• S.

    Olmütz 1 Sept 86

    Verehrter Freund

    Meine freudige Überaschung zu 
    hören dass Sie beide von Hamburg 
    aus mein kleines Mädchen aufge-
    sucht haben und sehr „nett“ gegen sie 
    waren, wie der locale Kunstausdruck 
    lautet, versuche ich nicht dem Grade nach 
    zu beschreiben. Der Herr schenke 
    Ihnen dafür die schönste Erholungs-
    reise, das am wenigsten lästigste Wetter 
    und die ungestörte Entfaltung der 
    glücklichsten Stim̄ung.

    Ich liege hier kurz angebunden 
    in dem Saunest – es fällt mir keine 
    andere Bezeichnung ein – und streiche 
    schwarzgelbe Fahnen an.  Vorlesungen 
    über das Sanitätswesen im Felde

  • S.

    die ich hier gehalten, sind ziemlich stark 
    frequentrt u selbst ins Böhmische 
    übersetzt worden. Eingesperrt war ich noch 
    nicht.

    Das Einzig Bemerkenswerte an der 
    Stadt ist, daß man ihr nicht ansieht, 
    wie entfernt sie sein kann. Man 
    muss oft 3‑4 Stunden gehen, bis man sie 
    erreicht, u ich finde mich oft so weit von ihr 
    zu Zeiten, an die sich sonst gar keine 
    Erin̄erungen zu knüpfen pflegten. 
    Wie Paul Lindau einmal bei der 
    Kritik eines im Mittelalter spielenden 
    Romans gesagt hat, „die meisten Leser 
    dürften sich kaum erin̄ern, daß es 
    eine Mitte des 4 Jahrhunderts 
    gegeben hat.“, so möchte ich fragen, 
    welcher anständige bürgerliche Mensch 
    daran denkt, eine seiner Thätigkeiten 
    auf die Zeit von 3‑½4 morgens

  • S.

    zu verlegen. Wir spielen im̄er Krieg 
    einmal sogar Festungsbelagerung u ich 
    spiele dabei Sanität u theile Zettel 
    aus, auf denen gräuliche Verwund-
    ungen verzeichnet sind. Während mein 
    Bataillon im Sturm vorrückt liege 
    ich auf irgend einem Sturzacker mit 
    meinen Sanitätsleuten, es wird blind 
    geschoßen und blind geführt, der 
    General reitet dann vorüber wie 
    gestern u sagt: Landwehr, Landwehr, 
    wo wärst Du, wenn die scharf geladen 
    hätten; nicht ein Man̄ stünde mehr da.

    Das einzig Erträgliche in Olmütz 
    ist ein großstädtisches Café mit Eis, 
    Zeitungen u gutem Gebäck.  Meine Braut 
    behauptet zwar im̄er, wenn ich das Eis 
    lobe, es sei water‑ice und nicht 
    cream‑ice u warnt mich davor.

  • S.

    Die Bedienung leidet aber unter dem 
    militärischen Wesen wie alles andere. 
    Wenn die zwei oder drei Generale 
    die mich im̄er an Papageien erinnern; 
    ich kan̄ nichts dafür, aber Säugetiere 
    pflegen sich sonst nie in solche Farben 
    zu kleiden, von den rotblauen Schwielen 
    des Mandril’s abgesehen – wenn die 
    Generale irgendwo beisam̄en sitzen, umschwärmt 
    sie der ganze Kellnertross und alles 
    Andere existirt nicht für sie. Einmal mußte 
    ich in der Verzweiflung zu einer schweren 
    Prahlerei greifen.  Ich packte eine 
    solche Ordonnanz beim Frack u schrie 
    sie an: Sie, ich kan̄ auch noch einmal 
    General werden, bringen Sie mir 
    daher ein Glas Wasser.  Das wirkte.

    Ein Offizier ist ein jäm̄erliches 
    Wesen, jeder beneidet den Gleich-
    gestellten, tyran̄isirt den Untergebenen,

  • S.

    und fürchtet sich vor dem Höheren 
    und je höher er selbst ist, desto mehr fürchtet 
    er sich. Es ist mir überhaupt zuwider 
    auf dem Kragen geschrieben zu haben, 
    wieviel ich wert bin, als ob ich ein 
    Stoffmuster wäre.  Und doch hat das 
    System seine Lücken.  Der Com̄andir-
    ende von Brünn war unlängst hier, 
    kam in die Schwim̄schule u da erfuhr 
    ich mit Erstaunen, dass die Schwim̄hosen 
    keine „Distinktion“ tragen.

