S.
III
Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der
Hypnose frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte
auch die kathartische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose
hatte ein Kräftespiel verdeckt, welches sich nun ent-
hüllte, dessen Erfassung der Theorie eine sichere Be-
gründung gab.Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen
des äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten und
diese doch erinnern konnten, wenn man die beschriebene
Technik auf sie anwendete? Auf diese Fragen erteilte die
Beobachtung erschöpfende Antwort. All das Vergessene
war irgendwie peinlich gewesen, entweder schreckhaft
oder schmerzlich oder beschämend für die Ansprüche
der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Ge-
danke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h.
nicht bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu
machen, mußte man etwas in dem Kranken überwinden,
was sich sträubte, mußte man eigene Anstrengung auf-
wenden, um ihn zu drängen und zu nötigen. Die vom
Arzt erforderte Anstrengung war verschieden groß für
verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis zur
Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand desS.
38
Arztes war offenbar das Maß für einen Widerstand
des Kranken. Man brauchte jetzt nur in Worte zu über-
setzen, was man selbst verspürt hatte, und man war im
Besitz der Theorie der Verdrängung.Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekon-
struieren. Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war
im Seelenleben eine einzelne Stre-
bung aufgetreten, der
aber mächtige andere widerstrebten. Der nun entstehen-
de seelische Konflikt sollte nach unserer Erwartung
so verlaufen, daß die beiden dynamischen Größen —
heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider-
stand — eine Weile unter stärkster Anteilnahme des
Bewußtseins miteinander rangen, bis der Trieb abge-
wiesen, seiner Stre-
bung die Energiebesetzung entzogen
war. Das wäre die normale Erledigung. Bei der Neurose
hatte aber — aus noch unbekannten Gründen — der
Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das Ich hatte
sich sozusagen beim ersten Zusammenstoß von der an-
stößigen Triebregung zurückgezogen, ihr den Zugang
zum Bewußtsein und zur direkten motorischen Abfuhr
versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle Energiebe-
setzung behalten. Diesen Vorgang nannte ich Ver-
drängung; er war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches
war je im Seelenleben erkannt worden. Er war offenbar
ein primärer Abwehrmechanismus, einem Fluchtversuch
vergleichbar, erst ein Vorläufer der späteren normalen
Urteilserledigung. An den ersten Akt der VerdrängungS.
39
knüpften weitere Folgen an. Erstens mußte sich das Ich
gegen den immer bereiten Andrang der verdrängten
Regung durch einen permanenten Aufwand, eine Ge-
genbesetzung, schützen und verarmte dabei, an-
dererseits konnte sich das Verdrängte, das nun unbe-
wußt war, Abfuhr und Ersatzbefriedigung auf Um-
wegen schaffen und solcherart die Absicht der Verdrän-
gung zum Scheitern bringen. Bei der Konversionshysterie
führte dieser Umweg in die Körperinnervation, die ver-
drängte Regung brach an irgendeiner Stelle durch und
schuf sich die Symptome, die also Kompromißergeb-
nisse waren, zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch ent-
stellt und von ihrem Ziele abgelenkt durch den Wider-
stand des Ichs.Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grund-
pfeiler des Verständnisses der Neurosen. Die therapeu-
tische Aufgabe mußte nun anders gefaßt werden, ihr Ziel
war nicht mehr das „Abreagieren“ des auf falsche Bahnen
geratenen Affekts, sondern die Aufdeckung der Ver-
drängungen und deren Ablösung durch Urteilsleistungen,
die in Annahme oder Verwerfung des damals Abge-
wiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sach-
lage Rechnung, indem ich das Verfahren zur Unter-
suchung und Heilung nicht mehr Katharsis, sondern
Psychoanalyse benannte.Man kann von der Verdrängung wie von einem
Zentrum ausgehen und alle Stücke der psychoanalyti-S.
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schen Lehre mit ihr in Verbindung bringen. Vorher will
ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts
machen. Nach der Meinung Janets war die Hysterika
eine arme Person, die infolge einer konstitutionel-
len Schwäche ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten
konnte. Darum verfiel sie der seelischen Spaltung und
der Einengung des Bewußtseins. Nach den Ergebnissen
der psychoanalytischen Untersuchungen waren diese
Phänomene aber Erfolg dynamischer Faktoren, des
seelischen Konflikts und der vollzogenen Verdrängung.
Ich meine, dieser Unterschied ist weittragend genug und
sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende machen,
was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich
auf eine Entlehnung Janetscher Gedanken ein. Meine
Darstellung muß dem Leser gezeigt haben, daß die Psy-
choanalyse von den Janetschen Funden in historischer
Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich
von ihnen abweicht und weit über sie hinausgreift. Nie-
mals wären auch von den Arbeiten Janets die Folge-
rungen ausgegangen, welche die Psychoanalyse so wichtig
für die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das allge-
meinste Interesse zugewendet haben. Janet selbst habe
ich immer respektvoll behandelt, weil seine Entdeckun-
gen ein ganzes Stück weit mit denen Breuers zusam-
mentrafen, die früher gemacht und später veröffentlicht
worden waren. Aber als die Psychoanalyse Gegenstand
der Diskussion auch in Frankreich wurde, hat JanetS.
