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    Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität.

    Ich will die Gelegenheit nicht versäumen, auch einmal das Er-
    staunen darüber zu Worte kommen zu lassen, daß die Menschen so
    große und bedeutungsvolle Stücke ihres Liebeslebens durchmachen
    können, ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter, ohne das mindeste
    davon zu ahnen, oder daß sie, wenn es zu ihrem Bewußtsein kommt,
    sich mit dem Urteil so gründlich darüber täuschen. Das geschieht
    nicht nur unter den Bedingungen der Neurose, wo wir mit dem
    Phänomen vertraut sind, sondern scheint auch sonst recht gewöhnlich
    zu sein. In unserem Falle entwickelt ein Mädchen eine Schwärmerei
    für Frauen, die von den Eltern zuerst nur als ärgerlich empfunden,
    aber kaum ernst genommen wird; sie selbst weiß wohl, wie sehr sie
    davon in Anspruch genommen wird, fühlt aber doch nur wenig von
    den Sensationen einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer be-
    stimmten Versagung eine ganz exzessive Reaktion ergibt, die allen
    Teilen zeigt, daß man es mit einer verzehrenden Leidenschaft von
    elementarer Stärke zu tun hat. Von den Voraussetzungen, die für das
    Hervorbrechen eines solchen seelischen Sturmes erforderlich sind, hat
    auch das Mädchen niemals etwas bemerkt. Andere Male trifft man
    auf Mädchen oder Frauen in schweren Depressionen, die, nach der
    möglichen Verursachung ihres Zustandes befragt, die Auskunft geben,
    sie haben wohl ein gewisses Interesse für eine bestimmte Person ver-
    spürt, aber es sei ihnen nicht tief gegangen und sie seien sehr bald
    damit fertig geworden, nachdem es aufgegeben werden mußte. Und
    doch ist dieser anscheinend so leicht ertragene Verzicht die Ursache
    der schweren Störung geworden. Oder man hat es mit Männern zu
    tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen zu Frauen erledigt haben
    und erst aus den Folgeerscheinungen erfahren müssen, daß sie in das
    angeblich geringgeschätzte Objekt leidenschaftlich verliebt waren.
    Man erstaunt auch über die ungeahnten Wirkungen, die von einem
    künstlichen Abortus, der Tötung einer Leibesfrucht, ausgehen können,
    zu der man sich ohne Reue und Bedenken entschlossen hatte. Man
    sieht sich so genötigt, den Dichtern Recht zu geben, die uns mit
    Vorliebe Personen schildern, welche lieben ohne es zu wissen, oder
    die es nicht wissen, ob sie lieben, oder die zu hassen glauben, während
    sie lieben. Es scheint, daß gerade die Kunde, die unser Bewußtsein
    von unserem Liebesleben erhält, besonders leicht unvollständig,
    lückenhaft oder gefälscht sein kann. In diesen Erörterungen habe
    ich es natürlich nicht versäumt, den Anteil eines nachträglichen
    Vergessens in Abzug zu bringen.

    IV.

    Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Diskussion des Falles
    zurück. Wir haben uns einen Überblick über die Kräfte verschafft,

  • S.

    20

    welche die Libido des Mädchens aus der normalen Ödipuseinstellung
    in die der Homosexualität überführt haben, und über die psychischen
    Wege, die dabei beschritten worden sind. Obenan unter diesen be-
    wegenden Kräften stand der Eindruck der Geburt ihres kleinen Bru-
    ders, und somit ist uns nahegelegt, den Fall als einen von spät er-
    worbener Inversion zu klassifizieren.

    Allein hier werden wir auf ein Verhältnis aufmerksam, welches
    uns auch bei vielen anderen Beispielen von psychoanalytischer Auf-
    klärung eines seelischen Vorganges entgegentritt. Solange wir die
    Entwicklung von ihrem Endergebnis aus nach rückwärts verfolgen,
    stellt sich uns ein lückenloser Zusammenhang her, und wir halten
    unsere Einsicht für vollkommen befriedigend, vielleicht für erschöp-
    fend. Nehmen wir aber den umgekehrten Weg, gehen wir von den
    durch die Analyse gefundenen Voraussetzungen aus und suchen diese
    bis zum Resultat zu verfolgen, so kommt uns der Eindruck einer not-
    wendigen und auf keine andere Weise zu bestimmenden Verkettung
    ganz abhanden. Wir merken sofort, es hätte sich auch etwas anderes
    ergeben können, und dies andere Ergebnis hätten wir ebensogut ver-
    standen und aufklären können. Die Synthese ist also nicht so be-
    friedigend wie die Analyse; mit anderen Worten, wir wären nicht
    im stande, aus der Kenntnis der Voraussetzungen die Natur des
    Ergebnisses vorherzusagen.