    Es wäre aber undankbar nicht zuzuge-
    stehen, dass das militärische Leben 
    mit seinem hoffnungslossen Muß 
    der Neurasthenie sehr gut thut. 
    Alles ist wie verflogen uzwar im 
    Verlaufe einer einzigen Woche. 

    Die ganze Geschichte ist im Abklingen 
    wie Meynert sagen würde. 
    In 10 Tagen fliege ich nordwärts

  • S.

    u vergesse die tollen 4 Wochen.

    Wissenschaftlich hat mich hier gar 
    nichts berührt, nur der seltsame 
    Fall von Paralysis agitans, von 
    dem ich Ihnen letzthin erzählte, 
    hat sich hier plötzlich eingestellt 
    und behauptet von den Arseninjectionen, 
    die ich ihm mache, die deutlichste Besserung 
    zu verspüren.

    Ich bitte Sie um Entschuldigg für die 
    dum̄e Plauderei die mir ich weiß 
    nicht wie aus der Feder gerutscht 
    ist, u freue mich sehr darauf, 
    Sie in Wien mit meiner Frau das 
    erste Mal zu besuchen.

    Ihr treu ergebener
    Dr Sigm Freud

    Vorläufige editorische Anmerkung:

    Paul Lindau] [https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lindau [2026-01-02]]

    "Paul Lindau (* 3. Juni 1839 in Magdeburg; † 31. Januar 1919 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Theaterleiter.

    Leben
    Paul Lindau war Sohn des Arztes und späteren Justizkommissars Carl Ferdinand Leopold Lindau, der vom Judentum zum Protestantismus konvertiert war, und der Henriette Bernadine Müller in Magdeburg. Er hatte die älteren Geschwister Anna, Salonnière, Schriftstellerin und Übersetzerin und den Schriftsteller und Diplomaten Rudolf. 1847 zog die Familie nach Berlin um, und Paul besuchte das Dorotheenstädtische Realgymnasium. Anschließend studierte er von 1857 bis 1859 Philosophie und Literaturgeschichte in Halle, Leipzig und Berlin.

    Danach ging er nach Paris, arbeitete an einer Dissertation über Molière und lernte Victorien Sardou, Émile Augier und Alexandre Dumas d. J. kennen, deren Werke er später ins Deutsche übersetzte.

    Nach seiner Rückkehr leitete er 1864/65 die Düsseldorfer Zeitung, 1866/69 die Elberfelder Zeitung, 1870 das Neue Blatt (Leipzig) sowie den Bazar in Berlin. 1871 übersiedelte er in die Reichshauptstadt und gründete hier die Wochenschrift Die Gegenwart, die er bis 1881 leitete. 1877 rief er mit der Monatsschrift Nord und Süd eine Zeitschrift ins Leben, die der Deutschen Rundschau von Julius Rodenberg erheblich Konkurrenz bereitete. Lindau hat für seine beiden Periodika fast alle prominenten Autoren seiner Zeit gewinnen können, so Berthold Auerbach, Theodor Fontane, Karl Gutzkow, Paul Heyse, Friedrich Schrader und Gottfried Keller. Nord und Süd gab er bis 1904 heraus.

    Nebenbei widmete sich Lindau intensiv dem Theater. 1895 wurde er zum Intendanten des Hoftheaters in Meiningen berufen, dem er bis zu seinem Rücktritt 1899 vorstand. Zurückgekehrt nach Berlin war er hier von 1900 bis 1903 Direktor des Berliner Theaters. Zwischen 1909 und 1917 war Lindau Dramaturg des Königlichen Schauspielhauses. Schon früh experimentierte er mit den künstlerischen Möglichkeiten des Films. So schrieb er nach seinem gleichnamigen Schauspiel das Drehbuch zu dem Film Der Andere mit Albert Bassermann in der Hauptrolle. Max Mack führte Regie in diesem Streifen, der als erster deutscher Autorenfilm gilt und dem neuen Medium künstlerisch zum Durchbruch verhalf.

    Große Publikumserfolge feierte Lindau als Theaterautor zwischen 1870 und 1880 vor allem mit seinem zweiten Stück „Maria und Magdalena“. Auch als Romanautor – hier vor allem mit seinem Romanzyklus Berlin (1886–1888) – und Reiseschriftsteller hatte er eine breite Leserschaft.

