• S.

    XXXII. VORLESUNG

    ANGST UND TRIEBLEBEN

    Meine Damen und Herren! Sie werden nicht über-
    rascht sein zu hören, daß ich Ihnen manche Neuheiten
    von unserer Auffassung der Angst und der Grundtriebe
    des Seelenlebens zu berichten habe, auch nicht, daß
    keine derselben als endgültige Lösung der schwebenden
    Probleme gelten will. In bestimmter Absicht spreche ich
    hier von Auffassungen. Es sind die schwierigsten Auf-
    gaben, die uns gestellt werden, aber die Schwierigkeit
    liegt nicht etwa an der Unzulänglichkeit der Beob-
    achtungen, es sind gerade die häufigsten und vertrautesten
    Phänomene, die uns jene Rätsel aufgeben; auch nicht
    an der Entlegenheit der Spekulationen, zu denen sie
    anregen; spekulative Verarbeitung kommt auf diesem
    Gebiet wenig in Betracht. Sondern es handelt sich wirk-
    lich um Auffassungen, d. h. darum, die richtigen ab-
    strakten Vorstellungen einzuführen, deren Anwendung
    auf den Rohstoff der Beobachtung Ordnung und Durch-
    sichtigkeit in ihm entstehen läßt.

    Der Angst habe ich bereits eine Vorlesung der
    früheren Reihe, die fünfundzwanzigste, gewidmet. Ich
    muß deren Inhalt in Verkürzung wiederholen. Wir haben
    gesagt, Angst sei ein Affektzustand, also eine Vereinigung
    von bestimmten Empfindungen der Lust-Unlustreihe mit

  • S.

    113

    den ihnen entsprechenden Abfuhrinnervationen und
    deren Wahrnehmung, wahrscheinlich aber der Nieder-
    schlag eines gewissen bedeutungsvollen Ereignisses,
    durch Vererbung einverleibt, also vergleichbar dem
    individuell erworbenen hysterischen Anfall. Als jenes
    Ereignis, das eine solche Affektspur hinterlassen, haben
    wir den Vorgang der Geburt in Anspruch genommen,
    bei dem die der Angst eigenen Beeinflussungen von
    Herztätigkeit und Atmung zweckmäßig waren. Die
    allererste Angst wäre also eine toxische gewesen. Wir
    sind dann von der Unterscheidung zwischen Realangst
    und neurotischer Angst ausgegangen, die erstere eine
    uns begreiflich scheinende Reaktion auf die Gefahr,
    d. h. auf erwartete Schädigung von Außen, die andere
    durchaus rätselhaft, wie zwecklos. In einer Analyse der
    Realangst haben wir sie auf einen Zustand gesteigerter
    sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung
    reduziert, den wir Angstbereitschaft heißen.
    Aus dieser entwickle sich die Angstreaktion. In der seien
    zwei Ausgänge möglich. Entweder die Angstent-
    wicklung, die Wiederholung des alten traumatischen
    Erlebnisses, beschränkt sich auf ein Signal, dann kann
    die übrige Reaktion sich der neuen Gefahrlage anpassen,
    in Flucht oder Verteidigung ausgehen, oder das Alte
    behält die Oberhand, die gesamte Reaktion erschöpft
    sich in der Angstentwicklung und dann wird der
    Affektzustand lähmend und für die Gegenwart un-
    zweckmäßig.

    Wir haben uns dann zur neurotischen Angst ge-
    wendet und gesagt, daß wir sie unter dreierlei Verhält-
     

  • S.

    114

    nissen beobachten. Erstens als frei flottierende, all-
    gemeine Ängstlichkeit, bereit, sich vorübergehend mit
    jeder neu auftauchenden Möglichkeit zu verknüpfen, als
    sogenannte Erwartungsangst, wie z. B. bei der typischen
    Angstneurose. Zweitens fest gebunden an bestimmte
    Vorstellungsinhalte in den sog. Phobien, bei denen
    wir eine Beziehung zur äußeren Gefahr zwar noch
    erkennen mögen, aber die Angst vor ihr für maßlos
    übertrieben halten müssen. Endlich drittens die Angst
    bei der Hysterie und anderen Formen schwerer Neu-
    rosen, die entweder Symptome begleitet oder unabhängig
    auftritt als Anfall oder länger anhaltender Zustand,
    immer aber ohne ersichtliche Begründung durch eine
    äußere Gefahr. Wir haben uns dann die zwei Fragen
    vorgelegt: Wovor fürchtet man sich bei neurotischer
    Angst? und: Wie kann man diese mit der Realangst
    vor äußeren Gefahren zusammenbringen?

    Unsere Untersuchungen sind keineswegs erfolglos
    geblieben, wir haben einige wichtige Aufschlüsse ge-
    wonnen. In Bezug auf die ängstliche Erwartung hat uns
    die klinische Erfahrung einen regelmäßigen Zusammen-
    hang mit dem Libidohaushalt im Sexualleben kennen ge-
    lehrt. Die gewöhnlichste Ursache der Angstneurose ist
    die frustrane Erregung. Es wird eine libidinöse Erregung
    hervorgerufen, aber nicht befriedigt, nicht verwendet;
    an Stelle dieser, von ihrer Verwendung abgelenkten,
    Libido tritt dann die Ängstlichkeit auf. Ich glaubte mich
    sogar berechtigt zu sagen, diese unbefriedigte Libido ver-
    wandle sich direkt in Angst. Diese Auffassung fand eine
    Unterstützung in gewissen ganz regelmäßigen Phobien der

  • S.

    115

    kleinen Kinder. Viele dieser Phobien sind uns durchaus
    rätselhaft, andere aber, wie die Angst im Alleinsein und
    die vor fremden Personen, lassen eine sichere Erklärung
    zu. Die Einsamkeit sowie das fremde Gesicht erwecken
    die Sehnsucht nach der vertrauten Mutter; das Kind
    kann diese libidinöse Erregung nicht beherrschen, nicht
    in Schwebe erhalten, sondern verwandelt sie in Angst.
    Diese Kinderangst ist also nicht der Realangst, sondern
    der neurotischen zuzurechnen. Die Kinderphobien und
    die Angsterwartung der Angstneurose geben uns zwei
    Beispiele für die eine Art, wie neurotische Angst entsteht:
    Durch direkte Umwandlung der Libido. Einen zweiten
    Mechanismus werden wir sofort kennen lernen; es wird
    sich zeigen, daß er vom ersten nicht sehr verschieden ist.
    Für die Angst bei der Hysterie und anderen Neu-
    rosen machen wir nämlich den Vorgang der Verdrän-
    gung verantwortlich. Wir meinen, wir können diesen
    vollständiger als vorhin beschreiben, wenn wir das
    Schicksal der zu verdrängenden Vorstellung von dem
    des ihr anhaftenden Libidobetrags gesondert halten. Es
    ist die Vorstellung, die die Verdrängung erfährt, even-
    tuell zum Unkenntlichen entstellt wird; ihr Affektbetrag
    aber wird regelmäßig in Angst verwandelt und zwar
    gleichgültig, von welcher Art er sein mag, ob Aggression
    oder Liebe. Nun macht es keinen wesentlichen Unter-
    schied, aus welchem Grund ein Libidobetrag unver-
    wendbar geworden ist, ob aus infantiler Schwäche des
    Ichs, wie bei den Kinderphobien, infolge somatischer
    Vorgänge im Sexualleben wie bei der Angstneurose, oder
    durch Verdrängung wie bei der Hysterie. Die beiden

  • S.

    116

    Mechanismen der Entstehung neurotischer Angst fallen
    also eigentlich zusammen.

    Während dieser Untersuchungen sind wir auf
    eine höchst bedeutsame Beziehung zwischen Angst-
    entwicklung und Symptombildung aufmerksam ge-
    worden. Nämlich, daß die beiden einander ver-
    treten und ablösen. Der Agoraphobe z. B. beginnt seine
    Leidensgeschichte mit einem Angstanfall auf der Straße.
    Dieser würde sich jedesmal wiederholen, wenn er wieder
    auf die Straße ginge. Er schafft nun das Symptom der
    Straßenangst, das man auch eine Hemmung, Funktions-
    einschränkung des Ichs heißen kann, und erspart sich
    dadurch den Angstanfall. Das Umgekehrte sieht man,
    wenn man sich, wie es z. B. bei Zwangshandlungen
    möglich ist, in die Symptombildung einmengt. Hindert
    man den Kranken, sein Waschzeremoniell auszuführen,
    so gerät er in einen schwer erträglichen Angstzustand,
    gegen den ihn offenbar sein Symptom geschützt hatte.
    Und zwar scheint es, daß die Angstentwicklung das
    Frühere, die Symptombildung das Spätere ist, als ob die
    Symptome geschaffen würden, um den Ausbruch des
    Angst-
    zustandes zu vermeiden. Und dazu stimmt es auch,
    daß die ersten Neurosen des Kindesalters Phobien sind,
    Zustände, an denen man so deutlich erkennt, wie eine
    anfängliche Angstentwicklung durch die spätere
    Symptombildung abgelöst wird: man empfängt den Ein-
    druck, daß man von diesen Beziehungen her den besten
    Zugang zum Verständnis der neurotischen Angst finden
    wird. Gleichzeitig ist es uns auch gelungen, die Frage
    zu beantworten, wovor man sich bei neurotischer Angst

  • S.

    117


    fürchtet, und so die Verbindung zwischen neurotischer
    und Realangst herzustellen. Das, wovor man sich fürch-
    tet, ist offenbar die eigene Libido. Der Unterschied von
    der Situation der Realangst liegt in zwei Punkten, daß
    die Gefahr eine innerliche ist anstatt einer äußeren und
    daß sie nicht bewußt erkannt wird.

