• S.

    13

    ihm rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell aus Trotz gegen den
    Vater. Sie machte sich auch kein Gewissen daraus, ihn auf jede
    Weise zu hintergehen und zu belügen. Gegen die Mutter war sie
    ja nur so weit unaufrichtig, als es nötig war, damit der Vater nichts
    erfahre. Ich hatte den Eindruck, daß sie nach dem Grundsatz der
    Talion handelte: Hast du mich betrogen, so mußt du es dir gefallen
    lassen, daß ich auch dich betrüge. Auch die auffälligen Unvor-
    sichtigkeiten des sonst raffiniert klugen Mädchens kann ich nicht
    anders beurteilen. Der Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Um-
    gang mit der Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung,
    die ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, indem
    sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen nahe
    dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging u. dgl. Auch diese
    Ungeschicklichkeiten geschahen nicht absichtslos. Es ist übrigens
    merkwürdig, daß beide Eltern sich so benahmen, als ob sie die
    geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden. Die Mutter zeigte
    sich tolerant, als ob sie das Ausweichen der Tochter als Gefällig-
    keit würdigte, der Vater raste, als fühlte er die gegen seine Person
    gerichtete Racheabsicht.

    Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des Mädchens,
    als sie in der „Dame“ auf ein Objekt stieß, welches gleichzeitig dem
    noch am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido Be-
    friedigung bot.

    III.

    Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur Beschreibung der
    verschlungenen und in verschiedenen seelischen Schichten ablaufen-
    den seelischen Vorgänge. Ich bin genötigt, in der Diskussion des
    Falles innezuhalten und einiges von dem Mitgeteilten zu erweitern
    und zu vertiefen.

    Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem Verhältnis zur
    verehrten Dame den männlichen Typus der Liebe annahm. Ihre
    Demut und zärtliche Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla
    chiede“, die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame ein Stück
    weit zu begleiten und ihr beim Abschied die Hand zu küssen, die
    Freude, wenn sie sie als schön rühmen hörte, während die Anerken-
    nung ihrer eigenen Schönheit von fremder Seite ihr gar nichts be-
    deutete, ihre Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte sich
    vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen aller weiter rei-
    chenden sinnlichen Wünsche: alle diese kleinen Züge entsprachen
    etwa der ersten schwärmerischen Leidenschaft eines Jünglings für
    eine gefeierte Künstlerin, die er hoch über sich stehend glaubt, und
    zu der er seinen Blick nur schüchtern zu erheben wagt. Die Über-

  • S.

    14

    einstimmung mit einem von mir beschriebenen „Typus der männ-
    lichen Objektwahl“, dessen Besonderheiten ich auf die Bindung an
    die Mutter zurückgeführt habe1), ging bis in die Einzelheiten. Es
    konnte auffällig erscheinen, daß sie durch den schlechten Leumund
    der Geliebten nicht im mindesten abgeschreckt wurde, obwohl ihre
    eigenen Beobachtungen sie von der Berechtigung dieser Nachrede
    genügend überzeugten. Sie war doch eigentlich ein wohlerzogenes
    und keusches Mädchen, das für ihre eigene Person sexuellen Aben-
    teuern aus dem Wege gegangen war und grobsinnliche Befriedigungen
    als unästhetisch empfand. Aber bereits ihre ersten Schwärmereien
    hatten Frauen gegolten, denen man keine Neigung zu besonders
    strenger Sittlichkeit nachrühmte. Den ersten Protest des Vaters
    gegen ihre Liebeswahl hatte sie durch die Hartnäckigkeit hervor-
    gerufen, mit der sie sich um den Verkehr mit einer Kinospielerin
    an jenem Sommerorte bemühte. Dabei hatte es sich keineswegs um
    Frauen gehandelt, die etwa im Rufe der Homosexualität standen
    und ihr somit Aussicht auf solche Befriedigungen geboten hätten;
    vielmehr warb sie unlogischerweise um kokette Frauen im gewöhn-
    lichen Sinne des Wortes; eine Homosexuelle, ihr gleichaltrige Freun-
    din, die sich ihr bereitwilligst zur Verfügung stellte, wies sie ohne
    Bedenken ab. Der schlechte Ruf der „Dame“ aber war geradezu
    eine Liebesbedingung für sie, und alles Rätselhafte dieses Verhaltens
    verschwindet, wenn wir uns erinnern, daß auch für jenen von der
    Mutter abgeleiteten männlichen Typus der Objektwahl die Bedingung
    besteht, daß die Geliebte irgendwie „sexuell anrüchig“ sei, eigentlich
    eine Kokotte genannt werden dürfe. Als sie später erfuhr, in wel-
    chem Ausmaß diese Kennzeichnung für ihre verehrte Dame zutraf,
    und daß diese einfach von der Preisgabe ihres Körpers lebte, be-
    stand ihre Reaktion in einem großen Mitleid und in der Entwicklung
    von Phantasien und Vorsätzen, wie sie die Geliebte aus diesen un-
    würdigen Verhältnissen „retten“ könne. Dieselben Rettungsbestre-
    bungen sind uns bei den Männern jenes von mir beschriebenen Typus
    aufgefallen, und ich habe an der erwähnten Stelle die analytische
    Ableitung dieses Strebens zu geben versucht.

