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    Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die Gestalten sind wieder
    mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne der Geierphantasie,
    es sind schöne Jünglinge von weiblicher Zartheit mit weibischen
    Formen; sie schlagen die Augen nicht nieder, sondern blicken
    geheimnisvoll triumphierend, als wüßten sie von einem großen
    Glückserfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte be-
    rückende Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis ist.
    Möglich, daß Leonardo in diesen Gestalten das Unglück seines
    Liebeslebens verleugnet und künstlerisch überwunden hat, in-
    dem er die Wunscherfüllung des von der Mutter betörten
    Knaben in solch seliger Vereinigung von männlichem und weib-
    lichem Wesen darstellte.

    V.

    Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos
    findet sich eine, die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen
    eines winzigen formalen Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers
    festhält:

    Er schreibt im Juli 1504:

    »Adi 9 di Luglio 1504 mercoledì a ore 7 morì Ser Piero
    da Vinci, notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7.
    Era d’età d’anni 80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine72).«

    Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos.
    Die kleine Irrung in ihrer Form besteht darin, daß die Zeit-
    bestimmung »a ore 7« zweimal wiederholt wird, als hätte
    Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß er sie zu Anfang
    bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, aus der ein
    anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde. Viel-
    leicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam
    gemacht, würde er sagen: Das kann in der Zerstreutheit oder
    im Affekt jedem passieren und hat weiter keine Bedeutung.

    Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu
    klein als Äußerung verborgener seelischer Vorgänge; er hat
    längst gelernt, daß solches Vergessen oder Wiederholen be-

    72)Nach E. Müntz, l. c., p. 13, Anmerkung.

  • S.

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    deutungsvoll ist, und daß man es der »Z zerstreutheit« danken
    muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener Regungen gestattet.
    Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die
    Leichenrechnung der Catarina, die Kostenrechnungen der
    Schüler, einem Falle, in dem Leonardo die Unterdrückung
    seiner Affekte mißglückte und das lange Verhohlene sich einen
    entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form ist eine ähn-
    liche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche Vordring-
    lichkeit der Zahlen73).

    Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration.
    Sie ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Be-
    tonung anzuzeigen. Man denke z. B. an die Zornesrede des
    heiligen Petrus gegen seinen unwürdigen Stellvertreter auf
    Erden in Dantes Paradiso74):

    »Quegli ch’usurpa in terra il luogo mio
    Il luogo mio, il luogo mio, che vaca
    Nella presenza del Figliuol di Dio,

    Fatto ha del cimiterio mio cloaca.«

    Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im
    Tagebuch etwa lauten können: Heute um 7 Uhr starb mein
    Vater, Ser Piero da Vinci, mein armer Vater! Aber die Ver-
    schiebung der Perseveration auf die gleichgültigste Bestimmung
    der Todesnachricht, auf die Sterbestunde, raubt der Notiz
    jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß hier etwas
    zu verbergen und zu unterdrücken war.

    Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren,
    war ein Mann von großer Lebenskraft, der es zu Ansehen
    und Wohlstand brachte. Er war viermal verheiratet, die beiden
    ersten Frauen starben ihm kinderlos weg, erst von der dritten
    erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn, als Leonardo bereits

    73)Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging, indem
    er dem 77jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen.

    74)Canto, XXVII, V. 22–25.

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    24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst gegen das Atelier
    seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte; mit der vierten und
    letzten Frau, die er bereits als Fünfziger geheiratet hatte, zeugte
    er noch neun Söhne und zwei Töchter75).

    Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Ent-
    wicklung Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur
    negativ, durch seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des
    Knaben, sondern auch unmittelbar durch seine Gegenwart in
    dessen späterer Kindheit. Wer als Kind die Mutter begehrt,
    der kann es nicht vermeiden, sich an die Stelle des Vaters setzen
    zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm zu identifizieren
    und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe zu machen.
    Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins großväterliche Haus
    aufgenommen wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera
    an die Stelle seiner Mutter in seinem Fühlen, und er kam in
    jenes normal zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die
    Entscheidung zur Homosexualität tritt bekanntlich erst in der
    Nähe der Pubertätsjahre auf. Als diese für Leonardo gefallen
    war, verlor die Identifizierung mit dem Vater jede Bedeutung
    für sein Sexualleben, setzte sich aber auf anderen Gebieten
    von nicht erotischer Betätigung fort. Wir hören, daß er Prunk
    und schöne Kleider liebte, sich Diener und Pferde hielt, obwohl
    er nach V a s a r i s Worten »fast nichts besaß und wenig ar-
    beitete«; wir werden nicht allein seinen Schönheitssinn für
    diese Vorlieben verantwortlich machen, wir erkennen in ihnen
    auch den Zwang, den Vater zu kopieren und zu übertreffen.
    Der Vater war gegen das arme Bauernmädchen der vornehme
    Herr gewesen, daher verblieb in dem Sohne der Stachel, auch
    den vornehmen Herrn zu spielen, der Drang »t o out-
    h e r o d H e r o d«, dem Vater vorzuhalten, wie erst die richtige Vornehm-
    heit aussehe.

    Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke
    gewiß auch als Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte

    75)Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuchstelle sich auch in der Anzahl
    seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit derselben in einem
    merkwürdigen Gegensatze steht.

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    die Identifizierung mit dem Vater eine verhängnisvolle Folge.
    Er schuf sie und kümmerte sich nicht mehr um sie, wie sein
    Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. Die spätere Sorge
    des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, denn dieser
    leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab,
    und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar
    durch spätere Erfahrungen.

    Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler – wie
    auch noch viel später – eines hohen Herrn und Gönners,
    eines Padrone, der ihm Aufträge gab, in dessen Händen sein
    Schicksal ruhte. Leonardo fand seinen Padrone in dem hoch-
    strebenden, prachtliebenden, diplomatisch verschlagenen, aber
    unsteten und unverläßlichen Lodovico Sforza, zubenannt:
    il Moro. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er die glän-
    zendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er
    am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl
    und das Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ablegten.
    Er verließ Mailand, ehe die Katastrophe über Lodovico Moro
    hereinbrach, der als Gefangener in einem französischen Kerker
    starb. Als die Nachricht vom Schicksal seines Gönners Leo-
    nardo erreichte, schrieb er in sein Tagebuch: »Der Herzog verlor
    sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit, und keines der Werke
    die er unternommen, wurde zu Ende geführt76).« Es ist merk-
    würdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen seinen
    Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen
    ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vater-
    reihe dafür verantwortlich machen, daß er selbst seine Werke
    unvollendet ließ. In Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog
    nicht Unrecht.

    Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler
    schädigte, so war die Auflehnung gegen den Vater die infantile
    Bedingung seiner vielleicht ebenso großartigen Leistung als For-
    scher. Er glich, nach dem schönen Gleichnis Mereschkowskis,


    76)»Il duca perse lo stato e la roba e libertà e nessuna sua opera si fini per
    lui.« – v. Seidlitz, l. c., II, p. 270.

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    einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war,
    während die anderen noch alle schliefen77). Er wagte es, den
    kühnen Satz auszusprechen, der doch die Rechtfertigung jeder
    freien Forschung enthält: Wer im Streite der Meinungen
    sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem
    Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand78). So wurde
    er der erste moderne Naturforscher, und eine Fülle von Erkennt-
    nissen und Ahnungen belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der
    Griechen als der erste, nur auf Beobachtung und eigenes Urteil
    gestützt, an die Geheimnisse der Natur zu rühren. Aber wenn er
    die Autorität geringschätzen und die Nachahmung der »Alten«
    verwerfen lehrte und immer wieder auf das Studium der Natur
    als auf die Quelle aller Wahrheit hinwies, so wiederholte er nur
    in der höchsten, dem Menschen erreichbaren Sublimierung die
    Parteinahme, die sich bereits dem kleinen, verwundert in die
    Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte. Aus der wissen-
    schaftlichen Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung
    rückübersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch
    nur dem Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige
    Mutter, die ihn genährt hatte. Während bei den meisten anderen
    Menschenkindern – auch noch heute wie in Urzeiten – das Be-
    dürfnis nach dem Anhalt an irgend eine Autorität so gebiete-
    risch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken gerät, wenn diese
    Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser Stütze
    entbehren; er hätte es nicht können, wenn er nicht in den
    ersten Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten.
    Die Kühnheit und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaft-
    lichen Forschung setzt die vom Vater ungehemmte infantile
    Sexualforschung voraus und setzt sie unter Abwendung vom
    Sexuellen fort.

    Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der Ein-
    schüchterung durch den Vater entgangen ist und in seiner
    Forschung die Fesseln der Autorität abgeworfen hat, so wäre


    77)L. c., p. 348.

    78)Chi disputa allegando l’autorità non adopra l’ingegno ma
    piuttosto la memoria; Solmi, Conf. fior., p. 13.

  • S.

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    es der grellste Widerspruch gegen unsere Erwartung, wenn
    wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläubiger geblieben ist
    und es nicht vermocht hat, sich der dogmatischen Religion zu
    entziehen. Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammen-
    hang zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit
    kennen gelehrt, hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott psycho-
    logisch nichts anderes ist als ein erhöhter Vater, und führt uns
    täglich vor Augen, wie jugendliche Personen den religiösen
    Glauben verlieren, sobald die Autorität des Vaters bei ihnen
    zusammenbricht. Im Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel
    des religiösen Bedürfnisses; der allmächtige, gerechte Gott und
    die gütige Natur erscheinen uns als großartige Sublimierungen
    von Vater und Mutter, vielmehr als Erneuerungen und Wieder-
    herstellungen der frühkindlichen Vorstellungen von beiden. Die
    Religiösität führt sich biologisch auf die lang anhaltende Hilf-
    losigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes zu-
    rück, welches, wenn es später seine wirkliche Verlassenheit
    und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt hat,
    seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und deren
    Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen
    Schutzmächte zu verleugnen sucht. Der Schutz gegen neuro-
    tische Erkrankung, den die Religion ihren Gläubigen gewährt,
    erklärt sich leicht daraus, daß sie ihnen den Elternkomplex
    abnimmt, an dem das Schuldbewußtsein des einzelnen wie der
    ganzen Menschheit hängt, und ihn für sie erledigt, während
    der Ungläubige mit dieser Aufgabe allein fertig werden muß.
    Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auf-
    fassung der religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen
    könnte. Anklagen, die ihn des Unglaubens, oder, was jener
    Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom Christenglauben be-
    schuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten und haben
    in der ersten Lebensbeschreibung, die Vasari von ihm gab,
    einen bestimmten Ausdruck gefunden79). In der zweiten Aus-
    gabe seiner Vite 1568 hat Vasari diese Bemerkungen weg--

    79)Müntz, l. c., La religion de Léonard, l. c., p. 292 u. ff.

  • S.

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    gelassen. Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo
    angesichts der außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeit-
    alters in religiösen Dingen sich direkter Äußerungen über
    seine Stellung zum Christentum auch in seinen Aufzeichnungen
    enthielt. Als Forscher ließ er sich durch die Schöpfungs-
    berichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten beirren; er
    bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut und
    rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen
    mit Jahrhunderttausenden.

    Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche,
    die das Feingefühl eines gläubigen Christen beleidigen müßten,
    z. B.80): Die Bilder der Heiligen angebetet.

    »Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts
    vernehmen, welche die Augen offen haben und nicht sehen;
    sie werden zu diesen reden und keine Antwort bekommen;
    sie werden Gnaden erbitten von dem, welcher Ohren hat und
    nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, der blind ist.«
    Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297).

    »In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften
    geweint werden um den Tod eines einzigen Mannes, der im
    Orient gestorben.«

    Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen
    Gestalten den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm
    und sie ins Menschliche zog, um große und schöne menschliche
    Empfindungen an ihnen darzustellen. Muther rühmt von ihm,
    daß er die Dekadenzstimmung überwand und den Menschen
    das Recht auf Sinnlichkeit und frohen Lebensgenuß wiedergab.
    In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die Ergründung
    der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an Äuße-
    rungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund
    all dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf
    hin, daß er eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht
    festhalten wollte. Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit
    seiner letzten Lebensjahre gelegt hat, atmen die Resignation

    80)Nach Herzfeld, p. 292.

