• S.

    VI. Pathologische Physiologie.

    Die pathologische Physiologie der Infantilen Cerebrallähmung hat
    die Aufgabe, die Symptomatologie der Erkrankung in die richtige Be-
    ziehung zu deren pathologischer Anatomie zu bringen, indem sie klinisch
    beobachtete Störungen der Function aus der Functionslehre der als ge-
    schädigt erkannten Theile erklärt. Die nachstehende Untersuchung wird
    zeigen, inwieweit diese Aufgabe mit unseren gegenwärtigen Kenntnissen
    lösbar erscheint.

    Die physiologische Erklärung des Bildes der spastischen Hemi-
    plegie des Kindesalters liegt uns an dieser Stelle nicht ob, da diese
    halbseitige Kinderlähmung in ihren wesentlichen Charakteren mit jener
    der Erwachsenen übereinstimmt. Wir brauchen nur bei jenen Zügen zu ver-
    weilen, die der kindlichen Affection allein oder vorzugsweise zukommen.
    Als solche sind namhaft zu machen: der vorwiegend ataktisch-choreati-
    sche Charakter der Bewegungsstörung an den oberen Extremitäten, die
    grössere Häufigkeit posthemiplegischer Chorea und Athethose überhaupt,
    die relative Unabhängigkeit der Sprachstörung von der Linksseitigkeit der
    Hirnläsion, das Auftreten von Atrophie und Wachsthumshemmung, das
    Hinzutreten von Epilepsie und geistiger Schwäche.

    Ein Theil dieser Symptome erklärt sich ohne Weiteres daraus, dass
    das von dem Krankheitsprocess ergriffene Gehirn in seiner organischen und
    Functionsentwicklung unfertig ist, so dass nicht nur Ausfallserscheinungen
    für den Zeitpunkt der Erkrankung gesetzt, sondern auch weitere solche
    Störungen gleichsam vorbereitet werden. Es ist kaum nöthig, für die Be-
    rechtigung dieser Erklärung einen Erweis zu bringen, seitdem uns die
    Experimente der Teratologen gelehrt haben, wie folgenschwer eine Ver-
    letzung des Eies in der Furchung werden kann, während das erwachsene
    Thier denselben Eingriff kaum als Schädigung empfindet. So ist es auch
    unfraglich, dass eine Erkrankung von Hirntheilen in früher Fötalperiode
    durch Störung der Entwickelungsrichtung des betroffenen Theiles, durch
    Beeinflussung entfernter Hirnpartien zu einem Schwergewicht gelangt,
    das nie zu Stande käme, wenn man sich dieselbe Läsion auf das ent-
    wicklungsfertige Nervensystem wirkend denkt. Es scheint aber, dass
    man von einem gewissen Zeitpunkt an auch der Wirksamkeit eines

  • S.

    230

    anderen, und zwar gegensätzlichen Momentes Raum lassen muss. Bei
    einer gewissen Reife der Entwicklung angelangt, wird das infantile Ge-
    hirn Störungen von gewisser Art sogar besser vertragen und leichter aus-
    gleichen können als das in seiner Entwicklung abgeschlossene des Er-
    wachsenen. In der Wirklichkeit werden diese beiden Momente irgendwie
    neben einander zur Geltung kommen; es ist beinahe so, als ob das
    infantile Gehirn gegen die Wirkung einer scharf localisirten Erkrankung
    besser geschützt wäre als das Gehirn
    des Erwachsenen.

    Die Seltenheit oder besser Vergänglichkeit der Aphasie bei der
    Kinderhemiplegie beruht darauf, dass die Sprache eine Associationsleistung
    ist, welche bei Erhaltung der anatomischen Endstätten sich auf den Ver-
    bindungswegen zwischen diesen herstellt und somit Umwege benützen
    kann, wenn die nächsten Wege ungangbar sind. Das Sprachvermögen der
    Kinder wird demnach unabhängig von dem Ort der Hirnläsion, bezeugt
    aber deren Einfluss in seiner allgemeinen Verschlechterung.

    Von der Atrophie und Wachsthumshemmung wurde S. 95 ge-
    handelt und dort festgestellt, dass dieses Symptom einerseits direct von
    der Hirnläsion (anstatt von den motorischen Folgen derselben) abhängt,
    andererseits nicht durch den unmittelbaren trophischen Einfluss des Ge-
    hirns auf die Extremitäten erklärt werden kann. Zur Vermittlung dieses
    Widerspruches bietet sich die Annahme, dass das Gehirn seinen trophi-
    schen Einfluss erst auf dem Umwege über gewisse innere Organe er-
    wirbt, die ihrerseits dem Hirneinfluss direct unterstehen. Seit unseren
    neueren Erfahrungen über die Krankheitszustände der Akromegalie und des
    Myxödems erscheint eine solche Annahme nicht mehr ganz phantastisch.

    Das Vorwiegen von Bewegungsstörungen vom Charakter der Chorea
    ist ein allgemeiner Zug der infantilen Hirnsymptomatologie, dessen Be-
    deutung an anderer Stelle im Zusammenhange mit der Erklärung der
    choreatischen Parese und der bilateralen Athethose erörtert werden soll.
    Die Convulsionen und Epilepsie dürfen offenbar nicht mit der klinischen
    Form der Hemiplegie, sondern mit der Natur der Krankheitsprocesse im
    Kindesalter oder mit der Reaction der infantilen Gewebe gegen diese in
    Beziehung gebracht werden.

    Die bilaterale Hemiplegie entspricht in ihrem klinischen Aus-
    druck nicht einfach der Zusammensetzung von zwei Hemiplegien, sondern
    bietet ein Mehr an Allgemeinerscheinungen und an Beeinträchtigung der
    Muskeln des Rumpfes und der Kopfeingeweide. Wie Anton und Andere
    hervorgehoben haben, lässt sich dieser Ueberschuss durch die Berufung
    auf die gangbaren Theorien der Körpervertretung im Grosshirn leicht
    verstehen. Wenn selbst nach dem gänzlichen Untergang einer Hemisphäre
    die gegenseitige Körpermuskulatur zum Theil der Lähmung entgeht.

  • S.

    231

    zum anderen Theil nur unvollständige Lähmung davon-
    trägt, so ziehen wir hieraus den Schluss, dass die Muskeln jeder Körperhälfte durch un-
    gekreuzte Bahnen von grösserer oder geringerer Mächtigkeit mit der
    gleichseitigen Hemisphäre verbunden sind, so dass jede Hemisphäre den
    Ausfall der anderen theilweise zu verdecken vermag. Sind nun beide
    Hemisphären erkrankt, so entspricht eben der Ausfall dieser Ersatz-
    leistungen dem Ueberschusse im Bilde einer Diplegie gegen die Einzel-
    bilder zweier Hemiplegien.

    Ein interessantes Problem für die physiologische Aufklärung wird
    durch die symptomatischen Eigenthümlichkeiten der Allgemeinen Starre
    gegeben. Dieselben bestehen, wie oftmals erwähnt, darin, dass hier die
    Lähmung weit weniger ausgesprochen ist als die Hypertonie und Schwer-
    beweglichkeit der Muskulatur, und dass dieser Charakter wiederum an
    den unteren Extremitäten regelmässig stärker ausgebildet ist als an den
    oberen. Um die hier zu lösende Erklärungsaufgabe zu würdigen, muss
    man sich vorhalten, dass bei den gemeinhin zu beobachtenden Fällen von
    Grosshirnerkrankung die geradezu entgegengesetzten Verhältnisse zum
    Ausdruck kommen: die Arme zeigen sich immer stärker geschädigt als
    die Beine, wenn nicht ganz besondere, selten realisirte Bedingungen der
    Localisation zu Stande kommen, und die Schädigung zeigt sich als Auf-
    hebung der willkürlichen Beweglichkeit, der sich die Contractur etwa
    anschliesst, ohne sich klinisch vorzudrängen. Muskelcontractur ohne
    Lähmung kennen wir eigentlich bei Cerebralerkrankungen nur als vorüber-
    gehendes Reizsymptom.

    Der wünschenswerthe Erklärungsversuch der Allgemeinen Starre
    soll überdies noch Anderes leisten; ausser den beiden Hauptsymptomen
    der Allgemeinen Starre soll die constante Verknüpfung derselben ein-
    sichtlich werden; endlich muss der klinischen Thatsache Rechnung ge-
    tragen werden, dass sich die Starre mit jedem beliebigen Grad von
    hemiplegischer Lähmung compliciren kann, so dass Allgemeine Starre
    und bilaterale Hemiplegie keinesfalls auf gegensätzliche und einander
    ausschliessende Bedingungen zurückgeführt werden dürfen.

    Von Gowers, Anton und Freud ist nun eine physiologische Er-
    klärung der Allgemeinen Starre ausgearbeitet worden, die man bei erster
    Prüfung als bestechend anerkennen muss. Die bestgekannteste Aetiologie
    der Allgemeinen Starre ist die erschwerte Geburt (Little), und die Läsion,
    die bei erschwerter Geburt regelmässig gefunden wird, hat Mac Nutt
    als Meningealhämorrhagie erwiesen. Diese erfüllt aber gerade jene Be-
    dingungen, welcher wir zur Zurückführung der Allgemeinen Starre auf
    die bilaterale Hemiplegie bedürfen.

    Sterben die Kinder an den während des Geburtsactes erlittenen
    Verletzungen, so findet man — hier folge ich Gowers fast wörtlich —

  • S.

    232

    den die Rinde umhüllenden Blutklumpen am dichtesten in der centralen
    Region, welche die motorische Zone einschliesst, und zwar besonders
    innerhalb der Longitudinalfurche (Medianspalte) und in der Nähe der
    selben; gegen die mittleren Theile der Convexität hin wird die Blut-
    schichte dünner, das Gewebe hat hier weniger gelitten und kann sich,
    wenn das Kind am Leben bleibt und das Extravasat aufgesaugt wird,
    eher erholen. Man muss dann als Endergebniss dieser Meningealhämor-
    rhagie eine Atrophie des Gewebes und Depression desselben erwarten,
    welche beiderseits in der Nähe des medialen Randes der Convexität am
    stärksten ausgesprochen ist und gegen die Sylvische Grube hin ab-
    nimmt. Dies ist auch in der That der Befund in den Fällen von Mac
    Nutt und Railton.