    Bei den Phobien kann man sehr deutlich erkennen,
    wie diese innerliche Gefahr in eine äußerliche umgesetzt,
    also neurotische Angst in scheinbare Realangst verwan-
    delt wird. Nehmen wir, um einen oft sehr komplizierten
    Sachverhalt zu vereinfachen, an, daß der Agoraphobe
    sich regelmäßig vor den Regungen der Versuchung
    fürchte, die in ihm durch die Begegnungen auf der
    Straße geweckt werden. In seiner Phobie nimmt er eine
    Verschiebung vor und ängstigt sich nun vor einer äußeren
    Situation. Sein Gewinn dabei ist offenbar, daß er meint,
    sich so besser schützen zu können. Vor einer äußeren
    Gefahr kann man sich durch die Flucht retten, der
    Fluchtversuch vor einer inneren Gefahr ist ein schwie-
    riges Unternehmen.

    Am Schlusse meiner damaligen Vorlesung über die
    Angst habe ich selbst dem Urteil Ausdruck gegeben, daß
    diese verschiedenen Ergebnisse unserer Untersuchung
    nicht etwa einander widersprechen, aber doch irgendwie
    nicht zusammenstimmen. Die Angst ist als Affektzustand
    die Reproduktion eines alten gefahrdrohenden Ereig-
    nisses, die Angst steht im Dienst der Selbsterhaltung und
    ist ein Signal einer neuen Gefahr, sie entsteht aus
    irgendwie unverwendbar gewordener Libido, auch bei
    dem Prozeß der Verdrängung, sie wird durch die Sym-

  • S.

    118

    ptombildung abgelöst, gleichsam psychisch gebunden-
    man verspürt, daß hier etwas fehlt, was aus Stücken
    eine Einheit macht.

    Meine Damen und Herren! Jene Zerlegung der
    seelischen Persönlichkeit in ein Überich, Ich und Es, die
    ich Ihnen in der letzten Vorlesung vorgetragen, hat uns
    auch eine neue Orientierung im Angstproblem aufge-
    nötigt. Mit dem Satz, das Ich ist die alleinige Angst-
    stätte, nur das Ich kann Angst produzieren und ver-
    spüren, haben wir eine neue, feste Position bezogen, von
    der aus manche Verhältnisse ein anderes Ansehen zeigen.
    Und wirklich, wir wüßten nicht, was für Sinn es hätte,
    von einer „Angst des Es“ zu sprechen, oder dem Überich
    die Fähigkeit zur Ängstlichkeit zuzuschreiben. Hingegen
    haben wir es als eine erwünschte Entsprechung begrüßt,
    daß die drei Hauptarten der Angst, die Realangst, die
    neurotische und die Gewissensangst sich so zwanglos auf
    die drei Abhängigkeiten des Ichs, von der Außenwelt,
    vom Es und vom Überich, beziehen lassen. Mit dieser
    neuen Auffassung ist auch die Funktion der Angst als
    Signal zur Anzeige einer Gefahrsituation, die uns ja
    vorher nicht fremd war, in den Vordergrund getreten,
    die Frage, aus welchem Stoff die Angst gemacht wird,
    hat an Interesse verloren und die Beziehungen zwischen
    Realangst und neurotischer Angst haben sich in über-
    raschender Weise geklärt und vereinfacht. Es ist übrigens
    bemerkenswert, daß wir jetzt die anscheinend kompli-
    zierten Fälle von Entstehung der Angst besser verstehen
    als die für einfach gehaltenen.

    Wir haben nämlich neuerlich untersucht, wie die

  • S.

    119

    Angst bei gewissen Phobien entsteht, die wir der Angst-
    hysterie zurechnen, und Fälle gewählt, bei denen es sich
    um die typische Verdrängung der Wunschregungen aus
    dem Ödipuskomplex handelte. Unserer Erwartung nach
    hätten wir finden sollen, daß es die libidinöse Besetzung
    des Mutterobjekts ist, die sich infolge der Verdrängung
    in Angst verwandelt und nun im symptomatischen Aus-
    druck als an den Vaterersatz geknüpft auftritt. Ich kann
    Ihnen die einzelnen Schritte einer solchen Untersuchung
    nicht vorführen, genug, das überraschende Resultat war
    das Gegenteil unserer Erwartung. Nicht die Verdrän-
    gung schafft die Angst, sondern die Angst ist früher da,
    die Angst macht die Verdrängung! Aber was für Angst
    kann es sein? Nur die Angst vor einer drohenden äußeren
    Gefahr, also eine Realangst. Es ist richtig, der Knabe
    bekommt Angst vor einem Anspruch seiner Libido, in
    diesem Fall vor der Liebe zu seiner Mutter, es ist also
    wirklich ein Fall von neurotischer Angst. Aber diese
    Verliebtheit erscheint ihm nur darum als eine innere
    Gefahr, der er sich durch den Verzicht auf dieses Objekt
    entziehen muß, weil sie eine äußere Gefahrsituation
    heraufbeschwört. Und in allen Fällen, die wir unter-
    suchen, erhalten wir dasselbe Resultat. Bekennen wir es
    nur, wir waren nicht darauf gefaßt, daß sich die innere
    Triebgefahr als eine Bedingung und Vorbereitung einer
    äußeren, realen Gefahrsituation herausstellen würde.

    Wir haben aber noch gar nicht gesagt, was die
    reale Gefahr ist, die das Kind als Folge seiner Mutter-
    verliebtheit fürchtet. Es ist die Strafe der Kastration,
    der Verlust seines Gliedes. Natürlich werden Sie ein-
     

  • S.

    120

    werfen, das sei doch keine reale Gefahr. Unsere Knaben
    werden doch nicht kastriert, weil sie in der Phase des
    Ödipuskomplexes in die Mutter verliebt sind. Aber das
    ist nicht so einfach abzutun. Vor allem kommt es nicht
    darauf an, ob die Kastration wirklich geübt wird; ent-
    scheidend ist, daß die Gefahr eine von außen drohende
    ist, und daß das Kind an sie glaubt. Dazu hat es einigen
    Anlaß, denn man droht ihm oft genug mit dem Ab-
    schneiden des Gliedes während seiner phallischen Phase,
    in der Zeit seiner frühen Onanie, und Andeutungen
    dieser Strafe dürften regelmäßig eine phylogenetische
    Verstärkung bei ihm finden. Wir vermuten, in den Ur-
    zeiten der menschlichen Familie wurde die Kastration
    vom eifersüchtigen und grausamen Vater wirklich an
    den heranwachsenden Knaben vollzogen, und die Be-
    schneidung, die bei den Primitiven so häufig ein Bestand-
    teil des Mannbarkeitsrituals ist, sei ein gut kenntlicher
    Rest von ihr. Wir wissen, wie weit wir uns damit von
    der allgemeinen Ansicht entfernen, aber wir müssen
    daran festhalten, daß die Kastrationsangst einer der
    häufigsten und stärksten Motoren der Verdrängung und
    damit der Neurosenbildung ist. Analysen von Fällen,
    in denen zwar nicht die Kastration, aber wohl die Be-
    schneidung bei Knaben als Therapie oder als Strafe für
    die Onanie vollzogen wurde, was in der anglo-amerika-
    nischen Gesellschaft gar nicht so selten geschah, haben
    unserer Überzeugung die letzte Sicherheit gegeben. Es ist
    eine große Verlockung, an dieser Stelle näher auf den
    Kastrationskomplex einzugehen, aber wir wollen bei un-
    serem Thema bleiben. Die Kastrationsangst ist natürlich

  • S.

    121

    nicht das einzige Motiv der Verdrängung, sie hat ja
    bereits bei den Frauen keine Stätte, die zwar einen
    Kastrationskomplex haben, aber keine Kastrationsangst
    haben können. An ihre Stelle tritt beim anderen Ge-
    schlecht die Angst vor dem Liebesverlust, ersichtlich
    eine Fortbildung der Angst des Säuglings, wenn er die
    Mutter vermißt. Sie verstehen, welche reale Gefahr-
    situation durch diese Angst angezeigt wird. Wenn die
    Mutter abwesend ist oder dem Kind ihre Liebe entzogen
    hat, ist es ja der Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht
    mehr sicher, möglicherweise den peinlichsten Span-
    nungsgefühlen, ausgesetzt. Weisen Sie die Idee nicht ab,
    daß diese Angstbedingungen im Grunde die Situation der
    ursprünglichen Geburtsangst wiederholen, die ja auch
    eine Trennung von der Mutter bedeutete. Ja wenn Sie
    einem Gedankengang von Ferenczi folgen, können
    Sie auch die Kastrationsangst dieser Reihe anschließen,
    denn der Verlust des männlichen Gliedes hat ja die Un-
    möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Mutter
    oder dem Ersatz für sie im Sexualakt zur Folge. Ich
    erwähne Ihnen nebenbei, die so häufige Phantasie der
    Rückkehr in den Mutterleib ist der Ersatz dieses Koitus-
    wunsches. Es gäbe hier noch soviel interessante Dinge
    und überraschende Zusammenhänge zu berichten, aber
    ich kann nicht über den Rahmen einer Einführung in die
    Psychoanalyse hinausgehen, will Sie nur noch aufmerk-
    sam machen, wie hier psychologische Ermittlungen bis
    zu biologischen Tatsachen vorstoßen.

    Otto Rank, dem die Psychoanalyse viele schöne
    Beiträge verdankt, hat auch das Verdienst, die Bedeu-

  • S.

