• S.

    XXXV. VORLESUNG.

    ÜBER EINE WELTANSCHAUUNG

    Meine Damen und Herren! Bei unserem letzten Bei-
    sammensein haben wir uns mit kleinen Alltagssorgen be-
    schäftigt, gleichsam unser bescheidenes eigenes Haus be-
    stellt. Nun wollen wir einen kühnen Anlauf nehmen und
    uns an die Beantwortung einer Frage wagen, die wieder-
    holt von anderer Seite gestellt worden ist, ob die Psycho-
    analyse zu einer bestimmten Weltanschauung führt und
    zu welcher.

    Weltanschauung ist, besorge ich, ein spezifisch deut-
    scher Begriff, dessen Übersetzung in fremde Sprachen
    Schwierigkeiten machen dürfte. Wenn ich eine Defini-
    tion davon versuche, wird sie Ihnen gewiß ungeschickt
    erscheinen. Ich meine also, eine Weltanschauung ist eine
    intellektuelle Konstruktion, die alle Probleme unseres
    Daseins aus einer übergeordneten Annahme einheitlich
    löst, in der demnach keine Frage offen bleibt und alles,
    was unser Interesse hat, seinen bestimmten Platz findet.
    Es ist leicht zu verstehen, daß der Besitz einer solchen
    Weltanschauung zu den Idealwünschen der Menschen ge-
    hört. Im Glauben an sie kann man sich im Leben sicher
    fühlen, wissen, was man anstreben soll, wie man seine
    Affekte und Interessen am zweckmäßigsten unterbringen
    kann,

  • S.

    220

    Wenn das der Charakter einer Weltanschauung ist,
    so wird die Antwort für die Psychoanalyse leicht. Als
    eine Spezialwissenschaft, ein Zweig der Psychologie –
    Tiefenpsychologie oder Psychologie des Unbewußten –
    ist sie ganz ungeeignet, eine eigene Weltanschauung zu
    bilden, sie muß die der Wissenschaft annehmen. Die
    wissenschaftliche Weltanschauung entfernt sich aber be-
    reits merklich von unserer Definition. Die Einheit-
    lichkeit der Welterklärung wird zwar auch von ihr
    angenommen, aber nur als ein Programm, dessen Erfül-
    lung in die Zukunft verschoben ist. Sonst ist sie durch
    negative Charaktere ausgezeichnet, durch die Einschrän-
    kung auf das derzeit Wißbare und die scharfe Ableh-
    nung gewisser, ihr fremder Elemente. Sie behauptet, daß
    es keine andere Quelle der Weltkenntnis gibt als die
    intellektuelle Bearbeitung sorgfältig überprüfter Beobach-
    tungen, also was man Forschung heißt, daneben keine
    Kenntnis aus Offenbarung, Intuition oder Divination. Es
    scheint, daß diese Auffassung in den letztvergangenen
    Jahrhunderten der allgemeinen Anerkennung sehr nahe
    war. Unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, den über-
    heblichen Einwand zu finden, eine solche Weltanschauung
    sei ebenso armselig wie trostlos, übersehe die Ansprüche
    des Menschengeistes und die Bedürfnisse der menschlichen
    Seele.

    Man kann diesen Einwand nicht energisch genug
    zurückweisen. Er ist ganz haltlos, denn Geist und Seele
    sind in genau der nämlichen Weise Objekte der wissen-
    schaftlichen Forschung wie irgendwelche menschenfremde
    Dinge. Die Psychoanalyse hat ein besonderes Anrecht,

  • S.

    221

    hier das Wort für die wissenschaftliche Weltanschauung
    zu führen, weil man ihr nicht den Vorwurf machen
    kann, daß sie das Seelische im Weltbild vernachlässigt
    habe. Ihr Beitrag zur Wissenschaft besteht grade in der
    Ausdehnung der Forschung auf das seelische Gebiet. Ohne
    eine solche Psychologie wäre allerdings die Wissenschaft
    sehr unvollständig. Nimmt man aber die Erforschung der
    intellektuellen und emotionellen Funktionen des Men-
    schen (und der Tiere) in die Wissenschaft auf, so zeigt
    sich, daß an der Gesamteinstellung der Wissenschaft
    nichts geändert wird, es ergeben sich keine neuen Quellen
    des Wissens oder Methoden des Forschens. Intuition und
    Divination wären solche, wenn sie existierten, aber man
    darf sie beruhigt zu den Illusionen rechnen, den Erfül-
    lungen von Wunschregungen. Man erkennt auch leicht,
    daß jene Anforderungen an eine Weltanschauung nur
    affektiv begründet sind. Die Wissenschaft nimmt zur
    Kenntnis, daß das menschliche Seelenleben solche Forde-
    rungen erschafft, ist bereit deren Quellen nachzuprüfen,
    hat aber nicht den geringsten Anlaß, sie als berechtigt
    anzuerkennen. Sie sieht sich im Gegenteil gemahnt, alles
    was Illusion, Ergebnis solcher Affektforderung ist, sorg-
    fältig vom Wissen zu scheiden.

    Das bedeutet keineswegs diese Wünsche verächtlich
    bei Seite zu schieben oder ihren Wert fürs Menschen-
    leben zu unterschätzen. Man ist bereit zu verfolgen,
    welche Erfüllungen dieselben sich in den Leistungen der
    Kunst, in den Systemen der Religion und der Philoso-
    phie geschaffen haben, aber man kann doch nicht über-
    sehen, daß es unrechtmäßig und in hohem Grade un-

  • S.

    222

    zweckmäßig wäre, die Übertragung dieser Ansprüche auf
    das Gebiet der Erkenntnis zuzulassen. Denn damit öffnet
    man die Wege, die ins Reich der Psychose, sei es der
    individuellen oder der Massenpsychose führen, und ent-
    zieht jenen Strebungen wertvolle Energien, die sich der
    Wirklichkeit zuwenden, um, soweit es möglich ist,
    Wünsche und Bedürfnisse in ihr zu befriedigen.

    Vom Standpunkt der Wissenschaft aus ist es unver-
    meidlich, hier Kritik zu üben und mit Ablehnungen und
    Zurückweisungen vorzugehen. Es ist unzulässig zu sagen,
    die Wissenschaft ist ein Gebiet menschlicher Geistestätig-
    keit, Religion und Philosophie sind andere, ihr zum min-
    desten gleichwertig, und die Wissenschaft hat diesen bei-
    den nichts darein zu reden; sie haben alle gleichen An-
    spruch auf Wahrheit und jedem Menschen steht es frei,
    zu wählen, woher er seine Überzeugung nehmen und wo-
    hin er seinen Glauben verlegen will. Eine solche An-
    schauung gilt als besonders vornehm, tolerant, umfassend
    und frei von engherzigen Vorurteilen. Leider ist sie nicht
    haltbar, sie hat Anteil an allen Schädlichkeiten einer
    ganz unwissenschaftlichen Weltanschauung und kommt
    ihr praktisch gleich. Es ist nun einmal so, daß die Wahr-
    heit nicht tolerant sein kann, keine Kompromisse und
    Einschränkungen zuläßt, daß die Forschung alle Gebiete
    menschlicher Tätigkeit als ihr eigen betrachtet und un-
    erbittlich kritisch werden muß, wenn eine andere Macht
    ein Stück davon für sich beschlagnahmen will.

    Von den drei Mächten, die der Wissenschaft Grund
    und Boden bestreiten können, ist die Religion allein der
    ernsthafte Feind. Die Kunst ist fast immer harmlos und

  • S.

    223

    wohltätig, sie will nichts anderes sein als Illusion. Außer
    bei wenigen Personen, die, wie man sagt, von der Kunst
    besessen sind, wagt sie keine Übergriffe ins Reich der
    Realität. Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht
    gegensätzlich, sie gebärdet sich selbst wie eine Wissen-
    schaft, arbeitet zum Teil mit den gleichen Methoden,
    entfernt sich aber von ihr, indem sie an der Illusion fest-
    hält, ein lückenloses und zusammenhängendes Weltbild
    liefern zu können, das doch bei jedem neuen Fortschritt
    unseres Wissens zusammenbrechen muß. Methodisch geht
    sie darin irre, daß sie den Erkenntniswert unserer logi-
    schen Operationen überschätzt und etwa noch andere
    Wissensquellen wie die Intuition anerkennt. Und oft
    genug meint man, der Spott des Dichters (H. Heine)
    sei nicht unberechtigt, wenn er vom Philosophen sagt:

    „Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
    Stopft er die Lücken des Weltenbaus.“

    Aber die Philosophie hat keinen unmittelbaren Ein-
    fluß auf die große Menge von Menschen, sie ist das Inter-
    esse einer geringen Anzahl selbst von der dünnen Ober-
    schicht der Intellektuellen, für alle anderen kaum faß-
    bar. Dahingegen ist die Religion eine ungeheure Macht,
    die über die stärksten Emotionen der Menschen verfügt.
    Es ist bekannt, daß sie früher einmal alles umfaßte, was
    als Geistigkeit im Menschenleben eine Rolle spielt, daß
    sie die Stelle der Wissenschaft einnahm, als es noch kaum
    eine Wissenschaft gab und, daß sie eine Weltanschauung
    von unvergleichlicher Folgerichtigkeit und Geschlossen-
    heit geschaffen hat, die, wiewohl erschüttert, heute noch
    fortbesteht.

