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    J. Einleitung. Nosographische Stellung der Infantilen
    Cerebrallähmung.

    Der Name „Infantile Cerebrallähmung“, welcher dieser Abhandlung
    voransteht, ist ein nomen proprium. Er bezeichnet nicht schlechtweg, was
    die ihn zusammensetzenden Worte bedeuten: Lähmung im Kindesalter aus
    cerebraler Ursache (in Folge von Gehirnerkrankung), sondern er ist längst auch
    auf Krankheitszustände übertragen worden, in welchen die Lähmung zurück-
    tritt gegen oder ersetzt wird durch Muskelstarre und spontane Muskelunruhe;
    ja ich werde befürworten müssen, dass diese Bezeichnung auch auf Fälle
    vergeben werde, in denen die Lähmung völlig ausbleibt und nur periodisch
    wiederkehrende Krampfanfälle (Epilepsie) das Krankheitsbild constituiren.
    Der Name „Infantile Cerebrallähmung“ ist also nichts anderes als ein
    Kunstwort unserer nosographischen Classification, eine Etiquette, welche
    wir einer Gruppe von Krankheitsfällen anheften; er soll nicht definirt,
    sondern durch den Hinweis auf jene realen Krankheitsfälle erläutert
    werden. Es wäre wünschenswerth, diesen Namen durch einen anderen
    ersetzt zu haben, dessen Klang uns nicht eine so bestimmte, unzureichende
    Vorstellung aufnöthigen würde, gegen welchen also eine Verwahrung wie
    die hier vorgebrachte überflüssig wäre.

    Es wäre aber ein aussichtsloses Beginnen, wollte man etwa heute ver-
    suchen, dem ärztlichen Gebrauch eine solche correctere Bezeichnung an-
    Stelle der „Infantilen Cerebrallähmung“ aufzudrängen. Krankheitsnamen,
    wie Morbus Basedowii, welche das Andenken eines Entdeckers oder
    ersten Beschreibers fortsetzen, würde ich für die zweckmässigsten erklären,
    am wenigsten geeignet, die unvermeidliche und wünschenswerthe Ver-
    änderung und Fortbildung der Krankheitsbegriffe zu stören. Allein die
    Kenntniss der Hirnlähmungen im Kindesalter ist aus so mannigfachen
    Quellen erflossen, den Bemühungen so vieler ärztlicher Forscher zu danken,
    dass ohne die gröbste Ungerechtigkeit kein einzelner Eigenname durch
    die Pathenschaft bei den in Rede stehenden Affectionen geehrt werden
    kann. Es erübrigt uns somit nur, nochmals den Widerspruch hervorzuheben,

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    in dem der Wortlaut des Terminus „Infantile Cerebrallähmung“ mit seinem
    dermaligen Inhalte steht.

    Zu Beginn unserer Kenntniss auf diesem Gebiete war ein solcher
    Widerspruch natürlich noch nicht vorhanden. Den Kern der als „Infan-
    tile Cerebrallähmung“ zusammengefassten klinischen Formen bilden noch
    heute jene Fälle, in welchen wie beim Erwachsenen eine Erkrankung
    des Grosshirns sich durch halbseitige Lähmung verräth. Noch die vor-
    zügliche Darstellung Marie’s im Dictionnaire encyclopédique des sciences
    médicales, 1888, trägt die Ueberschrift: Hémiplégie spasmodique infantile.
    Die Vereinigung dieser Fälle mit den Formen doppelseitiger Bewegungs-
    störung ist erst das Werk der letzten Jahre gewesen. Durch die Ueber-
    einstimmung aller sachkundigen Autoren sind aus dem Begriffe der
    „Hirnlähmung bei Kindern“ alle jene Fälle ausgeschieden worden, deren
    motorische Symptome sich von den bekannten Processen der einfachen,
    eitrigen oder tuberculösen Meningitis, des Hirntumors u. dgl. ableiten,
    obwohl hier gerade sich ein erster Zweifel geltend machen muss, wie
    weit in der infantilen Pathologie eine solche vorgängige Ausschliessung
    zweckmässiger Weise reichen darf.

    Es muss ferner auf das Nachdrücklichste betont werden, dass der
    durch solche Einschränkung und Ausdehnung gebildete Begriff der
    „Infantilen Cerebrallähmung“ keine andere als eine ausschliesslich
    klinische Bedeutung beanspruchen darf. Diese zweite Verwahrung
    erscheint mir so bedeutsam, dass ich ihr einige weitere Ausführungen
    widmen möchte.

