Selbstdarstellung1925-041/1936
  • S.

    III

    Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der
    Hypnose frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte
    auch die kathartische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose
    hatte ein Kräftespiel verdeckt, welches sich nun ent-
    hüllte, dessen Erfassung der Theorie eine sichere Be-
    gründung gab.

    Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen
    des äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten und
    diese doch erinnern konnten, wenn man die beschriebene
    Technik auf sie anwendete? Auf diese Fragen erteilte die
    Beobachtung erschöpfende Antwort. All das Vergessene
    war irgendwie peinlich gewesen, entweder schreckhaft
    oder schmerzlich oder beschämend für die Ansprüche
    der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Ge-
    danke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h.
    nicht bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu
    machen, mußte man etwas in dem Kranken überwinden,
    was sich sträubte, mußte man eigene Anstrengung auf-
    wenden, um ihn zu drängen und zu nötigen. Die vom
    Arzt erforderte Anstrengung war verschieden groß für
    verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis zur
    Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des

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    Arztes war offenbar das Maß für einen Widerstand
    des Kranken. Man brauchte jetzt nur in Worte zu über-
    setzen, was man selbst verspürt hatte, und man war im
    Besitz der Theorie der Verdrängung.

    Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekon-
    struieren. Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war
    im Seelenleben eine einzelne Stre-
    bung aufgetreten, der
    aber mächtige andere widerstrebten. Der nun entstehen-
    de seelische Konflikt sollte nach unserer Erwartung
    so verlaufen, daß die beiden dynamischen Größen —
    heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider-
    stand — eine Weile unter stärkster Anteilnahme des
    Bewußtseins miteinander rangen, bis der Trieb abge-
    wiesen, seiner Stre-
    bung die Energiebesetzung entzogen
    war. Das wäre die normale Erledigung. Bei der Neurose
    hatte aber — aus noch unbekannten Gründen — der
    Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das Ich hatte
    sich sozusagen beim ersten Zusammenstoß von der an-
    stößigen Triebregung zurückgezogen, ihr den Zugang
    zum Bewußtsein und zur direkten motorischen Abfuhr
    versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle Energiebe-
    setzung behalten. Diesen Vorgang nannte ich Ver-
    drängung; er war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches
    war je im Seelenleben erkannt worden. Er war offenbar
    ein primärer Abwehrmechanismus, einem Fluchtversuch
    vergleichbar, erst ein Vorläufer der späteren normalen
    Urteilserledigung. An den ersten Akt der Verdrängung

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    knüpften weitere Folgen an. Erstens mußte sich das Ich
    gegen den immer bereiten Andrang der verdrängten
    Regung durch einen permanenten Aufwand, eine Ge-
    genbesetzung, schützen und verarmte dabei, an-
    dererseits konnte sich das Verdrängte, das nun unbe-
    wußt war, Abfuhr und Ersatzbefriedigung auf Um-
    wegen schaffen und solcherart die Absicht der Verdrän-
    gung zum Scheitern bringen. Bei der Konversionshysterie
    führte dieser Umweg in die Körperinnervation, die ver-
    drängte Regung brach an irgendeiner Stelle durch und
    schuf sich die Symptome, die also Kompromißergeb-
    nisse waren, zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch ent-
    stellt und von ihrem Ziele abgelenkt durch den Wider-
    stand des Ichs.

    Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grund-
    pfeiler des Verständnisses der Neurosen. Die therapeu-
    tische Aufgabe mußte nun anders gefaßt werden, ihr Ziel
    war nicht mehr das „Abreagieren“ des auf falsche Bahnen
    geratenen Affekts, sondern die Aufdeckung der Ver-
    drängungen und deren Ablösung durch Urteilsleistungen,
    die in Annahme oder Verwerfung des damals Abge-
    wiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sach-
    lage Rechnung, indem ich das Verfahren zur Unter-
    suchung und Heilung nicht mehr Katharsis, sondern
    Psychoanalyse benannte.

