• S.

    32

    herausheben, so muß die durch die Geierphantasie erhärtete
    Tatsache, daß Leonardo seine ersten Lebensjahre allein mit
    der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem Einfluß auf
    die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter den
    Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben,
    daß das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem
    mehr vorfand als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft
    über diese Rätsel zu grübeln begann und so frühzeitig ein
    Forscher wurde, den die großen Fragen quälten, woher die
    Kinder kommen und was der Vater mit ihrer Entstehung zu
    tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen seiner
    Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später
    den Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt ge-
    wesen, sich in das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er
    schon in der Wiege von einem Geier heimgesucht worden war.
    Die Wißbegierde, die sich auf den Vogelflug richtete, von der
    infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird eine spätere, un-
    schwer zu erledigende Aufgabe sein.

    III.

    In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns
    das Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zu-
    sammenhang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt
    hatte, warf ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhaltes
    für sein späteres Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit
    stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum dieser
    Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet
    worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt – besser: an der
    das Kind saugt –, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem
    Kinde seinen Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten,
    daß die „Coda“ des Geiers nach gemeinem substituierenden
    Sprachgebrauch gar nichts anderes als ein männliches Genitale,
    einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen nicht, wie die
    Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den mütterlichen
    Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und

  • S.

    33

    werden angesichts dieser Absurdität an der Möglichkeit irre,
    dieses Phantasiegebilde auf einen vernünftigen Sinn zu re-
    duzieren.

    Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde
    Träume haben wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzu-
    gestehen! Warum sollte es bei einer Kindheitsphantasie
    schwieriger werden als bei einem Traum!

    Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich
    eine Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr
    eine zweite, noch auffälligere, zur Seite zu stellen.

    Die geierköpfig gebildete Göttin Mut der Ägypter, eine
    Gestalt von ganz unpersönlichem Charakter, wie Drexler in
    Roschers Lexikon urteilt, wurde häufig mit anderen mütter-
    lichen Gottheiten von lebendigerer Individualität wie Isis und
    Hathor verschmolzen, behielt aber daneben ihre gesonderte
    Existenz und Verehrung. Es war eine besondere Eigentümlich-
    keit des ägyptischen Pantheons, daß die einzelnen Götter nicht
    im Synkretismus untergingen. Neben der Götterkomposition
    blieb die einfache Göttergestalt in ihrer Selbständigkeit bestehen.
    Diese geierköpfige mütterliche Gottheit wurde nun von den
    Ägyptern in den meisten Darstellungen phallisch gebildet38);
    ihr durch die Brüste als weiblich gekennzeichneter Körper trug
    auch ein männliches Glied im Zustande der Erektion.

    Bei der Göttin Mut also dieselbe Vereinigung mütter-
    licher und männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie
    Leonardos! Sollen wir dies Zusammentreffen durch die An-
    nahme aufklären, Leonardo habe aus seinen Bücherstudien
    auch die androgyne Natur des mütterlichen Geiers gekannt?
    Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint, daß die
    ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestimmung
    nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstimmung auf
    ein gemeinsames, hier wie dort wirksames und noch unbekanntes
    Motiv zurückzuführen.

    Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne


    38)Vgl. die Abbildungen bei Lanzone, l. c., T. CXXXVI–VIII.
    Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 3. Aufl.

  • S.

    34

    Bildung, die Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechts-
    charaktere, nicht nur der Mut zukam, sondern auch anderen
    Gottheiten wie der Isis und Hathor, aber diesen vielleicht
    nur, insofern sie auch mütterliche Natur hatten und mit der
    Mut verschmolzen wurden39). Sie lehrt uns ferner, daß andere
    Gottheiten der Ägypter, wie die Neith von Sais, aus der später
    die griechische Athene wurde, ursprünglich androgyn, d. i.
    hermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß das gleiche für
    viele der griechischen Götter besonders aus dem Kreise des
    Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen Liebesgöttin
    eingeschränkten Aphrodite galt. Sie mag dann die Erklärung
    versuchen, daß der dem weiblichen Körper angefügte Phallus
    die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten solle, und daß
    alle diese hermaphroditischen Götterbildungen die Idee aus-
    drücken, erst die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem
    könne eine würdige Darstellung der göttlichen Vollkommenheit
    ergeben. Aber keine dieser Bemerkungen klärt uns das psycho-
    logische Rätsel, daß die Phantasie der Menschen keinen Anstoß
    daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der Mutter ver-
    körpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit gegensätzlichen Zeichen
    der männlichen Kraft zu versehen.

    Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexual-
    theorien. Es hatte allerdings eine Zeit gegeben, in der das
    männliche Genitale mit der Darstellung der Mutter vereinbar
    gefunden wurde. Wenn das männliche Kind seine Wißbegierde
    zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens richtet, wird es
    von dem Interesse für sein eigenes Genitale beherrscht. Es findet
    diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu wichtig, als daß
    es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen, denen es
    sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, daß es noch
    einen anderen, gleichwertigen Typus von Genitalbildung gibt,
    muß es zur Annahme greifen, daß alle Menschen, auch die
    Frauen, ein solches Glied wie er besitzen. Dieses Vorurteil setzt
    sich bei dem jugendlichen Forscher so fest, daß es auch durch

    39) v. Römer, l. c.

  • S.

    35

    die ersten Beobachtungen an den Genitalien kleiner Mädchen
    nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung sagt ihm allerdings, daß
    da etwas anders ist als bei ihm, aber er ist nicht imstande, sich
    als Inhalt dieser Wahrnehmung einzugestehen, daß er beim
    Mädchen das Glied nicht finden könne. Daß das Glied fehlen
    könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche Vorstellung, er
    versucht darum eine vermittelnde Entscheidung: das Glied sei
    auch beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es
    werde später wachsen40). Scheint sich diese Erwartung bei
    späteren Beobachtungen nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm
    ein anderer Ausweg. Das Glied war auch beim kleinen Mädchen
    da, aber es ist abgeschnitten worden, an seine Stelle ist eine
    Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie verwertet
    bereits eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat
    unterdes die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ
    wegnehmen wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich
    betätigt. Unter dem Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet
    er jetzt seine Auffassung des weiblichen Genitales um; er wird
    von nun an für seine Männlichkeit zittern, dabei aber die un-
    glücklichen Geschöpfe verachten, an denen nach seiner Meinung
    die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden ist41).

    Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrations-
    komplexes geriet, zur Zeit, als ihm das Weib noch als voll-
    wertig galt, begann eine intensive Schaulust als erotische Trieb-
    betätigung sich bei ihm zu äußern. Es wollte die Genitalien
    anderer Personen sehen, ursprünglich wahrscheinlich, um sie
    mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische Anziehung, die


    40)Vgl. die Beobachtungen im Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopath.
    Forschungen, Bd. I, 1909, in der Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse und in
    der Kinderecke der »Imago«.

    41)Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, daß hier auch eine Wurzel
    des bei abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so irrationell
    gebärdenden Judenhasses zu suchen ist. Die Beschneidung wird von den
    Menschen unbewußterweise der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen,
    unsere Vermutungen in die Urzeit des Menschengeschlechts zu tragen, kann uns
    ahnen, daß die Beschneidung ursprünglich ein Milderungsersatz, eine Ablösung,
    der Kastration sein sollte.

  • S.

    36

    von der Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der Sehn-
    sucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der
    erst spät erworbenen Erkenntnis, daß das Weib keinen Penis
    besitzt, schlägt diese Sehnsucht oft in ihr Gegenteil um, macht
    einem Abscheu Platz, der in den Jahren der Pubertät zur Ur-
    sache der psychischen Impotenz, der Misogynie, der dauernden
    Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung an das einst
    heiß begehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt unaus-
    löschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes
    Stück infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung
    durchgemacht hat. Die fetischartige Verehrung des weiblichen
    Fußes und Schuhes scheint den Fuß nur als Ersatzsymbol für das
    einst verehrte, seither vermißte Glied des Weibes zu nehmen;
    die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu wissen, die Rolle
    von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der Kastration
    ausführen.

    Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität
    kein richtiges Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Aus-
    kunft greifen, diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären,
    solange man den Standpunkt unserer kulturellen Gering-
    schätzung der Genitalien und der Geschlechtsfunktionen über-
    haupt nicht verläßt. Zum Verständnis des kindlichen Seelen-
    lebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns sind die Geni-
    talien schon seit einer langen Reihe von Generationen die
    Pudenda, Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener
    Sexualverdrängung sogar des Ekels. Wirft man einen um-
    fassenden Blick auf das Sexualleben unserer Zeit, besonders das
    der die menschliche Kultur tragenden Schichten, so ist man ver-
    sucht zu sagen: Widerwillig nur fügen sich die heute Lebenden in
    ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen sich
    dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt.
    Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens unter uns
    vorhanden ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volks-
    schichten zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und
    verfeinerten als kulturell minderwertig und wagt seine Be-
    tätigung nur unter den verbitternden Mahnungen eines schlechten

  • S.

    37

    Gewissens. Anders war es in den Urzeiten des Menschen-
    geschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen der Kultur-
    forscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die Geni-
    talien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden
    waren, göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer
    Funktionen auf alle neu erlernten Tätigkeiten der Menschen
    übertrugen. Ungezählte Göttergestalten erhoben sich durch
    Sublimierung aus ihrem Wesen, und zur Zeit, da der Zusammen-
    hang der offiziellen Religionen mit der Geschlechtstätigkeit
    bereits dem allgemeinen Bewußtsein verhüllt war, bemühten sich
    Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von Eingeweihten lebend zu
    erhalten. Endlich geschah es im Laufe der Kulturentwicklung,
    daß so viel Göttliches und Heiliges aus der Geschlechtlichkeit
    extrahiert war, bis der erschöpfte Rest der Verachtung verfiel.
    Aber bei der Unvertilgbarkeit, die in der Natur aller seelischen
    Spuren liegt, darf man sich nicht verwundern, daß selbst die
    primitivsten Formen von Anbetung der Genitalien bis in ganz
    rezente Zeiten nachzuweisen sind, und daß Sprachgebrauch,
    Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit die Überlebsel
    von allen Phasen dieses Entwicklungsganges enthalten42).

    Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf
    vorbereitet, daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den
    Lauf der Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und
    werden darum nicht unwahrscheinlich finden, was die psycho-
    analytische Erforschung der Kinderseele über die infantile
    Schätzung der Genitalien ergeben hat. Die kindliche An-
    nahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame
    Quelle, aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen
    Gottheiten wie der ägyptischen Mut und die »Coda« des Geiers
    in Leonardos Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese
    Götterdarstellungen nur mißverständlich hermaphroditisch im
    ärztlichen Sinne des Wortes. Keine von ihnen vereinigt die
    wirklichen Genitalien beider Geschlechter, wie sie in manchen

    42)Vgl. Richard Payne Knight, Le culte du Priape. Traduit de l’Anglais,
    Bruxelles 1883.

  • S.

    38

    Mißbildungen vereinigt sind zum Abscheu jedes menschlichen
    Auges; sie fügen bloß den Brüsten als Abzeichen der Mütter-
    lichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in der ersten Vor-
    stellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden war. Die
    Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte
    Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die Hervor-
    hebung des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können
    wir nun so übersetzen: Damals, als sich meine zärtliche Neu-
    gierde auf die Mutter richtete und ich ihr noch ein Genitale wie
    mein eigenes zuschrieb. Ein weiteres Zeugnis für die frühzeitige
    Sexualforschung Leonardos, die nach unserer Meinung aus-
    schlaggebend für sein ganzes späteres Leben wurde.

    Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit
    der Aufklärung des Geierschwanzes in Leonardos Kindheits-
    phantasie nicht begnügen dürfen. Es scheint mehr in ihr ent-
    halten, was wir noch nicht verstehen. Ihr auffälligster Zug war
    doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust in ein Gesäugt-
    werden, also in Passivität und damit in eine Situation von un-
    zweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk
    der historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben
    wie ein homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die
    Frage auf, ob diese Phantasie nicht auf eine ursächliche Be-
    ziehung zwischen Leonardos Kinderverhältnis zu seiner Mutter
    und seiner späteren manifesten, wenn auch ideellen Homo-
    sexualität hinweist. Wir würden uns nicht getrauen, eine solche
    aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu erschließen, wenn
    wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen von
    homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß
    sie eine innige und notwendige ist.

    Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine
    energische Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer
    Sexualbetätigung unternommen haben, lieben es, sich durch
    ihre theoretischen Wortführer als eine von Anfang an gesonderte
    geschlechtliche Abart, als sexuelle Zwischenstufen, als »ein
    drittes Geschlecht« hinstellen zu lassen. Sie seien Männer, denen
    organische Bedingungen vom Keime an das Wohlgefallen am
     

  • S.

    39

    Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt hätten. So gerne man
    nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen unterschreibt,
    so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, die ohne
    Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität
    aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel,
    diese Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homo-
    sexuellen der Probe zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst
    bei einer geringen Zahl von Personen genügen können, aber alle
    bisher vorgenommenen Untersuchungen brachten das nämliche
    überraschende Ergebnis43). Bei allen unseren homosexuellen
    Männern gab es in der ersten, vom Individuum später ver-
    gessenen Kindheit eine sehr intensive erotische Bindung an eine
    weibliche Person, in der Regel an die Mutter, hervorgerufen oder
    begünstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter selbst, ferner
    unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im kindlichen
    Leben. Sadger hebt hervor, daß die Mütter seiner homo-
    sexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit
    energischen Charakterzügen, die den Vater aus der ihm ge-
    bührenden Stellung drängen konnten; ich habe gelegentlich das
    gleiche gesehen, aber stärkeren Eindruck von jenen Fällen
    empfangen, in denen der Vater von Anfang an fehlte oder früh-
    zeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß preis-
    gegeben war. Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhanden-
    sein eines starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung
    in der Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern-
    würde44).

    43) Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. Sadger, die ich aus
    eigener Erfahrung im wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir bekannt,
    daß W. Stekel in Wien und S. Ferenczi in Budapest zu den gleichen Resultaten-
    gekommen sind.

    44) Die psychoanalytische Forschung hat zum Verständnis der Homo-
    sexualität zwei jedem Zweifel entzogene Tatsachen beigebracht, ohne damit die
    Verursachung dieser sexuellen Abirrung erschöpft zu glauben. Die erste ist die
    oben erwähnte Fixierung der Liebesbedürfnisse an die Mutter, die andere ist in
    der Behauptung ausgedrückt, daß jedermann, auch der Normalste, der homo-
    sexuellen Objektwahl fähig ist, sie irgend einmal im Leben vollzogen hat und sie
    in seinem Unbewußten entweder noch festhält oder sich durch energische Gegen-
     

  • S.

    40

    Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren
    Mechanismus uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch
    nicht erfassen. Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte
    Entwicklung nicht mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der
    Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an
    deren Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert und seine
    eigene Person zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er
    seine neuen Liebesobjekte auswählt. Er ist so homosexuell ge-
    worden; eigentlich ist er in den Autoerotismus zurückgeglitten,
    da die Knaben, die der Heranwachsende jetzt liebt, doch nur
    Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen kindlichen
    Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als Kind geliebt
    hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem Wege des
    Narzißmus, da die griechische Sage einen Jüngling Narzißus
    nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene Spiegelbild, und
    der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt wurde.

    kommt zu
    n
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    n
    n

  • S.

    41


    regung auf ein männliches Objekt zu überschreiben und wieder
    holt auf solche Weise immer wieder den Mechanismus, durch
    den er seine Homosexualität erworben hat.

    Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über
    die psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist
    ganz unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homo-
    sexuellen Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen,
    daß sie nicht umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung
    des Problems zu ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen
    Homosexualität heißt, mag aus mannigfaltigen psychosexuellen
    Hemmungsprozessen hervorgehen, und der von uns erkannte
    Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und bezieht sich
    nur auf einen Typus von »Homosexualität«. Wir müssen auch
    zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl
    der Fälle, in denen die von uns geforderten Bedingungen auf
    zeigbar sind, weitaus die jener Fälle übersteigt, in denen der ab-
    geleitete Effekt wirklich eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung
    unbekannter konstitutioneller Faktoren nicht abweisen können,
    von denen man sonst das Ganze der Homosexualität abzuleiten
    pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß gehabt, auf die
    psychische Genese der von uns studierten Form von Homo-
    sexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür
    spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir
    ausgegangen sind, diesem einen Typus der Homosexuellen an-
    gehört.

