S.
XXXII. VORLESUNG
ANGST UND TRIEBLEBEN
Meine Damen und Herren! Sie werden nicht über-
rascht sein zu hören, daß ich Ihnen manche Neuheiten
von unserer Auffassung der Angst und der Grundtriebe
des Seelenlebens zu berichten habe, auch nicht, daß
keine derselben als endgültige Lösung der schwebenden
Probleme gelten will. In bestimmter Absicht spreche ich
hier von Auffassungen. Es sind die schwierigsten Auf-
gaben, die uns gestellt werden, aber die Schwierigkeit
liegt nicht etwa an der Unzulänglichkeit der Beob-
achtungen, es sind gerade die häufigsten und vertrautesten
Phänomene, die uns jene Rätsel aufgeben; auch nicht
an der Entlegenheit der Spekulationen, zu denen sie
anregen; spekulative Verarbeitung kommt auf diesem
Gebiet wenig in Betracht. Sondern es handelt sich wirk-
lich um Auffassungen, d. h. darum, die richtigen ab-
strakten Vorstellungen einzuführen, deren Anwendung
auf den Rohstoff der Beobachtung Ordnung und Durch-
sichtigkeit in ihm entstehen läßt.Der Angst habe ich bereits eine Vorlesung der
früheren Reihe, die fünfundzwanzigste, gewidmet. Ich
muß deren Inhalt in Verkürzung wiederholen. Wir haben
gesagt, Angst sei ein Affektzustand, also eine Vereinigung
von bestimmten Empfindungen der Lust-Unlustreihe mitS.
113
den ihnen entsprechenden Abfuhrinnervationen und
deren Wahrnehmung, wahrscheinlich aber der Nieder-
schlag eines gewissen bedeutungsvollen Ereignisses,
durch Vererbung einverleibt, also vergleichbar dem
individuell erworbenen hysterischen Anfall. Als jenes
Ereignis, das eine solche Affektspur hinterlassen, haben
wir den Vorgang der Geburt in Anspruch genommen,
bei dem die der Angst eigenen Beeinflussungen von
Herztätigkeit und Atmung zweckmäßig waren. Die
allererste Angst wäre also eine toxische gewesen. Wir
sind dann von der Unterscheidung zwischen Realangst
und neurotischer Angst ausgegangen, die erstere eine
uns begreiflich scheinende Reaktion auf die Gefahr,
d. h. auf erwartete Schädigung von Außen, die andere
durchaus rätselhaft, wie zwecklos. In einer Analyse der
Realangst haben wir sie auf einen Zustand gesteigerter
sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung
reduziert, den wir Angstbereitschaft heißen.
Aus dieser entwickle sich die Angstreaktion. In der seien
zwei Ausgänge möglich. Entweder die Angstent-
wicklung, die Wiederholung des alten traumatischen
Erlebnisses, beschränkt sich auf ein Signal, dann kann
die übrige Reaktion sich der neuen Gefahrlage anpassen,
in Flucht oder Verteidigung ausgehen, oder das Alte
behält die Oberhand, die gesamte Reaktion erschöpft
sich in der Angstentwicklung und dann wird der
Affektzustand lähmend und für die Gegenwart un-
zweckmäßig.Wir haben uns dann zur neurotischen Angst ge-
wendet und gesagt, daß wir sie unter dreierlei Verhält-
S.
114
nissen beobachten. Erstens als frei flottierende, all-
gemeine Ängstlichkeit, bereit, sich vorübergehend mit
jeder neu auftauchenden Möglichkeit zu verknüpfen, als
sogenannte Erwartungsangst, wie z. B. bei der typischen
Angstneurose. Zweitens fest gebunden an bestimmte
Vorstellungsinhalte in den sog. Phobien, bei denen
wir eine Beziehung zur äußeren Gefahr zwar noch
erkennen mögen, aber die Angst vor ihr für maßlos
übertrieben halten müssen. Endlich drittens die Angst
bei der Hysterie und anderen Formen schwerer Neu-
rosen, die entweder Symptome begleitet oder unabhängig
auftritt als Anfall oder länger anhaltender Zustand,
immer aber ohne ersichtliche Begründung durch eine
äußere Gefahr. Wir haben uns dann die zwei Fragen
vorgelegt: Wovor fürchtet man sich bei neurotischer
Angst? und: Wie kann man diese mit der Realangst
vor äußeren Gefahren zusammenbringen?Unsere Untersuchungen sind keineswegs erfolglos
geblieben, wir haben einige wichtige Aufschlüsse ge-
wonnen. In Bezug auf die ängstliche Erwartung hat uns
die klinische Erfahrung einen regelmäßigen Zusammen-
hang mit dem Libidohaushalt im Sexualleben kennen ge-
lehrt. Die gewöhnlichste Ursache der Angstneurose ist
die frustrane Erregung. Es wird eine libidinöse Erregung
hervorgerufen, aber nicht befriedigt, nicht verwendet;
an Stelle dieser, von ihrer Verwendung abgelenkten,
Libido tritt dann die Ängstlichkeit auf. Ich glaubte mich
sogar berechtigt zu sagen, diese unbefriedigte Libido ver-
wandle sich direkt in Angst. Diese Auffassung fand eine
Unterstützung in gewissen ganz regelmäßigen Phobien derS.
115
kleinen Kinder. Viele dieser Phobien sind uns durchaus
rätselhaft, andere aber, wie die Angst im Alleinsein und
die vor fremden Personen, lassen eine sichere Erklärung
zu. Die Einsamkeit sowie das fremde Gesicht erwecken
die Sehnsucht nach der vertrauten Mutter; das Kind
kann diese libidinöse Erregung nicht beherrschen, nicht
in Schwebe erhalten, sondern verwandelt sie in Angst.
Diese Kinderangst ist also nicht der Realangst, sondern
der neurotischen zuzurechnen. Die Kinderphobien und
die Angsterwartung der Angstneurose geben uns zwei
Beispiele für die eine Art, wie neurotische Angst entsteht:
Durch direkte Umwandlung der Libido. Einen zweiten
Mechanismus werden wir sofort kennen lernen; es wird
sich zeigen, daß er vom ersten nicht sehr verschieden ist.
Für die Angst bei der Hysterie und anderen Neu-
rosen machen wir nämlich den Vorgang der Verdrän-
gung verantwortlich. Wir meinen, wir können diesen
vollständiger als vorhin beschreiben, wenn wir das
Schicksal der zu verdrängenden Vorstellung von dem
des ihr anhaftenden Libidobetrags gesondert halten. Es
ist die Vorstellung, die die Verdrängung erfährt, even-
tuell zum Unkenntlichen entstellt wird; ihr Affektbetrag
aber wird regelmäßig in Angst verwandelt und zwar
gleichgültig, von welcher Art er sein mag, ob Aggression
oder Liebe. Nun macht es keinen wesentlichen Unter-
schied, aus welchem Grund ein Libidobetrag unver-
wendbar geworden ist, ob aus infantiler Schwäche des
Ichs, wie bei den Kinderphobien, infolge somatischer
Vorgänge im Sexualleben wie bei der Angstneurose, oder
durch Verdrängung wie bei der Hysterie. Die beidenS.
116
Mechanismen der Entstehung neurotischer Angst fallen
also eigentlich zusammen.Während dieser Untersuchungen sind wir auf
eine höchst bedeutsame Beziehung zwischen Angst-
entwicklung und Symptombildung aufmerksam ge-
worden. Nämlich, daß die beiden einander ver-
treten und ablösen. Der Agoraphobe z. B. beginnt seine
Leidensgeschichte mit einem Angstanfall auf der Straße.
Dieser würde sich jedesmal wiederholen, wenn er wieder
auf die Straße ginge. Er schafft nun das Symptom der
Straßenangst, das man auch eine Hemmung, Funktions-
einschränkung des Ichs heißen kann, und erspart sich
dadurch den Angstanfall. Das Umgekehrte sieht man,
wenn man sich, wie es z. B. bei Zwangshandlungen
möglich ist, in die Symptombildung einmengt. Hindert
man den Kranken, sein Waschzeremoniell auszuführen,
so gerät er in einen schwer erträglichen Angstzustand,
gegen den ihn offenbar sein Symptom geschützt hatte.
Und zwar scheint es, daß die Angstentwicklung das
Frühere, die Symptombildung das Spätere ist, als ob die
Symptome geschaffen würden, um den Ausbruch des
Angst-
zustandes zu vermeiden. Und dazu stimmt es auch,
daß die ersten Neurosen des Kindesalters Phobien sind,
Zustände, an denen man so deutlich erkennt, wie eine
anfängliche Angstentwicklung durch die spätere
Symptombildung abgelöst wird: man empfängt den Ein-
druck, daß man von diesen Beziehungen her den besten
Zugang zum Verständnis der neurotischen Angst finden
wird. Gleichzeitig ist es uns auch gelungen, die Frage
zu beantworten, wovor man sich bei neurotischer AngstS.
