Selbstdarstellung1925-041/1936
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    Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich ange
    ben, daß ich von Anfang an außer der hypnotischen Sug-
    gestion eine andere Verwendung der Hypnose übte. Ich
    bediente mich ihrer zur Ausforschung des Kranken über
    die Entstehungsgeschichte seines Symptoms, die er im
    Wachzustand oft gar nicht oder nur sehr unvollkommen
    mitteilen konnte. Dies Verfahren schien nicht nur wirk-
    samer als das bloße suggestive Gebot oder Verbot, es
    befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes, der doch
    ein Recht hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens
    zu erfahren, das er durch die monotone suggestive Pro-
    zedur aufzuheben strebte.

    Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgen-
    de Weise gekommen. Noch im Brückeschen Labora-
    torium wurde ich mit Dr. Josef Breuer bekannt, einem
    der angesehensten Familienärzte Wiens, der aber auch
    eine wissenschaftliche Vergangenheit hatte, da mehrere
    Arbeiten von bleibendem Werte über die Physiologie
    der Atmung und über das Gleichgewichtsorgan von ihm
    herrührten. Er war ein Mann von überragender Intelli-
    genz, 14 Jahre älter als ich; unsere Beziehungen wurden
    bald intimer, er wurde mein Freund und Helfer in schwie-

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    rigen Lebenslagen. Wir hatten uns daran gewöhnt, alle
    wissenschaftlichen Interessen miteinander zu teilen.
    Natürlich war ich der gewinnende Teil in diesem Ver-
    hältnis. Die Entwicklung der Psychoanalyse hat mich
    dann seine Freundschaft gekostet. Es wurde mir nicht
    leicht, diesen Preis dafür zu zahlen, aber es war unaus-
    weichlich.

    Breuer hatte mir, schon ehe ich nach Paris ging,
    Mitteilungen über einen Fall von Hysterie gemacht, den
    er in den Jahren 1880 bis 1882 auf eine besondere Art be-
    handelt hatte, wobei er tiefe Einblicke in die Verursachung
    und Bedeutung der hysterischen Symptome gewinnen
    konnte. Das war also zu einer Zeit geschehen, als die
    Arbeiten Janets noch der Zukunft angehörten. Er
    las mir wiederholt Stücke der Krankengeschichte vor,
    von denen ich den Eindruck empfing, hier sei mehr für
    das Verständnis der Neurose geleistet worden als je zu-
    vor. Ich beschloß bei mir, Charcot von diesen Funden
    Kunde zu geben, wenn ich nach Paris käme, und tat dies
    dann auch. Aber der Meister zeigte für meine ersten
    Andeutungen kein Interesse, so daß ich nicht mehr auf
    die Sache zurückkam und sie auch bei mir fallen ließ.

    Nach Wien zurückgekehrt, wandte ich mich wieder
    der Breuerschen Beobachtung zu und ließ mir mehr
    von ihr erzählen. Die Patientin war ein junges Mädchen
    von ungewöhnlicher Bildung und Begabung gewesen,
    die während der Pflege ihres zärtlich geliebten Vaters

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    erkrankt war. Als Breuer sie übernahm, bot sie ein
    buntes Bild von Lähmungen mit Kontrakturen, Hem-
    mungen und Zuständen von psychischer Verworrenheit.
    Eine zufällige Beobachtung ließ den Arzt erkennen, daß
    sie von einer solchen Bewußtseinstrübung befreit werden
    konnte, wenn man sie veranlaßte, in Worten der affek-
    tiven Phantasie Ausdruck zu geben, von der sie eben
    beherrscht wurde. Breuer gewann aus dieser Erfah-
    rung eine Methode der Behandlung. Er versetzte sie in
    tiefe Hypnose und ließ sie jedesmal von dem erzählen,
    was ihr Gemüt bedrückte. Nachdem die Anfälle von de-
    pressiver Verworrenheit auf diese Weise überwunden
    waren, verwendete er dasselbe Verfahren zur Aufhebung
    ihrer Hemmungen und körperlichen Störungen. Im
    wachen Zustande wußte das Mädchen so wenig wie
    andere Kranke zu sagen, wie ihre Symptome entstanden
    waren, und fand kein Band zwischen ihnen und irgend-
    welchen Eindrücken ihres Lebens. In der Hypnose ent-
    deckte sie sofort den gesuchten Zusammenhang. Es er-
    gab sich, daß alle ihre Symptome auf eindrucksvolle
    Erlebnisse während der Pflege des kranken Vaters zu-
    rückgingen, also sinnvoll waren, und Resten oder Re-
    miniszenzen dieser affektiven Situationen entsprachen.
    Gewöhnlich war es so zugegangen, daß sie am Kranken-
    bett des Vaters einen Gedanken oder Impuls hatte unter-
    drücken müssen; an dessen Stelle, in seiner Vertretung,
    war dann später das Symptom erschienen. In der Regel