    In ganz andere Regionen der Erklärung führt die Analyse des
    Selbstmordversuches, den ich als einen ernstgemeinten gelten lassen
    muß, der übrigens ihre Position sowohl bei den Eltern als auch bei
    der geliebten Dame beträchtlich verbesserte. Sie ging eines Tages
    mit ihr in einer Gegend und zu einer Stunde spazieren, wo eine
    Begegnung mit dem vom Bureau kommenden Vater nicht unwahr-
    scheinlich war. Der Vater ging auch an ihnen vorüber und warf


    1)Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge, 1919.

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    einen wütenden Blick auf sie und die ihm bereits bekannte Beglei-
    terin. Kurz darauf stürzte sie sich in den Stadtbahngraben. Ihre
    Rechenschaft von der näheren Verursachung ihres Entschlusses klingt
    nun ganz plausibel. Sie hatte der Dame eingestanden, daß der Herr,
    der sie beide so böse angeschaut hatte, ihr Vater sei, der von diesem
    Verkehr absolut nichts wissen wolle. Die Dame war nun aufgebraust,
    hatte ihr befohlen, sie sofort zu verlassen und nie mehr zu erwarten
    oder anzureden, diese Geschichte müsse nun ein Ende haben. In
    der Verzweiflung darüber, daß sie so die Geliebte für immer ver-
    loren habe, wollte sie sich den Tod geben. Die Analyse gestattete
    aber eine andere und tiefer greifende Deutung hinter der ihrigen
    aufzudecken und durch ihre eigenen Träume zu stützen. Der Selbst-
    mordversuch war, wie man erwarten durfte, außerdem noch zweier-
    lei: eine Straferfüllung (Selbstbestrafung) und eine Wunscherfül-
    lung. Als letztere bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches,
    dessen Enttäuschung sie in die Homosexualität getrieben hatte,
    nämlich vom Vater ein Kind zu bekommen, denn nun kam sie
    durch die Schuld des Vaters nieder1). Es stellt die Verbindung
    dieser Tiefendeutung mit der dem Mädchen bewußten, oberfläch-
    lichen her, daß in diesem Moment die Dame genau so gesprochen
    hatte wie der Vater und das nämliche Verbot hatte ergehen
    lassen. Als Selbstbestrafung bürgt uns die Handlung des Mäd-
    chens dafür, daß sie starke Todeswünsche gegen den einen oder
    den anderen Elternteil in ihrem Unbewußten entwickelt hatte.
    Vielleicht aus Rachsucht gegen den ihre Liebe störenden Vater,
    noch wahrscheinlicher aber auch gegen die Mutter, als sie mit
    dem kleinen Bruder schwanger ging. Denn die Analyse hat uns
    zum Rätsel des Selbstmordes die Aufklärung gebracht, daß viel-
    leicht niemand die psychische Energie sich zu töten findet, der
    nicht erstens dabei ein Objekt mittötet, mit dem er sich identifiziert
    hat, und der nicht zweitens dadurch einen Todeswunsch gegen sich
    selbst wendet, welcher gegen eine andere Person gerichtet war. Die
    regelmäßige Aufdeckung solcher unbewußter Todeswünsche beim
    Selbstmörder braucht übrigens weder zu befremden, noch als Bestä-
    tigung unserer Ableitungen zu imponieren, denn das Unbewußte aller
    Lebenden ist von solchen Todeswünschen, selbst gegen sonst geliebte
    Personen, übervoll2). In der Identifizierung mit der Mutter, die
    an der Niederkunft mit diesem, ihr (der Tochter) vorenthaltenen,


    1)Diese Deutungen der Wege des Selbstmords durch sexuelle Wunscherfül-
    lungen sind längst allen Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger werden,
    ertränken = gebären; von einer Höhe herabstürzen = niederkommen.)