    122

    tung des Geburtsakts und der Trennung von der Mutter
    nachdrücklich betont zu haben. Allerdings fanden wir
    es alle unmöglich, die extremen Folgerungen anzunehmen,
    die er aus diesem Moment für die Theorie der Neu-
    rosen und sogar für die analytische Therapie gezogen hat.
    Den Kern seiner Lehre, daß das Angsterlebnis der Ge-
    burt das Vorbild aller späteren Gefahrsituationen ist,
    hatte er bereits vorgefunden. Wenn wir bei diesen ver-
    weilen, werden wir sagen können, daß eigentlich jedem
    Entwicklungsalter eine bestimmte Angstbedingung, also
    Gefahrsituation, als ihm adaequat, zugeteilt ist. Die
    Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zum Stadium
    der frühen Unreife des Ichs, die Gefahr des Objekts-
    (Liebes-)verlusts zur Unselbständigkeit der ersten Kinder-
    jahre, die Kastrationsgefahr zur phallischen Phase, end-
    lich die Angst vor dem Überich, die eine besondere
    Stellung einnimmt, zur Latenzzeit. Mit dem Lauf der
    Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallen
    gelassen werden, da die ihnen entsprechenden Gefahr-
    situationen durch die Erstarkung des Ichs entwertet
    werden. Aber das ist nur in sehr unvollkommener Weise
    der Fall. Viele Menschen können die Angst vor dem
    Liebesverlust nicht überwinden, sie werden nie unab-
    hängig genug von der Liebe anderer und setzen in
    diesem Punkt ihr infantiles Verhalten fort. Die Angst
    vor dem Überich soll normaler Weise kein Ende finden,
    da sie als Gewissensangst in den sozialen Beziehungen
    unentbehrlich ist, und der Einzelne nur in den seltensten
    Fällen von der menschlichen Gemeinschaft unabhängig
    werden kann. Einige der alten Gefahrsituationen verste-

  • S.

    123

    hen es auch, sich in späte Zeiten hinüber zu retten, indem
    sie ihre Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So er-
    hält sich z. B. die Kastrationsgefahr unter der Maske
    der Syphilophobie. Man weiß zwar als Erwachsener, daß
    die Kastration nicht mehr als Strafe für das Gewähren-
    lassen sexueller Gelüste üblich ist, aber man hat dafür
    erfahren, daß solche Triebfreiheit mit schweren Erkran-
    kungen bedroht ist. Es ist kein Zweifel, daß die Per-
    sonen, die wir Neurotiker heißen, in ihrem Verhalten
    zur Gefahr infantil bleiben und verjährte Angstbedin-
    gungen nicht überwunden haben. Nehmen wir dies als
    tatsächlichen Beitrag zur Charakteristik der Neurotiker
    an; warum es so ist, kann man nicht so schnell sagen.
    Ich hoffe, Sie haben nicht die Übersicht verloren
    und wissen noch, daß wir dabei sind, die Beziehungen
    zwischen Angst und Verdrängung zu untersuchen. Wir
    haben dabei zwei Dinge neu erfahren, erstens, daß die
    Angst die Verdrängung macht, nicht, wie wir meinten,
    umgekehrt, und daß eine gefürchtete Triebsituation im
    Grunde auf eine äußere Gefahrsituation zurückgeht. Die
    nächste Frage wird lauten: Wie stellen wir uns jetzt
    den Vorgang einer Verdrängung unter dem Einfluß der
    Angst vor? Ich denke so: Das Ich merkt, daß die Be-
    friedigung eines auftauchenden Triebanspruchs eine der
    wohl erinnerten Gefahrsituationen heraufbeschwören
    würde. Diese Triebbesetzung muß also irgendwie unter-
    drückt, aufgehoben, ohnmächtig gemacht werden. Wir
    wissen, diese Aufgabe gelingt dem Ich, wenn es stark
    ist und die betreffende Triebregung in seine Organisation
    einbezogen hat. Der Fall der Verdrängung ist aber der,

  • S.

    124

    daß die Triebregung noch dem Es angehört und das Ich
    sich schwach fühlt. Dann hilft sich das Ich durch eine
    Technik, die im Grunde mit der des normalen Denkens
    identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln
    mit kleinen Energiemengen, ähnlich wie die Verschie-
    bungen kleiner Figuren auf der Landkarte, ehe der Feld-
    herr seine Truppenmassen in Bewegung setzt. Das Ich
    antizipiert also die Befriedigung der bedenklichen Trieb-
    regung und erlaubt ihr, die Unlustempfindungen zu Be-
    ginn der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren.
    Damit ist der Automatismus des Lust-Unlustprinzips
    ins Spiel gebracht, der nun die Verdrängung der ge-
    fährlichen Triebregung durchführt.
    Halt! werden Sie mir zurufen; da können wir
    nicht weiter mitgehen! Sie haben Recht, ich muß noch
    einiges dazu tun, bevor es Ihnen annehmbar erscheinen
    kann. Zunächst das Zugeständnis, daß ich versucht
    habe, in die Sprache unseres normalen Denkens zu über-
    setzen, was in Wirklichkeit ein gewiß nicht bewußter
    oder vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an
    einem unvorstellbaren Substrat sein muß. Aber das ist
    kein starker Einwand; man kann es ja nicht anders
    machen. Wichtiger ist, daß wir klar unterscheiden, was
    bei der Verdrängung im Ich und was im Es vorgeht.
    Was das Ich tut, haben wir eben gesagt. Es wendet
    eine Probebesetzung an und weckt den Lust-Unlust-
    automatismus durch das Angstsignal. Dann sind meh-
    rere Reaktionen möglich oder eine Vermengung von
    ihnen in wechselnden Beträgen. Entweder der Angst-
    anfall wird voll entwickelt und das Ich zieht sich gänz-

  • S.

    125

    lich von der anstößigen Erregung zurück. Oder es setzt
    ihr an Stelle der Probebesetzung eine Gegenbesetzung
    entgegen und diese tritt mit der Energie der verdräng-
    ten Regung zur Symptombildung zusammen oder wird
    als Reaktionsbildung, als Verstärkung bestimmter Dis-
    positionen, als bleibende Veränderung ins Ich aufge-
    nommen. Je mehr die Angstentwicklung auf ein bloßes
    Signal beschränkt werden kann, desto mehr verwendet
    das Ich auf die Abwehraktionen, die einer psychischen
    Bindung des Verdrängten gleich kommen, desto eher
    nähert sich auch der Vorgang einer normalen Verarbei-
    tung an, gewiß ohne sie zu erreichen. Nebenbei, wir
    wollen hier einen Augenblick verweilen. Sie haben ge-
    wiß schon selbst angenommen, daß jenes schwer Definier-
    bare, das man Charakter heißt, durchaus dem Ich
    zuzuteilen ist. Einiges, was diesen Charakter schafft,
    haben wir schon erhascht. Vor allem die Einverleibung
    der früheren Elterninstanz als Überich, wohl das wich-
    tigste, entscheidende Stück, sodann die Identifizierungen
    mit beiden Eltern der späteren Zeit und anderen ein-
    flußreichen Personen und die gleichen Identifizierungen
    als Niederschläge aufgelassener Objektbeziehungen.
    Fügen wir jetzt hinzu als nie fehlende Beiträge zur Cha-
    rakterbildung die Reaktionsbildungen, die das Ich zuerst
    in seinen Verdrängungen, später, bei den Zurückweisun-
    gen unerwünschter Triebregungen, durch normalere Mit-
    tel erwirbt.

    Nun kehren wir zurück und wenden uns zum Es.
    Was bei der Verdrängung an der bekämpften Trieb-
    regung vorgeht, ist nicht mehr so leicht zu erraten. Unser

  • S.

    126

    Interesse fragt ja hauptsächlich, was geschieht mit der
    Energie, der libidinösen Ladung dieser Erregung, wie
    wird sie verwendet? Sie erinnern sich, die frühere An-
    nahme war, gerade sie werde durch die Verdrängung in
    Angst verwandelt. Das getrauen wir uns nicht mehr zu
    sagen; die bescheidene Antwort wird vielmehr lauten:
    wahrscheinlich ist ihr Schicksal nicht jedesmal das
    gleiche. Wahrscheinlich besteht eine intime Entsprechung
    zwischen dem jemaligen Vorgang im Ich und dem im Es
    an der verdrängten Regung, die uns bekannt werden
    sollte. Seitdem wir nämlich das Lust–Unlustprinzip, das
    durch das Angstsignal geweckt wird, in die Verdrängung
    haben eingreifen lassen, dürfen wir unsere Erwartungen
    abändern. Dies Prinzip regiert die Vorgänge im Es ganz
    unumschränkt. Wir können ihm zutrauen, daß es recht
    tief greifende Veränderungen an der betreffenden Trieb-
    regung zu Stande bringt. Wir sind darauf gefaßt, daß
    es sehr verschiedene Erfolge der Verdrängung geben
    wird, mehr oder weniger weitgehende. In manchen Fäl-
    len mag die verdrängte Triebregung ihre Libidobesetzung
    behalten, im Es unverändert fortbestehen, wenn auch
    unter dem ständigen Druck des Ichs. Andere Male scheint
    es vorzukommen, daß sie eine vollständige Zerstörung
    erfährt, bei der ihre Libido endgültig in andere Bahnen
    übergeleitet wird. Ich meinte, es geschehe so bei der
    normalen Erledigung des Ödipuskomplexes, der also in
    diesem wünschenswerten Falle nicht einfach verdrängt,
    sondern im Es zerstört wird. Die klinische Erfahrung
    hat uns ferner gezeigt, daß in vielen Fällen anstatt des
    gewohnten Verdrängungserfolgs eine Libidoerniedrigung

  • S.

    127

    statt hat, eine Regression der Libidoorganisation zu
    einer früheren Stufe. Das kann natürlich nur im Es vor
    sich gehen, und wenn es geschieht, dann unter dem Ein-
    fluß desselben Konflikts, der durch das Angstsignal ein-
    geleitet wird. Das auffälligste Beispiel dieser Art gibt
    die Zwangsneurose, bei der Libidoregression und Ver-
    drängung zusammenwirken.

    Meine Damen und Herren! Ich besorge, diese Aus-
    führungen werden Ihnen schwer faßbar erscheinen, und
    Sie werden erraten, daß sie nicht erschöpfend dargestellt
    sind. Ich bedauere Ihr Mißvergnügen erregen zu müssen.
    Ich kann mir aber kein anderes Ziel setzen, als daß Sie
    einen Eindruck empfangen von der Art unserer Ergeb-
    nisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung. Je
    tiefer wir in das Studium der seelischen Vorgänge ein-
    dringen, desto mehr erkennen wir deren Reichhaltigkeit
    und Verwicklung. Manche einfache Formel, die uns an-
    fangs zu entsprechen schien, hat sich später als unzu-
    reichend herausgestellt. Wir werden nicht müde, sie ab-
    zuändern und zu verbessern. In der Vorlesung über
    Traumtheorie habe ich Sie in ein Gebiet geführt, auf
    dem sich in fünfzehn Jahren kaum ein neuer Fund er-
    geben hatte; hier, wo wir von der Angst handeln, sehen
    Sie alles in Fluß und Wandlung begriffen. Diese neuen-
    Dinge sind auch noch nicht gründlich durchgearbeitet
    worden, vielleicht macht ihre Darstellung auch darum-
    Schwierigkeiten. Halten Sie aus, wir werden das Thema-
    der Angst bald verlassen können; ich behaupte nicht,
    daß es dann zu unserer Befriedigung erledigt sein wird.
    Hoffentlich sind wir doch um ein Stückchen weiter ge-
     

  • S.