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    war aber das Symptom nicht der Nieder-
    schlag einer einzigen „traumatischen“ Szene, sondern das Ergebnis der
    Summation von zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn
    nun die Kranke in der Hypnose eine solche Situation
    halluzinatorisch wieder erinnerte und den damals unter-
    drückten seelischen Akt nachträglich unter freier Affekt-
    entfaltung zu Ende führte, war das Symptom wegge-
    wischt und trat nicht wieder auf. Durch dies Verfahren
    gelang es Breuer in langer und mühevoller Arbeit,
    seine Kranke von all ihren Symptomen zu befreien.

    Die Kranke war genesen und seither gesund geblieben,
    ja bedeutsamer Leistungen fähig geworden. Aber über
    dem Ausgang der hypnotischen Behandlung lastete ein
    Dunkel, das Breuer mir niemals aufhellte; auch konnte
    ich nicht verstehen, warum er seine, wie mir schien, un-
    schätzbare Erkenntnis so lange geheim gehalten hatte,
    anstatt die Wissenschaft durch sie zu bereichern. Die
    nächste Frage aber war, ob man verallgemeinern dürfe,
    was er an einem einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die
    von ihm aufgedeckten Verhältnisse erschienen mir so
    fundamentaler Natur, daß ich nicht glauben konnte, sie
    würden bei irgendeinem Falle von Hysterie vermißt
    werden können, wenn sie einmal bei einem einzigen
    nachgewiesen waren. Doch konnte nur die Erfahrung
    darüber entscheiden. Ich begann also, die Breuerschen
    Untersuchungen an meinen Kranken zu wiederholen, und
    tat, besonders nachdem mir der Besuch bei Bern-
    hard

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    heim 1889 die Begrenzung in der Leistungsfähigkeit der
    hypnotischen Suggestion gezeigt hatte, überhaupt nichts
    anderes mehr. Als ich mehrere Jahre hindurch immer
    nur Bestätigungen gefunden hatte, bei jedem Falle von
    Hysterie, der solcher Behandlung zugänglich war, auch
    bereits über ein stattliches Material von Beobachtungen
    verfügte, die der seinigen analog waren, schlug ich ihm
    eine gemeinsame Publikation vor, gegen die er sich an-
    fangs heftig sträubte. Er gab endlich nach, zumal da
    unterdes Janets Arbeiten einen Teil seiner Ergeb-
    nisse, die Zurückführung hysterischer Symptome auf
    Lebenseindrücke und deren Aufhebung durch hypnoti-
    sche Reproduktion in statu nascendi vorweggenommen
    hatten. Wir ließen 1893 eine vorläufige Mitteilung er-
    scheinen: „Über den psychischen Mechanismus hysteri-
    scher Phänomene“. 1895 folgte unser Buch „Studien
    über Hysterie“.
    Wenn die bisherige Darstellung beim Leser die Er-
    wartung erweckt hat, die „Studien über Hysterie“ wür-
    den in allem Wesentlichen ihres materiellen Inhalts
    Breuers geistiges Eigentum sein, so ist das genau das-
    jenige, was ich immer vertreten habe und auch diesmal
    aussagen wollte. An der Theorie, welche das Buch ver-
    sucht, habe ich in heute nicht mehr bestimmbarem Aus-
    maße mitgearbeitet. Diese ist bescheiden, geht nicht weit
    über den unmittelbaren Ausdruck der Beobachtungen
    hinaus. Sie will nicht die Natur der Hysterie ergründen,