  • S.

    224

    Will man sich vom großartigen Wesen der Religion
    Rechenschaft geben, so muß man sich vorhalten, was sie
    den Menschen zu leisten unternimmt. Sie gibt ihnen Auf-
    schluß über Herkunft und Entstehung der Welt, sie ver-
    sichert ihnen Schutz und endliches Glück in den Wechsel-
    fällen des Lebens und sie lenkt ihre Gesinnungen und
    Handlungen durch Vorschriften, die sie mit ihrer ganzen
    Autorität vertritt. Sie erfüllt also drei Funktionen. In
    der ersten befriedigt sie die menschliche Wißbegierde, tut
    dasselbe, was mit ihren Mitteln die Wissenschaft ver-
    sucht und tritt hier in Rivalität mit ihr. Ihrer zweiten
    Funktion verdankt sie wohl den größten Anteil ihres Ein-
    flusses. Wenn sie die Angst der Menschen vor den Ge-
    fahren und Wechselfällen des Lebens beschwichtigt, sie
    des guten Ausganges versichert, ihnen Trost im Unglück
    spendert, kann die Wissenschaft es nicht mit ihr aufneh-
    men. Diese lehrt zwar, wie man gewisse Gefahren ver-
    meiden, manche Leiden erfolgreich bekämpfen kann; es
    wäre sehr unrecht zu bestreiten, daß sie den Menschen
    eine mächtige Helferin ist, aber in vielen Lagen muß sie
    den Menschen seinem Leid überlassen und weiß ihm nur
    zur Unterwerfung zu raten. In ihrer dritten Funktion,
    wenn sie Vorschriften gibt, Verbote und Einschränkun-
    gen erläßt, entfernt sie sich von der Wissenschaft am
    meisten. Denn diese begnügt sich damit zu untersuchen
    und festzustellen. Aus ihren Anwendungen leiten sich
    allerdings Regeln und Ratschläge für das Verhalten im
    Leben ab. Unter Umständen sind es dieselben, die von
    der Religion geboten werden, aber dann mit anderer Be-
    gründung.

  • S.

    225

    Das Zusammentreffen dieser drei In-
    halte der Reli-
    gion ist nicht ganz durchsichtig. Was soll die Aufklärung
    über die Entstehung der Welt mit der Einschärfung be-
    stimmter ethischer Vorschriften zu tun haben? Die Zu-
    sicherungen von Schutz und Beglückung sind mit den
    ethischen Anforderungen inniger verknüpft. Sie sind der
    Lohn für die Erfüllung dieser Gebote; nur wer sich ihnen
    fügt, darf auf diese Wohltaten rechnen, auf den Unge-
    horsamen warten Strafen. Übrigens gibt es bei der Wis-
    senschaft etwas Ähnliches. Wer ihre Anwendungen miß-
    achtet, meint sie, setzt sich Schädigungen aus.

    Man versteht das merkwürdige Zusammensein von
    Belehrung, Tröstung und Anforderung in der Religion
    erst, wenn man diese einer genetischen Analyse unter-
    zieht. Diese darf von dem auffälligsten Punkt des En-
    sembles, von der Belehrung über die Weltentstehung aus-
    gehen, denn warum sollte eine Kosmogonie ein regel-
    mäßiger Bestandteil des religiösen Systems sein? Die
    Lehre ist also, daß die Welt von einem menschenähn-
    lichen, aber in allen Stücken, Macht, Weisheit, Stärke
    der Leidenschaft vergrößerten Wesen, einem idealisierten
    Übermenschen geschaffen wurde. Tiere als Weltschöpfer
    weisen auf den Einfluß des Totemismus hin, den wir
    später wenigstens mit einer Bemerkung streifen werden.
    Es ist interessant, daß dieser Weltschöpfer immer nur
    einer ist, auch wo an viele Götter geglaubt wird. Ebenso,
    daß es zumeist ein Mann ist, obwohl es keineswegs an
    Andeutungen weiblicher Gottheiten fehlt und manche
    Mythologien die Weltschöpfung grade damit beginnen
    lassen, daß ein Manngott eine weibliche Gottheit, die

  • S.

    226

    zum Ungeheuer erniedrigt ist, beseitigt. Die interessan-
    sten Einzelprobleme schließen hier an, aber wir müssen
    eilen. Der weitere Weg ist uns leicht kenntlich gemacht,
    indem dieser Gott-Schöpfer direkt Vater geheißen wird.
    Die Psychoanalyse schließt, es ist wirklich der Vater, so
    großartig, wie er einmal dem kleinen Kind erschienen
    war. Der religiöse Mensch stellt sich die Schöpfung der
    Welt so vor wie seine eigene Entstehung.

    Dann erklärt sich leicht, wie die tröstlichen Ver-
    sicherungen und die strengen ethischen Forderungen mit
    der Kosmogonie zusammenkommen. Denn dieselbe Per-
    son, der das Kind seine Existenz verdankt, der Vater
    (richtiger wohl, die aus Vater und Mutter zusammen-
    gesetzte Elterninstanz) hat auch das schwache, hilflose,
    allen in der Außenwelt lauernden Gefahren ausgesetzte
    Kind beschützt und bewacht; in seiner Obhut hat es sich
    sicher gefühlt. Selbst erwachsen geworden, weiß sich der
    Mensch zwar im Besitz größerer Kräfte, aber auch seine
    Einsicht in die Gefahren des Lebens hat zugenommen
    und er schließt mit Recht, daß er im Grunde noch ebenso
    hilflos und ungeschützt geblieben ist wie in der Kind-
    heit, daß er der Welt gegenüber noch immer Kind ist.
    Er mag also auch jetzt nicht auf den Schutz verzichten,
    den er als Kind genossen hat. Längst hat er aber auch
    erkannt, daß sein Vater ein in seiner Macht eng be-
    schränktes, nicht mit allen Vorzügen ausgestattetes Wesen
    ist. Darum greift er auf das Erinnerungsbild des von ihm
    so überschätzten Vaters der Kinderzeit zurück, erhebt
    es zur Gottheit und rückt es in die Gegenwart und in
    die Realität. Die affektive Stärke dieses Erinnerungsbildes

  • S.

    227

    XXXV. Über eine Weltanschauung


    und die Fortdauer seiner Schutzbedürftigkeit tragen mit
    einander seinen Glauben an Gott.

    Auch der dritte Hauptpunkt des religiösen Pro-
    gramms, die ethische Forderung, fügt sich ungezwungen
    in diese Kindheitssituation ein. In einem berühmten Aus-
    spruch ruft der Philosoph Kant die Existenz des ge-
    stirnten Himmels und die des Sittengesetzes in unserer
    Brust als die stärksten Zeugen für die Größe Gottes an.
    So befremdend diese Zusammenstellung klingt, – denn was
    mögen die Himmelskörper mit der Frage zu tun haben,
    ob ein Menschenkind ein anderes liebt oder totschlägt?
    – so streift sie doch an eine große psychologische Wahr-
    heit. Derselbe Vater (die Elterninstanz), der dem Kind
    das Leben gegeben und es vor den Gefahren desselben
    behütet hat, belehrte es auch, was es tun darf und was
    es unterlassen soll, wies es an, sich bestimmte Einschrän-
    kungen seiner Triebwünsche gefallen zu lassen, ließ es
    wissen, welche Rücksichten auf Eltern und Geschwister
    von ihm erwartet werden, wenn es ein geduldetes und
    gern gesehenes Mitglied des Familienkreises und später
    größerer Verbände werden will. Durch ein System von
    Liebesprämien und Strafen wird das Kind zur Kenntnis
    seiner sozialen Pflichten erzogen, wird es belehrt, daß
    seine Lebenssicherheit davon abhängt, daß die Eltern und
    dann auch die Anderen es lieben und an seine Liebe zu
    ihnen glauben können. Alle diese Verhältnisse trägt dann
    der Mensch unverändert in die Religion ein. Die Ver-
    bote und Forderungen der Eltern leben als sittliches Ge-
    wissen in seiner Brust weiter; mit Hilfe desselben Sy-
    stems von Lohn und Strafe regiert Gott die Menschen-

  • S.