117
fürchtet, und so die Verbindung zwischen neurotischer
und Realangst herzustellen. Das, wovor man sich fürch-
tet, ist offenbar die eigene Libido. Der Unterschied von
der Situation der Realangst liegt in zwei Punkten, daß
die Gefahr eine innerliche ist anstatt einer äußeren und
daß sie nicht bewußt erkannt wird.Bei den Phobien kann man sehr deutlich erkennen,
wie diese innerliche Gefahr in eine äußerliche umgesetzt,
also neurotische Angst in scheinbare Realangst verwan-
delt wird. Nehmen wir, um einen oft sehr komplizierten
Sachverhalt zu vereinfachen, an, daß der Agoraphobe
sich regelmäßig vor den Regungen der Versuchung
fürchte, die in ihm durch die Begegnungen auf der
Straße geweckt werden. In seiner Phobie nimmt er eine
Verschiebung vor und ängstigt sich nun vor einer äußeren
Situation. Sein Gewinn dabei ist offenbar, daß er meint,
sich so besser schützen zu können. Vor einer äußeren
Gefahr kann man sich durch die Flucht retten, der
Fluchtversuch vor einer inneren Gefahr ist ein schwie-
riges Unternehmen.Am Schlusse meiner damaligen Vorlesung über die
Angst habe ich selbst dem Urteil Ausdruck gegeben, daß
diese verschiedenen Ergebnisse unserer Untersuchung
nicht etwa einander widersprechen, aber doch irgendwie
nicht zusammenstimmen. Die Angst ist als Affektzustand
die Reproduktion eines alten gefahrdrohenden Ereig-
nisses, die Angst steht im Dienst der Selbsterhaltung und
ist ein Signal einer neuen Gefahr, sie entsteht aus
irgendwie unverwendbar gewordener Libido, auch bei
dem Prozeß der Verdrängung, sie wird durch die Sym-S.
118
ptombildung abgelöst, gleichsam psychisch gebunden-
man verspürt, daß hier etwas fehlt, was aus Stücken
eine Einheit macht.Meine Damen und Herren! Jene Zerlegung der
seelischen Persönlichkeit in ein Überich, Ich und Es, die
ich Ihnen in der letzten Vorlesung vorgetragen, hat uns
auch eine neue Orientierung im Angstproblem aufge-
nötigt. Mit dem Satz, das Ich ist die alleinige Angst-
stätte, nur das Ich kann Angst produzieren und ver-
spüren, haben wir eine neue, feste Position bezogen, von
der aus manche Verhältnisse ein anderes Ansehen zeigen.
Und wirklich, wir wüßten nicht, was für Sinn es hätte,
von einer „Angst des Es“ zu sprechen, oder dem Überich
die Fähigkeit zur Ängstlichkeit zuzuschreiben. Hingegen
haben wir es als eine erwünschte Entsprechung begrüßt,
daß die drei Hauptarten der Angst, die Realangst, die
neurotische und die Gewissensangst sich so zwanglos auf
die drei Abhängigkeiten des Ichs, von der Außenwelt,
vom Es und vom Überich, beziehen lassen. Mit dieser
neuen Auffassung ist auch die Funktion der Angst als
Signal zur Anzeige einer Gefahrsituation, die uns ja
vorher nicht fremd war, in den Vordergrund getreten,
die Frage, aus welchem Stoff die Angst gemacht wird,
hat an Interesse verloren und die Beziehungen zwischen
Realangst und neurotischer Angst haben sich in über-
raschender Weise geklärt und vereinfacht. Es ist übrigens
bemerkenswert, daß wir jetzt die anscheinend kompli-
zierten Fälle von Entstehung der Angst besser verstehen
als die für einfach gehaltenen.Wir haben nämlich neuerlich untersucht, wie die
S.
119
Angst bei gewissen Phobien entsteht, die wir der Angst-
hysterie zurechnen, und Fälle gewählt, bei denen es sich
um die typische Verdrängung der Wunschregungen aus
dem Ödipuskomplex handelte. Unserer Erwartung nach
hätten wir finden sollen, daß es die libidinöse Besetzung
des Mutterobjekts ist, die sich infolge der Verdrängung
in Angst verwandelt und nun im symptomatischen Aus-
druck als an den Vaterersatz geknüpft auftritt. Ich kann
Ihnen die einzelnen Schritte einer solchen Untersuchung
nicht vorführen, genug, das überraschende Resultat war
das Gegenteil unserer Erwartung. Nicht die Verdrän-
gung schafft die Angst, sondern die Angst ist früher da,
die Angst macht die Verdrängung! Aber was für Angst
kann es sein? Nur die Angst vor einer drohenden äußeren
Gefahr, also eine Realangst. Es ist richtig, der Knabe
bekommt Angst vor einem Anspruch seiner Libido, in
diesem Fall vor der Liebe zu seiner Mutter, es ist also
wirklich ein Fall von neurotischer Angst. Aber diese
Verliebtheit erscheint ihm nur darum als eine innere
Gefahr, der er sich durch den Verzicht auf dieses Objekt
entziehen muß, weil sie eine äußere Gefahrsituation
heraufbeschwört. Und in allen Fällen, die wir unter-
suchen, erhalten wir dasselbe Resultat. Bekennen wir es
nur, wir waren nicht darauf gefaßt, daß sich die innere
Triebgefahr als eine Bedingung und Vorbereitung einer
äußeren, realen Gefahrsituation herausstellen würde.Wir haben aber noch gar nicht gesagt, was die
reale Gefahr ist, die das Kind als Folge seiner Mutter-
verliebtheit fürchtet. Es ist die Strafe der Kastration,
der Verlust seines Gliedes. Natürlich werden Sie ein-
S.
120
werfen, das sei doch keine reale Gefahr. Unsere Knaben
werden doch nicht kastriert, weil sie in der Phase des
Ödipuskomplexes in die Mutter verliebt sind. Aber das
ist nicht so einfach abzutun. Vor allem kommt es nicht
darauf an, ob die Kastration wirklich geübt wird; ent-
scheidend ist, daß die Gefahr eine von außen drohende
ist, und daß das Kind an sie glaubt. Dazu hat es einigen
Anlaß, denn man droht ihm oft genug mit dem Ab-
schneiden des Gliedes während seiner phallischen Phase,
in der Zeit seiner frühen Onanie, und Andeutungen
dieser Strafe dürften regelmäßig eine phylogenetische
Verstärkung bei ihm finden. Wir vermuten, in den Ur-
zeiten der menschlichen Familie wurde die Kastration
vom eifersüchtigen und grausamen Vater wirklich an
den heranwachsenden Knaben vollzogen, und die Be-
schneidung, die bei den Primitiven so häufig ein Bestand-
teil des Mannbarkeitsrituals ist, sei ein gut kenntlicher
Rest von ihr. Wir wissen, wie weit wir uns damit von
der allgemeinen Ansicht entfernen, aber wir müssen
daran festhalten, daß die Kastrationsangst einer der
häufigsten und stärksten Motoren der Verdrängung und
damit der Neurosenbildung ist. Analysen von Fällen,
in denen zwar nicht die Kastration, aber wohl die Be-
schneidung bei Knaben als Therapie oder als Strafe für
die Onanie vollzogen wurde, was in der anglo-amerika-
nischen Gesellschaft gar nicht so selten geschah, haben
unserer Überzeugung die letzte Sicherheit gegeben. Es ist
eine große Verlockung, an dieser Stelle näher auf den
Kastrationskomplex einzugehen, aber wir wollen bei un-
serem Thema bleiben. Die Kastrationsangst ist natürlichS.
121
nicht das einzige Motiv der Verdrängung, sie hat ja
bereits bei den Frauen keine Stätte, die zwar einen
Kastrationskomplex haben, aber keine Kastrationsangst
haben können. An ihre Stelle tritt beim anderen Ge-
schlecht die Angst vor dem Liebesverlust, ersichtlich
eine Fortbildung der Angst des Säuglings, wenn er die
Mutter vermißt. Sie verstehen, welche reale Gefahr-
situation durch diese Angst angezeigt wird. Wenn die
Mutter abwesend ist oder dem Kind ihre Liebe entzogen
hat, ist es ja der Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht
mehr sicher, möglicherweise den peinlichsten Span-
nungsgefühlen, ausgesetzt. Weisen Sie die Idee nicht ab,
daß diese Angstbedingungen im Grunde die Situation der
ursprünglichen Geburtsangst wiederholen, die ja auch
eine Trennung von der Mutter bedeutete. Ja wenn Sie
einem Gedankengang von Ferenczi folgen, können
Sie auch die Kastrationsangst dieser Reihe anschließen,
denn der Verlust des männlichen Gliedes hat ja die Un-
möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Mutter
oder dem Ersatz für sie im Sexualakt zur Folge. Ich
erwähne Ihnen nebenbei, die so häufige Phantasie der
Rückkehr in den Mutterleib ist der Ersatz dieses Koitus-
wunsches. Es gäbe hier noch soviel interessante Dinge
und überraschende Zusammenhänge zu berichten, aber
ich kann nicht über den Rahmen einer Einführung in die
Psychoanalyse hinausgehen, will Sie nur noch aufmerk-
sam machen, wie hier psychologische Ermittlungen bis
zu biologischen Tatsachen vorstoßen.Otto Rank, dem die Psychoanalyse viele schöne
Beiträge verdankt, hat auch das Verdienst, die Bedeu-S.
122
tung des Geburtsakts und der Trennung von der Mutter
nachdrücklich betont zu haben. Allerdings fanden wir
es alle unmöglich, die extremen Folgerungen anzunehmen,
die er aus diesem Moment für die Theorie der Neu-
rosen und sogar für die analytische Therapie gezogen hat.
