• S.

    III

    In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das
    Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammen-
    hang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf
    ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhalts für sein späteres
    Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit stoßen wir nun auf
    das befremdliche Problem, warum dieser Erinnerungsinhalt in
    eine homosexuelle Situation umgearbeitet worden ist. Die Mutter,
    die das Kind säugt, – besser: an der das Kind saugt, – ist in
    einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen Schwanz in
    den Mund steckt. Wir behaupten, daß die „Coda“ des Geiers
    nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes
    als ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber
    wir verstehen nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen
    kann, gerade den mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der
    Männlichkeit auszustatten, und werden angesichts dieser Absurdität
    an der Möglichkeit irre, dieses Phantasiegebilde auf einen ver-
    nünftigen Sinn zu reduzieren.

    Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde
    Träume haben wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen!
    Warum sollte es bei einer Kindheitsphantasie schwieriger werden
    als bei einem Traum!

    Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine

  • S.

    406

    Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine
    zweite, noch auffälligere, zur Seite zu stellen.

    Die geierköpfig gebildete Göttin Mut der Ägypter, eine Gestalt
    von ganz unpersönlichem Charakter, wie Drexler in Roschers
    Lexikon urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen Gottheiten
    von lebendigerer Individualität wie Isis und Hathor verschmolzen,
    behielt aber daneben ihre gesonderte Existenz und Verehrung.
    Es war eine besondere Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons,
    daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus untergingen.
    Neben der Götterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in
    ihrer Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gott-
    heit wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellungen
    phallisch gebildet,1) ihr durch die Brüste als weiblich gekenn-
    zeichneter Körper trug auch ein männliches Glied im Zustande
    der Erektion.

    Bei der Göttin Mut also dieselbe Vereinigung mütterlicher und
    männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen
    wir dies Zusammentreffen durch die Annahme aufklären, Leonardo
    habe aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des
    mütterlichen Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als
    fraglich; es scheint, daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser
    merkwürdigen Bestimmung nichts enthielten. Es liegt wohl näher,
    die Übereinstimmung auf ein gemeinsames, hier wie dort wirk-
    sames und noch unbekanntes Motiv zurückzuführen.

    Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung,
    die Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere,
    nicht nur der Mut zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie
    der Isis und Hathor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch
    mütterliche Natur hatten und mit der Mut verschmolzen wurden.2)
    Sie lehrt uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die
    Neith von Sais, aus der später die griechische Athene wurde,

    1)Vgl. die Abbildungen bei Lanzone, l. c., T. CXXXVI–VIII.

    2)v. Römer, l. c.

  • S.

    407

    ursprünglich androgyn, d. i. hermaphroditisch aufgefaßt wurden,
    und daß das gleiche für viele der griechischen Götter be-
    sonders aus dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später
    zur weiblichen Liebesgöttin eingeschränkte Aphrodite galt.
    Sie mag dann die Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen
    Körper angefügte Phallus die schöpferische Urkraft der Natur
    bedeuten solle, und daß alle diese hermaphroditischen Götter-
    bildungen die Idee ausdrücken, erst die Vereinigung von Männ-
    lichem und Weiblichem könne eine würdige Darstellung der
    göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser Bemerkungen
    klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der Menschen
    keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der
    Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit gegensätzlichen
    Zeichen der männlichen Kraft zu versehen.

    Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexualtheorien.
    Es hatte allerdings eine Zeit gegeben, in der das männliche Genitale
    mit der Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn
    das männliche Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des
    Geschlechtslebens richtet, wird es von dem Interesse für sein
    eigenes Genitale beherrscht. Es findet diesen Teil seines Körpers
    zu wertvoll und zu wichtig, als daß es glauben könnte, er würde
    anderen Personen fehlen, denen es sich so ähnlich fühlt. Da es
    nicht erraten kann, daß es noch einen anderen, gleichwertigen
    Typus von Genitalbildung gibt, muß es zur Annahme greifen,
    daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches Glied wie er
    besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen Forscher
    so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den
    Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung
    sagt ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber
    er ist nicht imstande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzu-
    gestehen, daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne.
    Daß das Glied fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche
    Vorstellung, er versucht darum eine vermittelnde Entscheidung:

  • S.