    Im Herbst des Jahres 1873 heiratete er in Berlin Anna Kalisch (1853–1919), eine Tochter des Schriftstellers und Kladderadatsch-Journalisten David Kalisch. Er hatte einen Sohn, Hans Lindau.[1]

    Lindau galt zeitweise als Kritikerpapst in Berlin, wurde aber auch wegen einer Affäre mit der Schauspielerin Elsa von Schabelsky zeitweilig heftig attackiert. Er profitierte auch von den Kontakten und dem Einfluss seines Bruders Rudolf Lindau, eines erfolgreichen Politikers und Publizisten.

    Werke
    Aus Venetien. Eine Sommerreise. Düsseldorf 1864. books.google.de
    Aus Paris. Beiträge zur Charakteristik des gegenwärtigen Frankreichs. Kröner, Stuttgart 1865; archive.org.
    (Anonym) Harmlose Briefe eines deutschen Kleinstädters. 2 Bände. Payne, Leipzig 1870–1871. (Digitalisat Band 1), (Band 2)
    Molière. Eine Ergänzung der Biographie des Dichters aus seinen Werken. Diss. Rostock 1871. Online
    Literarische Rücksichtslosigkeiten. Feuilletonistische und polemische Aufsätze. Barth, Leipzig 1872. Online
    Marion. Drama. Lucas, Elberfeld (1873). Online
    Diana. Schauspiel. Metzger u. Wittig, Leipzig 1873. books.google.de
    Vergnügungsreisen. Gelegentliche Aufzeichnungen. 1875. Online
    Gesammelte Aufsätze. Beiträge zur Literaturgeschichte der Gegenwart. 1875; Textarchiv – Internet Archive.
    Tante Therese. Schauspiel. Stilke, Berlin 1875. books.google.de
    Ein Erfolg. Lustspiel. Bloch, Berlin 1875.
    Der Zankapfel. Schwank. Teubner, Leipzig 1875.
    Nüchterne Briefe aus Bayreuth. Schottlaender, Breslau 1876. Online
    Johannistrieb. Schauspiel. Teubner, Leipzig 1877. Online
    Ueberflüssige Briefe an eine Freundin. Gesammelte Feuilletons. Schottlaender, Breslau 1877. hathitrust.org
    Alfred de Musset. Hofmann, Berlin 1877. hathitrust.org
    Verschämte Arbeit. Schauspiel. Freund u. Jeckel, Berlin 1881
    Aus dem literarischen Frankreich. Schottlaender, Breslau 1882
    Ferdinand Lassalle’s letzte Rede. Eine persönliche Erinnerung. Schottlaender, Breslau 1882; archive.org.
    Die Ermordung des Advocaten Bernays. Schottlaender, Breslau 1883; EBLOX (Memento vom 15. Juni 2019 im Internet Archive)
    Toggenburg und andere Geschichten. Schottlaender, Breslau 1883
    Aus der Neuen Welt. Briefe aus dem Osten und Westen der Vereinigten Staaten. Salomon, Berlin 1885; archive.org.
    Im Fluge. Gelegentliche Aufzeichnungen. Dürselen, Leipzig 1886. 2. Auflage: urn:nbn:de:kobv:109-1-13883943.
    Berlin. 1.–3. Reihe. Spemann, Stuttgart 1886–1888.
    Der Zug nach dem Westen. Digitalisat (PDF; 326 MB)
    Arme Mädchen.
    Spitzen. archive.org.
    Die beiden Leonoren. Lustspiel. Breslau 1888
    Wunderliche Leute. Kleine Erzählungen. Breslau 1888.
    Interessante Fälle. Criminalprocesse aus neuester Zeit. Schottlaender, Breslau 1888
    Aus dem Orient. Flüchtige Aufzeichnungen. Schottlaender, Breslau 1890; archive.org.
    Die Sonne. Schauspiel. Entsch, Berlin 1891
    Vater Adrian und andere Geschichten. Schles. Buchdr., Kunst- u. Verl.-Anst., Breslau 1893.
    Altes und Neues aus der Neuen Welt. Eine Reise durch die Vereinigten Staaten und Mexico. 2 Bände. Duncker, Berlin 1893; (books.google.de) Nachdruck: Salzwasser Verlag, Paderborn 2012, ISBN 978-3-86444-437-1
    Der Andere. Schauspiel. Goldmann, New York 1893. Online
    Hängendes Moos. Roman. Schles. Buchdr., Kunst- u. Verl.-Anst., Breslau 1893; archive.org.
    Eine Yachtfahrt nach Norwegen: Tage und Nächte im milden Norden. Schottlaender, Breslau 1895. books.google.de.
    Die Brüder, Roman. Reissner, Dresden u. a. 1896
    Ferien im Morgenlande. Tagebuchblätter aus Griechenland, der europäischen Türkei und Kleinasien. Fontane u. Co, Berlin 1899
    An der Westküste Klein-Asiens. Eine Sommerfahrt auf dem Ägäischen Meere. Allg. Verein f. Deutsche Litteratur, Berlin 1900
    Ausflüge ins Kriminalistische. Langen, München 1909; archive.org.
    Nur Erinnerungen. 2 Bände. Cotta, Stuttgart u. a. 1916–1917. Band 1: archive.org – Band 2: archive.org.