    128

    kommen. Und unterwegs haben wir allerlei neue Ein-
    sichten erworben. So werden wir auch jetzt durch das
    Studium der Angst veranlaßt, unserer Schilderung des
    Ichs einen neuen Zug hinzuzufügen. Wir haben gesagt,
    das Ich sei schwach gegen das Es, sei sein getreuer Die-
    ner, bemüht, dessen Befehle durchzuführen, dessen For-
    derungen zu erfüllen. Wir denken nicht daran, diesen
    Satz zurückzunehmen. Aber anderseits ist dies Ich doch
    der besser organisierte, gegen die Realität orientierte
    Teil des Ichs. Wir dürfen die Sonderung beider nicht zu
    sehr übertreiben, auch nicht überrascht sein, wenn dem
    Ich seinerseits ein Einfluß auf die Vorgänge im Es zu
    stünde. Ich meine, diesen Einfluß übt das Ich aus, indem
    es mittels des Angstsignals das fast allmächtige Lust-
    Unlustprinzip in Tätigkeit bringt. Allerdings unmittel-
    bar darauf zeigt es wieder seine Schwäche, denn durch
    den Akt der Verdrängung verzichtet es auf ein Stück
    seiner Organisation, muß zulassen, daß die verdrängte
    Triebregung dauernd seinem Einfluß entzogen bleibt.

    Und jetzt nur noch eine Bemerkung zum Angst-
    problem! Die neurotische Angst hat sich uns unter un-
    seren Händen in Realangst verwandelt, in Angst vor
    bestimmten äußeren Gefahrsituationen. Aber dabei kann
    es nicht bleiben, wir müssen einen weiteren Schritt
    machen, der aber ein Schritt zurück sein wird. Wir
    fragen uns, was ist denn eigentlich das Gefährliche, das
    Gefürchtete an einer solchen Gefahrsituation? Offenbar
    nicht die objektiv zu beurteilende Schädigung der Per-
    son, die psychologisch gar nichts zu bedeuten brauchte,
    sondern was von ihr im Seelenleben angerichtet wird.

  • S.

    129

    Die Geburt z. B., unser Vorbild für den Angstzustand,
    kann doch kaum an sich als eine Schädigung betrachtet
    werden, wenngleich die Gefahr von Schädigungen dabei
    sein mag. Das Wesentliche an der Geburt wie an jeder
    Gefahrsituation ist, daß sie im seelischen Erleben einen
    Zustand von hochgespannter Erregung hervorruft, der
    als Unlust verspürt wird und dessen man durch Ent-
    ladung nicht Herr werden kann. Heißen wir einen
    solchen Zustand, an dem die Bemühungen des Lustprin-
    zips scheitern, einen traumatischen Moment, so
    sind wir über die Reihe neurotische Angst-Realangst-
    Gefahrsituation zu dem einfachen Satz gelangt: das Ge-
    fürchtete, der Gegenstand der Angst ist jedesmal das
    Auftreten eines traumatischen Moments, der nicht nach
    der Norm des Lustprinzips erledigt werden kann. Wir
    verstehen sofort, durch die Begabung mit dem Lust-
    prinzip sind wir nicht gegen objektive Schädigungen
    gesichert worden, sondern nur gegen eine bestimmte
    Schädigung unserer psychischen Ökonomie. Vom Lust- prinzip zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter
    Weg, es fehlt viel daran, daß beider Absichten sich vom
    Anfang an decken. Wir sehen aber auch noch etwas an-
    deres; vielleicht ist dies die Lösung, die wir suchen. Näm-
    lich, daß es sich hier überall um die Frage der relativen
    Quantitäten handelt. Nur die Größe der Erregungs-
    summe macht einen Eindruck zum traumatischen Mo-
    ment, lähmt die Leistung des Lustprinzips, gibt der Ge-
    fahrsituation ihre Bedeutung. Und wenn es sich so ver-
    hält, wenn sich diese Rätsel durch eine so nüchterne
    Auskunft beheben, warum sollte es nicht möglich sein,

  • S.

    130

    daß derartige traumatische Momente sich im Seelenleben
    ohne Beziehung auf die angenommenen Gefahrensituatio-
    nen ereignen, bei denen also die Angst nicht als Signal
    geweckt wird, sondern neu mit frischer Begründung
    entsteht? Die klinische Erfahrung sagt mit Bestimmtheit
    aus, daß es wirklich so ist. Nur die späteren Verdrän-
    gungen zeigen den Mechanismus, den wir beschrieben
    haben, bei dem die Angst als Signal einer früheren Ge-
    fahrensituation wachgerufen wird; die ersten und ursprüng-
    lichen entstehen direkt bei dem Zusammentreffen des
    Ichs mit einem übergroßen Libidoanspruch aus trau-
    matischen Momenten, sie bilden ihre Angst neu, aller-
    dings nach dem Geburtsvorbild. Dasselbe mag für die
    Angstentwicklung bei Angstneurose durch somatische
    Schädigung der Sexualfunktion gelten. Daß es die Libido
    selbst ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden
    wir nicht mehr behaupten. Aber gegen eine zweifache
    Herkunft der Angst, einmal als direkte Folge des trau-
    matischen Moments, das andere Mal als Signal, daß die
    Wiederholung eines solchen droht, sehe ich keinen Ein-
    wand.

    Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiß
    froh, daß Sie nichts mehr über die Angst anzuhören
    brauchen. Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts
    besseres nach. Ich habe den Vorsatz, Sie noch heute
    auf das Gebiet der Libidotheorie oder Trieblehre zu
    führen, wo sich gleichfalls manches neu gestaltet hat.
    Ich will nicht sagen, daß wir hierin große Fortschritte
    gemacht haben, so daß es Ihnen jede Mühe lohnen
    würde, davon Kenntnis zu nehmen. Nein, es ist ein

  • S.

    131

    Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und Ein-
    sichten ringen; Sie sollen nur Zeugen unserer Bemühung
    werden. Auch hier muß ich auf manches zurückgreifen,
    was ich Ihnen früher vorgetragen habe.

    Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie.
    Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer
    Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen
    Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher,
    sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das populäre
    Denken mit den Trieben auseinandersetzt. Man nimmt
    so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man
    eben braucht, einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-,
    Geselligkeitstrieb und viele dergleichen mehr. Man
    nimmt sie gleichsam auf, läßt jeden seine besondere Ar-
    beit tun und entläßt sie dann wieder. Uns hat immer
    die Ahnung gerührt, daß hinter diesen vielen kleinen
    ausgeliehenen Trieben sich etwas Ernsthaftes und Ge-
    waltiges verbirgt, dem wir uns vorsichtig annähern
    möchten. Unser erster Schritt war bescheiden genug.
    Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht irre,
    wenn man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarten oder
    Triebgruppen unterscheide, nach den zwei großen Be-
    dürfnissen: Hunger und Liebe. So eifersüchtig wir sonst
    die Unabhängigkeit der Psychologie von jeder anderen
    Wissenschaft verteidigen, hier stehe man doch im Schat-
    ten der unerschütterlichen biologischen Tatsache, daß
    das lebende Einzelwesen zwei Absichten diene, der
    Selbsterhaltung und der Arterhaltung, die unabhängig
    von einander scheinen, unseres Wissens noch keine ge-
    meinsame Ableitung erfahren haben, deren Interessen

  • S.

    132

    einander im tierischen Leben oft widerstreiten. Man
    treibe hier eigentlich biologische Psychologie, studiere
    die psychischen Begleiterscheinungen biologischer Vor-
    gänge. Als Vertreter dieser Auffassung sind die „Ich-
    triebe“ und die „Sexualtriebe“ in die Psychoanalyse ein-
    gezogen. Zu den ersteren rechneten wir alles, was mit
    der Erhaltung, Behauptung, Vergrößerung der Person zu
    tun hat. Den letzteren mußten wir die Reichhaltigkeit
    leihen, die das infantile und das perverse Sexualleben
    verlangen. Da wir bei der Untersuchung der Neurosen
    das Ich als die einschränkende, verdrängende Macht
    kennen lernten, die Sexualstrebungen als das Einge-
    schränkte, Verdrängte, glaubten wir nicht nur die Ver-
    schiedenheit, sondern auch den Konflikt zwischen beiden
    Triebgruppen mit Händen zu greifen. Gegenstand unse-
    res Studiums waren zunächst nur die Sexualtriebe, deren
    Energie wir „Libido“ benannten. An ihnen versuchten
    wir unsere Vorstellungen, was ein Trieb sei und was
    man ihm zuschreiben dürfe, zu klären. Dies ist die
    Stelle der Libidotheorie.

    Ein Trieb unterscheidet sich also von einem Reiz
    darin, daß er aus Reizquellen im Körperinnern stammt,
    wie eine konstante Kraft wirkt und daß die Person sich
    ihm nicht durch die Flucht entziehen kann, wie es beim
    äußeren Reiz möglich ist. Man kann am Trieb Quelle,
    Objekt und Ziel unterscheiden. Die Quelle ist ein Er-
    regungszustand im Körperlichen, das Ziel die Aufhebung
    dieser Erregung, auf dem Wege von der Quelle zum
    Ziel wird der Trieb psychisch wirksam. Wir stellen ihn
    vor als einen gewissen Energiebetrag, der nach einer be-

  • S.