Den Kern seiner Lehre, daß das Angsterlebnis der Ge-
burt das Vorbild aller späteren Gefahrsituationen ist,
hatte er bereits vorgefunden. Wenn wir bei diesen ver-
weilen, werden wir sagen können, daß eigentlich jedem
Entwicklungsalter eine bestimmte Angstbedingung, also
Gefahrsituation, als ihm adaequat, zugeteilt ist. Die
Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zum Stadium
der frühen Unreife des Ichs, die Gefahr des Objekts-
(Liebes-)verlusts zur Unselbständigkeit der ersten Kinder-
jahre, die Kastrationsgefahr zur phallischen Phase, end-
lich die Angst vor dem Überich, die eine besondere
Stellung einnimmt, zur Latenzzeit. Mit dem Lauf der
Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallen
gelassen werden, da die ihnen entsprechenden Gefahr-
situationen durch die Erstarkung des Ichs entwertet
werden. Aber das ist nur in sehr unvollkommener Weise
der Fall. Viele Menschen können die Angst vor dem
Liebesverlust nicht überwinden, sie werden nie unab-
hängig genug von der Liebe anderer und setzen in
diesem Punkt ihr infantiles Verhalten fort. Die Angst
vor dem Überich soll normaler Weise kein Ende finden,
da sie als Gewissensangst in den sozialen Beziehungen
unentbehrlich ist, und der Einzelne nur in den seltensten
Fällen von der menschlichen Gemeinschaft unabhängig
werden kann. Einige der alten Gefahrsituationen verste-S.
123
hen es auch, sich in späte Zeiten hinüber zu retten, indem
sie ihre Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So er-
hält sich z. B. die Kastrationsgefahr unter der Maske
der Syphilophobie. Man weiß zwar als Erwachsener, daß
die Kastration nicht mehr als Strafe für das Gewähren-
lassen sexueller Gelüste üblich ist, aber man hat dafür
erfahren, daß solche Triebfreiheit mit schweren Erkran-
kungen bedroht ist. Es ist kein Zweifel, daß die Per-
sonen, die wir Neurotiker heißen, in ihrem Verhalten
zur Gefahr infantil bleiben und verjährte Angstbedin-
gungen nicht überwunden haben. Nehmen wir dies als
tatsächlichen Beitrag zur Charakteristik der Neurotiker
an; warum es so ist, kann man nicht so schnell sagen.
Ich hoffe, Sie haben nicht die Übersicht verloren
und wissen noch, daß wir dabei sind, die Beziehungen
zwischen Angst und Verdrängung zu untersuchen. Wir
haben dabei zwei Dinge neu erfahren, erstens, daß die
Angst die Verdrängung macht, nicht, wie wir meinten,
umgekehrt, und daß eine gefürchtete Triebsituation im
Grunde auf eine äußere Gefahrsituation zurückgeht. Die
nächste Frage wird lauten: Wie stellen wir uns jetzt
den Vorgang einer Verdrängung unter dem Einfluß der
Angst vor? Ich denke so: Das Ich merkt, daß die Be-
friedigung eines auftauchenden Triebanspruchs eine der
wohl erinnerten Gefahrsituationen heraufbeschwören
würde. Diese Triebbesetzung muß also irgendwie unter-
drückt, aufgehoben, ohnmächtig gemacht werden. Wir
wissen, diese Aufgabe gelingt dem Ich, wenn es stark
ist und die betreffende Triebregung in seine Organisation
einbezogen hat. Der Fall der Verdrängung ist aber der,S.
124
daß die Triebregung noch dem Es angehört und das Ich
sich schwach fühlt. Dann hilft sich das Ich durch eine
Technik, die im Grunde mit der des normalen Denkens
identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln
mit kleinen Energiemengen, ähnlich wie die Verschie-
bungen kleiner Figuren auf der Landkarte, ehe der Feld-
herr seine Truppenmassen in Bewegung setzt. Das Ich
antizipiert also die Befriedigung der bedenklichen Trieb-
regung und erlaubt ihr, die Unlustempfindungen zu Be-
ginn der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren.
Damit ist der Automatismus des Lust-Unlustprinzips
ins Spiel gebracht, der nun die Verdrängung der ge-
fährlichen Triebregung durchführt.
Halt! werden Sie mir zurufen; da können wir
nicht weiter mitgehen! Sie haben Recht, ich muß noch
einiges dazu tun, bevor es Ihnen annehmbar erscheinen
kann. Zunächst das Zugeständnis, daß ich versucht
habe, in die Sprache unseres normalen Denkens zu über-
setzen, was in Wirklichkeit ein gewiß nicht bewußter
oder vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an
einem unvorstellbaren Substrat sein muß. Aber das ist
kein starker Einwand; man kann es ja nicht anders
machen. Wichtiger ist, daß wir klar unterscheiden, was
bei der Verdrängung im Ich und was im Es vorgeht.
Was das Ich tut, haben wir eben gesagt. Es wendet
eine Probebesetzung an und weckt den Lust-Unlust-
automatismus durch das Angstsignal. Dann sind meh-
rere Reaktionen möglich oder eine Vermengung von
ihnen in wechselnden Beträgen. Entweder der Angst-
anfall wird voll entwickelt und das Ich zieht sich gänz-S.
125
lich von der anstößigen Erregung zurück. Oder es setzt
ihr an Stelle der Probebesetzung eine Gegenbesetzung
entgegen und diese tritt mit der Energie der verdräng-
ten Regung zur Symptombildung zusammen oder wird
als Reaktionsbildung, als Verstärkung bestimmter Dis-
positionen, als bleibende Veränderung ins Ich aufge-
nommen. Je mehr die Angstentwicklung auf ein bloßes
Signal beschränkt werden kann, desto mehr verwendet
das Ich auf die Abwehraktionen, die einer psychischen
Bindung des Verdrängten gleich kommen, desto eher
nähert sich auch der Vorgang einer normalen Verarbei-
tung an, gewiß ohne sie zu erreichen. Nebenbei, wir
wollen hier einen Augenblick verweilen. Sie haben ge-
wiß schon selbst angenommen, daß jenes schwer Definier-
bare, das man Charakter heißt, durchaus dem Ich
zuzuteilen ist. Einiges, was diesen Charakter schafft,
haben wir schon erhascht. Vor allem die Einverleibung
der früheren Elterninstanz als Überich, wohl das wich-
tigste, entscheidende Stück, sodann die Identifizierungen
mit beiden Eltern der späteren Zeit und anderen ein-
flußreichen Personen und die gleichen Identifizierungen
als Niederschläge aufgelassener Objektbeziehungen.
Fügen wir jetzt hinzu als nie fehlende Beiträge zur Cha-
rakterbildung die Reaktionsbildungen, die das Ich zuerst
in seinen Verdrängungen, später, bei den Zurückweisun-
gen unerwünschter Triebregungen, durch normalere Mit-
tel erwirbt.Nun kehren wir zurück und wenden uns zum Es.
Was bei der Verdrängung an der bekämpften Trieb-
regung vorgeht, ist nicht mehr so leicht zu erraten. UnserS.
126
Interesse fragt ja hauptsächlich, was geschieht mit der
Energie, der libidinösen Ladung dieser Erregung, wie
wird sie verwendet? Sie erinnern sich, die frühere An-
nahme war, gerade sie werde durch die Verdrängung in
Angst verwandelt. Das getrauen wir uns nicht mehr zu
sagen; die bescheidene Antwort wird vielmehr lauten:
wahrscheinlich ist ihr Schicksal nicht jedesmal das
gleiche. Wahrscheinlich besteht eine intime Entsprechung
zwischen dem jemaligen Vorgang im Ich und dem im Es
an der verdrängten Regung, die uns bekannt werden
sollte. Seitdem wir nämlich das Lust–Unlustprinzip, das
durch das Angstsignal geweckt wird, in die Verdrängung
haben eingreifen lassen, dürfen wir unsere Erwartungen
abändern. Dies Prinzip regiert die Vorgänge im Es ganz
unumschränkt. Wir können ihm zutrauen, daß es recht
tief greifende Veränderungen an der betreffenden Trieb-
regung zu Stande bringt. Wir sind darauf gefaßt, daß
es sehr verschiedene Erfolge der Verdrängung geben
wird, mehr oder weniger weitgehende. In manchen Fäl-
len mag die verdrängte Triebregung ihre Libidobesetzung
behalten, im Es unverändert fortbestehen, wenn auch
unter dem ständigen Druck des Ichs. Andere Male scheint
es vorzukommen, daß sie eine vollständige Zerstörung
erfährt, bei der ihre Libido endgültig in andere Bahnen
übergeleitet wird. Ich meinte, es geschehe so bei der
normalen Erledigung des Ödipuskomplexes, der also in
diesem wünschenswerten Falle nicht einfach verdrängt,
sondern im Es zerstört wird. Die klinische Erfahrung
hat uns ferner gezeigt, daß in vielen Fällen anstatt des
gewohnten Verdrängungserfolgs eine LibidoerniedrigungS.
127
statt hat, eine Regression der Libidoorganisation zu
einer früheren Stufe. Das kann natürlich nur im Es vor
sich gehen, und wenn es geschieht, dann unter dem Ein-
fluß desselben Konflikts, der durch das Angstsignal ein-
geleitet wird. Das auffälligste Beispiel dieser Art gibt
die Zwangsneurose, bei der Libidoregression und Ver-
drängung zusammenwirken.Meine Damen und Herren! Ich besorge, diese Aus-
führungen werden Ihnen schwer faßbar erscheinen, und
Sie werden erraten, daß sie nicht erschöpfend dargestellt
sind. Ich bedauere Ihr Mißvergnügen erregen zu müssen.