    Man kann von der Verdrängung wie von einem
    Zentrum ausgehen und alle Stücke der psychoanalyti-

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    schen Lehre mit ihr in Verbindung bringen. Vorher will
    ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts
    machen. Nach der Meinung Janets war die Hysterika
    eine arme Person, die infolge einer konstitutionel-
    len Schwäche ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten
    konnte. Darum verfiel sie der seelischen Spaltung und
    der Einengung des Bewußtseins. Nach den Ergebnissen
    der psychoanalytischen Untersuchungen waren diese
    Phänomene aber Erfolg dynamischer Faktoren, des
    seelischen Konflikts und der vollzogenen Verdrängung.
    Ich meine, dieser Unterschied ist weittragend genug und
    sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende machen,
    was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich
    auf eine Entlehnung Janetscher Gedanken ein. Meine
    Darstellung muß dem Leser gezeigt haben, daß die Psy-
    choanalyse von den Janetschen Funden in historischer
    Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich
    von ihnen abweicht und weit über sie hinausgreift. Nie-
    mals wären auch von den Arbeiten Janets die Folge-
    rungen ausgegangen, welche die Psychoanalyse so wichtig
    für die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das allge-
    meinste Interesse zugewendet haben. Janet selbst habe
    ich immer respektvoll behandelt, weil seine Entdeckun-
    gen ein ganzes Stück weit mit denen Breuers zusam-
    mentrafen, die früher gemacht und später veröffentlicht
    worden waren. Aber als die Psychoanalyse Gegenstand
    der Diskussion auch in Frankreich wurde, hat Janet

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    sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt
    und unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich
    in meinen Augen bloßgestellt und sein Werk selbst ent-
    wertet, indem er verkündete, wenn er von „unbewußten“
    seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts damit
    gemeint, es sei bloß „une façon de parler“ gewesen.

    Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der
    pathogenen Verdrängungen und anderer noch zu erwäh-
    nender Phänomene gezwungen, den Begriff des „Unbe-
    wußten“ ernst zu nehmen. Für sie war alles Psychische
    zunächst unbewußt, die Bewußtseinsqualität konnte
    dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei stieß
    man freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zu-
    sammen, für die „bewußt“ und „psychisch“ identisch
    war, und die beteuerten, sie könnten sich so ein Unding
    wie das „unbewußte Seelische“ nicht vorstellen. Es half
    aber nichts, man mußte sich achselzuckend über diese
    Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. Die Erfah-
    rungen am pathologischen Material, das die Philosophen
    nicht kannten, über die Häufigkeit und Mächtigkeit
    solcher Regungen, von denen man nichts wußte und die
    man wie irgendeine Tatsache der Außenwelt erschließen
    mußte, ließen keine Wahl. Man konnte dann geltend
    machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat, was
    man immer schon für das anderer getan hatte. Man
    schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte
    zu, obwohl man kein unmittelbares Bewußtsein von

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    diesen hatte und sie aus Äußerungen und Handlungen
    erraten mußte. Was aber beim anderen recht ist, das
    muß auch für die eigene Person billig sein. Will man
    dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß
    die eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Be-
    wußtsein angehören, so steht man vor der Konzeption
    eines Bewußtseins, von dem man nichts weiß, eines
    unbewußten Bewußtseins, was doch kaum ein Vorteil
    gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen ist.
    Sagt man aber mit anderen Philosophen, man würdige
    die pathologischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen
    zugrunde liegenden Akte nicht psychisch, sondern psy-
    choid geheißen werden, so läuft die Differenz auf einen
    unfruchtbaren Wortstreit hinaus, in dem man sich doch
    am zweckmäßigsten für die Beibehaltung des Ausdrucks
    „unbewußt psychisch“ entscheidet. Die Frage, was dies
    Unbewußte an sich sei, ist dann nicht klüger und aus
    sichtsreicher als die andere, frühere, was das Bewußte
    sei.

    Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die
    Psychoanalyse dazu gekommen ist, das, von ihr aner-
    kannte Unbewußte noch zu gliedern, es in ein Vor
    bewußtes und in ein eigentlich Unbewußtes zu zer-
    legen. Es mag die Bemerkung genügen, daß es legitim
    erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
    Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche
    zur Bewältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich

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    auf Verhältnisse beziehen, die nicht Gegenstand unmittel-
    barer Beobachtung werden können. Man pflegt auch in
    älteren Wissenschaften nicht anders zu verfahren. Die
    Gliederung des Unbewußten hängt mit dem Versuch
    zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
    von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von
    deren Beziehung zueinander man in räumlicher Aus-
    drucksweise spricht, wobei aber ein Anschluß an die
    reale Hirnanatomie nicht gesucht wird. (Der sog. topi-
    sche Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche Vorstellun-
    gen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
    analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Be-
    dauern geopfert oder ausgetauscht werden kann, sobald
    seine Unzulänglichkeit erwiesen ist. Es bleibt genug zu
    berichten übrig, was der Beobachtung näher steht.

    Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den
    Veranlassungen und Begründungen der Neurose mit
    immer steigender Häufigkeit auf Konflikte zwischen den
    sexuellen Regungen der Person und den Widerständen
    gegen die Sexualität führte. Bei der Suche nach den
    pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
    der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die
    Symptome als Ersatzbildungen des Verdrängten stamm-
    ten, wurde man in immer frühere Lebenszeiten des Kran-
    ken zurückgeleitet und langte endlich in dessen ersten
    Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was Dichter und
    Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die Ein-
     

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    drücke dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist
    der Amnesie verfallen, unvertilgbare Spuren in der Ent-
    wicklung des Individuums zurücklassen, insbesondere
    daß sie die Disposition für spätere neurotische Erkran-
    kungen festlegen. Da es sich aber in diesen Kinder-
    erlebnissen immer um sexuelle Erregungen und um die
    Reaktion gegen dieselben handelte, stand man vor der
    Tatsache der infantilen Sexualität, die wie-
    derum eine Neuheit und einen Widerspruch gegen eines
    der stärksten Vorurteile der Menschen bedeutete. Die
    Kindheit sollte ja „unschuldig“ sein, frei von geschlecht-
    lichen Gelüsten, und der Kampf mit dem Dämon „Sinn-
    lichkeit“ erst mit dem Sturm und Drang der Pubertät
    einsetzen. Was man von sexuellen Betätigungen gelegent-
    lich an Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man
    als Zeichen von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit
    oder als kuriose Laune der Natur auf. Wenige der Er-
    mittlungen der Psychoanalyse haben eine so allgemeine
    Ablehnung gefunden, einen solchen Ausbruch von Ent-
    rüstung hervorgerufen, wie die Behauptung, daß die
    Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und
    schon in der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen
    äußere. Und doch ist kein anderer analytischer Fund so
    leicht und so vollständig zu erweisen.

    Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexuali-
    tät eingehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine
    Weile verfallen war, und der bald für meine ganze Arbeit

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    verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Drängen
    meines damaligen technischen Verfahrens reproduzierten
    die meisten meiner Patienten Szenen aus ihrer Kindheit,
    deren Inhalt die sexuelle Verführung durch einen Er-
    wachsenen war. Bei den weiblichen Personen war die
    Rolle des Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. Ich
    schenkte diesen Mitteilungen Glauben und nahm also an,
    daß ich in diesen Erlebnissen sexueller Verführung in der
    Kindheit die Quellen der späteren Neurose aufgefunden
    hatte. Einige Fälle, in denen sich solche Beziehungen zum
    Vater, Oheim oder älteren Bruder bis in die Jahre sicherer
    Erinnerung fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem
    Zutrauen. Wenn jemand über meine Leichtgläubigkeit
    mißtrauisch den Kopf schütteln wollte, so kann ich ihm
    nicht ganz unrecht geben, will aber vorbringen, daß es die
    Zeit war, wo ich meiner Kritik absichtlich Zwang antat,
    um unparteiisch und aufnahmsfähig für die vielen Neu-
    heiten zu bleiben, die mir täglich entgegentraten. Als ich
    dann doch erkennen mußte, diese Verführungsszenen
    seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine
    Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufge-
    drängt hatte, war ich eine Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen
    in meine Technik wie in ihre Ergebnisse erlitt einen harten
    Stoß; ich hatte doch diese Szenen auf einem technischen
    Wege, den ich für korrekt hielt, gewonnen, und ihr Inhalt
    stand in unverkennbarer Beziehung zu den Symptomen,
    von denen meine Untersuchung ausgegangen war. Als ich

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    mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die rich-
    tigen Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht
    direkt an wirkliche Erlebnisse anknüpften, sondern an
    Wunschphantasien, und daß für die Neurose die psy-
    chische Realität mehr bedeute als die materielle. Ich
    glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten jene
    Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe.
    Ich war da zum erstenmal mit dem Ödipuskomplex
    zusammengetroffen, der späterhin eine so überragende
    Bedeutung gewinnen sollte, den ich aber in solch phan-
    tastischer Verkleidung noch nicht erkannte. Auch blieb
    der Verführung im Kindesalter ihr Anteil an der Ätiologie,
    wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die Ver-
    führer waren aber zumeist ältere Kinder gewesen.

    Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn
    jemand die Sagengeschichte der römischen Königszeit
    nach der Erzählung des Livius für historische Wahrheit
    nehmen würde, anstatt für das, was sie ist, eine Reaktions-
    bildung gegen die Erinnerung armseliger, wahrscheinlich
    nicht immer rühmlicher Zeiten und Verhältnisse. Nach
    der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum Studium
    des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die
    Lage, die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet
    anzuwenden, aus ihren Daten ein bisher unbekanntes
    Stück des biologischen Geschehens zu erraten.

    Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden,
    lehnte sich zunächst an die anderen lebenswichtigen Funk-
     

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    tionen an und machte sich dann von ihnen unabhängig;
    sie hatte eine lange und komplizierte Entwicklung durch-
    zumachen, bis aus ihr das wurde, was als das normale
    Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. Sie äußerte
    sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
    komponenten, welche von erogenen Körper-
    zonen abhängig waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auf-
    traten (Sadismus — Masochismus, Schautrieb — Exhi-
    bitionslust), unabhängig voneinander auf Lustgewinn aus-
    gingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper fanden.
    Sie war also zuerst nicht zentriert und vorwiegend auto-
    erotisch. Später traten Zusammenfassungen in ihr auf;
    eine erste Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft
    der oralen Komponenten, dann folgte eine sadi-
    stisch-anale Phase, und erst die spät erreichte dritte
    Phase brachte den Primat der Genitalien, womit die
    Sexualfunktion in den Dienst der Fortpflanzung trat.
    Während dieser Entwicklung wurden manche Triebanteile
    als für diesen Endzweck unbrauch-
    bar beiseite gelassen
    oder anderen Verwendungen zugeführt, andere von ihren
    Zielen abgelenkt und in die genitale Organisation über-
    geleitet. Ich nannte die Energie der Sexualtriebe — und
    nur diese — Libido. Ich mußte nun annehmen, daß die
    Libido die beschriebene Entwicklung nicht immer tadellos
    durchmache. Infolge der Überstärke einzelner Komponen-
    ten oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse kommt es zu
    Fixierungen der Libido an gewissen Stellen des Ent-

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    wicklungsweges. Zu diesen Stellen strebt dann die Libido
    im Falle einer späteren Verdrängung zurück (Regres-
    sion), und von ihnen aus wird auch der Durchbruch zum
    Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, daß
    die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend
    ist für die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere
    Erkrankung auftritt.

    Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der
    Objektfindung einher, dem eine große Rolle im Seelen-
    leben vorbehalten ist. Das erste Liebesobjekt nach dem
    Stadium des Autoerotismus wird für beide Ge-
    schlechter die Mutter, deren nährendes Organ wahrschein-
    lich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden
    wurde. Später, aber noch in den ersten Kinderjahren,
    stellt sich die Relation des Ödipuskomplexes her, in
    welcher der Knabe seine sexuellen Wünsche auf die
    Person der Mutter konzentriert und feindselige Regungen
    gegen den Vater als Rivalen entwickelt. In analoger
    Weise stellt sich das kleine Mädchen ein4), alle Variationen

    4) (1935) Die Ermittlungen über die infantile Sexualität waren
    am Mann gewonnen und die aus ihnen abgeleitete Theorie für das
    männliche Kind zugerichtet worden. Die Erwartung eines durch-
    gehenden Parallelismus zwischen den beiden Geschlechtern war
    natürlich genug, aber sie erwies sich als unzutreffend. Weitere
    Untersuchungen und Erwägungen deckten tiefgehende Unter-
    schiede in der Geschlechtsentwicklung zwischen Mann und Weib
    auf. Auch für das kleine Mädchen ist die Mutter das erste Sexual-
    objekt, aber um das Ziel der normalen Entwicklung zu erreichen,

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    und Abfolgen des Ödipuskomplexes werden bedeutungsvoll, die angeborene bisexuelle Konstitution macht sich
    geltend und vermehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es dauert eine ganze Weile, bis das
    Kind über die Unterschiede der Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung schafft
    es sich typische Sexualtheorien, die, abhängig von
    der Unvollkommenheit der eigenen körperlichen Organisation, Richtiges und Falsches vermengen und die Probleme des Geschlechtslebens (das Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen) nicht lösen können. Die erste
    Objektwahl des Kindes ist also eine inzestuöse. Die
    ganze hier beschriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste Charakter des menschlichen
    Sexuallebens ist sein zweizeitiger Ansatz mit
    dazwischenliegender Pause. Im vierten und fünften
    Lebensjahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber
    vergeht diese Frühblüte der Sexualität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der Verdrängung, und es tritt
    die bis zur Pubertät dauernde Latenzzeit ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der
    Scham, des Ekels aufgerichtet werden5).

