S.
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mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt diese
Zeichnungen, aber nicht die Akademie86). Müntz, der ein
solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
einer »Academia Vinciana« glauben.Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.VI.
Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ab-
lehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum Vor-
wurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er niemals
versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Widerstrebens
sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Erwägung zieht,
daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren Helden
fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien ge-
86) »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurge-
flechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen konnte,
bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige und schöne
Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest:
»Leonardus Vinci Academia« (p. 8).S.
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wählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühls
lebens von vornherein eine besondere Affektion entgegen-
brachten. Sie geben sich dann einer Idealisierungsarbeit hin,
die bestrebt ist, den großen Mann in die Reihe ihrer infantilen
Vorbilder einzutragen, etwa die kindliche Vorstellung des Vaters
in ihm neu zu beleben. Sie löschen diesem Wunsche zuliebe die
individuellen Züge in seiner Physiognomie aus, glätten die
Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren Wider-
ständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche
oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte,
fremde Idealgstalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt
verwandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun,
denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und verzichten
zugunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Gelegenheit, in die
reizvollsten Geheimnisse der menschlichen Natur einzudringen87).
Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem
Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen
Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen
seiner seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten.
Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträchtigt
seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine
Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente zu-
sammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Miß-
glückens eingeprägt haben.
Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals
zu den Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte
Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir
es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene Gesichts-
punkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vorurteilen fest,
die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir glauben nicht
mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale und Nervöse,
scharf voneinander zu sondern sind, und daß neurotische
Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt
87)Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die Biographen
Leonardos besonders zielen.S.
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werden müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Sym-
ptome Ersatzbildungen für gewisse Verdrängungsleistungen sind,
welche wir im Laufe unserer Entwicklung vom Kinde bis zum
Kulturmenschen zu vollbringen haben, daß wir alle solche Er-
satzbildungen produzieren, und daß nur die Anzahl, Intensität
und Verteilung dieser Ersatzbildungen den praktischen Begriff
des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle Minder-
wertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leo-
nardos Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neuro-
tischen Typus stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen,
sein Forschen mit dem »Grübelzwang« der Neurotiker, seine
Hemmungen mit den sogenannten Abulien derselben vergleichen.Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen
in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätig-
keit. Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzu-
fassen, was wir über den Verlauf seiner psychischen Entwick-
lung erraten konnten.Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns ver-
sagt, dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände
seiner Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben.
Seine illegitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht zum fünften
Jahre dem Einflusse des Vaters und überläßt ihn der zärtlichen
Verführung einer Mutter, deren einziger Trost er ist. Von ihr
zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß er wohl in eine
Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von welcher
nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität
seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtriebe werden
durch seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt;
die erogene Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr
abgibt. Aus dem später gegenteiligen Verhalten, wie dem über-
großen Mitleid mit Tieren, können wir schließen, daß es in dieser
Kindheitsperiode an kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte.Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kind-
lichen Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest,
die in den Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen werden.
Die Abwendung von jeder grobsinnlichen Betätigung wird dasS.
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auffälligste Ergebnis der Umwandlung sein; Leonardo wird
abstinent leben können und den Eindruck eines asexuellen
Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung
über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank
machen, indem sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatz-
bildungen nötigen; der größere Anteil der Bedürftigkeit des
Geschlechtstriebes wird sich dank der frühzeitigen Bevorzugung
der sexuellen Wißbegierde zu allgemeinem Wissensdrang subli-
mieren können und so der Verdrängung ausweichen. Ein weit
geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen zugewendet
bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwach-
senen repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur
Mutter wird dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt
werden und sich als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Un-
bewußten bleibt die Fixierung an die Mutter und an die seligen
Erinnerungen des Verkehrs mit ihr bewahrt, verharrt aber vorläufig
in inaktivem Zustand. In solcher Weise teilen sich Verdrängung,
Fixierung und Sublimierung in die Verfügung über die Beiträge,
welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos leistet.Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler,
Maler und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Be-
gabung, die der frühzeitigen Erweckung des Schaustriebes in
den ersten Kinderjahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne
würden wir angeben wollen, in welcher Weise sich die
künstlerische Betätigung auf die seelischen Triebe zurück-
führt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden.
Wir bescheiden uns, die kaum mehr zweifelhafte Tatsache
hervorzuheben, daß das Schaffen des Künstlers auch seinem
sexuellen Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo auf die
von Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß Köpfe von
lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen
seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Ver-
suchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo
zunächst ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren
Lebensführung den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er
eine Zeit von männlicher Schaffenskraft und künstlerischerS.
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Produktivität in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im
Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber bald
bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten
Bedingungen für die Betätigung der sublimierten sexuellen
Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht
sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Ent-
schluß beginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und
Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl störend be-
merkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik
das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht
sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen
bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertätsentfal-
tung seines Wesens zum Künstler wird durch die frühinfantil-
bedingte zum Forscher überholt, die zweite Sublimierung seiner
erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, bei der ersten
Verdrängung vorbereitete zurück. Er wird zum Forscher, zu-
erst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr
und von ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden
Gönners und der zunehmenden Verdüsterung im Leben greift
diese regressive Ersetzung immer mehr um sich. Er wird »im-
patientissimo al pennello«, wie ein Korrespondent der Mark-
gräfin Isabella d’Este berichtet, die durchaus noch ein Bild
von seiner Hand besitzen will88). Seine kindliche Vergangen-
heit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm
nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge
an sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe
kennzeichnen, die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit,
den Mangel an Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren,
zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits
rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido noch
einen energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue Wandlung
über ihn. Noch tiefere Schichten seines seelischen Inhaltes
88) v. Seidlitz, II, p. 271.
