S.
XII
NACHTRÄGE
Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem
vorläufigen Abschluß gekommen ist, haben sich uns
verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir zuerst ver-
mieden haben, auf denen uns aber manche nahe Ein-
sicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten wollen
wir nun nachholen.A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und
Ichidealersetzung durch das Objekt findet eine inter-
essante Erläuterung an den zwei großen künstlichen
Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer
und der christlichen Kirche.Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten,
also eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt,
während er sich mit seinesgleichen identifiziert und
aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Güter-
teilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich
mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in
Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister:Wie er räuspert und wie er spuckt,
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt! …S.
105
Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ
liebt Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen
Christen durch Identifizierung verbunden. Aber die
Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies sich mit
Christus identifizieren und die anderen Christen lieben,
wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also
an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen-
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung
soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden
hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung
besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Konsti-
tution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ
sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi
Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu um-
fassen, ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als
schwacher Mensch die Seelengröße und Liebesstärke
des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung
der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich
das Moment, auf welches das Christentum den An-
spruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu
haben.B. Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der
seelischen Entwicklung der Menschheit anzugeben, an
der sich auch für den Einzelnen der Fortschritt von
der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.1)1) Das hier folgende steht unter dem Einflusse eines Gedanken-
austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt“, Imago,
VIII. 2. 1922).S.
106
Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaft-
lichen Mythos vom Vater der Urhorde zurückgreifen.
Er wurde später zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht,
denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste
Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes ein-
zelnen von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und verehrt,
was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese
Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und zer-
stückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an
seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten
sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die
Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten
dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden,
die das Andenken der Mordtat erhalten und sühnen
sollten. Aber die Unzufriedenheit mit dem Erreichten
blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. All-
mählich näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen
einer Herstellung des alten Zustandes auf neuem Niveau,
der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer Familie und
brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in
der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung
mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben,
deren Priester kastriert wurden zur Sicherung der Mutter
nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde gegeben
hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten
der alten, der Väter waren viele und jeder durch die
Rechte des anderen beschränkt.S.
107
Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen
Einzelnen bewogen haben, sich von der Masse loszulösen
und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer
dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt
wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log
die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er
erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein
den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als
totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das
erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt
der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will,
das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot
wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter,
den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte,
und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der
Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die
Verlockung des Mordes gewesen war, wahrscheinlich
zur Verführerin und Anstifterin der Untat.Der Heros will die Tat allein vollbracht haben,
deren sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut
hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von Rank das
Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts
bewahrt. Denn dort kommt es häufig vor, daß der Held,
der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat – meist ein
jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem
Vatersurrogat dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat –
diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar vonS.
108
kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies
wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in der
Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister
(verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Auf-
gaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht als
Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Ein-
zelne aus der Massenpsychologie austritt. Der erste
Mythus war sicherlich der psychologische, der Heroen-
mythus; der erklärende Naturmythus muß weit später
aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt
getan und sich so in der Phantasie von der Masse
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von
Rank doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr
zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse
die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser Held
ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich
somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur
Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter,
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren.1)Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Ver-
gottung des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros
früher als der Vatergott, der Vorläufer der Wieder-
kehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe liefe1) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat
eines Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag,
1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920.S.
109
XII. Nachträge
dann chronologisch so: Muttergöttin–Heros–Vatergott.
Aber erst mit der Erhöhung des nie vergessenen Ur-
vaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch heute
an ihr kennen.1)C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten
und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und
dürfen hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen
Widerstand stoßen wird. Doch wird eine eingehende
Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst
wenn sie nur wiederholt, was zum großen Teil bereits
an früheren Stellen gesagt worden ist.Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter
Sexualtriebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes
kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für
seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich
ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexual-
streben des Kindes Ausdruck geben. Das Kind ver-
langt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten,
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, be-
schauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei
ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein,
es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten,
was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt sich
vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte
Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch-
1) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material
aus Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der
Konstruktion verzichtet worden.S.