    Die Zweizeitigkeit
    soll das Weib nicht nur das Sexualobjekt, sondern auch die leitende Genitalzone wechseln. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten
    und mögliche Hemmungen, die für den Mann entfallen.5)

    5)(1935) Die Latenzzeit ist ein physiologisches Phänomen. Eine
    völlige Unterbrechung des Sexuallebens kann sie aber nur in
    jenen kulturellen Organisationen hervorrufen, die eine Unter-
    Freud

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    die Sexualentwicklung scheint von allen Lebewesen allein
    dem Menschen zuzukommen, sie ist vielleicht die biolo-
    gische Bedingung seiner Disposition zur Neurose. Mit der
    Pubertät werden die Strebungen und Objektbesetzungen
    der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühlsbindungen
    des Ödipuskomplexes. Im Sexualleben der Pubertät rin-
    gen miteinander die Anregungen der Frühzeit und die
    Hemmungen der Latenzperiode. Noch auf der Höhe der
    infantilen Sexualentwicklung hatte sich eine Art von geni-
    taler Organisation hergestellt, in der aber nur das männ-
    liche Genitale eine Rolle spielte, das weibliche unent-
    deckt geblieben war (der sog. phallische Primat).
    Der Gegensatz der Geschlechter hieß damals noch nicht
    männlich oder weiblich, sondern: im Besitze
    eines Penis oder kastriert. Der hier anschließende
    Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam
    für die Bildung von Charakter und Neurose.

    In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über
    das menschliche Sexualleben habe ich dem Verständnis
    zuliebe vielfach zusammengetragen, was zu verschiedenen
    Zeiten entstand und als Ergänzung oder Berichtigung in
    die aufeinanderfolgenden Auflagen meiner „Drei Abhand-
    lungen zur Sexualtheorie“ Aufnahme fand. Ich hoffe, es
    läßt sich aus ihr leicht entnehmen, worin die oft betonte und
    beanstandete Erweiterung des Begriffes Sexualität besteht.

    drückung der infantilen Sexualität in ihren Plan aufgenommen
    haben. Dies ist bei den meisten Primitiven nicht der Fall.

  • S.

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    Diese Erweiterung ist eine zweifache. Erstens wird die
    Sexualität aus ihren allzu engen Beziehungen zu den Geni-
    talien gelöst und als eine umfassendere, nach Lust strebende
    Körperfunktion hingestellt, welche erst sekundär in den
    Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens werden zu den
    sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und freund-
    schaftlichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch
    das vieldeutige Wort „Liebe“ verwendet. Allein ich meine,
    diese Erweiterungen sind nicht Neuerungen, sondern
    Wiederherstellungen, sie bedeuten die Aufhebung von un-
    zweckmäßigen Einengungen des Begriffes, zu denen wir
    uns haben bewegen lassen. Die Loslösung der Sexualität
    von den Genitalien hat den Vorteil, daß sie uns gestattet,
    die Sexualbetätigung der Kinder und der Perversen unter
    dieselben Gesichtspunkte zu bringen wie die der normalen
    Erwachsenen, während die erstere bisher völlig vernach-
    lässigt, die andere zwar mit moralischer Entrüstung, aber
    ohne Verständnis aufgenommen wurde. Der psychoana-
    lytischen Auffassung erklären sich auch die absonderlich-
    sten und abstoßendsten Perversionen als Äußerung von
    sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat ent-
    zogen haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwick-
    lung selbständig dem Lusterwerb nachgehen. Die wich-
    tigste dieser Perversionen, die Homosexualität, verdient
    kaum diesen Namen. Sie führt sich auf die konstitutionelle
    Bisexualität und auf die Nachwirkung des phallischen
    Primats zurück; durch Psychoanalyse kann man bei jeder-
     

  • S.

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    mann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
    Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat,
    so war das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuch-
    lichen Ausdrücken; eine moralische Wertung sollte damit
    nicht ausgesprochen werden. Solche Werturteile liegen
    der Psychoanalyse überhaupt fern.

    Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt
    sich durch den Hinweis auf die psychoanalytische Unter-
    suchung, welche zeigt, daß all diese zärtlichen Gefühls-
    regungen ursprünglich vollsexuelle Strebungen waren, die
    dann „zielgehemmt“ oder „sublimiert“ worden sind. Auf
    dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit der Sexual-
    triebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für mannigfache
    kulturelle Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten
    Beiträge stellen.

    Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität
    des Kindes wurden zunächst durch die Analyse Erwach-
    sener gewonnen, konnten aber später, etwa von 1908 an,
    durch direkte Beobachtungen an Kindern bis in alle Ein-
    zelheiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt werden.
    Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären sexuellen
    Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich
    sehr verwundert fragen muß, wie es die Menschen zustande
    gebracht haben, diese Tatsachen zu übersehen und die
    Wunschlegende von der asexuellen Kindheit solange auf-
    recht zu halten. Dies muß mit der Amnesie der meisten
    Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.