• S.

    24*

    I

    Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwäch-
    lichem Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Men-
    schengeschlechts herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven,
    die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden. Sie strebt
    nicht danach, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in
    den Staub zu ziehen“; es bereitet ihr keine Befriedigung, den
    Abstand zwischen jener Vollkommenheit und der Unzulänglichkeit
    ihrer gewöhnlichen Objekte zu verringern. Sondern sie kann nicht
    anders, als alles des Verständnisses wert finden, was sich an jenen
    Vorbildern erkennen läßt, und sie meint, es sei niemand so groß,
    daß es für ihn eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen,
    die normales und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge be-
    herrschen.

    Als einer der größten Männer der italienischen Renaissance ist
    Leonardo da Vinci (1452–1519) schon von den Zeitgenos-
    sen bewundert worden und doch bereits ihnen rätselhaft erschienen,
    wie auch jetzt noch uns. Ein allseitiges Genie, „dessen Umrisse
    man nur ahnen kann, – nie ergründen“,1) übte er den maß-
    gebendsten Einfluß auf seine Zeit als Maler aus; erst uns blieb

    1)Nach dem Worte Jacob Burckhardts, zitiert bei Alexandra Konstantinowa,
    Die Entwicklung des Madonnentypus bei Leonardo da Vinci, Straßburg 1907 (Zur
    Kunstgeschichte des Auslandes, Heft 54).

  • S.

    372

    es vorbehalten, die Größe des Naturforschers (und Technikers) zu
    erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler verband. Wenngleich
    er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, während seine wissen-
    schaftlichen Entdeckungen unveröffentlicht und unverwertet blieben,
    hat doch in seiner Entwicklung der Forscher den Künstler nie
    ganz freigelassen, ihn oftmals schwer beeinträchtigt und ihn viel-
    leicht am Ende unterdrückt. Vasari legt ihm in seiner letzten
    Lebensstunde den Selbstvorwurf in den Mund, daß er Gott und
    die Menschen beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine
    Pflicht getan.1) Und wenn auch diese Erzählung Vasaris weder
    die äußere noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, son-
    dern der Legende angehört, die sich um den geheimnisvollen
    Meister schon zu seinen Lebzeiten zu bilden begann, so verbleibt
    ihr doch als Zeugnis für das Urteil jener Menschen und jener
    Zeiten ein unbestreitbarer Wert.

    Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Verständ-
    nis seiner Zeitgenossen entrückte? Gewiß nicht die Vielseitigkeit
    seiner Anlagen und Kenntnisse, die ihm gestattete, sich am Hofe
    des Lodovico Sforza, zubenannt il Moro, Herzogs von Mailand,
    als Lautenspieler auf einem von ihm neugeformten Instrumente
    einzuführen, oder ihn jenen merkwürdigen Brief an eben denselben
    schreiben ließ, in dem er sich seiner Leistungen als Bau-- und
    Kriegsingenieur berühmte. Denn an solche Vereinigung vielfältigen
    Könnens in einer Person waren die Zeiten der Renaissance wohl
    gewöhnt; allerdings war Leonardo selbst eines der glänzendsten
    Beispiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem Typus genialer Men-
    schen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht, ihrerseits
    keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens legen und
    in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung den Verkehr
    der Menschen fliehen. Er war vielmehr groß und ebenmäßig ge-
     

    1)„Egli per reverenza, rizzatosi a sedere sul letto, contando il mal suo e gli accidenti di
    quello, mostrava tuttavia, quanto aveva offeso Dio e gli uomini del mondo, non avendo operato
    nell’ arte come si convenia.“ Vasari, Vite etc. LXXXIII. 1550–1584.

  • S.

    373

    wachsen, von vollendeter Schönheit des Gesichts und von unge-
    wöhnlicher Körperkraft, bezaubernd in den Formen seines Umgangs,
    ein Meister der Rede, heiter und liebenswürdig gegen alle; er
    liebte die Schönheit auch an den Dingen, die ihn umgaben, trug
    gern prunkvolle Gewänder und schätzte jede Verfeinerung der
    Lebensführung. In einer für seine heitere Genußfähigkeit bedeut-
    samen Stelle des Traktats über Malerei1) hat er die Malerei mit
    ihren Schwesterkünsten verglichen und die Beschwerden der Arbeit
    des Bildhauers geschildert: „Da hat er das Gesicht ganz beschmiert
    und mit Marmorstaub eingepudert, so daß er wie ein Bäcker
    ausschaut, und ist mit kleinen Marmorsplittern über und über
    bedeckt, daß es aussieht, als hätte es ihm auf den Buckel geschneit,
    und seine Behausung, die ist voll Steinsplitter und Staub. Ganz
    das Gegenteil von alle diesem ist beim Maler der Fall, – … denn
    der Maler sitzt mit großer Bequemlichkeit vor seinem Werke,
    wohlgekleidet, und regt den ganz leichten Pinsel mit den an-
    mutigen Farben. Mit Kleidern ist er geschmückt, wie es ihm
    gefällt. Und seine Behausung, die ist voll heiterer Malereien und
    glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von Musik, oder von
    Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird ohne Ham-
    mergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen an-
    gehört.“

    Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines strahlend
    heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die erste, längere
    Lebensperiode des Meisters recht hat. Von da an, als der Nieder-
    gang der Herrschaft des Lodovico Moro ihn zwang, Mailand,
    seinen Wirkungskreis und seine gesicherte Stellung zu verlassen,
    um ein unstetes, an äußeren Erfolgen wenig reiches Leben bis
    zum letzten Asyl in Frankreich zu führen, mag der Glanz seiner
    Stimmung verblichen und mancher befremdliche Zug seines Wesens
    stärker hervorgetreten sein. Auch die mit den Jahren zunehmende

    1)Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet von Marie Herz-
    feld, Jena 1909.

  • S.