    228

    welt, von der Erfüllung der ethischen Forderungen hängt
    es ab, welches Maß von Schutz und Glücksbefriedigung
    dem Einzelnen zugewiesen wird; in der Liebe zu Gott
    und im Bewußtsein, von ihm geliebt zu werden, ist die
    Sicherheit begründet, mit der man sich gegen die Ge-
    fahren der Außenwelt wie der menschlichen Mitwelt
    wappnet. Endlich hat man sich im Gebet einen direkten
    Einfluß auf den göttlichen Willen und damit einen An-
    teil an der göttlichen Allmacht gesichert.

    Ich weiß, während Sie mir zuhörten, haben sich
    Ihnen zahlreiche Fragestellungen aufgedrängt, auf die Sie
    gerne die Antwort hören möchten. Ich kann es hier und
    heute nicht unternehmen, aber ich bin zuversichtlich, daß
    keine dieser Detailuntersuchungen unseren Satz erschüt-
    tern würde, die religiöse Weltanschauung sei durch die
    Situation unserer Kindheit determiniert. Umso merkwür-
    diger dann, daß sie trotz ihres infantilen Charakters
    doch einen Vorläufer hat. Es gab ohne Zweifel eine Zeit
    ohne Religion, ohne Götter. Man heißt sie den Animis-
    mus. Die Welt war auch damals voll von menschenähn-
    lichen geistigen Wesen, Dämonen nennen wir sie, alle
    Objekte der Außenwelt waren der Sitz von ihnen oder
    vielleicht identisch mit ihnen, aber es gab keine Über-
    macht, die sie alle erschaffen hatte und auch weiter be-
    herrschte und an die man sich um Schutz und Abhilfe
    wenden konnte. Die Dämonen des Animismus waren den
    Menschen zumeist feindlich gesinnt, aber es scheint, daß
    der Mensch sich damals mehr zutraute als später. Er litt
    gewiß beständig unter schwerster Angst vor diesen bösen
    Geistern, aber er erwehrte sich ihrer durch bestimmte

  • S.

    229

    Handlungen, denen er die Kraft zuschrieb, sie zu ver-
    jagen. Auch hielt er sich sonst nicht für machtlos. Wenn
    er an die Natur einen Wunsch zu stellen hatte, z. B.
    Regen wollte, so richtete er nicht ein Gebet an den
    Wettergott, sondern er übte einen Zauber, von dem er
    eine direkte Beeinflussung der Natur erwartete, machte
    selbst etwas dem Regen Ähnliches. Im Kampf gegen die
    Mächte der Umwelt war seine erste Waffe die Magie,
    die erste Vorläuferin unserer heutigen Technik. Wir neh-
    men an, daß das Vertrauen in die Magie sich von der
    Überschätzung der eigenen intellektuellen Operationen
    ableitet, von dem Glauben an die „Allmacht der Gedan-
    ken“, den wir übrigens bei unseren Zwangsneurotikern
    wiederfinden. Wir könnten uns vorstellen, daß die Men-
    schen jener Zeit besonders stolz auf ihre Erwerbungen in
    der Sprache waren, mit denen eine große Erleichterung
    des Denkens einhergehen mußte. Sie verliehen dem Wort
    Zauberkraft. Dieser Zug wurde später von der Religion
    übernommen. „Und Gott sprach: es werde Licht und es
    ward Licht“. Übrigens zeigt die Tatsache der magischen
    Handlungen, daß der animistische Mensch sich nicht ein-
    fach auf die Kraft seiner Wünsche verließ. Er erwartete
    den Erfolg vielmehr von der Ausführung eines Aktes,
    der die Natur zur Nachahmung veranlassen sollte. Wenn
    er Regen wollte, schüttete er selbst Wasser aus; wenn
    er den Boden zur Fruchtbarkeit anregen wollte, gab er
    ihm das Schauspiel eines Geschlechtsverkehrs auf dem
    Felde.

    Sie wissen, wie schwer etwas untergeht, was sich
    einmal psychischen Ausdruck verschafft hat. Sie werden

  • S.

    230

    also nicht überrascht sein zu hören, daß viele Äußerun-
    gen des Animismus sich bis auf den heutigen Tag er-
    halten haben, meist als sogenannter Aberglaube, neben
    und hinter der Religion. Aber mehr noch, Sie werden
    das Urteil kaum abweisen können, daß unsere Philo-
    sophie wesentliche Züge der animistischen Denkweise
    bewahrt hat, die Überschätzung des Wortzaubers, den
    Glauben, daß die realen Vorgänge in der Welt die
    Wege gehen, die unser Denken ihnen anweisen will. Es
    wäre freilich ein Animismus ohne magische Handlungen.
    Anderseits dürfen wir erwarten, daß es schon in jenem
    Zeitalter irgend eine Art von Ethik gegeben hat, Vor-
    schriften für den Verkehr der Menschen untereinander,
    aber nichts spricht dafür, daß sie inniger an den animi-
    stischen Glauben geknüpft waren. Wahrscheinlich waren
    sie der unmittelbare Ausdruck der Machtverhältnisse
    und praktischen Bedürfnisse.

    Was den Übergang vom Animismus zur Religion
    erzwungen hat, wäre sehr wissenswert, aber Sie können
    sich vorstellen, welches Dunkel heute noch diese Ur-
    zeiten der Entwicklungsgeschichte des Menschengeistes
    verhüllt. Es scheint Tatsache, daß die erste Erscheinungs-
    form der Religion der merkwürdige Totemismus war, die
    Tierverehrung, in dessen Gefolge auch die ersten ethischen
    Gebote, die Tabus, auftraten. Ich habe seinerzeit in einem
    Buche „Totem und Tabu“ eine Vermutung ausgearbeitet,
    die diese Wandlung auf einen Umsturz in den Verhält-
    nissen der menschlichen Familie zurückführt. Die Haupt-
    leistung der Religion im Vergleich zum Animismus liegt
    in der psychischen Bindung der Dämonenangst. Doch hat

  • S.

    231

    sich als Überlebsel der Vorzeit der böse Geist eine Stelle
    im System der Religion gewahrt.

    Ist dies die Vorgeschichte der religiösen Welt-
    anschauung, so wenden wir uns jetzt zu dem, was seit
    her geschehen und noch unter unseren Augen vor sich
    geht. Der wissenschaftliche Geist, an der Beobachtung
    der Naturvorgänge erstarkt, hat im Laufe der Zeiten
    begonnen, die Religion wie eine menschliche Angelegen-
    heit zu behandeln und sie einer kritischen Prüfung zu
    unterziehen. Der konnte sie nicht Stand halten. Es waren
    zunächst ihre Wunderberichte, die Befremden und Un-
    glauben hervorriefen, weil sie allem widersprachen, was
    die nüchterne Beobachtung gelehrt hatte, und überdeut-
    lich den Einfluß menschlicher Phantasietätigkeit verrieten.

    Dann mußten ihre Lehren zur Erklärung der bestehenden
    Welt Ablehnung finden, denn sie zeugten von einer Un-
    wissenheit, die den Stempel alter Zeiten an sich trug
    und der man sich dank gesteigerter Vertrautheit mit den
    Naturgesetzen überlegen wußte. Daß die Welt durch
    Zeugungs- oder Schöpfungsakte entstanden sein sollte,
    analog der Entstehung des einzelnen Menschen, erschien
    nicht mehr als die nächste, selbstverständliche Annahme,
    seitdem sich dem Denken die Unterscheidung von be-
    lebten und seelenvollen Wesen und einer unbelebten
    Natur aufgedrängt hatte, mit der das Festhalten am ur-
    sprünglichen Animismus unmöglich wurde. Nicht zu
    übersehen ist auch der Einfluß des vergleichenden Stu-
    diums verschiedener religiöser Systeme und der Eindruck
    ihrer gegenseitigen Ausschließung und ihrer Intoleranz
    gegen einander.

  • S.