    Die Allgemeine Starre verdankt somit den einen ihrer beiden
    Charaktere, die stärkere Betheiligung der Beine, dem Umstande, dass die
    ihr zu Grunde liegende Läsion (Meningealhämorrhagie) sich in der Nähe
    der Medianspalte localisirt; diese Localisation ist hier eine nothwendige,
    ergibt sich aus den Bedingungen, unter denen diese Hämorrhagie zu
    Stande kommt. Jede andere Läsion, die aus anderen Gründen, etwa zu
    fälligerweise, dieselbe Localisation einhält, wird deswegen wiederum eine
    stärkere Betheiligung der Beine ergeben, und somit könnten wir uns
    auch die selteneren Fälle von Allgemeiner Starre erklären, die nicht von
    asphyktischer Geburt herrühren, und die keine Meningealhämorrhagie zur
    Ursache haben dürften.

    Die Meningealblutungen bei erschwerter Geburt erfolgen nach
    Virchow aus den Venen, die von der Pia aus in die grossen Hirnsinus
    eintreten und also ein Stück frei zwischen Pia und Dura im arach-
    noidealen Gewebe verlaufen. Die Ursache ihrer Abreissung ist nach Virchow
    und Weber die beim Geburtsact eintretende Uebereinanderschiebung der
    Schädelknochen, zu der dann als Förderung die Stauung bei Unter-
    brechung der Circulation hinzutritt. Solche Blutungen finden sich daher
    auch bei normalen Geburten; sie sind gewiss unschädlich, so lange sie
    nicht ein gewisses Mass überschreiten. Bei präcipitirten Geburten ist es
    nach Tyler-Smith (bei Virchow) der Mangel an genügend langen
    Pausen zwischen den einzelnen Wehen, der die Venenstauungen und damit
    die Blutungen hervorruft.

    Aehnlich wie Virchow und Weber erklärt auch Kundrat die
    Meningealblutungen während der Geburt, die er für sehr häufig erklärt,
    durch die Uebereinanderschiebung der Scheitelbeine, Compression des
    Sinus falciformis major und Zerreissung der gezerrten Venen. Er macht
    aber (wie Tyler-Smith) die wichtige Angabe, dass solche Blutungen
    gerade bei schnellen Geburten am häufigsten erfolgen, wo das Gehirn
    nicht Zeit hat, sich einer langsam anwachsenden Compression zu adap-

  • S.

    233

    tiren. Da diese Bedingung bei Frühgeburten häufig erfüllt sein dürfte,
    wäre diese Angabe zur Erklärung der paraplegischen Starre durch
    Meningealhämorrhagie zu verwerten.

    Ueber die Häufigkeit dieser Hämorrhagie bringt eine Arbeit von
    Weyhe aus der Heller’schen Klinik in Kiel einigen Aufschluss. Weyhe
    fand solche Blutungen (nebst intracerebralen u. s. w.) in 122 Fällen
    unter 959 Säuglingssectionen, also in 12 Procent. Die Kinder hatten sie
    mehrere Tage bis einige Monate überlebt und waren in einer Anzahl
    von Fällen schliesslich den Folgen dieser Läsionen erlegen. 23 unter
    den 122 Fällen betrafen congenital-luetische Kinder. Die Häufigkeit der
    Blutungen bei solchen Kindern hat vor mehreren Jahren Mracek dazu
    veranlasst, von einer Syphilis haemorrhagica neonatorum zu sprechen,
    die er durch Gefässerkrankung erklärt. Fischl konnte diese Gefäss-
    erkrankungen in Folge von Lues nicht finden; auch er gesteht aber zu,
    dass man bei hereditär-luetischen Kindern von einer klinisch festgestellten
    hämorrhagischen Diathese reden dürfe.

    Die allgemein erfolgte Anerkennung der Meningealhämorrhagie bei
    erschwerter Geburt als Ursache vieler Formen von infantiler Cerebral-
    lähmung hat Fr. Schultze 1895 dazu veranlasst, neuerdings nach der
    Existenz dieser Blutungen bei Neugeborenen zu suchen, welche an dem
    Geburtsacte selbst oder kurz nachher gestorben waren. Es bleibt immer
    hin auffällig, dass er bei diesen (allerdings wenig zahlreichen) Unter-
    suchungen die erwarteten Veränderungen über und in der Hirnrinde
    nicht vorfand. Dagegen überzeugte er sich von der Häufigkeit der
    Blutungen in das Rückenmark und die Oblongata bei schwer geborenen
    Kindern und konnte die Frage aufwerfen, ob nicht vielmehr gewisse
    spät auftretende Spinalaffectionen (Syringomyelie u. A.) von diesen Ein-
    wirkungen des Geburtstraumas ausgehen.

    Wir werden somit auf ein zweites ätiologisches Moment aufmerksam,
    welches neben der erschwerten Geburt an der Production der Meningeal-
    hämorrhagie mitwirkt und welches selbst, da eine gewisse traumatische
    Einwirkung auch der normalen Geburt zukommt, die alleinige Ursache
    derselben sein kann: die Leichtigkeit, mit welcher die Gefässwände
    reissen, die hämorrhagische Diathese. Es ist nicht unwahrscheinlich,
    dass schwächliche und unentwickelt geborene Kinder (Frühgeburten)
    in ähnlicher Weise wie die hereditär-luetischen eine solche Diathese
    aufweisen. Andererseits sehen wir hier aber ein lehrreiches Beispiel
    davon, wie derselbe anatomische Mechanismus, der uns die allgemeine
    und paraplegische Starre erklärt, das eine Mal durch eine accidentelle
    Ursache (abnorme Geburt, Little’sche Aetiologie), das andere Mal durch
    congenitale Ursachen (allgemein schlechte Entwickelung, hereditäre Lues)
    bedingt wird. Dies mag uns für jene Fälle allgemeiner und paraplegi-

  • S.

    234

    scher Starre eine Aufklärung bieten, in denen die Little’schen acciden-
    tellen Momente nicht nachweisbar sind, und jene anderen, die klinisch
    sich durch weit schwerere Erscheinungen (Epilepsie, Idiotie) äußern, als
    wir gerne auf die zufällige Meningealhämorrhagie bei einem gesunden
    Kinde zurückführen wollten.

    Der zweite Theil des Problems, die Frage, weshalb bei den klini-
    schen Bildern der Starre die Lähmung so sehr gegen die Muskelspan-
    nung zurücktritt, lässt sich nach dem Vorgang von Freud zunächst in
    zwei Fragen zerlegen: erstens in die Frage, weshalb bei der Allgemeinen
    Starre die Lähmung ausbleiben kann, zweitens, warum die Starre der
    Muskulatur regelmässig vorhanden ist.

    Die erste dieser Fragen beantwortet Freud unter Anlehnung an
    einen Sectionsbefund von Little (Fall LX). Es handelt sich dort um ein
    Kind, das als erstes mit Instrumentalhilfe nach sehr schwerer Geburt zur
    Welt kam, aber anstatt (oder vielleicht richtiger neben) einer Allgemeinen
    Starre eine rechtsseitige Hemiplegie mit sich brachte. Es stellt sich nun
    hier die Frage: Warum führt dasselbe ätiologische Moment, die erschwerte
    Geburt, hier zu einer Hemiplegie, in anderen Fällen zu allgemeiner Starre?
    Die Autopsie des mit zwei Jahren verstorbenen Kindes gibt Aufschluss
    darüber. Es fand sich rechterseits eine Verwachsung der Dura mater mit
    der Hirnrinde in der Scheitelregion vermittelst einer „zähen gelblichen
    Substanz“, die man wohl als Rest eines Blutcoagulums ansprechen darf, also
    der Befund einer Meningealblutung, wie sie als Ursache der Allgemeinen
    Starre angesehen wird; links dagegen war eine tiefe Depression zu er-
    kennen, die in eine Höhle „in dem Vorderlappen“ des Gehirnes führte
    – aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebniss einer alten Blutung. Man
    kann natürlich nicht daran zweifeln, dass diese intracerebrale Blutung
    links die Bedingung der rechtsseitigen Hemiplegie war. Der Vergleich
    mit den Läsionen der Allgemeinen Starre, wie sie am reinsten der Fall
    von Railton erkennen lässt, legt jetzt die Anschauung nahe, das Fehlen
    der Lähmung bei der Allgemeinen Starre rühre her von der
    Oberflächlichkeit der Läsion. Unter der Meningealhämorrhagie leiden
    die oberflächlichsten Rindenschichten am meisten, und diese Läsion braucht
    die motorischen Functionen der Rinde nicht völlig aufzuheben. Da es
    aber nur von der Intensität dieser Blutung abhängt, inwieweit auch tiefere
    Schichten der Rinde functionsuntüchtig gemacht werden, so sieht man
    die Möglichkeit ein, dass mit dem Tieferdringen der Zerstörung sich
    steigernde Grade von Lähmung einzutreten können. Man versteht auch,
    weshalb selbst bei Allgemeiner Starre an den Beinen selten ein gewisses
    Mass von Parese (Bewegungseinschränkung des Fusses und der Zehen)
    fehlt. Ueber dem medial gelegenen Beincentrum ist die Blutung jedesmal
    am intensivsten, dort wird sie am ehesten auch tiefere Schichten der

  • S.

    235

    Rinde beeinträchtigen. Das Bild der bilateralen spastischen Lähmung kann
    also auf zwei Wegen entstehen: durch eine Läsion im Inneren des Ge-
    hirnes (intracerebrale Blutung) und durch eine Läsion, die von aussen
    nach innen wirkt (tiefgreifende Meningealblutung). In nicht extremen
    Fällen wird es noch möglich sein, die beiden Fälle dadurch zu unter-
    scheiden, dass im ersten die Arme, im zweiten die Beine stärker ge-
    lähmt sind.

    Die vorhandenen Sectionsbefunde widersprechen dieser Erklärung
    nicht. Man wird natürlich nicht erwarten dürfen, dass man aus der Tiefe
    der Rindendepression oder dem Grade der Gewebssklerose einen Schluss
    auf die functionelle Leistungsfähigkeit der betreffenden Rindenpartien
    ziehen könne. Eine derartige Correspondenz zwischen dem uns augen-
    fälligen anatomischen Befunde und der erhaltenen Function vermisst man
    auch anderwärts.

    Die Beantwortung der zweiten Frage, nach der Ursache der bei
    Allgemeiner und Paraplegischer Starre constant vorkommenden Muskel-
    spannungen, wollen wir um ein Geringes aufschieben und zunächst einigen
    Zweifeln Raum geben, die sich gegen die entstehenden Erklärungsversuche
    in Sachen der Allgemeinen Starre wenden.