    374

    Wendung seiner Interessen von seiner Kunst zur Wissenschaft
    mußte dazu beitragen, die Kluft zwischen seiner Person und seinen
    Zeitgenossen zu erweitern. Alle die Versuche, mit denen er nach
    ihrer Meinung seine Zeit vert-
    rödelte, anstatt emsig auf Bestellung
    zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein ehemaliger Mit-
    schüler Perugino, erschienen ihnen als grillenhafte Spielereien
    oder brachten ihn selbst in den Verdacht, der „schwarzen Kunst“
    zu dienen. Wir verstehen ihn hierin besser, die wir aus seinen
    Aufzeichnungen wissen, welche Künste er übte. In einer Zeit,
    welche die Autorität der Kirche mit der der Antike zu vertauschen
    begann und voraussetzungslose Forschung noch nicht kannte, war
    er, der Vorläufer, ja ein nicht unwürdiger Mitbewerber von Bacon
    und Kopernikus, notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde-
    und
    Menschenleichen zerlegte, Flugapparate baute, die Ernährung der
    Pflanzen und ihr Verhalten gegen Gifte studierte, rückte er aller-
    dings weit ab von den Kommentatoren des Aristoteles und kam
    in die Nähe der verachteten Alchymisten, in deren Laboratorien
    die experimentelle Forschung wenigstens eine Zuflucht während
    dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte.

    Für seine Malerei hatte dies die Folge, daß er ungern den
    Pinsel zur Hand nahm, immer weniger und seltener malte, das
    Angefange-
    ne meist unfertig stehen ließ und sich um das weitere
    Schicksal seiner Werke wenig kümmerte. Das war es auch, was
    ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf machten, denen sein Ver-
    hältnis zur Kunst ein Rätsel blieb.

    Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es versucht,
    den Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter zu tilgen. Sie
    machen geltend, daß das, was man an Leonardo tadle, Eigentüm-
    lichkeit der großen Künstler überhaupt sei. Auch der tatkräftige,
    sich in die Arbeit verbeißende Michel Angelo habe viele seiner
    Werke unvollendet gelassen, und es sei so wenig seine Schuld
    gewesen wie die Leonardos im gleichen Falle. Auch sei so manches
    Bild nicht so sehr unfertig geblieben, als von ihm dafür erklärt

  • S.

    375

    worden. Was dem Laien schon ein Meisterwerk scheine, das sei
    für den Schöpfer des Kunstwerks immer noch eine unbefriedi-
    gende Verkörperung seiner Absichten; ihm schwebe eine Voll-
    kommenheit vor, die er im Abbild wiederzugeben jedesmal verzage.
    Am wenigsten ginge es aber an, den Künstler für das endliche
    Schicksal verantwortlich zu machen, das seine Werke träfe.

    So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein mögen,
    so decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der uns bei
    Leonardo begegnet. Das peinliche Ringen mit dem Werke, die
    endliche Flucht vor ihm und die Gleichgültigkeit gegen sein
    weiteres Schicksal mag bei vielen anderen Künstlern wiederkehren;
    gewiß aber zeigte Leonardo dies Benehmen im höchsten Grade.
    Edm. Solmi1) zitiert (p. 12) die Äußerung eines seiner Schüler:
    „Pareva, che ad ogni ora tremasse, quando si poneva a dipingere,
    e però non diede mai fine ad alcuna cosa cominciata, conside--
    rando la grandezza dell’ arte, tal che egli scorgeva errori in
    quelle cose, che ad altri parevano miracoli.“ Seine letzten Bilder, die
    Leda, die Madonna di Sant’ Onofrio, der Bacchus und der San
    Giovanni Battista giovane seien unvollendet geblieben „come quasi
    intervenne di tutte le cose sue...“ Lomazzo2), der eine Kopie
    des Abendmahls anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähig-
    keit Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett:

    „Protogen che il penel di sue pitture
    Non levava, agguaglio il Vinci Divo,
    Di cui opra non è finita pure.“

    Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war sprich-
    wörtlich. Am Abendmahl im Kloster zu Santa Maria delle Grazie
    zu Mailand malte er nach den gründlichsten Vorstudien drei Jahre
    lang. Ein Zeitgenosse, der Novellenschreiber Matteo Bandelli, der

    1)Solmi: La resurrezione dell’ opera di Leonardo. In dem Sammelwerk: Leo-
    nardo da Vinci. Conferenze Fiorentine. Milano 1910.

    2)Bei Scognamiglio. Ricerche e Documenti sulla giovinezza di Leonardo da Vinci.
    Napoli 1900.

  • S.

    376

    damals als junger Mönch dem Kloster angehörte, erzählt, daß
    Leonardo häufig schon früh am Morgen das Gerüst bestiegen
    habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel nicht aus der Hand
    zu legen, ohne an Essen und Trinken zu denken. Dann seien
    Tage verstrichen, ohne daß er Hand daran anlegte, bisweilen habe
    er stundenlang vor dem Gemälde verweilt und sich damit begnügt,
    es innerlich zu prüfen. Andere Male sei er aus dem Hofe des
    Mailänder Schlosses, wo er das Modell des Reiterstandbildes für
    Francesco Sforza formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um
    ein paar Pinselstriche an einer Gestalt zu machen, dann aber
    unverzüglich aufgebrochen.1) An dem Porträt der Monna Lisa,
    Gemahlin des Florentiners Francesco del Giocondo, malte er nach
    Vasaris Angabe vier Jahre lang, ohne es zur letzten Vollendung
    bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen mag, daß
    das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei Leonardo
    verblieb, der es nach Frankreich mitnahm.2) Von König Franz I.
    angekauft, bildet es heute einen der größten Schätze des
    Louvre.

    Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos mit
    dem Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm erhaltenen
    Skizzen und Studienblätter zusammenhält, die jedes in seinen
    Bildern vorkommende Motiv auf das Vielfältigste variieren, so
    muß man die Auffassung weit von sich weisen, als hätten Züge
    von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit den mindesten Einfluß auf
    Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst gewonnen. Man merkt im
    Gegenteile eine ganz außerordentliche Vertiefung, einen Reichtum
    an Möglichkeiten, zwischen denen die Entscheidung nur zögernd
    gefällt wird, Ansprüche, denen kaum zu genügen ist, und eine
    Hemmung in der Ausführung, die sich eigentlich auch durch
    das notwendige Zurückbleiben des Künstlers hinter seinem idealen


    1)W. v. Seidlitz. Leonardo da Vinci, der Wendepunkt der Renaissance, 1909,
    I. Bd., p. 203.

