S.
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Über die Psychogenese
eines Falles von weiblicher Homosexualität.Von Sigm. Freud.
I.
Die weibliche Homosexualität, gewiß nicht weniger häufig als
die männliche, aber doch weit weniger lärmend als diese, ist nicht
nur vom Strafgesetz übergangen, sondern auch von der psycho-
analytischen Forschung vernachlässigt worden. Die Mitteilung eines
einzelnen, nicht allzu grellen Falles, in dem es möglich wurde,
dessen psychische Entstehungsgeschichte fast lückenlos und mit voller
Sicherheit zu erkennen, mag daher einen gewissen Anspruch auf Be-
achtung erheben. Wenn die Darstellung nur die allgemeinsten Um-
risse der Geschehnisse und die aus dem Falle gewonnenen Einsichten
bringt und alle charakteristischen Einzelheiten unterschlägt, auf
denen die Deutung ruht, so ist diese Einschränkung durch die von
einem frischen Fall geforderte ärztliche Diskretion leicht erklärlich.Ein 18jähriges, schönes und kluges Mädchen aus sozial hoch-
stehender Familie hat das Mißfallen und die Sorge seiner Eltern
durch die Zärtlichkeit erweckt, mit der sie eine etwa zehn Jahre
ältere Dame „aus der Gesellschaft“ verfolgt. Die Eltern behaupten,
daß diese Dame trotz ihres vornehmen Namens nichts anderes ist
als eine Kokotte. Es sei von ihr bekannt, daß sie bei einer ver-
heirateten Freundin lebt, mit der sie intime Beziehungen unterhält,
während sie gleichzeitig in lockeren Liebesverhältnissen zu einer
Anzahl von Männern steht. Das Mädchen bestreitet diese üble Nach-
rede nicht, läßt sich aber durch sie in der Verehrung der Dame nicht
beirren, obwohl es ihr am Sinn für das Schickliche und Reinliche
keineswegs gebricht. Kein Verbot und keine Überwachung hält sie
ab, jede der spärlichen Gelegenheiten zum Beisammensein mit der
Geliebten auszunützen, alle ihre Lebensgewohnheiten auszukund-
schaften, stundenlang vor ihrem Haustor oder an Trambahnhalte-
Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VI/1.
S.
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Sig. Freud.
stellen auf sie zu warten, ihr Blumen zu schicken u. dgl. Es ist
offenkundig, daß dies eine Interesse bei dem Mädchen alle anderen
verschlungen hat. Sie kümmert sich nicht um ihre weitere Ausbil-
dung, legt keinen Wert auf gesellschaftlichen Verkehr und mädchen-
hafte Vergnügungen und hält nur den Umgang mit einigen Freun-
dinnen aufrecht, die ihr als Vertraute oder als Helferinnen dienen
können. Wie weit es zwischen ihrer Tochter und jener zweifel-
haften Dame gekommen ist, ob die Grenzen einer zärtlichen Schwär-
merei bereits überschritten worden sind, wissen die Eltern nicht. Ein
Interesse für junge Männer und Wohlgefallen an deren Huldigungen
haben sie an dem Mädchen nie bemerkt; dagegen sind sie sich klar
darüber, daß diese gegenwärtige Neigung für eine Frau nur in er-
höhtem Maße fortsetzt, was sich in den letzten Jahren für andere
weibliche Personen angezeigt und den Argwohn sowie die Strenge
des Vaters wachgerufen hatte.Zwei Stücke ihres Benehmens, scheinbar einander gegensätzlich,
wurden dem Mädchen von den Eltern am stärksten verübelt. Daß
sie keine Bedenken trug, sich öffentlich in belebten Straßen mit der
anrüchigen Geliebten zu zeigen und also die Rücksicht auf ihren
eigenen Ruf vernachlässigte, und daß sie kein Mittel der Täuschung,
keine Ausrede und keine Lüge verschmähte, um die Zusammen-
künfte mit ihr zu ermöglichen und zu decken. Also zuviel Offen-
heit in dem einen, vollste Verstellung im anderen Falle. Eines Tages
traf es sich, was ja unter diesen Umständen einmal geschehen mußte,
daß der Vater seine Tochter in Begleitung jener ihm bekanntgewor-
denen Dame auf der Straße begegnete. Er ging mit einem zornigen
