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keine Enttäuschung erblicken, denn erstens wissen wir, daß
nicht jegliche Disposition sich zur Affektion weiterentwickeln
muß, und zweitens darf es uns genügen zu erklären,
was vorhanden ist und dürfen wir uns der Aufgabe,
auch verstehen zu lassen warum etwas nicht zu Stande
gekommen ist, im Allgemeinen entziehen.
So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwär--
tigen Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien
eindringen lassen. Eine Ahnung, daß das Problem
hiemit nicht erledigt ist, regt sich allerdings beim
analysierenden Arzte, wenn er sich eingestehen muß,
daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen
Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten
Platz in deren Gefüge einnehmen, aber man pflegt, wie
ich aus eigener Erfahrung weiß, über solche Eindrücke
gern hinwegzugehen.III.
Streng genommen – und warum sollte man dies nicht
so streng als möglich nehmen? – verdient die Aner--
kennung als korrekte Psychoanalyse nur die analyt--
ische Bemühung, der es gelungen ist, die Amnesie
zu beheben, welche dem Erwachsenen die Kenntnis
seines Kinderlebens vomStartAnfang (d. h. etwa vom
zweiten bis zum fünften Jahr) an verhüllt. Man kann das unter Analytikern
nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder--
holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzu--
setzen, sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Er--
folge in kürzerer Zeit und mit geringerer Mühe
erzielen. Aber gegenwärtig ist die theoretische Erkenntnis
noch ungleich wichtigerfür unsfür jeden von uns als dergrobepraktische
therapeutische Erfolg, und wer die Kinderanalyse
vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten
Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer Erleb--
nisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der
frühesten nicht bedingt, aber die späteren Lebensein--
drücke sprechen in der Analyse laut genug durch
den Mund des Kranken, für das Anrecht der Kindheit
muß erst der Arzt die Stimme erheben.
Die Kinderzeit zwischen 2 und 4 oder 5 Jahren ist die--
jenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen
Faktoren von den Erlebnissen zuerst geweckt
und an gewisse Komplexe gebunden werden. Die
hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst
zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte
also wol sein, daß sie eine Vorgeschichte haben,S.
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eine Entwicklung durchmachen, einem Endausgang nichteinereinereiner Anfangsäußerung entsprechen.
Diese Vermutung wird durch die Analyse bestätigt, die
konsequente Anwendung derselben lehrt, daß die
Schlagephantasien eine gar nicht einfache Entwicklungs--
geschichte haben, in deren Verlauf sich das Meiste
an ihnen mehr als einmal ändert, ihre Beziehung
zur phantasierenden Person, ihrObjektInhalt
undBedeutungihre Bedeutung.
Zur Erleichterung der Beschreibung dieser Wandlungen
in den Schlagephantasien werde ich mir nun gestatten
meine Beschreibungen auf die weiblichen Personen
einzuschränken, die ohnedies (4 gegen 2) die Mehrheit
meines Materials ausmachen. An die Schlagephan--
tasien der Männer knüpft außerdem ein
anderes Thema an, das ich in dieser Mitteilung
bei Seite lassen will. Ich werde mich dabei bemühen
nicht mehr zu schematisieren als zur Darstellung
eines durchschnittlichen Sachverhaltes unvermeidlich
ist. Mag dann weitere Beobachtung auch eine größere
Mannigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben so bin
ich doch sicher ein typisches Vorkommnis, und zwar
nicht von seltener Art, erfaßt zu haben.
Die erste Phase der Schlagephantasie bei Mädchen
also muß einer sehr frühen Kinderzeit angehören.
Einiges an ihnen bleibt in merkwürdiger Weise unbe--
stimmbar, als ob es gleichgiltig wäre. Die kärgliche
Auskunft die man von den Patienten bei der
ersten Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird
geschlagen, erscheint für diese Phase gerechtfertigt.
Allein anderes ist mit Sicherheit bestimmbar und
dann allemal im gleichen Sinne. Das geschlagene Kind
ist nämlich nie das phantasierende,regelmäßig ein
anderes Kind, zumeist ein Geschwisterchen wo ein
solches vorhanden ist. Da dies Bruder oder Schwester
sein kann, kann sich hier auch keine konstante
Beziehung zwischen dem Geschlecht des phantasie--
renden und dem des geschlagenen Kindes ergeben.
Die Phantasie ist also sicherlich keine masochistische;
man möchte sie sadistisch nennen allein man darf
nicht außer Acht lassen, daß das phantasierende
Kind auch niemals selbst das schlagende ist.
Wer in Wirklichkeit die schlagende Person ist, bleibt
zunächst unklar. Es läßt sich nur feststellen: kein
anderes Kind sondern ein Erwachsener. Diese un--
bestimmte erwachsene Person wird dann späterhin
klar und eindeutig als der Vater (des Mädchens)
kenntlich.S.
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diese erste Phase der Schlagephantasie wird also voll wieder--
geben durch den Satz: Der Vater schlägt das Kind. Ich verrate
viel von dem später aufzuzeigenden Inhalt wenn ich
anstatt dessen sage: der Vater schlägt das mir verhaßte Kind.