    So wohlbegründet diese Erklärungen auch erscheinen, so unterliegen
    sie doch dem Vorwurf, dass sie gewisse Resultate nicht berücksichtigen,
    die sich uns aus früheren Untersuchungen ergeben haben. Die Lehre von
    Gowers fusst auf der Identificirung der Allgemeinen Starre mit einer
    Birth-palsy, bei der ja allein eine Meningealblutung als Läsion in Betracht
    kommt. Wir haben aber erfahren (S. 121), dass die klinische Form der
    Allgemeinen Starre keineswegs durch die ätiologische Kategorie der Ge-
    burtslähmung gedeckt wird. Es gibt daneben eine grosse Anzahl von
    Fällen, die congenital bedingt sind, und es ist sichergestellt, wenn auch
    nicht ähnlich häufig, dass Allgemeine Starre als Ergebniss extrauteriner
    Erkrankung entstehen kann. Für diese beiden Gruppen von Fällen schlägt
    die Zurückführung auf die Wirkung einer Meningealblutung fehl; oder
    wenn man mit Hilfe der oben vorgebrachten Ueberlegungen die pränatal-
    bedingten Fälle noch mit der Aetiologie des Geburtstraumas zu verknüpfen
    hofft, so nöthigen doch die später erworbenen Fälle von Allgemeiner Starre
    zum Eingeständniss, dass man die Bedeutung der Meningealhämorrhagie
    für das Verständniss dieses klinischen Typus überschätzt hat.

    In einer ganz anderen Richtung wird die Gowers’sche Lehre durch
    die Bemerkung erschüttert, dass das auffällige Symptom einer stärkeren
    Ausbildung der Muskelspannung an den Beinen bei einer anderen Affec-
    tion des motorischen Nervensystems vorkommt, wo die Erklärung durch
    vorwiegende Erkrankung der corticalen Beincentren gänzlich ausser Be-
    tracht steht. Ich meine die amyotrophische Lateralsklerose, die sich ganz

  • S.

    236

    regelmäßig an den Armen durch vorwiegende Atrophie, an den Beinen
    durch hochgradige Contracturen äußert. Man würde durch dieses Beispiel
    gemahnt werden, den Grund für die Verschiedenartigkeit der Symptome
    an den oberen und unteren Extremitäten eher in Functionsbeziehungen
    innerhalb des motorischen Systems als, wie Gowers, in topischen Momenten
    zu suchen.

    Will man angesichts dieser Schwierigkeiten annehmen, dass das
    Bild der Allgemeinen Starre nicht in allen Fällen durch den nämlichen
    Mechanismus zu Stande gebracht wird, so hat man eben hiemit den
    Gowers’schen Erklärungsversuch aufgegeben, die Form der Allgemeinen
    Starre als ein vieldeutiges Syndrom anerkannt, und steht nun vor der Auf-
    gabe klarzulegen, in Folge welcher physiologischen Beziehungen mannig-
    fache Arten von anatomischer Schädigung sich in der nämlichen klinischen
    Erscheinung ausdrücken können.

    Die Seltenheit guter Sectionsbefunde von Fällen, die klinisch als
    Allgemeine Starre und ätiologisch als Geburtslähmungen zu bezeichnen
    wären wie die von Mac Nutt und Railton, hindert uns zu erkennen,
    inwieweit dem Erklärungsversuche von Gowers eine eingeschränkte Geltung
    zuzusprechen ist. Die Verwerfung dieser Erklärung drängt sich dem Un-
    parteiischen aber geradezu auf, wenn man einen Fall in Betracht zieht,
    wie den S. 85 erwähnten von Ganghofner: Ein Kind von elf Jahren,
    Katharina S., zeigt das typische Bild und die Anamnese der Allgemeinen
    Starre, die an den Händen nur Schwäche und Ungeschicklichkeit zurück-
    gelassen hat. Die Geburt wird ausdrücklich als normal und leicht be-
    zeichnet. Die Section ergibt nur geringfügige anatomische Veränderungen
    des Nervensystems, Verkümmerung des linken Tractus opticus, Erweite-
    rung der Ventrikel, Verdickung von deren Ependym, Obliteration der
    Hinterhörner, Erweiterung des Centralcanales im Rückenmark und Ver-
    dichtung der Subst. gelat. centralis, so dass der Autor der Versuchung
    unterliegt, den Hydrocephalus chronicus – offenbar eine Nebenwirkung
    des hier abgelaufenen Krankheitsprocesses – als mögliche anatomische
    Grundlage einer Infantilen Cerebrallähmung zu proclamiren; vor Allem
    findet sich keine Spur einer bei diesem congenitalen Fall durch Hinzu-
    treten des Geburtstraumas erzeugten menin-gealen oder corticalen Schädi-
    gung. Man kann hier kaum anders, als in der Allgemeinen Starre einen
    allgemeinen klinischen Ausdruck für gewisse Arten von Functions-ausfall
    innerhalb des motorischen Nervensystems erblicken, und da diese Formel
    im Vergleich zur Gowers’schen Erklärung die weitere ist, fragt es sich,
    ob sie nicht auch auf die Kategorie der Geburtslähmungen Anwendung
    finden kann.

    Es war ein grosser Vorzug des Gowers’schen Erklärungsversuches,
    dass er den klinischen Typus der Paraplegischen Starre miteinbezog und

  • S.

    237

    hiemit der Thatsache Rechnung trug, dass Allgemeine und Paraplegische
    Starre in der nosographischen Reihe wie in der Geschichte des einzelnen
    Falles stetig in einander übergehen. Ich halte dieses klinische Factum
    wirklich für bedeutsam genug, um es zum festen Ausgangspunkt für die
    Beurtheilung aller auf diesem Gebiete auftauchenden Probleme zu machen.
    Eine grosse Reihe von Autoren hat aber auf diese von der klinischen
    Beobachtung vorgeschriebene Rücksicht verzichtet und sich um eine
    physiologische Erklärung der Paraplegischen Starre bemüht, welche eine,
    wenn auch modificirte, Uebertragung auf die Allgemeine Starre nicht zu
    lässt. Man kann nachweisen, dass die Anknüpfung für diesen Erklärungs-
    versuch in der älteren Geschichte des paraplegischen Typus liegt (S. 27),
    der zufolge die jetzt als Cerebralerkrankung behandelte Affection unter
    die Spinalleiden gerechnet wurde.

    Wie die Gowers'sche Erklärung der Allgemeinen Starre geht auch
    die Lehre betreffs der Paraplegischen Starre, die sich gegenwärtig bei
    Brissaud und anderen ihm anhängenden Autoren findet, von den „Ge-
    burtslähmungen“ aus. Die Paraplegische Starre lässt in typischen Fällen
    die Aetiologie der Frühgeburt erkennen und soll aus den Consequenzen
    dieses ätiologischen Momentes erklärt werden, wobei die Reminiscenz an
    die spinale Auffassung der Affection zur Mitwirkung gelangt.

    Hier bot sich die von Flechsig aufgedeckte Thatsache dar, dass die
    Pyramidenbahnen zuletzt unter den Rückenmarksbestandtheilen sich mit
    Markhüllen bekleiden, während doch spinale Affectionen dieser Faser-
    massen ein der Paraplegischen Starre sehr ähnliches klinisches Bild er-
    geben. Es setzte sich nun aus solchem Material die Lehre zusammen,
    dass die Frühgeburt Ursache einer Affection der Pyramidenbahnen werde,
    indem diese ihre Markentwicklung extrauterin durchzumachen hätten,
    wobei sie Schaden leiden müssten. Es ist dabei Manches vorausgesetzt,
    was einzeln entwickelt zu werden verdient, vor Allem, dass eine marklose
    Bahn functionsuntüchtig ist und unter functioneller Inanspruchnahme in
    ihrer Entwicklung leidet.

    In solcher Fassung ist diese Lehre leicht zu widerlegen; sie ent-
    hält eine Ueberschätzung der Rolle, die den Markscheiden für die Function
    zukommt, gegen welche man gewichtige Argumente mühelos häufen kann.
    Nicht nur, dass die meisten Thiere, deren motorische Leistungen sich
    um so viel rascher nach der Geburt als die des Menschen entwickeln, ein
    bei weitem markunfertigeres Nervensystem als dieser zur Welt mitbringen,
    vor Allem beweist das Vorkommen markloser Fasern in jedem Nerven-
    system und das Fehlen des Nervenmarkes überhaupt im Centralorgan
    mancher Thiere, dass nicht die Markscheidenbildung die Bedingung der
    Function sein kann. v. Gehuchten fügt hinzu, dass selbst beim zur
    normalen Zeit geborenen Kinde die Pyramidenbahnen regelmässig der

  • S.

    238

    Markscheiden entbehren, so dass kein Grund vorliege, das Extrauterin
    leben als ein der Markscheidenbildung ungünstiges Moment anzuerkennen.
    Ganz unwiderstehlich ist dann seine weitere Bemerkung, dass ja die Faser-
    massen des Grosshirnes zum Zeitpunkt der normalen Geburt in ihrer
    grössten Mehrzahl noch marklos sind und ohne Beschwerde extrauterin
    ihre Markentwicklung durchmachen.

    v. Gehuchten bekämpft die ätiologische Bedeutung der unfertigen
    Markentwicklung aber nur darum, um den Brissaud’schen Erklärungs-
    versuch auf besser gesichertem Boden zu erneuern. Er hat die Entwick-
    lung der Achsencylinder in den Pyramidenfasern zeitlich verfolgt und
    dabei gefunden, dass diese zu Beginn des achten Fötalmonates erst bis
    in die Pyramiden der Oblongata herabgelangt sind. Ein um diese Zeit zu
    früh geborenes Kind besitzt also in seinem Rückenmark noch keine Pyra-
    midenfasern, sondern bloss deren leere Gehäuse. Und nun schliesst er ganz
    wie die Autoren, die das Nervenmark bevorzugt hatten, dass das pyra-
    midenlose Rückenmark durch die extrauterinen Anforderungen der Function
    geschädigt wird, dass die erst in der Oblongata angekommenen Pyramiden-
    fasern unter solchen Umständen nur sehr langsam weiter wachsen können,
    und dass darum die frühgeborenen Kinder das Bild der Paraplegischen Starre
    zeigen müssen, welche ja ohnedies regelmässig zur Heilung tendire.