Blick, der nichts Gutes ankündigte, an den beiden vorüber. Un-
mittelbar darauf riß sich das Mädchen los und stürzte sich über die
Mauer in den dort nahen Einschnitt der Stadtbahn. Sie büßte diesen
unzweifelhaft ernst gemeinten Selbstmordversuch mit einem langen
Krankenlager, aber zum Glück mit nur geringer dauernder Schädi-
gung. Nach ihrer Herstellung fand sie die Situation für ihre
Wünsche günstiger als zuvor. Die Eltern wagten es nicht mehr ihr
ebenso entschieden entgegenzutreten, und die Dame, die sich bis da-
hin gegen ihre Werbung spröde ablehnend verhalten hatte, war
durch einen so unzweideutigen Beweis ernster Leidenschaft gerührt
und begann sie freundlicher zu behandeln.Etwa ein halbes Jahr nach diesem Unfall wendeten sich die
Eltern an den Arzt und stellten ihm die Aufgabe, ihre Tochter
zur Norm zurückzubringen. Der Selbstmordversuch des Mädchens
hatte ihnen wohl gezeigt, daß die Machtmittel der häuslichen Dis-
ziplin nicht im Stande waren, die vorliegende Störung zu bewältigen.
Es ist aber gut, hier die Stellung des Vaters und die der MutterS.
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gesondert zu behandeln. Der Vater war ein ernsthafter, respektabler
Mann, im Grunde sehr zärtlich, durch seine angenommene Strenge
den Kindern etwas entfremdet. Sein Benehmen gegen die einzige
Tochter wurde allzu sehr durch Rücksichten auf seine Frau, ihre
Mutter, bestimmt. Als er zuerst von den homosexuellen Neigungen
der Tochter Kenntnis bekam, wallte er zornig auf und wollte sie
durch Drohungen unterdrücken; er mag damals zwischen verschie-
denen, gleich peinlichen Auffassungen geschwankt haben, ob er ein
lasterhaftes, ein entartetes oder geisteskrankes Wesen in ihr sehen
sollte. Auch nach dem Unfall brachte er es nicht zur Höhe jener
überlegenen Resignation, welcher einer unserer ärztlichen Kollegen
bei einer irgend wie ähnlichen Entgleisung in seiner Familie durch
die Rede Ausdruck gab: „Es ist eben ein Malheur wie ein anderes!“
Die Homosexualität seiner Tochter hatte etwas, was seine vollste
Erbitterung weckte. Er war entschlossen, sie mit allen Mitteln zu
bekämpfen; die in Wien so allgemein verbreitete Geringschätzung
der Psychoanalyse hielt ihn nicht ab, sich an sie um Hilfe zu
wenden. Wenn dieser Weg versagte, hatte er noch immer das stärkste
Gegenmittel im Rückhalt; eine rasche Verheiratung sollte die natür-
lichen Instinkte des Mädchens wachrufen und dessen unnatürliche
Neigungen ersticken.Die Einstellung der Mutter des Mädchens war nicht so leicht
zu durchschauen. Sie war eine noch jugendliche Frau, die den
Anspruch, selbst durch Schönheit zu gefallen, offenbar nicht ent-
sagen wollte. Es war nur klar, daß sie die Schwärmerei ihrer
Tochter nicht so tragisch nahm und sich keineswegs so sehr dar-
über entrüstete wie der Vater. Sie hatte sogar durch längere Zeit
das Vertrauen des Mädchens in betreff ihrer Verliebtheit in jene
Dame genossen; ihre Parteinahme dagegen schien wesentlich durch
die schädliche Offenheit bestimmt, mit der die Tochter ihre Ge-
fühle vor aller Welt kundgab. Sie war selbst durch mehrere Jahre
neurotisch gewesen, erfreute sich großer Schonung von seiten ihres
Mannes, behandelte ihre Kinder recht ungleichmäßig, war eigentlich
hart gegen die Tochter und überzärtlich mit ihren drei Knaben,
von denen der jüngste ein Spätling war, gegenwärtig noch nicht
drei Jahre alt. Bestimmteres über ihren Charakter zu erfahren,
war nicht leicht, denn infolge von Motiven, die erst später ver-
standen werden können, hielten die Angaben der Patientin über ihre
Mutter stets eine Reserve ein, von der im Falle des Vaters keine
Rede war.Der Arzt, der die analytische Behandlung des Mädchens über-
nehmen sollte, hatte mehrere Gründe, sich unbehaglich zu fühlen.