    408

    das Glied sei auch beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch
    sehr klein; es werde später wachsen.1) Scheint sich diese Erwartung
    bei späteren Beobachtungen nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm
    ein anderer Ausweg. Das Glied war auch beim kleinen Mädchen
    da, aber es ist abgeschnitten worden, an seine Stelle ist eine
    Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie verwertet bereits
    eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat unterdes
    die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen
    wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter
    dem Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine
    Auffassung des weiblichen Genitales um; er wird von nun an
    für seine Männlichkeit zittern, dabei aber die unglücklichen
    Geschöpfe verachten, an denen nach seiner Meinung die grausame
    Bestrafung bereits vollzogen worden ist.2)

    Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes
    geriet, zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann
    eine intensive Schaulust als erotische Triebbetätigung sich bei ihm
    zu äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ur-
    sprünglich wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen.
    Die erotische Anziehung, die von der Person der Mutter ausging,
    gipfelte bald in der Sehnsucht nach ihrem für einen Penis
    gehaltenen Genitale. Mit der erst spät erworbenen Erkenntnis,
    daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt diese Sehnsucht oft in
    ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der in den Jahren
    der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der Misogynie,
    der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung

    1)Vgl. die Beobachtungen im „Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen“
    in der „Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse“ und in der „Imago“.

    2)Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, daß hier auch eine Wurzel des bei
    abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so irrationell gebärdenden
    Judenhasses zu suchen ist. Die Beschneidung wird von den Menschen unbewußterweise
    der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen, unsere Vermutungen in die Urzeit
    des Menschengeschlechts zu tragen, kann uns ahnen, daß die Beschneidung ursprünglich
    ein Milderungsersatz, eine Ablösung, der Kastration sein sollte.

  • S.

    409

    an das einst heißbegehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinter-
    läßt unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches
    jenes Stück infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung
    durchgemacht hat. Die fetischartige Verehrung des weiblichen
    Fußes und Schuhes scheint den Fuß nur als Ersatzsymbol für
    das einst verehrte, seither vermißte Glied des Weibes zu nehmen;
    die „Zopfabschneider“ spielen, ohne es zu wissen, die Rolle von
    Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der Kastration
    ausführen.

    Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein
    richtiges Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft
    greifen, diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange
    man den Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der
    Genitalien und der Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt.
    Zum Verständnis des kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher
    Analogien. Für uns sind die Genitalien schon seit einer langen
    Reihe von Generationen die Pudenda, Gegenstände der Scham,
    und bei weiter gediehener Sexualverdrängung sogar des Ekels.
    Wirft man einen umfassenden Blick auf das Sexualleben unserer
    Zeit, besonders das der die menschliche Kultur tragenden Schichten,
    so ist man versucht zu sagen: Widerwillig nur fügen sich die
    heute Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung
    und fühlen sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt
    und herabgesetzt. Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens
    unter uns vorhanden ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen
    Volksschichten zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und
    verfeinerten als kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung
    nur unter den verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens.
    Anders war es in den Urzeiten des Menschengeschlechts. Aus
    den mühseligen Sammlungen der Kulturforscher kann man sich
    die Überzeugung holen, daß die Genitalien ursprünglich der Stolz
    und die Hoffnung der Lebenden waren, göttliche Verehrung
    genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf alle neu er-
    scheinen.

  • S.

    410

    lernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte Götter-
    gestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und
    zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit
    der Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein ver-
    hüllt war, bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von
    Eingeweihten lebend zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe
    der Kulturentwicklung, daß so viel Göttliches und Heiliges aus
    der Geschlechtlichkeit extrahiert war, bis der erschöpfte Rest der
    Verachtung verfiel. Aber bei der Unvertilgbarkeit, die in der Natur
    aller seelischen Spuren liegt, darf man sich nicht verwundern,
    daß selbst die primitivsten Formen von Anbetung der Genitalien
    bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind, und daß Sprach-
    gebrauch, Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit die
    Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges enthalten.1)

    Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vor-
    bereitet, daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf
    der Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden
    darum nicht unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische
    Erforschung der Kinderseele über die infantile Schätzung der
    Genitalien ergeben hat. Die kindliche Annahme des mütterlichen
    Penis ist nun die gemeinsame Quelle, aus der sich die androgyne
    Bildung der mütterlichen Gottheiten wie der ägyptischen Mut
    und die „Coda“ des Geiers in Leonardos Kindheitsphantasie ab-
    leiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen nur mißver-
    ständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des Wortes. Keine
    von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider Geschlechter,
    wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum Abscheu
    jedes menschlichen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als Ab-
    zeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es
    in der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter
    vorhanden war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfäng-

    1)Vgl. Richard Payne Knight, Le culte du Priape. Traduit de l’Anglais,
    Bruxelles 1885.

