• S.

    II

    Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine
    seiner wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner
    Kindheit eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers
    handelt, unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchen-
    den Erinnerung aus sehr frühen Jahren zu folgen.

    „Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so
    gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als
    eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der
    Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den
    Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem
    seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.“1)

    Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender
    Art. Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit,
    in die sie verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine
    Säuglingszeit bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann
    aber keineswegs als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung
    Leonardos behauptet, daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz
    den Mund geöffnet, das klingt so unwahrscheinlich, so märchen-
     


    1)„Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio destino, perchè nella mia
    prima ricordatione della mia infantia e mi parea che essendo io in culla, che un nibio venissi
    a me e mi aprissi la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse con tal coda dentro
    alle labbra.“ (Cod. atlant. F. 65 V. nach Scognamiglio.)

  • S.

    394

    haft, daß eine andere Auffassung, die beiden Schwierigkeiten mit
    einem Schlage ein Ende macht, sich unserem Urteile besser
    empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier wird nicht eine Erinnerung
    Leonardos sein, sondern eine Phantasie, die er sich später gebildet
    und in seine Kindheit versetzt hat.1) Die Kindheitserinnerungen
    der Menschen haben oft keine andere Herkunft; sie werden über-
    haupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der Zeit der
    Reife, vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst in
    späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt,
    dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen ge-
    stellt, so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge
    scheiden lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser
    klar machen, als indem man an die Art und Weise denkt, wie
    bei den alten Völkern die Geschichtsschreibung entstanden ist.
    Solange das Volk klein und schwach war, dachte es nicht daran,
    seine Geschichte zu schreiben; man bearbeitete den Boden des
    Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die Nachbarn, suchte
    ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen. Es
    war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere
    Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig
    fühlte, und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man

    1)Havelock Ellis hat in einer liebenswürdigen Besprechung dieser Schrift im
    „Journal of mental science“ (July 1910) gegen die oben stehende Auffassung einge-
    wendet, diese Erinnerung Leonardos könne sehr wohl eine reale Begründung gehabt
    haben, da Kindererinnerungen oft sehr viel weiter zurückreichen, als man gewöhnlich
    glaubt. Der große Vogel brauchte ja gerade kein Geier gewesen zu sein. Ich will
    dies gerne zugestehen und zur Verminderung der Schwierigkeit die Annahme beitragen,
    die Mutter habe den Besuch des großen Vogels bei ihrem Kinde, den sie leicht für
    ein bedeutsames Vorzeichen halten konnte, beobachtet und später dem Kinde wieder-
    holt davon erzählt, so daß das Kind die Erinnerung an diese Erzählung behalten und
    sie später, wie es so oft geschieht, mit einer Erinnerung an eigenes Erleben ver-
    wechseln konnte. Allein diese Abänderung tut der Verbindlichkeit meiner Darstellung
    keinen Abbruch. Die spät geschaffenen Phantasien der Menschen über ihre Kindheit
    lehnen sich sogar in der Regel an kleine Wirklichkeiten dieser sonst vergessenen Vor-
    zeit an. Es bedarf darum doch eines geheimen Motivs, um die reale Nichtigkeit her-
    vorzuholen und sie in solcher Weise auszugestalten, wie es von Leonardo mit dem
    zum Geier ernannten Vogel und seinem merkwürdigen Tun geschieht.

  • S.

    395

    gekommen und wie man geworden war. Die Geschichtsschreibung,
    welche begonnen hatte, die Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu
    verzeichnen, warf den Blick auch nach rückwärts in die Ver-
    gangenheit, sammelte Traditionen und Sagen, deutete die Über-
    lebſel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen und schuf so eine
    Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß diese Vorge-
    schichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der
    Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles
    war von dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt
    worden, manche Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich
    im Sinne der Gegenwart gedeutet, und überdies schrieb man ja
    nicht Geschichte aus den Motiven objektiver Wißbegierde, sondern
    weil man auf seine Zeitgenossen wirken, sie aneifern, erheben oder
    ihnen einen Spiegel vorhalten wollte. Das bewußte Gedächtnis eines
    Menschen von den Erlebnissen seiner Reifezeit ist nun durchaus
    jener Geschichtsschreibung zu vergleichen, und seine Kindheits-
    erinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung und Verläßlich-
    keit wirklich der spät und tendenziös zurechtgemachten Geschichte
    der Urzeit eines Volkes.

    Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der
    Wiege besucht, also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte
    man meinen, es könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu
    verweilen. Zu ihrer Erklärung könnte man sich ja mit der offen-
    kundgegebenen Tendenz begnügen, seiner Beschäftigung mit dem
    Problem des Vogelfluges die Weihe einer Schicksalsbestimmung
    zu leihen. Allein mit dieser Geringschätzung beginge man ein
    ähnliches Unrecht, wie wenn man das Material von Sagen, Tradi-
    tionen und Deutungen in der Vorgeschichte eines Volkes leichthin
    verwerfen würde. Allen Entstellungen und Mißverständnissen zum
    Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch durch sie repräsen-
    tiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen seiner Urzeit
    gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger und heute
    noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis

  • S.

    396

    aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen,
    so müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische
    Wahrheit aufdecken können. Gleiches gilt für die Kindheitser-
    innerungen oder Phantasien der einzelnen. Es ist nicht gleich-
    gültig, was ein Mensch aus seiner Kindheit zu erinnern glaubt;
    in der Regel sind hinter den von ihm selbst nicht verstandenen
    Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse für die bedeutsamsten
    Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen.1) Da wir nun in
    den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel besitzen,
    um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch
    gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch
    die Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir
    dabei keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir
    uns damit trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über
    den großen und rätselhaften Mann kein besseres Schicksal be-
    schieden war.


    1)Ich habe eine solche Verwertung einer unverstandenen Kindheitserinnerung seit
    her auch noch bei einem anderen Großen versucht. In Goethes etwa um sein sech-
    zigstes Jahr verfaßter Lebensbeschreibung („Dichtung und Wahrheit“) wird auf den
    ersten Seiten mitgeteilt, wie er auf Anstiften der Nachbarn kleines und großes Ton-
    geschirr durchs Fenster auf die Straße schleuderte, so daß es zerschellte, und zwar ist
    dies die einzige Szene, die er aus seinen frühesten Jahren berichtet. Die völlige Be-
    ziehungslosigkeit ihres Inhalts, dessen Übereinstimmung mit Kindheitserinnerungen
    einiger anderer Menschenkinder, die nichts besonders Großes geworden sind, sowie
    der Umstand, daß Goethe des Brüderchens an dieser Stelle nicht gedenkt, bei dessen
    Geburt er drei dreiviertel Jahre, bei dessen Tod er nahezu 10 Jahre alt war, haben

  • S.

    397

    Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge
    des Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht
    lange fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals,
    zum Beispiel in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß wir
    uns getrauen können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen
    Sprache in gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Über-
    setzung zielt dann aufs Erotische. Schwanz, „coda“, ist eines der
    bekanntesten Symbole und Ersatzbezeichnungen des männlichen
    Gliedes, im Italienischen nicht minder als in anderen Sprachen;
    die in der Phantasie enthaltene Situation, daß ein Geier den
    Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz tüchtig darin
    herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio, eines
    sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten
    Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie
    so durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch
    gewissen Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven
    Homosexuellen (die im Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen).
    Möge der Leser nun an sich halten und nicht in auf-
    flammender Entrüstung der Psychoanalyse die Gefolgschaft ver-
    weigern, weil sie schon in ihren ersten Anwendungen zu einer
    unverzeihlichen Schmähung des Andenkens eines großen und
    reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese Entrüstung
    uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie
    Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzwei-
    deutigster Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen
    die Erwartung – wenn man will: das Vorurteil – nicht fallen,
    daß eine solche Phantasie wie jede psychische Schöpfung, wie
    ein Traum, eine Vision, ein Delirium, irgend eine Bedeutung
    haben muß. Schenken wir darum lieber der analytischen Arbeit,
    die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, für eine
    Weile gerechtes Gehör.
    Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen,
    um daran zu saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den

  • S.

    398

    abscheulichen sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt
    doch bei den Frauen unserer Zeit – und, wie alte Bildwerke
    beweisen, auch früherer Zeiten – sehr häufig vor und scheint
    im Zustande der Verliebtheit ihren anstößigen Charakter völlig
    abzustreifen. Der Arzt begegnet Phantasien, die sich auf diese
    Neigung gründen, auch bei weiblichen Personen, die nicht durch
    die Lektüre der „Psychopathia sexualis“ von v. KRAFFT-
    EBING oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis von der Möglichkeit
    einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt sind. Es scheint,
    daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche Wunsch-
    phantasien zu schaffen.1) Die Nachforschung lehrt uns denn
    auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation die
    harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die Um-
    arbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst
    alle behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter („essendo io in
    culla“) die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund
    nahmen, um an ihr zu saugen. Der organische Eindruck dieses
    unseres ersten Lebensgenusses ist wohl unzerstörbar eingeprägt
    geblieben; wenn das Kind später das Euter der Kuh kennen-
    lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze, seiner Gestalt
    und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt,
    hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen
    sexuellen Phantasie gewonnen.

    Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an das
    angebliche Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt.
    Hinter dieser Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als
    eine Reminiszenz an das Saugen – oder Gesäugtwerden – an
    der Mutterbrust, welche menschlich schöne Szene er wie so
    viele andere Künstler an der Mutter Gottes und ihrem Kinde
    mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. Allerdings wollen
    wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen, daß diese


    1)Vgl. hiezu das „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ 1905 [Ges. Schriften, Bd. VIII].

  • S.

    399

    für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem
    Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie um-
    gearbeitet worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite
    lassen, welcher Zusammenhang etwa die Homosexualität mit
    dem Saugen an der Mutterbrust verbindet, und uns bloß daran
    erinnern, daß die Tradition Leonardo wirklich als einen homo-
    sexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns gleich, ob jene
    Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder nicht;
    nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls
    entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigen-
    tümlichkeit der Inversion zuerkennen sollen.

    Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leo-
    nardos nimmt unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten
    die Phantasie auf das Gesäugtwerden durch die Mutter und
    finden die Mutter ersetzt durch einen – Geier. Woher rührt
    dieser Geier und wie kommt er an diese Stelle?

    Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man ver-
    sucht wäre, auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift
    der alten Ägypter wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des
    Geiers geschrieben.1) Diese Ägypter verehrten auch eine mütter-
    liche Gottheit, die geierköpfig gebildet wurde oder mit mehreren
    Köpfen, von denen wenigstens einer der eines Geiers war.2) Der
    Name dieser Göttin wurde Mut ausgesprochen; ob die Laut-
    ähnlichkeit mit unserem Worte „Mutter“ nur eine zufällige ist?
    So steht der Geier wirklich in Beziehung zur Mutter, aber was
    kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese Kenntnis
    zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst François
    Champollion (1790–1832) gelungen ist?3)

    Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch

    1)Horapollo, Hieroglyphica 1, 11. Μητέρα δὲ γράφοντες. γῦπα ζωγραφοῦσιν.

    2)Roscher, Ausf. Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Artikel
    Mut, II. Bd., 1894–1897. – Lanzone, Dizionario di mitologia egizia. Torino 1882.

    3)H. Hartleben, Champollion. Sein Leben und sein Werk, 1906.

  • S.

    400

    nur die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum
    Symbol der Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und
    Kultur der Ägypter bereits den Griechen und Römern Gegen-
    stand wissenschaftlicher Neugierde, und lange, ehe wir selbst
    die Denkmäler Ägyptens lesen konnten, standen uns einzelne
    Mitteilungen darüber aus erhaltenen Schriften des klassischen
    Altertums zu Gebote, Schriften, die teils von bekannten Autoren
    herrühren, wie Strabo, Plutarch, Aminianus Marcellus,
    teils unbekannte Namen tragen und unsicher in ihrer Herkunft
    und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des Horapollo
    Nilus und das unter dem Götternamen des Hermes Trisme-
    gistos überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit. Aus
    diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der
    Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche
    Geier und keine männlichen von dieser Vogelart.1) Die Natur-
    geschichte der Alten kannte auch ein Gegenstück zu dieser Ein-
    schränkung; bei den Skarabäen, den von den Ägyptern als gött-
    lich verehrten Käfern, meinten sie, gebe es nur Männchen.2)

    Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen,
    wenn sie alle nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle
    des Horapollo3) guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten
    diese Vögel im Fluge inne, öffnen ihre Scheide und empfangen
    vom Winde.

    Wir sind jetzt unerwarteterweise dazu gelangt, etwas für recht
    wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd
    zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaftliche Märchen,
    dem es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit seinem Bilde

    1)„γῦπα δὲ ἄρρενα οὐ φασιγένεσθαι ποτε, ἀλλὰ θηλείας ἁπάσας“ bei v. Römer. Über
    die androgynische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen, V, 1903, S. 732.

    2)Plutarch: Veluti scarabaeos mares tantum esse putarunt Aegyptii sic inter vultures
    mares non inveniri statuerunt.

    3)Horapollinis Niloi Hieroglyphica, edidit Conradus Leemanns Amstelodami 1835.
    Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte lauten (p. 14): μητέρα μὲν ἐπειδὴ
    ἄρρεν ἐν τούτῳ τῷ γένει τῶν ζώων οὐχ ὑπάρχει.

  • S.

    401

    den Begriff der Mutter schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er
    war ein Vielleser, dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und
    des Wissens umfaßte. Wir besitzen im Codex atlanticus ein Ver-
    zeichnis aller Bücher, die er zu einer gewissen Zeit besaß,1) dazu
    zahlreiche Notizen über andere Bücher, die er von Freunden ent-
    lehnt hatte, und nach den Exzerpten, die Fr. Richter2) aus
    seinen Aufzeichnungen zusammengestellt hat, können wir den
    Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen. Unter dieser Zahl
    fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von naturwissenschaft-
    lichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener Zeit schon
    im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die
    Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst.