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    sondern bloß die Entstehung ihrer Symptome beleuchten.
    Dabei betont sie die Bedeutung des Affektlebens, die
    Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen unbewußten
    und bewußten (besser: bewußtseinsfähigen) seelischen
    Akten, führt einen dynamischen Faktor ein, indem sie
    das Symptom durch die Aufstauung eines Affekts ent-
    stehen läßt, und einen ökonomischen, indem sie das
    selbe Symptom als das Ergebnis der Umsetzung einer
    sonst anderswie verwendeten Energiemenge betrachtet
    (sog. Konversion). Breuer nannte unser Ver-
    fahren das kathartische; als dessen therapeutische
    Absicht wurde angegeben, den zur Erhaltung des Sym-
    ptoms verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen
    geraten und dort gleichsam eingeklemmt war, auf die
    normalen Wege zu leiten, wo er zur Abfuhr gelangen
    konnte (abreagieren). Der praktische Erfolg der
    kathartischen Prozedur war ausgezeichnet. Die Mängel,
    die sich später herausstellten, waren die einer jeden
    hypnotischen Behandlung. Noch jetzt gibt es eine Anzahl
    von Psychotherapeuten, die bei der Katharsis im Sinne
    Breuers stehen geblieben sind und sie zu loben
    wissen. In der Behandlung der Kriegsneurotiker des
    deutschen Heeres während des Weltkrieges hat sie sich
    als abkürzendes Heilverfahren unter den Händen von
    E. Simmel von neuem bewährt. Von der Sexualität
    ist in der Theorie der Katharsis nicht viel die Rede. In
    den Krankengeschichten, die ich zu den „Studien“ bei-

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    gesteuert, spielen Momente aus dem Sexualleben eine
    gewisse Rolle, werden aber kaum anders gewertet als
    sonstige affektive Erregungen. Von seiner berühmt ge-
    wordenen ersten Patientin erzählt Breuer, das Sexual-
    sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus den
    „Studien über Hysterie“ hätte man nicht leicht erraten
    können, welche Bedeutung die Sexualität für die Ätio-
    logie der Neurosen hat.

    Das nun folgende Stück der Entwicklung, den Über-
    gang von der Katharsis zur eigentlichen Psychoanalyse,
    habe ich bereits mehrmals so eingehend beschrieben,
    daß es mir schwer fallen wird, hier etwas Neues vorzu-
    bringen. Das Ereignis, welches diese Zeit einleitete, war
    der Rücktritt Breuers von unserer Arbeitsgemein-
    schaft, so daß ich sein Erbe allein zu verwalten hatte.
    Es hatte schon frühzeitig Meinungsverschiedenheiten
    zwischen uns gegeben, die aber keine Entzweiung be-
    gründeten. In der Frage, wann ein seelischer Ablauf
    pathogen, d. h. von der normalen Erledigung ausge-
    schlossen werde, bevorzugte Breuer eine sozusagen
    physiologische Theorie; er meinte, solche Vorgänge ent-
    zögen sich dem normalen Schicksal, die in außergewöhnn-
    lichen — hypnoiden — Seelenzuständen entstanden
    seien. Damit war eine neue Frage, die nach der Her-
    kunft solcher Hypnoide, aufgeworfen. Ich hingegen ver-
    mutete eher ein Kräftespiel, die Wirkung von Absichten
    und Tendenzen, wie sie im normalen Leben zu beob-

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    achten sind. So stand „Hypnoidhysterie“ gegen „Ab
    wehrneurose“. Aber dieser und ähnliche Gegensätze
    hätten ihn wohl der Sache nicht abwendig gemacht,
    wenn nicht andere Momente hinzugetreten wären. Das
    eine derselben war gewiß, daß er als Internist und
    Familienarzt stark in Anspruch genommen war und nicht
    wie ich seine ganze Kraft der kathartischen Arbeit wid-
    men konnte. Ferner wurde er durch die Aufnahme be-
    einflußt, welche unser Buch in Wien wie im Reiche
    draußen gefunden hatte. Sein Selbstvertrauen und seine
    Widerstandsfähigkeit standen nicht auf der Höhe seiner
    sonstigen geistigen Organisation. Als z. B. die „Studien“
    von Strümpell eine harte Abweisung erfuhren, konnte
    ich über die verständnislose Kritik lachen, er aber
    kränkte sich und wurde entmutigt. Am meisten trug
    aber zu seinem Entschluß bei, daß meine eigenen weite-
    ren Arbeiten eine Richtung einschlugen, mit der er sich
    vergeblich zu befreunden versuchte.