  • S.

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    des Menschen, der sich der 'Ἀνάγκη, den Gesetzen der Natur,
    unterwirft und von der Güte oder Gnade Gottes keine Milderung
    erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo die dogmatische
    wie die persönliche Religion überwunden und sich durch seine
    Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen
    Christen entfernt hatte.

    Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Ent-
    wicklung des kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme
    nahe gelegt, daß auch Leonardos erste Forschungen im Kindes-
    alter sich mit den Problemen der Sexualität beschäftigten. Er
    verrät es uns aber selbst in durchsichtiger Verhüllung, indem
    er seinen Forscherdrang an die Geierphantasie knüpft und
    das Problem des Vogelfluges als eines hervorhebt, das ihm
    durch besondere Schicksalsverkettung zur Bearbeitung zu-
    gefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung klingende
    Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug behandeln,
    bezeugt aufs schönste, mit wie viel Affektinteresse er an dem
    Wunsche hing, die Kunst des Fliegens selbst nachahmen zu
    können: »Es wird seinen ersten Flug nehmen der große Vogel,
    vom Rücken seines großen Schwanes aus, das Universum mit
    Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhme füllen und ewige
    Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward81).« Er hoffte wahr-
    scheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir wissen aus
    den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche Selig-
    keit man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet.

    Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegen-
    können? Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil
    das Fliegen oder Vogel sein nur die Verhüllung eines anderen
    Wunsches ist, zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche
    und sachliche Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen
    Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die
    kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus geflügelt gebildet
    haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechts-


    81)Nach M. Herzfeld, L. d. V., p. 32. »Der große Schwan« soll einen Hügel,
    Monte Cecero, bei Florenz bedeuten.

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    67

    tätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das Glied
    des Mannes bei den Italienern direkt l’uccello (Vogel) heißt,
    so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zu-
    sammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu
    können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht,
    geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein82). Es ist dies ein
    frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene seiner Kindheit
    gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in der man
    sich des Augenblicks freute und wunschlos der Zukunft ent-
    gegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder
    selbst, wenn sie früher Auskunft geben könnten, würden wahr-
    scheinlich anderes berichten. Es scheint, daß die Kindheit
    nicht jenes selige Idyll ist, zu dem wir es nachträglich entstellen,
    daß die Kinder vielmehr von dem einen Wunsch, groß zu
    werden, es den Erwachsenen gleich zu tun, durch die Jahre der
    Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch treibt alle ihre
    Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer Sexualforschung,
    daß der Erwachsene auf dem einen rätselvollen und doch so
    wichtigen Gebiete etwas Großartiges kann, was ihnen zu wissen
    und zu tun versagt ist, so regt sich in ihnen ein ungestümer
    Wunsch, dasselbe zu können, und sie träumen davon in der
    Form des Fliegens oder bereiten diese Einkleidung des Wunsches
    für ihre späteren Flugträume vor. So hat also auch die Aviatik,
    die in unseren Zeiten endlich ihr Ziel erreicht, ihre infantile
    erotische Wurzel.

    Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem
    des Fliegens von Kindheit an eine besondere persönliche Be-
    ziehung verspürt hat, bestätigt er uns, daß seine Kinder-
    forschung auf Sexuelles gerichtet war, wie wir es nach unseren
    Untersuchungen an den Kindern unserer Zeit vermuten mußten.
    Dies eine Problem wenigstens hatte sich der Verdrängung ent-
    zogen, die ihn später der Sexualität entfremdete; von den
    Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten intellektuellen Reife

    82)Nach den Untersuchungen von Paul Federn und denen von Mourly
    Vold (1912), einem norwegischen Forscher, welcher der Psychoanalyse ferne stand.

  • S.

    68

    war ihm das nämliche mit leichter Sinnesabänderung interessant
    geblieben, und es ist sehr wohl möglich, daß ihm die gewünschte
    Kunst im primären sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im
    mechanischen, daß beide für ihn versagte Wünsche blieben.

    Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben
    über in manchen Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen
    Männer etwas Infantiles bewahren müssen. Er spielte auch
    als Erwachsener weiter und wurde auch dadurch manchmal
    seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich. Wenn er zu
    höfischen Festlichkeiten und feierlichen Empfängen die kunst-
    vollsten mechanischen Spielereien verfertigte, so sind nur wir
    damit unzufrieden, die den Meister nicht gern seine Kraft an
    solchen Tand wenden sehen; er selbst scheint sich nicht ungern
    mit diesen Dingen abgegeben zu haben, denn Vasari berichtet,
    daß er ähnliches machte, wo kein Auftrag ihn dazu nötigte:
    »Dort (in Rom) verfertigte er einen Teig von Wachs und
    formte daraus, wenn er fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft
    gefüllt; blies er hinein, so flogen sie, war die Luft heraus, so
    fielen sie zur Erde. Einer seltsamen Eidechse, welche der
    Winzer von Belvedere fand, machte er Flügel aus der ab-
    gezogenen Haut anderer Eidechsen, welche er mit Quecksilber
    füllte, so daß sie sich bewegen und zittern, wenn sie ging;
    sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat
    sie in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in
    Furcht88).« Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck
    inhaltschwerer Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines
    Hammels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen Hand
    hätte halten können; diese trug er in ein großes Zimmer, brachte
    in eine anstoßende Stube ein paar Schmiedeblasebälge, be-
    festigte daran die Därme und blies sie auf, bis sie das ganze
    Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte. So
    zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt
    wurden, und indem sie, anfangs auf einen kleinen Platz be-
    schränkt, sich mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten,

    88)Vasari, übersetzt von Schorn, 1843.

  • S.

    69


    verglichen er sie dem Genie84).« Dieselbe spielerische Lust am
    harmlosen Verbergen und kunstvollen Einkleiden bezeugen seine
    Fabeln und Rätsel, letztere in die Form von »Prophezeiungen«
    gebracht, fast alle gedankenreich und in bemerkenswertem
    Maße des Witzes entbehrend.

    Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie ge-
    stattete, haben in einigen Fällen seine Biographen, die diesen
    Charakter verkannten, in argen Irrtum gebracht. In den Mai-
    länder Manuskripten Leonardos finden sich z. B. Entwürfe zu
    Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien), Statthalter des
    heiligen Sultan von Babylonia«, in denen Leonardo sich als
    Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt
    wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vor-
    wurf der Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von
    Städten und Bergen liefert und endlich ein großes Elementar-
    ereignis schildert, das dort in Leonardos Anwesenheit vor-
    gefallen ist85).

    J. P. Richter hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken
    zu beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste des
    Sultans von Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt und
    selbst im Orient die mohammedanische Religion angenommen
    habe. Dieser Aufenthalt sollte in die Zeit vor 1483, also vor
    der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von Mailand fallen.
    Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer geworden,
    die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das zu er-
    kennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produktionen
    des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unter-
    haltung schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt
    zu sehen und Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte.

    Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Aca-
    demia Vinciana«, deren Annahme auf dem Vorhandensein von
    fünf oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen


    84)Ebenda, p. 39.

    85)Über diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen siehe: Müntz,
    l. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie anschließender Aufzeich-
    nungen bei M. Herzfeld, l. c., p. 223 u. ff.

  • S.

    70

    mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt diese
    Zeichnungen, aber nicht die Akademie86). Müntz, der ein
    solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
    werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
    einer »Academia Vinciana« glauben.

    Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
    in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
    tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
    seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
    kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
    reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
    wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.

    VI.

    Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
    Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ab-
    lehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
    graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
    nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
    es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
    die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
    Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
    Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
    setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
    Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum Vor-
    wurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er niemals
    versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Widerstrebens
    sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Erwägung zieht,
    daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren Helden
    fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien ge-
     

    86) »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurge-
    flechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen konnte,
    bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige und schöne
    Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest:
    »Leonardus Vinci Academia« (p. 8).