    Wenn wir nun weitergehen, stoßen wir auf eine Nachricht,
    welche die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen
    gekannt, zur Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber
    und Kommentator des Horapollo bemerkt zu dem bereits
    zitierten Text (p. 172): Caeterum hanc fabulam de vulturibus
    cupide amplexi sunt Patres Ecclesiastici, ut ita argumento ex
    rerum natura petito refutarent eos, qui Virginis partum negabant;
    itaque apud omnes fere hujus rei mentio occurrit.

    Also die Fabel von der Eingeschlechtlichkeit und der Empfängnis
    der Geier war keineswegs eine indifferente Anekdote geblieben
    wie die analoge von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich
    ihrer bemächtigt, um gegen die Zweifler an der heiligen Ge-
    schichte ein Argument aus der Naturgeschichte zur Hand zu
    haben. Wenn nach den besten Nachrichten aus dem Altertum
    die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde befruchten
    zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit einem
    menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit
    wegen pflegten die Kirchenväter „fast alle“ die Geierfabel zu


    1)E. Müntz, Léonard de Vinci, Paris 1899, p. 282.

    2)Müntz, l. c.

    Freud, IX.

  • S.

    402

    erzählen, und nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch
    so mächtige Patronanz auch Leonardo bekannt geworden ist.

    Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns
    nun in folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem
    Kirchenvater oder in einem naturwissenschaftlichen Buche davon
    las, die Geier seien alle Weibchen und wüßten sich ohne Mit-
    hilfe von Männchen fortzupflanzen, da tauchte in ihm eine Erin-
    nerung auf, die sich zu jener Phantasie umgestaltete, die aber
    besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind gewesen, das
    eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu gesellte
    sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern können,
    ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zuteil
    geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf
    die jedem Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit
    dem Kinde mußte dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll
    und bedeutsam erscheinen zu lassen. Kam er doch so dazu, sich
    mit dem Christusknaben, dem Tröster und Erlöser nicht nur des
    einen Weibes, zu identifizieren.

    Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach,
    deren realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu
    sondern, welche denselben modifizieren und entstellen. Im Falle
    Leonardos glauben wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu
    kennen; die Ersetzung der Mutter durch den Geier weist darauf
    hin, daß das Kind den Vater vermißt und sich mit der Mutter
    allein gefunden hat. Die Tatsache der illegitimen Geburt Leo-
    nardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum konnte er
    sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die nächste
    gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter
    von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen war;
    wann dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob
    wenige Wochen vor der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig
    unbekannt. Da tritt nun die Deutung der Geierphantasie ein und
    will uns belehren, daß Leonardo die entscheidenden ersten Jahre

  • S.

    403

    des Leonardo da Vinci


    seines Lebens nicht bei seinem Vater und seiner Stiefmutter,
    sondern bei der armen, verlassenen, echten Mutter verbrachte,
    so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen. Dies scheint
    ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der psy-
    choanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung
    an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwä-
    gung der tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu
    Hilfe. Den Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci
    noch im Jahre von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera;
    der Kinderlosigkeit dieser Ehe verdankte der Knabe seine im
    fünften Jahre dokumentarisch bestätigte Aufnahme ins väterliche
    oder vielmehr großväterliche Haus. Nun ist es nicht gebräuchlich,
    daß man der jungen Frau, die noch auf Kindersegen rechnet,
    von Anfang an einen illegitimen Sprößling zur Pflege übergibt.
    Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen sein,
    ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte
    uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften
    ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit
    der Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre,
    vielleicht fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er
    seine einsame Mutter gegen ein Elternpaar vertauschen konnte.
    Dann aber war es bereits zu spät geworden. In den ersten drei
    oder vier Lebensjahren fixieren sich Eindrücke und bahnen sich
    Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die durch kein späteres
    Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können.

    Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserin-
    nerungen und die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen
    stets das Wichtigste aus seiner seelischen Entwicklung heraus-
    heben, so muß die durch die Geierphantasie erhärtete Tatsache,
    daß Leonardo seine ersten Lebensjahre allein mit der Mutter
    verbracht hat, von entscheidendstem Einfluß auf die Gestaltung
    seines inneren Lebens gewesen sein. Unter den Wirkungen dieser
    Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß das Kind, welches

  • S.

    404

    in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand als andere
    Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu grübeln
    begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen
    Fragen quälten, woher die Kinder kommen und was der Vater
    mit ihrer Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusam-
    menhanges zwischen seiner Forschung und seiner Kindheitsge-
    schichte hat ihm dann später den Ausruf entlockt, ihm sei es
    wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in das Problem des Vogel-
    fluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von einem Geier
    heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den
    Vogelflug richtete, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten,
    wird eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein.