Selbstdarstellung1925-041/1936
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    Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Re-
    aktionssymptomen sich der Einzug der Psychoanalyse in
    das lang refraktäre Frankreich vollzieht. Es wirkt wie
    eine Reproduktion von früher Erlebtem, hat aber doch
    auch seine besonderen Züge. Einwendungen von unglaub-
    licher Einfalt werden laut, wie die, das französische
    Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und Plump-
    heit der psychoanalytischen Namengebungen (man muß
    dabei doch an Lessings unsterblichen Chevalier
    Riccaut de la Marlinière denken!). Eine andere Äußerung
    klingt ernsthafter; sie ist selbst einem Professor der
    Psychologie an der Sorbonne nicht unwürdig erschienen:
    das Génie latin vertrage überhaupt nicht die Denkungsart
    der Psychoanalyse. Dabei werden die angelsächsischen
    Alliierten, die als ihre Anhänger gelten, ausdrücklich
    preisgegeben. Wer das hört, muß natürlich glauben, das
    Génie teutonique habe die Psychoanalyse gleich nach ihrer
    Geburt als sein liebstes Kind ans Herz gedrückt.

    In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse
    von den Männern der schönen Literatur ausgegangen.
    Um das zu verstehen, muß man sich erinnern, daß die
    Psychoanalyse mit der Traumdeutung die Grenzen einer

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    rein ärztlichen Angelegenheit überschritten hat. Zwi
    schen ihrem Auftreten in Deutschland und nun in Frank
    reich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf Ge
    biete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religions
    geschichte und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde,
    Pädagogik usw. Alle diese Dinge haben mit der Medizin
    wenig zu tun, sind mit ihr eben nur durch die Vermitt
    lung der Psychoanalyse verknüpft. Ich habe darum kein
    Anrecht, sie an dieser Stelle eingehend zu behandeln.
    Ich kann sie aber auch nicht ganz vernachlässigen, denn
    einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vorstel
    lung vom Wert und Wesen der Psychoanalyse zu geben,
    andererseits habe ich mich ja der Aufgabe unterzogen, mein
    eigenes Lebenswerk darzustellen. Von den meisten dieser
    Anwendungen gehen die Anfänge auf meine Arbeiten
    zurück. Hier und da habe ich wohl auch einen Schritt
    vom Wege getan, um ein solches außerärztliches Inter
    esse zu befriedigen. Andere, nicht nur Ärzte, sondern
    auch Fachmänner, sind dann meiner Wegspur nachge
    folgt und weit in die betreffenden Gebiete eingedrungen.
    Da ich mich aber meinem Programm gemäß auf den
    Bericht über meine eigenen Beiträge zur Anwendung
    der Psychoanalyse beschränken werde, kann ich dem
    Leser nur ein ganz unzureichendes Bild von deren Aus
    dehnung und Bedeutung ermöglichen.

    Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom
    Ödipuskomplex aus, dessen Ubiquität ich allmäh

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    lich erkannte. War schon immer die Wahl, ja die Schöp-
    fung des grauenhaften Stoffes rätselhaft gewesen, die er-
    schütternde Wirkung seiner poetischen Darstellung und
    das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so erklärte
    sich dies alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetz-
    mäßigkeit des seelischen Geschehens in ihrer vollen
    affektiven Bedeutung erfaßt worden war. Verhängnis
    und Orakel waren nur die Materialisationen der inneren
    Notwendigkeit; daß der Held ohne sein Wissen und
    gegen seine Absicht sündigte, verstand sich als der richtige
    Ausdruck der unbewußten Natur seiner verbreche-
    rischen Strebungen. Vom Verständnis dieser Schicksals-
    tragödie war dann nur ein Schritt bis zur Aufstellung
    der Charaktertragödie des Hamlet, die man seit drei-
    hundert Jahren bewunderte, ohne ihren Sinn angeben
    und die Motive des Dichters erraten zu können. Es war
    doch merkwürdig, daß dieser vom Dichter erschaffene
    Neurotiker am Ödipuskomplex scheitert wie seine zahl-
    reichen Gefährten in der realen Welt, denn Hamlet ist
    vor die Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden
    Taten zu rächen, die den Inhalt des Ödipusstrebens
    bilden, wobei ihm sein eigenes dunkles Schuldgefühl
    lähmend in den Arm fallen darf. Der Hamlet ist von
    Shakespeare sehr bald nach dem Tode seines
    Vaters geschrieben worden7). Meine Andeutungen zur