Ich kann mir aber kein anderes Ziel setzen, als daß Sie
einen Eindruck empfangen von der Art unserer Ergeb-
nisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung. Je
tiefer wir in das Studium der seelischen Vorgänge ein-
dringen, desto mehr erkennen wir deren Reichhaltigkeit
und Verwicklung. Manche einfache Formel, die uns an-
fangs zu entsprechen schien, hat sich später als unzu-
reichend herausgestellt. Wir werden nicht müde, sie ab-
zuändern und zu verbessern. In der Vorlesung über
Traumtheorie habe ich Sie in ein Gebiet geführt, auf
dem sich in fünfzehn Jahren kaum ein neuer Fund er-
geben hatte; hier, wo wir von der Angst handeln, sehen
Sie alles in Fluß und Wandlung begriffen. Diese neuen-
Dinge sind auch noch nicht gründlich durchgearbeitet
worden, vielleicht macht ihre Darstellung auch darum-
Schwierigkeiten. Halten Sie aus, wir werden das Thema-
der Angst bald verlassen können; ich behaupte nicht,
daß es dann zu unserer Befriedigung erledigt sein wird.
Hoffentlich sind wir doch um ein Stückchen weiter ge-
S.
128
kommen. Und unterwegs haben wir allerlei neue Ein-
sichten erworben. So werden wir auch jetzt durch das
Studium der Angst veranlaßt, unserer Schilderung des
Ichs einen neuen Zug hinzuzufügen. Wir haben gesagt,
das Ich sei schwach gegen das Es, sei sein getreuer Die-
ner, bemüht, dessen Befehle durchzuführen, dessen For-
derungen zu erfüllen. Wir denken nicht daran, diesen
Satz zurückzunehmen. Aber anderseits ist dies Ich doch
der besser organisierte, gegen die Realität orientierte
Teil des Ichs. Wir dürfen die Sonderung beider nicht zu
sehr übertreiben, auch nicht überrascht sein, wenn dem
Ich seinerseits ein Einfluß auf die Vorgänge im Es zu
stünde. Ich meine, diesen Einfluß übt das Ich aus, indem
es mittels des Angstsignals das fast allmächtige Lust-
Unlustprinzip in Tätigkeit bringt. Allerdings unmittel-
bar darauf zeigt es wieder seine Schwäche, denn durch
den Akt der Verdrängung verzichtet es auf ein Stück
seiner Organisation, muß zulassen, daß die verdrängte
Triebregung dauernd seinem Einfluß entzogen bleibt.Und jetzt nur noch eine Bemerkung zum Angst-
problem! Die neurotische Angst hat sich uns unter un-
seren Händen in Realangst verwandelt, in Angst vor
bestimmten äußeren Gefahrsituationen. Aber dabei kann
es nicht bleiben, wir müssen einen weiteren Schritt
machen, der aber ein Schritt zurück sein wird. Wir
fragen uns, was ist denn eigentlich das Gefährliche, das
Gefürchtete an einer solchen Gefahrsituation? Offenbar
nicht die objektiv zu beurteilende Schädigung der Per-
son, die psychologisch gar nichts zu bedeuten brauchte,
sondern was von ihr im Seelenleben angerichtet wird.S.
129
Die Geburt z. B., unser Vorbild für den Angstzustand,
kann doch kaum an sich als eine Schädigung betrachtet
werden, wenngleich die Gefahr von Schädigungen dabei
sein mag. Das Wesentliche an der Geburt wie an jeder
Gefahrsituation ist, daß sie im seelischen Erleben einen
Zustand von hochgespannter Erregung hervorruft, der
als Unlust verspürt wird und dessen man durch Ent-
ladung nicht Herr werden kann. Heißen wir einen
solchen Zustand, an dem die Bemühungen des Lustprin-
zips scheitern, einen traumatischen Moment, so
sind wir über die Reihe neurotische Angst-Realangst-
Gefahrsituation zu dem einfachen Satz gelangt: das Ge-
fürchtete, der Gegenstand der Angst ist jedesmal das
Auftreten eines traumatischen Moments, der nicht nach
der Norm des Lustprinzips erledigt werden kann. Wir
verstehen sofort, durch die Begabung mit dem Lust-
prinzip sind wir nicht gegen objektive Schädigungen
gesichert worden, sondern nur gegen eine bestimmte
Schädigung unserer psychischen Ökonomie. Vom Lust- prinzip zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter
Weg, es fehlt viel daran, daß beider Absichten sich vom
Anfang an decken. Wir sehen aber auch noch etwas an-
deres; vielleicht ist dies die Lösung, die wir suchen. Näm-
lich, daß es sich hier überall um die Frage der relativen
Quantitäten handelt. Nur die Größe der Erregungs-
summe macht einen Eindruck zum traumatischen Mo-
ment, lähmt die Leistung des Lustprinzips, gibt der Ge-
fahrsituation ihre Bedeutung. Und wenn es sich so ver-
hält, wenn sich diese Rätsel durch eine so nüchterne
Auskunft beheben, warum sollte es nicht möglich sein,S.
130
daß derartige traumatische Momente sich im Seelenleben
ohne Beziehung auf die angenommenen Gefahrensituatio-
nen ereignen, bei denen also die Angst nicht als Signal
geweckt wird, sondern neu mit frischer Begründung
entsteht? Die klinische Erfahrung sagt mit Bestimmtheit
aus, daß es wirklich so ist. Nur die späteren Verdrän-
gungen zeigen den Mechanismus, den wir beschrieben
haben, bei dem die Angst als Signal einer früheren Ge-
fahrensituation wachgerufen wird; die ersten und ursprüng-
lichen entstehen direkt bei dem Zusammentreffen des
Ichs mit einem übergroßen Libidoanspruch aus trau-
matischen Momenten, sie bilden ihre Angst neu, aller-
dings nach dem Geburtsvorbild. Dasselbe mag für die
Angstentwicklung bei Angstneurose durch somatische
Schädigung der Sexualfunktion gelten. Daß es die Libido
selbst ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden
wir nicht mehr behaupten. Aber gegen eine zweifache
Herkunft der Angst, einmal als direkte Folge des trau-
matischen Moments, das andere Mal als Signal, daß die
Wiederholung eines solchen droht, sehe ich keinen Ein-
wand.Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiß
froh, daß Sie nichts mehr über die Angst anzuhören
brauchen. Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts
besseres nach. Ich habe den Vorsatz, Sie noch heute
auf das Gebiet der Libidotheorie oder Trieblehre zu
führen, wo sich gleichfalls manches neu gestaltet hat.
Ich will nicht sagen, daß wir hierin große Fortschritte
gemacht haben, so daß es Ihnen jede Mühe lohnen
würde, davon Kenntnis zu nehmen. Nein, es ist einS.
131
Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und Ein-
sichten ringen; Sie sollen nur Zeugen unserer Bemühung
werden. Auch hier muß ich auf manches zurückgreifen,
was ich Ihnen früher vorgetragen habe.Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie.
Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer
Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen
Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher,
sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das populäre
Denken mit den Trieben auseinandersetzt. Man nimmt
so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man
eben braucht, einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-,
Geselligkeitstrieb und viele dergleichen mehr. Man
nimmt sie gleichsam auf, läßt jeden seine besondere Ar-
beit tun und entläßt sie dann wieder. Uns hat immer
die Ahnung gerührt, daß hinter diesen vielen kleinen
ausgeliehenen Trieben sich etwas Ernsthaftes und Ge-
waltiges verbirgt, dem wir uns vorsichtig annähern
möchten. Unser erster Schritt war bescheiden genug.
Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht irre,
wenn man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarten oder
Triebgruppen unterscheide, nach den zwei großen Be-
dürfnissen: Hunger und Liebe. So eifersüchtig wir sonst
die Unabhängigkeit der Psychologie von jeder anderen
Wissenschaft verteidigen, hier stehe man doch im Schat-
ten der unerschütterlichen biologischen Tatsache, daß
das lebende Einzelwesen zwei Absichten diene, der
Selbsterhaltung und der Arterhaltung, die unabhängig
von einander scheinen, unseres Wissens noch keine ge-
meinsame Ableitung erfahren haben, deren InteressenS.
132
einander im tierischen Leben oft widerstreiten. Man
treibe hier eigentlich biologische Psychologie, studiere
die psychischen Begleiterscheinungen biologischer Vor-
gänge. Als Vertreter dieser Auffassung sind die „Ich-
triebe“ und die „Sexualtriebe“ in die Psychoanalyse ein-
gezogen. Zu den ersteren rechneten wir alles, was mit
der Erhaltung, Behauptung, Vergrößerung der Person zu
tun hat. Den letzteren mußten wir die Reichhaltigkeit
leihen, die das infantile und das perverse Sexualleben
verlangen. Da wir bei der Untersuchung der Neurosen
das Ich als die einschränkende, verdrängende Macht
kennen lernten, die Sexualstrebungen als das Einge-
schränkte, Verdrängte, glaubten wir nicht nur die Ver-
schiedenheit, sondern auch den Konflikt zwischen beiden
Triebgruppen mit Händen zu greifen. Gegenstand unse-
res Studiums waren zunächst nur die Sexualtriebe, deren
Energie wir „Libido“ benannten. An ihnen versuchten
wir unsere Vorstellungen, was ein Trieb sei und was
man ihm zuschreiben dürfe, zu klären. Dies ist die
Stelle der Libidotheorie.Ein Trieb unterscheidet sich also von einem Reiz
darin, daß er aus Reizquellen im Körperinnern stammt,
wie eine konstante Kraft wirkt und daß die Person sich
ihm nicht durch die Flucht entziehen kann, wie es beim
äußeren Reiz möglich ist. Man kann am Trieb Quelle,
Objekt und Ziel unterscheiden. Die Quelle ist ein Er-
regungszustand im Körperlichen, das Ziel die Aufhebung
dieser Erregung, auf dem Wege von der Quelle zum
Ziel wird der Trieb psychisch wirksam. Wir stellen ihn
vor als einen gewissen Energiebetrag, der nach einer be-S.