    2)v. Seidlitz l. c., II. Bd., p. 48.

  • S.

    377

    Vorsatz nicht erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos Arbeiten
    von jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser Hemmung,
    als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später ein-
    trat.1) Sie war es auch, die das nicht unverschuldete Schicksal des
    Abendmahls bestimmte. Leonardo konnte sich nicht mit der Ma-
    lerei al fresco befreunden, die ein rasches Arbeiten, solange der
    Malgrund noch feucht ist, erfordert; darum wählte er Ölfarben,
    deren Eintrocknen ihm gestattete, die Vollendung des Bildes nach
    Stimmung und Muße hinauszuziehen. Diese Farben lösten sich
    aber von dem Grunde, auf dem sie aufgetragen wurden, und der
    sie von der Mauer isolierte; die Fehler dieser Mauer und die
    Schicksale des Raumes kamen hinzu, um die, wie es scheint,
    unabwendbare Verderbnis des Bildes zu entscheiden.2)

    Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Versuchs
    scheint das Bild der Reiterschlacht bei Anghiari untergegangen
    zu sein, das er später in einer Konkurrenz mit Michel Angelo
    an eine Wand der Sala del Consiglio in Florenz zu malen begann
    und auch im unfertigen Zustand im Stiche ließ. Es ist hier, als
    ob ein fremdes Interesse, das des Experimentators, das künstle-
    rische zunächst verstärkt habe, um dann das Kunstwerk zu
    schädigen.

    Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche andere
    ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. Eine ge-
    wisse Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unverkennbar.
    Zu einer Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für
    seine Betätigung zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung
    energischer Aggression gegen andere abgehen kann, fiel er durch
    ruhige Friedfertigkeit, durch Vermeidung aller Gegnerschaften und


    1)W. Pater: Die Renaissance. Aus dem Englischen. Zweite Auflage 1906. „Doch
    sicher ist es, daß er in einem gewissen Abschnitt seines Lebens beinahe aufgehört
    hatte, Künstler zu sein.“

    2)Vgl. bei v. Seidlitz, Bd. I, die Geschichte der Restaurations- und Rettungs-
    versuche.

  • S.

    378

    Streitigkeiten auf. Er war mild und gütig gegen alle, lehnte an-
    geblich die Fleischnahrung ab, weil er es nicht für gerechtfertigt
    hielt, Tieren das Leben zu rauben, und machte sich einen beson-
    deren Genuß daraus, Vögeln, die er auf dem Markte kaufte, die
    Freiheit zu schenken.1) Er verurteilte Krieg und Blutvergießen
    und hieß den Menschen nicht so sehr den König der Tierwelt
    als vielmehr die ärgste der wilden Bestien.2) Aber diese weibliche
    Zartheit des Empfindens hielt ihn nicht ab, verurteilte Verbrecher
    auf ihrem Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren von
    Angst verzerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche
    abzuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen
    zu entwerfen und als oberster Kriegsingenieur in die Dienste des
    Cesare Borgia zu treten. Er erschien oft wie indifferent
    gegen
    Gut und Böse, oder er verlangte mit einem besonderen Maße
    gemessen zu werden. In einer maßgebenden Stellung machte er
    den Feldzug des Cesare mit, der diesen rück-
    sichtslosesten und treu-
    losesten aller Gegner in den Besitz der Romagna
    brachte. Nicht
    eine Zeile der Aufzeichnungen Leonardos verrät eine Kritik
    oder
    Anteilnahme
    an den Vorgängen jener Tage. Der Vergleich mit
    Goethe während der Campagne
    in Frankreich
    ist hier nicht
    ganz abzuweisen.

    Wenn ein biographischer Versuch wirklich zum Verständnis
    des Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er nicht,
    wie dies in den meisten Biographien aus Diskretion oder aus
    Prüderie geschieht, die sexuelle Betätigung, die geschlechtliche
    Eigenart des Untersuchten mit Still-
    schweigen
    übergehen. Was
    hierüber bei Leonardo bekannt ist, ist wenig, aber dieses wenige
    bedeutungsvoll. In einer Zeit, die schrankenlose Sinnlichkeit mit
    düsterer
    Askese
    ringen sah, war Leonardo ein Beispiel von kühler

    1)E. Müntz. Léonard de Vinci. Paris 1899, p. 18. (Ein Brief eines Zeitgenossen
    aus Indien an einen Medici spielt auf diese Eigentümlichkeit Leonardos an. Nach
    Richter: The literary Works of L. d. V.)

    2)F. Botazzi. Leonardo biologo e anatomico. In Conferenze fiorentine, p. 186,
    1910.

  • S.

    379

    Sexualablehnung, die man beim Künstler und Darsteller der
    Frauenschönheit nicht erwarten würde. Solmi1 zitiert von ihm
    folgenden Satz, der seine Frigidität kennzeichnet: „Der Zeugungsakt
    und alles, was damit in Verbindung steht, ist so abscheulich, daß
    die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht eine alt-
    hergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter und
    sinnliche Veranlagungen.“ Seine hinterlassenen Schriften, die ja
    nicht nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeln,
    sondern auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so
    großen Geistes kaum würdig erscheinen (eine allegorische Natur-
    geschichte, Tierfabeln, Schwänke, Prophezeiungen2) sind in einem
    Grade keusch, – man möchte sagen: abstinent, – der in einem
    Werke der schönen Literatur auch heute Wunder nehmen würde.
    Sie weichen allem Sexuellen so entschieden aus, als wäre allein
    der Eros, der alles Lebende erhält, kein würdiger Stoff für den
    Wissensdrang des Forschers.3 Es ist bekannt, wie häufig große
    Künstler sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen und selbst-
    derb obszönen Darstellungen auszutoben; von Leonardo besitzen
    wir zum Gegensatze nur einige anatomische Zeichnungen über
    die inneren Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im
    Mutterleibe u. dgl.4

    1) E. Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi Hirschberg.
    Berlin 1908.