110
leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittel-
bare Zusammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Ge-
fühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen
uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte
Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zen-
trierten Sexualbestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.)Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch
dem Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie
bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an einem Ver-
drängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns
als rein zärtliche Gefühlsbindung, die denselben Personen
gilt, aber nicht mehr als „sexuell“ bezeichnet werden
soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen-
lebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen,
daß auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinder-
jahre noch fortbestehen, aber verdrängt und unbewußt.
Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß überall, wo
wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der Nachfolger
einer voll,„sinnlichen“ Objektbindung an die betreffende
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns
freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten,
ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem
gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob
sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu
fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regressoin
besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich nur und
ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung undS.
111
Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man muß sich
hierbei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in Acht
nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des ver-
drängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der
Neigung, das Normale durchaus mit dem Maß des
Pathologischen zu messen.Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten
nicht durchdringen will. oder kann, stellen sich die
zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von
Strebungen dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen,
wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben,
hervorgegangen sind.1)Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen
sexuellen Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine
Schwierigkeiten hat, in der Darstellung einer solchen
Zielablenkung den Anforderungen der Metapsychologie
zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten
Triebe immer noch einige der ursprünglichen Sexualziele
fest; auch der zärtlich Anhängliche, auch der Freund,
der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den Anblick
der nur mehr im „paulinischen“ Sinne geliebten Person.
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung
einen Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe an-
erkennen oder aber die Grenze für letztere noch ferner
stecken. Die zielgehemmten Sexualtriebe haben vor den1) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli-
zierter aufgebaut.S.
112
ungehemmten einen großen funktionellen Vorteil. Da sie
einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig sind,
eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu
schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal durch
die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und
auf Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen
Libido warten müssen, wobei inzwischen das Objekt
gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind
jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten
fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie sie aus
ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf
Anerkennung und Bewunderung gegründet, erotische
Wünsche entwickeln (das Molière’sche: Embrassez-moi
pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schülerin,
Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen.
Ja die Entstehung solcher zuerst absichtsloser Gefühls-
bindungen gibt direkt einen viel begangenen Weg zur
sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen
von Zinzendorf“ hat Pfister ein überdeutliches, gewiß
nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe
es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in brünstige
sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch
die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller
Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas
sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus
verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu
einem großen Teil auf diesem Vorgang.S.
113
Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören,
daß die zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den
direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich der Erreichung
der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse entgegen-
stellen. Die Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches
inneres – oder besser: innerlich gewordenes – Hindernis.
Vom Vater der Urhorde haben wir angenommen, daß
er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne zur Ab-
stinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen
drängt, während er selbst sich freien Sexualgenuß vor-
behält und somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen,
auf denen die Masse beruht, sind von der Art der
zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der
Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die
Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung
behandelt.D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Be-
merkungen darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten
Sexualstrebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es
hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie
Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die
Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die Geschlechts-
liebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie ent-
wickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschrän-
kung auf zwei Personen – una cum uno – die durch
die Natur des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die poly-
gamen Neigungen wurden darauf angewiesen, sich im
Nacheinander des Objektwechsels zu befriedigen.S.
114
Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung auf-
einander angewiesenen Personen demonstrieren gegen
den Herdentrieb, das Massengefühl, indem sie die Ein-
samkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind, desto voll-
kommener genügen sie einander. Die Ablehnung des
Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die
äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden
aufgeboten, um die sexuelle Objektwahl gegen die Be-
einträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen.
Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der
Liebesbeziehung völlig hinter den sinnlichen zurücktritt,
wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart
anderer oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer
Gruppe wie bei der Orgie möglich. Damit ist aber eine
Regression zu einem frühen Zustand der Geschlechts-
beziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch
keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleich-
wertig erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen
Wort Bernard Shaw’s: Verliebtsein heiße, den Unter-
schied zwischen einem Weib und einem anderen un-
gebührlich überschätzen.Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß
die Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen
zwischen Mann und Weib Eingang fand, so daß auch
die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und Massen-
bindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den
Anschein haben, als ob diese Annahme unverträglich
mit unserem Mythos von der Urfamilie wäre. Die Brüder-
S.