    Die Theorie, die wir in den „Studien“ aufzubauen ver-
    sucht hatten, war ja noch sehr unvollständig gewesen,
    insbesondere das Problem der Ätiologie, die Frage, auf
    welchem Boden der pathogene Vorgang entstehe, hatten
    wir kaum berührt. Nun zeigte mir eine rasch sich stei-
    gernde Erfahrung, daß nicht beliebige Affekterregungen
    hinter den Erscheinungen der Neurose wirksam waren,
    sondern regelmäßig solche sexueller Natur, entweder
    aktuelle sexuelle Konflikte oder Nachwirkungen früherer

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    sexueller Erlebnisse. Ich war auf dieses Resultat nicht
    vorbereitet, meine Erwartung hatte keinen Anteil daran,
    ich war vollkommen arglos an die Untersuchung der
    Neurotiker herangetreten. Als ich 1914 die „Geschichte
    der psychoanalytischen Bewegung“ schrieb, tauchte in
    mir die Erinnerung an einige Aussprüche von Breuer,
    Charcot und Chrobak auf, aus denen ich eine
    solche Erkenntnis hätte frühzeitig gewinnen können.
    Allein ich verstand damals nicht, was diese Autoritäten
    meinten; sie hatten mir mehr gesagt, als sie selbst wuß-
    ten und zu vertreten bereit waren. Was ich von ihnen
    gehört hatte, schlummerte unwirksam in mir, bis es bei Ge-
    legenheit der kathartischen Untersuchungen als anschei-
    nend originelle Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich
    damals noch nicht, daß ich mit der Zurückführung der
    Hysterie auf Sexualität bis auf die ältesten Zeiten der
    Medizin zurückgegriffen und an Plato angeknüpft
    hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem Aufsatz von
    Havelock Ellis.

    Unter dem Einfluß meines überraschenden Fundes
    machte ich nun einen folgenschweren Schritt. Ich ging
    über die Hysterie hinaus und begann, das Sexualleben
    der sogenannten Neurastheniker zu erforschen, die sich
    zahlreich in meiner Sprechstunde einzufinden pflegten.
    Dieses Experiment kostete mich zwar meine Beliebtheit
    als Arzt, aber es trug mir Überzeugungen ein, die sich
    heute, fast 30 Jahre später, noch nicht abgeschwächt

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    haben. Man hatte viel Verlogenheit und Geheimtuerei
    zu überwinden, aber wenn das gelungen war, fand man,
    daß bei all diesen Kranken schwere Mißbräuche der
    Sexualfunktion bestanden. Bei der großen Häufigkeit
    solcher Mißbräuche einerseits, der Neurasthenie anderer-
    seits, hatte ein häufiges Zusammentreffen beider natür-
    lich nicht viel Beweiskraft, aber es blieb auch nicht bei
    dieser einen groben Tatsache. Schärfere Beobachtung
    legte mir nahe, aus dem bunten Gewirre von Krank-
    heitsbildern, die man mit dem Namen Neurasthenie
    deckte, zwei grundverschiedene Typen herauszugreifen,
    die in beliebiger Vermengung vorkommen konnten, aber
    doch in reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei
    dem einen Typus war der Angstanfall das zentrale Phä-
    nomen mit seinen Äquivalenten, rudimentären Formen
    und chronischen Ersatzsymptomen; ich hieß ihn darum
    auch Angstneurose. Auf den anderen Typus be-
    schränkte ich die Bezeichnung Neurasthenie. Nun
    war es leicht, festzustellen, daß jedem dieser Typen eine
    andere Abnormität des Sexuallebens als ätiologisches
    Moment entsprach (Coitus interruptus, frustrane Er-
    regung, sexuelle Enthaltung hier, exzessive Masturbation,
    gehäufte Pollutionen dort). Für einige besonders instruk-
    tive Fälle, in denen eine überraschende Wendung des
    Krankheitsbildes von dem einen Typus zum anderen
    stattgefunden hatte, gelang es auch, nachzuweisen, daß
    ein entsprechender Wechsel des sexuellen Regimes zu-
     

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    grunde lag. Konnte man den Mißbrauch abstellen und
    durch normale Sexualtätigkeit ersetzen, so lohnte sich
    dies durch eine auffällige Besserung des Zustandes.