    232

    An diesen Vorübungen erstarkt, hat der wissen-
    schaftliche Geist endlich den Mut gewonnen, sich an die
    Prüfung der bedeutsamsten und affektiv wertvollsten
    Stücke der religiösen Weltanschauung zu wagen. Man
    hätte es immer sehen können, aber man getraute sich
    erst spät es auszusprechen, daß auch die Behauptungen
    der Religion, die dem Menschen Schutz und Glück ver-
    sprechen, wenn er nur gewisse ethische Anforderungen
    erfüllt, sich als unglaubwürdig erweisen. Es scheint nicht
    zuzutreffen, daß es eine Macht im Weltall gibt, die mit
    elterlicher Sorgfalt über das Wohlergehen des Einzelnen
    wacht und alles, was ihn betrifft, zu glücklichem Ende
    leitet. Vielmehr sind die Schicksale der Menschen weder
    mit der Annahme einer Weltgüte, noch mit der – ihr
    zum Teil widersprechenden – einer Weltgerechtigkeit
    zu vereinen. Erdbeben, Sturmfluten, Feuersbrünste machen
    keinen Unterschied zwischen dem Guten und Frommen
    und dem Bösewicht oder dem Ungläubigen. Auch wo
    nicht die unbelebte Natur in Betracht kommt und inso-
    ferne das Schicksal des einzelnen Menschen von seinen
    Beziehungen zu den anderen Menschen abhängt, ist es
    keineswegs die Regel, daß die Tugend belohnt wird und
    das Böse seine Strafe findet, sondern oft genug reißt der
    Gewalttätige, Schlaue, Rücksichtslose die beneideten Güter
    der Welt an sich und der Fromme geht leer aus. Dunkle,
    fühllöse und lieblose Mächte bestimmen das menschliche
    Schicksal; das System von Belohnungen und Strafen, dem
    die Religion die Weltherrschaft zugeschrieben hat, scheint
    nicht zu existieren. Hier ist wiederum ein Anlaß, ein

  • S.

    233

    Stück der Beseelung, das sich aus dem Animismus in
    die Religion gerettet hatte, fallen zu lassen.

    Den letzten Beitrag zur Kritik der religiösen Welt-
    anschauung hat die Psychoanalyse geleistet, indem sie
    auf den Ursprung der Religion aus der kindlichen Hilf-
    losigkeit hinwies und ihre Inhalte aus den ins reife Le-
    ben fortgesetzten Wünschen und Bedürfnissen der Kin-
    derzeit ableitete. Das bedeutete nicht grade eine Wider-
    legung der Religion, aber es war doch eine notwendige
    Abrundung unseres Wissens um sie und wenigstens in
    einem Punkt ein Widerspruch, da sie selbst göttliche Ab-
    kunft für sich in Anspruch nimmt. Freilich hat sie damit
    nicht Unrecht, wenn man unsere Deutung Gottes an-
    nimmt.

    Das zusammenfassende Urteil der Wissenschaft über
    die religiöse Weltanschauung lautet also: Während die
    einzelnen Religionen mit einander hadern, welche von
    ihnen im Besitz der Wahrheit sei, meinen wir, daß der
    Wahrheitsgehalt der Religion überhaupt vernachlässigt
    werden darf. Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in
    die wir gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu bewäl-
    tigen, die wir infolge biologischer und psychologischer
    Notwendigkeiten in uns entwickelt haben. Aber sie kann
    es nicht leisten. Ihre Lehren tragen das Gepräge der
    Zeiten, in denen sie entstanden sind, der unwissenden
    Kinderzeiten der Menschheit. Ihre Tröstungen verdienen
    kein Vertrauen. Die Erfahrung lehrt uns: Die Welt ist
    keine Kinderstube. Die ethischen Forderungen, denen die
    Religion Nachdruck verleihen will, verlangen vielmehr
    eine andere Begründung, denn sie sind der menschlichen

  • S.

    234

    Gesellschaft unentbehrlich und es ist gefährlich, ihre Be-
    folgung an die religiöse Gläubigkeit zu knüpfen. Ver-
    sucht man die Religion in den Entwicklungsgang der
    Menschheit einzureihen, so erscheint sie nicht als ein
    Dauererwerb, sondern als ein Gegenstück der Neurose,
    die der einzelne Kulturmensch auf seinem Wege von
    der Kindheit zur Reife durchzumachen hat.

    Es steht Ihnen natürlich frei, an dieser meiner Dar-
    stellung Kritik zu üben; ich werde Ihnen dabei selbst
    entgegenkommen. Was ich Ihnen über die allmähliche
    Abbröckelung der religiösen Weltanschauung gesagt habe,
    war gewiß in seiner Verkürzung unvollständig; die Rei-
    henfolge der einzelnen Vorgänge war nicht ganz richtig
    angegeben, das Zusammenwirken verschiedener Kräfte
    beim Erwachen des wissenschaftlichen Geistes wurde
    nicht verfolgt. Ich habe auch die Veränderungen außer-
    Acht gelassen, die sich in der religiösen Weltanschauung
    selbst während der Zeit ihrer unbestrittenen Herrschaft
    und dann unter dem Einfluß der erwachenden Kritik
    vollzogen haben. Endlich habe ich meine Erörterung
    streng genommen auf eine einzige Gestaltung der Reli-
    gion, die der abendländischen Völker, eingeschränkt. Ich
    habe mir sozusagen ein Phantom geschaffen zum Zweck
    einer beschleunigten, möglichst eindrucksvollen Demon-
    stration. Lassen wir die Frage bei Seite, ob mein Wissen
    überhaupt hingereicht hätte, es besser und vollständiger
    zu machen. Ich weiß, alles, was ich Ihnen gesagt habe,
    können Sie anderswo finden, besser finden, nichts davon
    ist neu. Lassen Sie mich die Überzeugung aussprechen,
    daß die sorgfältigste Bearbeitung des Stoffs der Reli-

  • S.

    235

    gionsprobleme unser Ergebnis nicht erschüttern würde.
    Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen
    Geistes gegen die religiöse Weltanschauung nicht zu Ende
    gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter
    unseren Augen ab. So wenig sonst die Psychoanalyse
    von der Waffe der Polemik Gebrauch macht, so wollen
    wir es uns doch nicht versagen, in diesen Streit Einsicht
    zu nehmen. Wir erreichen dabei vielleicht eine weitere
    Klärung unserer Stellung zu den Weltanschauungen. Sie
    werden sehen, wie leicht sich einige der Argumente, die
    die Anhänger der Religion vorbringen, zurückweisen
    lassen; andere mögen sich allerdings der Widerlegung
    entziehen.

    Die erste Einwendung, die man hört, lautet, es sei
    eine Vermessenheit der Wissenschaft, die Religion zum
    Gegenstand ihrer Untersuchungen zu nehmen, denn diese
    sei etwas Souveränes, jeder menschlichen Verstandes-
    tätigkeit Überlegenes, dem man mit klügelnder Kritik
    nicht nahekommen darf. Mit anderen Worten, die Wis-
    senschaft ist zur Beurteilung der Religion nicht zustän-
    dig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, so-
    lange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Reli-
    gion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen.
    Läßt man sich durch diese barsche Abweisung nicht ab-
    halten und fragt weiter, worauf sich dieser Anspruch an
    eine Ausnahmestellung unter allen menschlichen Ange-
    legenheiten gründet, so erhält man zur Antwort, wenn
    man überhaupt einer Antwort gewürdigt wird, die Reli-
    gion darf nicht mit menschlichem Maß gemessen werden,
    denn sie ist göttlicher Herkunft, uns durch Offenbarung

  • S.

    236

    von einem Geist gegeben, den der Menschengeist nicht
    zu begreifen vermag. Man sollte meinen, nichts sei leich-
    ter abzuweisen als dieses Argument, es ist doch eine offen-
    kundige petitio principii, ein begging the question, ich
    weiß keinen guten Ausdruck dafür im Deutschen. Es
    wird eben in Frage gestellt, ob es einen göttlichen Geist
    und seine Offenbarung gibt, und da ist es sicherlich keine
    Entscheidung, wenn gesagt wird, das könne man nicht
    fragen, denn die Gottheit darf nicht in Frage gestellt
    werden. Es ist hier wie gelegentlich in der analytischen
    Arbeit. Wenn ein sonst verständiger Patient eine be-
    stimmte Zumutung mit einer besonders dummen Begrün-
    dung zurückweist, so verbürgt diese logische Schwäche
    die Existenz eines besonders starken Motivs zum Wider-
    spruch, das nur affektiver Natur, eine Gefühlsbindung
    sein kann.

    Man kann auch eine andere Antwort erhalten, in
    der ein solches Motiv offen eingestanden wird. Die Reli-
    gion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das
    Höchste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der mensch-
    liche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Ge-
    fühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das
    Leben menschenwürdig macht. Darauf braucht man nicht
    zu antworten, indem man diese Einschätzung der Reli-
    gion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit
    auf einen anderen Sachverhalt richtet. Man betont, daß
    es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaft-
    lichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, son-
    dern im Gegenteil um einen Übergriff der Religion auf
    die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer

  • S.

    237

    Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat
    kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also
    auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des
    Denkens auszunehmen.