    2)Vgl. Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago, IV, 1915. – Sammlung
    IV. Folge, 1919.

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    Kinde hätte sterben sollen, ist aber diese Straferfüllung selbst wieder
    eine Wunscherfüllung. Endlich, daß die verschiedensten starken
    Motive zusammenwirken mußten, um eine Tat wie die unseres Mäd-
    chens zu ermöglichen, wird unserer Erwartung nicht widersprechen.
    In der Motivierung des Mädchens kommt der Vater nicht vor,
    nicht einmal die Angst vor seinem Zorn wird erwähnt. In der von
    der Analyse erratenen Motivierung fällt ihm die Hauptrolle zu. Die-
    selbe entscheidende Bedeutung hatte das Verhältnis zum Vater auch
    für den Verlauf und den Ausgang der analytischen Behandlung
    oder vielmehr Exploration. Hinter der vorgeschützten Rücksicht
    auf die Eltern, denen zuliebe sie den Versuch einer Umwandlung
    unterstützen wollte, verbarg sich die Trotz- und Racheeinstellung
    gegen den Vater, welche sie in der Homosexualität festhielt. Durch
    solche Deckung gesichert, gab der Widerstand ein großes Gebiet
    der analytischen Erforschung frei. Die Analyse vollzog sich fast
    ohne Anzeichen von Widerstand, unter reger intellektueller Beteili-
    gung der Analysierten, aber auch bei völliger Gemütsruhe derselben.
    Als ich ihr einmal ein besonders wichtiges und sie nahe betreffendes
    Stück der Theorie auseinandersetzte, äußerte sie mit unnachahmlicher
    Betonung: „Ach, das ist ja sehr interessant, wie eine Weltdame, die
    durch ein Museum geführt wird und Gegenstände, die ihr voll-
    kommen gleichgültig sind, durch ein Lorgnon in Augenschein nimmt.
    Der Eindruck von ihrer Analyse näherte sich dem einer hypnotischen
    Behandlung, in welcher sich der Widerstand gleichfalls bis zu einer
    bestimmten Grenze zurückgezogen hat, an der er sich dann als un-
    besiegbar erweist. Dieselbe – russische – Taktik, könnte man sie
    nennen, befolgt der Widerstand sehr oft in Fällen von Zwangs-
    neurose, die darum eine Zeitlang die klarsten Ergebnisse liefern
    und einen tiefen Einblick in die Verursachung der Symptome ge-
    statten. Man beginnt dann sich zu wundern, warum so große Fort-
    schritte im analytischen Verständnis auch nicht die leiseste Ände-
    rung in den Zwängen und Hemmungen des Kranken mit sich bringen,
    bis man endlich bemerkt, daß alles, was man zu Stande gebracht
    hat, mit dem Vorbehalt des Zweifels behaftet war, hinter welchem
    Schutzwall sich die Neurose sicher fühlen durfte. „Es wäre ja
    alles recht schön,“ heißt es im Kranken, oft auch bewußterweise,
    „wenn ich dem Manne Glauben schenken müßte, aber davon ist ja
    keine Rede, und solange das nicht der Fall ist, brauche ich auch
    nichts zu ändern.“ Nähert man sich dann der Motivierung dieses
    Zweifels, so bricht der Kampf mit den Widerständen ernsthaft los.

    Bei unserem Mädchen war es nicht der Zweifel, sondern das
    affektive Moment der Rache am Vater, das ihre kühle Reserve er-
    möglichte, die Analyse deutlich in zwei Phasen zerlegte und die

  • S.

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    Ergebnisse der ersten Phase so vollständig und übersichtlich werden
    ließ. Es hatte auch den Anschein, als ob bei dem Mädchen nichts
    einer Übertragung auf den Arzt Ähnliches zu stande gekommen sei.
    Aber das ist natürlich ein Widersinn oder eine ungenaue Ausdrucks-
    weise; irgend ein Verhältnis zum Arzt muß sich doch herstellen
    und dies wird zu allermeist aus einer infantilen Relation übertragen
    sein. In Wirklichkeit übertrug sie auf mich die gründliche Ableh-
    nung des Mannes, von der sie seit ihrer Enttäuschung durch den
    Vater beherrscht war. Die Erbitterung gegen den Mann hat es
    in der Regel leicht, sich am Arzt zu befriedigen, sie braucht keine
    stürmischen Gefühlsäußerungen hervorzurufen, sie äußert sich ein-
    fach in der Vereitlung all seiner Bemühungen und im Festhalten
    am Kranksein. Ich weiß aus Erfahrung, wie schwierig es ist, den
    Analysierten zum Verständnis gerade dieser stummen Symptomatik
    zu bringen und solche latente, oft exzessiv große, Feindseligkeit
    ohne Gefährdung der Kur bewußt zu machen. Ich brach also ab,
    sobald ich die Einstellung des Mädchens zum Vater erkannt hatte,
    und gab den Rat, den therapeutischen Versuch, wenn man Wert
    auf ihn legte, bei einer Ärztin fortführen zu lassen. Das Mädchen
    hatte unterdes dem Vater das Versprechen abgegeben, wenigstens
    den Verkehr mit der „Dame“ zu unterlassen, und ich weiß nicht,
    ob mein Rat, dessen Motivierung ja durchsichtig ist, befolgt wer-
    den wird.