    133

    stimmten Richtung drängt. Von diesem Drän-
    gen hat er den Namen: Trieb. Man spricht von aktiven und pas-
    siven Trieben, sollte richtiger sagen: aktiven und passi-
    ven Triebzielen; auch zur Erreichung eines passiven
    Zieles bedarf es eines Aufwands von Aktivität. Das
    Ziel kann am eigenen Körper erreicht werden, in der
    Regel ist ein äußeres Objekt eingeschoben, an dem der
    Trieb sein äußeres Ziel erreicht; sein inneres bleibt jedes-
    mal die als Befriedigung empfundene Körperverände-
    rung. Ob die Beziehung zur somatischen Quelle dem
    Trieb eine Spezifität verleiht und welche, ist uns nicht
    klar geworden. Daß Triebregungen aus einer Quelle
    sich solchen aus anderen Quellen anschließen und deren
    weiteres Schicksal teilen, daß überhaupt eine Triebbefrie-
    digung durch eine andere ersetzt werden kann, sind
    nach dem Zeugnis der analytischen Erfahrung unzwei-
    felhafte Tatsachen. Gestehen wir nur, daß wir sie nicht
    besonders gut verstehen. Auch die Beziehung des Triebs
    zu Ziel und Objekt läßt Abänderungen zu, beide kön-
    nen gegen andere vertauscht werden, die Beziehung zum
    Objekt ist immerhin leichter zu lockern. Eine gewisse
    Art von Modifikation des Ziels und Wechsels des Ob-
    jekts, bei der unsere soziale Wertung in Betracht kommt,
    zeichnen wir als Sublimierung aus. Wir haben
    außerdem noch Grund, zielgehemmte Triebe zu
    unterscheiden, Triebregungen aus gut bekannten Quellen
    mit unzweideutigem Ziel, die aber auf dem Weg zur
    Befriedigung Halt machen, so daß eine dauernde Objekt-
    besetzung und eine anhaltende Strebung zu Stande
    kommt. Solcher Art ist z. B. die Zärtlichkeitsbeziehung,

  • S.

    134

    die unzweifelhaft aus den Quellen sexueller Bedürftig-
    keit herrührt und regelmäßig auf deren Befriedigung
    verzichtet. Sie sehen, wieviel von den Eigenschaften
    und Schicksalen der Triebe sich noch unserem Verständ-
    nis entzieht; wir sollten hier auch eines Unterschieds
    gedenken, der sich zwischen Sexualtrieben und Selbst-
    erhaltungstrieben zeigt und der theoretisch höchst bedeut-
    sam wäre, wenn er die ganze Gruppe beträfe. Die Se-
    xualtriebe fallen uns auf durch ihre Plastizität, die
    Fähigkeit, ihre Ziele zu wechseln, durch ihre Vertretbar-
    keit, indem sich eine Triebbefriedigung durch eine andere
    ersetzen läßt, und durch ihre Aufschiebbarkeit, von der
    uns eben die zielgehemmten Triebe ein gutes Beispiel
    gegeben haben. Diese Eigenschaften möchten wir den
    Selbsterhaltungstrieben absprechen und von ihnen aus-
    sagen, daß sie unbeugsam, unaufschiebbar, in ganz ande-
    rer Weise imperativ sind und zur Verdrängung wie zur
    Angst ein ganz anderes Verhältnis haben. Allein die
    nächste Überlegung sagt uns, daß diese Ausnahmestellung
    nicht allen Ichtrieben, nur dem Hunger und dem Durst
    zukommt und offenbar durch eine Besonderheit der
    Triebquellen begründet ist. Ein gutes Stück des verwir-
    renden Eindrucks kommt noch daher, daß wir nicht
    gesondert betrachtet haben, welche Veränderungen die
    ursprünglich dem Es angehörigen Triebregungen unter
    dem Einfluß des organisierten Ichs erfahren.

    Auf festerem Boden bewegen wir uns, wenn wir
    untersuchen, auf welche Weise das Triebleben der
    Sexualfunktion dient. Hier haben wir ganz entschei-
    dende Einsichten erworben, die Ihnen auch nicht mehr

  • S.

    135

    neu sind. Es ist also nicht so, daß man einen Sexual-
    trieb erkennt, der von Anfang an die Stre-
    bung nach dem
    Ziel der Sexualfunktion, der Vereinigung der beiden
    Geschlechtszellen, trägt. Sondern wir sehen eine große
    Anzahl von Partialtrieben, von verschiedenen Körper-
    stellen und Regionen her, die ziemlich unabhängig von
    einander nach Befriedigung streben und diese Befriedi-
    gung in etwas finden, was wir Organlust heißen
    können. Die Genitalien sind die spätesten unter diesen
    erogenen Zonen, ihrer Organlust wird man den
    Namen: sexuelle Lust nicht mehr verweigern. Nicht
    alle diese nach Lust strebenden Regungen werden in die
    schließliche Organisation der Sexualfunktion aufgenom-
    men. Manche von ihnen werden als unbrauchbar besei-
    tigt, durch Verdrängung oder anderswie, einige werden
    in der vorhin erwähnten, merkwürdigen Weise von
    ihrem Ziel abgelenkt und zur Verstärkung anderer Re-
    gungen verwendet, noch andere bleiben in Nebenrollen
    erhalten, dienen zur Durchführung einleitender Akte,
    zur Erzeugung von Vorlust. Sie haben gehört, daß sich
    in dieser lang hingezogenen Entwicklung mehrere Pha-
    sen einer vorläufigen Organisation erkennen lassen, auch
    wie sich aus dieser Geschichte der Sexualfunktion ihre
    Abirrungen und Verkümmerungen erklären. Die erste
    dieser prägenitalen Phasen heißen wir die orale,
    weil entsprechend der Art, wie der Säugling ernährt
    wird, die erogene Mundzone auch beherrscht, was man
    die sexuelle Tätigkeit dieser Lebensperiode heißen darf.
    Auf einer zweiten Stufe drängen sich die sadisti-
    schen und die analen Impulse vor, gewiß im Zu-

  • S.

    136

    sammenhang mit dem Auftreten der Zähne, der Erstar-
    kung der Muskulatur und der Beherrschung der
    Sphinkterfunktionen. Wir haben gerade über diese auf-
    fällige Entwicklungsstufe viel interessante Einzelheiten
    erfahren. Zu dritt erscheint die phallische Phase,
    in der bei beiden Geschlechtern das männliche Glied
    und, was ihm beim Mädchen entspricht, eine nicht mehr
    zu übersehende Bedeutung gewinnt. Den Namen der
    genitalen Phase haben wir der endgültigen Sexual-
    organisation vorbehalten, die sich nach der Pubertät
    herstellt, in der erst das weibliche Genitale die Aner-
    kennung findet, die das männliche längst erworben
    hatte.

    Soweit ist das alles abgeblaßte Wiederholung. Und
    glauben Sie nicht, daß all das, was ich diesmal nicht er-
    wähnt habe, auch nicht mehr gilt. Es bedurfte dieser
    Wiederholung, um den Bericht über Fortschritte in un-
    seren Einsichten daran anzuknüpfen. Wir können uns
    rühmen, daß wir gerade über die frühen Organisationen
    der Libido viel Neues erfahren und die Bedeutung des
    Alten klarer erfaßt haben, was ich Ihnen wenigstens an
    einzelnen Proben zeigen will. Abraham hat 1924
    dargetan, daß man an der sadistisch-analen Phase zwei
    Stufen unterscheiden kann. Auf der früheren dieser
    beiden walten die destruktiven Tendenzen des Vernich-
    tens und Verlierens vor, auf der späteren die objekt-
    freundlichen des Festhaltens und Besitzens. In der Mitte
    dieser Phase tritt also zuerst die Rücksicht auf das Ob-
    jekt auf als Vorläufer einer späteren Liebesbesetzung.
    Ebenso berechtigt ist es, eine solche Unterteilung auch

  • S.

    137

    für die erste orale Phase anzunehmen. Auf der ersten
    Unterstufe handelt es sich nur um die orale Einverlei-
    bung, es fehlt auch jede Ambivalenz in der Beziehung
    zum Objekt der Mutterbrust. Die zweite Stufe, durch
    das Auftreten der Beißtätigkeit ausgezeichnet, kann als
    die oralsadistische bezeichnet werden; sie zeigt
    zum ersten Mal die Erscheinungen der Ambivalenz, die
    dann in der nächsten, der sadistisch-analen Phase soviel
    deutlicher werden. Der Wert dieser neuen Unterschei-
    dungen zeigt sich besonders, wenn man bei bestimmten
    Neurosen, – Zwangsneurose, Melancholie – nach den
    Dispositionsstellen in der Libidoentwicklung sucht. Rufen
    Sie sich hier ins Gedächtnis zurück, was wir über den
    Zusammenhang von Libidofixierung, Disposition und
    Regression erfahren haben.

    Unsere Einstellung zu den Phasen der Libidoorga-
    nisation hat sich überhaupt ein wenig verschoben. Wenn
    wir früher vor allem betonten, wie die eine derselben
    vor der nächsten vergeht, so gehört unsere Aufmerksam-
    keit jetzt den Tatsachen, die uns zeigen, wieviel von
    jeder früheren Phase neben und hinter den späteren
    Gestaltungen erhalten bleibt und sich eine dauernde Ver-
    tretung im Libidohaushalt und im Charakter der Per-
    son erwirbt. Noch bedeutsamer sind Studien geworden,
    die uns gelehrt haben, wie häufig sich unter pathologi-
    schen Bedingungen Regressionen zu früheren Phasen er-
    eignen, und daß bestimmte Regressionen für bestimmte
    Krankheitsformen charakteristisch sind. Aber das kann
    ich hier nicht behandeln; es gehört in eine spezielle
    Neurosenpsychologie.

  • S.