Er fand nicht die Situation vor, welche die Analyse anfordert, undS.
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in der sie allein ihre Wirksamkeit erproben kann. Diese Situation
sieht in ihrer idealen Ausprägung bekanntlich so aus, daß jemand,
der sonst sein eigener Herr ist, an einem inneren Konflikt leidet,
den er allein nicht zu Ende bringen kann, daß er dann zum Analytiker
kommt, es ihm klagt und ihn um seine Hilfeleistung bittet. Der
Arzt arbeitet dann Hand in Hand mit dem einen Anteil der krank-
haft entzweiten Persönlichkeit gegen den anderen Partner des Kon-
flikts. Andere Situationen als diese sind für die Analyse mehr oder
minder ungünstig, fügen zu den inneren Schwierigkeiten des Falles
neue hinzu. Situationen wie die des Bauherrn, der beim Architekten
eine Villa nach seinem Geschmack und Bedürfnis bestellt, oder des
frommen Stifters, der sich vom Künstler ein Heiligenbild malen
läßt, in dessen Ecke dann sein eigenes Porträt als Anbetender Platz
findet, sind mit den Bedingungen der Psychoanalyse im Grunde nicht
vereinbar. Es kommt zwar alle Tage vor, daß sich ein Ehemann
an den Arzt mit der Information wendet: Meine Frau ist nervös,
sie verträgt sich darum schlecht mit mir; machen Sie sie gesund,
so daß wir wieder eine glückliche Ehe führen können. Aber es
stellt sich oft genug heraus, daß ein solcher Auftrag unausführbar
ist, d. h. daß der Arzt nicht das Ergebnis herstellen kann, wegen
dessen der Mann die Behandlung wünschte. Sowie die Frau von
ihren neurotischen Hemmungen befreit ist, setzt sie die Trennung
der Ehe durch, deren Erhaltung nur unter der Voraussetzung ihrer
Neurose möglich war. Oder Eltern verlangen, daß man ihr Kind
gesund mache, welches nervös und unfügsam ist. Sie verstehen unter
einem gesunden Kind ein solches, das den Eltern keine Schwierig-
keiten bereitet, an dem sie ihre Freude haben können. Die Herstel-
lung des Kindes mag dem Arzt gelingen, aber es geht nach der Ge-
nesung um so entschiedener seine eigenen Wege, und die Eltern sind
jetzt weit mehr unzufrieden als vorher. Kurz, es ist nicht gleich-
gültig, ob ein Mensch aus eigenem Streben in die Analyse kommt,
oder darum, weil andere ihn dahin bringen, ob er selbst seine Ver-
änderung wünscht oder nur seine Angehörigen, die ihn lieben, oder
von denen man solche Liebe erwarten sollte.Als weitere ungünstige Momente waren die Tatsachen zu be-
werten, daß das Mädchen ja keine Kranke war – sie litt nicht
aus inneren Gründen, beklagte sich nicht über ihren Zustand –, und
daß die gestellte Aufgabe nicht darin bestand, einen neurotischen
Konflikt zu lösen, sondern die eine Variante der genitalen Sexual-
organisation in die andere überzuführen. Diese Leistung, die Be-
seitigung der genitalen Inversion oder Homosexualität, ist meiner
Erfahrung niemals leicht erschienen. Ich habe vielmehr gefun-
den, daß sie nur unter besonders günstigen Umständen gelingt,S.