    Man ist versucht, den Autor mit seinen eigenen Argumenten zu
    bekämpfen. Es ist nämlich ebensowenig einsichtlich, warum das Extra-
    uterinleben das Heruntersteigen der Pyramidenfasern stören müsse, wie
    die Störung der Markentwicklung nicht einsichtlich und abweisbar war.
    Die vorzeitige Function im Extrauterinleben darf kaum angeschuldigt
    werden, da sie zu den Pyramidenfasern nicht herankommt, so lange diese
    ihre spinalen Verbindungen nicht erreicht haben. Ferner müsste wohl
    zur Gegenprobe die zeitliche Entwicklung der Fasern in den Grosshirn-
    Associationsbündeln untersucht werden, ob nicht etwa auch in diesen grosse
    Mengen von Achsencylindern bei der Geburt noch fehlen, deren Aus-
    wachsen zur richtigen Zeit im Entwicklungsplane vorgesehen ist.

    Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum die extrauterine Existenz
    zu einer Störung der Gewebsentwicklung im Centralorgan führen sollte,
    da doch ein grosses und wichtiges Stück dieser Entwicklung planmässig
    für diese Lebensperiode aufgeschoben bleibt, nämlich die Entwicklung
    der in der Rinde enthaltenen Hirnorgane. Wie wenig das „Zur-Welt-
    kommen im unfertigen Zustand“ eine Schädlichkeit für die Hirngewebe
    involvirt, geht vielleicht am schlagendsten aus der Mittheilung
    Maracino’s (Annali di neurol. XIII. 1896) hervor, dass die doch
    gewiss zu höherer Leistung bestimmte Hirnrinde des Menschen bei der
    Geburt histologisch weniger weit ausgebildet ist als die Hirnrinde vieler
    neugeborener Thiere.

  • S.

    239

    Noch weniger glücklich sind zwei klinische Bemerkungen, die sich
    bei Gehuchten finden: 1. die Erklärung der langsamen Heilung der
    Paraplegischen Starre durch die Verzögerung und endliche Ankunft der
    Pyramidenfasern an ihren Endstätten; diese Heilung geht nämlich in den
    meisten Fällen nicht so weit, dass nicht die deutlichste Starre der Beine
    erübrigte, und 2. die Behauptung, dass Frühgeburten im siebenten Monat
    Allgemeine Starre, solche im achten Monat nur Paraplegische Starre
    zeigen, entsprechend dem unterdess erfolgte Fortschritt in der Pyramiden-
    bahnbildung. Die klinischen Thatsachen widersprechen dieser Aufstellung,
    die sich aus v. Gehuchten’s Prämissen allerdings nothwendig ableitet,
    auf das Bestimmteste.

    Völlig geschlagen wird aber die Lehre v. Gehuchten’s – und mit
    ihr jede ähnliche – durch den Einwand, dass die Paraplegische Starre,
    wenn sie die Folge einer Entwicklungshemmung der Pyramiden durch
    vorzeitige Geburt wäre, eine regelmässige Folge der Frühgeburt sein
    müsste, anstatt eine ausnahmsweise. v. Gehuchten macht sich diesen
    Einwand selbst und gesteht zu, dass er nichts dazu beitragen kann, ihn
    zu beseitigen. Für uns kann dies aber ein Motiv sein, auf seinen Er-
    klärungsversuch zu verzichten, der bei so geringem Gewinn an Einsicht
    uns das Opfer zumuthet, die klinisch bezeugte Verwandtschaft der Para-
    plegischen mit der Allgemeinen Starre aufzugeben, denn die unvoll-
    kommene Entwicklung der Pyramidenfasern lässt sich offenbar für die
    Entstehung der Allgemeinen Starre durch erschwerte Geburt zum nor-
    malen Zeitpunkt nicht verwerthen.

    Einer anderen Beurtheilung unterliegen diejenigen Erklärungsver-
    suche, welche zwar auch den Zustand der Pyramidenbahnen betonen, diesen
    aber nicht direct, sondern erst durch Vermittlung einer Läsion mit der
    Frühgeburt verknüpfen. Bei Frühgeburten soll es in Folge der Circu-
    lationsstörung und Blutung in der Hirnrinde zur Entwicklungshemmung
    der noch unfertigen Pyramidenbahn kommen, deren Störung also als Con-
    sequenz einer Grosshirnläsion aufgeklärt wird. Mit einer gewissen Modi-
    fication lässt sich dieser Mechanismus auch für die Allgemeine Starre in
    Folge von Schwergeburt geltend machen. Die ähnliche Schädigung der
    Grosshirnrinde beeinflusst wiederum die Pyramidenbahn, die aber nun, weil
    sie wenigstens in ihren Achsencylindern fertig ist, nicht der Entwicklungs-
    hemmung, sondern der secundären Degeneration verfällt. Man hat hiemit
    Eines gewonnen, dass man in beiden Fällen eine Affection des nämlichen
    Organes, der Pyramidenbahn nämlich, anrufen kann, um ein jedesmal
    vorhandenes Symptom, nämlich die Starre, durch sie zu erklären.

    Es verlohnt sich nun, jene Befunde zusammenzustellen, welche über
    das thatsächliche Verhalten der spinalen Pyramidenbahn bei den ver-
    schiedenen Kategorien von Infantiler Cerebrallähmung Aufschluss geben

  • S.

    240

    können. Beistehende Tabelle enthält eine kleine Sammlung solcher Fälle,
    die nach den Beschreibungen klinisch wie anatomisch charakterisirt werden
    können und somit gestatten, die Beziehungen, die sich etwa zwischen dem
    Verhalten der Pyramidenbahn und den anderen Momenten: Aetiologie,
    (Tabelle VI.)

    Autor Nr.

    Kategorie

    Aetiologie

    klinische Form

    Ganghofner
    Fall I.
    5 Jahre

    wahrscheinlich
    congenital

    ?
    mit ¾ Jahren Con-
    vulsionen

    spastische Diplegie,
    Idiotie

    Derselbe
    Fall II.
    3½ Jahre

    wahrscheinlich
    congenital

    mit ¾ Jahren Darm-
    katarrh und Con-
    vulsionen

    schwere Allgemeine
    Starre mit Chorea

    Derselbe
    Fall III.
    1 Jahr

    wahrscheinlich
    congenital

    ?
    gesund bis ¾ Jahre

    spastische Diplegie,
    Athetose

    Derselbe
    Fall IV.
    3 Jahre

    congenital

    Fraiser
    nach Geburt

    spastische Diplegie
    oder schwere Starre

    Derselbe
    Fall VII.
    4½ Jahre

    congenital

    ?

    Allgemeine Starre

    Derselbe
    Fall VIII.

    congenital

    ?

    spastische Diplegie

    Binswanger
    10 Jahre

    congenital

    Befinden der
    Mutter?

    spastische Diplegie

    Schultze
    5 Jahre

    congenital

    ?

    spastische Diplegie

    v. Monakow
    12 Jahre

    Geburtslähmung

    Zangengeburt

    l. Hemiplegie

    Hoesel
    ältere Frau

    wahrscheinlich
    congenital

    ?
    mit 3 Wochen
    Convulsionen und
    Lähmung

    r. Hemiplegie

    Railton
    3 Jahre

    Geburtslähmung

    Schwergeburt

    schwere Allgemeine
    Starre

    Anton
    15 Monate

    congenital

    ?
    (Zwillingsgeburt)

    Idiotie, Mikrocephalie,
    spastische Diplegie

  • S.

    241

    Krankheitsform, Art der Läsion, ergeben, mit einem Blicke zu erfassen.
    Es wird hernach die Entscheidung nicht schwer fallen, ob man wirklich
    das Symptom der Starre mit einem bestimmten Zustand der Pyramiden
    bahnen in Zusammenhang bringen darf. (Tabelle VI.)

    Contracturen

    Autopsie

    Py-Bahn

    an Beinen (Arme nicht
    notirt)

    multiple sklerotische Atrophie
    mit Cystenbildung

    normal

    an Beinen, Arme in
    Zwangsstellungen

    beiderseits Porencephalie,
    Mikrogyrie und Atypie der
    Windungen

    normal

    an Armen und Beinen

    multiple Erweichungen in
    Rinde und Marksubstanz

    faserarm,
    r. Py V }
    l. Py S }
    -Strang

    an Armen und Beinen

    Porencephalie beider Stirn-
    lappen, sklerotische Atrophien

    faserarm,
    r. Py V }
    l. Py S }
    -Strang

    an Beinen

    Hydrocephalus chronicus

    vielleicht im Halstheil
    faserarm

    an Armen und Beinen

    Grosser Hydrocephalus
    internus

    sehr faserarm und
    sklerotisch

    an Armen und Beinen

    Porencephalie beiderseits

    normal

    an Armen und Beinen

    Porencephalie und Miss-
    bildungen

    fehlend

    am l. Arm, Bein

    Porencephalie r. Central-
    region und l. Kleinhirn

    l. fehlend

    am r. Arm

    Defect l. hintere Central-
    windungen

    r. auf ein Viertel ver-
    ringert

    an allen vier Extremitäten

    leichte Depression der Rinde

    normal

    an allen Extremitäten

    Mikroencephalie

    beiderseits fehlend

  • S.

    242

    Die Prüfung dieser Tabelle lehrt nun zunächst, dass bei den
    Autopsien der Fälle von Infantiler Cerebrallähmung an den Pyramiden-
    bahnen verschiedenartige Befunde erhoben worden sind. Dieselben können
    auf beiden Seiten vollkommen fehlen (Schultze, Anton) oder nur auf
    einer Seite (v. Monakow), können secundäre Degeneration zeigen, wie in
    so vielen (in die Tabelle nicht einbezogenen) Fällen erworbener Erkran-
    kung, oder aber sie zeigen ein- oder doppelseitig eine Verkümmerung,
    d. i. Verringerung ihrer Fasermenge (Ganghofner III und IV, Hoesel
    u. A.) ohne gewebliche Veränderung, ja sie können normal gefunden
    werden wie in den Fällen von Ganghofner und Railton. Da aber das
    Symptom der Starre (oder der Lähmung mit Contractur) in keinem einzigen
    Falle der Tabelle abgeht, ergibt sich schon hieraus die Unmöglichkeit,
    das Auftreten der Starre ohne Zwischenglieder aus dem Zustande der
    Pyramidenbahn zu erklären.