    So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des
    großen Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich
    doch der Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen
    seiner Zeitgenossen nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte
    dieser Überlieferungen erscheint er uns also als ein Mann, dessen
    sexuelle Bedürftigkeit und Aktivität außerordentlich herabgesetzt
    war, als hätte ein höheres Streben ihn über die gemeine anima-
    lische Not der Menschen erhoben. Es mag dahingestellt bleiben,
    ob er jemals und auf welchem Wege er die direkte sexuelle Be-
    friedigung gesucht, oder ob er ihrer gänzlich entraten konnte.
    Wir haben aber ein Recht, auch bei ihm nach jenen Gefühls-

  • S.

    42

    strömungen zu suchen, die andere gebieterisch zur sexuellen
    Tat drängen, denn wir können kein menschliches Seelenleben
    glauben, an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im
    weitesten Sinne, die Libido, ihren Anteil hätte, mag dasselbe
    sich auch weit vom ursprünglichen Ziel entfernt oder von der
    Ausführung zurückgehalten haben.

    Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung
    werden wir bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen
    aber nach einer Richtung und gestatten, ihn noch den Homo-
    sexuellen zuzurechnen. Es wurde von jeher hervorgehoben,
    daß er nur auffällig schöne Knaben und Jünglinge zu seinen
    Schülern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen sie, be-
    sorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie
    eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn
    betreut haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht
    nach ihrem Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von
    ihnen: Cesare da Sesto, G. Boltraffio, Andrea Salaino,
    Francesco Melzi u. a., ein bedeutender Maler. Meist brachten
    sie es nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom Meister zu erringen,
    sie verschwanden nach seinem Tode, ohne der Kunstgeschichte
    eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die anderen,
    die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler nennen
    durften, wie Luini und Bazzi, genannt Sodoma, hat er wahr-
    scheinlich persönlich nicht gekannt.

    Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben,
    das Verhalten Leonardos gegen seine Schüler habe mit ge-
    schlechtlichen Motiven überhaupt nichts zu tun und gestatte
    keinen Schluß auf seine sexuelle Eigenart. Dagegen wollen wir
    mit aller Vorsicht geltend machen, daß unsere Auffassung einige
    sonderbare Züge im Benehmen des Meisters aufklärt, die sonst
    rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein Tagebuch; er
    machte in seiner kleinen, von rechts nach links geführten Schrift
    Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem
    Tagebuch redete er sich bemerkenswerterweise mit »du« an:
    »Lerne bei Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln45).«

    45)Edm. Solmi, Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung, 1908, p. 152.

  • S.

    43

    »Laß dir vom Meister d’Abacco die Quadratur des Zirkels
    zeigen45).« – Oder bei ‚Anlaß einer Reise46): »Ich gehe meiner
    Gartenangelegenheit wegen nach Mailand . . . Lasse zwei Trag-
    säcke machen. Lasse dir die Drechselbank von Boltraffio zeigen
    und einen Stein darauf bearbeiten. – Lasse das Buch dem
    Meister Andrea il Todesco47).« ‚Oder, ein Vorsatz von ganz
    anderer Bedeutung: »Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen,
    daß die Erde ein Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und
    so den Adel unserer Welt zu erweisen48).«

    In diesem Tagebuch, welches übrigens – wie die Tage-
    bücher anderer Sterblicher – oft die bedeutsamsten Begeben-
    heiten des Tages nur mit wenigen Worten streift oder völlig
    verschweigt, finden sich einige Eintragungen, die ihrer Sonder-
    barkeit wegen von allen Biographen Leonardos zitiert werden.
    Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben des Meisters von
    einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem philiströs
    gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die
    Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und
    nichts sonst dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft
    verstanden habe. Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen
    neuen Mantel, den er dem Schüler Andrea Salaino gekauft49):

    »Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi
    Roten samt zum Besatz 9 »
    Schnüre – » 9 »
    Knöpfe – » 12 »

    Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Aus-
    gaben zusammen, die ihm ein anderer Schüler50) durch seine

    45)Siehe Note 45 auf S. 42.

    46)Solmi, Leonardo da Vinci, p. 203.

    47)Leonardo benimmt sich dabei wie jemand, der gewöhnt war, einer anderen
    Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich jetzt diese Person durch das
    Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das gewesen sein mag, siehe bei
    Mereschkowski, S. 367.

