• S.

    VI

    Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die Leser
    heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung
    bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Be-
    arbeitung eines großen Mannes gelange man nie zum Verständ-
    nis seiner Bedeutung und seiner Leistung; es sei daher unnützer
    Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren, die man ebensowohl beim
    erstbesten anderen finden könne. Allein diese Kritik ist so offen-
    bar ungerecht, daß sie nur als Vorwand und Verhüllung ver-
    ständlich wird. Die Pathographie setzt sich überhaupt nicht das
    Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich zu machen;
    man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas
    nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirk-
    lichen Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf,
    wenn man in Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigen-
    tümlicher Weise an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn
    häufig zum Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus
    Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens von vornherein eine
    besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben sich dann einer
    Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann in die
    Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die kindliche
    Vorstellung des Vaters in ihm neu zu beleben. Sie löschen diesem
    Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie

  • S.

    446

    aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und
    äußeren Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von mensch-
    licher Schwäche oder Unvollkommenheit und geben uns dann
    wirklich eine kalte, fremde Idealgestalt anstatt des Menschen,
    dem wir uns entfernt verwandt fühlen könnten. Es ist zu be-
    dauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit die Wahrheit
    einer Illusion und verzichten zugunsten ihrer infantilen Phanta-
    sien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der
    menschlichen Natur einzudringen.1)

    Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem
    Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen
    Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen seiner
    seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten. Wir hul-
    digen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträchtigt seine
    Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine Entwick-
    lung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente zusammen-
    tragen, die seiner Person den tragischen Zug des Mißglückens
    eingeprägt haben.

    Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals
    zu den Neurotikern oder „Nervenkranken“, wie das ungeschickte
    Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir
    es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene Gesichts-
    punkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vorurteilen fest,
    die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir glauben nicht
    mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale und Nervöse,
    scharf voneinander zu sondern sind, und daß neurotische Züge
    als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden
    müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Er-
    satzbildungen für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche
    wir im Laufe unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kultur-
    menschen zu vollbringen haben, daß wir alle solche Ersatzbil-
     

    1)Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die Biographen
    Leonardos besonders zielen.

  • S.

    447

    dungen produzieren, und daß nur die Anzahl, Intensität und
    Verteilung dieser Ersatzbildungen den praktischen Begriff des
    Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle Minderwertig-
    keit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos Persön-
    lichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus
    stellen, den wir als „Zwangstypus“ bezeichnen, sein Forschen mit
    dem „Grübelzwang“ der Neurotiker, seine Hemmungen mit den
    sogenannten Abulien derselben vergleichen.

    Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen
    in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit.
    Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was
    wir über den Verlauf seiner psychischen Entwicklung erraten
    konnten.

    Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt,
    dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner
    Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine ille-
    gitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht zum fünften Jahre dem
    Einflusse des Vaters und überläßt ihn der zärtlichen Verführung
    einer Mutter, deren einziger Trost er ist. Von ihr zur sexuellen
    Frühreife emporgeküßt, muß er wohl in eine Phase infantiler
    Sexualbetätigung eingetreten sein, von welcher nur eine einzige
    Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität seiner infantilen Se-
    xualforschung. Schau- und Wißtriebe werden durch seine früh-
    kindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene Mund-
    zone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem
    später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit
    Tieren, können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode
    an kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte.

    Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen
    Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den
    Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Ab-
    wendung von jeder grobsinnlichen Betätigung wird das augen-
    fälligste Ergebnis der Umwandlung sein; Leonardo wird abstinent

  • S.

    448

    leben können und den Eindruck eines asexuellen Menschen
    machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung über den Knaben
    kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem sie
    ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatzbildungen nötigen; der
    größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird sich
    dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu
    allgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Ver-
    drängung ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird
    sexuellen Zielen zugewendet bleiben und das verkümmerte Ge-
    schlechtsleben des Erwachsenen repräsentieren. Infolge der Ver-
    drängung der Liebe zur Mutter wird dieser Anteil in homosexuelle
    Einstellung gedrängt werden und sich als ideelle Knabenliebe
    kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung an die Mutter
    und an die seligen Erinnerungen des Verkehrs mit ihr bewahrt,
    verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise
    teilen sich Verdrängung, Fixierung und Sublimierung in die
    Verfügung über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelen-
    leben Leonardos leistet.

    Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler
    und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die
    der frühzeitigen Erweckung des Schautriebes in den ersten Kinder-
    jahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben
    wollen, in welcher Weise sich die künstlerische Betätigung auf
    die seelischen Urtriebe zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere
    Mittel versagen würden. Wir bescheiden uns, die kaum mehr
    zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß das Schaffen des Künstlers
    auch seinem sexuellen Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo
    auf die von Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß
    Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen
    seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Versuchen
    auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst
    ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung
    den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von

  • S.

    449

    männlicher Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in
    Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico
    Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber bald bewährt sich an
    ihm die Erfahrung, daß die fast völlige Unterdrückung des realen
    Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen für die Betätigung
    der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit
    des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität und die Fähig-
    keit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die Neigung
    zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl
    störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der
    Technik das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht
    sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen
    bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertätsentfal-
    tung seines Wesens zum Künstler wird durch die frühinfantil-
    bedingte zum Forscher überholt, die zweite Sublimierung seiner
    erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche, bei der ersten
    Verdrängung vorbereitete zurück. Er wird zum Forscher, zuerst
    noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und
    von ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners
    und der zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive
    Ersetzung immer mehr um sich. Er wird „impacientissimo al
    pennello“, wie ein Korrespondent der Markgräfin Isabella d’Este
    berichtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand besitzen
    will.1) Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen.
    Das Forschen aber, das ihm nun das künstlerische Schaffen ersetzt,
    scheint einige der Züge an sich zu tragen, welche die Betätigung
    unbewußter Triebe kennzeichnen, die Unersättlichkeit, die rücksichts-
    lose Starrheit, den Mangel an Fähigkeit, sich realen Verhältnissen
    anzupassen.

    Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten Fünfzigerjahren,
    zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits
    rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido noch einen

    1)v. Seidlitz, II, p. 271.
    Freud, IX.

  • S.

    450

    energiſchen Vorstoß wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch
    tiefere Schichten seines seeliſchen Inhaltes werden von neuem
    aktiv; aber diese weitere Regression kommt seiner Kunst zugute,
    die im Verkümmern war. Er begegnet dem Weibe, welches die
    Erinnerung an das glückliche und sinnlich verzückte Lächeln der
    Mutter bei ihm weckt, und unter dem Einfluß dieser Erweckung
    gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu Beginn seiner
    künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete,
    geleitet. Er malt die Monna Lisa, die heilige Anna selbdritt und
    die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln aus-
    gezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen
    Regungen feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst
    noch einmal zu überwinden. Diese letzte Entwicklung ver-
    schwimmt für uns im Dunkel des herannahenden Alters. Sein
    Intellekt hat sich noch vorher zu den höchsten Leistungen
    einer seine Zeit weit hinter sich lassenden Weltanschauung auf-
    geschwungen.

    Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was
    zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos,
    zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung
    seines Schwankens zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen
    kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen auch bei Freunden und
    Kennern der Psychoanalyse das Urteil hervorrufen, daß ich bloß
    einen psychoanalytischen Roman geschrieben habe, so werde ich
    antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse gewiß nicht
    überschätze. Ich bin wie andere der Anziehung unterlegen, die
    von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen
    Wesen man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt,
    die sich doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können.

    Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein
    mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu
    ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe
    erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken,

  • S.