133
stimmten Richtung drängt. Von diesem Drän-
gen hat er den Namen: Trieb. Man spricht von aktiven und pas-
siven Trieben, sollte richtiger sagen: aktiven und passi-
ven Triebzielen; auch zur Erreichung eines passiven
Zieles bedarf es eines Aufwands von Aktivität. Das
Ziel kann am eigenen Körper erreicht werden, in der
Regel ist ein äußeres Objekt eingeschoben, an dem der
Trieb sein äußeres Ziel erreicht; sein inneres bleibt jedes-
mal die als Befriedigung empfundene Körperverände-
rung. Ob die Beziehung zur somatischen Quelle dem
Trieb eine Spezifität verleiht und welche, ist uns nicht
klar geworden. Daß Triebregungen aus einer Quelle
sich solchen aus anderen Quellen anschließen und deren
weiteres Schicksal teilen, daß überhaupt eine Triebbefrie-
digung durch eine andere ersetzt werden kann, sind
nach dem Zeugnis der analytischen Erfahrung unzwei-
felhafte Tatsachen. Gestehen wir nur, daß wir sie nicht
besonders gut verstehen. Auch die Beziehung des Triebs
zu Ziel und Objekt läßt Abänderungen zu, beide kön-
nen gegen andere vertauscht werden, die Beziehung zum
Objekt ist immerhin leichter zu lockern. Eine gewisse
Art von Modifikation des Ziels und Wechsels des Ob-
jekts, bei der unsere soziale Wertung in Betracht kommt,
zeichnen wir als Sublimierung aus. Wir haben
außerdem noch Grund, zielgehemmte Triebe zu
unterscheiden, Triebregungen aus gut bekannten Quellen
mit unzweideutigem Ziel, die aber auf dem Weg zur
Befriedigung Halt machen, so daß eine dauernde Objekt-
besetzung und eine anhaltende Strebung zu Stande
kommt. Solcher Art ist z. B. die Zärtlichkeitsbeziehung,S.
134
die unzweifelhaft aus den Quellen sexueller Bedürftig-
keit herrührt und regelmäßig auf deren Befriedigung
verzichtet. Sie sehen, wieviel von den Eigenschaften
und Schicksalen der Triebe sich noch unserem Verständ-
nis entzieht; wir sollten hier auch eines Unterschieds
gedenken, der sich zwischen Sexualtrieben und Selbst-
erhaltungstrieben zeigt und der theoretisch höchst bedeut-
sam wäre, wenn er die ganze Gruppe beträfe. Die Se-
xualtriebe fallen uns auf durch ihre Plastizität, die
Fähigkeit, ihre Ziele zu wechseln, durch ihre Vertretbar-
keit, indem sich eine Triebbefriedigung durch eine andere
ersetzen läßt, und durch ihre Aufschiebbarkeit, von der
uns eben die zielgehemmten Triebe ein gutes Beispiel
gegeben haben. Diese Eigenschaften möchten wir den
Selbsterhaltungstrieben absprechen und von ihnen aus-
sagen, daß sie unbeugsam, unaufschiebbar, in ganz ande-
rer Weise imperativ sind und zur Verdrängung wie zur
Angst ein ganz anderes Verhältnis haben. Allein die
nächste Überlegung sagt uns, daß diese Ausnahmestellung
nicht allen Ichtrieben, nur dem Hunger und dem Durst
zukommt und offenbar durch eine Besonderheit der
Triebquellen begründet ist. Ein gutes Stück des verwir-
renden Eindrucks kommt noch daher, daß wir nicht
gesondert betrachtet haben, welche Veränderungen die
ursprünglich dem Es angehörigen Triebregungen unter
dem Einfluß des organisierten Ichs erfahren.Auf festerem Boden bewegen wir uns, wenn wir
untersuchen, auf welche Weise das Triebleben der
Sexualfunktion dient. Hier haben wir ganz entschei-
dende Einsichten erworben, die Ihnen auch nicht mehrS.
135
neu sind. Es ist also nicht so, daß man einen Sexual-
trieb erkennt, der von Anfang an die Stre-
bung nach dem
Ziel der Sexualfunktion, der Vereinigung der beiden
Geschlechtszellen, trägt. Sondern wir sehen eine große
Anzahl von Partialtrieben, von verschiedenen Körper-
stellen und Regionen her, die ziemlich unabhängig von
einander nach Befriedigung streben und diese Befriedi-
gung in etwas finden, was wir Organlust heißen
können. Die Genitalien sind die spätesten unter diesen
erogenen Zonen, ihrer Organlust wird man den
Namen: sexuelle Lust nicht mehr verweigern. Nicht
alle diese nach Lust strebenden Regungen werden in die
schließliche Organisation der Sexualfunktion aufgenom-
men. Manche von ihnen werden als unbrauchbar besei-
tigt, durch Verdrängung oder anderswie, einige werden
in der vorhin erwähnten, merkwürdigen Weise von
ihrem Ziel abgelenkt und zur Verstärkung anderer Re-
gungen verwendet, noch andere bleiben in Nebenrollen
erhalten, dienen zur Durchführung einleitender Akte,
zur Erzeugung von Vorlust. Sie haben gehört, daß sich
in dieser lang hingezogenen Entwicklung mehrere Pha-
sen einer vorläufigen Organisation erkennen lassen, auch
wie sich aus dieser Geschichte der Sexualfunktion ihre
Abirrungen und Verkümmerungen erklären. Die erste
dieser prägenitalen Phasen heißen wir die orale,
weil entsprechend der Art, wie der Säugling ernährt
wird, die erogene Mundzone auch beherrscht, was man
die sexuelle Tätigkeit dieser Lebensperiode heißen darf.
Auf einer zweiten Stufe drängen sich die sadisti-
schen und die analen Impulse vor, gewiß im Zu-S.
136
sammenhang mit dem Auftreten der Zähne, der Erstar-
kung der Muskulatur und der Beherrschung der
Sphinkterfunktionen. Wir haben gerade über diese auf-
fällige Entwicklungsstufe viel interessante Einzelheiten
erfahren. Zu dritt erscheint die phallische Phase,
in der bei beiden Geschlechtern das männliche Glied
und, was ihm beim Mädchen entspricht, eine nicht mehr
zu übersehende Bedeutung gewinnt. Den Namen der
genitalen Phase haben wir der endgültigen Sexual-
organisation vorbehalten, die sich nach der Pubertät
herstellt, in der erst das weibliche Genitale die Aner-
kennung findet, die das männliche längst erworben
hatte.Soweit ist das alles abgeblaßte Wiederholung. Und
glauben Sie nicht, daß all das, was ich diesmal nicht er-
wähnt habe, auch nicht mehr gilt. Es bedurfte dieser
Wiederholung, um den Bericht über Fortschritte in un-
seren Einsichten daran anzuknüpfen. Wir können uns
rühmen, daß wir gerade über die frühen Organisationen
der Libido viel Neues erfahren und die Bedeutung des
Alten klarer erfaßt haben, was ich Ihnen wenigstens an
einzelnen Proben zeigen will. Abraham hat 1924
dargetan, daß man an der sadistisch-analen Phase zwei
Stufen unterscheiden kann. Auf der früheren dieser
beiden walten die destruktiven Tendenzen des Vernich-
tens und Verlierens vor, auf der späteren die objekt-
freundlichen des Festhaltens und Besitzens. In der Mitte
dieser Phase tritt also zuerst die Rücksicht auf das Ob-
jekt auf als Vorläufer einer späteren Liebesbesetzung.
Ebenso berechtigt ist es, eine solche Unterteilung auchS.
137
für die erste orale Phase anzunehmen. Auf der ersten
Unterstufe handelt es sich nur um die orale Einverlei-
bung, es fehlt auch jede Ambivalenz in der Beziehung
zum Objekt der Mutterbrust. Die zweite Stufe, durch
das Auftreten der Beißtätigkeit ausgezeichnet, kann als
die oralsadistische bezeichnet werden; sie zeigt
zum ersten Mal die Erscheinungen der Ambivalenz, die
dann in der nächsten, der sadistisch-analen Phase soviel
deutlicher werden. Der Wert dieser neuen Unterschei-
dungen zeigt sich besonders, wenn man bei bestimmten
Neurosen, – Zwangsneurose, Melancholie – nach den
Dispositionsstellen in der Libidoentwicklung sucht. Rufen
Sie sich hier ins Gedächtnis zurück, was wir über den
Zusammenhang von Libidofixierung, Disposition und
Regression erfahren haben.Unsere Einstellung zu den Phasen der Libidoorga-
nisation hat sich überhaupt ein wenig verschoben. Wenn
wir früher vor allem betonten, wie die eine derselben
vor der nächsten vergeht, so gehört unsere Aufmerksam-
keit jetzt den Tatsachen, die uns zeigen, wieviel von
jeder früheren Phase neben und hinter den späteren
Gestaltungen erhalten bleibt und sich eine dauernde Ver-
tretung im Libidohaushalt und im Charakter der Per-
son erwirbt. Noch bedeutsamer sind Studien geworden,
die uns gelehrt haben, wie häufig sich unter pathologi-
schen Bedingungen Regressionen zu früheren Phasen er-
eignen, und daß bestimmte Regressionen für bestimmte
Krankheitsformen charakteristisch sind. Aber das kann
ich hier nicht behandeln; es gehört in eine spezielle
Neurosenpsychologie.S.