    Das wissenschaftliche Denken ist in seinem Wesen
    nicht verschieden von der normalen Denktätigkeit, die
    wir alle, Gläubige wie Ungläubige, bei der Besorgung
    unserer Angelegenheiten im Leben verwenden. Es hat sich
    nur in einigen Zügen besonders gestaltet, es interessiert
    sich auch für Dinge, die keinen unmittelbaren greifbaren
    Nutzen haben, es bemüht sich, individuelle Faktoren und
    affektive Beeinflussungen sorgfältig fernzuhalten, prüft
    die Sinneswahrnehmungen, auf die es seine Schlüsse baut,
    strenger auf ihre Zuverlässigkeit, schafft sich neue Wahr-
    nehmungen, die mit den Mitteln des Alltags nicht zu er-
    reichen sind, und isoliert die Bedingungen dieser Neu-
    erfahrungen in absichtlich variierten Versuchen. Sein
    Bestreben ist, die Übereinstimmung mit der Realität zu
    erreichen, d. h. mit dem, was außerhalb von uns, unab-
    hängig von uns besteht und, wie uns die Erfahrung ge-
    lehrt hat, für die Erfüllung oder Vereitelung unserer
    Wünsche maßgebend ist. Diese Übereinstimmung mit der
    realen Außenwelt heißen wir Wahrheit. Sie bleibt das
    Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn wir deren
    praktischen Wert außer Augen lassen. Wenn also die
    Religion behauptet, daß sie die Wissenschaft ersetzen
    kann, daß sie darum, weil sie wohltuend und erhebend
    ist, auch wahr sein muß, so ist das in der Tat ein Über-
    griff, den man im allgemeinsten Interesse zurückweisen
    sollte. Es ist eine starke Zumutung an den Menschen,

  • S.

    238

    der gelernt hat, seine gewöhnlichen Geschäfte nach den
    Regeln der Erfahrung und unter Rücksicht auf die Rea-
    lität zu führen, daß er die Besorgung grade seiner intim-
    sten Interessen einer Instanz übertragen sollte, die die
    Befreiung von den Vorschriften des rationellen Denkens
    als ihr Vorrecht in Anspruch nimmt. Und was den Schutz
    betrifft, den die Religion ihren Gläubigen verspricht, so
    meine ich, niemand von uns würde auch nur in ein
    Automobil einsteigen wollen, dessen Lenker erklärt, er
    fahre unbeirrt durch die Regeln des Straßenverkehrs nach
    den Impulsen seiner von hohem Schwung getragenen
    Phantasie.

    Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer
    Selbsterhaltung ausgehen läßt, ist auch keineswegs unge-
    fährlich, weder für den Einzelnen, noch für die mensch-
    liche Gemeinschaft. Die analytische Erfahrung hat uns
    gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ursprünglich
    auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat
    sich auszubreiten und dann eine Ursache schwerer Hem-
    mungen in der Lebenshaltung der Person wird. Diese
    Wirkung kann man auch am weiblichen Geschlecht be-
    obachten als Folge des Verbots, sich auch nur im Den-
    ken mit seiner Sexualität zu beschäftigen. Die Schädlich-
    keit der religiösen Denkhemmung vermag die Biographik
    in der Lebensgeschichte fast aller hervorragenden Indi-
    viduen vergangener Zeiten nachzuweisen. Anderseits ge-
    hört der Intellekt – oder nennen wir ihn bei seinem uns
    vertrauten Namen: die Vernunft – zu den Mächten,
    von denen man am ehesten einen einigenden Einfluß auf
    die Menschen erwarten darf, die Menschen, die so schwer

  • S.

    239

    zusammenzu-
    halten und darum kaum zu regieren sind.
    Man stelle sich vor, wie unmöglich die menschliche Ge-
    sellschaft würde, wenn jedermann auch nur sein eigenes
    Einmaleins und seine besondere Längen-
    einheit hätte. Es ist unsere beste Zukunftshoffnung, daß
    der Intellekt – der wissenschaftliche Geist, die Ver-
    nunft – mit der Zeit die Diktatur im menschlichen
    Seelenleben erringen wird. Das Wesen der Vernunft bürgt
    dafür, daß sie dann nicht unterlassen wird, den mensch-
    lichen Gefühlsregungen und was von ihnen bestimmt
    wird, die ihnen gebührende Stellung einzuräumen. Aber
    der gemeinsame Zwang einer solchen Herrschaft der Ver-
    nunft wird sich als das stärkste einigende Band unter
    den Menschen erweisen und weitere Einigungen anbahnen.
    Was sich, wie das Denkverbot der Religion, einer solchen
    Entwicklung widersetzt, ist eine Gefahr für die Zukunft
    der Menschheit.

    Man kann nun fragen: Warum macht die Religion
    diesem für sie aussichtslosen Streit nicht ein Ende, indem
    sie frei heraus erklärt: „Es ist richtig, daß ich Euch das
    nicht geben kann, was man gemeinhin Wahrheit nennt;
    dafür müßt Ihr Euch an die Wissenschaft halten. Aber
    was ich zu geben habe, ist ungleich schöner, trostreicher
    und erhebender als alles, was Ihr von der Wissenschaft
    bekommen könnt. Und darum sage ich Euch, es ist wahr
    in einem anderen, höheren Sinn.“ Die Antwort ist leicht
    zu finden. Die Religion kann dieses Zugeständnis nicht
    machen, weil sie damit jeden Einfluß auf die Menge ein-
    büßen würde. Der gemeine Mann kennt nur eine Wahr-
    heit im gemeinen Sinn des Wortes. Was eine höhere

  • S.

    240

    oder höchste Wahrheit sein soll, kann er sich nicht vor-
    stellen. Die Wahrheit erscheint ihm so wenig der Steige-
    rung fähig wie der Tod, und den Sprung vom Schönen
    zum Wahren kann er nicht mitmachen. Vielleicht den
    ken Sie mit mir, er tut Recht daran.

    Der Kampf ist also nicht zu Ende. Die Anhänger
    der religiösen Weltanschauung handeln nach dem alten
    Satz: Die beste Verteidigung ist der Angriff. Sie fragen:
    Wer ist denn diese Wissenschaft, die sich anmaßt unsere
    Religion zu entwerten, die Millionen von Menschen durch
    lange Jahrtausende Heil und Trost gespendet hat? Was
    hat sie ihrerseits bereits geleistet? Was können wir ferner
    von ihr erwarten? Trost und Erhebung zu bringen, dazu
    ist sie nach eigenem Geständnis unfähig. Sehen wir also
    davon ab, obwohl das kein leichter Verzicht ist. Aber
    was ist’s mit ihren Lehren? Kann sie uns sagen, wie die
    Welt geworden ist und welchem Schicksal sie entgegen-
    geht? Kann sie uns auch nur ein zusammenhängendes
    Weltbild zeichnen, uns zeigen, wohin die unerklärten
    Phänomene des Lebens gehören, wie die geistigen Kräfte
    auf die träge Materie zu wirken vermögen? Wenn sie das
    könnte, würden wir ihr unsere Achtung nicht versagen.
    Aber nichts von alledem, kein Problem dieser Art hat
    sie noch gelöst. Sie gibt uns Bruchstücke angeblicher Er-
    kenntnis, die sie nicht zur Übereinstimmung mit einander
    bringen kann, sammelt Beobachtungen von Regelmäßig-
    keiten im Ablauf der Geschehnisse, die sie mit dem
    Namen von Gesetzen auszeichnet und ihren gewagten
    Deutungen unterwirft. Und mit welch geringem Grad
    von Sicherheit stattet sie ihre Ergebnisse aus? Alles, was

  • S.

    241

    sie lehrt, gilt nur vorläufig; was man heute als höchste
    Weisheit anpreist, wird morgen verworfen und wiederum
    nur probeweise durch anderes ersetzt. Der letzte Irrtum
    heißt dann Wahrheit. Und dieser Wahrheit sollen wir
    unser höchstes Gut zum Opfer bringen!

    Meine Damen und Herren! Ich denke, insofern Sie
    selbst der hier angegriffenen wissenschaft-
    lichen Welt-
    anschauung anhängen, werden Sie durch diese Kritik
    nicht allzu tief erschüttert worden sein. Im kaiserlichen
    Österreich fiel einst ein Wort, an das ich hier erinnern
    möchte. Der alte Herr schrie einmal die Abordnung einer
    ihm unbequemen Partei an: Das ist keine gewöhnliche
    Opposition mehr, das ist faktiöse Opposition. So ähnlich
    werden Sie finden, die Vorwürfe gegen die Wissenschaft,
    daß sie die Welträtsel noch nicht gelöst, sind in unge-
    rechter und gehässiger Weise übertrieben; für diese gro-
    ßen Leistungen hat sie bisher wirklich zu wenig Zeit
    gehabt. Die Wissenschaft ist sehr jung, eine spät ent-
    wickelte menschliche Tätigkeit. Halten wir uns vor, um
    nur einige Daten auszuwählen, es sind etwa 300 Jahre
    vergangen, seit Kepler die Gesetze der Planetenbewe-
    gung fand, die Lebenszeit Newtons der das Licht in
    seine Farben zerlegte und die Lehre von der Schwer-
    kraft aufstellte, ging 1727 zu Ende, also vor wenig mehr
    als 200 Jahren, kurz vor der französischen Revolution
    erkannte Lavoisier den Sauerstoff. Ein Menschen-
    dasein ist sehr kurz im Vergleich zur Dauer der Mensch-
    heitsentwicklung, ich mag heute ein sehr alter Mann sein,
    aber immerhin, ich war schon am Leben, als Ch. Dar-
    win sein Werk über die Entstehung der Arten der

  • S.