S.
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werden von neuem aktiv; aber diese weitere Regression kommt
seiner Kunst zugute, die im Verkümmern war. Er begegnet
dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und
sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter
dem Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder,
der ihn zu Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die
lächelnden Frauen bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die
heilige Anna selbdritt und die Reihe der geheimnisvollen, durch
das rätselhafte Lächeln ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner
urältesten erotischen Regungen feiert er den Triumph, die
Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu überwinden. Diese
letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel des heran-
nahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu den
höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden
Weltanschauung aufgeschwungen.Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt,
was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leo-
nardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und Auf-
klärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissenschaft
berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen auch
bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil hervor-
rufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman ge-
schrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit
dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie andere
der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätsel-
haften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige triebhafte
Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur so merk-
würdig gedämpft äußern können.Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben
sein mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoana-
lytisch zu ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine
andere Aufgabe erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein
die Grenzen abstecken, welche der Leistungsfähigkeit der
Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind, damit uns nicht
jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg ausgelegt werde.
Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als Material dieS.
76
Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die Zu-
fälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits
die berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre
Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht sie nun das
Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen dynamisch zu
ergründen, seine ursprünglichen seelischen Triebkräfte aufzu-
decken sowie deren spätere Umwandlungen und Entwicklungen.
Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der Persönlichkeit durch
das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, inneren
Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches
Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine ge-
sicherten Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der
fehlerhaften oder unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse,
sondern an der Unsicherheit und Lückenhaftigkeit des Materials,
welches die Überlieferung für diese Person beistellt. Für das
Mißglücken ist also nur der Autor verantwortlich zu machen, der
die Psychoanalyse genötigt hat, auf so unzureichendes Material
hin ein Gutachten abzugeben.Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das histo-
rische Material und bei gesichertster Handhabung der psy-
chischen Mechanismen würde eine psychoanalytische Unter-
suchung an zwei bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Not-
wendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum nur so
und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo
die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegi-
timen Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den ent-
scheidendsten Einfluß auf seine Charakterbildung und sein
späteres Schicksal übten, indem die nach dieser Kindheitsphase
eintretende Sexualverdrängung ihn zur Sublimierung der Libido
in Wissensdrang veranlaßte und seine sexuelle Inaktivität fürs
ganze spätere Leben feststellte. Aber diese Verdrängung nach
den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit hätte nicht
eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum viel-
leicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig aus-
gefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen,
der psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. EbensowenigS.
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darf man den Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den
einzig möglichen Ausgang hinstellen wollen. Einer anderen
Person wäre es wahrscheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil
der Libido der Verdrängung durch die Sublimierung zur Wiß-
begierde zu entziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie
Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denk-
arbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangs-
neurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leo-
nardos erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische
Bemühung: seine ganz besondere Neigung zu Triebverdrän-
gungen und seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung
der primitiven Triebe.Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das
die Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der
biologischen Forschung den Platz. Verdrängungsneigung sowie
Sublimierungsfähigkeit sind wir genötigt, auf die organischen
Grundlagen des Charakters zurückzuführen, über welche erst
sich das seelische Gebäude erhebt. Da die künstlerische Be-
gabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung innig zu-
sammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der
künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist.
Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Haupt-
züge der organischen Konstitution eines Menschen durch die
Vermengung männlicher und weiblicher Anlagen im stofflichen
Sinne zu erklären; die Körperschönheit wie die Linkshändig-
keit Leonardos gestatteten hier manche Anlehnung. Doch wir
wollen den Boden rein psychologischer Forschung nicht ver-
lassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des Zusammenhanges
zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person über
den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch
die Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so
macht sie uns doch die Äußerungen und die Einschränkungen
derselben verständlich. Scheint es doch, als hätte nur ein Mann
mit den Kindheitserlebnissen Leonardos die Monna Lisa und
die heilige Anna selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige
Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung als Natur-S.
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forscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen
Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie
vom Geier verborgen.Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen
einer Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstel-
lation einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines
Menschen einräumt, das Schicksal Leonardos z. B. von seiner
illegitimen Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten Stief-
mutter Donna Albiera abhängig macht? Ich glaube, man hat
kein Recht dazu; wenn man den Zufall für unwürdig hält,
über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall
in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich
nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter
Gott und eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen
Einwirkungen in unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir
vergessen dabei gern, daß eigentlich alles an unserem Leben
Zufall ist, von unserer Entstehung an durch das Zusammen-
treffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der darum doch an
der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen An-
teil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen
entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen
den »Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zu-
fälligkeiten« unserer Kindheit mag im einzelnen noch un-
gesichert sein, im ganzen läßt sich aber ein Zweifel an der
Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre nicht mehr
festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor der
Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnen-
den Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Er-
fahrung traten« (La natura è piena d’infinite ragioni che non
furono mai in isperienza.)89) Jeder von uns Menschenwesen ent-
spricht einem der ungezählten Experimente, in denen diese
ragioni der Natur sich in die Erfahrung drängen.89) M. Herzfeld, l. c., p. 11.
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Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci1910-002/1923
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