138
Triebumsetzungen und ähnliche Vorgänge haben
wir besonders an der Analerotik, den Erregungen aus
den Quellen der erogenen Analzone, studieren können
und waren überrascht, wie vielfältigen Verwendungen
diese Triebregungen zugeführt werden. Es ist vielleicht
nicht leicht, sich von der Geringschätzung frei zu
machen, die im Laufe der Entwicklung gerade diese
Zone betroffen hat. Lassen wir uns darum von Abraham
daran mahnen, daß der Anus embryologisch dem
Urmund entspricht, welcher bis zum Darmende herab-
gewandert ist. Wir erfahren dann, daß mit der Entwer-
tung des eigenen Kots, der Exkremente, dieses Trieb-
interesse aus analer Quelle auf Objekte übergeht, die als
Geschenk gegeben werden können. Und dies mit
Recht, denn der Kot war das erste Geschenk, das der
Säugling machen konnte, dessen er sich aus Liebe zu
seiner Pflegerin entäußerte. Im Weiteren, durchaus ana-
log dem Bedeutungswandel in der Sprachentwicklung,
setzt sich dies alte Kotinteresse in die Wertschätzung
von Gold und Geld um, gibt aber auch seinen Bei-
trag zur affektiven Besetzung von Kind und von
Penis. Nach der Überzeugung aller Kinder, die ja
lange Zeit an der Kloakentheorie festhalten, wird das
Kind wie ein Stück Kot aus dem Darm geboren; die
Defäkation ist das Vorbild des Geburtsaktes. Aber
auch der Penis hat seinen Vorläufer in der Kotsäule,
die das Schleimhautrohr des Darmes ausfüllt und reizt.
Wenn das Kind, widerwillig genug, zur Kenntnis ge-
nommen hat, daß es menschliche Wesen gibt, die dieses
Glied nicht besitzen, erscheint ihm der Penis als etwasS.
139
vom Körper Ablösbares und rückt in unverkennbare
Analogie zum Exkrement, das ja das erste Stück Leib-
lichkeit war, auf das man verzichten mußte. Ein großes
Stück Analerotik wird so in Penisbesetzung überführt,
aber das Interesse an diesem Körperteil hat außer der
anale-
rotischen eine vielleicht noch mächtigere orale
Wurzel, denn nach der Einstellung des Säugens erbt der
Penis auch von der Brustwarze des mütterlichen Organs.Es ist unmöglich, sich in den Phantasien, den vom
Unbewußten beeinflußten Einfällen und in der Symptom-
sprache der Menschen zurechtzufinden, wenn man diese
tiefliegenden Beziehungen nicht kennt. Kot-Geld-Ge-
schenk-Kind-Penis werden hier wie gleichbedeutend be-
handelt, auch durch gemeinsame Symbole vertreten.
Vergessen Sie auch nicht, daß ich Ihnen nur sehr un-
vollständige Mitteilungen machen konnte. Ich kann etwa
eilig hinzufügen, daß auch das spät erwachende Inter-
esse an der Vagina hauptsächlich analerotischer Herkunft
ist. Es ist nicht verwunderlich, denn die Vagina selbst ist
nach einem guten Wort von Lou Andreas-Salomé
dem Enddarm „abgemietet“; im Leben der Homosexuellen,
die ein gewisses Stück der Sexualentwicklung nicht mit-
gemacht haben, wird sie auch wieder durch diesen ver-
treten. In Träumen kommt häufig eine Lokalität vor,
die früher ein einziger Raum war und jetzt durch eine
Wand in zwei geteilt ist, oder auch umgekehrt. Damit
ist immer das Verhältnis der Vagina zum Darm ge-
meint. Wir können auch schön verfolgen, wie beim
Mädchen normaler Weise der ganz und gar unweibliche
Wunsch nach dem Besitz eines Penis sich in den WunschS.
140
nach einem Kind und dann nach einem Mann als
Träger des Penis und Spender des Kindes umwandelt,
so daß auch hier sichtbar wird, wie ein Stück ursprüng-
lich analerotischen Interesses die Aufnahme in die
spätere Genitalorganisation erwirbt.Während solcher Studien an den prägenitalen
Phasen der Libido haben sich uns auch einige neue Ein-
blicke in die Charakterbildung ergeben. Wir sind auf
eine Trias von Eigenschaften aufmerksam geworden, die
ziemlich regelmäßig beisammen sind: Ordentlich-
keit, Sparsamkeit und Eigensinn, und haben aus der Analyse
solcher Personen erschlossen, daß diese Eigenschaften
aus der Aufzehrung und andersartigen Verwendung
ihrer Analerotik hervorgegangen sind. Wir sprechen
also von einem Analcharakter, wo wir diese auf-
fällige Vereinigung finden, und bringen den Anal-
charakter in einen gewissen Gegensatz zur unaufgear-
beiteten Analerotik. Eine ähnliche, vielleicht noch
festere Beziehung fanden wir zwischen dem Ehrgeiz
und der Urethralerotik. Eine merkwürdige Anspielung
auf diesen Zusammenhang entnahmen wir der Sage, daß
Alexander der Große in derselben Nacht geboren
wurde, in der ein gewisser Herostrat aus eitler
Ruhmsucht den viel bewunderten Tempel der Artemis
zu Ephesos in Brand steckte. Als ob den Alten ein
solcher Zusammenhang nicht unbekannt gewesen wäre!
Wie viel das Urinieren mit Feuer und Feuerlöschen zu
tun hat, wissen Sie ja. Natürlich erwarten wir, daß
auch andere Charaktereigenschaften sich in ähnlicher
Weise als Niederschläge oder Reaktionsbildungen be-S.
141
stimmter prägenitaler Libidoformationen ergeben wer-
den, können es aber noch nicht aufzeigen.Nun ist es aber an der Zeit, daß ich in der Ge-
schichte wie im Thema zurückgreife und die allge-
meinsten Probleme des Trieblebens wieder aufnehme.
Unserer Libidotheorie lag zunächst der Gegensatz von
Ichtrieben und Sexualtrieben zu Grunde. Als wir dann
später begannen, das Ich selbst näher zu studieren und
den Gesichtspunkt des Narzismus erfaßten, verlor diese
Unterscheidung selbst ihren Boden. In seltenen Fällen
kann man erkennen, daß das Ich sich selbst zum Ob-
jekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst ver-
liebt wäre. Daher der der griechischen Sage entlehnte
Name Narzismus. Aber das ist nur eine extreme
Übersteigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt
verstehen, daß das Ich immer das Hauptreservoir der
Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen der Objekte
ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren,
während der Großteil dieser Libido stetig im Ich ver-
bleibt. Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objekt-
libido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido.
Dann können die beiden aber ihrer Natur nach nicht
verschieden sein, dann hat es keinen Sinn, die Energie
der einen von der der anderen zu sondern, man kann
die Bezeichnung Libido fallen lassen oder sie als gleich-
bedeutend mit psychischer Energie überhaupt ge-
brauchen.Wir sind nicht lange auf diesem Standpunkt ver-
blieben. Die Ahnung von einer Gegensätzlichkeit inner-
halb des Trieblebens hat sich bald einen anderen, nochS.
142
schärferen Ausdruck verschafft. Diese Neuheit in der
Trieblehre möchte ich aber nicht vor Ihnen ableiten;
auch sie ruht im Wesentlichen auf biologischen Erwägun-
gen; ich werde sie Ihnen als fertiges Produkt vorführen.
Wir nehmen an, daß es zwei wesensverschiedene Arten
von Trieben gibt, die Sexualtriebe, im weitesten Sinne
verstanden, den Eros, wenn Sie diese Benennung vor-
ziehen, und die Aggressionstriebe, deren Ziel die
Destruktion ist. Wenn Sie es so hören, werden Sie es
kaum als Neuheit gelten lassen; es scheint ein Versuch
zur theoretischen Verklärung des banalen Gegensatzes
zwischen Lieben und Hassen, der vielleicht mit jener
anderen Polarität von Anziehung und Abstoßung zu-
sammenfällt, welche die Physik für die anorganische
Welt annimmt. Aber es ist merkwürdig, daß diese Auf-
stellung doch von Vielen als Neuerung empfunden
wird, und zwar als eine sehr unerwünschte, die mög-
lichst bald wieder beseitigt werden sollte. Ich nehme
an, daß ein starkes affektives Moment sich in dieser
Ablehnung durchsetzt. Warum haben wir selbst so
lange Zeit gebraucht, ehe wir uns zur Anerkennung
eines Aggressionstriebs entschlossen; warum nicht Tat-
sachen, die offen zu Tage liegen und jedermann be-
kannt sind, ohne Zögern für die Theorie verwertet?
Wahrscheinlich würde es auf geringen Widerstand
stoßen, wenn man den Tieren einen Trieb mit solchem
Ziel zuschreiben wollte. Aber ihn in die menschliche
Konstitution aufzunehmen, erscheint frevelhaft; es
widerspricht zu vielen religiösen Voraussetzungen und
sozialen Konventionen. Nein, der Mensch muß vonS.
143
Natur aus gut oder wenigstens gutmütig sein. Wenn
er sich gelegentlich brutal, gewalttätig, grausam zeigt,
so sind das vorübergehende Trübungen seines Gefühls-
lebens, meist provoziert, vielleicht nur Folge der un-
zweckmäßigen Gesellschaftsordnungen, die er sich bis-
her gegeben hat.Leider spricht, was uns die Geschichte berichtet
und was wir selbst erlebt haben, nicht in diesem Sinne,
sondern rechtfertigt eher das Urteil, daß der Glaube
an die „Güte“ der menschlichen Natur eine jener
schlimmen Illusionen ist, von denen die Menschen eine
Verschönerung und Erleichterung ihres Lebens er-
warten, während sie in Wirklichkeit nur Schaden
bringen. Wir brauchen diese Polemik nicht fortzusetzen,
denn nicht wegen der Lehren von Geschichte und
Lebenserfahrung haben wir die Annahme eines beson-
deren Aggressions- und Destruktionstriebs beim Men-
schen befürwortet, sondern es geschah auf Grund allge-
meiner Erwägungen, zu denen uns die Würdigung der
Phänome des Sadismus und des Masochismus
führte. Sie wissen, wir heißen es Sadismus, wenn die
sexuelle Befriedigung an die Bedingung geknüpft ist, daß
das Sexualobjekt Schmerzen, Mißhandlungen und Demü-
tigungen erleide, Masochismus, wenn das Bedürfnis
besteht, selbst dieses mißhandelte Objekt zu sein. Sie
wissen auch, daß ein gewisser Zusatz dieser beiden
Strebungen in die normale Sexualbeziehung aufgenom-
men ist, und daß wir sie als Perversionen bezeichnen,
wenn sie die anderen Sexualziele zurückdrängen und
ihre eigenen Ziele an deren Stelle setzen. Es wird IhnenS.