    242

    Öffentlichkeit übergab. In dem gleichen Jahr 1859 wurde
    der Entdecker des Radium, Pierre Curie geboren.
    Und wenn Sie weiter zurückgehen, zu den Anfängen der
    exakten Naturwissenschaft bei den Griechen, zu Archi-
    medes, Aristarch von Samos (um 250 v. Chr.),
    dem Vorläufer des Kopernikus, oder selbst zu den
    ersten Ansätzen der Astronomie bei den Babyloniern, so
    decken Sie damit nur einen kleinen Bruchteil des Zeit-
    raums, den die Anthropologie für die Entwicklung des
    Menschen von seiner affenähnlichen Urform aus in An-
    spruch nimmt, und der gewiß mehr als ein Jahrhundert
    tausend umfaßt. Und vergessen wir nicht, das letzte Jahr-
    hundert hat eine solche Fülle von neuen Entdeckungen,
    eine so große Beschleunigung des wissenschaftlichen Fort-
    schritts gebracht, daß wir allen Grund haben, der Zu-
    kunft der Wissenschaft mit Zuversicht entgegen zu sehen.

    Den anderen Ausstellungen müssen wir in gewissem
    Umfang Recht geben. So ist eben der Weg der Wissen-
    schaft, langsam, tastend, mühselig. Es ist nicht zu leugnen
    und zu ändern. Kein Wunder, daß die Herren von der
    anderen Seite unzufrieden sind; sie sind verwöhnt, bei
    der Offenbarung haben sie es leichter gehabt. Der Fort-
    schritt in der wissenschaftlichen Arbeit vollzieht sich
    ganz ähnlich wie in einer Analyse. Man bringt Erwar-
    tungen in die Arbeit mit, aber man muß sie zurück-
    drängen. Man erfährt durch die Beobachtung bald hier
    bald dort etwas Neues, die Stücke passen zunächst nicht
    zusammen. Man stellt Vermutungen auf, macht Hilfs-
    konstruktionen, die man zurücknimmt, wenn sie sich
    nicht bestätigen, man braucht viel Geduld, Bereitschaft

  • S.

    243

    für alle Möglichkeiten, verzichtet auf frühe Überzeugun-
    gen, um nicht unter deren Zwang neue, unerwartete Mo-
    mente zu übersehen, und am Ende lohnt sich der ganze
    Aufwand, die zerstreuten Funde fügen sich zusammen,
    man gewinnt den Einblick in ein ganzes Stück des seeli-
    schen Geschehens, hat die Aufgabe erledigt, und ist nun
    frei für die nächste. Nur die Hilfe, die das Experiment
    der Forschung leistet, muß man in der Analyse ent-
    behren.

    An jener Kritik der Wissenschaft ist auch ein gutes
    Stück Übertreibung. Es ist nicht wahr, daß sie blind von
    einem Versuch zum andern torkelt, einen Irrtum mit
    einem anderen vertauscht. In der Regel arbeitet sie wie
    der Künstler am Tonmodell, wenn er am rohen Entwurf
    unermüdlich ändert, aufträgt und wegnimmt, bis er einen
    ihn befriedigenden Grad von Ähnlichkeit mit dem ge-
    sehenen oder vorgestellten Objekt erreicht hat. Auch gibt
    es, wenigstens in den älteren und reiferen Wissenschaften,
    schon heute einen soliden Grundstock, der nur modifi-
    ziert und ausgebaut, aber nicht mehr abgetragen wird.
    Es sieht nicht so arg aus im wissenschaftlichen Betrieb.

    Und endlich, was wollen diese leidenschaftlichen
    Verunglimpfungen der Wissenschaft bezwecken? Trotz
    ihrer heutigen Unvollkommenheit und der ihr anhaften-
    den Schwierigkeiten bleibt sie uns unentbehrlich und ist
    durch nichts anderes zu ersetzen. Sie ist ungeahnter Ver-
    vollkommnungen fähig, die religiöse Weltanschauung ist
    es nicht. Diese ist in allen wesentlichen Stücken fertig;
    wenn sie ein Irrtum war, muß sie es für immer bleiben.
    Keine Verkleinerung der Wissenschaft kann auch etwas

  • S.

    244

    an der Tatsache ändern, daß sie versucht, unserer
    Abhängigkeit von der realen Außenwelt gerecht zu
    werden, während die Religion Illusion ist und ihre
    Stärke aus dem Entgegenkommen gegen unsere Trieb-
    wunschregungen bezieht.

    Ich habe die Verpflichtung, noch anderer Welt-
    anschauungen zu gedenken, die sich im Gegensatz zur
    wissenschaftlichen befinden; ich tue es aber ungern, da
    ich weiß, daß mir die richtige Kompetenz zu deren Be-
    urteilung abgeht. Nehmen Sie also die folgenden Bemer-
    kungen unter dem Eindruck dieses Bekenntnisses auf
    und, wenn Ihr Interesse geweckt worden ist, suchen Sie
    bessere Belehrung von anderer Seite.

    An erster Stelle wären hier die verschiedenen philo-
    sophischen Systeme zu nennen, die es gewagt haben, das
    Bild der Welt zu zeichnen, wie es sich im Geist des meist
    weltabgewandten Denkers spiegelte. Aber eine allgemeine
    Charakteristik der Philosophie und ihrer Methoden zu
    geben, habe ich bereits versucht und zur Würdigung der
    einzelnen Systeme bin ich wohl so ungeeignet wie selten
    jemand. Wenden Sie sich also mit mir zu zwei anderen
    Erscheinungen, an denen man grade in unserer Zeit nicht
    vorbeigehen kann.

    Die eine dieser Weltanschauungen ist gleichsam ein
    Gegenstück zum politischen Anarchismus, vielleicht eine
    Ausstrahlung von ihm. Es hat solche intellektuelle Nihi-
    listen gewiß schon früher gegeben, aber gegenwärtig
    scheint ihnen die Relativitätstheorie der modernen Phy-
    sik zu Kopf gestiegen zu sein. Sie gehen zwar von der
    Wissenschaft aus, aber sie verstehen es, sie zur Selbst-

  • S.

    245

    aufhebung, zum Selbstmord zu drängen, tragen ihr die
    Aufgabe auf, sich selbst durch Widerlegung ihrer An-
    sprüche aus dem Weg zu räumen. Oft gewinnt man da-
    bei den Eindruck, dieser Nihilismus sei nur eine zeit-
    weilige Einstellung, die bis zur Erledigung jener Aufgabe
    festgehalten wird. Hat man die Wissenschaft beseitigt,
    so mag auf dem freigewordenen Raum sich irgend ein
    Mystizismus oder doch wieder die alte religiöse Welt-
    anschauung ausbreiten. Nach der anarchistischen Lehre
    gibt es überhaupt keine Wahrheit, keine gesicherte Er-
    kenntnis der Außenwelt. Was wir für wissenschaftliche
    Wahrheit ausgeben, ist doch nur das Produkt unserer
    eigenen Bedürfnisse, wie sie sich unter den wechselnden
    äußeren Bedingungen äußern müssen, also wiederum Illu-
    sion. Im Grunde finden wir doch nur, was wir brauchen,
    sehen nur, was wir sehen wollen. Wir können nicht anders.
    Da das Kriterium der Wahrheit, die Übereinstimmung
    mit einer Außenwelt, entfällt, ist es recht gleichgültig,
    welchen Meinungen wir anhängen. Alle sind gleich wahr
    und gleich falsch. Und niemand hat das Recht, den
    Andern des Irrtums zu zeihen.

    Für einen erkenntnistheoretisch gerichteten Geist
    könnte es eine Verlockung sein nachzuspüren, auf wel-
    chen Wegen, durch welche Sophismen es den Anarchisten
    gelingt, der Wissenschaft solche Endergebnisse abzulo-
    cken. Man müßte da auf Situationen stoßen, ähnlich wie sie
    sich aus dem bekannten Beispiel ableiten: Ein Kreter
    sagt: Alle Kreter sind Lügner, usw. Aber mir fehlen Lust
    und Fähigkeit, mich da tiefer einzulassen. Ich kann nur
    sagen, die anarchistische Lehre klingt so großartig über-

  • S.