    Ebensowenig lässt sich eine constante Beziehung zwischen einem
    bestimmten Zustand dieser Bahn und einem der anderen in dieser Tabelle
    berücksichtigten Momente erweisen, wenn man über die beiden Thatsachen hin-
    ausgehen will, dass bei grossartigen Entwicklungshemmungen der Hemi-
    sphären die Pyramiden überhaupt vermisst werden, und dass sie bei
    später erworbenen Erkrankungen zumeist – nicht durchwegs – der
    secundären Degeneration verfallen. Man könnte z. B. erwarten, dass
    partielle oder totale Verkümmerung der Pyramidenbahn ohne gewebliche
    Veränderung ausschliesslich bei congenitalen Fällen vorfindlich ist und
    zur anatomischen Charakteristik derselben verwendet werden kann.
    Allein ein ausgezeichnet beschriebener Fall von v. Monakow lehrt, dass
    das Fehlen einer Pyramidenbahn auch bei Geburtslähmungen vorkommt, dass
    also auch die bis zur Geburt normal entwickelten Fasern nachträglich
    ohne Spur verschwinden können.

    Man wird etwa den Versuch machen wollen, wenn schon das Sym-
    ptom der Starre der Beziehung auf die Pyramidenbahn widerstrebt, doch
    das Symptom der Lähmung in diese Beziehung zu bringen; allein die
    ersten Fälle von Ganghofner in der Tabelle weisen hochgradige Lähmung
    auf bei normalem Befund an den Pyramidenfasern. Man wird hieraus
    nicht den Schluss ziehen, dass der Zustand der Pyramidenbahn ganz
    ohne Belang für das klinische Bild der Infantilen Cerebrallähmung ist,
    aber man muss sich doch sagen, dass diese Beziehung keine directe sein
    kann, dass sie sich einem höheren Gesichtspunkt unterordnen muss, und
    man wird gegen jede Auffassung Einspruch erheben, welche die motorischen
    Symptome unserer Affection durch die Störungen in der Leitungsbahn
    der Pyramiden erklären möchte.

    Es ist nicht schwer, die verschiedenen abnormen Befunde in den
    Pyramidenbahnen bei der Infantilen Cerebrallähmung unter einen gemein-

  • S.

    243

    samen Gesichtspunkt zu fassen. Man muss nur über-
    legen, dass es für das functionelle Ergebnis gleichgiltig ist, auf welche Weise die Function
    der Bahn entfällt, ob durch Agenesie oder durch Degeneration derselben,
    und dass die Faserverringerung auch eine functionelle Insufficienz bedeu-
    tet. Aber in der Verwerthung der so gewonnenen Zusammenfassung wird
    man durch die Befunde von anatomisch normalen Pyramidenbahnen bei
    schweren Formen von Infantiler Cerebrallähmung gestört. Es liegt meines
    Wissens kein Grund vor, an der Richtigkeit dieser Befunde zu zweifeln,
    denen überdies aus der Pathologie des Erwachsenen ähnliche an die
    Seite zu stellen sind. Dass paraplegische Starre oder spastische Para-
    plegie auch bei Erwachsenen nicht an die Sklerose der Pyramidenbahn
    gebunden ist, beweisen Fälle wie der von Schulz (Deutsches Archiv
    für klinische Medicin, XVIII), bei dem sich als anatomischer Befund für
    die „spastische Spinalparalyse“ ein kolossaler Hydrocephalus herausstellte.
    In der Arbeit von Blocq (Des Contractures, Paris 1888) ist ausdrück-
    lich zugegeben, dass es 1. spastische Contracturen ohne Degeneration
    der Pyramidenbahnen gibt, 2. dass Degeneration dieser Bahnen nicht
    unausbleiblich zur Contractur führt.

    Ehe man den Versuch macht, die hier fallen gelassene Erklärung
    des Symptoms „Starre“ durch eine besser zutreffende zu ersetzen, muss
    man eines anderen Problems Erwähnung thun, welches gleichfalls an die
    physiologische Bedeutung der Pyramidenbahn anknüpft. Wie wir uns erin-
    nern, ist die Auffassung der paraplegischen Kinderstarre lange Zeit durch
    die Lehre von der Tabes spastica der Erwachsenen beeinflusst worden,
    als deren anatomisches Substrat eine primäre Erkrankung der Pyramiden-
    bahnen galt. Erst als diese Lehre erschüttert wurde, konnte die klinische
    Verwandtschaft der paraplegischen mit der Allgemeinen Starre Beach-
    tung gewinnen und die Autoren zur Ueberzeugung drängen, dass beide
    Affectionen unter den Cerebralerkrankungen abzuhandeln seien. Es wurde
    nun still von der „spastischen Spinalparalyse der Kinder“. Indess hat
    sich gezeigt, dass die Geschichte der Tabes spastica noch nicht abge-
    schlossen ist. Im Jahre 1893 nahm A. Schüle den Process auf An-
    regung Erb’s wieder auf. Er stellte aus den Beobachtungen Erb’s eine
    Anzahl von Krankheitsfällen bei Erwachsenen zusammen, welche rein
    das typische Bild der spastischen Spinalparalyse darboten, und zwar 8 bis
    17 Jahre hindurch, ohne symptomatische Aenderung oder Complication. Hie-
    durch sei die Berechtigung gegeben, die klinische Form als eine einheitliche
    Affection festzuhalten. Von Seite der pathologischen Anatomie sei zuge-
    geben, dass die von Erb, supponirte primäre Sklerose der Seitenstränge
    in der Mehrzahl der Autopsien durch andersartige Befunde ersetzt worden
    ist (multiple Sklerose, cerebrale Herde mit secundärer Degeneration,
    Hydromyelyus nebst Seitenstrangerkrankung, Hydrocephalus mit der

  • S.

    244

    gleichen Complication oder allein, progressive Paralyse bei intaktem
    Rückenmark, Neuritis, Erkrankungen der cauda equina); allein bei den
    meisten dieser Fälle sei auch das klinische Bild kein reines und typi-
    sches gewesen. Dagegen gäbe es mindestens zwei Sectionsbefunde bei
    Tabes spastica, die von Minkowski und Dreschfeld, welche vollkom-
    men der Aufstellung von Erb entsprechen und nichts anderes zeigen
    als eine Sklerose der Pyramidenbahnen ohne Anzeichen myelitischer
    Vorgänge, die vom Lumbalmark bis zur Pyramidenkreuzung reicht. Diesen
    Fällen anzureihen sei jene Affection, die Strümpell nach eigener und nach einer Beob-
    achtung von Westphal erkannt und „spastische Form der combinirten
    Systemerkrankung“ genannt hat. Diese Affection gibt wiederum ein Be-
    leg für das Vorkommen einer primären Pyramidenbahn-Degeneration im
    Rückenmark, zu welcher sich aber Degenerationen anderer langer Bahnen
    (in den Kleinhirnseitenstrangantheiten und in den Goll’schen Strängen)
    hinzugesellt haben. Es spricht für die Zusammengehörigkeit der Erb’schen
    und der Strümpell’schen Spinalerkrankung, dass wenigstens einer der
    Fälle Strümpell’s Jahre hindurch das reine Bild der spastischen Spinal-
    paralyse geboten hat, bis im weiteren Verlaufe andere Symptome hinzu-
    traten. Die paraplegische Starre der Kinder hält Schule ausdrücklich
    abseits von dem in Rede stehenden Spinalleiden.

    Fast gleichzeitig kam Strümpell von Neuem auf die von ihm
    beschriebene Form der spastischen Spinalparalyse zurück, bei der sich
    combinirte Systemerkrankung im Rückenmarke findet, und vermehrte
    deren Kenntnis durch einen principiell bedeutsamen Beitrag. Er hatte einen
    neuen Fall beobachtet, der klinisch den früheren völlig gleich kam, aber
    die bemerkenswerthesten hereditären Beziehungen erkennen liess. Der
    Grossvater des Kranken hatte eine Lähmung der Beine gehabt, der
    Vater und zwei Vatersbrüder waren zwar nicht gelähmt, aber mit dem
    selben ungewöhnlichen und schlechten Gang behaftet wie der Patient,
    und endlich fand sich diese Störung wieder bei einem Bruder des
    Patienten, der am Schlusse durch drei Jahre gelähmt war. Somit liess
    sich das Bild einer Affection erfassen, die „hereditäre spastische Spinal-
    paralyse“ genannt zu werden verdient ob ihres hereditären und fami-
    liären Vorkommens, die nur männliche Individuen befällt, und zwar im
    mittleren Alter einen äusserst protrahirten Verlauf nimmt, klinisch sich
    die längste Zeit durch eine reine spastische Paraplegie ausdrückt, ohne
    Muskelatrophie und Sensibilitätsstörungen, und anatomisch die erwähnten
    primären Degenerationen langer Rückenmarksbahnen aufweist. Zur Sym-
    ptomatologie der Erkrankung macht Strümpell noch die besonders für
    unser Thema interessante Bemerkung, dass anfänglich stets nur Rigi-
    dität und Reflexsteigerung zu beobachten seien, also in unserem Sinne

  • S.

    245

    Pathologische Physiologie.

    paraplegische Starre, und dass Muskelschwäche, paretische Symptome, erst
    im weiteren Verlaufe hinzutreten. Den seinigen ganz analoge Fälle findet
    er noch in einer Beobachtung von Bernhardt, die unter sechs Brüdern
    vier mit einem Leiden aufweist, welches lange Jahre mit spastischer Spinal-
    paralyse identisch war und nur in einem Falle schliesslich durch andere
    Symptome complicirt wurde.

    Auf diese Arbeiten gestützt, erörtert dann Erb 1895 nochmals das
    Verhältniss der paraplegischen Kinderstarre zur spastischen Spinalparalyse
    und kritisirt die cerebrale Auffassung der infantilen Affection. Er kann
    auf Fälle hinweisen, welche zwischen der Strümpell’schen Krankheit
    und unserer paraplegischen Kinderstarre vermitteln, indem sie das here-
    ditäre oder familiäre Vorkommen der spastischen Paraplegie oder para-
    plegischen Starre auch bei Kindern bezeugen, Beobachtungen von Krafft-
    Ebing und Newmark, denen er eine eigene analoge anreiht. (Vgl.
    im nächsten Abschluss S. 259) In diesen durch kein cephalisches
    Symptom complicirten Fällen dürfe man wegen der Analogie mit den
    Fällen Strümpell’s schliessen, dass es sich gleichfalls um Spinalerkran-
    kung handle, und somit sei die Existenz einer hereditären Form von
    spastischer Spinalparalyse im Kindesalter festgestellt. Was die nicht
    familiär auftretenden Fälle paraplegischer Starre betrifft, so sei man zu
    weit gegangen, dieselben durchwegs für Cerebralerkrankungen zu erklä-
    ren, obwohl das Vorkommen von Cerebralerkrankungen unter ihnen un-
    zweifelhaft sei. Im Uebrigen sei Vorsicht geboten und das Abwarten
    entscheidender Sectionsbefunde nothwendig. Die klinischen Thatsachen
    reden eine so deutliche Sprache (zu Gunsten der spinalen Auffassung),
    dass man sie durch die lückenhaften pathologisch-anatomischen Beob-
    achtungen und die daraus gezogenen übereilten Schlüsse nicht zum
    Schweigen bringen kann.