    Ein einziges Mal kam auch in dieser Analyse etwas vor, was
    ich als positive Übertragung, als außerordentlich abgeschwächte Er-
    neuerung der ursprünglichen leidenschaftlichen Verliebtheit in den
    Vater auffassen konnte. Auch diese Äußerung war vom Zusatz
    eines anderen Motivs nicht frei, ich erwähne sie aber, weil sie nach
    anderer Richtung ein interessantes Problem der analytischen Technik
    zur Frage bringt. Zu einer gewissen Zeit, nicht lange nach dem
    Beginn der Kur, brachte das Mädchen eine Reihe von Träumen vor,
    die, gebührend entstellt und in korrekter Traumsprache abgefaßt,
    doch leicht und sicher zu übersetzen waren. Ihr gedeuteter Inhalt
    war aber auffällig. Sie antizipierten die Heilung der Inversion durch
    die Behandlung, drückten ihre Freude über die ihr nun eröffneten
    Lebensaussichten aus, gestanden die Sehnsucht nach der Liebe eines
    Mannes und nach Kindern ein und konnten somit als erfreuliche Vor-
    bereitung zur erwünschten Wandlung begrüßt werden. Der Wider-
    spruch gegen ihre gleichzeitigen Äußerungen im Wachen war sehr
    groß. Sie machte mir kein Hehl daraus, daß sie zwar zu heiraten
    gedenke, aber nur um sich der Tyrannei des Vaters zu entziehen
    und ungestört ihren wirklichen Neigungen zu leben. Mit dem Manne,
    meinte sie etwas verächtlich, würde sie schon fertig werden, und

  • S.

    18

    endlich könne man ja, wie das Beispiel der verehrten Dame zeige,
    auch gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit einem Manne und mit
    einer Frau haben. Durch irgend einen leisen Eindruck gewarnt, er-
    klärte ich ihr eines Tages, ich glaube diesen Träumen nicht, sie
    seien lügnerisch oder heuchlerisch, und ihre Absicht sei, mich zu
    betrügen, wie sie den Vater zu betrügen pflegte. Ich hatte Recht,
    diese Art von Träumen blieb von dieser Aufklärung an aus. Ich
    glaube aber doch, neben der Absicht der Irreführung lag auch ein
    Stück Werbung in diesen Träumen; es war auch ein Versuch, mein
    Interesse und meine gute Meinung zu gewinnen, vielleicht um mich
    später desto gründlicher zu enttäuschen.