    48)M. Herzfeld, Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI.

    49)Der Wortlaut nach Mereschkowski, l. c., p. 282.

    50)oder Modell.

  • S.

    44

    schlechten Eigenschaften und seine Neigung zum Diebstahl ver-
    ursacht: »Am Tage 21 des April 1490 begann ich dieses Buch
    und begann wieder das Pferd51). Jacomo kam zu mir am
    Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren. (Rand-
    bemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am
    zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar
    Hosen und einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite legte,
    um genannte Sachen zu bezahlen, stahl er mir das Geld aus der
    Geldtasche, und war es nie möglich, ihn das beichten zu machen,
    obwohl ich davon eine wahre Sicherheit hatte (Randnote:
    4 Lire . . .).« So geht der Bericht über die Missetaten des
    Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung: »Im ersten
    Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6;
    4 Paar Strümpfe, Lire 7 usw.52)«

    Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als
    die Rätsel im Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen
    Schwächen und Eigenheiten ergründen zu wollen, pflegen an
    diese sonderbaren Verrechnungen eine Bemerkung anzuknüpfen,
    welche die Güte und Nachsicht des Meisters gegen seine Schüler
    betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos Benehmen,
    sondern die Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben
    hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das
    Motiv zuschreiben kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in
    die Hände zu spielen, müssen wir die Annahme machen, daß
    ein anderes, affektives Motiv ihn zu diesen Niederschriften ver-
    anlaßt hat. Es ist nicht leicht zu erraten, welches, und wir
    würden keines anzugeben wissen, wenn nicht eine andere unter
    Leonardos Papieren gefundene Rechnung ein helles Licht auf
    diese seltsam kleinlichen Notizen über Schülerkleidungen u. dgl.
    würfe53):


    51)Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza.

    52)Der volle Wortlaut bei M. Herzfeld, l. c., p. XLV.

    53)Mereschkowski, l. c., p. 372. – Als betrübenden Beleg für die Un-
    sicherheit der ohnedies spärlichen Nachrichten über Leonardos intimes Leben
    erwähne ich, daß die gleiche Kostenrechnung bei Solmi (deutsche Übersetzung,
    p. 104) mit erheblichen Abänderungen wiedergegeben ist. Am bedenklichsten

  • S.

    45

    »Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der

    Katharina. 27 florins

    2 Pfund Wachs. 18 »

    Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes. 19 »

    Leichenträger. 4 »

    Leichenträger. 8 »

    An 4 Geistliche und 4 Kleriker. 20 »

    Glockenläuten. 2 »

    Den Totengräbern. 16 »

    Für die Genehmigung – den Beamten. 1 »

    Summa. 108 florins

    Frühere Auslagen:

    Dem Arzt. 4 florins

    Für Zucker und Lichte 12. 16 »

    Summa Summarum. 124 florins.

    Der Dichter Mereschkowski ist der einzige, der uns zu
    sagen weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen
    Notizen erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme
    Bäuerin aus Vinci, im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war,
    um ihren damals 41jährigen Sohn zu besuchen, daß sie dort er-
    krankte, von Leonardo im Spital untergebracht, und als sie starb,
    von ihm unter so ehrenvollem Aufwand zu Grabe gebracht
    worden sei54).

    Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Roman-
    schreibers nicht, aber sie kann auf so viel innere Wahrschein-
    lichkeit Anspruch machen, stimmt so gut zu allem, was wir
    sonst von Leonardos Gefühlsbetätigung wissen, daß ich mich
    nicht enthalten kann, sie als richtig anzuerkennen. Er hatte

    erscheint, daß die Florins in ihr durch Soldi ersetzt sind. Man darf annehmen,
    daß in dieser Rechnung Florins nicht die alten »Goldgulden«, sondern die später
    gebräuchliche Rechnungsgröße, die 1⅔ Lire oder 33⅓ Soldi gleichkommt, bedeuten.
    – Soldi macht die Katharina zu einer Magd, die Leonardos Hauswesen durch
    eine gewisse Zeit geleitet hatte. Die Quelle, aus der die beiden Darstellungen dieser
    Rechnung geschöpft haben, wurde mir nicht zugänglich.

    54)»Katharina ist am 16. Juli 1493 eingetroffen.« – »Giovannina – ein
    märchenhaftes Gesicht – frage bei Katharina im Krankenhause nach.«

  • S.