    246

    legen, solange sie sich auf Meinungen über abstrakte
    Dinge bezieht; sie versagt beim ersten Schritt ins prak-
    tische Leben. Nun werden die Handlungen der Menschen
    von ihren Meinungen, Kenntnissen, geleitet und es ist
    derselbe wissenschaftliche Geist, der über den Bau der
    Atome oder die Abstammung des Menschen spekuliert
    und der die Konstruktion einer tragfähigen Brücke ent-
    wirft. Wäre es wirklich gleichgültig, was wir meinen,
    gäbe es keine Kenntnisse, die unter unseren Meinungen
    durch ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit aus-
    gezeichnet sind, so dürften wir Brücken ebensowohl aus
    Pappe bauen wie aus Stein, dem Kranken ein Dezígramm
    Morphin einspritzen anstatt eines Zentigramms, Tränen-
    gas zur Narkose nehmen an Stelle von Äther. Aber auch
    die intellektuellen Anarchisten würden solche praktische
    Anwendungen ihrer Theorie energisch ablehnen.

    Die andere Gegnerschaft ist weit ernster zu neh-
    men, auch bedauere ich in diesem Fall am lebhaftesten
    die Unzulänglichkeit meiner Orientierung. Ich vermute,
    Sie wissen von dieser Sache mehr als ich und Sie haben
    längst Stellung für oder gegen den Marxismus genommen.
    Die Untersuchungen von K. Marx über die ökonomische
    Struktur der Gesellschaft und den Einfluß der verschie-
    denen Wirtschaftsformen auf alle Gebiete des Menschen-
    lebens haben in unserer Zeit eine unbestreitbare Auto-
    rität gewonnen. Inwieweit sie im Einzelnen das Richtige
    treffen oder irre gehen, kann ich natürlich nicht wissen.
    Ich höre, daß es auch anderen, besser Unterríchteten,
    nicht leicht wird. In der Marxschen Theorie haben mich
    Sätze befremdet, wie, daß die Entwicklung der Gesell-

  • S.

    247

    schaftsformen ein naturgeschichtlicher Prozeß sei, oder
    daß die Wandlungen in der sozialen Schichtung auf dem
    Weg eines dialektischen Prozesses aus einander hervor-
    gehen. Ich bin gar nicht sicher, daß ich diese Behaup-
    tungen richtig verstehe, sie klingen auch nicht „materia-
    listisch“, sondern eher wie ein Niederschlag jener dun-
    keln Hegelschen Philosophie, durch deren Schule auch
    Marx gegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich von meiner
    Laienmeinung frei werden kann, die gewohnt ist, die
    Klassenbildung in der Gesellschaft auf die Kämpfe zu-
    rückzuführen, die sich seit dem Beginn der Geschichte
    zwischen den um ein Geringes verschiedenen Menschen- horden abspielten. Die sozialen Unterschiede, meinte ich,
    waren ursprünglich Stammes- oder Rassenunterschiede.
    Psychologische Faktoren, wie das Ausmaß der konstitu-
    tionellen Aggressionslust aber auch die Festigkeit der
    Organisation innerhalb der Horde und materielle, wie der
    Besitz der besseren Waffen, entschieden den Sieg. Im Zu-
    sammenleben auf demselben Boden wurden die Sieger
    die Herren, die Besiegten die Sklaven. Dabei ist nichts
    von Naturgesetz oder Begriffswandlung zu entdecken,
    hingegen ist der Einfluß unverkennbar, den die fort-
    schreitende Beherrschung der Naturkräfte auf die sozia- len Beziehungen der Menschen übt, indem sie die neu- gewonnenen Machtmittel immer auch in den Dienst ihrer
    Aggression stellen und gegen einander verwenden. Die
    Einführung des Metalls, der Bronze, des Eisens hat gan-
    zen Kulturepochen und ihren sozialen Institutionen ein
    Ende gemacht. Ich glaube wirklich, daß das Schieß-
    pulver, die Feuerwaffe, Rittertum und Adelsherrschaft

  • S.

    248 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

    aufgehoben hat und daß der russische Despotismus be-
    reits vor dem verlorenen Krieg verurteilt war, da keine
    Inzucht innerhalb der Europa beherrschenden Familien
    ein Geschlecht von Zaren hätte erzeugen können, fähig,
    der Sprengkraft des Dynamits zu widerstehen.

    Ja vielleicht zahlen wir mit der gegenwärtigen, an
    den Weltkrieg anschließenden Wirtschaftskrise auch nur
    den Preis für den letzten großartigen Sieg über die
    Natur, die Eroberung des Luftraums. Das klingt nicht
    sehr einleuchtend, aber wenigstens die ersten Glieder des
    Zusammenhangs sind klar zu erkennen. Die Politik Eng-
    lands fußte auf der Sicherheit, die ihm das seine Küsten
    umspiilende Meer verbürgte. Im Moment, da Blériot
    den Kanal im Aeroplan iiberflogen hatte, war diese
    schiitzende Isolierung durchbrochen, und in jener Nacht
    als in Friedenszeiten und zu Ubungszwecken ein deut-
    scher Zeppelin über London kreiste, war wohl der
    Krieg gegen Deutschland beschlossene Sache.) Auch die
    Drohung des Unterseeboots ist dabei nicht zu vergessen.

    Ich schäme mich beinahe, ein Thema von solcher
    Wichtigkeit und Kompliziertheit vor Ihnen mit so we-
    nigen unzureichenden Bemerkungen zu behandeln, weiß
    auch, daß ich Ihnen nichts gesagt habe, was Ihnen neu
    ist. Es lag mir nur daran, Sie aufmerksam zu machen,
    daß das Verhältnis des Menschen zur Beherrschung der
    Natur, der er seine Waffen zum Kampf gegen Seines-
    gleichen entnimmt, notwendigerweise auch seine öko-
    nomischen Einrichtungen beeinflussen muß. Wir scheinen

    り So wurde es mir im ersten Kriegsjahr von vertrauens-
    wiirdiger Seite mitgeteilt.

     

  • S.

    249

    uns weit von den Problemen der Weltanschauung ent-
    fernt zu haben, aber wir werden bald wieder zur Stelle
    sein. Die Stärke des Marxismus liegt offenbar nicht in
    seiner Auffassung der Geschichte und der darauf ge-
    gründeten Vorhersage der Zukunft, sondern in dem
    scharfsinnigen Nachweise des zwingenden Einflusses, den
    die ökonomischen Verhältnisse der Menschen auf ihre
    intellektuellen, ethischen und künstlerischen Einstellun-
    gen haben. Eine Reihe von Zusammenhängen und Ab-
    hängigkeiten wurden damit aufgedeckt, die bis dahin
    fast völlig verkannt worden waren. Aber man kann
    nicht annehmen, daß die ökonomischen Motive die ein-
    zigen sind, die das Verhalten der Menschen in der Ge-
    sellschaft bestimmen. Schon die unzweifelhafte Tatsache,
    daß verschiedene Personen, Rassen, Völker unter den
    nämlichsten Wirtschaftsbedingungen sich verschieden be-
    nehmen, schließt die Alleinherrschaft der ökonomischen
    Momente aus. Man versteht überhaupt nicht, wie man
    psychologische Faktoren übergehen kann, wo es sich um
    die Reaktionen lebender Menschenwesen handelt, denn
    nicht nur, daß solche bereits an der Herstellung jener
    ökonomischen Verhältnisse beteiligt waren, auch unter
    deren Herrschaft können Menschen nicht anders als ihre
    ursprünglichen Triebregungen ins Spiel bringen, ihren
    Selbsterhaltungstrieb, ihre Aggressionslust, ihr Liebes-
    bedürfnis, ihren Drang nach Lustwerb und Unlustver-
    meidung. In einer früheren Untersuchung haben wir
    auch den bedeutsamen Anspruch des Überichs geltend
    gemacht, das Tradition und Idealbildungen der Vergan-
    genheit vertritt und den Antrieben aus einer neuen öko-

  • S.