    Die Krankheitsnamen, welche wir als Capitelüberschriften in unseren
    Lehrbüchern der Neuropathologie verwenden, sind nämlich von sehr
    ungleichem logischen Werth und von sehr verschiedener Abkunft. Zum
    grösseren Theile entstammen sie freilich der klinischen Beobachtung,
    stellen aber verschiedene Stufen in der intellectuellen Bewältigung des
    klinischen Materiales dar. So finde ich in einem jüngst erschienenen, auf
    der Höhe des gegenwärtigen neurologischen Wissens stehenden „Handbuch
    der Nervenkrankheiten im Kindesalter“ Ueberschriften, wie: Convulsionen,
    Kopfschmerzen, Schlafstörungen u. dgl. Dies sind Symptome; mit der
    Benennung und Verfolgung auffälliger Symptome beginnt alle klinische
    Arbeit. Andere Ueberschriften lauten: Migräne, Choreaformen, Idiotie;
    dies sind Symptomcomplexe (Syndrome), einigermassen constante
    Verknüpfungen mehrerer Einzelsymptome; eine scharfe Grenze zwischen
    Symptomen und Syndromen ist nicht zu ziehen. „Cerebrale Kinderlähmung“
    wäre ein solches Syndrom, wenn wir auf unsere Verwahrungen ver-
    zichteten, die Lähmungen in Folge von Hirntuberkel und Meningitis
    hinzurechnen und die vorwiegend spastischen und choreatischen Formen
    ausschliessen würden. Noch andere Ueberschriften unseres Lehrbuches

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    verdienen die Bezeichnung von Krankheitsbildern, so die essentielle
    (v. Heine'sche [spinale]) Kinderlähmung, die Sydenham'sche Chorea,
    die Friedreich'sche Ataxie, die Pott'sche Lähmung u. dgl. Fragt man
    sich, was das Wesen dieser höheren nosographischen Einheit, des Krank-
    heitsbildes, ausmacht, so wird man sich wohl dahin aussprechen, es sei
    die constante Verknüpfung von Charak-
    teren des Vorkommens und Ver-
    laufes mit einzelnen Symptomen und Symptomcomplexen.

    Neben diesen Krankheitsnamen klinischer Prägung findet man andere,
    welche auf andere Quellen unserer Kenntniss hindeuten. Insoferne die
    Krankheitszustände des Nervensystems Präparate ergeben, welche zu
    Objecten der pathologischen Anatomie werden, erwirbt die letztere Unter-
    suchungsmethode das Recht, besondere Symptome, Syndrome und patho-
    logisch-anatomische Bilder aufzustellen, welche neben den klinischen ihre
    Geltung beanspruchen. So die Ueberschriften: Hydrocephalus, Meningitis,
    Tumoren, multiple Neuritis, Syringomyelie u. A. Man überzeugt sich leicht
    davon, dass diese pathologisch-anatomischen Einheiten in keinem einfachen
    Verhältniss zu den klinischen stehen. Im Allgemeinen entsprechen die
    anatomischen Entitäten einer Umordnung und Neugruppirung desselben
    Materiales, welches bereits in die Bildung der klinischen Einheiten ein-
    gegangen ist. Ein pathologisch-anatomisches Bild äussert sich in der Regel
    in mannigfaltigem klinischen Ausdruck; mit dem nämlichen klinischen
    Krankheitsbild treffen oftmals verschiedene pathologische Befunde zu-
    sammen. So soll sich der Hydrocephalus chronicus durch Schwachsinn,
    durch eine spastische Paraplegie klinisch verrathen oder auch symptomlos
    bleiben, die Syringomyelie ergibt ein ihr eigenthümliches Krankheitsbild
    oder das der spinalen Amyotrophie oder überhaupt keine klinischen
    Zeichen. Dagegen kann das klinische Bild der Querschnittsmyelitis durch
    Tumoren ebenso hervorgerufen werden wie durch entzündliche oder hämor-
    rhagische Erweichung u. s. w.

    In einer bereits ansehnlichen Zahl von Fällen ist jedoch das Ver-
    hältniss zwischen klinischem und pathologisch-anatomischem Bild zum
    Glücke ein einfacheres. Die klinische Einheit deckt sich mit einem ana-
    tomischen Befund, der bei ihr constant vorkommt und ausser ihrem
    Rahmen nicht vorkommt. Dann ist das klinische Bild gleichzeitig ana-
    tomisch fundirt, was wir als einen Fortschritt der Nosographie und als
    eine Sicherung des Krankheitsbildes empfinden. Ein solcher Fortschritt
    kann sich zweizeitig vollziehen, wie z. B. damals, als Charcot das klinische
    Bild der Paralysie choréiforme Duchenne's mit dem anatomischen der
    multiplen Sklerose Cruveilhier's vereinigte, oder aber das Krankheitsbild
    wird gleichzeitig durch klinische und anatomische Charaktere erkannt, wie
    es von Charcot für die amyotrophische Lateralsklerose, von P. Marie
    für die Akromegalie geschehen ist.

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    Einleitung. Nosographische Stellung der infantilen Cerebrallähmung.