    Es frägt sich nun, inwieweit die Auffassung der paraplegischen
    Starre durch diese Befunde und Argumente einer Abänderung unter-
    liegen muss. Der Thatbestand ist freilich der, dass Sectionsbefunde von
    paraplegischer Starre, insbesondere von reinen Fällen (die nichts als
    Paraplegie enthalten), noch vermisst werden, und dass somit die sichere
    Entscheidung gegenwärtig überhaupt noch aussteht. Es ist ferner anzu-
    erkennen, dass der Nachweis einer primären Strangdegeneration der
    Pyramidenbahn bei Erwachsenen (durch Strümpell) das Vorkommen
    der analogen Läsion bei Kindern wahrscheinlicher macht, als man bis-
    her zuzugeben geneigt war. Allein hierüber hinaus scheint sich nichts
    geändert zu haben. Dass die hereditären Fälle von paraplegischer Starre
    bei Kindern spinal- und nicht Cerebralerkrankungen sind, ist keineswegs
    durch eine Section erwiesen, sondern nach der Analogie mit den gleich-
    falls hereditären Fällen Strümpell’s erschlossen. Die Existenz wenig-

  • S.

    246

    stens einer hereditären infantilen Form von spinaler Natur steht also
    keineswegs fest. Diese Analogie kann trügen, wie die erfolg-
    tragung von der Tabes spastica auf die Kinderstarre sicherlich getrügt
    hat. Wir meinen, dass dasselbe Argument, welches den Kliniker bewegen
    müsste, die nicht hereditären Fälle von paraplegischer Starre der Allge-
    meinen Starre anzuschliessen, nämlich die Existenz einer Reihe von
    Mittelformen, auch für die hereditären Fälle zur Verfügung steht. Wie
    es hereditäre Diplegien von paraplegischem Charakter gibt, so gibt es
    auch hereditäre Diplegien mit complicierterem Symptomgefüge, die sich
    durchaus nicht als Spinalerkrankungen auffassen lassen. Gerade das Haupt-
    argument von Erb, die Behauptung, dass das klinische Bild der heredi-
    tären Affection eine so deutliche Sprache redet, also laut zu Gunsten der
    Erklärung durch Spinalerkrankung spricht, versagt bei näherer Prüfung
    gänzlich. Aus der älteren Geschichte der Tabes spastica war Eines mit
    Sicherheit zu entnehmen: dass die spastische Paraplegie an sich ein viel-
    deutiges Symptom ist, eine cerebrale Aufklärung ebensowohl zulässt wie
    eine spinale. Vieldeutig ist dieses Symptom auch trotz der Funde
    Strümpell’s bis heute geblieben. Man sollte meinen, wenn eine para-
    plegische Starre in der Combination mit Strabismus als Ausdruck einer
    Cerebralerkrankung anerkannt wird, so lässt sich auch für eine para-
    plegische Starre ohne diese Complication die gleiche Herkunft nicht
    als unmöglich abweisen.

    Erb selbst weist übrigens auf den Gesichtspunkt hin, welcher
    berufen erscheint, die hier erörterten Gegensätze aufzuheben und hiemit auch
    eine triftigere Erklärung des Symptomcomplexes der „Starre“ anzubahnen.
    Wir haben zwar schon früher gewusst, dass die Pyramidenfasern als
    Fortsätze der Rindenzellen in’s Rückenmark hineinwachsen, und konnten
    aus den Thatsachen der absteigenden Degeneration erschliessen, dass die
    Verbindung der Pyramidenfasern mit dem Rückenmarksorgane eine
    minder directe sein muss als die mit ihren corticalen Ursprungszellen.
    Allein erst die Neuronentheorie hat uns in aller Schärfe einsehen gelehrt,
    dass die Pyramidenfasern cerebralen Neuronen angehören, also nur im
    topographischen, nicht im functionellen Sinne dem Rückenmarke zuzu-
    rechnen sind. Somit entfällt von dem für nothwendig gehaltenen Gegen-
    satz zwischen Cerebralerkrankung und Spinalerkrankung durch Affection der
    Pyramidenbahn ein erstes grosses Stück. Es wird Erkrankungen dieser Bahn
    in ihrem spinalen Verlaufe geben können, die dennoch von einer Cerebral-
    erkrankung herrühren und von ihr abhängig sind. Ein anderes Stück bleibt
    bestehen, wenn nämlich die Krankheitsursache nicht in den Pyramiden-
    bahnen selbst, sondern in dem sie umhüllenden Rückenmarks- oder Stütz-
    gewebe liegt; man hat dann allerdings eine Spinalerkrankung vor sich,
    aber man begreift auch, dass das klinische Bild zunächst eine Unter-

  • S.

    247

    scheidung der beiden Fälle nicht gestattet, da doch die Functionsstörung
    die gleiche sein muss, an welcher Stelle des Neurons dasselbe geschädigt
    wird (von gewissen Einschränkungen dieses Satzes abzusehen). Auf eine
    solche, dem Rückenmark eigene Krankheitsursache deutet die Miterkran-
    kung anderer langer Bahnen bei der Strümpell’schen hereditären Form.
    Die Neuronlehre gestattet nun auch, sich darüber hinauszusetzen, dass
    bei Infantilen Cerebrallähmungen von ähnlicher klinischer Ausprägung
    die Pyramidenbahn sowohl intact als auch degenerirt und abwesend gefun-
    den werden kann. Was wir in der Klinik feststellen, ist ja niemals
    der directe Ausdruck der anatomischen Läsion, sondern nur der durch
    letztere gesetzten Functionsstörung. Für die Function ist das Neuron als
    Ganzes in Betracht zu ziehen, während die Pyramidenfaser nur ein
    Stück eines Neurons ist. Wo die Rindenzellen functionsuntüchtig sind,
    gilt es für die Function gleich, in welchem Zustand sich die Pyramiden-
    fasern befinden; die krankhaften Affectionen der motorischen Rindenzellen
    sind aber nicht so leicht mit unseren Hilfsmitteln zu erkennen wie die
    der markhaltigen Pyramidenfasern, und die Vermuthung hat Alles für sich,
    dass es mannigfache solche Krankheitszustände gibt, welche zwar die
    Function der Rindenzellen stören, aber deren trophischen Einfluss auf
    die Pyramidenfasern nicht sichtlich beeinträchtigen.

    Gelangt man so dazu, von den Befunden an den Pyramidenfasern
    abzusehen und die Ergebnisse anatomischer Untersuchung an den moto-
    rischen Rindenzellen als noch wenig verlässlich zurückzudrängen, so er-
    übrigt bloss der Standpunkt, die klinischen Zeichen als Zeugen für eine
    Erkrankung des corticomotorischen Neurons anzurufen, die sich in
    Functionsstörung desselben äussert. Es stellt sich aber sofort die Frage,
    wieso Allgemeine und Paraplegische Starre der Ausdruck dieser Func-
    tionsschwäche sein können, da uns doch die spastische Lähmung bereits
    als Folgeerscheinung derselben Ursache bekannt ist. Die Beantwortung
    dieser Frage enthielte die pathologische Physiologie der Allgemeinen und
    Paraplegischen Starre.

    Die einzige Auskunft, die sich hier etwa bietet, lautet folgender-
    massen: die Functionsstörung des corticomotorischen Neurons gibt andere
    Symptome, je nach ihrem Grad, wenn sie eine allgemeine ist (auf dif-
    fuser Erkrankung beruht). Wo diese Function völlig aufgehoben ist (wie
    im Falle der Abtrennung, Bahnunterbrechung), da kommt es zur Läh-
    mung, oder bei Abtrennung nur eines Antheiles der Verbindungen zur
    Parese. Starre entsteht, wenn die Function des corticalen Neurons bloss
    abgeschwächt, nicht aufgehoben ist. Starre und Lähmung können sich
    darum in beliebigem Masse und nach jeder topischen Anordnung ver-
    mengen. Die Starre wird hiebei aufgefasst als die Folge des Ueber-
    wiegens spinaler Innervation, nicht als spinales Reizphänomen. Die ver-

  • S.

    248

    schiedene Betheiligung der Extremitäten an der Starre und an der
    Lähmung lässt dann eine Erklärung zu. Die corticale Bahn hat bei Weitem
    mehr Einfluss auf die oberen als auf die unteren Extremitäten. Ent-
    fällt der Rindeneinfluss völlig, so muss sich dies an den Armen stärker
    bemerkbar machen durch ein höheres Mass von Lähmung mit Contractur;
    erfährt er nur eine allgemeine qualitative Herabsetzung, so bleibt ihm
    für die Innervation der Arme noch eine gewisse Bedeutung, so dass
    diese gegen Lähmung und Contractur besser als die Beine bewahrt sind.
    Die paraplegische Starre wäre somit der reducirteste Ausdruck einer
    unvollständigen und allgemeinen Functionsstörung des corticomotorischen
    Neurons.

    Es soll nicht verhehlt werden, dass diesem Erklärungsversuch eine
    klinische Thatsache entgegensteht, das Vorkommen schwerer Idiotie ohne
    Muskelspannungen bei hochgradigen Läsionen der Rindengebiete. In-
    des kann man hier noch den Rettungsversuch wagen, die Idiotie hänge
    von Functionsaufhebung anderer Rindenneurone als der motorischen ab,
    während die Ausbildung und Leistung der letzteren intakt geblieben sein
    mag, wie es sicher häufig umgekehrt der Fall ist.

    Die Formel, auf welche unsere Erklärung der Typen von infantiler
    Starre hinausläuft, unterscheidet sich nicht wesentlich von jener, mit
    welcher sich Little beschied: Abschwächung des Gehirneinflusses.
    Um zu ihr zu gelangen, müssten wir uns der verlockenden Macht gewisser
    Momente aus der Localisationslehre entziehen, welche Little noch
    unbekannt waren.