    Ich kann mir vorstellen, daß der Hinweis auf die Existenz
    solch lügnerischer Gefälligkeitsträume bei manchen, die sich Ana-
    lytiker nennen, einen wahren Sturm von hilfloser Entrüstung ent-
    fesseln wird. „Also kann auch das Unbewußte lügen, der wirkliche
    Kern unseres Seelenlebens, dasjenige in uns, was dem Göttlichen
    so viel näher ist als unser armseliges Bewußtsein! Wie kann man
    dann noch auf die Deutungen der Analyse und die Sicherheit unserer
    Erkenntnisse bauen?“1) Dagegen muß gesagt werden, daß die An-
    erkennung solch lügenhafter Träume eine erschütternde Neuheit
    nicht bedeutet. Ich weiß zwar, daß das Bedürfnis der Menschen
    nach Mystik unausrottbar ist, und daß es unablässige Versuche macht,
    das durch die „Traumdeutung“ der Mystik entrissene Gebiet für sie
    wiederzugewinnen, aber in dem Falle, der uns beschäftigt, liegt doch
    alles einfach genug. Der Traum ist nicht das „Unbewußte“, er ist
    die Form, in welche ein aus dem Vorbewußten oder selbst aus dem
    Bewußten des Wachlebens erübrigter Gedanke dank den Begünsti-
    gungen des Schlafzustandes umgegossen werden konnte. Im Schlaf-
    zustand hat er die Unterstützung unbewußter Wunschregungen ge-
    wonnen und dabei die Entstellung durch die „Traumarbeit“ erfahren,
    welche durch die fürs Unbewußte geltenden Mechanismen bestimmt
    wird. Bei unserer Träumerin stammte die Absicht, mich irre zu
    führen, wie sie es beim Vater zu tun pflegte, gewiß aus dem Vor-
    bewußten, wenn sie nicht etwa gar bewußt war; sie konnte sich nun
    durchsetzen, indem sie mit der unbewußten Wunschregung, dem Vater
    (oder Vaterersatz) zu gefallen, in Verbindung trat, und schuf so einen
    lügnerischen Traum. Die beiden Absichten, den Vater zu betrügen
    und dem Vater zu gefallen, stammen aus demselben Komplex; die
    erstere ist aus der Verdrängung der letzteren erwachsen, die spätere
    wird durch die Traumarbeit auf die frühere zurückgeführt. Von
    einer Entwürdigung des Unbewußten, von einer Erschütterung des
    Zutrauens in die Ergebnisse unserer Analyse kann also nicht die
    Rede sein.

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    19

    Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität.

    Ich will die Gelegenheit nicht versäumen, auch einmal das Er-
    staunen darüber zu Worte kommen zu lassen, daß die Menschen so
    große und bedeutungsvolle Stücke ihres Liebeslebens durchmachen
    können, ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter, ohne das mindeste
    davon zu ahnen, oder daß sie, wenn es zu ihrem Bewußtsein kommt,
    sich mit dem Urteil so gründlich darüber täuschen. Das geschieht
    nicht nur unter den Bedingungen der Neurose, wo wir mit dem
    Phänomen vertraut sind, sondern scheint auch sonst recht gewöhnlich
    zu sein. In unserem Falle entwickelt ein Mädchen eine Schwärmerei
    für Frauen, die von den Eltern zuerst nur als ärgerlich empfunden,
    aber kaum ernst genommen wird; sie selbst weiß wohl, wie sehr sie
    davon in Anspruch genommen wird, fühlt aber doch nur wenig von
    den Sensationen einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer be-
    stimmten Versagung eine ganz exzessive Reaktion ergibt, die allen
    Teilen zeigt, daß man es mit einer verzehrenden Leidenschaft von
    elementarer Stärke zu tun hat. Von den Voraussetzungen, die für das
    Hervorbrechen eines solchen seelischen Sturmes erforderlich sind, hat
    auch das Mädchen niemals etwas bemerkt. Andere Male trifft man
    auf Mädchen oder Frauen in schweren Depressionen, die, nach der
    möglichen Verursachung ihres Zustandes befragt, die Auskunft geben,
    sie haben wohl ein gewisses Interesse für eine bestimmte Person ver-
    spürt, aber es sei ihnen nicht tief gegangen und sie seien sehr bald
    damit fertig geworden, nachdem es aufgegeben werden mußte. Und
    doch ist dieser anscheinend so leicht ertragene Verzicht die Ursache
    der schweren Störung geworden. Oder man hat es mit Männern zu
    tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen zu Frauen erledigt haben
    und erst aus den Folgeerscheinungen erfahren müssen, daß sie in das
    angeblich geringgeschätzte Objekt leidenschaftlich verliebt waren.
    Man erstaunt auch über die ungeahnten Wirkungen, die von einem
    künstlichen Abortus, der Tötung einer Leibesfrucht, ausgehen können,
    zu der man sich ohne Reue und Bedenken entschlossen hatte. Man
    sieht sich so genötigt, den Dichtern Recht zu geben, die uns mit
    Vorliebe Personen schildern, welche lieben ohne es zu wissen, oder
    die es nicht wissen, ob sie lieben, oder die zu hassen glauben, während
    sie lieben. Es scheint, daß gerade die Kunde, die unser Bewußtsein
    von unserem Liebesleben erhält, besonders leicht unvollständig,
    lückenhaft oder gefälscht sein kann. In diesen Erörterungen habe
    ich es natürlich nicht versäumt, den Anteil eines nachträglichen
    Vergessens in Abzug zu bringen.

    IV.

    Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Diskussion des Falles
    zurück. Wir haben uns einen Überblick über die Kräfte verschafft,