  • S.

    411

    lich phantasierte Körperbildung der Mutter für die Gläubigen
    erhalten. Die Hervorhebung des Geierschwanzes in der Phantasie
    Leonardos können wir nun so übersetzen: Damals, als sich meine
    zärtliche Neugierde auf die Mutter richtete und ich ihr noch
    ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein weiteres Zeugnis
    für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die nach unserer
    Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben wurde.

    Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit
    der Aufklärung des Geierschwanzes in Leonardos Kindheits-
    phantasie nicht genügen dürfen. Es scheint mehr in ihr ent-
    halten, was wir noch nicht verstehen. Ihr auffälligster Zug war
    doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust in ein Gesäugt-
    werden, also in Passivität und damit in eine Situation von un-
    zweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der
    historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben
    wie ein homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die
    Frage auf, ob diese Phantasie nicht auf eine ursächliche Be-
    ziehung zwischen Leonardos Kinderverhältnis zu seiner Mutter
    und seiner späteren manifesten, wenn auch ideellen Homo-
    sexualität hinweist. Wir würden uns nicht getrauen, eine solche
    aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu erschließen, wenn
    wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen von homo-
    sexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie
    eine innige und notwendige ist.

    Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine ener-
    gische Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexual-
    betätigung unternommen haben, lieben es, sich durch ihre
    theoretischen Wortführer als eine von Anfang an gesonderte
    geschlechtliche Abart, als sexuelle Zwischenstufen, als ein „drittes
    Geschlecht“ hinstellen zu lassen. Sie seien Männer, denen
    organische Bedingungen vom Keime an das Wohlgefallen am
    Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt hätten. So gerne man
    nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen unterschreibt,

  • S.

    412

    so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, die ohne
    Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität
    aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel,
    diese Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen
    der Probe zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer
    geringen Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher
    vorgenommenen Untersuchungen brachten das nämliche über-
    raschende Ergebnis.1) Bei allen unseren homosexuellen Männern
    gab es in der ersten, vom Individuum später vergessenen Kind-
    heit eine sehr intensive erotische Bindung an eine weibliche
    Person, in der Regel an die Mutter, hervorgerufen oder be-
    günstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter selbst, ferner
    unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im kindlichen
    Leben. Sadger hebt hervor, daß die Mütter seiner homo-
    sexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit ener-
    gischen Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden
    Stellung drängen konnten; ich habe gelegentlich das gleiche
    gesehen, aber stärkeren Eindruck von jenen Fällen empfangen,
    in denen der Vater von Anfang an fehlte oder frühzeitig weg-
    fiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß preisgegeben war.
    Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein eines starken
    Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der Objektwahl
    für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde.2)

    1)Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. Sadger, die ich aus eigener
    Erfahrung im wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir bekannt, daß W. Stekel
    in Wien und S. Ferenczi in Budapest zu den gleichen Resultaten gekommen sind.

    2)Die psychoanalytische Forschung hat zum Verständnis der Homosexualität zwei
    jedem Zweifel entzogene Tatsachen beigebracht, ohne damit die Verursachung dieser
    sexuellen Abirrung erschöpft zu glauben. Die erste ist die oben erwähnte Fixierung
    der Liebesbedürfnisse an die Mutter, die andere ist in der Behauptung ausgedrückt,
    daß jedermann, auch der Normalste, der homosexuellen Objektwahl fähig ist, sie
    irgend einmal im Leben vollzogen hat und sie in seinem Unbewußten entweder noch
    festhält oder sich durch energische Gegeneinstellungen gegen sie versichert. Diese
    beiden Feststellungen machen sowohl dem Anspruch der Homosexuellen, als ein
    „drittes Geschlecht“ anerkannt zu werden, als auch der für bedeutsam gehaltenen
    Unterscheidung zwischen angeborener und erworbener Homosexualität ein Ende. Das

  • S.