    Gerade wegen der Vieldeutigkeit des Symptoms der spastischen
    Paraplegie und der paraplegischen Starre muss man aber an der Erwar-
    tung festhalten, dass eine nahe Zukunft lehren wird, wie vielerlei Affec-
    tionen derzeit zum paraplegischen Typus der cerebralen Diplegien gerechnet
    werden sollen, die an ganz andere Stellen des nosographischen Systems versetzt
    werden sollten. Nicht dass die cerebrale Auffassung der meisten gemeinhin
    beobachteten Fälle von paraplegischer Starre in Gefahr stünde, aber neben
    diesen kommen andere Affectionen des Kindesalters vor, die sich gleich-
    falls durch eine spastische Paraplegie auszeichnen und dennoch in keiner
    Verwandtschaft mit der Infantilen Cerebrallähmung stehen dürften. Es
    ist heute noch ganz unmöglich, den Kreis dieser Formen zu umgrenzen,
    man kann nur einzelne Beobachtungen hervorheben und somit abseits
    von den Gruppen der infantilen Cerebrallähmung stellen. So z. B.
    beschreibt Friedmann nach zwei Krankengeschichten eine recidivirende
    (wahrscheinlich luetische) sogenannte spastische Spinalparalyse im Kindes-
    alter, welche ausgezeichnet ist durch die in ihrem Namen erwähnten
    Charaktere und durch die völlige Abwesenheit cerebraler Symptome.
    Friedmann bringt diese infantile Affection in Parallele zu der jüngst

  • S.

    249

    Pathologische Physiologie.

    von Erb beschriebenen postluetischen Rückenmarkskrankheit Erwachsener,
    obwohl letztere durch die regelmässige Betheiligung der Blase und der
    Sensibilität, sowie durch die geringere Ausbildung der Muskelspannungen
    von der Friedmann’schen Krankheitsform abweicht.

    Unter den einzelnen Symptomen im Bilde der Allgemeinen und
    Paraplegischen Starre fordert noch der Strabismus unsere Aufmerk-
    samkeit heraus, weil er constante Beziehungen zu klinischen Typen er-
    kennen lässt. Nach den Untersuchungen von Freud kommt dieses
    Symptom bei der paraplegischen Starre häufiger vor als bei irgend
    einem anderen Typus der Diplegien, nämlich in 39·8 % der paraplegischen Fälle,
    und andererseits wird Strabismus bei Frühgeburt häufiger gefunden als
    bei irgend welcher anderen Aetiologie, nämlich wiederum in 39·4 %
    (gegen 16·2 % der Asphyxien z. B.). Freud meint daher, die Gruppe
    „Paraplegische Starre – Frühgeburt – Strabismus“ entspreche einem
    klinischen Zusammenhange, und bemüht sich, die Relation innerhalb
    dieser Gruppe festzustellen, ob der Strabismus etwa direct mit der Para-
    plegie zusammenhängt, oder ob er eine ihr nebengeordnete Folge der
    Frühgeburt darstellt. Er neigt zur letzteren Annahme, die er mit einem
    Erklärungsversuch des Strabismus in Uebereinstimmung bringt. Von der
    ätiologischen Bedeutung der Meningealblutungen für die Erklärung der All-
    gemeinen und Paraplegischen Starre erfüllt, erinnert er daran, dass
    Königstein 1881 durch Spiegeluntersuchung Neugeborener relativ
    häufig (in 10 % der Fälle) Netzhautblutungen nachweisen konnte, die
    sich zwar in der Regel nach wenigen Tagen resorbiren, aber bei massen-
    hafterer Entwicklung immerhin Retinaelemente zerstören und dadurch
    Ursache später gebildeter „Amblyopien ohne Befund“ werden können.
    Königstein leitet ihre Entstehung von dem grossen Druck ab, dem
    der kindliche Schädel während der Geburt ausgesetzt ist; „dagegen spricht
    aber“, meint er, „der Umstand, dass bei schwerer Zangengeburt, bei Stirn-
    lagen, grossen starken Kindern die Hämorrhagien relativ nicht häufiger
    beobachtet werden als bei kleinen Kindern und Frühgeburten, wo die
    Geburt eine verhältnissmässig leichte und rasche ist“. Er fand diese
    Hämorrhagien in der That etwas häufiger bei Frühgeburten (18 %) als
    bei rechtzeitig Geborenen (10 %). Schleich (Mittheilungen aus der
    ophthalmologischen Klinik in Tübingen, 1882) bestätigte den Fund von
    Königstein, fand die Netzhautblutungen auch bei normal geborenen
    Kindern, besonders häufig aber bei Kindern, „deren Mütter ein enges Becken
    hatten“. Er zieht demnach die Circulationsstörungen bei protrahirter Geburt
    zur Erklärung heran; seine Differenz mit Königstein erklärt sich befrie-
    digend aus der beigefügten Angabe, dass die von ihm untersuchten
    Kinder fast alle ausgetragen waren.

  • S.

    250

    In diesen Netzhautblutungen und der durch sie hervorgerufenen
    Amblyopie sucht nun Freud die Ursache des bei der paraplegischen
    Starre so häufigen Strabismus. Wie man merkt, stützt er sich dabei auf
    die durch thatsächlichen Nachweis nicht erhärtete Annahme, dass der
    Strabismus bei der infantilen Starre regelmässig von Amblyopie begleitet
    sei. Ganghoffner hat die Beziehung zwischen Strabismus und para-
    plegischer Starre in seiner kleinen Beobachtungsreihe (53 Fälle) noch
    inniger gefunden, und zwar 60 % (9 Fälle von 15). Das ätiologische
    Moment der Frühgeburt war aber in diesen Fällen so spärlich vertreten,
    dass sich hieraus ein Einspruch gegen die von Freud bevorzugte Art
    des Zusammenhanges zwischen Paraplegischer Starre, Frühgeburt, und
    Strabismus ergibt.

    Das physiologische Verständnis des Symptoms „Chorea“ und somit
    der choreatischen Typen unter den cerebralen Diplegien war von jeher
    ein unvollkommenes und scheint auch heute nicht erreicht zu sein. Wie
    in der historischen Einleitung, S. 14, erörtert, waren die zuerst ge-
    gebenen Erklärungsversuche der Chorea localisatorische und gipfelten in
    dem Satze, dass Chorea erzeugt werde durch Läsionen, welche nicht
    direct die motorische Rindenbahn betreffen, sondern wegen ihrer Nach-
    barschaft eine irritirende Wirkung auf irgend eine Stelle der lang-
    gestreckten Bahn zu äussern vermögen. Freud und Rie haben hinzuge-
    fügt, dass ausser diesem Moment der Localisation eine besondere reiz-
    bare Disposition der normalen Hirnpartien, zumal der corticomotorischen
    Bahn für die Entstehung der Chorea erfordert werde. Sie abstrahiren
    diese Forderung augenscheinlich von dem einzig vorhandenen Sections-
    befund einer choreatischen Parese (Landouzy), welcher einen Krank-
    heitsbefund ausserhalb und in der Nähe der motorischen Bahn aufweist,
    während die Krankengeschichte berichtet, dass die choreatische Parese
    acut nach einer Schreckwirkung eingesetzt hatte.

    Der reinste und bestverwertete Sectionsbefund einer Diplegie vom
    choreatischen Typus, der von Anton herrührt, scheint einer Deutung
    wie der eben vorgebrachten günstig. Anton’s Patient war ein 9jähriger
    Knabe aus nervös belasteter Familie; ein älterer Bruder litt an den
    gleichen Zuständen; der kleine Kranke und andere Geschwister sind früh
    gestorben. Nach normaler Geburt und anfänglich guter Entwicklung
    machte das Kind im neunten Lebensmonat einen Scharlach durch, in der
    Reconvalescenz nach diesem setzten die Krankheitserscheinungen ein,
    die seither stabil als Allgemeine Chorea bezeichnet werden dürfen.

    Der ganze Körper in lebhafter Bewegungsunruhe, die Gehen,
    Stehen und Sitzen unmöglich macht; jede Action der Hände durch
    schleudernde Mitbewegungen gestört, durch psychische Anregung die

  • S.

    251

    Unruhe erheblich gesteigert. Die Sprache gut, aber die Articulation ab-
    gerissen, Pausen und Wortwiederholungen; der Blick unruhig, Kopf-
    haltung und Ruhe der Zunge erschwert, die Muskulatur besonders in den
    Armen gut entwickelt, der Tonus nicht erhöht, an den Fingern und
    Zehen abnorme Ueberstreckungen und spontane Athetobewegungen.
    Häufiges Ueberspringen des Bewegungsimpulses auf die antagonistische
    Muskelgruppe; die automatischen Bewegungen hatten coordinirten Cha-
    rakter, manche complicirte Leistung gelang dem Kranken, wenn er sie
    rasch ausführen konnte, ehe die Störung durch die Mitbewegungen ein-
    trat. Die Intelligenz des Knaben erschien unvermindert.

    Diesem classischen Bilde von Allgemeiner Chorea entsprach eine
    vereinzelte, aber symmetrische Läsion im Gehirn. Nur das Putamen des
    Linsenkerns war in beiden Hemisphären erkrankt, die graue Substanz
    wie zersprengt durch Einlagerung kleiner Herde, die aus Bindegewebe
    mit Nervenfaserresten bestanden und in ihrer Mitte ein kleines Gefäss
    enthielten. Anton erklärt diese Veränderung für den Ausgang einer
    Erweichung und leitet diese multiplen Herde von einer allgemeinen
    Circulationsstörung im Gehirn ab, die vermöge mechanischer wie dispo-
    sitioneller Bedingungen gerade diese Hirnpartie schädigen musste, wobei
    er sich auf den Befund symmetrischer Erweichungen in den inneren
    Linsenkernliedern nach Kohlenoxydvergiftung berufen kann. Er steht
    nicht an, die allgemeine Chorea seines Kranken von den symmetrischen
    Läsionen der Linsenkern-
    e abhängen zu lassen.

    Um die Beziehung der pathologisch-anatomischen Befunde zur Ver-
    ursachung des Symptoms „Chorea“ zu würdigen, muss man über das Gebiet
    der diplegischen Kinderchorea hinausgehen.

    Die pathologische Anatomie der Chorea ist wiederholt in zusammen-
    fassenden Darstellungen behandelt worden, auf welche hier verwiesen
    werden kann, so von Elischer (Virchow’s Archiv, 1875), Dana
    (Brain 1890), Kroemer (Archiv f. Psych., XXIII, 1892).

