• S.

    70

    mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt diese
    Zeichnungen, aber nicht die Akademie86). Müntz, der ein
    solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
    werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
    einer »Academia Vinciana« glauben.

    Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
    in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
    tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
    seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
    kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
    reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
    wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.

    VI.

    Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
    Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ab-
    lehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
    graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
    nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
    es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
    die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
    Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
    Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
    setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
    Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum Vor-
    wurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er niemals
    versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Widerstrebens
    sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Erwägung zieht,
    daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren Helden
    fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien ge-
     

    86) »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurge-
    flechte zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen konnte,
    bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige und schöne
    Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man die Worte liest:
    »Leonardus Vinci Academia« (p. 8).

  • S.

    71

    wählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühls
    lebens von vornherein eine besondere Affektion entgegen-
    brachten. Sie geben sich dann einer Idealisierungsarbeit hin,
    die bestrebt ist, den großen Mann in die Reihe ihrer infantilen
    Vorbilder einzutragen, etwa die kindliche Vorstellung des Vaters
    in ihm neu zu beleben. Sie löschen diesem Wunsche zuliebe die
    individuellen Züge in seiner Physiognomie aus, glätten die
    Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren Wider-
    ständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche
    oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte,
    fremde Idealgstalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt
    verwandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun,
    denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und verzichten
    zugunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Gelegenheit, in die
    reizvollsten Geheimnisse der menschlichen Natur einzudringen87).
     

     

     

     

     

    Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem
    Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen
    Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen
    seiner seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten.
    Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträchtigt
    seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine
    Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente zu-
    sammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Miß-
    glückens eingeprägt haben.
     

     

     

     

     

    Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals
    zu den Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte
    Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir
    es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene Gesichts-
    punkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vorurteilen fest,
    die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir glauben nicht
    mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale und Nervöse,
    scharf voneinander zu sondern sind, und daß neurotische
    Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt
     

    87)Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die Biographen
    Leonardos besonders zielen.

  • S.

    72

    werden müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Sym-
    ptome Ersatzbildungen für gewisse Verdrängungsleistungen sind,
    welche wir im Laufe unserer Entwicklung vom Kinde bis zum
    Kulturmenschen zu vollbringen haben, daß wir alle solche Er-
    satzbildungen produzieren, und daß nur die Anzahl, Intensität
    und Verteilung dieser Ersatzbildungen den praktischen Begriff
    des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle Minder-
    wertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leo-
    nardos Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neuro-
    tischen Typus stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen,
    sein Forschen mit dem »Grübelzwang« der Neurotiker, seine
    Hemmungen mit den sogenannten Abulien derselben vergleichen.

    Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen
    in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätig-
    keit. Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzu-
    fassen, was wir über den Verlauf seiner psychischen Entwick-
    lung erraten konnten.

    Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns ver-
    sagt, dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände
    seiner Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben.
    Seine illegitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht zum fünften
    Jahre dem Einflusse des Vaters und überläßt ihn der zärtlichen
    Verführung einer Mutter, deren einziger Trost er ist. Von ihr
    zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß er wohl in eine
    Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von welcher
    nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität
    seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtriebe werden
    durch seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt;
    die erogene Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr
    abgibt. Aus dem später gegenteiligen Verhalten, wie dem über-
    großen Mitleid mit Tieren, können wir schließen, daß es in dieser
    Kindheitsperiode an kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte.

    Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kind-
    lichen Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest,
    die in den Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen werden.
    Die Abwendung von jeder grobsinnlichen Betätigung wird das

  • S.