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und auch dann bestand der Erfolg wesentlich darin, daß man der
homosexuell eingeengten Person den bis dahin versperrten Weg zum
anderen Geschlecht frei machen konnte, also ihre volle bisexuelle
Funktion wiederherstellte. Es lag dann in ihrem Belieben, ob sie
den anderen, von der Gesellschaft geächteten Weg veröden lassen
wollte, und in einzelnen Fällen hat sie es auch so getan. Man muß
sich sagen, daß auch die normale Sexualität auf einer Einschränkung
der Objektwahl beruht, und im allgemeinen ist das Unternehmen, einen
voll entwickelten Homosexuellen in einen Heterosexuellen zu ver-
wandeln, nicht viel aussichtsreicher als das umgekehrte, nur daß
man dies letztere aus guten praktischen Gründen niemals versucht.Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in der Behand-
lung der allerdings sehr vielgestaltigen Homosexualität sind der
Zahl nach wirklich nicht bedeutsam. In der Regel vermag der
Homosexuelle sein Lustobjekt nicht aufzugeben; es gelingt nicht, ihn
zu überzeugen, daß er die Lust, auf die er hier verzichtet, im Falle
der Umwandlung am anderen Objekt wiederfinden würde. Wenn
er sich überhaupt in Behandlung begibt, so haben ihn zumeist äußere
Motive dazu gedrängt, die sozialen Nachteile und Gefahren seiner
Objektwahl, und solche Komponenten des Selbsterhaltungstriebes er-
weisen sich als zu schwach im Kampfe gegen die Sexualstrebungen.
Man kann dann bald seinen geheimen Plan aufdecken, sich durch
den eklatanten Mißerfolg dieses Versuches die Beruhigung zu schaffen,
daß er das Möglichste gegen seine Sonderartung getan habe und sich
ihr nun mit gutem Gewissen überlassen könne. Wo die Rücksicht
auf geliebte Eltern und Angehörige den Versuch zur Heilung moti-
viert hat, da liegt der Fall etwas anders. Es sind dann wirklich
libidinöse Strebungen vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl
gegensätzliche Energien entwickeln können, aber deren Kraft reicht
selten aus. Nur wo die Fixierung an das gleichgeschlechtliche Objekt
noch nicht stark genug geworden ist, oder wo sich erhebliche Ansätze
und Reste der heterosexuellen Objektwahl vorfinden, also bei noch
schwankender oder bei deutlich bisexueller Organisation, darf die
Prognose der psychoanalytischen Therapie günstiger gestellt werden.Aus diesen Gründen vermied ich es durchaus, den Eltern die
Erfüllung ihres Wunsches in Aussicht zu stellen. Ich erklärte mich
bloß bereit dazu, das Mädchen durch einige Wochen oder Monate
sorgfältig zu studieren, um mich danach über die Aussichten einer
Beeinflussung durch Fortsetzung der Analyse äußern zu können.
In einer ganzen Anzahl von Fällen zerlegt sich ja die Analyse in
zwei deutlich gesonderte Phasen; in einer ersten verschafft sich der
Arzt die notwendigen Kenntnisse vom Patienten, macht ihn mit den
Voraussetzungen und Postulaten der Analyse bekannt und entwickeltS.
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vor ihm die Konstruktion der Entstehung seines Leidens, zu welcher
er sich auf Grund des von der Analyse gelieferten Materials berech-
tigt glaubt. In einer zweiten Phase bemächtigt sich der Patient
selbst des ihm vorgelegten Stoffes, arbeitet an ihm, erinnert von
dem bei ihm angeblich Verdrängten, was er erinnern kann, und
trachtet, das andere in einer Art von Neubelebung zu wiederholen.
