• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten 
    a. d. Universität
    IX., Berggasse 19

    Wien 7.Jan 98

    Verehrter Herr

    Gestatten Sie, dass an Stelle meiner 
    Frau, die ja den beiden Gegen-
    ständen Ihres Schreibens vollkom̄en 
    fremd ist, ich selbst antworte und 
    die Rücksendung der Fl 350 (mittelst 
    Postsparkasse) rechtfertige.

    Was meine Schuld anbelangt, so kann 
    über deren Bestehen kein Zweifel 
    sein. Ich habe sie nicht vergessen u 
    im̄er vorgehabt, sie abzutragen, auch 
    angenoen, daß Sie es nicht anders 
    erwarten. Sie gaben mir einmal die 
    Auskunft, dass Sie deren Höhe nicht 
    ken̄en; nach meinen eigenen Erin̄ergn, 
    die freilich nicht sehr verläßlich sind, 
    habe ich sie auf Fl 2300 geschätzt. Schon 
    seit mehreren Jahren war ich in 
    meiner Wirtschaftsrechnung aktiv 
    aber der Überschuß bestand stets 
    in Ausständen, wie sie unsere Profession

  • S.

    sich gefallen lassen muß, und die wieder-
    holt erprobte Schwierigkeit, baares 
    Geld, das man zur Lebensführg braucht, 
    auch wenn es gedeckt ist, sich leihweise 
    zu verschaffen, machte mir die Aufnahme 
    der Rückzahlungen unmöglich. Erst im 
    letzten Jahr, welches das beste meiner 
    Praxis war, hat sich ein solcher Überschuß 
    in Baarem hergestellt, daß ich mich 
    dessen Verminderung um eine 
    gewiße Sum̄e getrauen konnte.

    Diese Sum̄e war ursprünglich viel 
    größer als der von Ihnen bestätigte 
    Betrag, wanderte aber zum Theil nach 
    England, um eine in der Familie 
    nothwendig gewordene Hilfeleistung 
    zu ermöglichen. Verhältnisse dieser 
    Art beschuldigte ich in den die Sendung 
    begleitenden Zeilen als die Hinder-
    niße gegen meine Erhebung zum 
    „Wohlstand“. Sie dürfen es mir 
    glauben, daß es mit keiner
     anderen, underdeß eingetretenen,

  • S.

    [Seite 3
    das fehlende Faksimile ist noch zu ergänzen werde. CD]

    Veränderung zusammenhängt, wenn ich gerade heuer u nicht schon vorher meine Schuld an Sie zu begleichen begonnen habe.  In dem einen Punkt wenigstens [gestrichen: nehmen] bekennen wir uns zu derselben Ansicht, dass uns Beiden Geldbeziehungen nicht die wichtigsten im Leben und nicht incommensurabel mit anderen zu sein scheinen.  Dass ich von dieser Lehre aktiv und [geistige ??] Zeugenschaft ablegen musste, als Nehmer und als Geber, während Sie sich auf den aktiven Beweis beschränken durften, das pflegten Sie selbst nur als Sache des Glückes, nicht des Verdienstes, darzustellen. 

    Die andere Angelegenheit, die der Behandlg des Frl [Wort blotted], hat mit dieser nicht das Minde[ste] zu thun.  Wenn Sie je vorher die Empfindung gehabt hätten, dass Sie für diese Verrichtung mein Schul[diger] sind, so hätten Sie wahrscheinlich

  • S.

    nicht gewartet, bis ich Ihnen Geld schicke, 
    um mit einem Theil davon Ihre 
    Schuld zu begleichen. Auch die Un-
    richtigkeit Ihrer Angaben über meine 
    Forderung“ an […] beweist, daß 
    Sie nur die zweite Angelegenheit in die 
    erste vermengen wollen, um mir 
    aus Motiven, deren Deutung mir 
    ferne liegt, Ausgaben zu ersparen. 
    Ich will Ihnen den Sachverhalt auf-
    klären. […] stellte in ihrer Über-
    schwänglichkeit die Forderung, behandelt 
    zu werden wie jede andere Patientin. 
    Mir lag selbst daran, kein Übermaß 
    an Dankbarkeit aufkom̄en zu lassen, 
    andererseits lag es mir ferne, das 
    arme Mädchen ihrer kleinen Habe 
    zu berauben.  So kam es zu einem 
    Vertrag zwischen uns, daß ich ihr 
    die Sitzung zu 5 Fl berechne „wie 
    jeder anderen“, daß aber von dem 
    so zu Stande kom̄enden Honorar 
    von Fl 750 (150 Sitzungen) nur 150

  • S.

    sogleich zu bezahlen sind, 
    der Rest von 600 Fl erst, 
    nachdem sie die ihr zukom-
    mende Erbschaft von ihrer 
    jetzt noch lebenden 
    Mutter gemacht haben 
    wird. Wie Sie sehen, kann 
    ich nicht genöthigt werden, 
    für die Behandlg der 
    […] etwas anzu-
    nehmen, ehe sie geerbt 
    hat, und, wen̄ dieser Fall 
    eintritt wird sie ihre, 
    so sehr ernst genom̄ene, 
    Schuld wahrscheinlich selbst 
    bezahlen. Ich glaube 
    also nicht, daß in der #
    Rücksendg der Fl 350. 

  • S.

    […] irgendwie betheiligt ist.

    Somit darf ich selbst 
    hoffen, daß Sie der 
    Annahme dieses Betrages 
    keine weiteren Schwierig-
    keiten entgegensetzen 
    werden.

    Mit ergebenstem Dank 
    Ihr  
    Freud

  • S.