Man kann übrigens schwankend werden ob man dieser
Vorstufe der späteren Schlagephantasie auch schon den
Charakter einer „Phantasie“ zuerkennen soll.
Es handelt sich vielleicht eher um Erinnerungen an solche
Vorgänge die man mitangesehen hat, an Wünsche
die bei verschiedenen Anlässen aufgetreten
sind, aber diese Zweifel haben keine Wichtigkeit.
Zwischen dieser ersten und der nächsten
Phase haben sich große Umwandlungen vollzogen.
Die schlagende Person ist zwar die nämliche, die des
Vaters geblieben, aber das geschlagene Kind ist ein
anderes geworden, es ist regelmäßig die des phan--
tasierenden Kindes selbst. Die Phantasie ist in hohem
Grade lustbetont und hat sich mit einem bedeut--
samenSinnInhalt erfüllt, dessen Ableitung uns
später beschäftigen wird. Ihr Wortlaut ist jetzt also: Ich
werde vom Vater geschlagen. Sie hat unzweifelhaft
masochistischen Charakter.
Diese zweite Phase ist die wichtigste und folgenschwerste von
allen. Aber man kann in gewissem Sinne von ihr
sagen, sie habe niemals eine reale Existenz gehabt.
Sie wird in keinem Falle erinnert, sie hat es nie
zum Bewußtwerden gebracht. Sie ist eine Konstruktion
der Analyse, aber darum nicht minder eine Not--
wendigkeit.
Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sie hat den
aus der Mitteilung der Patienten bekannten
Wortlaut. Die schlagende Person ist niemals die des
Vaters, sie wird entweder wie in der ersten
Phase unbestimmt gelassen oder in typischer Weise
durch einen Vatervertreter (Lehrer) besetzt. Die
eigene Person des phantasierenden Kindes kommt in
der Schlagephantasie nicht mehr zum Vorschein. Auf
eindringliches Befragen äußern die Patienten nur:
Ich schaue wahrscheinlich zu. Anstatt des einen ge--
schlagenen Kindes sind jetzt meistens viele Kinder
vorhanden. Überwiegend häufig sind es (in den
Phantasien der Mädchen) Buben, die geschlagen
werden, aber auch nicht individuell bekannte. Die
ursprüngliche einfache und monotone Situation des Ge--
schlagenseins kann die mannigfaltigsten Ab--
änderungen und Ausschmückungen erfahren, das
Schlagen selbst durch Strafen und Demütigungen
anderer Art ersetzt werden. Der wesentliche
Charakter aber der auch die einfachsten Phantasien
dieser Phase von denen der ersten unterscheidet,S.
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und der die Beziehung zur mittleren Phase herstellt ist der folgende:
die Phantasie ist jetzt der Träger einerhohenunzweideutig
sexuellen Erregung und vermittelt als solche die onanistische
Befriedigung. Gerade das ist aber das Rätselhafte; auf welchem
Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde
und unbekannte Buben geschlagen werden, zu dem von
da an dauernden Besitz der libidinösen Strebung
des kleinen Mädchens gekommen?
Wir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und
Aufeinanderfolge der drei Phasen der Schlagephan--
tasie wie alle ihreanderenEigentümlichkeiten bisher ganz un--
verständlich geblieben sind.IV.
Führt man die Analyse durch jene frühe Zeiten,
in die die Schlagephantasien verlegt, und aus
denen sie erinnert werden, so zeigt sie das Kind
in die Erregungen seines Elternkomplexes
verstrickt.
Das kleine Mädchen ist zärtlich an den Vater fixiert
der wahrscheinlich alles getan hat um seine Liebe
zu gewinnen und legt dabei den Keim zu einer
Haß- und Konkurrenzeinstellung gegen
die Mutter, die neben einer Strömung von
zärtlicher Anhänglichkeit bestehen kann, und der
vorbehalten ist, mit den Jahren immer stärker und
deutlicher bewußt zu werden oder den Anstoß zu
einer übergroßen reaktiven Liebesbindung an
sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis zur
Mutter knüpft die Schlagephantasie an. Es giebt
in der Kinderstube noch andere Kinder, um ganz
wenige Jahre älter oder jünger, die man aus allen
anderen Gründen, hauptsächlich aber darum nicht
mag, weil man die Liebe der Eltern mit ihnen
teilen soll, und die man darum mit der ganzen
wilden Energie, die dem Gefühlsleben dieser
Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres
Geschwisterchen (wie in 3 von meinen 4 Fällen),
so verachtet man es, außerdem daß man es haßt, und
muß doch zusehen wie es jenen Anteil von
Zärtlichkeit an sich zieht den die verblendeten
Eltern jedesmal für das Jüngste bereit haben.
Man versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn
es nicht sehr wehe tut, eine Absage der Liebe
und eine Demütigung bedeutet. So manches Kind,
das sich für sicher thronend in der unerschütterlichen
Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen einzigen
Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten
Allmacht gestürzt worden. Also ist es eine behagliche
Vorstellung, daß der Vater dieses verhaßte Kind schlägt,
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"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01