Vaters zuzogen.

    Es wurde über jeden Zweifel sichergestellt, daß diese Wand-
    lung zeitlich mit einem Ereignis in der Familie zusammenfällt, von
    dem wir demnach die Aufklärung der Wandlung erwarten dürfen.
    Vorher war ihre Libido auf Mütterlichkeit eingestellt gewesen, nach- her war sie eine in reifere Frauen verliebte Homosexuelle, was sie
    seither geblieben ist. Dies für unser Verständnis so bedeutsame Er- eignis war eine neue Gravidität der Mutter und die Geburt eines
    dritten Bruders, als sie etwa 16 Jahre alt war.

    Der Zusammenhang, den ich nun im folgenden aufdecken werde,
    ist kein Produkt meiner Kombinationsgabe; er ist mir durch so ver-
    trauenswürdiges analytisches Material nahegelegt worden, daß ich
    objektive Sicherheit für ihn beanspruchen kann. Insbesondere hat
    eine Reihe von ineinander greifenden, leicht deutbaren Träumen für
    ihn entschieden.

    Die Analyse ließ unzweideutig erkennen, daß die geliebte Dame
    ein Ersatz für die – Mutter war. Nun war diese selbst allerdings

  • S.

    10

    keine Mutter, aber sie war auch nicht die erste Liebe des Mädchens
    gewesen. Die ersten Objekte ihrer Neigung seit der Geburt des
    letzten Bruders waren wirklich Mütter, Frauen zwischen 30 und 35
    Jahren, die sie mit ihren Kindern in der Sommerfrische oder im
    Familienverkehr der Großstadt kennen lernte. Die Bedingung der
    Mütterlichkeit wurde später fallen gelassen, weil sie sich mit einer
    anderen, die immer gewichtiger wurde, in der Realität nicht gut
    vertrug. Die besonders intensive Bindung an die letzte Geliebte, die
    „Dame“, hatte noch einen anderen Grund, den das Mädchen eines
    Tages ohne Mühe auffand. Sie wurde durch die schlanke Erschei-
    nung, die strenge Schönheit und das rauhe Wesen der Dame an ihren
    eigenen, etwas älteren Bruder gemahnt. Das endlich gewählte Objekt
    entsprach also nicht nur ihrem Frauen-, sondern auch ihrem Männer-
    ideal, es vereinigte die Befriedigung der homosexuellen Wunsch-
    richtung mit jener der heterosexuellen. Bekanntlich hat die Analyse
    männlicher Homosexueller in zahlreichen Fällen das nämliche
    Zusammentreffen gezeigt, ein Wink, sich Wesen und Entstehung
    der Inversion nicht allzu einfach vorzustellen und die durch
    gängige Bisexualität des Menschen nicht aus dem Auge zu ver-
    lieren1).

    Wie soll man es aber verstehen, daß das Mädchen gerade durch
    die Geburt eines späten Kindes, als sie selbst schon reif geworden
    war und eigene starke Wünsche hatte, bewogen wurde, ihre leiden-
    schaftliche Zärtlichkeit der Gebärerin dieses Kindes, ihrer eigenen
    Mutter, zuzuwenden und an einer Vertreterin der Mutter zum Aus-
    druck zu bringen? Nach allem, was man sonst weiß, hätte man das
    Gegenteil erwarten sollen. Die Mütter pflegen sich unter solchen
    Umständen vor ihren beinahe heiratsfähigen Töchtern zu genieren,
    die Töchter haben für die Mutter ein aus Mitleid, Verachtung und
    Neid gemischtes Gefühl bereit, das nichts dazu beiträgt, die Zärtlich-
    keit für die Mutter zu steigern. Das Mädchen unserer Beobachtung
    hatte überhaupt wenig Grund, für ihre Mutter zärtlich zu empfinden.
    Der selbst noch jugendlichen Frau war diese rasch erblühte Tochter
    eine unbequeme Konkurrentin, sie setzte sie hinter den Knaben zu-
    rück, schränkte ihre Selbständigkeit möglichst ein und wachte be-
    sonders eifrig darüber, daß sie dem Vater ferne blieb. Ein Bedürfnis
    nach einer liebenswürdigeren Mutter mag also bei dem Mädchen von
    jeher gerechtfertigt gewesen sein; warum es aber damals und in
    Gestalt einer verzehrenden Leidenschaft aufflackerte, ist nicht be-
    greiflich.


    1)Vgl. J. Sadger, Jahresbericht über sexuelle Perversionen. Jahrbuch
    der Psychoanalyse, VI, 1914 und a. a. O.

  • S.