    7)(1935) Dies ist eine Konstruktion, die ich ausdrücklich zu-
    rücknehmen möchte. Ich glaube nicht mehr, daß der Schauspieler

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    Analyse dieses Trauerspieles haben später durch Ernest
    Jones eine gründliche Ausarbeitung erfahren. Dasselbe
    Beispiel nahm dann Otto Rank zum Ausgangspunkt
    seiner Untersuchungen über die Stoffwahl der dramati-
    schen Dichter. In seinem großen Buche über das „Inzest-
    Motiv“ konnte er zeigen, wie häufig die Dichter gerade
    die Motive der Ödipussituation zur Darstellung wählen,
    und die Wandlungen, Abänderungen und Milderungen
    des Stoffes durch die Weltliteratur verfolgen.

    Es lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen
    und künstlerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu
    nehmen. Man erkannte, daß das Reich der Phantasie eine
    „Schonung“ war, die beim schmerzlich empfundenen Über-
    gang vom Lust- zum Realitätsprinzip eingerichtet wurde,
    um einen Ersatz für Triebbefriedigung zu gestatten, auf
    die man im wirklichen Leben hatte verzichten müssen. Der
    Künstler hatte sich wie der Neurotiker von der unbefrie-
    digenden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt zurückge-
    zogen, aber anders als der Neurotiker verstand er den
    Rückweg aus ihr zu finden und in der Wirklichkeit wieder
    festen Fuß zu fassen. Seine Schöpfungen, die Kunstwerke,
    waren Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche,

    William Shakespeare aus Stratford der Verfasser der Werke
    ist, die ihm so lange zugeschrieben wurden. Seit der Veröffent-
    lichung des Buches „Shakespeare Identified“ von I. Th. Looney
    bin ich nahezu überzeugt davon, daß sich hinter diesem Decknamen
    tatsächlich Edward de Vere, Earl of Oxford, verbirgt.

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    ganz wie die Träume, mit denen sie auch den Charakter
    des Kompromisses gemein hatten, denn auch sie mußten
    den offenen Konflikt mit den Mächten der Verdrängung
    vermeiden. Aber zum Unterschied von den asozialen,
    narzißtischen Traumproduktionen waren sie auf die An-
    teilnahme anderer Menschen berechnet, konnten bei diesen
    die nämlichen unbewußten Wunschregun-
    gen beleben
    und befriedigen. Überdies bedienten sie sich der Wahr-
    nehmungslust der Formschönheit als „Verlockungs-
    prämie“. Was die Psychoanalyse leisten konnte, war, aus
    der Aufeinanderbeziehung der Lebenseindrücke, zufälligen
    Schicksale, und der Werke des Künstlers seine Konstitu-
    tion und die in ihr wirksamen Triebregun-
    gen, also das
    allgemeine Menschli-
    che an ihm, zu konstruieren. In
    solcher Absicht habe ich z. B. Leonardo da Vinci
    zum Gegenstand einer Studie genommen, die auf einer
    einzigen, von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht
    und im wesentlichen auf die Erklä-
    rung seines Bildes „Die
    heilige Anna selbdritt“ hinzielt. Meine Freunde und
    Schüler haben dann zahlrei-
    che ähnliche Analysen an
    Künstlern und ihren Werken unternommen. Es ist nicht
    eingetroffen, daß der Genuß am Kunstwerk durch das so
    gewonnene analytische Ver-
    ständnis geschädigt wird. Dem
    Laien, der aber hier vielleicht von der Analyse zuviel
    erwartet, muß eingestanden werden, daß sie auf zwei
    Probleme kein Licht wirft, die ihn wahrscheinlich am
    meisten interessieren. Die Analyse kann nichts zur Auf-
     

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    klärung der künstlerischen Begabung sagen, und auch die
    Aufdeckung der Mittel, mit denen der Künstler arbeitet,
    der künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu.