115
schar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und
Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und
es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine
ungebrochene, primitive, d. h. als innige Vereinigung
von zärtlicher und sinnlicher vorzustellen. Allein bei
weiterer Überlegung löst sich dieser Einwand in eine
Bestätigung auf. Eine der Reaktionen auf den Vater-
mord war doch die Einrichtung der totemistischen
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit
den von der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der
Familie. Damit war der Keil zwischen die zärtlichen
und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der
heute noch in seinem Liebesleben festsitzt.1 Infolge dieser
Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der
Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen.In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer,
ist für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebes-
beziehung zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb
dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden,
die aus Männern und Weibern gemischt sind, spielt
der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen
zusammenhält, homosexueller oder heterosexueller Natur
ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert
und sieht insbesondere von den Zielen der Genital-
organisation der Libido völlig ab.
1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens,
1912, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.S.
116
Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für
das sonst in der Masse aufgehende Einzelwesen ein
Stück individueller Betätigung. Wo sie überstark werden,
zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische Kirche
hatte die besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit
zu empfehlen und ihren Priestern das Zölibat aufzu-
erlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche
zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher
Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die Massen-
bindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und
der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kulturell
wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die
homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit
besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexual-
strebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren
Aufklärung weit führen dürfte.Die psychoanalytische Untersuchung der Psycho-
neurosen hat uns gelehrt, daß deren Symptome von
verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten Sexual-
strebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel
vervollständigen, wenn man hinzufügt: oder von solchen
zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch-
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum ver-
drängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem
Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht,
den von ihr Betroffenen aus den habituellen Massen-
bildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose
wirkt in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wieS.
117
XII. Nachträge
die Verliebtheit. Dafür kann man sehen, daß dort, wo
ein kräftiger Anstoß zur Massenbildung erfolgt ist, die
Neurosen zurücktreten und wenigstens für eine Zeit-
lang schwinden können. Man hat auch mit Recht ver-
sucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen-
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das
Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen
Kulturwelt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie
den durch sie Gebundenen den stärksten Schutz gegen
die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst
noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all
den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch-
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck
von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu er-
kennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der
direkten und zielgehemmten Sexualstrebungen zu-
sammen.Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt,
sich die großen Massenbildungen, von denen er aus-
geschlossen ist, durch seine Symptombildungen zu er-
setzen. Er schafft sich seine eigene Phantasiewelt,
seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so
die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung,
welche deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten
Sexualstrebungen bezeugt.1)
1) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das
Tabu und die Ambivalenz.S.
118 Massenpsychologie und Ich-Analyse
Æ. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende
Würdigung der Zustände, die uns beschäftigt haben,
vom Standpunkt der Libidotheorie an, der Verliebt-
heit, Hypnose, Massenbildung und der Neurose.Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen
Vorhandensein von direkten und von zielgehemmten
Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen Teil der
narzifštischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum
für das Ich und das Objekt.Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Ein-
schrånkung auf diese beiden Personen, aber sie be-
ruht durchaus auf zielgehemmten Sexualstrebungen
und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals.Die Masse vervielfåltigt diesen Vorgang, sie stimmt
mit der Hypnose in der Natur der sie zusammen-
haltenden Triebe und in der Ersetzung des Ichideals
durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identi-
fizierung mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht
urspriinglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt
ermöglicht wurde.Beide Zustinde, Hypnose wie Massenbildung, sind
Erbniederschlige aus der Phylogenese der mensch-
lichen Libido, die Hypnose als Disposition, die Masse
überdies als direktes Uberbleibsel. Die Ersetzung der
direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten
beførdert bei beiden die Sonderung von Ich und Ich-
ideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein Anfang
gemacht ist.S.
119
XII. Nachträge
Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch
sie beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen
Libidoentwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unter-
brochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexual-
funktion. (S. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.)
Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den
Charakter einer Regression, welcher der Verliebtheit
abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht
voll geglückt ist, und entspricht einem Konflikt
zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben, welche
eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und den
Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten
Unbewußten her – ebenso wie andere völlig ver-
drängte Triebregungen – nach ihrer direkten Befrie-
digung streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig,
da sie alle möglichen Beziehungen zwischen Ich und
Objekt umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt bei-
behalten als auch andere, in denen es aufgegeben
oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die
Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem
Ichideal.
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1923
1921-001/1923/12