144
auch kaum entgangen sein, daß der Sadismus zur Männ-
lichkeit, der Masochismus zur Weiblichkeit eine in-
timere Beziehung unterhält, als ob hier eine geheime
Verwandtschaft bestünde, obwohl ich Ihnen sogleich
sagen muß, daß wir nicht auf diesem Weg weiter ge-
kommen sind. Beide, Sadismus wie Masochismus, sind
für die Libidotheorie recht rätselhafte Phänomene, der
Masochismus ganz besonders, und es ist nur in der
Ordnung, wenn das, was für die eine Theorie den Stein
des Anstoßes gebildet hat, für die sie ersetzende den
Eckstein abgeben sollte.Wir meinen also, daß wir im Sadismus und im
Masochismus zwei ausgezeichnete Beispiele von der Ver-
mischung beider Triebarten, des Eros mit der Aggres-
sion, vor uns haben, und machen nun die Annahme,
daß dies Verhältnis vorbildlich ist, daß alle Trieb-
regungen, die wir studieren können, aus solchen
Mischungen oder Legierungen der beiden Triebarten
bestehen. Natürlich in den verschiedenartigsten Mi-
schungsverhältnissen. Dabei würden die erotischen
Triebe die Mannigfaltigkeit ihrer Sexualziele in die
Mischung einführen, während die anderen nur Mil-
derungen und Abstufungen ihrer eintönigen Tendenz
zuließen. Durch diese Annahme haben wir uns die
Aussicht auf Untersuchungen eröffnet, die einmal eine
große Bedeutung für das Verständnis pathologischer
Vorgänge bekommen können. Denn Mischungen mögen
auch zerfallen und solchen Triebentmischungen darf
man die schwersten Folgen für die Funktion zutrauen.
Aber diese Gesichtspunkte sind noch zu neu; niemandS.
145
hat bisher versucht, sie in der Arbeit zu ver-
werten.
Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das
uns der Masochismus aufgibt. Sehen wir für den Augen-
blick von seiner erotischen Komponente ab, so bürgt
er uns für die Existenz einer Strebung, welche die
Selbstzerstörung zum Ziel hat. Wenn es auch für den
Destruktionstrieb zutrifft, daß das Ich – aber wir
meinen hier vielmehr das Es, die ganze Person – ur-
sprünglich alle Triebregungen in sich schließt, so
ergibt sich die Auffassung, daß der Masochismus älter
ist als der Sadismus, der Sadismus aber ist nach außen
gewendeter Destruktionstrieb, der damit den Charakter
der Aggression erwirbt. So und soviel vom ursprüng-
lichen Destruktionstrieb mag noch im Inneren ver-
bleiben; es scheint, daß unsere Wahrnehmung seiner
nur unter diesen zwei Bedingungen habhaft wird, wenn
er sich mit erotischen Trieben zum Masochismus ver-
bindet, oder wenn er sich als Aggression – mit
größerem oder geringerem erotischen Zusatz – gegen
die Außenwelt wendet. Nun drängt sich uns die Be-
deutung der Möglichkeit auf, daß die Aggression in der
Außenwelt Befriedigung nicht finden kann, weil sie auf
reale Hindernisse stößt. Sie wird dann vielleicht
zurücktreten, das Ausmaß der im Inneren waltenden
Selbstdestruktion vermehren. Wir werden hören, daß
dies wirklich so geschieht und wie wichtig dieser Vor-
gang ist. Verhinderte Aggression scheint eine schwere
Schädigung zu bedeuten; es sieht wirklich so aus, als
müßten wir anderes und andere zerstören, um uns nicht
selbst zu zerstören, um uns vor der Tendenz zur Selbst-S.
146
destruktion zu bewahren. Gewiß eine traurige Eröff-
nung für den Ethiker!Aber der Ethiker wird sich noch auf lange hinaus
mit der Unwahrscheinlichkeit unserer Spekulationen
trösten. Ein sonderbarer Trieb, der sich mit der Zer-
störung seines eigenen organischen Heims befaßt! Die
Dichter sprechen zwar von solchen Dingen, aber Dichter
sind unverantwortlich, sie genießen das Vorrecht der
poetischen Lizenz. Allerdings sind ähnliche Vorstel-
lungen auch der Physiologie nicht fremd, z. B. die der
Magenschleimhaut, die sich selbst verdaut. Aber es ist
zuzugeben, daß unser Selbstzerstörungstrieb einer brei-
teren Unterstützung bedarf. Eine Annahme von solcher
Tragweite kann man doch nicht bloß darum wagen,
weil einige arme Narren ihre Sexualbefriedigung an
eine sonderbare Bedingung geknüpft haben. Ich meine,
ein vertieftes Studium der Triebe wird uns geben, was
wir brauchen. Die Triebe regieren nicht allein das
seelische, sondern auch das vegetative Leben, und diese
organischen Triebe zeigen einen Charakterzug, der unser
stärkstes Interesse verdient. Ob es ein allgemeiner
Charakter der Triebe ist, werden wir erst später be-
urteilen können. Sie enthüllen sich nämlich als Bestre-
ben, einen früheren Zustand wieder herzustellen. Wir
können annehmen, vom Moment an, da ein solcher ein-
mal erreichter Zustand gestört worden, entsteht ein
Trieb, ihn neu zu schaffen und bringt Phänomene her-
vor, die wir als Wiederholungszwang bezeich-
nen können. So ist die Embryologie ein einziges Stück
Wiederholungszwang; weit hinauf in die TierreiheS.
147
erstreckt sich ein Vermögen, verlorene Organe neu zu
bilden, und der Heiltrieb, dem wir, neben den therapeu-
tischen Hilfeleistungen, unsere Genesungen verdanken,
dürfte der Rest dieser bei niederen Tieren so großartig
entwickelten Fähigkeit sein. Die Laichwanderungen der
Fische, vielleicht die Vogelflüge, möglicher Weise alles,
was wir bei den Tieren als Instinktäußerung bezeichnen,
erfolgt unter dem Gebot des Wiederholungszwangs, der
die konservative Natur der Triebe zum Ausdruck
bringt. Auch auf seelischem Gebiet brauchen wir nicht
lange nach Äußerungen desselben zu suchen. Es ist uns
aufgefallen, daß die vergessenen und verdrängten Er-
lebnisse der früheren Kindheit sich während der ana-
lytischen Arbeit in Träumen und Reaktionen, besonders
in denen der Übertragung reproduzieren, obwohl ihre
Wiedererweckung dem Interesse des Lustprinzips zu-
widerläuft, und haben uns die Erklärung gegeben, daß
in diesen Fällen ein Wiederholungszwang sich selbst
über das Lustprinzip hinaussetzt. Auch außerhalb der
Analyse kann man Ähnliches beobachten. Es gibt Men-
schen, die in ihrem Leben ohne Korrektur immer die
nämlichen Reaktionen zu ihrem Schaden wiederholen,
oder die selbst von einem unerbittlichen Schicksal ver-
folgt scheinen, während doch eine genauere Unter-
suchung lehrt, daß sie sich dieses Schicksal unwissent-
lich selbst bereiten. Wir schreiben dann dem Wieder-
holungszwang den dämonischen Charakter zu.
Was kann aber dieser konservative Zug der Triebe
für das Verständnis unserer Selbstzerstörung leisten?
Welchen früheren Zustand wollte ein solcher TriebS.
148
wieder herstellen? Nun, die Antwort liegt nicht ferne
und eröffnet weite Perspektiven. Wenn es wahr ist,
daß – in unvordenklicher Zeit und auf unvorstellbare
Weise – einmal aus unbelebter Materie das Leben her-
vorgegangen ist, so muß nach unserer Voraussetzung
damals ein Trieb entstanden sein, der das Leben
wieder aufheben, den anorganischen Zustand wieder
herstellen will. Erkennen wir in diesem Trieb die Selbst-
destruktion unserer Annahme wieder, so dürfen wir
diese als Ausdruck eines Todestriebes erfassen,
der in keinem Lebensprozeß vermißt werden kann.
Und nun scheiden sich uns die Triebe, an die wir
glauben, in die zwei Gruppen der erotischen, die immer
mehr lebende Substanz zu größeren Einheiten zusam-
menballen wollen, und der Todestriebe, die sich diesem
Streben widersetzen und das Lebende in den anorgani-
schen Zustand zurückführen. Aus dem Miteinander-
und Gegeneinanderwirken der beiden gehen die Lebens-
erscheinungen hervor, denen der Tod ein Ende setzt.
Sie werden vielleicht achselzuckend sagen: Das ist
nicht Naturwissenschaft, das ist Schopenhauer-
sche Philosophie. Aber warum, meine Damen und
Herren, sollte nicht ein kühner Denker erraten haben,
was dann nüchterne und mühselige Detailforschung be-
stätigt? Und dann, alles ist schon einmal gesagt worden
und vor Schopenhauer haben viele ähnliches gesagt.
Und weiter, was wir sagen, ist nicht einmal richtiger
Schopenhauer. Wir behaupten nicht, der Tod sei
das einzige Ziel des Lebens; wir übersehen nicht neben
dem Tod das Leben. Wir anerkennen zwei Grund-S.
149
triebe und lassen jedem sein eigenes Ziel. Wie sich die
beiden im Lebensprozeß vermengen, wie der Todestrieb
den Absichten des Eros dienstbar gemacht wird, zumal
in seiner Wendung nach außen als Aggression, das sind
Aufgaben, die der Forschung der Zukunft überlassen
bleiben. Wir kommen nicht weiter als bis zur Stelle,
wo sich eine solche Aussicht vor uns auftut. Auch die
Frage, ob der konservative Charakter nicht allen
Trieben ausnahmslos eignet, ob nicht auch die eroti-
schen Triebe einen früheren Zustand wiederbringen
wollen, wenn sie die Synthese des Lebenden zu größeren
Einheiten anstreben, auch diese Frage werden wir un-
beantwortet lassen müssen.Wir haben uns ein wenig weit von unserer Basis
entfernt. Ich will Ihnen nachträglich mitteilen, welches
der Ausgangspunkt dieser Überlegungen zur Trieblehre
war. Derselbe, der uns zur Revision der Beziehung
zwischen dem Ich und dem Unbewußten geführt hat,
der Eindruck aus der analytischen Arbeit, daß der
Patient, der Widerstand leistet, so oft von diesem
Widerstand nichts weiß. Aber nicht nur die Tatsache
des Widerstands ist ihm unbewußt, auch die Motive
desselben sind es. Wir mußten nach diesen Motiven
oder diesem Motiv forschen und fanden es zu unserer
Überraschung in einem starken Strafbedürfnis, das wir
nur den masochistischen Wünschen anreihen konnten.
Die praktische Bedeutung dieses Fundes steht hinter
seiner theoretischen nicht zurück, denn dies Strafbedürf-
nis ist der schlimmste Feind unserer therapeutischen
Bemühung. Es wird durch das Leiden befriedigt, dasS.
150
mit der Neurose verbunden ist, und hält darum am
Kranksein fest. Es scheint, daß dieses Moment, das un-
bewußte Strafbedürfnis, an jeder neurotischen Erkran-
kung beteiligt ist. Geradezu überzeugend wirken hier
Fälle, in denen sich das neurotische Leiden durch ein
andersartiges ablösen läßt. Ich will Ihnen von einer
solchen Erfahrung berichten. Es war mir einmal gelun-
gen, ein älteres Mädchen von dem Symptomkomplex
zu befreien, der sie durch etwa 15 Jahre zu einer qual-
vollen Existenz verurteilt und von der Teilnahme am
Leben ausgeschlossen hatte. Sie empfand sich nun als
gesund, und stürzte sich in eine eifrige Tätigkeit, um
ihre nicht geringfügigen Talente zu entwickeln und sich
noch ein Stück Geltung, Genuß und Erfolg zu er-
haschen. Aber jeder ihrer Versuche endete damit, daß
man sie wissen ließ oder daß sie selbst einsah, sie sei zu
alt geworden, um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen.
Nach jedem solchen Ausgang wäre der Rückfall in die
Krankheit das nächste gewesen, aber das konnte sie
nicht mehr zustande bringen; anstatt dessen ereigneten
sich ihr jedesmal Unfälle, die sie für eine Zeit lang
außer Tätigkeit setzten und leiden ließen. Sie war ge-
fallen und hatte sich einen Fuß verstaucht oder ein
Knie verletzt, bei irgend einer Hantierung eine Hand
beschädigt. Aufmerksam gemacht, wie groß ihr eigener
Anteil an diesen anscheinenden Zufällen sein könnte,
änderte sie sozusagen ihre Technik. Anstatt der Unfälle
traten bei den gleichen Veranlassungen leichte Erkran-
kungen auf, Katarrhe, Anginen, grippeartige Zustände,
rheumatische Schwellungen, bis endlich mit derS.
151
Resignation, zu der sie sich entschloß, der ganze Spuk
vorüber war.Über die Herkunft dieses unbewußten Strafbedürf-
nisses, meinen wir, ist kein Zweifel. Es benimmt sich
wie ein Stück des Gewissens, wie die Fortsetzung
unseres Gewissens ins Unbewußte, es wird auch dieselbe
Herkunft haben wie das Gewissen, also einem Stück
Aggression entsprechen, das verinnerlicht und vom
Überich übernommen wurde. Würden die Worte nur
besser zusammenpassen, so wäre es für alle praktischen
Belange nur gerechtfertigt, es „unbewußtes Schuldgefühl“
zu heißen. Theoretisch sind wir eigentlich im Zweifel,
ob wir annehmen sollen, daß alle aus der Außenwelt
zurückgekehrte Aggression vom Überich gebunden und
somit gegen das Ich gewendet werde, oder daß ein Teil
von ihr seine stumme und unheimliche Tätigkeit als
freier Destruktionstrieb im Ich und Es ausübe. Wahr-
scheinlicher ist eine solche Verteilung, doch wissen wir
nichts weiter darüber. Bei der ersten Einsetzung des
Überichs ist gewiß zur Ausstattung dieser Instanz jenes
Stück Aggression gegen die Eltern verwendet worden,
dem das Kind infolge seiner Liebesfixierung wie der
äußeren Schwierigkeiten keine Abfuhr nach außen
schaffen konnte, und darum braucht die Strenge des
Überichs nicht einfach der Härte der Erziehung zu ent-
sprechen. Es ist sehr wohl möglich, daß bei späteren
Anlässen zur Unterdrückung der Aggression der Trieb
denselben Weg nimmt, der ihm in jenem entscheiden-
den Zeitpunkt eröffnet wurde.Personen, bei denen dies unbewußte Schuldgefühl
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übermächtig ist, verraten sich in der analytischen Be-
handlung durch die prognostisch so unliebsame nega-
tive therapeutische Reaktion. Wenn man ihnen eine
Symptomlösung mitgeteilt hat, auf die normaler Weise
ein wenigstens zeitweiliges Schwinden des Symptoms
folgen sollte, erzielt man bei ihnen im Gegenteil eine
momentane Verstärkung des Symptoms und des
Leidens. Es reicht oft hin, sie für ihr Benehmen in der
Kur zu beloben, einige hoffnungsvolle Worte über den
Fortschritt der Analyse zu äußern, um eine unverkenn-
bare Verschlimmerung ihres Befindens herbeizuführen.
Der Nicht-Analytiker würde sagen, er vermisse den
„Genesungswillen“; nach analytischer Denkweise sehen
Sie in diesem Benehmen eine Äußerung des unbewußten
Schuldgefühls, dem Kranksein mit seinen Leiden und
Verhinderungen eben recht ist. Die Probleme, die das
unbewußte Schuldgefühl aufgerollt hat, seine Bezie-
hungen zu Moral, Pädagogik, Kriminalität und Ver-
wahrlosung sind gegenwärtig das bevorzugte Arbeits-
gebiet der Psychoanalytiker. An unerwarteter Stelle
sind wir hier aus der psychischen Unterwelt in den
offenen Markt eingebrochen. Ich kann Sie nicht weiter
führen, aber mit einem Gedankengang–muß ich Sie
noch aufhalten, ehe ich Sie für diesmal verabschiede.
Es ist uns geläufig worden zu sagen, daß unsere Kultur
auf Kosten sexueller Strebungen aufgebaut ist, die von
der Gesellschaft gehemmt, zum Teil zwar verdrängt,
zum anderen Teil aber für neue Ziele nutzbar gemacht
werden. Wir haben auch bei allem Stolz auf unsere
kulturellen Errungenschaften zugestanden, daß es unsS.
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nicht leicht wird, die Anforderungen dieser Kultur zu
erfüllen, uns in ihr wohl zu fühlen, weil die uns auf
erlegten Triebbeschränkungen eine schwere psychische
Belastung bedeuten. Nun, was wir für die Sexualtriebe
erkannt haben, gilt im gleichen, vielleicht in noch
höherem Maße, für die anderen, die Aggressionstriebe.
Diese sind es vor Allem, die das Zusammenleben der
Menschen erschweren und dessen Fortdauer bedrohen;
Einschränkung seiner Aggression ist das erste, vielleicht
das schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen
zu fordern hat. Wir haben erfahren, in wie ingeniöser
Weise diese Bändigung des Widerspenstigen vollzogen
wird. Die Einsetzung des Überichs, das die gefährlichen
aggressiven Regungen an sich reißt, bringt gleichsam
eine Besatzung in die zum Aufruhr geneigte Stätte.
Aber anderseits, rein psychologisch betrachtet, muß man
bekennen, das Ich fühlt sich nicht wohl dabei, wenn es
so den Bedürfnissen der Gesellschaft geopfert wird,
wenn es sich den destruktiven Tendenzen der Aggres-
sion unterwerfen muß, die es gern selbst gegen andere
betätigt hätte. Es ist wie eine Fortsetzung jenes Dilem-
mas vom Fressen und Gefressenwerden, das die
organische Lebewelt beherrscht, aufs psychische Gebiet.
Zum Glück sind die Aggressionstriebe niemals allein,
immer mit den erotischen legiert. Diese letzteren haben
unter den Bedingungen der vom Menschen geschaffenen
Kultur vieles zu mildern und zu verhüten.
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1933-001/1933/32