Dabei kann er die Aufstellungen des Arztes bestätigen, ergänzen und
richtigstellen. Erst während dieser Arbeit erfährt er durch die
Überwindung von Widerständen die innere Veränderung, die man
erzielen will, und gewinnt die Überzeugungen, die ihn von der
ärztlichen Autorität unabhängig machen. Nicht immer sind diese
beiden Phasen im Ablauf der analytischen Kur scharf voneinander-
geschieden; es kann dies nur geschehen, wenn der Widerstand be-
stimmte Bedingungen einhält. Aber wo es der Fall ist, kann man
den Vergleich mit zwei entsprechenden Abschnitten einer Reise her-
anziehen. Der erste umfaßt alle notwendigen, heute so komplizierten
und schwer zu erfüllenden Vorbereitungen, bis man endlich die Fahr-
karte gelöst, den Perron betreten und seinen Platz im Wagen er-
obert hat. Man hat jetzt das Recht und die Möglichkeit, in das
ferne Land zu reisen, aber man ist nach all diesen Vorarbeiten noch
nicht dort, eigentlich dem Ziele um keinen Kilometer näher gerückt.
Es gehört noch dazu, daß man die Reise selbst von einer Station
zur anderen zurücklege, und dieses Stück der Reise ist mit der
zweiten Phase gut vergleichbar.Die Analyse bei meiner nunmehrigen Patientin verlief nach
diesem Zweiphasenschema, wurde aber nicht über den Beginn der
zweiten Phase hinaus fortgeführt. Eine besondere Konstellation des
Widerstandes ermöglichte es trotzdem, die volle Bestätigung meiner
Konstruktionen und eine im großen und ganzen zureichende Ein-
sicht in den Entwicklungsgang ihrer Inversion zu gewinnen. Ehe
ich aber die Ergebnisse der Analyse bei ihr darlege, muß ich einige
Punkte erledigen, die ich entweder schon selbst gestreift oder die
sich dem Leser als die ersten Gegenstände seines Interesses aufge-
drängt haben.Ich hatte die Prognose zum Teil davon abhängig gemacht, wie
weit das Mädchen in der Befriedigung seiner Leidenschaft gekommen
war. Die Auskunft, die ich während der Analyse erhielt, schien
in dieser Hinsicht günstig. Bei keinem der Objekte ihrer Schwär-
merei hatte sie mehr als einzelne Küsse und Umarmungen genossen,
ihre Genitalkeuschheit, wenn man so sagen darf, war unversehrt ge-
blieben. Die Halbweltdame gar, die die jüngsten und weitaus stärk-
sten Gefühle bei ihr erweckt hatte, war spröde gegen sie geblieben,
hatte ihr nie eine höhere Gunst gegönnt als die, ihr die HandS.
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küssen zu dürfen. Das Mädchen machte wahrscheinlich eine Tugend
aus ihrer Not, wenn sie immer wieder die Reinheit ihrer Liebe und
ihre physische Abneigung gegen einen Sexualverkehr betonte. Viel-
leicht hatte sie aber nicht ganz unrecht, wenn sie von ihrer hehren
Geliebten rühmte, daß sie, von vornehmer Herkunft, und nur durch
widrige Familienverhältnisse in ihre gegenwärtige Position gedrängt,
sich auch hier noch ein ganzes Stück Würde bewahrt habe. Denn
diese Dame pflegte ihr bei jedem Zusammentreffen zuzureden, ihre
Neigung von ihr und von den Frauen überhaupt abzuwenden, und
hatte sich bis zum Selbstmordversuch immer nur streng abweisend
gegen sie benommen.Ein zweiter Punkt, den ich alsbald aufzuklären versuchte, be-
traf die eigenen Motive des Mädchens, auf welche die analytische
Behandlung sich etwa stützen konnte. Sie versuchte mich nicht
durch die Behauptung zu täuschen, daß es ihr ein dringendes Be-
dürfnis sei, von ihrer Homosexualität befreit zu werden. Sie könne
sich im Gegenteil gar keine andere Verliebtheit vorstellen, aber,
setzte sie hinzu, der Eltern wegen wolle sie den therapeutischen
Versuch ehrlich unterstützen, denn sie empfinde es sehr schwer,
den Eltern solchen Kummer zu bereiten. Auch diese Äußerung
mußte ich zunächst als günstig auffassen; ich konnte nicht ahnen,
welche unbewußte Affekteinstellung sich hinter ihr verbarg. Was
hier dann später zum Vorschein kam, hat die Gestaltung der Kur
