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II
LE BON’S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE
Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen
scheint es, mit einem Hinweis auf das Erscheinungs-
gebiet zu beginnen und aus diesem einige besonders
auffällige und charakteristische Tatsachen herauszu-
greifen, an welche die Untersuchung anknüpfen kann.
Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem
mit Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon,
Psychologie der Massen.1)Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar:
Wenn die Psychologie, welche die Anlagen, Trieb-
regungen, Motive, Absichten eines einzelnen Menschen
bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu
seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst
und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht
hätte, dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen
Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte
die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr
verständlich gewordene Individuum unter einer be-
stimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und
1) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912.
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handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese
Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge,
welche die Eigenschaft einer „psychologischen Masse“
erworben hat. Was ist nun eine „Masse“, wodurch
erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Ein
zelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin be
steht die seelische Veränderung, die sie dem Ein
zelnen aufnötigt?Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Auf
gabe einer theoretischen Massenpsychologie. Man greift
sie offenbar am besten an, wenn man von der dritten
ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten
Reaktion des Einzelnen, welche der Massenpsycho
logie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß
ja die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen.Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen. Er
sagt (S. 13): „An einer psychologischen Masse ist
das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie
zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähn
lich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung,
ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den
bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen
sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz
anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes
von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde.
Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Hand
lungen umsetzen. Die psychologische Masse ist einS.
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II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele
provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen
besteht, die für einen Augenblick sich miteinander
verbunden haben, genau so wie die Zellen des Orga-
nismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit
ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen
Zellen bilden.“Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung
Le Bon’s durch unsere Glossen zu unterbrechen,
geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn die
Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden
sind, so muß es wohl etwas geben, was sie aneinander
bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das sein,
was für die Masse charakteristisch ist. Allein Le Bon
beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver-
änderung des Individuums in der Masse ein und be-
schreibt sie in Ausdrücken, welche mit den Grund-
voraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter
Übereinstimmung stehen.(S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes
von Verschiedenheit des einer Masse angehörenden
vom isolierten Individuum, weniger leicht ist aber die
Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit.Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu
finden, muß man sich zunächst der von der modernen
Psychologie gemachten Feststellung erinnern, daß nicht
bloß im organischen Leben, sondern auch in den intellek-
tuellen Funktionen die unbewußten Phänomene eine
überwiegende Rolle spielen. Das bewußte GeisteslebenS.
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stellt nur einen recht geringen Teil neben dem un-
bewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die
schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen
Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere be-
wußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch
Vererbungseinflüsse geschaffenen, unbewußten Substrat
her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus
denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den
eingestandenen Motiven unserer Handlungen gibt es
zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht ein-
gestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere,
die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl unserer
alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver-
borgener, uns entgehender Motive.“In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich
die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und da-
mit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige
Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im
Homogenen. Wir würden sagen, der psychische Ober-
bau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig
entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet und das
bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird
bloßgelegt (wirksam gemacht).Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher
Charakter der Massenindividuen zustande. Allein Le Bon
findet, sie zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vor-
her nicht besessen haben, und sucht den Grund dafür
in drei verschiedenen Momenten.S.
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II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele
(S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin,
daß das Individuum in der Masse schon durch die
Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht
erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen,
die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies
nun umso weniger Anlaß haben, als bei der Anonymität
und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse
das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuer
stets zurückhält, völlig schwindet.“Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger
Wert auf das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen.
Es genügte uns zu sagen, das Individuum komme in
der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die
Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen ab-
zuwerfen.1) Die anscheinend neuen Eigenschaften, die
es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Un-
bewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in
der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens
oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen
macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit. Wir
hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten
Gewissens sei „soziale Angst“.
1) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bon’s
und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff
des Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse
angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bon’s enthält
vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die
individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. WirS.
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(S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung,
trägt ebenso dazu bei, bei den Massen die Äußerung
spezieller Merkmale und zugleich deren Richtung zu
bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu kon-
statierendes, aber unerklärliches Phänomen, das man
den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen
hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge ist
jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar
in so hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht
sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert.
Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegenge-
setzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massen-
bestandteil fähig ist.“Wir werden auf diesen letzten Satz später eine
wichtige Vermutung begründen.(S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste
Ursache bedingt in den zur Masse vereinigten Indi-
viduen besondere Eigenschaften, welche denen des
isolierten Individuums völlig entgegengesetzt sind.