    Für die Bedeutung von Erkrankungen der grossen Hirnganglien
    ist bereits Broadbent 1869 eingetreten, der die Chorea minor durch
    capilläre Embolien in Streifenhügel und Sehhügel zu erklären suchte.
    Die embolische Theorie der Chorea ist wohl verlassen, aber das Vor-
    kommen krankhafter Veränderungen in den grossen Ganglien bei Chorea
    wurde von zahlreichen Untersuchern bestätigt und als bedeutsam her-
    vorgehoben. So hat z. B. Demange in neun Sectionen von Fällen mit
    Chorea sechsmal Läsionen des Linsenkernes nachgewiesen, darunter fünfmal
    bilaterale. Eine Zeit lang zogen die von Elischer aufgefundenen kuge-
    ligen, concentrisch geschichteten Körperchen in den inneren Gliedern
    der Linsenkerne bei Chorealischen die Aufmerksamkeit auf sich, die von
    Flechsig als Amyloid gedeutet wurden, bis Wollenberg 1892 zeigte,

  • S.

    252

    dass diese Gebilde in den Grosshirnganglien Chorea-
    tischer nicht constant, 
    dafür in den Gehirnen anderer Personen oftmals sehr reichlich vorkom-
    men. Der Broadbent’schen Lehre stehen aber zwei Reihen von That-
    sachen im Wege: erstens, dass häufig genug ganz analoge Läsionen in den
    Grosshirnganglien, zumal im Linsenkern, gefunden worden sind, wo im
    Leben keine Chorea, ja überhaupt kein klinisches Symptom beobachtet worden
    war (Hebold); zweitens dass andere Autoren in zahlreichen Sectionen
    von Chorea anstatt der Herde in den grossen Ganglien die mannigfach-
    sten Veränderungen und in den verschiedensten Hirnpartien consta-
    tiren konnten, und zwar Veränderungen an den Hirnhäuten (Tumoren,
    Pachymeningitis), an der Rinde, im Hemisphärenmark, diffuse Verände-
    rungen wie Oedem, Hyperämie, kleine Extravasate oder selbst einen
    völlig negativen Befund erhielten.

    Speciell in der pathologischen Anatomie der Chorea chronica pro-
    gressiva scheinen Affectionen der Hirnhäute eine Rolle zu spielen; eine
    Autopsie von Kroemer bei chronischer Chorea mit psychischen Störungen
    fasst nach den Worten des Autors Alles zusammen, „was je einmal bei
    einem an Chorea Verstorbenen beobachtet worden ist“: Entzündung der
    Hirnhäute mit Producten älteren und frischen Datums, Zerstörungen in
    Thalamus und Corpus striatum und Erkrankung der Pyramidenbahnen im
    Rückenmarke. Eine der jüngsten Autopsien (von Kalischer und Kron-
    thal 1895) ergab nur geringere Veränderungen an den Hirnhäuten, inten-
    sivere an der Pia mater spinalis. Die Hirnrinde war schon makroskopisch
    überall als atrophisch zu erkennen. Mikroskopisch traten die Befunde am
    Nervengewebe weit zurück gegen die an den anderen Hirngeweben. Die
    Hirngefässe waren verdickt, bindegewebig entartet, zum Theil obliterirt,
    in der Rinde und subcortical fand sich kleinzellige Infiltration von nicht
    deutlich herdartigem Charakter; im Rückenmark diffuse, nicht systematische
    Degeneration.

    Oppenheim und Hoppe haben 1893 im Gegentheile herdartig
    auftretenden Veränderungen in der Hirnrinde und Marksubstanz, die von
    den Gefässen und von der Glia ausgehen sollen, die grössere Bedeutung
    zugewiesen. Das anatomische Substrat der Chorea hereditaria ist nach
    ihnen eine miliare, disseminirte Encephalitis corticalis et subcorticalis,
    zu der Rindenatrophie sich hinzugesellen kann.

    Es kann demnach nicht Wunder nehmen, dass einzelne Autoren
    eine Localisation der Chorea überhaupt ablehnen, während andere sie für
    eine corticale oder selbst spinale Affection erklären. Kahler und Pick
    haben, wie erwähnt, der Mannigfaltigkeit der anatomischen Befunde bei
    Chorea Rechnung getragen, indem sie ein functionelles Moment in die
    nach Localisation strebende Erklärung der Chorea einführten. Nach ihnen
    ist die Chorea der Ausdruck einer fortdauernden Reizung der cortico-

  • S.

    253

    motorischen Bahn durch einen sie nicht selbst betref-
    fenden, sondern
    ihr benachbarten Krankheitsherd, dessen eigene Localisation dann gleich-
    giltig ist, also ein indirectes und topisch vieldeutiges Herdsymptom.
    Diese Lehre hat zahlreiche Anhänger gewonnen, unterliegt aber mehreren
    gewichtigen Einwänden. Zunächst, dass die Lage der Herde, die
    man bei Chorea findet, eine Einwirkung auf die Pyramidenbahn nicht
    immer anzunehmen gestattet, sondern dass es sich bei Chorea um coor-
    dinirte Impulse handelt, die nicht einfach Folge von Reizwirkungen sein
    dürften. Ferner kann man aber noch einwenden, dass wir die Wirkungen
    bloss angrenzender Läsionen auf die Pyramidenbahn aus anderen Krank-
    heitsfällen zu erkennen glauben, in denen sich aber nicht Chorea, sondern
    flüchtige und unvollkommene Paresen ergeben.

    Man kann es daher nur willkommen heissen, dass Anton einen
    anderen Weg zur Aufklärung des Symptoms „Chorea“ eingeschlagen hat.
    Er knüpft an die Bemerkung von Freud an, dass die Bewegungen,
    welche der normale Säugling in den ersten Wochen und Monaten voll-
    führt, die grösste Aehnlichkeit mit den choreatischen oder athetotischen
    Bewegungen zeigen, welche man bei kranken Kindern in späterem
    Lebensalter beobachtet. Chorea und Athetose wären somit nicht eigent-
    lich neue Symptome und directe Folgen von Herderkrankung, son-
    dern entsprächen der Fortdauer oder Wiederkehr von Gehirnäusserungen,
    welche durch die Innervationserziehung sonst normaler Weise bald unter-
    drückt werden. Einen ähnlichen Gesichtspunkt hatte Anton selbst in Betreff des
    Muskeltonus der Neugeborenen geäussert. Der Neugeborene zeigt anfangs
    deutliche Flexionsspannungen der Extremitäten, welche im Verlauf der
    Functionsentwicklung schwinden, so dass die Allgemeine Starre als Fort-
    bestand primitiver Innervationsverhältnisse gedeutet werden kann. In
    Betreff des Muskeltonus huldigt Anton der von Adamkiewicz aufge-
    stellten Lehre, welche den Spannungszustand durch das antagonistische
    Zusammenwirken der Hirninnervation und des Rückenmarkseinflusses er-
    klärt. Letzterer versetzt die Muskeln in Hypertonie, wenn er allein zur
    Wirkung gelangt, in Folge von Entwicklungshemmung, functioneller Unreife
    oder Erkrankung der cerebralen Bewegungsbahn; der Gehirneinfluss da-
    gegensetzt diesen spinalen Tonus herab. Ein analoges Verhältniss, vermuthet nun
    Anton, bestünde zwischen einzelnen Bahnen aus den Grosshirnganglien,
    welches seinen Einfluss auf die Innervation der Körpermuskeln äussert.
    Dem Rückenmarke würden durch die Haubenbahn Impulse zu automati-
    schen Bewegungen zugeleitet, welche durch das antagonistische Zu-
    sammenwirken zweier aus verschiedenen Quellen stammender Einflüsse
    regulirt werden. Der eine, Bewegung hemmende, Einfluss rühre wahr-
    scheinlich vom Linsenkern her; durch seinen Wegfall entstehe der
    Bewegungsüberschuss der Chorea. Eine andere Bahn aus dem Thalamus

  • S.

    254

    opticus wirke als Anregung für automatische Impulse; Thalamuserkran-
    kung hat darum, wie er aus einer eigenen Beobachtung schliesst, die
    Verringerung automatischer Bewegungen (z. B. der Mitbewegungen, der
    Mimik) zur Folge.

    Anton verhehlt sich nicht, dass diese Theorie noch aller thatsäch-
    lichen Stützen entbehrt. Man darf wirklich daran zweifeln, ob der
    Mechanismus des cerebralen Innervation der Muskeln hiemit zutreffend
    in seine Bestandtheile aufgelöst, und ob die functionellen Rollen den
    organischen Trägern richtig zugetheilt sind. Der Grundgedanke Anton’s
    aber, die Chorea nicht als Herd- oder Reizungssymptom, sondern als
    Erfolg einer Gleichgewichtsstörung zwischen antagonistisch wirkenden
    an verschiedene Hirnorgane gebundenen Innervationseinflüssen anzu-
    fassen, erscheint aller Beachtung werth und bedeutet einen unzweifel-
    haften Fortschritt im Verständniss der Symptome, durch welche sich die
    Erkrankungen des nervösen Centralorgans äussern. Wir müssen uns vor-
    halten, dass die Hirnorgane offenbar nicht dazu bestimmt sind, uns ihre Er-
    krankung durch pathognomonische Zeichen zu verrathen; — solche fehlen
    uns ja für mächtige und doch gewiss nicht unthätige Gehirngebiete; —
    dass sie als Bestandtheile von sehr complicirt zusammengesetzten Mecha-
    nismen functioniren, und dass die von uns beobachteten pathologischen
    Symptome nicht der directe Ausdruck der Läsion sind, weder den Sitz,
    noch die Ausdehnung, Intensität oder Natur derselben unmittelbar anzeigen,
    sondern bloss die Functionsänderung, welche durch diese Momente
    bedingt ist. Für einzelne Symptome ist es uns gelungen, über die Func-
    tionsstörung hinweg die directere Beziehung zwischen der klinischen
    Erscheinung und einem einzelnen Charakter der Läsion zu erhaschen;
    wir dürfen uns aber nicht verwundern, wenn dies bei den Typen der
    Infantilen Cerebrallähmung nicht gelingt, so dass hier die Erklärungs-
    versuche — vorläufig oder selbst definitiv — bei physiologischen Formeln Halt
    machen müssen. Zwischen Klinik und pathologischer Anatomie des
    Nervensystems sind — wahrscheinlich ganz allgemein — mehr Mittel-
    glieder eingeschoben, als wir in der Freude über die Exactheit greifbarer
    Veränderungen und in der ersten Ueberraschung über die Existenz einer
    Hirnlocalisation gerne wahrnehmen wollten.