    451

    welche der Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik
    gesetzt sind, damit uns nicht jede unterbliebene Erklärung als
    ein Mißerfolg ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung
    stehen als Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung,
    einerseits die Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse,
    anderseits die berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt
    auf ihre Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht sie nun
    das Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen dynamisch zu
    ergründen, seine ursprünglichen seelischen Triebkräfte aufzu-
    decken sowie deren spätere Umwandlungen und Entwicklungen.
    Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der Persönlichkeit durch
    das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal, inneren
    Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches
    Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicher-
    ten Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften
    oder unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der
    Unsicherheit und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die
    Überlieferung für diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist
    also nur der Autor verantwortlich zu machen, der die Psycho-
    analyse genötigt hat, auf so unzureichendes Material hin ein
    Gutachten abzugeben.

    Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische
    Material und bei gesichertster Handhabung der psychischen
    Mechanismen würde eine psychoanalytische Untersuchung an zwei
    bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Notwendigkeit nicht er-
    geben können, daß das Individuum nur so und nicht anders
    werden konnte. Wir haben bei Leonardo die Ansicht vertreten
    müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen Geburt und die
    Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten Einfluß auf
    seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten, indem
    die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung ihn
    zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine
    sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese

  • S.

    452

    Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit
    hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Indi-
    viduum vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger aus-
    giebig ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit
    anerkennen, der psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Eben-
    sowenig darf man den Ausgang dieses Verdrängungsschubes als
    den einzig möglichen Ausgang hinstellen wollen. Einer anderen
    Person wäre es wahrscheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil
    der Libido der Verdrängung durch die Sublimierung zur Wiß-
    begierde zu entziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie
    Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denk-
    arbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangs-
    neurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos
    erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Be-
    mühung: seine ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen
    und seine außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primi-
    tiven Triebe.

    Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die
    Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen
    Forschung den Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungs-
    fähigkeit sind wir genötigt, auf die organischen Grundlagen des
    Charakters zurückzuführen, über welche erst sich das seelische
    Gebäude erhebt. Da die künstlerische Begabung und Leistungs-
    fähigkeit mit der Sublimierung innig zusammenhängt, müssen
    wir zugestehen, daß auch das Wesen der künstlerischen Leistung
    uns psychoanalytisch unzugänglich ist. Die biologische Forschung
    unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge der organischen Konstitution
    eines Menschen durch die Vermengung männlicher und weiblicher
    Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; die Körperschönheit
    wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten hier manche An-
    lehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer Forschung
    nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des Zusammen-
    hanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person

  • S.

    453

    über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse
    auch die Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so
    macht sie uns doch die Äußerungen und die Einschränkungen
    derselben verständlich. Scheint es doch, als hätte nur ein Mann
    mit den Kindheitserlebnissen Leonardos die Monna Lisa und die
    heilige Anna selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal
    bereiten und so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen
    können, als läge der Schlüssel zu all seinen Leistungen und
    seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier verborgen.

    Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer
    Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstellation
    einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen
    einräumt, das Schicksal Leonardos zum Beispiel von seiner illegitimen
    Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna
    Albiera abhängig macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu;
    wenn man den Zufall für unwürdig hält, über unser Schicksal
    zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall in die fromme Welt
    anschauung, deren Überwindung Leonardo selbst vorbereitete, als
    er niederschrieb, die Sonne bewege sich nicht. Wir sind natürlich
    gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und eine gütige Vor-
    sehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in unserer
    wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß
    eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Ent-
    stehung an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei,
    Zufall, der darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit
    der Natur seinen Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren
    Wünschen und Illusionen entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebens-
    determinierung zwischen den „Notwendigkeiten“ unserer Konsti-
    tution und den „Zufälligkeiten“ unserer Kindheit mag im einzelnen
    noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich aber ein Zweifel an
    der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre nicht mehr
    festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor der Natur,
    die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden

  • S.

    454

    Worten „voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung
    traten“ (La natura è piena d’infinite ragioni che non furono mai
    in isperienza. M. Herzfeld, l. c. p. 11). Jedes von uns Menschen-
    wesen entspricht einem der ungezählten Experimente, in denen
    diese ragioni der Natur sich in die Erfahrung drängen.