    46

    es zustande gebracht, seine Gefühle unter das Joch der
    Forschung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben zu
    hemmen; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unter-
    drückte sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst so
    heiß geliebten Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung über
    die Begräbniskosten haben wir die bis zur Unkenntlichkeit ent-
    stellte Äußerung der Trauer um die Mutter vor uns. Wir ver-
    wundern uns, wie solche Entstellung zustande kommen konnte,
    und können es auch unter den Gesichtspunkten der normalen
    seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber unter den abnormen
    Bedingungen der Neurosen und ganz besonders der sogenannten
    Zwangsneurose ist uns ähnliches wohlbekannt. Dort sehen
    wir die Äußerung intensiver, aber durch Verdrängung unbewußt
    gewordener Gefühle auf geringfügige, ja läppische Verrichtungen
    verschoben. Es ist den widerstrebenden Mächten gelungen, den
    Ausdruck dieser verdrängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß
    man die Intensität dieser Gefühle für eine höchst geringfügige
    einschätzen müßte; aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem
    sich diese kleinliche Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich
    die wirkliche, im Unbewußten wurzelnde Macht der Regungen,
    die das Bewußtsein verleugnen möchte. Nur ein solcher An-
    klang an das Geschehen bei der Zwangsneurose kann die
    Leichenkostenrechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter er-
    klären. Im Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch
    erotisch gefärbte Neigung an sie gebunden; der Widerstreit der
    später eingetretenen Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete
    nicht, daß ihr im Tagebuche ein anderes, würdigeres Denkmal
    gesetzt werde, aber was sich als Kompromiß aus diesem neu-
    rotischen Konflikt ergab, das mußte ausgeführt werden, und
    so wurde die Rechnung eingetragen und kam als Unbegreiflich-
    keit zur Kenntnis der Nachwelt.

    Es scheint kein Wagnis, die an der Leichenrechnung ge-
    wonnene Einsicht auf die Schülerkostenrechnungen zu über-
    tragen. Demnach wäre auch dies ein Fall, in dem sich bei
    Leonardo die spärlichen Reste libidinöser Regungen zwangsartig
    einen entstellten Ausdruck schufen. Die Mutter und die Schüler,

  • S.

    47

    die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften Schönheit, wären
    seine Sexualobjekte gewesen – soweit sie sein Wesen be-
    herrschende Sexualverdrängung eine solche Kennzeichnung zu-
    läßt –, und der Zwang, die für sie gemachten Ausgaben mit
    peinlicher Ausführlichkeit zu notieren, wäre der befremdliche
    Verrat dieser rudimentären Konflikte. Es würde sich so er-
    geben, daß Leonardos Liebesleben wirklich dem Typus von
    Homosexualität angehört, dessen psychische Entwicklung wir
    aufdecken konnten, und das Auftreten der homosexuellen Situa-
    tion in seiner Geierphantasie würde uns verständlich, denn es
    besagte nichts anderes, als was wir vorhin von jenem Typus
    behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese
    erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller ge-
    worden55).

    IV.

    Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest.
    In Worten, welche nur allzu deutlich an die Beschreibung eines
    Sexualaktes anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz
    gegen meine Lippen gestoßen«), betont Leonardo die Intensität
    der erotischen Beziehungen zwischen Mutter und Kind. Es hält
    nicht schwer, aus dieser Verbindung der Aktivität der Mutter
    (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mundzone einen zweiten
    Erinnerungsinhalt der Phantasie zu erraten. Wir können über-
    setzen: Die Mutter hat mir ungezählte leidenschaftliche Küsse
    auf den Mund gedrückt. Die Phantasie ist zusammengesetzt aus
    der Erinnerung an das Gesäugtwerden und an das Geküßt-
    werden durch die Mutter.

    Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine ge-
    heimsten, ihm selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöp-
    fungen zum Ausdruck zu bringen, welche die Anderen, dem

    55)Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei Leonardo
    äußern darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören den aus der Analerotik
    hervorgegangenen Charakterzügen an. Vgl.: Charakter und Analerotik in der
    Zweiten Folge meiner Sammlung zur Neurosenlehre, 1909.