und deren vorzeitigen Abbruch entscheidend beeinflußt.Nichtanalytische Leser werden längst die Beantwortung zweier
anderer Fragen ungeduldig erwarten. Zeigte dieses homosexuelle
Mädchen deutliche somatische Charaktere des anderen Geschlechts
und erwies sie sich als ein Fall von angeborener oder von erworbener
(später entwickelter) Homosexualität?Ich verkenne die Bedeutung nicht, welche der ersteren Frage
zukommt. Nur möge man diese Bedeutung nicht übertreiben und zu
ihren Gunsten die Tatsachen verdunkeln, daß vereinzelte sekundäre
Merkmale des anderen Geschlechts bei normalen menschlichen In-
dividuen überhaupt sehr häufig vorkommen, und daß sehr gut aus-
geprägte somatische Charaktere des anderen Geschlechts sich an
Personen finden können, deren Objektwahl keine Abänderung im
Sinne einer Inversion erfahren hat. Daß also, anders ausgedrückt,
bei beiden Geschlechtern das Maß des physischen Herma-
phroditismus von dem des psychischen im hohen
Grade unabhängig ist. Als Einschränkung der beiden Sätze
ist hinzuzufügen, daß diese Unabhängigkeit beim Manne deutlicher
ist als beim Weibe, wo die körperliche und die seelische Ausprägung
des entgegengesetzten Geschlechtscharakters eher regelmäßig zu-S.
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sammentreffen. Ich bin aber doch nicht in der Lage, die erste der
hier gestellten Fragen für meinen Fall befriedigend zu beantworten.
Der Psychoanalytiker pflegt sich ja eine eingehende körperliche
Untersuchung seiner Patienten in bestimmten Fällen zu versagen.
Eine auffällige Abweichung vom körperlichen Typus des Weibes
bestand jedenfalls nicht, auch keine menstruale Störung. Wenn das
schöne und wohlgebildete Mädchen den hohen Wuchs des Vaters
und eher scharfe als mädchenhaft weiche Gesichtszüge zeigte, so
mag man darin Andeutungen einer somatischen Männlichkeit er-
blicken. Auf männliches Wesen konnte man auch einige ihrer in-
tellektuellen Eigenschaften beziehen, so die Schärfe ihres Verständ-
nisses und die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit sie nicht
unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft stand. Doch sind diese
Unterscheidungen eher konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu ihrem Liebes-
objekt durchaus den männlichen Typus angenommen hatte, also die
Demut und großartige Sexualüberschätzung des liebenden Mannes
zeigte, den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung, die Bevor-
zugung des Liebens vor dem Geliebtwerden. Sie hatte also nicht
nur ein weibliches Objekt gewählt, sondern auch eine männliche
Einstellung zu ihm gewonnen.Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen oder einer
erworbenen Homosexualität entsprach, soll durch die ganze Ent-
wicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet werden. Dabei wird
sich ergeben, inwieweit diese Fragestellung selbst unfruchtbar und
unangemessen ist.II.
Auf eine so weitschweifige Einleitung kann ich nun eine ganz
knappe und übersichtliche Darstellung der Libidogeschichte dieses
Falles folgen lassen. Das Mädchen hatte in den Kinderjahren die
normale Einstellung des weiblichen Ödipuskomplexes 1) in wenig auf-
fälliger Weise durchgemacht, später auch begonnen, den Vater durch
den um wenig älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen in
früher Jugend wurden weder erinnert noch durch die Analyse auf-
gedeckt. Die Vergleichung der Genitalien des Bruders mit den
eigenen, die etwa zu Beginn der Latenzzeit (zu fünf Jahren oder
etwas früher) vorfiel, hinterließ ihr einen starken Eindruck und war
in ihren Nachwirkungen weit zu verfolgen. Auf frühinfantile Ona-
nie deutete sehr wenig, oder die Analyse kam nicht so weit, um
1)Ich sehe in der Einführung des Terminus „Elektrakomplex“ keinen Fort-
schritt oder Vorteil und möchte denselben nicht befürworten.
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1920-001/1920/1