    Es ist sehr leicht, diese betrübliche Erkenntnis auf ihre Ur-
    sachen zurückzuführen. Mögen uns auch die ätiologischen Faktoren,
    welche für einen bestimmten Erfolg maßgebend sind, vollständig be-
    kannt sein, wir kennen sie doch nur nach ihrer qualitativen Eigen-
    art und nicht nach ihrer relativen Stärke. Einige von ihnen werden
    als zu schwach von anderen unterdrückt werden und für das End-
    ergebnis nicht in Betracht kommen. Wir wissen aber niemals vorher,
    welche der bestimmenden Momente sich als die schwächeren oder
    stärkeren erweisen werden. Wir sagen nur am Ende, die sich durch-
    gesetzt haben, das waren die stärkeren. Somit ist die Verursachung
    in der Richtung der Analyse jedesmal sicher zu erkennen, deren Vor-
    hersage in der Richtung der Synthese aber unmöglich.

    Wir wollen also nicht behaupten, daß jedes Mädchen, dessen
    aus der Ödipuseinstellung der Pubertätsjahre herrührende Liebes-
    sehnsucht eine solche Enttäuschung erfährt, darum notwendigerweise
    der Homosexualität verfallen wird. Andersartige Reaktionen auf
    dies Trauma werden im Gegenteil häufiger sein. Dann müssen aber
    bei diesem Mädchen besondere Momente den Ausschlag gegeben haben,
    solche außerhalb des Traumas, wahrscheinlich innerer Natur. Es
    hat auch keine Schwierigkeit, sie aufzuzeigen.

  • S.

    21

    Bekanntlich braucht es auch beim Normalen eine gewisse Zeit,
    bis sich die Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts end-
    gültig durchgesetzt hat. Homosexuelle Schwärmereien, übermäßig
    starke, sinnlich betonte Freundschaften sind bei beiden Geschlechtern
    in den ersten Jahren nach der Pubertät recht gewöhnlich. So war
    es auch bei unserem Mädchen, aber diese Neigungen zeigten sich bei
    ihr unzweifelhaft stärker und hielten länger an als bei anderen.
    Dazu kommt, daß diese Vorboten der späteren Homosexualität immer
    ihr bewußtes Leben eingenommen hatten, während die dem Ödipus-
    komplex entspringende Einstellung unbewußt geblieben war und nur
    in solchen Anzeichen wie jene Verzärtelung des kleinen Knaben zum
    Vorschein kam. Als Schulmädchen war sie lange Zeit verliebt in
    eine unnahbar strenge Lehrerin, einen offenkundigen Mutterersatz.
    Ein besonders lebhaftes Interesse für manche jungmütterliche Frauen
    hatte sie lange vor der Geburt des Bruders und um so sicherer lange
    Zeit vor jener ersten Zurechtweisung durch den Vater gezeigt. Ihre
    Libido lief also von sehr früher Zeit her in zwei Strömungen, von
    denen die oberflächlichere unbedenklich eine homosexuelle genannt
    werden darf. Diese war wahrscheinlich die direkte, unverwandelte
    Fortsetzung einer infantilen Fixierung an die Mutter. Möglicherweise
    haben wir durch unsere Analyse auch nichts anderes aufgedeckt als
    den Prozeß, der bei einem geeigneten Anlaß auch die tiefere hetero-
    sexuelle Libidoströmung in die manifeste homosexuelle überführte.

