"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
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        Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien die nicht
    offenkundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder
    Szenen aus der Lektüre hinwiesen, wollte die
    Forschung gern mehr erfahren. Wer war das geschlagene
    Kind? Das phantasierende selbst oder ein fremdes?
    War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein
    anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein
    Erwachsener? Und wer dann? Oder phantasierte das
    Kind, daß es selbst ein anderes schlüge? Auf
    alle diese Fragen kam keine aufklärende Aus--
    kunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß
    nichts mehr darüber: ein Kind wird geschlagen.
        Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes
    hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis.
    Manchmal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder:
    Nur Mädel; öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: das
    ist gleichgiltig. Das, worauf es dem Fragenden ankam,
    eine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht
    des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes
    stellte sich niemals heraus. Gelegentlich einmal kam
    noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt
    der Phantasie heraus: Das kleine Kind wird auf den
    nackten Popo geschlagen.
        Unter diesen Umständen konnte man vorerst
    nicht einmal entscheiden, ob die an der Schlage--
    phantasie haftende Lust als eine sadistische oder
    als eine masochistische zu bezeichnen sei.

    II.

        Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter
    vielleicht bei zufälligen Anlässen auftauchenden und
    zur autoerotischen Befriedigung festgehaltenen
    Phantasie kann nach unseren bisherigen Einsichten
    nur lauten, daß es sich hiebei um einen primären
    Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten
    der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwick--
    lung vorangeeilt, habe sich vorzeitig selbständig
    gemacht, sich fixiert und dadurch den späteren Ent--
    wicklungsvorgängen entzogen, damit aber ein
    Zeugnis für eine besondere, anomale Konstitution
    der Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche
    infantile Perversion nicht fürs Leben zu ver--
    bleiben braucht; sie kann noch später der Ver--
    drängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung
    ersetzt oder durch eine Sublimierung umgewandelt
    werden. (Vielleicht ist es aber so, daß die Sublimierung

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    aus einem besonderen Prozeß hervorgeht, welcher durch
    die Verdrängung hintangehalten würde.) Werden
    diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält sich die Perversion
    im reifen Leben und wo wir beim Erwachsenen
    eine sexuelle Abirrung – Perversion, Fetischismus,
    Inversion – vorfinden, da erwarten wir mit
    Recht, ein solches fixierendes Ereignis der Kinder--
    zeit durch anamnestische Erforschung aufzudecken.
    Ja lange vor der Zeit der Psychoanalyse haben
    Beobachter wie Binet die sonderbaren sexuellen
    Abirrungen der Reifezeit auf solche Eindrücke
    gerade der nämlichen Kinderjahre von 5 oder 6 an,
    zurückführen können. Man war hiebei aller--
    dings auf eine Schranke unseres Verständnisses
    gestoßen, denn den fixierenden Eindrücken
    fehlte jede traumatische Kraft, sie waren zumeist
    banal und für andere Individuen nicht aufregend;
    man konnte nicht sagen, warum sich das Sexual--
    streben gerade an sie fixiert hatte. Aber man
    konnte glauben ihre Bedeutung darin suchen, daß sie eben der vor--
    eiligen und sprungbereiten Sexualkomponente den,
    wenn auch zufälligen, Anlaß zur Anheftung geboten hatten
    und man mußte ja darauf vorbereitet sein, daß
    die Kette der Kausalverknüpfung irgendwo ein
    vorläufiges Ende finden werde. Gerade die mit--
    gebrachte Konstitution schien allen Anforder--
    ungen an einen solchen Haltepunkt zu entsprechen.
        Wenn die frühzeitig losgerissene Sexualkomponente
    die sadistische ist, so bilden wir auf Grund anderswo
    gewonnener Einsicht die Erwartung, daß durch spätere
    Verdrängung derselben eine Disposition zur Zwangs--
    neurose geschaffen werde. Man kann nicht sagen daß
    dieser Erwartung durch das Ergebnis der Untersuchung
    widersprochen wird. Unter den 6 Fällen, auf deren
    eingehendem Studium diese kleine Mitteilung auf--
    gebaut ist (4 Frauen, 2 Männer) befanden sich zwei
    Fälle von Zwangsneurose, ein allerschwerster, lebens--
    zerstörender, und ein mittelschwerer, der Beeinflussung
    gut zugänglicher, und ein dritter, der wenigstens ein--
    zelne deutliche Züge der Zwangsneurose aufwies.
    Ein vierter Fall war freilich eine glatte Hysterie
    mit Schmerzen und Hemmungen, und ein fünfter, der
    die Analyse bloß wegen Unschlüssigkeiten im Leben
    aufsuchte, wäre von grober klinischer Diagnostik
    überhaupt nicht klassifiziert oder als „Psychastheniker“
    abgetan worden. Man darf in dieser Statistik

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    keine Enttäuschung erblicken, denn erstens wissen wir, daß
    nicht jegliche Disposition sich zur Affektion weiterentwickeln
    muß, und zweitens darf es uns genügen zu erklären,
    was vorhanden ist und dürfen wir uns der Aufgabe,
    auch verstehen zu lassen warum etwas nicht zu Stande
    gekommen ist, im Allgemeinen entziehen.
        So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwär--
    tigen Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien
    eindringen lassen. Eine Ahnung, daß das Problem
    hiemit nicht erledigt ist, regt sich allerdings beim
    analysierenden Arzte, wenn er sich eingestehen muß,
    daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen
    Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten
    Platz in deren Gefüge einnehmen, aber man pflegt, wie
    ich aus eigener Erfahrung weiß, über solche Eindrücke
    gern hinwegzugehen.

    III.

        Streng genommen – und warum sollte man dies nicht
    so streng als möglich nehmen? – verdient die Aner--
    kennung als korrekte Psychoanalyse nur die analyt--
    ische Bemühung, der es gelungen ist, die Amnesie
    zu beheben, welche dem Erwachsenen die Kenntnis
    seines Kinderlebens vom Start Anfang (d. h. etwa vom
    zweiten bis zum fünften Jahr) an verhüllt. Man kann das unter Analytikern
    nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder--
    holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzu--
    setzen, sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Er--
    folge in kürzerer Zeit und mit geringerer Mühe
    erzielen. Aber gegenwärtig ist die theoretische Erkenntnis
    noch ungleich wichtiger für uns für jeden von uns als der grobe praktische
    therapeutische Erfolg, und wer die Kinderanalyse
    vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten
    Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer Erleb--
    nisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der
    frühesten nicht bedingt, aber die späteren Lebensein--
    drücke sprechen in der Analyse laut genug durch
    den Mund des Kranken, für das Anrecht der Kindheit
    muß erst der Arzt die Stimme erheben.
        Die Kinderzeit zwischen 2 und 4 oder 5 Jahren ist die--
    jenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen
    Faktoren von den Erlebnissen zuerst geweckt
    und an gewisse Komplexe gebunden werden. Die
    hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst
    zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte
    also wol sein, daß sie eine Vorgeschichte haben,