    An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen
    Novelle, der „Gradiva“ von W. Jensen, konnte ich
    nachweisen, daß erdichtete Träume dieselben Deutungen
    zulassen wie reale, daß also in der Produktion des Dich-
    ters die uns aus der Traumarbeit bekannten Mechanismen
    des Unbewußten wirksam sind.

    Mein Buch über den „Witz und seine Bezie-
    hung zum Unbewußten“ ist direkt ein Seiten-
    sprung von der „Traumdeutung“ her. Der einzige Freund,
    der damals an meinen Arbeiten Anteil nahm, hatte mir
    bemerkt, daß meine Traumdeutungen häufig einen „witzi-
    gen“ Eindruck machten. Um diesen Eindruck aufzuklären,
    nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand, das
    Wesen des Witzes liege in seinen technischen Mitteln,
    diese seien aber dieselben wie die Arbeitsweisen der
    „Traumarbeit“, also Verdichtung, Verschiebung, Darstel-
    lung durch das Gegenteil, durch ein Kleinstes usw. Daran
    schloß sich die ökonomische Untersuchung, wie der hohe
    Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande komme. Die
    Antwort war: durch momentane Aufhebung von Verdrän-
    gungsaufwand nach der Verlockung durch eine darge-
    botene Lustprämie (Vorlust).

    Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religions-
    psychologie ein, die 1907 mit der Feststellung einer über-

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    raschenden Ähnlichkeit zwischen Zwangshandlungen und
    Religionsübungen (Ritus) begannen. Ohne noch die
    tieferen Zusammenhänge zu kennen, bezeichnete ich die
    Zwangsneurose als eine verzerrte Privatreli-
    gion sozusagen als eine universelle Zwangsneurose. Später,
    1912, wurde der nachdrückliche Hinweis von Jung auf
    die weitgehenden Analogien zwischen den geistigen Pro-
    duktionen der Neurotiker und der Primitiven mir zum
    Anlaß, meine Aufmerksamkeit diesem Thema zuzuwen-
    den. In den vier Aufsätzen, welche zu einem Buch mit
    dem Titel „Totem und Tabu“ zusammengefaßt
    wurden, führte ich aus, daß bei den Primitiven die Inzest-
    scheu noch stärker ausgeprägt ist als bei den Kultivierten
    und ganz besondere Abwehrmaßregeln hervorgerufen hat,
    untersuchte die Beziehungen der Tabuverbote, in
    welcher Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten,
    zur Gefühlsambivalenz und deckte im primitiven Welt-
    system des Animismus das Prinzip der Überschätzung
    der seelischen Realität, der „Allmacht der Gedanken“
    auf, welches auch der Magie zugrunde liegt. Überall
    wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose durchge-
    führt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des
    primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affek-
    tion noch in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der
    Totemismus an, dies erste Organisationssystem primi-
    tiver Stämme, in dem die Anfänge sozialer Ordnung mit
    einer rudimentären Religion und der unerbittlichen Herr-

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    schaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind. Das
    „verehrte“ Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier,
    von dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus ver-
    schiedenen Anzeichen wird erschlossen, daß alle, auch
    die höchststehenden Völker, einst dieses Stadium des
    Totemismus durchgemacht haben.

    Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf
    diesem Gebiete waren die bekannten Werke von J. G.
    Frazer („Totemism and Exogamy“, „The Golden
    Bough“) ein Fundgrube wertvoller Tatsachen und Ge-
    sichtspunkte. Aber zur Aufklärung der Probleme des
    Totemismus leistete Frazer wenig; er hatte seine
    Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals grundstürzend
    verändert, und die anderen Ethnologen und Prähistoriker
    schienen ebenso unsicher als uneinig in diesen Dingen.
    Mein Ausgangspunkt war die auffällige Übereinstimmung
    der beiden Tabusatzungen des Totemismus, den Totem
    nicht zu töten und kein Weib des gleichen Totemclans
    geschlechtlich zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des
    Ödipuskomplexes, den Vater zu beseitigen und die Mutter
    zum Weibe zu nehmen. Es ergab sich so die Versuchung,
    das Totemtier dem Vater gleichzustellen, wie es die Primi-
    tiven ohnedies ausdrücklich taten, indem sie es als den
    Ahnherrn des Clans verehrten. Von psychoanalytischer
    Seite kamen mir dann zwei Tatsachen zu Hilfe, eine
    glückliche Beobachtung Ferenczis am Kinde, welche
    gestattete, von einer infantilen Wiederkehr