    11

    Die Erklärung ist die folgende: Das Mädchen befand sich in der
    Phase der Pubertätsauffrischung des infantilen Ödipuskomplexes, als
    die Enttäuschung über sie kam. Hell bewußt wurde ihr der Wunsch,
    ein Kind zu haben, und zwar ein männliches; daß es ein Kind vom
    Vater und dessen Ebenbild sein sollte, durfte ihr Bewußtes nicht
    erfahren. Aber da geschah es, daß nicht sie das Kind bekam, son-
    dern die im Unbewußten gehaßte Konkurrentin, die Mutter. Empört
    und erbittert wendete sie sich vom Vater, ja vom Manne überhaupt
    ab. Nach diesem ersten großen Mißerfolg verwarf sie ihre Weib- lichkeit und strebte nach einer anderen Unterbringung ihrer Libido.

    Sie benahm sich dabei ganz ähnlich wie viele Männer, die nach
    einer ersten peinlichen Erfahrung dauernd mit dem treulosen Ge-
    schlecht der Frauen zerfallen und Weiberfeinde werden. Von einer
    der anziehendsten und unglücklichsten fürstlichen Persönlichkeiten
    unserer Lebenszeit wird erzählt, daß er darum homosexuell geworden,
    weil ihn die verlobte Braut mit einem fremden Gesellen hinter-
    gangen hatte. Ich weiß nicht, ob dies historische Wahrheit ist,
    aber ein Stück psychologischer Wahrheit steckt hinter diesem Ge-
    rücht. Unser aller Libido schwankt normalerweise lebenslang zwi-
    schen dem männlichen und dem weiblichen Objekt; der Junggeselle
    gibt seine Freundschaften auf, wenn er heiratet, und kehrt zum Stamm-
    tisch zurück, wenn seine Ehe schal geworden ist. Freilich, wo die
    Schwankung so gründlich und so endgültig ist, da richtet sich unsere
    Vermutung auf ein besonderes Moment, welches die eine oder die
    andere Seite entscheidend begünstigt, vielleicht nur auf den geeig-
    neten Zeitpunkt gewartet hat, um die Objektwahl nach seinem Sinne
    durchzusetzen.

    Unser Mädchen hatte also nach jener Enttäuschung den Wunsch
    nach dem Kinde, die Liebe zum Manne und die weibliche Rolle über-
    haupt von sich gewiesen. Und nun hätte offenbar sehr Verschieden-
    artiges geschehen können; was wirklich geschah, war das Extremste.
    Sie wandelte sich zum Manne um und nahm die Mutter an Stelle
    des Vaters zum Liebesobjekt 1). Ihre Beziehung zur Mutter war
    sicherlich von Anfang an ambivalent gewesen, es gelang leicht, die
    frühere Liebe zur Mutter wiederzubeleben und mit ihrer Hilfe die
    gegenwärtige Feindseligkeit gegen die Mutter zur Überkompensation
    zu bringen. Da mit der realen Mutter wenig anzufangen war, ergab
    sich aus der geschilderten Gefühlsumsetzung das Suchen nach einem


    1)Es ist gar nicht so selten, daß man eine Liebesbeziehung dadurch ab-
    bricht, daß man sich selbst mit dem Objekt derselben identifiziert, was einer
    Art von Regression zum Narzißmus entspricht. Nachdem dies erfolgt ist, kann
    man bei neuerlicher Objektwahl leicht das dem früheren entgegengesetzte Ge-
    schlecht mit seiner Libido besetzen.

  • S.

    12

    Mutterersatz, an dem man mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen
    konnte 1).

    Ein praktisches Motiv aus ihren realen Beziehungen zur Mutter
    kam als „Krankheitsgewinn“ noch hinzu. Die Mutter legte selbst noch
    Wert darauf, von Männern hofiert und gefeiert zu werden. Wenn
    sie also homosexuell wurde, der Mutter die Männer überließ, ihr
    sozusagen „auswich“, räumte sie etwas aus dem Wege, was bisher
    an der Mißgunst der Mutter Schuld getragen hatte 2).

    Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun gefestigt, als
    das Mädchen merkte, wie unangenehm sie dem Vater war. Seit jener
    ersten Züchtigung wegen einer allzu zärtlichen Annäherung an eine
    Frau wußte sie, womit sie den Vater kränken, und wie sie sich an
     

    1)Die hier beschriebenen Verschiebungen der Libido sind gewiß jedem
    Analytiker aus der Erforschung der Anamnesen von Neurotikern bekannt. Nur
    fallen sie bei diesen letzteren im zarten Kindesalter, zur Zeit der Frühblüte des
    Liebeslebens vor, bei unserem ganz und gar nicht neurotischen Mädchen voll
    ziehen sie sich in den ersten Jahren nach der Pubertät, übrigens gleichfalls
    völlig unbewußt. Ob dieses zeitliche Moment sich nicht einstmals als sehr
    bedeutsam herausstellen wird?