    138

    Triebumsetzungen und ähnliche Vorgänge haben
    wir besonders an der Analerotik, den Erregungen aus
    den Quellen der erogenen Analzone, studieren können
    und waren überrascht, wie vielfältigen Verwendungen
    diese Triebregungen zugeführt werden. Es ist vielleicht
    nicht leicht, sich von der Geringschätzung frei zu
    machen, die im Laufe der Entwicklung gerade diese
    Zone betroffen hat. Lassen wir uns darum von Abraham
    daran mahnen, daß der Anus embryologisch dem
    Urmund entspricht, welcher bis zum Darmende herab-
    gewandert ist. Wir erfahren dann, daß mit der Entwer-
    tung des eigenen Kots, der Exkremente, dieses Trieb-
    interesse aus analer Quelle auf Objekte übergeht, die als
    Geschenk gegeben werden können. Und dies mit
    Recht, denn der Kot war das erste Geschenk, das der
    Säugling machen konnte, dessen er sich aus Liebe zu
    seiner Pflegerin entäußerte. Im Weiteren, durchaus ana-
    log dem Bedeutungswandel in der Sprachentwicklung,
    setzt sich dies alte Kotinteresse in die Wertschätzung
    von Gold und Geld um, gibt aber auch seinen Bei-
    trag zur affektiven Besetzung von Kind und von
    Penis. Nach der Überzeugung aller Kinder, die ja
    lange Zeit an der Kloakentheorie festhalten, wird das
    Kind wie ein Stück Kot aus dem Darm geboren; die
    Defäkation ist das Vorbild des Geburtsaktes. Aber
    auch der Penis hat seinen Vorläufer in der Kotsäule,
    die das Schleimhautrohr des Darmes ausfüllt und reizt.
    Wenn das Kind, widerwillig genug, zur Kenntnis ge-
    nommen hat, daß es menschliche Wesen gibt, die dieses
    Glied nicht besitzen, erscheint ihm der Penis als etwas

  • S.

    139

    vom Körper Ablösbares und rückt in unverkennbare
    Analogie zum Exkrement, das ja das erste Stück Leib-
    lichkeit war, auf das man verzichten mußte. Ein großes
    Stück Analerotik wird so in Penisbesetzung überführt,
    aber das Interesse an diesem Körperteil hat außer der
    anale-
    rotischen eine vielleicht noch mächtigere orale
    Wurzel, denn nach der Einstellung des Säugens erbt der
    Penis auch von der Brustwarze des mütterlichen Organs.

    Es ist unmöglich, sich in den Phantasien, den vom
    Unbewußten beeinflußten Einfällen und in der Symptom-
    sprache der Menschen zurechtzufinden, wenn man diese
    tiefliegenden Beziehungen nicht kennt. Kot-Geld-Ge-
    schenk-Kind-Penis werden hier wie gleichbedeutend be-
    handelt, auch durch gemeinsame Symbole vertreten.
    Vergessen Sie auch nicht, daß ich Ihnen nur sehr un-
    vollständige Mitteilungen machen konnte. Ich kann etwa
    eilig hinzufügen, daß auch das spät erwachende Inter-
    esse an der Vagina hauptsächlich analerotischer Herkunft
    ist. Es ist nicht verwunderlich, denn die Vagina selbst ist
    nach einem guten Wort von Lou Andreas-Salomé
    dem Enddarm „abgemietet“; im Leben der Homosexuellen,
    die ein gewisses Stück der Sexualentwicklung nicht mit-
    gemacht haben, wird sie auch wieder durch diesen ver-
    treten. In Träumen kommt häufig eine Lokalität vor,
    die früher ein einziger Raum war und jetzt durch eine
    Wand in zwei geteilt ist, oder auch umgekehrt. Damit
    ist immer das Verhältnis der Vagina zum Darm ge-
    meint. Wir können auch schön verfolgen, wie beim
    Mädchen normaler Weise der ganz und gar unweibliche
    Wunsch nach dem Besitz eines Penis sich in den Wunsch

  • S.

    140

    nach einem Kind und dann nach einem Mann als
    Träger des Penis und Spender des Kindes umwandelt,
    so daß auch hier sichtbar wird, wie ein Stück ursprüng-
    lich analerotischen Interesses die Aufnahme in die
    spätere Genitalorganisation erwirbt.

    Während solcher Studien an den prägenitalen
    Phasen der Libido haben sich uns auch einige neue Ein-
    blicke in die Charakterbildung ergeben. Wir sind auf
    eine Trias von Eigenschaften aufmerksam geworden, die
    ziemlich regelmäßig beisammen sind: Ordentlich-
    keit, Sparsamkeit und Eigensinn, und haben aus der Analyse
    solcher Personen erschlossen, daß diese Eigenschaften
    aus der Aufzehrung und andersartigen Verwendung
    ihrer Analerotik hervorgegangen sind. Wir sprechen
    also von einem Analcharakter, wo wir diese auf-
    fällige Vereinigung finden, und bringen den Anal-
    charakter in einen gewissen Gegensatz zur unaufgear-
    beiteten Analerotik. Eine ähnliche, vielleicht noch
    festere Beziehung fanden wir zwischen dem Ehrgeiz
    und der Urethralerotik. Eine merkwürdige Anspielung
    auf diesen Zusammenhang entnahmen wir der Sage, daß
    Alexander der Große in derselben Nacht geboren
    wurde, in der ein gewisser Herostrat aus eitler
    Ruhmsucht den viel bewunderten Tempel der Artemis
    zu Ephesos in Brand steckte. Als ob den Alten ein
    solcher Zusammenhang nicht unbekannt gewesen wäre!
    Wie viel das Urinieren mit Feuer und Feuerlöschen zu
    tun hat, wissen Sie ja. Natürlich erwarten wir, daß
    auch andere Charaktereigenschaften sich in ähnlicher
    Weise als Niederschläge oder Reaktionsbildungen be-

  • S.

    141

    stimmter prägenitaler Libidoformationen ergeben wer-
    den, können es aber noch nicht aufzeigen.

    Nun ist es aber an der Zeit, daß ich in der Ge-
    schichte wie im Thema zurückgreife und die allge-
    meinsten Probleme des Trieblebens wieder aufnehme.
    Unserer Libidotheorie lag zunächst der Gegensatz von
    Ichtrieben und Sexualtrieben zu Grunde. Als wir dann
    später begannen, das Ich selbst näher zu studieren und
    den Gesichtspunkt des Narzismus erfaßten, verlor diese
    Unterscheidung selbst ihren Boden. In seltenen Fällen
    kann man erkennen, daß das Ich sich selbst zum Ob-
    jekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst ver-
    liebt wäre. Daher der der griechischen Sage entlehnte
    Name Narzismus. Aber das ist nur eine extreme
    Übersteigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt
    verstehen, daß das Ich immer das Hauptreservoir der
    Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen der Objekte
    ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren,
    während der Großteil dieser Libido stetig im Ich ver-
    bleibt. Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objekt-
    libido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido.
    Dann können die beiden aber ihrer Natur nach nicht
    verschieden sein, dann hat es keinen Sinn, die Energie
    der einen von der der anderen zu sondern, man kann
    die Bezeichnung Libido fallen lassen oder sie als gleich-
    bedeutend mit psychischer Energie überhaupt ge-
    brauchen.

    Wir sind nicht lange auf diesem Standpunkt ver-
    blieben. Die Ahnung von einer Gegensätzlichkeit inner-
    halb des Trieblebens hat sich bald einen anderen, noch

  • S.

    142

    schärferen Ausdruck verschafft. Diese Neuheit in der
    Trieblehre möchte ich aber nicht vor Ihnen ableiten;
    auch sie ruht im Wesentlichen auf biologischen Erwägun-
    gen; ich werde sie Ihnen als fertiges Produkt vorführen.
    Wir nehmen an, daß es zwei wesensverschiedene Arten
    von Trieben gibt, die Sexualtriebe, im weitesten Sinne
    verstanden, den Eros, wenn Sie diese Benennung vor-
    ziehen, und die Aggressionstriebe, deren Ziel die
    Destruktion ist. Wenn Sie es so hören, werden Sie es
    kaum als Neuheit gelten lassen; es scheint ein Versuch
    zur theoretischen Verklärung des banalen Gegensatzes
    zwischen Lieben und Hassen, der vielleicht mit jener
    anderen Polarität von Anziehung und Abstoßung zu-
    sammenfällt, welche die Physik für die anorganische
    Welt annimmt. Aber es ist merkwürdig, daß diese Auf-
    stellung doch von Vielen als Neuerung empfunden
    wird, und zwar als eine sehr unerwünschte, die mög-
    lichst bald wieder beseitigt werden sollte. Ich nehme
    an, daß ein starkes affektives Moment sich in dieser
    Ablehnung durchsetzt. Warum haben wir selbst so
    lange Zeit gebraucht, ehe wir uns zur Anerkennung
    eines Aggressionstriebs entschlossen; warum nicht Tat-
    sachen, die offen zu Tage liegen und jedermann be-
    kannt sind, ohne Zögern für die Theorie verwertet?
    Wahrscheinlich würde es auf geringen Widerstand
    stoßen, wenn man den Tieren einen Trieb mit solchem
    Ziel zuschreiben wollte. Aber ihn in die menschliche
    Konstitution aufzunehmen, erscheint frevelhaft; es
    widerspricht zu vielen religiösen Voraussetzungen und
    sozialen Konventionen. Nein, der Mensch muß von

  • S.

    143

    Natur aus gut oder wenigstens gutmütig sein. Wenn
    er sich gelegentlich brutal, gewalttätig, grausam zeigt,
    so sind das vorübergehende Trübungen seines Gefühls-
    lebens, meist provoziert, vielleicht nur Folge der un-
    zweckmäßigen Gesellschaftsordnungen, die er sich bis-
    her gegeben hat.