Ich rede hier von der Suggestibilität, von der
die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir-
kung ist.
verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs, (das Es, wie ich
es später genannt habe), dem die „archaische Erbschaft“ der
Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außer-
dem das „unbewußte Verdrängte“ ab, welches aus einem Anteil
dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Ver-
drängten fehlt bei Le Bon.S.
Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die
Vergegenwärtigung gewisser neuer Entdeckungen der
Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch mittels
mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand
versetzt werden kann, daß er nach Verlust seiner
ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeits-
bewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem
Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem
Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen
sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine
Zeitlang im Schoße einer tätigen Masse eingebettetes
Individuum in Bälde – durch Ausströmungen, die
von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache
– sich in einem Sonderzustand befindet, der sich
sehr der Faszination nähert, die den Hypnotisierten
unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt…..
Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden,
Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Ge-
fühle und Gedanken sind nach der durch den Hypnoti-
sator hergestellten Richtung orientiert.So ungefähr verhält sich auch der Zustand des
einer psychologischen Masse angehörenden Individuums.
Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie
beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich
gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen
Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter dem
Einflusse einer Suggestion wird es sich mit einemS.
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unwiderstehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter
Handlungen machen. Und dieses Ungestüm ist bei
den Massen noch unwiderstehlicher als beim Hypnoti-
sierten, weil die für alle Individuen gleiche Suggestion
durch Gegenseitigkeit anwächst.“(S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse
befindlichen Individuums sind demnach: Schwund der
bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten
Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle
in derselben Richtung durch Suggestion und An-
steckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung
der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr
es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.“Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben,
um zu bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des
Individuums in der Masse wirklich für einen hypnoti-
schen erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen
vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch,
wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten Ur-
sachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse,
die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offen-
bar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch
eine Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch
die Wirkungen der beiden Momente scheinen uns im
Text Le Bon’s nicht scharf geschieden. Vielleicht
deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir
die Ansteckung auf die Wirkung der einzelnen Mit-
glieder der Masse aufeinander beziehen, während dieS.
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mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung
gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse
auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber?
Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit
berühren, daß eines der Hauptstücke dieser An-
gleichung, nämlich die Person, welche für die Masse
den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung Le Bon's
nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von
diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß
die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen auf ein-
ander ausüben, durch welche die ursprüngliche Sug-
gestion verstärkt wird.Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beur-
teilung des Massenindividuums: (S. 17.) „Ferner steigt
durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten
Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der
Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er viel-
leicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er
ein Barbar, d. h. ein Triebwesen. Er besitzt die
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch
den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen.“
Er verweilt dann noch besonders bei der Herabsetzung
der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch
sein Aufgehen in der Masse erfährt.1)
1) Vergleiche das Schiller'sche Distichon:
Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.S.
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Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir
uns zur Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon
sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung
und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierig-
keiten bereiten würde. Le Bon weist uns selbst den
Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist.
(S. 19.)Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar.
Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet.1)
Die Impulse, denen die Masse gehorcht, können je
nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder
feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch,
daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse
der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.)Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die
Dinge leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange,
sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie verträgt
keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der
Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der
Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet
der Begriff des Unmöglichen.2)Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht-
gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert
1) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Des-
kription gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte“ bedeutet.2) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie und
Allmacht der Gedanken.S.
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II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele
für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ
hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen
des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner
verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der
Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse
sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die
Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit.1)Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene
Verdacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstöß-
liche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum
wilden Haß. (S. 32.)2)
1) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste
Kenntnis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir
die technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der
Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten
Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel
und Unsicherheit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die
Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traum-
gedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht
kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den
zum Traum führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung,
5. Aufl. 1919, S. 386.)2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Ex-
tremen und Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an
und findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbe-
wußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen
ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die
schuldige Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend
einer Versuchung zum Anstoß einer im Traum dargestellten ver-
brecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns
Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum unsS.
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Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse
auch nur durch übermäßige Reize erregt. Wer auf
sie wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung
seiner Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern
malen, übertreiben und immer das Gleiche wieder-
holen.Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen
nicht im Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer
großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie auto-
ritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich
von der Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche
bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie
will beherrscht und unterdrückt werden und ihren
Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat
sie tiefen Abscheu vor allen Neuerungen und Fort-
schritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der Tradition.