    Ferner lehrte die Analyse, daß das Mädchen aus ihren Kinder-
    jahren einen stark betonten „Männlichkeitskomplex“ mitgebracht
    hatte. Lebhaft, rauflustig, durchaus nicht gewillt, hinter dem wenig
    älteren Bruder zurückzustehen, hatte sie seit jener Inspektion der
    Genitalien einen mächtigen Penisneid entwickelt, dessen Abkömmlinge
    immer noch ihr Denken erfüllten. Sie war eigentlich eine Frauen-
    rechtlerin, fand es ungerecht, daß die Mädchen nicht dieselben Frei-
    heiten genießen sollten wie die Burschen, und sträubte sich überhaupt
    gegen das Los der Frau. Zur Zeit der Analyse waren ihr Schwanger-
    schaft und Kindergebären unliebsame Vorstellungen, wie ich ver-
    mute, auch wegen der damit verbundenen körperlichen Entstellung.
    Auf diese Abwehr hatte sich ihr mädchenhafter Narzißmus zurück-
    gezogen 1), der sich nicht mehr als Stolz auf ihre Schönheit äußerte.
    Verschiedene Anzeichen wiesen auf eine ehemals sehr starke Schau-
    und Exhibitionslust hin. Wer das Recht der Erwerbung in der Ätio-
    logie nicht verkürzt sehen will, wird aufmerksam machen, daß das
    geschilderte Verhalten des Mädchens gerade so war, wie es durch
    die vereinte Wirkung der mütterlichen Zurücksetzung und der Ver-


    1)Vgl. Kriemhilds Bekenntnis im Nibelungenlied.

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    gleichung ihrer Genitalien mit denen des Bruders bei starker Mutter-
    fixierung bestimmt werden mußte. Auch hier besteht eine Möglich-
    keit, etwas auf Prägung durch frühzeitig wirksamen äußeren Ein-
    fluß zurückzuführen, was man gern als konstitutionelle Eigenart auf-
    gefaßt hätte. Und auch von dieser Erwerbung – wenn sie wirklich
    stattgefunden hat – wird ein Anteil auf Rechnung der mitgebrachten
    Konstitution zu setzen sein. So vermengt und vereinigt sich in
    der Beobachtung beständig, was wir in der Theorie zu einem Paar
    von Gegensätzen – Vererbung und Erwerbung – auseinanderlegen
    möchten.

    Hatte ein früherer, vorläufiger Abschluß der Analyse zum Aus-
    spruch geführt, es handle sich um einen Fall von später Erwerbung
    der Homosexualität, so drängt die jetzt vorgenommene Überprüfung
    des Materials vielmehr zum Schluß, es liege angeborene Homosexua-
    lität vor, die sich wie gewöhnlich erst in der Zeit nach der Pubertät
    fixiert und unverkennbar gezeigt habe. Jede dieser Klassifizierungen
    wird nur einem Anteil des durch Beobachtung festzustellenden Sach-
    verhaltes gerecht, vernachlässigt den anderen. Wir treffen das Rich-
    tige, wenn wir den Wert dieser Fragestellung überhaupt gering ver-
    anschlagen.

    Die Literatur der Homosexualität pflegt die Fragen der Objekt-
    wahl einerseits und des Geschlechtscharakters und der geschlecht-
    lichen Einstellung anderseits nicht scharf genug zu trennen, als ob
    die Entscheidung über den einen Punkt notwendigerweise mit der
    des anderen verknüpft wäre. Die Erfahrung zeigt jedoch das Gegen-
    teil: Ein Mann mit überwiegend männlichen Eigenschaften, der auch
    den männlichen Typus des Liebeslebens zeigt, kann doch in bezug
    aufs Objekt invertiert sein, nur Männer anstatt Frauen lieben. Ein
    Mann, in dessen Charakter die weiblichen Eigenschaften augenfällig
    vorwiegen, ja, der sich in der Liebe wie ein Weib benimmt, sollte
    durch diese weibliche Einstellung auf den Mann als Liebesobjekt
    hingewiesen werden; er kann aber trotzdem heterosexuell sein, nicht
    mehr Inversion in bezug aufs Objekt zeigen als durchschnittlich ein
    Normaler. Dasselbe gilt für Frauen, auch bei ihnen treffen psychi-
    scher Geschlechtscharakter und Objektwahl nicht zu fester Relation
    zusammen. Das Geheimnis der Homosexualität ist also keineswegs
    so einfach, wie man es zum populären Gebrauch gern darstellt: Eine
    weibliche Seele, die darum den Mann lieben muß, zum Unglück in
    einen männlichen Körper geraten, oder eine männliche Seele, die un-
    widerstehlich vom Weib angezogen wird, leider in einen weiblichen
    Leib gebannt. Vielmehr handelt es sich um drei Reihen von Cha-
    rakteren

  • S.

    23

    Somatische Geschlechtscharaktere – Psychischer Geschlechtscharakter
    (Physischer Hermaphroditismus) (männl. Einstellung)
    (weibl.