    2) Marie Herzfeld. Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet. Zweite
    Auflage. Jena 1906.

    3) Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwänke, – belle facezie, –
    die nicht übersetzt vorliegen, eine, übrigens belanglose. Ausnahme. Vgl. Herzfeld,
    L. d. V., p. CLI.

    4) Eine Zeichnung von Leonardo, die den Geschlechtsakt in einem anatomischen
    Sagittaldurchschnitt darstellt und gewiß nicht obszön zu nennen ist, läßt einige merk-
    würdige Irrtümer erkennen, welche Dr. R. Reitler (Internat. Zeitschrift für Psycho-
    analyse IV, 1916/17) entdeckt und im Sinne der hier gegebenen Charakteristik Leonardos
    besprochen hat:

    „Und dieser übergroße Forschertrieb hat gerade bei der Darstellung des Zeugungs-
    aktes – selbstverständlich nur infolge seiner noch größeren Sexualverdrängung –
    ganz und gar versagt. Der männliche Körper ist in ganzer Figur, der weibliche nur
    zum Teile gezeichnet. Wenn man einem unbefangenen Beschauer die hier wieder-

  • S.

    380

    Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe um-
    armt hat; auch von einer intimen seelischen Beziehung zu einer
    Frau, wie die Michel Angelos
    zur Vittoria Colonna, ist nichts

    gegebene Zeichnung in der Weise zeigt,
    daß man mit Ausnahme des Kopfes alle
    unterhalb befindlichen Partien zudeckt,
    so kann mit Sicherheit erwartet werden,
    daß der Kopf für weiblich gehalten wird.
    Die welligen Locken sowohl am Vorder-
    haupte als auch die, welche den Rücken
    entlang beiläufig bis zum 4. oder 5. Dorsal-
    wirbel herabwallen, kennzeichnen den
    Kopf entschieden als einen mehr femi-
    ninen als virilen.

    Die weibliche Brust zeigt zwei Män-
    gel, und zwar erstens in künstlerischer
    Beziehung, denn ihr Umriß bietet den
    Anblick einer unschön herabhängenden
    Schlappbrust, und zweitens auch in ana-
    tomischer Hinsicht, denn der Forscher
    Leonardo war offenbar durch seine Sexual-
    abwehr verhindert worden, sich nur
    einmal die Brustwarze eines säugenden
    Weibes genau anzusehen. Hätte er das
    getan, so müßte er bemerkt haben, daß
    die Milch aus verschiedenen, voneinander
    getrennten Ausführungsgängen heraus-
    strömt. Leonardo aber zeichnete nur einen
    einzigen Kanal, der weit in den Bauchraum
    hinunterreicht und wahrscheinlich nach
    Leonardos Meinung die Milch aus der
    Cysterna chyli bezieht, vielleicht auch mit
    den Sexualorganen in irgend einer Verbin-
    dung steht. Allerdings muß in Betracht

    gezogen werden, daß das Studium der inneren Organe des menschlichen Körpers
    in damaliger Zeit äußerst erschwert war, weil das Sezieren von Verstorbenen als
    Leichenschändung angesehen und strengstens bestraft wurde. Ob Leonardo, dem
    ja nur ein sehr kleines Sektionsmaterial zur Verfügung stand, von der Existenz
    eines Lymphreservoirs im Bauchraum überhaupt etwas gewußt hat, ist somit eigentlich
    recht fraglich, obzwar er in seiner Zeichnung zweifellos einen derart zu deutenden
    Hohlraum darstellte. Daß er aber den Milchkanal noch tiefer nach abwärts bis zu
    den inneren Sexualorganen reichend zeichnete, läßt vermuten, daß er das zeitliche

  • S.

    381

    bekannt. Als er noch als Lehrling im Hause seines Meisters
    Verrocchio lebte, traf ihn mit anderen jungen Leuten eine
    Anzeige wegen verbotenen homosexuellen Umganges, die mit
    seinem Freispruch endete. Es scheint, daß er in diesen Verdacht

    Zusammenfallen des Beginnes der Milchabsonderung mit dem Ende der Schwanger-
    schaft auch durch sinnfällige anatomische Zusammenhänge darzustellen suchte. Wenn
    wir nun auch des Künstlers mangelhafte Kenntnisse der Anatomie mit Rücksicht auf
    die Verhältnisse seiner Zeit gerne entschuldigen wollen, so ist es doch auffallend, daß
    Leonardo gerade das weibliche Genitale so vernachlässigt behandelt hat. Man kann
    wohl die Vagina und eine Andeutung der Portio uteri erkennen, die Gebärmutter
    selbst ist aber in ganz verworrenen Linien gezeichnet.

    Das männliche Genitale hingegen hat Leonardo viel korrekter dargestellt. So zum
    Beispiel hat er sich nicht begnügt, den Testikel zu zeichnen, sondern hat auch ganz
    richtig die Epididymis in die Skizze aufgenommen.

    Äußerst merkwürdig ist die Stellung, in welcher Leonardo den Koitus vollziehen
    läßt. Es gibt Bilder und Zeichnungen hervorragender Künstler, die den coitus a tergo,
    a latere usw. darstellen, aber einen Geschlechtsakt im Stehen zu zeichnen, da muß wohl
    eine ganz besonders starke Sexualverdrängung als Ursache dieser solitären, beinahe
    grotesken Darstellung vermutet werden. Wenn man genießen will, so pflegt man es sich
    so bequem als möglich zu machen. Das gilt natürlich für beide Urtriebe, für Hunger
    und Liebe. Die meisten Völker des Altertums nahmen beim Mahle eine liegende
    Stellung ein, und beim Koitus liegt man normalerweise heutzutage gerade so bequem,
    wie unsere Vorfahren es taten. Durch das Liegen wird gewissermaßen das Wollen
    ausgedrückt, in der erwünschten Situation längere Zeit hindurch zu verweilen.