    413

    Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren
    Mechanismus uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch
    nicht erfassen. Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte
    Entwicklung nicht mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der
    Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an
    deren Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert und seine
    eigene Person zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er
    seine neuen Liebesobjekte auswählt. Er ist so homosexuell ge-
    worden; eigentlich ist er in den Autoerotismus zurückgeglitten,
    da die Knaben, die der Heranwachsende jetzt liebt, doch nur
    Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen kindlichen
    Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als Kind geliebt
    hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem Wege des
    Narzißmus, da die griechische Sage einen Jüngling Narzissus
    nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene Spiegelbild, und
    der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt wurde.

    Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die
    Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene
    im Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert
    bleibt. Durch die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert
    er dieselbe in seinem Unbewußten und bleibt von nun an der
    Mutter treu. Wenn er als Liebhaber Knaben nachzulaufen scheint,
    so läuft er in Wirklichkeit vor den anderen Frauen davon, die
    ihn untreu machen könnten. Wir haben auch durch direkte
    Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar nur
    für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung,
    die vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er
    beeilt sich jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf
    ein männliches Objekt zu überschreiben und wiederholt auf solche

    Vorhandensein von somatischen Zügen des anderen Geschlechts (der Betrag von
    physischem Hermaphroditismus) ist für das Manifestwerden der homosexuellen Objekt-
    wahl sehr förderlich, aber nicht entscheidend. Man muß es mit Bedauern aussprechen,
    daß die Vertreter der Homosexuellen in der Wissenschaft aus den gesicherten Er-
    mittlungen der Psychoanalyse nichts zu lernen verstanden.

  • S.

    414

    Weise immer wieder den Mechanismus, durch den er seine Homo
    sexualität erworben hat.

    Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über
    die psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist
    ganz unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homo-
    sexuellen Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß
    sie nicht umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung
    des Problems zu ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen
    Homosexualität heißt, mag aus mannigfaltigen psychosexuellen
    Hemmungsprozessen hervorgehen, und der von uns erkannte
    Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und bezieht sich
    nur auf einen Typus von „Homosexualität“. Wir müssen auch
    zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl
    der Fälle, in denen die von uns geforderten Bedingungen auf
    zeigbar sind, weitaus die jener Fälle übersteigt, in denen der
    abgeleitete Effekt wirklich eintritt, so daß auch wir die Mit-
    wirkung unbekannter konstitutioneller Faktoren nicht abweisen
    können, von denen man sonst das Ganze der Homosexualität
    abzuleiten pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß gehabt,
    auf die psychische Genese der von uns studierten Form von Homo-
    sexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür
    spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausge-
    gangen sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört.
    So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen
    Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der
    Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeit-
    genossen nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Über-
    lieferungen erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle
    Bedürftigkeit und Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als
    hätte ein höheres Streben ihn über die gemeine animalische Not
    der Menschen erhoben. Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals
    und auf welchem Wege er die direkte sexuelle Befriedigung ge-
    sucht, oder ob er ihrer gänzlich entraten konnte. Wir haben aber

  • S.

    415

    des Leonardo da Vinci

    ein Recht, auch bei ihm nach jenen Gefühlsströmungen zu suchen,
    die andere gebieterisch zur sexuellen Tat drängen, denn wir können
    kein menschliches Seelenleben glauben, an dessen Aufbau nicht
    das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, die Libido, ihren Anteil
    hätte, mag dasselbe sich auch weit vom ursprünglichen Ziel ent-
    fernt oder von der Ausführung zurückgehalten haben.

    Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung
    werden wir bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen
    aber nach einer Richtung und gestatten, ihn noch den Homo-
    sexuellen zuzurechnen. Es wurde von jeher hervorgehoben, daß
    er nur auffällig schöne Knaben und Jünglinge zu seinen Schülern
    nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen sie, besorgte sie und
    pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie eine Mutter ihre
    Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut haben mochte.
    Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem Talent
    ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto,
    G. Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi und
    andere, ein bedeutender Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre
    Selbständigkeit vom Meister zu erringen, sie verschwanden nach
    seinem Tode, ohne der Kunstgeschichte eine bestimmte Phy-
    siognomie zu hinterlassen. Die anderen, die sich nach ihrem
    Schaffen mit Recht seine Schüler nennen durften, wie Luini
    und Bazzi, genannt Sodoma, hat er wahrscheinlich persönlich
    nicht gekannt.

    Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben,
    das Verhalten Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlecht-
    lichen Motiven überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen
    Schluß auf seine sexuelle Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller
    Vorsicht geltend machen, daß unsere Auffassung einige sonderbare
    Züge im Benehmen des Meisters aufklärt, die sonst rätselhaft
    bleiben müßten. Leonardo führte ein Tagebuch; er machte in
    seiner kleinen, von rechts nach links geführten Schrift Aufzeich-
    nungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem Tagebuch

  • S.

    416

    redete er sich bemerkenswerterweise mit „du“ an: „Lerne bei
    Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln.“1

    „Laß dir vom Meister d’Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen.“2
    – Oder bei Anlaß einer Reise:3 „Ich gehe meiner Gartenange-
    legenheit wegen nach Mailand . . . Lasse zwei Tragsäcke machen.
    Lasse dir die Drechselbank von Boltraffio zeigen und einen Stein
    darauf bearbeiten. – Lasse das Buch dem Meister Andrea il
    Todesco.“4 Oder, ein Vorsatz von ganz anderer Bedeutung: „Du hast
    in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein Stern ist, wie der
    Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu erweisen.“5

    In diesem Tagebuch, welches übrigens – wie die Tagebücher
    anderer Sterblicher – oft die bedeutsamsten Begebenheiten des
    Tages nur mit wenigen Worten streift oder völlig verschweigt,
    finden sich einige Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen
    von allen Biographen Leonardos zitiert werden. Es sind Aufzeich-
    nungen über kleine Ausgaben des Meisters von einer peinlichen
    Exaktheit, als sollten sie von einem philiströs gestrengen und
    sparsamen Hausvater herrühren, während die Nachweise über die
    Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst dafür
    spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe.
    Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er
    dem Schüler Andrea Salaino gekauft:6

    Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi
    Roten Samt zum Besatz 9 „ – „
    Schnüre – „ 9 „
    Knöpfe – „ 12 „


    1)Edm. Solmi, Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung, 1908, p. 152.

    2)Siehe Note 45 auf S. 42.

    3)Solmi, Leonardo da Vinci, p. 203.

    4)Leonardo benimmt sich dabei wie jemand, der gewöhnt war, einer anderen
    Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich jetzt diese Person durch das
    Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das gewesen sein mag, siehe bei Meresch-
    kowski, S. 367.

    5)M. Herzfeld, Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI.

    6)Der Wortlaut nach Mereschkowski, l. c., p. 282.

  • S.

    417

    Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben
    zusammen, die ihm ein anderer Schüler1) durch seine schlechten
    Eigenschaften und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: „Am
    Tage 21 des April 1490 begann ich dieses Buch und begann
    wieder das Pferd.2) Jacomo kam zu mir am Magdalenentage tausend
    490, im Alter von 10 Jahren. (Randbemerkung: diebisch, lüg-
    nerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am zweiten Tage ließ ich ihm
    zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und einen Wams, und
    als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen zu be-
    zahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es
    nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine
    wahre Sicherheit hatte (Randnote: 4 Lire …).“ So geht der
    Bericht über die Missetaten des Kleinen weiter und schließt mit
    der Kostenrechnung: „Im ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hem-
    den, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6; 4 Paar Strümpfe, Lire 7 usw.“3)

    Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die
    Rätsel im Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen
    und Eigenheiten ergründen zu wollen, pflegen an diese sonder-
    baren Verrechnungen eine Bemerkung anzuknüpfen, welche die
    Güte und Nachsicht des Meisters gegen seine Schüler betont.
    Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos Benehmen, sondern die
    Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben hinterließ, einer
    Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv zuschreiben
    kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu spielen,
    müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives
    Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht
    leicht zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben
    wissen, wenn nicht eine andere unter Leonardos Papieren gefundene
    Rechnung ein helles Licht auf diese seltsam kleinlichen Notizen
    über Schülerkleidungen u. dgl. würfe:


    1)oder Modell.

    2)Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza.

    3)Der volle Wortlaut bei M. Herzfeld, l. c., p. XLV.

    Freud, IX.

  • S.