    Neben den rein klinischen, den rein pathologisch-anatomischen und
    den auf Charaktere beider Art gegründeten Krankheitseinheiten enthält
    unser Lehrbuch noch andere, welche auf einer abermals veränderten
    Gruppirung desselben klinischen Materiales beruhen. Insoferne nämlich
    die Aetiologie der Nervenkrankheiten sich als ein besonders therapeutisch
    wichtiges Moment unserer Aufmerksamkeit aufdrängt, bewegt sie uns
    zur Schaffung ätiologischer Einheiten, wie: Entwicklungshemmungen des
    Nervensystems, Syphilis des Nervensystems, obwohl z. B. die Syphilis
    sich durch mannigfache Symptome wie Schlafstörung und Kopfschmerzen,
    durch Syndrome wie die Brown-
    Séquard’sche Lähmungsform, und selbst
    durch Krankheitsbilder wie Tumor und Meningitis klinisch kundgiebt. Dass
    eine ätiologische Einheit mit einer anatomisch-klinischen zusammenfällt,
    so dass diese Aetiologie sich ausschliesslich in einem Krankheitsbilde mit
    pathognomonischem Befund äussert, ist meines Wissens der allerseltenste
    Fall. Häufiger trifft es sich, dass ein anatomisch-klinisch einheitliches
    Krankheitsbild auf eine einheitliche Aetiologie zurückzuführen ist, die
    ihm aber nicht ausschliesslich zugehört. Ein Beispiel hiefür wäre etwa
    die Friedreich’sche Krankheit, deren Aetiologie wir einzig und allein
    in der Heredität suchen. Bedenkt man aber, dass diese ätiologische
    Moment bei vielen anderen Krankheitsbildern die gleiche Rolle spielt
    (Huntington’sche Chorea, Thomsen’sche Krankheit), und dass es sich
    in die Einwirkung einer Mehrheit von Momenten auf die Erzeuger auf-
    lösen lässt, so muss man auch hier eine wirkliche „Einheit der Aetiologie“
    in Zweifel ziehen.1)

    Man muss ein nosographisches System, in welchem pathologische
    Entitäten von so verschiedenem Werth und Herkunft wie gleichberechtigt
    neben einander stehen, für ein sehr unvollkommenes erklären, und kann
    den Autoren einen Vorwurf daraus machen, dass sie nicht mehr bestrebt
    sind, diese Mängel den Aerzten klar zum Bewusstsein zu bringen, um
    ihnen dadurch eine Reihe von unausgesetzten Missverständnissen und
    Denkfehlern zu ersparen. Für die Mängel selbst ist nur der gegenwärtige
    Zustand unseres Wissens verantwortlich. Die ungleichmässige und wie
    ruckweise erfolgende Entwicklung unserer Kenntnisse nöthigt uns, auf
    dem einen Gebiete uns mit der Beschreibung von Symptomen zu begnügen,
    während wir auf anderen bereits mehrere gesicherte anatomisch-klinische
    Krankheitsbilder zu höheren ätiologischen Einheiten zusammenfassen
    vermögen. Eine bloss logische Arbeit, die etwa in Sichtung der Krank-
    heitsbilder, Vereinigung der scheinbar so mannigfaltigen anatomischen
    Befunde zu wenigen Kategorien u. dgl. bestünde, würde am Sachverhalt

    1)Ausser den oben erwähnten Arten von Krankheitseinheiten enthalten unsere
    Lehrbücher noch andere, z. B. Gehirnanämie, Gehirnhyperämie, die nichts sind als
    physiologische Constructionen und besser wegzulassen wären.

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    derzeit nichts Wesentliches ändern. Das Ideal, das wir für unser noso-
    graphisches System anstreben, scheint die Anordnung der klinischen
    Thatsachen in einer mehrdimensionalen Hierarchie zu sein, deren oberste
    Glieder durch sehr allgemeine ätiologische Momente gebildet werden.
    Wir können aber heute noch nicht einmal ermessen, wie weit wir von
    solchem Ziele entfernt sind.

    Ich habe diese Abschweifung über das nosographische System ein-
    geschaltet, um darnach von dem Terminus „Infantile Cerebrallähmung“
    auszusagen, er stehe auf der Stufe eines nur klinisch fundirten
    Krankheitsbildes. Er deckt sich, wie die nachstehenden Blätter zeigen
    werden, weder mit einer pathologisch-anatomischen noch mit einer ätio-
    logischen Einheit.

    Es ist darum wahrscheinlich, dass er auch klinisch nur den Werth
    einer vorläufigen Einheit beanspruchen darf, und dass es bald gelingen
    wird, diese aufzulösen und durch eine gewisse Anzahl von besser cohä-
    renten, anatomisch und vielleicht auch ätiologisch gut determinirten
    Krankheitsbildern zu ersetzen.

    Das heute vorliegende Material gestattet solche Leistung noch nicht;
    die rein klinische Zusammenfassung desselben, welche der Name „In-
    fantile Cerebrallähmung“ vertreten soll, erscheint zunächst durch ihre Un-
    entbehrlichkeit für wissenschaftliche Darstellung und ärztliche Diagnostik
    gerechtfertigt.