• S.

    Wien 3.5.89.

    Verehrtester Freund u Liebster 
    aller Männer!

    Sie sind natürlich bereits überzeugt, daß 
    ich tödtlich beleidigt bin, weil ich 
    nicht auf Ihren Brief reagirt habe. 
    Dem ist aber gar nicht so, sondern 
    Vorgestern abends gab es Spielpartie 
    bei Paneth bis 1h und gestern war ich 
    so müde, daß ich nicht schreiben kon̄te. 
    Ich verschiebe die Antwort auf einen 
    ruhigen Abend, oder wen̄ es Ihnen 
    besser paßt und Ihr Ruhebedürfniß 
    es erlaubt, ersetze ich sie überhaupt 
    durch einen nächtlichen Besuch.

    Im Ganzen habe ich mich geprüft 
    und gefunden, daß ich mich kaum zu

  • S.

    ändern brauche. Fast Alles, was Sie sagen, 
    ist richtig, fast, den̄ Eines hat auch 
    meine Frau unrichtig gefunden, 
    doch trifft es mich in meiner Empfindung 
    nicht hart, und überdieß haben Sie 
    Sorge getragen, die ganze bittere 
    Pille durch das intensiv ¿¿¿¿¿¿
    Constituens eines Wortes zu corrigiren. 
    Eigentlich sind Sie doch stolz auf mich
    u wären es nicht, wen̄ ich es anders 
    betrieben hätte.

    Frau [unleserlich gemacht] hat mir am Tage nach 
    unserer Zusam̄enkunft geschrieben 
    mir dan̄ versichert, daß sie mit L. 
    bereits gebrochen hat u befindet 
    sich jetzt bei Löw, wo ich sie intensiv 
    bearbeite.

    Mit herzlichstem Gruß
    Ihr 
    Sigm Freud

    Anmerkungen Ernst Falzeder:
    Frau]
    Über die Behandlung Emmys v. N. durch einen anderen Arzt:] "Dieser Versuch einer Übertragung mißlang ganz gründlich." (Freud, mit Breuer, 1895d, S. 131)

    "Frau Cäcilie M ... klagte mir damals, sie werde durch die Halluzination belästigt, daß ihre beiden Ärzte - Breuer und ich - im Garten an zwei nahen Bäumen aufgehängt wären. Die Halluzination verschwand, nachdem die Analyse folgenden Hergang aufgedeckt hatte: Abends vorher war sie von Breuer mit der Bitte um ein bestimmtes Medikament abgewiesen worden, sie setzte dann ihre Hoffnung auf mich, fand mich aber ebenso hartherzig. Sie zürnte uns darüber und dachte in ihrem Affekt: Die zwei sind einander wert, der eine ist das Pendant zum anderen!"
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 251)

    <Bei Fällen von akuter Hysterie:> 
    "Der verstimmende Eindruck einer Danaidenarbeit, einer «Mohrenwäsche» wird dem Arzte nicht erspart bleiben ..." (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 262)

    "Das Verfahren ist mühselig und zeitraubend für den Arzt, es setzt ein großes Interesse für psychologische Vorkommnisse und doch auch persönliche Teilnahme für den Kranken bei ihm voraus. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß ich es zustande brächte, mich in den psychischen Mechanismus einer Hysterie bei einer Person zu vertiefen, die mir gemein und widerwärtig vorkäme, die nicht bei näherer Bekanntschaft imstande wäre, menschliche Sympathie zu erwecken ..." 
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 264)

    (Persönliche Beziehung zum Arzt drängt sich in den Vordergrund:) 
    "... diese Übelstände, obwohl unzertrennlich von unserem Verfahren ..." 
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 265)

    "... man sucht dem Kranken menschlich etwas zu leisten, soweit der Umfang der eigenen Persönlichkeit und das Maß von Sympathie, das man für den betreffenden Fall aufbringen kann, dies gestatten." 
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 285)

    "Es ist aber noch ein dritter Fall möglich [bei dem die Druckprozedur versagt] ... Dieser Fall tritt ein, wenn das Verhältnis des Kranken zum Arzte gestört ist, und bedeutet das ärgste Hindernis, auf das man stoßen kann. Man kann aber in jeder ernsteren Analyse darauf rechnen." 
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 307)

    ... wird die Mitarbeiterschaft der Patienten zu einem persönlichen Opfer, das durch irgendwelches Surrogat von Liebe vergolten werden muß. Die Mühewaltung und ge-[/]duldige Freundlichkeit des Arztes haben als solches Surrogat zu genügen." (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 307f.) (Herv.v.mir)

    "Die Übertragung auf den [/] Arzt geschieht durch falsche Verknüpfung ..." (Herv.i.Orig.) 
    (Freud, mit Breuer, 1895d [Studien über Hysterie], S. 308f.)

  • S.

    Eine kleine Reparation sind Sie mir 
    nach dem Brief doch schuldig, weil Sie 
    gar nicht an meinen Stern u. sei es auch 
    nur ein elender kleiner Meteorit, 
    glauben wollen. Etwa daß Sie sich im 
    Verkehr mit mir konsequent vom Sie 
    auf’s „Du“ verirren oder so etwas 
    Ähnliches s.v.p.