    418

    „Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina. 27 florins
    2 Pfund Wachs 18 „
    Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes 12 „
    Katafalk 4 „
    Leichenträger 8 „
    An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 „
    Glockenläuten 2 „
    Den Totengräbern 16 „
    Für die Genehmigung – den Beamten 1 „

    Summa 108 florins

    Frühere Auslagen:
    Dem Arzt 4 florins
    Für Zucker und Lichte. 12 „

    Summa Summarum 124 florins.1)

    Der Dichter Mereschkowski ist der einzige, der uns zu sagen
    weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen
    erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus
    Vinci, im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war, um ihren
    damals 41jährigen Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von
    Leonardo im Spital untergebracht, und als sie starb, von ihm
    unter so ehrenvollem Aufwand zu Grabe gebracht worden sei.2)

    Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers
    nicht, aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit An-
    spruch machen, stimmt so gut zu allem, was wir sonst von
    Leonardos Gefühlsbetätigung wissen, daß ich mich nicht ent-

    1)Mereschkowski, l. c., p. 572. – Als betrübenden Beleg für die Unsicherheit
    der ohnedies spärlichen Nachrichten über Leonardos intimes Leben erwähne ich, daß
    die gleiche Kostenrechnung bei Solmi (deutsche Übersetzung, p. 104) mit erheblichen
    Abänderungen wiedergegeben ist. Am bedenklichsten erscheint, daß die Florins in ihr
    durch Soldi ersetzt sind. Man darf annehmen, daß in dieser Rechnung Florins nicht
    die alten „Goldgulden“, sondern die später gebräuchliche Rechnungsgröße, die 12/3 Lire
    oder 531/3 Soldi gleichkommt, bedeuten. – Solmi macht die Katharina zu einer
    Magd, die Leonardos Hauswesen durch eine gewisse Zeit geleitet hatte. Die Quelle,
    aus der die beiden Darstellungen dieser Rechnung geschöpft haben, wurde mir nicht
    zugänglich.

    2)„Katharina ist am 16. Juli 1493 eingetroffen.“ – „Giovannina – ein märchen-
    haftes Gesicht – frage bei Katharina im Krankenhause nach.“

  • S.

    419

    halten kann, sie als richtig anzuerkennen. Er hatte es zustande
    gebracht, seine Gefühle unter das Joch der Forschung zu zwingen
    und den freien Ausdruck derselben zu hemmen; aber es gab
    auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte sich eine Äußerung
    erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten Mutter war
    ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten haben
    wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer
    um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Ent-
    stellung zustande kommen konnte, und können es auch unter
    den Gesichtspunkten der normalen seelischen Vorgänge nicht ver-
    stehen. Aber unter den abnormen Bedingungen der Neurosen und
    ganz besonders der sogenannten Zwangsneurose ist uns ähn-
    liches wohlbekannt. Dort sehen wir die Äußerung intensiver, aber
    durch Verdrängung unbewußt gewordener Gefühle auf gering-
    fügige, ja läppische Verrichtungen verschoben. Es ist den wider-
    strebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser verdrängten
    Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität dieser
    Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte; aber in
    dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinliche Aus-
    druckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbe-
    wußten wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein
    verleugnen möchte. Nur ein solcher Anklang an das Geschehen
    bei der Zwangsneurose kann die Leichenkostenrechnung Leonardos
    beim Tode seiner Mutter erklären. Im Unbewußten war er noch
    wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte Neigung an sie ge-
    bunden; der Widerstreit der später eingetretenen Verdrängung
    dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche ein
    anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich als
    Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte
    ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und
    kam als Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt.
    Es scheint kein Wagnis, die an der Leichenrechnung gewonnene
    Einsicht auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach
    27*

  • S.

    420

    wäre auch dies ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen
    Reste libidinöser Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck
    schufen. Die Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen
    knabenhaften Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen-
    soweit die sein Wesen beherrschende Sexualverdrängung eine
    solche Kennzeichnung zuläßt, – und der Zwang, die für sie
    gemachten Ausgaben mit peinlicher Ausführlichkeit zu notieren,
    wäre der befremdliche Verrat dieser rudimentären Konflikte. Es
    würde sich so ergeben, daß Leonardos Liebesleben wirklich dem
    Typus von Homosexualität angehört, dessen psychische Entwicklung
    wir aufdecken konnten, und das Auftreten der homosexuellen
    Situation in seiner Geierphantasie würde uns verständlich, denn
    es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von jenem Typus
    behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese
    erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller ge-
    worden.1)


    1)Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei Leonardo äußern
    darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören den aus der Analerotik hervor-
    gegangenen Charakterzügen an. Vgl.: Charakter und Analerotik [1908, Ges. Schriften,
    Bd. V].