    Literatur
    Gotthilf Weisstein [und Richard Nathanson]: Paul Lindau, eine Charakteristik. Stuhr, Berlin 1875.
    J. Fisahn: Paul Lindau als Kritiker und das Theater. Ein Beitrag zur Kritik der Kritik. Kaulfuß, Liegnitz 1876 (2. Auflage: 1879).
    Egmont Hadlich: Paul Lindau als dramatischer Dichter. Kritische Essays. Weile, Berlin 1876 (Digitalisat).
    Albert Hahn: Ein Mann unserer Zeit, Paul Lindau. Mahlo, Berlin 1877 (Digitalisat).
    Wilhelm Goldschmidt: Notizen zu Schriften von Paul Lindau. Bichteler, Berlin 1878.
    Paul Lindau und das literarische Judenthum. Eine Controverspredigt aus der Gegenwart von Junius [d. i. Karl Franz Frohme]. Minde, Leipzig [1879] (Digitalisat).
    Ottilie Heller: Paul Lindau als Uebersetzer. Friedrich, Leipzig 1880.
    Franz Mehring: Kapital und Presse. Ein Nachspiel zum Falle Lindau. K. Brachvogel, Berlin 1891 (Digitalisat).
    Victor Klemperer: Paul Lindau. Eine Monographie. Concordia, Berlin 1909.
    Renate Antoni: Der Theaterkritiker Paul Lindau. Univ. Diss., FU Berlin 1961.
    Anneliese Eismann-Lichte: Paul Lindau, Publizist und Romancier der Gründerjahre. Univ. Diss., Münster 1981.
    Gertraude Wilhelm: Lindau, Paul. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 14. Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 573–575 (deutsche-biographie.de).
    Roland Berbig: Paul Lindau – eine Literatenkarriere. In: Peter Wruck (Hrsg.): Literarisches Leben in Berlin. 1871–1933. Akademie-Verlag, Berlin 1987, S. 88–125.
    Günter Tiggesbäumker: Paul Lindau und das Haus Ratibor. Zu einem vergessenen Autor der Gründerzeit. In: Corvey-Journal, 1990, 2 (3), S. 56–61.
    Hans Manfred Bock: Reichshauptstadt und französischer Kulturtransfer 1871–1890. In: Etienne François, Philippe Despoix (Hrsg.): Marianne – Germania. Deutsch-französischer Kulturtransfer im europäischen Kontext 1789–1914. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1998, ISBN 3-931922-91-X, S. 315–332.

    Weblinks
    Commons: Paul Lindau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
    Wikisource: Paul Lindau – Quellen und Volltexte
    Literatur von und über Paul Lindau im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
    Werke von und über Paul Lindau in der Deutschen Digitalen Bibliothek
    Werke von Paul Lindau im Projekt Gutenberg-DE
    Paul Lindau im Internet Archive
    Paul Lindau bei filmportal.de
    Paul Lindau bei The German Early Cinema Database, DCH Cologne
    Paul Lindau im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
    Manuskripte und Briefe Lindaus in Bibliotheken und Archiven
    Paul Lindau – Sekundärliteratur (Memento vom 13. März 2016 im Internet Archive)
    Biografie Lindaus aus dem Projekt Die Arbeitslosen von Marienthal an der Uni Graz
    Paul Lindau (Memento vom 16. Februar 2015 im Internet Archive). Biografie des Projekts Zeitreise des MDR
    Paul Lindau bei IMDb
    Nachlass BArch N 1631. bundesarchiv.de"
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lindau [2026-01-02]

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ad/Paul_Lindau.jpg
    https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lindau#/media/Datei:Paul_Lindau.jpg
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    Erstellt: 4. Februar 2007 (Original-Hochladedatum)
    Hochgeladen: 26. September 2009