    Leider spricht, was uns die Geschichte berichtet
    und was wir selbst erlebt haben, nicht in diesem Sinne,
    sondern rechtfertigt eher das Urteil, daß der Glaube
    an die „Güte“ der menschlichen Natur eine jener
    schlimmen Illusionen ist, von denen die Menschen eine
    Verschönerung und Erleichterung ihres Lebens er-
    warten, während sie in Wirklichkeit nur Schaden
    bringen. Wir brauchen diese Polemik nicht fortzusetzen,
    denn nicht wegen der Lehren von Geschichte und
    Lebenserfahrung haben wir die Annahme eines beson-
    deren Aggressions- und Destruktionstriebs beim Men-
    schen befürwortet, sondern es geschah auf Grund allge-
    meiner Erwägungen, zu denen uns die Würdigung der
    Phänome des Sadismus und des Masochismus
    führte. Sie wissen, wir heißen es Sadismus, wenn die
    sexuelle Befriedigung an die Bedingung geknüpft ist, daß
    das Sexualobjekt Schmerzen, Mißhandlungen und Demü-
    tigungen erleide, Masochismus, wenn das Bedürfnis
    besteht, selbst dieses mißhandelte Objekt zu sein. Sie
    wissen auch, daß ein gewisser Zusatz dieser beiden
    Strebungen in die normale Sexualbeziehung aufgenom-
    men ist, und daß wir sie als Perversionen bezeichnen,
    wenn sie die anderen Sexualziele zurückdrängen und
    ihre eigenen Ziele an deren Stelle setzen. Es wird Ihnen

  • S.

    144

    auch kaum entgangen sein, daß der Sadismus zur Männ-
    lichkeit, der Masochismus zur Weiblichkeit eine in-
    timere Beziehung unterhält, als ob hier eine geheime
    Verwandtschaft bestünde, obwohl ich Ihnen sogleich
    sagen muß, daß wir nicht auf diesem Weg weiter ge-
    kommen sind. Beide, Sadismus wie Masochismus, sind
    für die Libidotheorie recht rätselhafte Phänomene, der
    Masochismus ganz besonders, und es ist nur in der
    Ordnung, wenn das, was für die eine Theorie den Stein
    des Anstoßes gebildet hat, für die sie ersetzende den
    Eckstein abgeben sollte.

    Wir meinen also, daß wir im Sadismus und im
    Masochismus zwei ausgezeichnete Beispiele von der Ver-
    mischung beider Triebarten, des Eros mit der Aggres-
    sion, vor uns haben, und machen nun die Annahme,
    daß dies Verhältnis vorbildlich ist, daß alle Trieb-
    regungen, die wir studieren können, aus solchen
    Mischungen oder Legierungen der beiden Triebarten
    bestehen. Natürlich in den verschiedenartigsten Mi-
    schungsverhältnissen. Dabei würden die erotischen
    Triebe die Mannigfaltigkeit ihrer Sexualziele in die
    Mischung einführen, während die anderen nur Mil-
    derungen und Abstufungen ihrer eintönigen Tendenz
    zuließen. Durch diese Annahme haben wir uns die
    Aussicht auf Untersuchungen eröffnet, die einmal eine
    große Bedeutung für das Verständnis pathologischer
    Vorgänge bekommen können. Denn Mischungen mögen
    auch zerfallen und solchen Triebentmischungen darf
    man die schwersten Folgen für die Funktion zutrauen.
    Aber diese Gesichtspunkte sind noch zu neu; niemand

  • S.

    145

    hat bisher versucht, sie in der Arbeit zu ver-
    werten.
    Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das
    uns der Masochismus aufgibt. Sehen wir für den Augen-
    blick von seiner erotischen Komponente ab, so bürgt
    er uns für die Existenz einer Strebung, welche die
    Selbstzerstörung zum Ziel hat. Wenn es auch für den
    Destruktionstrieb zutrifft, daß das Ich – aber wir
    meinen hier vielmehr das Es, die ganze Person – ur-
    sprünglich alle Triebregungen in sich schließt, so
    ergibt sich die Auffassung, daß der Masochismus älter
    ist als der Sadismus, der Sadismus aber ist nach außen
    gewendeter Destruktionstrieb, der damit den Charakter
    der Aggression erwirbt. So und soviel vom ursprüng-
    lichen Destruktionstrieb mag noch im Inneren ver-
    bleiben; es scheint, daß unsere Wahrnehmung seiner
    nur unter diesen zwei Bedingungen habhaft wird, wenn
    er sich mit erotischen Trieben zum Masochismus ver-
    bindet, oder wenn er sich als Aggression – mit
    größerem oder geringerem erotischen Zusatz – gegen
    die Außenwelt wendet. Nun drängt sich uns die Be-
    deutung der Möglichkeit auf, daß die Aggression in der
    Außenwelt Befriedigung nicht finden kann, weil sie auf
    reale Hindernisse stößt. Sie wird dann vielleicht
    zurücktreten, das Ausmaß der im Inneren waltenden
    Selbstdestruktion vermehren. Wir werden hören, daß
    dies wirklich so geschieht und wie wichtig dieser Vor-
    gang ist. Verhinderte Aggression scheint eine schwere
    Schädigung zu bedeuten; es sieht wirklich so aus, als
    müßten wir anderes und andere zerstören, um uns nicht
    selbst zu zerstören, um uns vor der Tendenz zur Selbst-

  • S.

    146

    destruktion zu bewahren. Gewiß eine traurige Eröff-
    nung für den Ethiker!

    Aber der Ethiker wird sich noch auf lange hinaus
    mit der Unwahrscheinlichkeit unserer Spekulationen
    trösten. Ein sonderbarer Trieb, der sich mit der Zer-
    störung seines eigenen organischen Heims befaßt! Die
    Dichter sprechen zwar von solchen Dingen, aber Dichter
    sind unverantwortlich, sie genießen das Vorrecht der
    poetischen Lizenz. Allerdings sind ähnliche Vorstel-
    lungen auch der Physiologie nicht fremd, z. B. die der
    Magenschleimhaut, die sich selbst verdaut. Aber es ist
    zuzugeben, daß unser Selbstzerstörungstrieb einer brei-
    teren Unterstützung bedarf. Eine Annahme von solcher
    Tragweite kann man doch nicht bloß darum wagen,
    weil einige arme Narren ihre Sexualbefriedigung an
    eine sonderbare Bedingung geknüpft haben. Ich meine,
    ein vertieftes Studium der Triebe wird uns geben, was
    wir brauchen. Die Triebe regieren nicht allein das
    seelische, sondern auch das vegetative Leben, und diese
    organischen Triebe zeigen einen Charakterzug, der unser
    stärkstes Interesse verdient. Ob es ein allgemeiner
    Charakter der Triebe ist, werden wir erst später be-
    urteilen können. Sie enthüllen sich nämlich als Bestre-
    ben, einen früheren Zustand wieder herzustellen. Wir
    können annehmen, vom Moment an, da ein solcher ein-
    mal erreichter Zustand gestört worden, entsteht ein
    Trieb, ihn neu zu schaffen und bringt Phänomene her-
    vor, die wir als Wiederholungszwang bezeich-
    nen können. So ist die Embryologie ein einziges Stück
    Wiederholungszwang; weit hinauf in die Tierreihe

  • S.

    147

    erstreckt sich ein Vermögen, verlorene Organe neu zu
    bilden, und der Heiltrieb, dem wir, neben den therapeu-
    tischen Hilfeleistungen, unsere Genesungen verdanken,
    dürfte der Rest dieser bei niederen Tieren so großartig
    entwickelten Fähigkeit sein. Die Laichwanderungen der
    Fische, vielleicht die Vogelflüge, möglicher Weise alles,
    was wir bei den Tieren als Instinktäußerung bezeichnen,
    erfolgt unter dem Gebot des Wiederholungszwangs, der
    die konservative Natur der Triebe zum Ausdruck
    bringt. Auch auf seelischem Gebiet brauchen wir nicht
    lange nach Äußerungen desselben zu suchen. Es ist uns
    aufgefallen, daß die vergessenen und verdrängten Er-
    lebnisse der früheren Kindheit sich während der ana-
    lytischen Arbeit in Träumen und Reaktionen, besonders
    in denen der Übertragung reproduzieren, obwohl ihre
    Wiedererweckung dem Interesse des Lustprinzips zu-
    widerläuft, und haben uns die Erklärung gegeben, daß
    in diesen Fällen ein Wiederholungszwang sich selbst
    über das Lustprinzip hinaussetzt. Auch außerhalb der
    Analyse kann man Ähnliches beobachten. Es gibt Men-
    schen, die in ihrem Leben ohne Korrektur immer die
    nämlichen Reaktionen zu ihrem Schaden wiederholen,
    oder die selbst von einem unerbittlichen Schicksal ver-
    folgt scheinen, während doch eine genauere Unter-
    suchung lehrt, daß sie sich dieses Schicksal unwissent-
    lich selbst bereiten. Wir schreiben dann dem Wieder-
    holungszwang den dämonischen Charakter zu.
    Was kann aber dieser konservative Zug der Triebe
    für das Verständnis unserer Selbstzerstörung leisten?
    Welchen früheren Zustand wollte ein solcher Trieb

  • S.

    148

    wieder herstellen? Nun, die Antwort liegt nicht ferne
    und eröffnet weite Perspektiven. Wenn es wahr ist,
    daß – in unvordenklicher Zeit und auf unvorstellbare
    Weise – einmal aus unbelebter Materie das Leben her-
    vorgegangen ist, so muß nach unserer Voraussetzung
    damals ein Trieb entstanden sein, der das Leben
    wieder aufheben, den anorganischen Zustand wieder
    herstellen will. Erkennen wir in diesem Trieb die Selbst-
    destruktion unserer Annahme wieder, so dürfen wir
    diese als Ausdruck eines Todestriebes erfassen,
    der in keinem Lebensprozeß vermißt werden kann.
    Und nun scheiden sich uns die Triebe, an die wir
    glauben, in die zwei Gruppen der erotischen, die immer
    mehr lebende Substanz zu größeren Einheiten zusam-
    menballen wollen, und der Todestriebe, die sich diesem
    Streben widersetzen und das Lebende in den anorgani-
    schen Zustand zurückführen. Aus dem Miteinander-
    und Gegeneinanderwirken der beiden gehen die Lebens-
    erscheinungen hervor, denen der Tod ein Ende setzt.
    Sie werden vielleicht achselzuckend sagen: Das ist
    nicht Naturwissenschaft, das ist Schopenhauer-
    sche Philosophie. Aber warum, meine Damen und
    Herren, sollte nicht ein kühner Denker erraten haben,
    was dann nüchterne und mühselige Detailforschung be-
    stätigt? Und dann, alles ist schon einmal gesagt worden
    und vor Schopenhauer haben viele ähnliches gesagt.
    Und weiter, was wir sagen, ist nicht einmal richtiger
    Schopenhauer. Wir behaupten nicht, der Tod sei
    das einzige Ziel des Lebens; wir übersehen nicht neben
    dem Tod das Leben. Wir anerkennen zwei Grund-

  • S.