    Auch die Gesichtszüge des femininen Männerkopfes zeigen eine geradezu unwillige
    Abwehr. Die Brauen sind gerunzelt, der Blick ist mit einem Ausdrucke von Scheu
    seitwärts gerichtet, die Lippen sind zusammengepreßt und ihre Winkel nach unten
    verzogen. Dieses Gesicht läßt wahrlich weder die Lust des Liebespendens, noch die
    Seligkeit des Gewährens erkennen; es drückt nur Unwillen und Abscheu aus.

    Die größte Fehlleistung hat aber Leonardo bei der Zeichnung der beiden unteren
    Extremitäten begangen. Der Fuß des Mannes sollte nämlich der rechte sein; denn da
    Leonardo den Zeugungsakt in Form eines anatomischen Sagittaldurchschnittes darstellte,
    so müßte ja der linke männliche Fuß oberhalb der Bildfläche gedacht werden, und
    umgekehrt sollte aus demselben Grunde der weibliche Fuß der linken Seite angehören.
    Tatsächlich aber hat Leonardo weiblich und männlich vertauscht. Die Figur des Mannes
    besitzt einen linken, die des Weibes einen rechten Fuß. Bezüglich dieser Vertauschung
    orientiert man sich am leichtesten, wenn man bedenkt, daß die großen Zehen der
    Innenseite der Füße angehören.

    Aus dieser anatomischen Zeichnung allein hätte man die den großen Künstler und
    Forscher beinahe verwirrende Libidoüberdrängung erschließen können.“

    Diese Darstellung Reitlers hat allerdings die Kritik gefunden, es sei nicht zu-
    lässig, aus einer flüchtigen Zeichnung so ernste Schlüsse zu ziehen, und es stehe nicht
    einmal fest, ob die Stücke der Zeichnung wirklich zusammen gehören.

  • S.

    382

    geriet, weil er sich eines übel beleumundeten Knaben als Modells
    bediente.1) Als Meister umgab er sich mit schönen Knaben und
    Jünglingen, die er zu Schülern annahm. Der letzte dieser Schüler,
    Francesco Melzi, begleitete ihn nach Frankreich, blieb bis zu
    seinem Tode bei ihm und wurde von ihm zum Erben eingesetzt.
    Ohne die Sicherheit seiner modernen Biographen zu teilen, die
    die Möglichkeit eines sexuellen Verkehrs zwischen ihm und seinen
    Schülern natürlich als eine grundlose Beschimpfung des großen
    Mannes verwerfen, mag man es für weitaus wahrscheinlicher
    halten, daß die zärtlichen Beziehungen Leonardos zu den jungen
    Leuten, die nach damaliger Schülerart sein Leben teilten, nicht
    in geschlechtliche Betätigung ausliefen. Man wird ihm auch von
    sexueller Aktivität kein hohes Maß zumuten dürfen.

    Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt sich
    im Zusammenhang mit Leonardos Doppelnatur als Künstler und
    Forscher nur in einer Weise begreifen. Von den Biographen, denen
    psychologische Gesichtspunkte oft sehr ferne liegen, hat meines
    Wissens nur einer, Edm. Solmi, sich der Lösung des Rätsels
    genähert; ein Dichter aber, der Leonardo zum Helden eines
    großen historischen Romans gewählt hat, Dmitry Sergewitsch
    Mereschkowski, hat seine Darstellung auf solches Verständnis
    des ungewöhnlichen Mannes gegründet und seine Auffassung, wenn
    auch nicht in dürren Worten, so doch nach der Weise des Dichters
    in plastischem Ausdruck unverkennbar geäußert.2) Solmi urteilt
    über Leonardo: „Aber das unstillbare Verlangen, alles ihn Um-
    gebende zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das tiefste

    1) Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach Scognamiglio (i. c., p. 49) eine
    dunkle und selbst verschieden gelesene Stelle des Codex Atlanticus: „Quanto io feci
    Domeneddio putto voi mi metteste in prigione, ora s’io lo fo grande, voimi farete peggio.“

    2) Mereschkowski. Leonardo da Vinci. Ein biographischer Roman aus der
    Wende des XV. Jahrhunderts. Deutsche Übersetzung von C. v. Gülschow, Leipzig 1903.
    Das Mittelstück einer großen Romantrilogie, die „Christ und Antichrist“ betitelt ist.
    Die beiden anderen Bände heißen „Julian Apostata“ und „Peter der Große
    und Alexei“.

  • S.

    383

    Geheimnis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos
    Werke dazu verdammt, stets unfertig zu bleiben.1) In einem Auf-
    satze der Conferenze Florentine wird die Äußerung Leonardos
    zitiert, die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu seinem
    Wesen ausliefert:

    „Nessuna cosa si può amare nè odiare, se prima non si ha
    cognition di quella.“2)

    Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen,
    wenn man sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens
    verschafft hat. Und dasselbe wiederholt Leonardo an einer Stelle
    des Traktats von der Malerei, wo er sich gegen den Vorwurf
    der Irreligiosität zu verteidigen scheint:

    „Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes (Tun)
    ist die Weise, den Werkmeister so vieler bewundernswerter
    Dinge kennenzulernen, und dies der Weg, einen so großen
    Erfinder zu lieben. Denn wahrlich, große Liebe entspringt aus
    großer Erkenntnis des geliebten Gegenstandes, und wenn du
    diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur wenig oder gar nicht
    lieben können …“3)

    Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin
    gesucht werden, daß sie eine bedeutsame psychologische Tatsache
    mitteilen, denn was sie behaupten, ist offenkundig falsch, und
    Leonardo mußte dies ebensogut wissen wie wir. Es ist nicht
    wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe oder ihrem Haß warten,
    bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte gelten, studiert und
    in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr lieben sie impulsiv
    auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis nichts zu tun haben,
    und deren Wirkung durch Besinnung und Nachdenken höchstens

    1)Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi Hirschberg.
    Berlin 1908, p. 46.

    2)Filippo Botazzi. Leonardo biologo e anatomico, p. 193.

    3)Leonardo da Vinci. Traktat von der Malerei. Nach der Übersetzung von
    Heinrich Ludwig neu herausgegeben und eingeleitet von Marie Herzfeld. Jena
    1909 (Abschnitt I, 64, p. 54).