    — Art der Objektwahl,

    die bis zu einem gewissen Grade voneinander unabhängig variieren
    und sich bei den einzelnen Individuen in mannigfachen Permutationen
    vorfinden. Die tendenziöse Literatur hat den Einblick in diese Ver-
    hältnisse erschwert, indem sie aus praktischen Motiven das dem Laien
    allein auffällige Verhalten im dritten Punkt, dem der Objektwahl,
    in den Vordergrund rückt und außerdem die Festigkeit der Beziehung
    zwischen diesem und dem ersten Punkt übertreibt. Sie versperrt sich
    auch den Weg, der zur tieferen Einsicht in all das führt, was man
    uniform als Homosexualität bezeichnet, indem sie sich gegen zwei
    Grundtatsachen sträubt, welche die psychoanalytische Forschung auf-
    gedeckt hat. Die erste, daß die homosexuellen Männer eine besonders
    starke Fixierung an die Mütter erfahren haben; die zweite, daß alle
    Normalen neben ihrer manifesten Heterosexualität ein sehr erheb-
    liches Ausmaß von latenter oder unbewußter Homosexualität erkennen
    lassen. Trägt man diesen Funden Rechnung, so ist es allerdings um
    die Annahme eines von der Natur in besonderer Laune geschaffenen
    „dritten Geschlechts“ geschehen.

    Die Psychoanalyse ist nicht dazu berufen, das Problem der
    Homosexualität zu lösen. Sie muß sich damit begnügen, die psychi-
    schen Mechanismen zu enthüllen, die zur Entscheidung in der Objekt-
    wahl geführt haben, und die Wege von ihnen zu den Triebanlagen zu
    verfolgen. Dann bricht sie ab und überläßt das übrige der biolo-
    gischen Forschung, die gerade jetzt in den Versuchen von Steinach1)
    so bedeutungsvolle Aufschlüsse über die Beeinflussung der obigen
    zweiten und dritten Reihe durch die erste zu Tage fördert. Sie
    steht auf gemeinsamem Boden mit der Biologie, indem sie eine ur-
    sprüngliche Bisexualität des menschlichen (wie des tierischen) In-
    dividuum zur Voraussetzung nimmt. Aber das Wesen dessen, was
    man im konventionellen oder im biologischen Sinne „männlich“ und
    „weiblich“ nennt, kann die Psychoanalyse nicht aufklären, sie über-
    nimmt die beiden Begriffe und legt sie ihren Arbeiten zu Grunde.
    Beim Versuch einer weiteren Zurückführung verflüchtigt- sich ihr
    die Männlichkeit zur Aktivität, die Weiblichkeit zur Passivität, und
    das ist zu wenig. Inwieweit die Erwartung zulässig oder bereits
    durch Erfahrung bestätigt ist, es werde sich auch aus dem Stück
    Aufklärungsarbeit, welches in den Bereich der Analyse fällt, eine
    Handhabe zur Abänderung der Inversion ergeben, habe ich vorhin


    1)S. A. Lipschütz, Die Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen. E. Bircher,
    Bern 1919.

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    auszuführen versucht. Vergleicht man dieses Ausmaß von Beein-
    flussung mit den großartigen Umwälzungen, die Steinach in ein-
    zelnen Fällen durch operative Eingriffe erzielt hat, so macht es wohl
    keinen imposanten Eindruck. Indes wäre es Voreiligkeit oder schäd-
    liche Übertreibung, wenn wir uns jetzt schon Hoffnung auf eine
    allgemein brauchbare „Therapie“ der Inversion machten. Die Fälle
    von männlicher Homosexualität, in denen Steinach Erfolg gehabt
    hat, erfüllten die nicht immer vorhandene Bedingung eines überdeut-
    lichen somatischen „Hermaphroditismus“. Die Therapie einer weib-
    lichen Homosexualität auf analogem Wege ist zunächst ganz unklar.
    Sollte sie in der Entfernung der wahrscheinlich hermaphroditischen
    Ovarien und Einpflanzung anderer, hoffentlich eingeschlechtiger, be-
    stehen, so würde sie praktisch wenig Aussicht auf Anwendung haben.
    Ein weibliches Individuum, das sich männlich gefühlt und auf männ-
    liche Weise geliebt hat, wird sich kaum in die weibliche Rolle drängen
    lassen, wenn es diese, nicht durchaus vorteilhafte, Umwandlung mit
    dem Verzicht auf die Mutterschaft bezahlen muß.