(S. 37.)Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beur-
teilen, muß man in Betracht ziehen, daß im Beisammen-
sein der Massenindividuen alle individuellen Hemmungen
entfallen und alle grausamen, brutalen, destruktiven
Instinkte, die als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnenan Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen
wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht
wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem Ver-
größerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen
wiederfinden.“ (Traumdeutung, S. 457.)S.
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schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt
werden. Aber die Massen sind auch unter dem Ein-
fluß der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung,
Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig.
Während der persönliche Vorteil beim isolierten Indi-
viduum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er
bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man kann
von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse
sprechen (S. 39). Während die intellektuelle Leistung
der Masse immer tief unter der des Einzelnen steht,
kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso hoch
überragen, wie tief darunter herabgehen.Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massen-
seele mit der Seele der Primitiven zu identifizieren,
werfen einige andere Züge der Le Bon’schen Charak-
teristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten
Ideen nebeneinander bestehen und sich miteinander
vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider-
spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im un-
bewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und
der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse längst
nachgewiesen hat.1)
1) Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühls-
einstellungen gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit neben-
einander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem
Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen
den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das
Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf einS.
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Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen
Macht von Worten, die in der Massenseele die furcht-
barsten Stürme hervorrufen und sie auch besänftigen
können (S. 74). „Mit Vernunft und Argumenten kann
man gegen gewisse Worte und Formeln nicht an-
kämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den Massen
aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und
die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als
Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet.“Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte
einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine
unterdrückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder
selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer
herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus
diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm
Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steige-
rung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen
ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt.Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er-
wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden
Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der
einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb-
regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem
Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual-
triebe zur definitiven Genitalorganisation lange bekannt. (Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905.) Daß die Vereinheitlichung
des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren kann wie die der
Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der
Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind u. a. Die ver-
schiedenen Möglichkeiten eines späteren Zerfalls des Ichs bilden
ein besonderes Kapitel der Psychopathologie.S.
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II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele
(S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu
der Namen bei den Primitiven, an die magischen
Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte knüpfen,
zu erinnern.1)Und endlich: Die Massen haben nie den Wahr-
heitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie
nicht verzichten können. Das Irreale hat bei ihnen
stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche
beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkliche.
Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden
keinen Unterschied zu machen (S. 47).Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der
vom unerfüllten Wunsch getragenen Illusion haben
wir als bestimmend für die Psychologie der Neurosen
aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht
die gemeine objektive, sondern die psychische Realität.
Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie
anstatt auf die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein
zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die Tatsache
eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung ge-
kommen. Ja wie im Traum und in der Hypnose, tritt
in der Seelentätigkeit der Masse die Realitätsprüfung
zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten Wunsch-
regungen.Was Le Bon über die Führer der Massen sagt,
ist weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige1) Siehe Totem und Tabu.
S.
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nicht so deutlich durchschimmern. Er meint, sobald
lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt
sind, einerlei ob eine Herde Tiere oder eine Menschen-
menge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität
eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folg-
same Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag.
Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie
sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv
unterordnet.Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer
entgegen, so muß er ihm doch durch persönliche
Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um
Glauben in der Masse zu erwecken, er muß einen
starken, imponierenden Willen besitzen, den die willen-
lose Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann
die verschiedenen Arten von Führern und die Mittel,
durch welche sie auf die Masse wirken. Im ganzen
läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung
kommen, für die sie selbst fanatisiert sind.Diesen Ideen wie den Führern schreibt er über-
dies eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu,
die er „Prestige“ benennt. Das Prestige ist eine Art
Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine
Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit
zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung.
Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das
der Faszination der Hypnose (S. 96).S.
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II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele
Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und
persönliches Prestige. Das erstere wird bei Personen
durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen, bei An-
schauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition.
Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit zurück-
greift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften
Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige
haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu
Führern werden, und macht, daß ihnen alles wie unter
der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht.
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig
und geht durch Mißerfolge verloren (S. 105).Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon
die Rolle der Führer und die Betonung des Prestige
in richtigen Einklang mit der so glänzend vorgetragenen
Schilderung der Massenseele gebracht worden ist.
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1923
1921-001/1923/2