  • S.

    384

    abgeschwächt wird. Leonardo konnte also nur gemeint haben,
    was die Menschen üben, das sei nicht die richtige, einwandfreie
    Liebe, man sollte so lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn
    der Gedankenarbeit unterwerfe und erst frei gewähren lasse,
    nachdem er die Prüfung durch das Denken bestanden hat. Und
    wir verstehen dabei, daß er uns sagen will, bei ihm sei es so;
    es wäre für alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit Liebe
    und Haß so hielten wie er selbst.

    Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine
    Affekte waren gebändigt, dem Forschertrieb unterworfen; er
    liebte und haßte nicht, sondern fragte sich, woher das komme,
    was er lieben oder hassen solle, und was es bedeute, und so
    mußte er zunächst indifferent erscheinen gegen Gut und Böse,
    gegen Schönes und Häßliches. Während dieser Forscherarbeit
    warfen Liebe und Haß ihre Vorzeichen ab und wandelten sich
    gleichmäßig in Denkinteresse um. In Wirklichkeit war Leonardo
    nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des göttlichen Funkens,
    der mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft –
    il primo motore
    alles menschlichen Tuns ist. Er hatte die Leidenschaft nur
    in Wissensdrang verwandelt; er ergab sich nun der Forschung
    mit jener Ausdauer, Stetigkeit, Vertiefung, die sich aus der
    Leidenschaft ableiten, und auf der Höhe der geistigen Arbeit,
    nach gewonnener Erkenntnis, läßt er den lange zurückgehaltenen
    Affekt losbrechen, frei abströmen wie einen vom Strome ab-
    geleiteten Wasserarm, nachdem er das Werk getrieben hat. Auf
    der Höhe einer Erkenntnis, wenn er ein großes Stück des Zu-
    sammenhanges überschauen kann, dann erfaßt ihn das Pathos
    und er preist in schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes
    Stückes der Schöpfung, das er studiert hat, oder –
    in religiöser
    Einkleidung –
    die Größe seines Schöpfers. Solmi hat diesen
    Prozeß der Umwandlung bei Leonardo richtig erfaßt. Nach dem
    Zitat einer solchen Stelle, in der Leonardo den hehren Zwang
    der Natur („O mirabile necessita…“) gefeiert hat, sagt er:

  • S.

    LEONARDO DA VINCI:
    HEILIGE ANNA SELBDRITT
    (nach dem Gemälde im Louvre zu Paris)

  • S.

    385

    Tale trasfigurazione della scienza della natura in emozione, quasi
    direi, religiosa, è uno dei tratti caratteristici de' manoscritti
    vinciani, e si trova cento volte espressa . . .1

    Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und unermüd-
    lichen Forscherdranges den italienischen Faust geheißen. Aber von
    allen Bedenken gegen die mögliche Rückverwandlung des Forscher-
    triebs in Lebenslust abgesehen, die wir als die Voraussetzung der
    Fausttragödie annehmen müssen, möchte man die Bemerkung
    wagen, daß die Entwicklung Leonardos an spinozistische Denk-
    weise streift.

    Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschiedene
    Formen der Betätigung sind vielleicht ebensowenig ohne Einbuße
    konvertierbar, wie die der physikalischen Kräfte. Das Beispiel
    Leonardos lehrt, wie vielerlei anderes an diesen Prozessen zu ver-
    folgen ist. Aus dem Aufschub, erst zu lieben, nachdem man erkannt
    hat, wird ein Ersatz. Man liebt und haßt nicht mehr recht, wenn
    man zur Erkenntnis durchgedrungen ist; man bleibt jenseits von
    Liebe und Haß. Man hat geforscht, anstatt zu lieben. Und darum
    vielleicht ist Leonardos Leben so viel ärmer an Liebe gewesen
    als das anderer Großer und anderer Künstler. Die stürmischen
    Leidenschaften erhebender und verzehrender Natur, in denen
    andere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu
    haben.

    Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt
    zu handeln, zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Welt-
    zusammenhanges und dessen Notwendigkeiten zu ahnen be-
    gonnen hat, der verliert leicht sein eigenes kleines Ich. In Be-
    wunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, vergißt man
    zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden Kräfte ist
    und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen
    Kraft ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt ab-
     

    1)Solmi, La resurrezione etc., p. 11.

  • S.

    386

    zuändern, der Welt, in welcher das Kleine doch nicht minder
    wunderbar und bedeutsam ist als das Große.

    Leonardo hatte vielleicht, wie Solmi meint, im Dienste
    seiner Kunst zu forschen begonnen,1) er bemühte sich um die
    Eigenschaften und Gesetze des Lichts, der Farben, Schatten,
    der Perspektive, um sich die Meisterschaft in der Nachahmung
    der Natur zu sichern und anderen den gleichen Weg zu weisen.
    Wahrscheinlich überschätzte er schon damals den Wert dieser
    Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn, noch immer
    am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung der
    Objekte der Malerei, der Tiere und Pflanzen, der Proportionen
    des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben weg zur
    Kenntnis ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunktionen, die
    sich ja auch in ihrer Erscheinung ausdrücken und von der
    Kunst Darstellung verlangen. Und endlich riß ihn der über
    mächtig gewordene Trieb fort, bis der Zusammenhang mit den
    Anforderungen seiner Kunst zerriß, so daß er die allgemeinen
    Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Geschichte der Ab-
    lagerungen und Versteinerungen im Arnotal erriet, und bis daß
    er in sein Buch mit großen Buchstaben die Erkenntnis ein-
    tragen konnte: Il sole non si move. Auf so ziemlich alle Gebiete
    der Naturwissenschaft dehnte er seine Forschungen aus, auf
    jedem einzelnen ein Entdecker oder wenigstens Vorhersager und
    Pfadfinder.2) Doch blieb sein Wissensdrang auf die Außenwelt
    gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der Menschen
    hielt ihn etwas fern; in der „Academia Vinciana“, für die er
    kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psycho-
    logie wenig Raum.