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    des Totemismus zu sprechen, und die Analyse der
    frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte, daß
    dies Tier ein Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipus-
    komplex begründete Furcht vor dem Vater verschoben
    wurde. Es fehlte nun nicht mehr viel, um die Vater-
    tötung als Kern des Totemismus und als Ausgangs-
    punkt der Religionsbildung zu erkennen.

    Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von
    W. Robertson Smith’s Werk „The Religion of
    the Semites“ hinzu – der geniale Mann, Physiker und
    Bibelforscher hatte als ein wesentliches Stück der Totem-
    religion die sog. Totemmahlzeit hingestellt. Ein-
    mal im Jahre wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier
    feierlich unter Beteiligung aller Stammesgenossen ge-
    tötet, verzehrt und dann betrauert. An diese Trauer schloß
    sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche Ver-
    mutung hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden
    lebten, deren jede unter der Herrschaft eines einzigen,
    starken, gewalttätigen und eifersüchtigen Männchens
    stand, so gestaltete sich mir aus all diesen Komponenten
    die Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision,
    des folgenden Hergangs: Der Vater der Urhorde hatte als
    unumschränkter Despot alle Frauen für sich in Anspruch
    genommen, die als Rivalen gefährlichen Söhne getötet
    oder verjagt. Eines Tages aber taten sich diese Söhne zu-
    sammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn ge-
    meinsam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war.

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    Nach der Tat waren sie außerstande, sein Erbe anzu-
    treten, da einer dem anderen im Wege stand. Unter dem
    Einfluß des Mißerfolges und der Reue lernten sie, sich
    miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Brüder-
    clan durch die Satzungen des Totemismus, welche die
    Wiederholung einer solchen Tat ausschließen sollten, und
    verzichteten insgesamt auf den Besitz der Frauen, um
    welche sie den Vater getötet hatten. Sie waren nun auf
    fremde Frauen angewiesen; dies der Ursprung der mit
    dem Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totem-
    mahlzeit war die Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat,
    von der das Schuldbewußtsein der Menschheit (die Erb-
    sünde) herrührte, mit der soziale Organisation, Religion
    und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang
    nahmen.

    Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzuneh-
    men ist oder nicht, die Religionsbildung war hiemit auf
    den Boden des Vaterkomplexes gestellt und über der
    Ambivalenz aufgebaut, welche diesen beherrscht. Nach
    dem der Vaterersatz durch das Totemtier verlassen war,
    wurde der gefürchtete und gehaßte, verehrte und benei-
    dete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnestrotz
    und seine Vatersehnsucht rangen miteinander in immer
    neuen Kompromißbildungen, durch welche einerseits die
    Tat des Vatermordes gesühnt, anderseits deren Gewinn
    behauptet werden sollte. Ein besonders helles Licht wirft
    diese Auffassung der Religion auf die psychologische Fun-
    ktion.

    Freud

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    dierung des Christentums, in dem ja die Zeremonie der
    Totemmahlzeit noch wenig entstellt als K o m m u n i o n
    fortlebt. Ich will ausdrücklich bemerken, daß diese letz-
    tere Agnoszierung nicht von mir herrührt, sondern sich
    bereits bei R o b e r t s o n S m i t h und F r a z e r findet.
    Th. R e i k und der Ethnologe G. R ó h e i m haben in
    zahlreichen beachtenswerten Arbeiten an die Gedanken-
    gänge von „Totem und Tabu“ angeknüpft, sie fortgeführt,
    vertieft oder berichtigt. Ich selbst bin später noch einige
    Male auf sie zurückgekommen, bei Untersuchungen über
    das „unbewußte Schuldgefühl“, dem auch unter den
    Motiven des neurotischen Leidens eine so große Bedeutung
    zukommt, und bei Bemühungen, die soziale Psychologie
    enger an die Psychologie des Individuums zu binden („Das
    Ich und das Es“ – „Massenpsychologie und Ich-Ana-
    lyse“). Auch zur Erklärung der Hypnotisierbarkeit habe
    ich die archaische Erbschaft aus der Urhordenzeit der
    Menschen herangezogen.

    Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendun-
    gen der Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Inter-
    esses würdig sind. Von den Phantasien des einzelnen
    Neurotikers führt ein breiter Weg zu den Phantasie-
    schöpfungen der Massen und Völker, wie sie in den
    Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die M y t h o-
    l o g i e ist das Arbeitsgebiet von O t t o R a n k geworden,
    die Deutung der Mythen, ihre Zurückführung auf die be-
    kannten unbewußten Kindheitskomplexe, der Ersatz

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    astraler Erklärungen durch menschliche Motivierung war
    in vielen Fällen der Erfolg seiner analytischen Bemühung.
    Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche Bear-
    beiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der
    Psychoanalyse viel Feindschaften eingetragen; manche
    allzu nüchterne Forscher haben ihr die Anerkennung der
    Symbolik, wie sie sich aus der Deutung der Träume ergab,
    niemals verzeihen können. Aber die Analyse ist an der
    Entdeckung der Symbolik unschuldig, sie war auf anderen
    Gebieten längst bekannt und spielt dort (Folklore, Sage,
    Mythus) selbst eine größere Rolle als in der „Sprache des
    Traumes“.

    Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe
    ich persönlich nichts beigetragen; aber es war natürlich,
    daß die analytischen Ermittelungen über das Sexualleben
    und die seelische Entwicklung der Kinder die Aufmerk-
    samkeit der Erzieher auf sich zogen und sie ihre Aufgaben
    in einem neuen Lichte sehen ließen. Als unermüdlicher
    Vorkämpfer dieser Richtung in der Pädagogik hat sich der
    protestantische Pfarrer O. Pfister in Zürich hervorge-
    tan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Festhalten
    an einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar
    fand; neben ihm Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr.
    S. Bernfeld in Wien sowie viele andere8). Aus der

    8) (1935) Seither hat gerade die Kinderanalyse durch die Arbei-
    ten von Frau Melanie Klein und meiner Tochter Anna
    Freud einen mächtigen Aufschwung gewonnen.

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    Verwendung der Analyse zur vorbeugenden Erziehung
    des gesunden und zur Korrektur des noch nicht neuroti-
    schen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes hat
    sich eine praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht
    mehr möglich, die Ausübung der Psychoanalyse den
    Ärzten vorzubehalten und die Laien von ihr auszu-
    schließen. In der Tat ist der Arzt, der nicht eine besondere
    Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms ein Laie in
    der Analyse, und der Nichtarzt kann bei entsprechender
    Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt
    auch die Aufgabe der analytischen Behandlung von
    Neurosen erfüllen.

    Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg
    man sich vergebens sträuben würde, ist das Wort Psycho-
    analyse selbst mehrdeutig geworden. Ursprünglich die
    Bezeichnung eines bestimmten therapeutischen Verfahrens,
    ist es jetzt auch der Name einer Wissenschaft geworden,
    der vom Unbewußt-Seelischen. Diese Wissenschaft kann
    nur selten für sich allein ein Problem voll erledigen; aber
    sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissens-
    gebieten wichtige Beiträge zu liefern. Das Anwendungs-
    gebiet der Psycho-
    analyse reicht ebensoweit wie das der
    Psychologie, zu der sie eine Ergänzung von mächtiger
    Tragweite hinzufügt.

    So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk
    meiner Lebensarbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge ge-
    macht und manche Anregungen ausgeteilt habe, woraus

  • S.

    101

    dann in der Zukunft etwas werden soll. Ich kann selbst
    nicht wissen, ob es viel sein wird oder wenig. Aber ich darf
    die Hoffnung aussprechen, daß ich für einen wichtigen
    Fortschritt in unserer Erkenntnis den Weg eröffnet habe.