    250

    nomischen Situation eine Zeit lang Widerstand leisten
    wird. Endlich wollen wir nicht vergessen, daß über die
    Menschenmasse, die den ökonomischen Notwendigkeiten
    unterworfen ist, auch der Prozeß der Kulturentwicklung
    – Zivilisation sagen andere – abläuft, der gewiß von
    allen anderen Faktoren beeinflußt wird, aber sicherlich
    in seinem Ursprung von ihnen unabhängig ist, einem
    organischen Vorgang vergleichbar, und sehr wohl im
    Stande, seinerseits auf die anderen Momente einzuwir-
    ken. Er verschiebt die Triebziele und macht, daß die
    Menschen sich gegen das Sträuben, was ihnen bisher er-
    träglich war; auch scheint die fortschreitende Erstarkung
    des wissenschaftlichen Geistes ein wesentliches Stück von
    ihm zu sein. Wenn jemand im Stande wäre, im Einzel-
    nen nachzuweisen, wie sich diese verschiedenen Momente,
    die allgemeine menschliche Triebanlage, ihre rassenhaften
    Variationen und ihre kulturellen Umbildungen unter den
    Bedingungen der sozialen Einordnung, der Berufstätig-
    keit und Erwerbsmöglichkeiten gebärden, einander hem-
    men und fördern, wenn jemand das leisten könnte, dann
    würde er die Ergänzung des Marxismus zu einer wirk-
    lichen Gesellschaftskunde gegeben haben. Denn auch die
    Soziologie, die vom Verhalten der Menschen in der Ge-
    sellschaft handelt, kann nichts anderes sein als ange-
    wandte Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur
    zwei Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte,
    und Naturkunde.

    Mit der neu gewonnenen Einsicht in die weit-
    reichende Bedeutung ökonomischer Verhältnisse ergab
    sich die Versuchung, deren Abänderung nicht der histo-

  • S.

    251

    rischen Entwicklung zu überlassen, sondern sie durch
    revolutionären Eingriff selbst durchzusetzen. In seiner
    Verwirklichung im russischen Bolschewismus hat nun der
    theoretische Marxismus die Energie, Geschlossenheit
    und Ausschließlichkeit einer Weltanschauung gewonnen,
    gleichzeitig aber auch eine unheimliche Ähnlichkeit mit
    dem, was er bekämpft. Ursprünglich selbst ein Stück
    Wissenschaft, in seiner Durchführung auf Wissenschaft
    und Technik aufgebaut, hat er doch ein Denkverbot ge-
    schaffen, das eben so unerbittlich ist wie seinerzeit das
    der Religion. Eine kritische Untersuchung der marxi-
    stischen Theorie ist untersagt, Zweifel an ihrer Richtigkeit
    werden so geahndet wie einst die Ketzerei von der ka-
    tholischen Kirche. Die Werke von Marx haben als
    Quelle einer Offenbarung die Stelle der Bibel und des
    Korans eingenommen, obwohl sie nicht freier von Wider-
    sprüchen und Dunkelheiten sein sollen als diese älteren
    heiligen Bücher.

    Und obwohl der praktische Marxismus mit allen
    idealistischen Systemen und Illusionen erbarmungslos
    aufgeräumt hat, hat er doch selbst Illusionen entwickelt,
    die nicht weniger fragwürdig und unbeweisbar sind als
    die früheren. Er hofft im Laufe weniger Generationen
    die menschliche Natur so zu verändern, daß sich ein
    fast reibungsloses Zusammenleben der Menschen in der
    neuen Gesellschaftsordnung ergibt und daß sie die Auf-
    gaben der Arbeit zwangsfrei auf sich nehmen. Unterdes-
    verlegt er die in der Gesellschaft unerläßlichen Trieb-
    einschränkungen an andere Stellen und lenkt die aggres-
    siven Neigungen, die jede menschliche Gemeinschaft be-

  • S.

    252

    drohen, nach außen ab, stützt sich auf die Feindseligkeit
    der Armen gegen die Reichen, der bisher Ohnmächtigen
    gegen die früheren Machthaber. Aber eine solche Um-
    wandlung der menschlichen Natur ist sehr unwahrschein-
    lich. Der Enthusiasmus, mit dem die Menge gegenwärtig
    der bolschewistischen Anregung folgt, solange die neue
    Ordnung unfertig und von außen bedroht ist, gibt keine
    Sicherheit für eine Zukunft, in der sie ausgebaut und
    ungefährdet wäre. Ganz ähnlich wie die Religion muß
    auch der Bolschewismus seine Gläubigen für die Leiden
    und Entbehrungen des gegenwärtigen Lebens durch das
    Versprechen eines besseren Jenseits entschädigen, in dem
    es kein unbefriedigtes Bedürfnis mehr geben wird. Dies
    Paradies soll allerdings ein diesseitiges sein, auf Erden
    eingerichtet und in absehbarer Zeit eröffnet werden. Aber
    erinnern wir uns, auch die Juden, deren Religion nichts
    von einem jenseitigen Leben weiß, haben die Ankunft
    des Messias auf Erden erwartet und das christliche
    Mittelalter hat wiederholt geglaubt, daß das Reich Gottes
    nahe bevorsteht.

    Es ist nicht zweifelhaft, wie die Antwort des Bol-
    schewismus auf diese Vorhalte lauten wird. Er wird
    sagen: Solange die Menschen in ihrer Natur noch nicht
    umgewandelt sind, muß man sich der Mittel bedienen,
    die heute auf sie wirken. Man kann den Zwang in ihrer
    Erziehung nicht entbehren, das Denkverbot, die Anwen-
    dung der Gewalt bis zum Blutvergießen, und wenn man
    nicht jene Illusionen in ihnen erweckte, würde man sie
    nicht dazu bringen, sich diesem Zwang zu fügen. Und
    er könnte höflich ersuchen, ihm doch zu sagen, wie man

  • S.

    253

    es anders machen könnte. Damit wären wir geschlagen.
    Ich wüßte keinen Rat zu geben. Ich würde gestehen,
    daß die Bedingungen dieses Experiments mich und
    meinesgleichen abgehalten hätten, es zu unternehmen,
    aber wir sind nicht die einzigen, auf die es ankommt.
    Es gibt auch Männer der Tat, unerschütterlich in ihren
    Überzeugungen, unzugänglich dem Zweifel, unempfind-
    lich für die Leiden Anderer, wenn sie ihren Absichten im
    Wege sind. Solchen Männern verdanken wir es, daß der
    großartige Versuch einer solchen Neuordnung jetzt in
    Rußland wirklich durchgeführt wird. In einer Zeit, da
    große Nationen verkünden, sie erwarten ihr Heil nur
    vom Festhalten an der christlichen Frömmigkeit, wirkt
    die Umwälzung in Rußland – trotz aller unerfreulichen
    Einzelzüge – doch wie die Botschaft einer besseren Zu-
    kunft. Leider ergibt sich weder aus unserem Zweifel
    noch aus dem fanatischen Glauben der Anderen ein
    Wink, wie der Versuch ausgehen wird. Die Zukunft
    wird es lehren, vielleicht wird sie zeigen, daß der Ver-
    such vorzeitig unternommen wurde, daß eine durch-
    greifende Änderung der sozialen Ordnung wenig Aus-
    sicht auf Erfolg hat, solange nicht neue Entdeckungen
    unsere Beherrschung der Naturkräfte gesteigert und da-
    mit die Befriedigung unserer Bedürfnisse erleichtert
    haben. Erst dann mag es möglich werden, daß eine neue
    Gesellschaftsordnung nicht nur die materielle Not der
    Massen verbannt, sondern auch die kulturellen Ansprüche
    des Einzelnen erhört. Mit den Schwierigkeiten, welche
    die Unbändigkeit der menschlichen Natur jeder Art von

  • S.

    254

    sozialer Gemeinschaft bereitet, werden wir freilich auch
    dann noch unabsehbar lange zu ringen haben.

    Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zum
    Schluß zusammenfassen, was ich über die Beziehung der
    Psychoanalyse zur Frage der Weltanschauung zu sagen
    hatte. Die Psychoanalyse, meine ich, ist unfähig, eine
    ihr besondere Weltanschauung zu erschaffen. Sie braucht
    es nicht, sie ist ein Stück Wissenschaft und kann sich
    der wissenschaftlichen Weltanschauung anschließen. Diese
    verdient aber kaum den großtönenden Namen, denn sie
    schaut nicht alles an, sie ist zu unvollendet, erhebt keinen
    Anspruch auf Geschlossenheit und Systembildung. Das
    wissenschaftliche Denken ist noch sehr jung unter den
    Menschen, hat zuviele der großen Probleme noch nicht
    bewältigen können. Eine auf die Wissenschaft aufgebaute
    Weltanschauung hat außer der Betonung der realen
    Außenwelt wesentlich negative Züge wie die Bescheidung
    zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen. Wer von
    unseren Mitmenschen mit diesem Zustand der Dinge un-
    zufrieden ist, wer zu seiner augenblicklichen Beschwich-
    tigung mehr verlangt, der mag es sich beschaffen, wo
    er es findet. Wir werden es ihm nicht verübeln, können
    ihm nicht helfen, aber auch seinetwegen nicht anders
    denken.