    1)La resurrezione etc., p. 8: „Leonardo aveva posto, come regola al pittore, lo studio
    della natura ..., poi la passione dello studio era divenuta dominante, egli aveva voluto
    acquistare non piu la scienza per l’arte, ma la scienza per la scienza.“

    2)Siehe die Aufzählung seiner wissenschaftlichen Leistungen in der schönen
    biographischen Einleitung der Marie Herzfeld (Jena 1906), in den einzelnen Essays
    der Conference Florentine 1910 und anderwärts.

  • S.

    387

    Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstü-
    übung zurückzukehren, von der er ausgegangen war, so erfuhr er an
    sich die Störung durch die neue Einstellung seiner Inter-
    essen und die veränderte Natur seiner psychischen Arbeit. Am Bild
    interessierte ihn vor allem ein Problem, und hinter diesem einen
    sah er ungezählte andere Probleme auftauchen, wie er es in der
    endlosen und unabschließbaren Naturforschung gewohnt war.
    Er brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch zu be-
    schränken, das Kunstwerk zu isolieren, es aus dem großen Zu-
    sammenhang zu reißen, in den er es gehörig wußte. Nach den
    erschöpfendsten Bemühungen, alles in ihm zum Ausdruck zu
    bringen, was sich in seinen Gedanken daran knüpfte, mußte er
    es unfertig im Stiche lassen oder es für unvollendet erklären.

    Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger in
    seinen Dienst genommen, nur war der Diener der stärkere ge-
    worden und unterdrückte seinen Herrn.

    Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen Trieb
    überstark ausgebildet finden, wie bei Leonardo die Wißbegierde,
    so berufen wir uns zur Erklärung auf eine besondere Anlage,
    über deren wahrscheinlich organische Bedingtheit meist noch
    nichts Näheres bekannt ist. Durch unsere psychoanalytischen
    Studien an Nervösen werden wir aber zwei weiteren Erwartungen
    geneigt, die wir gern in jedem einzelnen Falle bestätigt finden
    möchten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß jener überstarke
    Trieb sich bereits in der frühesten Kindheit der Person betätigt
    hat, und daß seine Oberherrschaft durch Eindrücke des Kinder-
    lebens festgelegt wurde, und wir nehmen ferner an, daß er
    ursprünglich sexuelle Triebkräfte zu seiner Verstärkung heran-
    gezogen hat, so daß er späterhin ein Stück des Sexuallebens ver-
    treten kann. Ein solcher Mensch würde also zum Beispiel forschen
    mit jener leidenschaftlichen Hingabe, mit der ein anderer seine
    Liebe ausstattet, und er könnte forschen anstatt zu lieben. Nicht
    nur beim Forschertrieb, sondern auch in den meisten anderen

  • S.

    388

    Fällen von besonderer Intensität eines Triebes würden wir den
    Schluß auf eine sexuelle Verstärkung desselben wagen.

    Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen zeigt uns,
    daß es den meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile ihrer sexuellen
    Triebkräfte auf ihre Berufstätigkeit zu leiten. Der Sexualtrieb
    eignet sich ganz besonders dazu, solche Beiträge abzugeben, da
    er mit der Fähigkeit der Sublimierung begabt, das heißt imstande
    ist, sein nächstes Ziel gegen andere, eventuell höher gewertete und
    nicht sexuelle, Ziele zu vertauschen. Wir halten diesen Vorgang
    für erwiesen, wenn uns die Kindergeschichte, also die seelische
    Entwicklungsgeschichte, einer Person zeigt, daß zur Kinderzeit
    der übermächtige Trieb im Dienste sexueller Interessen stand.
    Wir finden eine weitere Bestätigung darin, wenn sich im Sexualleben reifer Jahre eine auffällige Verkümmerung dartut, gleichsam
    als ob ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die Betätigung
    des übermächtigen Triebes ersetzt wäre.

    Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des übermächtigen Forschertriebes scheint besonderen Schwierigkeiten zu
    unterliegen, da man gerade den Kindern weder diesen ernsthaften
    Trieb noch bemerkenswerte sexuelle Interessen zutrauen möchte.
    Indes sind diese Schwierigkeiten leicht zu beheben. Von der Wißbegierde der kleinen Kinder zeugt deren unermüdliche Fragelust,
    die dem Erwachsenen rätselhaft ist, solange er nicht versteht,
    daß alle diese Fragen nur Umschweife sind, und daß sie kein
    Ende nehmen können, weil das Kind durch sie nur eine Frage
    ersetzen will, die es doch nicht stellt. Ist das Kind größer und
    einsichtsvoller geworden, so bricht diese Äußerung der Wißbegierde
    oft plötzlich ab. Eine volle Aufklärung gibt uns aber die psychoanalytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele, vielleicht
    die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa vom dritten
    Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der
    infantilen Sexualforschung bezeichnen darf. Die Wißbegierde erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel wir wissen,

  • S.

    389

    nicht spontan, sondern wird durch den Eindruck eines wichtigen
    Erlebnisses geweckt, durch die erfolgte oder nach auswärtigen
    Erfahrungen gefürchtete Geburt eines Geschwisterchens, in der
    das Kind eine Bedrohung seiner egoistischen Interessen erblickt.
    Die Forschung richtet sich auf die Frage, woher die Kinder
    kommen, geradeso, als ob das Kind nach Mitteln und Wegen
    suchte, ein so unerwünschtes Ereignis zu verhüten. Wir haben
    so mit Erstaunen erfahren, daß das Kind den ihm gegebenen
    Auskünften den Glauben verweigert, zum Beispiel die mythologisch
    so sinnreiche Storchfabel energisch abweist, daß es von diesem Akte
    des Unglaubens an seine geistige Selbständigkeit datiert, sich oft
    in ernstem Gegensatze zu den Erwachsenen fühlt und diesen
    eigentlich niemals mehr verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um
    die Wahrheit betrogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen,
    errät den Aufenthalt des Kindes im Mutterleibe und schafft sich,
    von den Regungen der eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über
    die Herkunft des Kindes vom Essen, über sein Geborenwerden
    durch den Darm, über die schwer zu ergründende Rolle des
    Vaters, und es ahnt bereits damals die Existenz des sexuellen
    Aktes, der ihm als etwas Feindseliges und Gewalttätiges erscheint.
    Aber wie seine eigene Sexualkonstitution der Aufgabe der Kinder
    zeugung noch nicht gewachsen ist, so muß auch seine Forschung,
    woher die Kinder kommen, im Sande verlaufen und als unvollend-
    bar im Stiche gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens
    bei der ersten Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nach-
    haltiger und tief deprimierender zu sein.1)

    Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen
    Schub energischer Sexualverdrängung abgeschlossen worden ist,

    1)Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden Behauptungen nehme man
    Einsicht in die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“, 1909 [Ges. Schriften,
    Bd. VIII] und in ähnliche Beobachtungen. In einem Aufsatze über die „infantilen
    Sexualtheorien“, 1908 [Ges. Schriften, Bd. V], schrieb ich: „Dieses Grübeln und Zweifeln
    wird aber vorbildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und der erste Miß-
    erfolg wirkt für alle Zeiten lähmend fort.“

  • S.

    390

    leiten sich für das weitere Schicksal des Forschertriebes drei ver-
    schiedene Möglichkeiten aus seiner frühzeitlichen Verknüpfung
    mit sexuellen Interessen ab. Entweder die Forschung teilt das
    Schicksal der Sexualität, die Wißbegierde bleibt von da an gehemmt
    und die freie Betätigung der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit
    eingeschränkt, besonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung
    die mächtige religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird.
    Dies ist der Typus der neurotischen Hemmung. Wir verstehen
    sehr wohl, daß die so erworbene Denkschwäche dem Ausbruch
    einer neurotischen Erkrankung wirksamen Vorschub leistet. In
    einem zweiten Typus ist die intellektuelle Entwicklung kräftig
    genug, um der an ihr zerrenden Sexualverdrängung zu wider-
    stehen. Einige Zeit nach dem Untergang der infantilen Sexual-
    forschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist, bietet sie eingedenk
    der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der Sexualver-
    drängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als Grübel-
    zwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt und
    unfrei, aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexuali-
    sieren und die intellektuellen Operationen mit der Lust und der
    Angst der eigentlichen Sexualvorgänge zu betonen. Das Forschen
    wird hier zur Sexualbetätigung, oft zur ausschließlichen, das Gefühl
    der Erledigung in Gedanken, der Klärung, wird an die Stelle der
    sexuellen Befriedigung gesetzt; aber der unabschließbare Charakter
    der Kinderforschung wiederholt sich auch darin, daß dies Grübeln
    nie ein Ende findet, und daß das gesuchte intellektuelle Gefühl
    der Lösung immer weiter in die Ferne rückt.

    Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht kraft
    besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen
    Denkzwang. Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber
    es gelingt ihr nicht, einen Partialtrieb der Sexuallust ins Un-
    bewußte zu weisen, sondern die Libido entzieht sich dem Schicksal
    der Verdrängung, indem sie sich von Anfang an in Wißbegierde
    sublimiert und sich zu dem kräftigen Forschertrieb als Ver-

  • S.

    391

    stärkung schlägt. Auch hier wird das Forschen gewissermaßen
    zum Zwang und zum Ersatz der Sexualbetätigung, aber infolge
    der völligen Verschiedenheit der zugrunde liegenden psychischen
    Prozesse (Sublimierung an Stelle des Durchbruchs aus dem
    Unbewußten) bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebunden-
    heit an die ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung
    entfällt, und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektuellen
    Interesses betätigen. Der Sexualverdrängung, die ihn durch den
    Zuschuß von sublimierter Libido so stark gemacht hat, trägt er
    noch Rechnung, indem er die Beschäftigung mit sexuellen Themen
    vermeidet.

    Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen Forscher-
    triebes bei Leonardo mit der Verkümmerung seines Sexuallebens
    erwägen, welches sich auf sogenannte ideelle Homosexualität ein-
    schränkt, werden wir geneigt sein, ihn als einen Musterfall unseres
    dritten Typus in Anspruch zu nehmen. Daß es ihm nach infantiler
    Betätigung der Wißbegierde im Dienste sexueller Interessen dann
    gelungen ist, den größeren Anteil seiner Libido in Forschertdrang
    zu sublimieren, das wäre der Kern und das Geheimnis seines
    Wesens. Aber freilich der Beweis für diese Auffassung ist nicht
    leicht zu erbringen. Wir bedürften hiezu eines Einblickes in die
    seelische Entwicklung seiner ersten Kinderjahre, und es erscheint
    töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die Nachrichten
    über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn es
    sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich
    noch bei Personen unserer eigenen Generation der Aufmerksam-
    keit der Beobachter entziehen.

    Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde
    1452 in dem kleinen Städtchen Vinci zwischen Florenz und
    Empoli geboren; er war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit
    gewiß nicht als schwerer bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein
    Vater war Ser Piero da Vinci, ein Notar und Abkömmling
    einer Familie von Notaren und Landbebauern, die ihren Namen

  • S.

    392

    nach dem Orte Vinci führten; seine Mutter eine Catarina,
    wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die später mit einem anderen
    Einwohner von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt in
    der Lebensgeschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter
    Mereschkowski glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die
    einzige sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amt-
    liches Dokument aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuer-
    kataster, in welchem unter den Hausgenossen der Familie Vinci
    Leonardo als fünfjähriges illegitimes Kind des Ser Piero angeführt
    wird.1) Die Ehe Ser Pieros mit einer Donna Albiera blieb kinder-
    los, darum konnte der kleine Leonardo im Hause seines Vaters
    aufgezogen werden. Dies Vaterhaus verließ er erst, als er, unbe-
    kannt in welchem Alter, als Lehrling in die Werkstatt des Andrea
    del Verrocchio eintrat. Im Jahre 1472 findet sich Leonardos
    Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der „Compagnia dei
    Pittori“.2) Das ist alles.


    1)Scognamiglio, l. c., p. 15.