Selbstdarstellung1925-041/1936
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    IV

    Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung,
    vom Unbewußten, von der ätiologischen Bedeutung des
    Sexuallebens und der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse
    sind die Hauptbestandteile des psychoanalytischen Lehr-
    gebäudes. Ich bedauere, daß ich hier nur die einzelnen
    Stücke beschreiben konnte und nicht auch, wie sie sich zu-
    sammensetzen und ineinander greifen. Es ist jetzt an der
    Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden, die sich
    allmählich an der Technik des analytischen Verfahrens
    vollzogen.

    Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch
    Drängen und Versichern war unentbehrlich gewesen, um
    dem Arzt die ersten Orientierungen in dem, was er zu
    erwarten hatte, zu verschaffen. Auf die Dauer war sie aber
    für beide Teile zu anstrengend und schien nicht frei von
    gewissen naheliegenden Bedenken. Sie wurde also von
    einer anderen Methode abgelöst, welche in gewissem
    Sinne ihr Gegensatz war. Anstatt den Patienten anzu-
    treiben, etwas zu einem bestimmten Thema zu sagen, for-
    derte man ihn jetzt auf, sich der „freien Assoziation“ zu
    überlassen, d. h. zu sagen, was immer ihm in den Sinn kam,
    wenn er sich jeder bewußten Zielvorstellung enthielt. Nur

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    mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles mit-
    zuteilen, was ihm seine Selbstwahrnehmung ergab, und
    den kritischen Einwendungen nicht nachzugeben, die ein-
    zelne Einfälle mit den Motivierungen beseitigen wollten,
    sie seien nicht wichtig genug, gehörten nicht dazu oder
    seien überhaupt ganz unsinnig. Die Forderung nach Auf-
    richtigkeit in der Mitteilung brauchte man nicht ausdrück-
    lich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung der
    analytischen Kur.

    Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Ein-
    haltung der psychoanalytischen Grund-
    regel leisten sollte, was man von ihm erwartete,
    nämlich das verdrängte und durch Widerstände fernge-
    haltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag
    befremdend erscheinen. Allein man muß bedenken, daß
    die freie Assoziation nicht wirklich frei ist. Der Patient
    bleibt unter dem Einfluß der analytischen Situation, auch
    wenn er seine Denktätigkeit nicht auf ein bestimmtes
    Thema richtet. Man hat das Recht, anzunehmen, daß ihm
    nichts anderes einfallen wird, als was zu dieser Situation
    in Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Repro-
    duktion des Verdrängten wird sich jetzt auf zweierlei
    Weise äußern. Erstens durch jene kritischen Einwendun-
    gen, auf welche die psychoanalytische Grundregel gemünzt
    ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel diese
    Abhaltungen, so findet der Widerstand einen anderen
    Ausdruck. Er wird es durchsetzen, daß dem Analysierten

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    niemals das Verdrängte selbst einfällt, sondern nur etwas,
    was diesem nach Art einer Anspielung nahe kommt, und
    je größer der Widerstand ist, desto weiter wird sich der
    mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigentlichen, das man
    sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung, aber
    ohne Anstrengung zuhört, und der durch seine Erfahrung
    im allgemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann
    nun das Material, das der Patient zutage fördert, nach
    zwei Möglichkeiten verwerten. Entweder gelingt es ihm,
    bei geringem Widerstand, aus den Andeutungen das
    Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann, bei stärkerem
    Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema zu ent-
    fernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes
    erkennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Auf-
    deckung des Widerstandes ist aber der erste Schritt zu
    seiner Überwindung. So ergibt sich im Rahmen der analy-
    tischen Arbeit eine Deutungskunst, deren erfolg-
    reiche Handhabung zwar Takt und Übung erfordert, die
    aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der freien
    Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur
    den der Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten
    dem geringsten Maß von Zwang aus, verliert nie den
    Kontakt mit der realen Gegenwart, gewährt weitgehende
    Garantien dafür, daß man kein Moment in der Struktur
    der Neurose übersieht und nichts aus eigener Erwartung
    in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich dem
    Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des

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    Stoffes zu bestimmen, daher wird die systematische
    Bearbeitung der einzelnen Symptome und Komplexe
    unmöglich. Recht im Gegensatz zum Hergang beim hypno-
    tischen oder antreibenden Verfahren erfährt man das
    Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten und an ver-
    schiedenen Stellen der Behandlung. Für einen Zuhörer
    — den es in Wirklichkeit nicht geben darf — würde die
    analytische Kur daher ganz undurchsichtig sein.

    Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich
    nie zu versagen braucht. Es muß theoretisch immer mög-
    lich sein, einen Einfall zu haben, wenn man seine An-
    sprüche an die Art desselben fallen läßt. Doch tritt
    solches Versagen ganz regelmäßig in einem Falle auf,
    aber gerade durch seine Vereinzelung wird auch dieser
    Fall deutbar.

    Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments,
    welches einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse
    hinzufügt und technisch wie theoretisch die größte Bedeu-
    tung beanspruchen darf. In jeder analytischen Behandlung
    stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine intensive Gefühls-
    beziehung des Patienten zur Person des Analytikers her,
    die in den realen Verhältnissen keine Erklärung finden
    kann. Sie ist positiver oder negativer Natur, variiert von
    leidenschaftlicher, vollsinnlicher Verliebtheit bis zum
    extremen Ausdruck von Auflehnung, Erbitterung und
    Haß. Diese abkürzend sogenannte „Übertragung“
    setzt sich beim Patienten bald an die Stelle des Wunsches

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    nach Genesung und wird, solange sie zärtlich und ge-
    mäßigt ist, zum Träger des ärztlichen Einflusses und zur
    eigentlichen Triebfeder der gemeinsamen analytischen
    Arbeit. Später, wenn sie leidenschaftlich geworden ist
    oder ins Feindselige umgeschlagen hat, wird sie das
    Hauptwerkzeug des Widerstandes. Dann geschieht es auch,
    daß sie die Einfallstätigkeit des Patienten lahm legt und
    den Erfolg der Behandlung gefährdet. Es wäre aber
    unsinnig, ihr ausweichen zu wollen; eine Analyse ohne
    Übertragung ist eine Unmöglichkeit. Man darf nicht glau-
    ben, daß die Analyse die Übertragung schafft, und daß
    diese nur bei ihr vorkommt. Die Übertragung wird von der
    Analyse nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein
    menschliches Phänomen, entscheidet über den Erfolg bei
    jeder ärztlichen Beeinflussung, ja sie beherrscht überhaupt
    die Beziehungen einer Person zu ihrer menschlichen Um-
    welt. Unschwer erkennt man in ihr denselben dynamischen
    Faktor, den die Hypnotiker Suggerierbarkeit genannt
    haben, der der Träger des hypnotischen Rapports ist, über
    dessen Unberechenbarkeit auch die kathartische Methode
    zu klagen hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertra-
    gung fehlt oder durchaus negativ geworden ist, wie bei der
    Dementia praecox und der Paranoia, da entfällt auch die
    Möglichkeit einer psychischen Beeinflussung des Kranken.

    Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem
    Mittel der Suggestion arbeitet wie andere psycho-
    therapeutische Methoden. Der Unterschied ist aber, daß

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    ihr — der Suggestion oder der Übertragung — hier nicht
    die Entscheidung über den therapeutischen Erfolg über
    lassen wird. Sie wird vielmehr dazu verwendet, den Kran-
    ken zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen —
    zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände —, die
    eine dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie
    bedeutet. Die Übertragung wird vom Analytiker dem
    Kranken bewußt gemacht, sie wird aufgelöst, indem man
    ihn davon überzeugt, daß er in seinem Übertragungsver-
    halten Gefühlsrelationen wiedererlebt, die von
    seinen frühesten Objektbesetzungen, aus der verdrängten
    Periode seiner Kindheit, herstammen. Durch solche Wen-
    dung wird die Übertragung aus der stärksten Waffe des
    Widerstandes zum besten Instrument der analytischen
    Kur. Immerhin bleibt ihre Handhabung das schwierigste
    wie das wichtigste Stück der analytischen Technik.

    Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der
    an sie anschließenden Deutungskunst gelang der Psycho-
    analyse eine Leistung, die anscheinend nicht praktisch
    bedeutsam war, aber in Wirklichkeit zu einer völlig neuen
    Stellung und Geltung im wissenschaftlichen Betrieb führen
    mußte. Es wurde möglich, nachzuweisen, daß Träume
    sinnvoll sind, und den Sinn derselben zu erraten. Träume
    waren noch im klassischen Altertum als Verkündigungen
    der Zukunft hochgeschätzt worden; die moderne Wissen-
    schaft wollte vom Traum nichts wissen, überließ ihn dem
    Aberglauben, erklärte ihn für einen bloß „körperlichen“

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    Akt, für eine Art Zuckung des sonst schlafenden Seelen-
    lebens. Daß jemand, der ernste wissenschaftliche Arbeit
    geleistet hatte, als „Traumdeuter“ auftreten könnte, schien
    doch ausgeschlossen. Wenn man sich aber um eine solche
    Verdammung des Traumes nicht kümmerte, ihn behandelte
    wie ein unverstandenes neurotisches Symptom, eine
    Wahn- oder Zwangsidee, von seinem scheinbaren Inhalt
    absah und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien
    Assoziation machte, so kam man zu einem anderen Er-
    gebnis. Man gewann durch die zahlreichen Einfälle des
    Träumers Kenntnis von einem Gedankengebilde, das nicht
    mehr absurd oder verworren genannt werden konnte, das
    einer vollwertigen psychischen Leistung entsprach, und
    von dem der manifeste Traum nur eine entstellte,
    verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist
    eine Übersetzung in visuelle Bilder. Diese latenten
    Traumgedanken enthielten den Sinn des Traumes,
    der manifeste Trauminhalt war nur eine Täuschung, eine
    Fassade, an welche zwar die Assoziation anknüpfen
    konnte, aber nicht die Deutung.

    Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen
    Reihe von Fragen, die wichtigsten darunter, ob es denn
    ein Motiv für die Traumbildung gebe, unter welchen Be-
    dingungen sie sich vollziehen könne, auf welchen Wegen
    die Überführung der immer sinnreichen Traumgedanken
    in den oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a. In meiner
    1900 veröffentlichten „Traumdeutung“ habe ich versucht,

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    alle diese Probleme zu erledigen. Nur der kürzeste Auszug
    aus dieser Untersuchung kann hier Raum finden: Wenn
    man die latenten Traumgedanken, die man aus der Ana-
    lyse des Traumes erfahren hat, untersucht, findet man
    einen unter ihnen, der sich von den anderen, verständigen
    und dem Träumer wohlbekannten, scharf abhebt. Diese
    anderen sind Reste des Wachlebens (Tagesreste); in dem
    vereinzelten aber erkennt man eine oft sehr anstößige
    Wunschregung, die dem Wachleben des Träumers fremd
    ist, die er dementsprechend auch verwundert oder ent-
    rüstet verleugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traum-
    bildner, sie hat die Energie für die Produktion des Trau-
    mes aufgebracht und sich der Tagesreste als Material
    bedient; der so entstandene Traum stellt eine Befriedi-
    gungssituation für sie vor, ist ihre Wunscherfül-
    lung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich geworden,
    wenn nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes ihn
    begünstigt hätte. Die psychische Voraussetzung des
    Schlafens ist die Einstellung des Ichs auf den Schlaf-
    wunsch und die Abziehung der Besetzungen von allen
    Interessen des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge zur
    Motilität gesperrt werden, kann das Ich auch den Auf-
    wand herabsetzen, mit dem es sonst die Verdrängungen
    aufrecht hält. Diesen nächtlichen Nachlaß der Verdrän-
    gung macht sich die unbewußte Regung zunutze, um mit
    dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen. Der Verdrän-
    gungswiderstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht

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    SELBSTDARSTELLUNG

    aufgehoben, sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest
    von ihm ist als Traumzensur verblieben und ver-
    bietet nun der unbewußten Wunschregung, sich in den
    Formen zu äußern, die ihr eigentlich angemessen wären.
    Infolge der Strenge der Traumzensur müssen sich die
    latenten Traumgedanken Abänderungen und Abschwä-
    chungen gefallen lassen, die den verpönten Sinn des
    Traumes unkenntlich machen. Dies ist die Erklärung der
    Traumstellung, welcher der manifeste Traum
    seine auffälligsten Charaktere verdankt. Daher die Be-
    rechtigung des Satzes: der Traum sei die (ver-
    kappte) Erfüllung eines (verdrängten)
    Wunsches. Wir erkennen schon jetzt, daß der Traum
    gebaut ist wie ein neurotisches Symptom, er ist eine Kom-
    promißbildung zwischen dem Anspruch einer verdrängten
    Triebregung und dem Widerstand einer zensurierenden
    Macht im Ich. Infolge der gleichen Genese ist er auch
    ebenso unverständlich wie das Symptom und in gleicher
    Weise der Deutung bedürftig.

    Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht auf-
    zufinden. Es dient dazu, um äußere oder innere Reize,
    welche zum Erwachen auffordern würden, durch eine Art
    von Beschwichtigung abzuwehren und so den Schlaf gegen
    Störung zu versichern. Der äußere Reiz wird abgewehrt,
    indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose Situation
    verwoben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs läßt
    der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung

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    durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traum
    gedanken der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen.
    Droht aber diese Gefahr und wird der Traum allzu deut-
    lich, so bricht der Schläfer den Traum ab und wacht er-
    schreckt auf (Angsttraum). Dasselbe Versagen der
    Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere Reiz so stark
    wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck-
    traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der
    Traumzensur die latenten Gedanken in den manifesten
    Trauminhalt überführt, habe ich die Traumarbeit
    genannt. Er besteht in einer eigenartigen Behandlung des
    vorbewußten Gedankenmaterials, bei welcher dessen Be-
    standteile verdichtet, seine psychischen Akzente
    verschoben, das Ganze dann in visuelle Bilder umge-
    setzt, dramatisiert, und durch eine mißverständliche
    sekundäre Bearbeitung ergänzt wird. Die
    Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes Muster der Vorgänge
    in den tieferen, unbewußten Schichten des Seelenlebens,
    welche sich von den uns bekannten normalen Denkvor-
    gängen erheblich unterscheiden. Sie bringt auch eine
    Anzahl archaischer Züge zum Vorschein, z. B. die Ver-
    wendung einer hier vorwiegend sexuellen Symbolik,
    die man dann auf anderen Gebieten geistiger Tätigkeit
    wiedergefunden hat.

    Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit
    einem Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wach-
    lebens, in Verbindung setzt, verschafft sie dem von ihr

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    gebildeten Traume einen zweifachen Wert für die analy-
    tische Arbeit. Der gedeutete Traum erweist sich ja einer-
    seits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches, ande-
    rerseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit des Tages
    fortgesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben,
    einem Vorsatz, einer Warnung, Überlegung und wiederum
    einer Wunscherfüllung Ausdruck geben. Die Analyse ver-
    wertet ihn nach beiden Richtungen, sowohl für die Kennt-
    nis der bewußten wie der unbewußten Vorgänge beim
    Analysierten. Auch zieht sie aus dem Umstande Vorteil,
    daß dem Traume der vergessene Stoff des Kindheitslebens
    zugänglich ist, so daß die infantile Amnesie zumeist im
    Anschluß an die Deutung von Träumen überwunden wird.
    Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was früher der
    Hypnose auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir oft
    zugeschriebene Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung
    ergebe, daß alle Träume sexuellen Inhalt haben oder auf
    sexuelle Triebkräfte zurückgehen. Es ist leicht zu sehen,
    daß Hunger, Durst und Exkretionsdrang ebensogut
    Befriedigungsträume erzeugen wie irgendeine verdrängte
    sexuelle oder egoistische Regung. Bei kleinen Kindern
    stellt sich eine bequeme Probe auf die Richtigkeit unserer
    Traumtheorie zur Verfügung. Hier, wo die verschiedenen
    psychischen Systeme noch nicht scharf gesondert, die Ver-
    drängungen noch nicht tiefer ausgebildet sind, erfährt man
    häufig von Träumen, die nichts anderes sind als unver-
    hüllte Erfüllungen irgendwelcher vom Tage erübrigten

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    Wunschregungen. Unter dem Einfluß imperativer Bedürf
    nisse können auch Erwachsene solche Träume vom infan-
    tilen Typus produzieren6.

    In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich
    die Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehl-
    leistungen und Symptomhandlungen der Menschen, denen
    ich eine 1904 zuerst als Buch veröffentlichte Untersuchung
    „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ gewidmet habe.
    Den Inhalt dieses vielgelesenen Werkes bildet der Nach-
    weis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges sind, daß sie
    über physiologische Erklärungen hinausgehen, sinnvoll und
    deutbar sind und zum Schluß auf zurückgehaltene oder
    verdrängte Regungen und Intentionen berechtigen. Der
    überragende Wert der Traumdeutung wie dieser Studie
    liegt aber nicht in der Unterstützung, die sie der analyti-
    schen Arbeit leihen, sondern in einer anderen Eigenschaft
    derselben. Bisher hatte die Psychoanalyse sich nur mit
    der Auflösung pathologischer Phänomene beschäftigt und
    zu deren Erklärung oft Annahmen machen müssen, deren
    Tragweite außer Verhältnis zur Wichtigkeit des behan-
    delten


    6) (1935) Wenn man das so häufige Mißlingen der Traumfunk-
    tion berücksichtigt, kann man den Traum zutreffend charakteri-
    sieren als einen Versuch zur Wunscherfüllung. Unbestritten
    bleibt die alte Definition des Traumes durch Aristoteles als
    das Seelenleben während des Schlafes. Es ist nicht ohne Sinn, daß
    ich mein Buch nicht den „Traum“ betitelt habe, sondern „Die
    Traumdeutung“.

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    delten Stoffes stand. Der Traum aber, den sie dann in
    Angriff nahm, war kein krankhaftes Symptom, er war ein
    Phänomen des normalen Seelenlebens, konnte sich bei
    jedem gesunden Menschen ereignen. Wenn der Traum so
    gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Erklärung die
    nämlich-
    chen Annahmen erfordert, die der Verdrängung von
    Triebregungen, der Ersatz- und Kompromißbildung, der
    verschiedenen psychischen Systeme zur Unterbringung des
    Bewußten und Unbewußten, dann ist die Psychoanalyse
    nicht mehr eine Hilfswissenschaft der Psychopathologie,
    dann ist sie vielmehr der Ansatz zu einer neuen und
    gründlicheren Seelenkunde, die auch für das Verständnis
    des Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre Voraus-
    setzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete des seeli-
    schen und geistigen Geschehens übertragen; der Weg ins
    Weite, zum Weltinteresse, ist ihr eröffnet.