    2)Da ein solches Ausweichen bisher unter den Ursachen der Homosexualität
    wie im Mechanismus der Libidofixierung überhaupt keine Erwähnung gefunden
    hat, will ich eine ähnliche analytische Beobachtung hier anschließen, die durch
    einen besonderen Umstand interessant ist. Ich habe einst zwei Zwillingsbrüder
    kennen gelernt, die beide mit starken libidinösen Impulsen begabt waren. Der
    eine von ihnen hatte viel Glück bei Frauen und ließ sich in ungezählte Ver-
    hältnisse mit Frauen und Mädchen ein. Der andere war zuerst auf demselben
    Wege, aber dann wurde es ihm unangenehm, dem Bruder ins Gehege zu kommen,
    infolge seiner Ähnlichkeit bei intimen Anlässen mit ihm verwechselt zu werden,
    und er half sich dadurch, daß er homosexuell wurde. Er überließ dem Bruder
    die Frauen und war ihm so „ausgewichen“. Ein Andermal behandelte ich einen
    jüngeren Mann, Künstler und unverkennbar bisexuell angelegt, bei dem sich
    die Homosexualität gleichzeitig mit einer Arbeitsstörung durchgesetzt hatte. Er
    floh in einem die Frauen und sein Werk. Die Analyse, die ihn zu beiden
    zurückführen konnte, wies die Scheu vor dem Vater als das mächtigste psychische
    Motiv für beide Störungen, eigentlich Entsagungen, nach. In seiner Vorstel-
    lung gehörten alle Frauen dem Vater, und er flüchtete zu den Männern aus Er-
    gebenheit, um dem Konflikt mit dem Vater auszuweichen. Solche Motivierung
    der homosexuellen Objektwahl muß sich häufiger finden lassen; in den Ur-
    zeiten des Menschengeschlechtes war es wohl so, daß alle Frauen dem Vater und
    der Urhorde gehörten. – Bei Geschwistern, die nicht Zwillinge sind,
    spielt solches Ausweichen auch auf anderen Gebieten als dem der Liebeswahl
    eine große Rolle. Der ältere Bruder pflegt z. B. Musik und findet dafür An-
    erkennung, der jüngere, musikalisch weit begabter, bricht trotz seiner Sehn-
    sucht danach das Musikstudium bald ab und ist nicht mehr zu bewegen, ein
    Instrument zu berühren. Es ist dies ein einzelnes Beispiel für ein sehr häufiges
    Vorkommen, und die Untersuchung der Motive, die zum Ausweichen anstatt
    zur Aufnahme der Konkurrenz führen, deckt sehr komplizierte psychische Be-
    dingungen auf.

  • S.

    13

    ihm rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell aus Trotz gegen den
    Vater. Sie machte sich auch kein Gewissen daraus, ihn auf jede
    Weise zu hintergehen und zu belügen. Gegen die Mutter war sie
    ja nur so weit unaufrichtig, als es nötig war, damit der Vater nichts
    erfahre. Ich hatte den Eindruck, daß sie nach dem Grundsatz der
    Talion handelte: Hast du mich betrogen, so mußt du es dir gefallen
    lassen, daß ich auch dich betrüge. Auch die auffälligen Unvor-
    sichtigkeiten des sonst raffiniert klugen Mädchens kann ich nicht
    anders beurteilen. Der Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Um-
    gang mit der Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung,
    die ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, indem
    sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen nahe
    dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging u. dgl. Auch diese
    Ungeschicklichkeiten geschahen nicht absichtslos. Es ist übrigens
    merkwürdig, daß beide Eltern sich so benahmen, als ob sie die
    geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden. Die Mutter zeigte
    sich tolerant, als ob sie das Ausweichen der Tochter als Gefällig-
    keit würdigte, der Vater raste, als fühlte er die gegen seine Person
    gerichtete Racheabsicht.

    Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des Mädchens,
    als sie in der „Dame“ auf ein Objekt stieß, welches gleichzeitig dem
    noch am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido Be-
    friedigung bot.

    III.

    Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur Beschreibung der
    verschlungenen und in verschiedenen seelischen Schichten ablaufen-
    den seelischen Vorgänge. Ich bin genötigt, in der Diskussion des
    Falles innezuhalten und einiges von dem Mitgeteilten zu erweitern
    und zu vertiefen.

    Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem Verhältnis zur
    verehrten Dame den männlichen Typus der Liebe annahm. Ihre
    Demut und zärtliche Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla
    chiede“, die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame ein Stück
    weit zu begleiten und ihr beim Abschied die Hand zu küssen, die
    Freude, wenn sie sie als schön rühmen hörte, während die Anerken-
    nung ihrer eigenen Schönheit von fremder Seite ihr gar nichts be-
    deutete, ihre Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte sich
    vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen aller weiter rei-
    chenden sinnlichen Wünsche: alle diese kleinen Züge entsprachen
    etwa der ersten schwärmerischen Leidenschaft eines Jünglings für
    eine gefeierte Künstlerin, die er hoch über sich stehend glaubt, und
    zu der er seinen Blick nur schüchtern zu erheben wagt. Die Über-