    149

    triebe und lassen jedem sein eigenes Ziel. Wie sich die
    beiden im Lebensprozeß vermengen, wie der Todestrieb
    den Absichten des Eros dienstbar gemacht wird, zumal
    in seiner Wendung nach außen als Aggression, das sind
    Aufgaben, die der Forschung der Zukunft überlassen
    bleiben. Wir kommen nicht weiter als bis zur Stelle,
    wo sich eine solche Aussicht vor uns auftut. Auch die
    Frage, ob der konservative Charakter nicht allen
    Trieben ausnahmslos eignet, ob nicht auch die eroti-
    schen Triebe einen früheren Zustand wiederbringen
    wollen, wenn sie die Synthese des Lebenden zu größeren
    Einheiten anstreben, auch diese Frage werden wir un-
    beantwortet lassen müssen.

    Wir haben uns ein wenig weit von unserer Basis
    entfernt. Ich will Ihnen nachträglich mitteilen, welches
    der Ausgangspunkt dieser Überlegungen zur Trieblehre
    war. Derselbe, der uns zur Revision der Beziehung
    zwischen dem Ich und dem Unbewußten geführt hat,
    der Eindruck aus der analytischen Arbeit, daß der
    Patient, der Widerstand leistet, so oft von diesem
    Widerstand nichts weiß. Aber nicht nur die Tatsache
    des Widerstands ist ihm unbewußt, auch die Motive
    desselben sind es. Wir mußten nach diesen Motiven
    oder diesem Motiv forschen und fanden es zu unserer
    Überraschung in einem starken Strafbedürfnis, das wir
    nur den masochistischen Wünschen anreihen konnten.
    Die praktische Bedeutung dieses Fundes steht hinter
    seiner theoretischen nicht zurück, denn dies Strafbedürf-
    nis ist der schlimmste Feind unserer therapeutischen
    Bemühung. Es wird durch das Leiden befriedigt, das

  • S.

    150

    mit der Neurose verbunden ist, und hält darum am
    Kranksein fest. Es scheint, daß dieses Moment, das un-
    bewußte Strafbedürfnis, an jeder neurotischen Erkran-
    kung beteiligt ist. Geradezu überzeugend wirken hier
    Fälle, in denen sich das neurotische Leiden durch ein
    andersartiges ablösen läßt. Ich will Ihnen von einer
    solchen Erfahrung berichten. Es war mir einmal gelun-
    gen, ein älteres Mädchen von dem Symptomkomplex
    zu befreien, der sie durch etwa 15 Jahre zu einer qual-
    vollen Existenz verurteilt und von der Teilnahme am
    Leben ausgeschlossen hatte. Sie empfand sich nun als
    gesund, und stürzte sich in eine eifrige Tätigkeit, um
    ihre nicht geringfügigen Talente zu entwickeln und sich
    noch ein Stück Geltung, Genuß und Erfolg zu er-
    haschen. Aber jeder ihrer Versuche endete damit, daß
    man sie wissen ließ oder daß sie selbst einsah, sie sei zu
    alt geworden, um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen.
    Nach jedem solchen Ausgang wäre der Rückfall in die
    Krankheit das nächste gewesen, aber das konnte sie
    nicht mehr zustande bringen; anstatt dessen ereigneten
    sich ihr jedesmal Unfälle, die sie für eine Zeit lang
    außer Tätigkeit setzten und leiden ließen. Sie war ge-
    fallen und hatte sich einen Fuß verstaucht oder ein
    Knie verletzt, bei irgend einer Hantierung eine Hand
    beschädigt. Aufmerksam gemacht, wie groß ihr eigener
    Anteil an diesen anscheinenden Zufällen sein könnte,
    änderte sie sozusagen ihre Technik. Anstatt der Unfälle
    traten bei den gleichen Veranlassungen leichte Erkran-
    kungen auf, Katarrhe, Anginen, grippeartige Zustände,
    rheumatische Schwellungen, bis endlich mit der

  • S.

    151

    Resignation, zu der sie sich entschloß, der ganze Spuk
    vorüber war.

    Über die Herkunft dieses unbewußten Strafbedürf-
    nisses, meinen wir, ist kein Zweifel. Es benimmt sich
    wie ein Stück des Gewissens, wie die Fortsetzung
    unseres Gewissens ins Unbewußte, es wird auch dieselbe
    Herkunft haben wie das Gewissen, also einem Stück
    Aggression entsprechen, das verinnerlicht und vom
    Überich übernommen wurde. Würden die Worte nur
    besser zusammenpassen, so wäre es für alle praktischen
    Belange nur gerechtfertigt, es „unbewußtes Schuldgefühl“
    zu heißen. Theoretisch sind wir eigentlich im Zweifel,
    ob wir annehmen sollen, daß alle aus der Außenwelt
    zurückgekehrte Aggression vom Überich gebunden und
    somit gegen das Ich gewendet werde, oder daß ein Teil
    von ihr seine stumme und unheimliche Tätigkeit als
    freier Destruktionstrieb im Ich und Es ausübe. Wahr-
    scheinlicher ist eine solche Verteilung, doch wissen wir
    nichts weiter darüber. Bei der ersten Einsetzung des
    Überichs ist gewiß zur Ausstattung dieser Instanz jenes
    Stück Aggression gegen die Eltern verwendet worden,
    dem das Kind infolge seiner Liebesfixierung wie der
    äußeren Schwierigkeiten keine Abfuhr nach außen
    schaffen konnte, und darum braucht die Strenge des
    Überichs nicht einfach der Härte der Erziehung zu ent-
    sprechen. Es ist sehr wohl möglich, daß bei späteren
    Anlässen zur Unterdrückung der Aggression der Trieb
    denselben Weg nimmt, der ihm in jenem entscheiden-
    den Zeitpunkt eröffnet wurde.

    Personen, bei denen dies unbewußte Schuldgefühl

  • S.

    152

    übermächtig ist, verraten sich in der analytischen Be-
    handlung durch die prognostisch so unliebsame nega-
    tive therapeutische Reaktion. Wenn man ihnen eine
    Symptomlösung mitgeteilt hat, auf die normaler Weise
    ein wenigstens zeitweiliges Schwinden des Symptoms
    folgen sollte, erzielt man bei ihnen im Gegenteil eine
    momentane Verstärkung des Symptoms und des
    Leidens. Es reicht oft hin, sie für ihr Benehmen in der
    Kur zu beloben, einige hoffnungsvolle Worte über den
    Fortschritt der Analyse zu äußern, um eine unverkenn-
    bare Verschlimmerung ihres Befindens herbeizuführen.
    Der Nicht-Analytiker würde sagen, er vermisse den
    „Genesungswillen“; nach analytischer Denkweise sehen
    Sie in diesem Benehmen eine Äußerung des unbewußten
    Schuldgefühls, dem Kranksein mit seinen Leiden und
    Verhinderungen eben recht ist. Die Probleme, die das
    unbewußte Schuldgefühl aufgerollt hat, seine Bezie-
    hungen zu Moral, Pädagogik, Kriminalität und Ver-
    wahrlosung sind gegenwärtig das bevorzugte Arbeits-
    gebiet der Psychoanalytiker. An unerwarteter Stelle
    sind wir hier aus der psychischen Unterwelt in den
    offenen Markt eingebrochen. Ich kann Sie nicht weiter
    führen, aber mit einem Gedankengang–muß ich Sie
    noch aufhalten, ehe ich Sie für diesmal verabschiede.
    Es ist uns geläufig worden zu sagen, daß unsere Kultur
    auf Kosten sexueller Strebungen aufgebaut ist, die von
    der Gesellschaft gehemmt, zum Teil zwar verdrängt,
    zum anderen Teil aber für neue Ziele nutzbar gemacht
    werden. Wir haben auch bei allem Stolz auf unsere
    kulturellen Errungenschaften zugestanden, daß es uns

  • S.

    153

    nicht leicht wird, die Anforderungen dieser Kultur zu
    erfüllen, uns in ihr wohl zu fühlen, weil die uns auf
    erlegten Triebbeschränkungen eine schwere psychische
    Belastung bedeuten. Nun, was wir für die Sexualtriebe
    erkannt haben, gilt im gleichen, vielleicht in noch
    höherem Maße, für die anderen, die Aggressionstriebe.
    Diese sind es vor Allem, die das Zusammenleben der
    Menschen erschweren und dessen Fortdauer bedrohen;
    Einschränkung seiner Aggression ist das erste, vielleicht
    das schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen
    zu fordern hat. Wir haben erfahren, in wie ingeniöser
    Weise diese Bändigung des Widerspenstigen vollzogen
    wird. Die Einsetzung des Überichs, das die gefährlichen
    aggressiven Regungen an sich reißt, bringt gleichsam
    eine Besatzung in die zum Aufruhr geneigte Stätte.
    Aber anderseits, rein psychologisch betrachtet, muß man
    bekennen, das Ich fühlt sich nicht wohl dabei, wenn es
    so den Bedürfnissen der Gesellschaft geopfert wird,
    wenn es sich den destruktiven Tendenzen der Aggres-
    sion unterwerfen muß, die es gern selbst gegen andere
    betätigt hätte. Es ist wie eine Fortsetzung jenes Dilem-
    mas vom Fressen und Gefressenwerden, das die
    organische Lebewelt beherrscht, aufs psychische Gebiet.
    Zum Glück sind die Aggressionstriebe niemals allein,
    immer mit den erotischen legiert. Diese letzteren haben
    unter den Bedingungen der vom Menschen geschaffenen
    Kultur vieles zu mildern und zu verhüten.