    73

    auffälligste Ergebnis der Umwandlung sein; Leonardo wird
    abstinent leben können und den Eindruck eines asexuellen
    Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung
    über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank
    machen, indem sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatz-
    bildungen nötigen; der größere Anteil der Bedürftigkeit des
    Geschlechtstriebes wird sich dank der frühzeitigen Bevorzugung
    der sexuellen Wißbegierde zu allgemeinem Wissensdrang subli-
    mieren können und so der Verdrängung ausweichen. Ein weit
    geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen zugewendet
    bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwach-
    senen repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur
    Mutter wird dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt
    werden und sich als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Un-
    bewußten bleibt die Fixierung an die Mutter und an die seligen
    Erinnerungen des Verkehrs mit ihr bewahrt, verharrt aber vorläufig
    in inaktivem Zustand. In solcher Weise teilen sich Verdrängung,
    Fixierung und Sublimierung in die Verfügung über die Beiträge,
    welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos leistet.

    Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler,
    Maler und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Be-
    gabung, die der frühzeitigen Erweckung des Schaustriebes in
    den ersten Kinderjahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne
    würden wir angeben wollen, in welcher Weise sich die
    künstlerische Betätigung auf die seelischen Triebe zurück-
    führt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden.
    Wir bescheiden uns, die kaum mehr zweifelhafte Tatsache
    hervorzuheben, daß das Schaffen des Künstlers auch seinem
    sexuellen Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo auf die
    von Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß Köpfe von
    lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen
    seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Ver-
    suchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo
    zunächst ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren
    Lebensführung den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er
    eine Zeit von männlicher Schaffenskraft und künstlerischer

  • S.

    74

    Produktivität in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im
    Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber bald
    bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
    Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten
    Bedingungen für die Betätigung der sublimierten sexuellen
    Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht
    sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Ent-
    schluß beginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und
    Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl störend be-
    merkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik
    das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht
    sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen
    bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertätsentfal-
    tung seines Wesens zum Künstler wird durch die frühinfantil-
    bedingte zum Forscher überholt, die zweite Sublimierung seiner
    erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, bei der ersten
    Verdrängung vorbereitete zurück. Er wird zum Forscher, zu-
    erst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr
    und von ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden
    Gönners und der zunehmenden Verdüsterung im Leben greift
    diese regressive Ersetzung immer mehr um sich. Er wird »im-
    patientissimo al pennello«, wie ein Korrespondent der Mark-
    gräfin Isabella d’Este berichtet, die durchaus noch ein Bild
    von seiner Hand besitzen will88). Seine kindliche Vergangen-
    heit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm
    nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge
    an sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe
    kennzeichnen, die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit,
    den Mangel an Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.

    Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren,
    zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits
    rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido noch
    einen energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue Wandlung
    über ihn. Noch tiefere Schichten seines seelischen Inhaltes


    88) v. Seidlitz, II, p. 271.

  • S.

    75


    werden von neuem aktiv; aber diese weitere Regression kommt
    seiner Kunst zugute, die im Verkümmern war. Er begegnet
    dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und
    sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter
    dem Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder,
    der ihn zu Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die
    lächelnden Frauen bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die
    heilige Anna selbdritt und die Reihe der geheimnisvollen, durch
    das rätselhafte Lächeln ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner
    urältesten erotischen Regungen feiert er den Triumph, die
    Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu überwinden. Diese
    letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel des heran-
    nahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu den
    höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden
    Weltanschauung aufgeschwungen.

    Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt,
    was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leo-
    nardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und Auf-
    klärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissenschaft
    berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen auch
    bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil hervor-
    rufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman ge-
    schrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit
    dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie andere
    der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätsel-
    haften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige triebhafte
    Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur so merk-
    würdig gedämpft äußern können.

    Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben
    sein mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoana-
    lytisch zu ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine
    andere Aufgabe erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein
    die Grenzen abstecken, welche der Leistungsfähigkeit der
    Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind, damit uns nicht
    jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg ausgelegt werde.
    Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als Material die

  • S.