    So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein
    als Störungen der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar
    die sogenannten Aktualneurosen als direkten toxischen
    Ausdruck, die Psychoneurosen als psychischen Ausdruck
    dieser Störungen. Mein ärztliches Gewissen fühlte sich
    durch diese Aufstellung befriedigt. Ich hoffte, eine Lücke
    in der Medizin ausgefüllt zu haben, die bei einer biolo-
    gisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädigungen
    als durch Infektion oder grobe anatomische Läsion in
    Betracht ziehen wollte. Außerdem kam der ärztlichen
    Auffassung zugute, daß die Sexualität ja keine bloß
    psychische Sache war. Sie hatte auch ihre somatische
    Seite, man durfte ihr einen besonderen Chemismus zu-
    schreiben und die Sexualerregung von der Anwesenheit
    bestimmter, wenn auch noch unbekannter Stoffe ab-
    leiten. Es mußte auch seinen guten Grund haben, daß die
    echten, spontanen Neurosen mit keiner anderen Krank-
    heitsgruppe so viel Ähnlichkeit zeigen wie mit den Intoxi-
    kations-
    und Abstinenzerscheinungen, hervorgerufen durch
    die Einführung und die Entbehrung gewisser toxisch wir-
    kender Stoffe oder mit dem M. Basedowii, dessen Ab-
    hängigkeit vom Produkt der Schilddrüse bekannt ist.

    Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf
    die Untersuchungen über die Aktualneurosen zurückzu-

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    kommen. Auch von anderen ist dieses Stück meiner
    Arbeit nicht fortgesetzt worden. Blicke ich heute auf
    meine damaligen Ergebnisse zurück, so kann ich sie als
    erste, rohe Schematisierungen erkennen an einem wahr-
    scheinlich weit komplizierteren Sachverhalt. Aber sie
    scheinen mir im ganzen heute noch richtig zu sein. Gern
    hätte ich später noch Fälle von reiner juveniler Neur-
    asthenie dem psychoanalytischen Examen unterzogen;
    es hat sich leider nicht gefügt. Um mißverständlichen
    Auffassungen zu begegnen, will ich betonen, daß es mir
    ferne liegt, die Existenz des psychischen Konflikts und
    der neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie zu
    leugnen. Die Behauptung geht nur dahin, daß die Sym-
    ptome dieser Kranken nicht psychisch determiniert und
    analytisch auflösbar sind, sondern als direkte toxische
    Folgen des gestörten Sexualchemismus aufgefaßt werden
    müssen.

    Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien“
    diese Ansichten über die ätiologische Rolle der Sexuali-
    tät bei den Neurosen gewonnen hatte, hielt ich über sie
    einige Vorträge in ärztlichen Vereinen, fand aber nur
    Unglauben und Widerspruch. Breuer versuchte noch
    einige Male, das große Gewicht seines persönlichen An-
    sehens zu meinen Gunsten in die Waagschale zu werfen,
    aber er erreichte nichts, und es war leicht zu sehen, daß
    die Anerkennung der sexuellen Ätiologie auch gegen seine
    Neigungen ging. Er hätte mich durch den Hinweis auf

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    seine eigene erste Patientin schlagen oder irre machen
    können, bei der sexuelle Momente angeblich gar keine
    Rolle gespielt hatten. Er tat es aber nie; ich verstand es
    lange nicht, bis ich gelernt hatte, mir diesen Fall richtig
    zu deuten und nach einigen früheren Bemerkungen von
    ihm den Ausgang seiner Behandlung zu rekonstruieren.
    Nachdem die kathartische Arbeit erledigt schien, hatte
    sich bei dem Mädchen plötzlich ein Zustand von „Über-
    tragungsliebe“ eingestellt, den er nicht mehr mit ihrem
    Kranksein in Beziehung brachte, so daß er sich be-
    stürzt von ihr zurückzog. Es war ihm offenbar peinlich,
    an dieses anscheinende Mißgeschick erinnert zu werden.
    Im Benehmen gegen mich schwankte er eine Weile
    zwischen Anerkennung und herber Kritik, dann traten
    Zufälligkeiten hinzu, wie sie in gespannten Situationen
    niemals ausbleiben, und wir trennten uns voneinander.

    Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen allge-
    meiner Nervosität die weitere Folge, daß ich die Technik
    der Katharsis abänderte. Ich gab die Hypnose auf und
    suchte sie durch eine andere Methode zu ersetzen, weil
    ich die Einschränkung der Behandlung auf hysteriforme
    Zustände überwinden wollte. Auch hatten sich mir mit
    zunehmender Erfahrung zwei schwere Bedenken gegen
    die Anwendung der Hypnose selbst im Dienste der
    Katharsis ergeben. Das erste war, daß selbst die schön-
    sten Resultate plötzlich wie weggewischt waren, wenn
    sich das persönliche Verhältnis zum Patienten getrübt

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    hatte. Sie stellten sich zwar wieder her, wenn man den
    Weg zur Versöhnung fand, aber man wurde belehrt, daß
    die persönliche affektive Beziehung doch mächtiger war
    als alle kathartische Arbeit, und gerade dieses Moment
    ent-
    zog sich der Beherrschung. Sodann machte ich eines
    Tages eine Erfahrung, die mir in grellem Lichte zeigte,
    was ich längst vermutet hatte. Als ich einmal eine meiner
    gefügigsten Patientinnen, bei der die Hypnose die merk-
    würdigsten Kunststücke ermöglicht hatte, durch die Zu-
    rückführung ihres Schmerzanfalls auf seine Veranlassung
    von ihrem Leiden befreite, schlug sie beim Erwachen ihre
    Arme um meinen Hals. Der unvermutete Eintritt einer
    dienenden Person enthob uns einer peinlichen Ausein-
    andersetzung, aber wir verzichteten von da an in still-
    schweigender Übereinkunft auf die Fortsetzung der hyp-
    notischen Behandlung. Ich war nüchtern genug, diesen
    Zufall nicht auf die Rechnung meiner persönlichen Un-
    widerstehlichkeit zu setzen, und meinte, jetzt die Natur
    des mystischen Elements, welches hinter der Hypnose
    wirkte, erfaßt zu haben. Um es auszuschalten oder
    wenigstens zu isolieren, mußte ich die Hypnose aufgeben.

    Die Hypnose hatte aber der kathartischen Behandlung
    außerordentliche Dienste geleistet, indem sie das Bewußt-
    seinsfeld der Patienten erweiterte und ihnen ein Wissen
    zur Verfügung stellte, über das sie im Wachen nicht ver-
    fügten. Es schien nicht leicht, sie darin zu ersetzen. In
    dieser Verlegenheit kam mir die Erinnerung an ein Expe-

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    riment zu Hilfe, das ich oft bei Bernheim mit ange-
    sehen hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem Somnam-
    bulismus erwachte, schien sie jede Erinnerung an die Vor-
    fälle während dieses Zustands verloren zu haben. Aber
    Bernheim behauptete, sie wisse es doch, und wenn
    er sie aufforderte, sich zu erinnern, wenn er beteuerte, sie
    wisse alles, sie solle es doch nur sagen, und ihr dabei noch
    die Hand auf die Stirne legte, so kamen die vergessenen
    Erinnerungen wirklich wieder, zuerst nur zögernd, und
    dann im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß, es
    ebenso zu machen. Meine Patienten mußten ja auch all
    das „wissen“, was ihnen sonst erst die Hypnose zugäng-
    lich machte, und mein Versichern und Antreiben, etwa
    unterstützt durch Handauflegen, sollte die Macht haben,
    die vergessenen Tatsachen und Zusammenhänge ins Be-
    wußtsein zu drängen. Das schien freilich mühseliger zu
    sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war viel-
    leicht sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und
    behielt von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem
    Ruhebett bei, hinter dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber
    nicht selbst gesehen wurde.