    76

    Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die Zu-
    fälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits
    die berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre
    Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht sie nun das
    Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen dynamisch zu
    ergründen, seine ursprünglichen seelischen Triebkräfte aufzu-
    decken sowie deren spätere Umwandlungen und Entwicklungen.
    Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der Persönlichkeit durch
    das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, inneren
    Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches
    Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine ge-
    sicherten Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der
    fehlerhaften oder unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse,
    sondern an der Unsicherheit und Lückenhaftigkeit des Materials,
    welches die Überlieferung für diese Person beistellt. Für das
    Mißglücken ist also nur der Autor verantwortlich zu machen, der
    die Psychoanalyse genötigt hat, auf so unzureichendes Material
    hin ein Gutachten abzugeben.

    Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das histo-
    rische Material und bei gesichertster Handhabung der psy-
    chischen Mechanismen würde eine psychoanalytische Unter-
    suchung an zwei bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Not-
    wendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum nur so
    und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo
    die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegi-
    timen Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den ent-
    scheidendsten Einfluß auf seine Charakterbildung und sein
    späteres Schicksal übten, indem die nach dieser Kindheitsphase
    eintretende Sexualverdrängung ihn zur Sublimierung der Libido
    in Wissensdrang veranlaßte und seine sexuelle Inaktivität fürs
    ganze spätere Leben feststellte. Aber diese Verdrängung nach
    den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit hätte nicht
    eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum viel-
    leicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig aus-
    gefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen,
    der psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig

  • S.

    77

    darf man den Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den
    einzig möglichen Ausgang hinstellen wollen. Einer anderen
    Person wäre es wahrscheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil
    der Libido der Verdrängung durch die Sublimierung zur Wiß-
    begierde zu entziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie
    Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denk-
    arbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangs-
    neurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leo-
    nardos erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische
    Bemühung: seine ganz besondere Neigung zu Triebverdrän-
    gungen und seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung
    der primitiven Triebe.

    Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das
    die Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der
    biologischen Forschung den Platz. Verdrängungsneigung sowie
    Sublimierungsfähigkeit sind wir genötigt, auf die organischen
    Grundlagen des Charakters zurückzuführen, über welche erst
    sich das seelische Gebäude erhebt. Da die künstlerische Be-
    gabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung innig zu-
    sammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der
    künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist.
    Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Haupt-
    züge der organischen Konstitution eines Menschen durch die
    Vermengung männlicher und weiblicher Anlagen im stofflichen
    Sinne zu erklären; die Körperschönheit wie die Linkshändig-
    keit Leonardos gestatteten hier manche Anlehnung. Doch wir
    wollen den Boden rein psychologischer Forschung nicht ver-
    lassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des Zusammenhanges
    zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person über
    den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch
    die Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so
    macht sie uns doch die Äußerungen und die Einschränkungen
    derselben verständlich. Scheint es doch, als hätte nur ein Mann
    mit den Kindheitserlebnissen Leonardos die Monna Lisa und
    die heilige Anna selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige
    Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung als Natur-

  • S.

    78

    forscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen
    Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie
    vom Geier verborgen.

    Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen
    einer Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstel-
    lation einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines
    Menschen einräumt, das Schicksal Leonardos z. B. von seiner
    illegitimen Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten Stief-
    mutter Donna Albiera abhängig macht? Ich glaube, man hat
    kein Recht dazu; wenn man den Zufall für unwürdig hält,
    über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall
    in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
    selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich
    nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter
    Gott und eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen
    Einwirkungen in unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir
    vergessen dabei gern, daß eigentlich alles an unserem Leben
    Zufall ist, von unserer Entstehung an durch das Zusammen-
    treffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der darum doch an
    der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen An-
    teil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen
    entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen
    den »Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zu-
    fälligkeiten« unserer Kindheit mag im einzelnen noch un-
    gesichert sein, im ganzen läßt sich aber ein Zweifel an der
    Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre nicht mehr
    festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor der
    Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnen-
    den Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Er-
    fahrung traten« (La natura è piena d’infinite ragioni che non
    furono mai in isperienza.)89) Jeder von uns Menschenwesen ent-
    spricht einem der ungezählten Experimente, in denen diese
    ragioni der Natur sich in die Erfahrung drängen.

    89) M. Herzfeld, l. c., p. 11.