41
sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt
und unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich
in meinen Augen bloßgestellt und sein Werk selbst ent-
wertet, indem er verkündete, wenn er von „unbewußten“
seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts damit
gemeint, es sei bloß „une façon de parler“ gewesen.Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der
pathogenen Verdrängungen und anderer noch zu erwäh-
nender Phänomene gezwungen, den Begriff des „Unbe-
wußten“ ernst zu nehmen. Für sie war alles Psychische
zunächst unbewußt, die Bewußtseinsqualität konnte
dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei stieß
man freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zu-
sammen, für die „bewußt“ und „psychisch“ identisch
war, und die beteuerten, sie könnten sich so ein Unding
wie das „unbewußte Seelische“ nicht vorstellen. Es half
aber nichts, man mußte sich achselzuckend über diese
Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. Die Erfah-
rungen am pathologischen Material, das die Philosophen
nicht kannten, über die Häufigkeit und Mächtigkeit
solcher Regungen, von denen man nichts wußte und die
man wie irgendeine Tatsache der Außenwelt erschließen
mußte, ließen keine Wahl. Man konnte dann geltend
machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat, was
man immer schon für das anderer getan hatte. Man
schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte
zu, obwohl man kein unmittelbares Bewußtsein vonS.
42
diesen hatte und sie aus Äußerungen und Handlungen
erraten mußte. Was aber beim anderen recht ist, das
muß auch für die eigene Person billig sein. Will man
dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß
die eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Be-
wußtsein angehören, so steht man vor der Konzeption
eines Bewußtseins, von dem man nichts weiß, eines
unbewußten Bewußtseins, was doch kaum ein Vorteil
gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen ist.
Sagt man aber mit anderen Philosophen, man würdige
die pathologischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen
zugrunde liegenden Akte nicht psychisch, sondern psy-
choid geheißen werden, so läuft die Differenz auf einen
unfruchtbaren Wortstreit hinaus, in dem man sich doch
am zweckmäßigsten für die Beibehaltung des Ausdrucks
„unbewußt psychisch“ entscheidet. Die Frage, was dies
Unbewußte an sich sei, ist dann nicht klüger und aus
sichtsreicher als die andere, frühere, was das Bewußte
sei.Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die
Psychoanalyse dazu gekommen ist, das, von ihr aner-
kannte Unbewußte noch zu gliedern, es in ein Vor
bewußtes und in ein eigentlich Unbewußtes zu zer-
legen. Es mag die Bemerkung genügen, daß es legitim
erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche
zur Bewältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sichS.
43
auf Verhältnisse beziehen, die nicht Gegenstand unmittel-
barer Beobachtung werden können. Man pflegt auch in
älteren Wissenschaften nicht anders zu verfahren. Die
Gliederung des Unbewußten hängt mit dem Versuch
zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von
deren Beziehung zueinander man in räumlicher Aus-
drucksweise spricht, wobei aber ein Anschluß an die
reale Hirnanatomie nicht gesucht wird. (Der sog. topi-
sche Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche Vorstellun-
gen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Be-
dauern geopfert oder ausgetauscht werden kann, sobald
seine Unzulänglichkeit erwiesen ist. Es bleibt genug zu
berichten übrig, was der Beobachtung näher steht.Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den
Veranlassungen und Begründungen der Neurose mit
immer steigender Häufigkeit auf Konflikte zwischen den
sexuellen Regungen der Person und den Widerständen
gegen die Sexualität führte. Bei der Suche nach den
pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die
Symptome als Ersatzbildungen des Verdrängten stamm-
ten, wurde man in immer frühere Lebenszeiten des Kran-
ken zurückgeleitet und langte endlich in dessen ersten
Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was Dichter und
Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die Ein-
S.
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drücke dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist
der Amnesie verfallen, unvertilgbare Spuren in der Ent-
wicklung des Individuums zurücklassen, insbesondere
daß sie die Disposition für spätere neurotische Erkran-
kungen festlegen. Da es sich aber in diesen Kinder-
erlebnissen immer um sexuelle Erregungen und um die
Reaktion gegen dieselben handelte, stand man vor der
Tatsache der infantilen Sexualität, die wie-
derum eine Neuheit und einen Widerspruch gegen eines
der stärksten Vorurteile der Menschen bedeutete. Die
Kindheit sollte ja „unschuldig“ sein, frei von geschlecht-
lichen Gelüsten, und der Kampf mit dem Dämon „Sinn-
lichkeit“ erst mit dem Sturm und Drang der Pubertät
einsetzen. Was man von sexuellen Betätigungen gelegent-
lich an Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man
als Zeichen von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit
oder als kuriose Laune der Natur auf. Wenige der Er-
mittlungen der Psychoanalyse haben eine so allgemeine
Ablehnung gefunden, einen solchen Ausbruch von Ent-
rüstung hervorgerufen, wie die Behauptung, daß die
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und
schon in der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen
äußere. Und doch ist kein anderer analytischer Fund so
leicht und so vollständig zu erweisen.Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexuali-
tät eingehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine
Weile verfallen war, und der bald für meine ganze ArbeitS.
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verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Drängen
meines damaligen technischen Verfahrens reproduzierten
die meisten meiner Patienten Szenen aus ihrer Kindheit,
deren Inhalt die sexuelle Verführung durch einen Er-
wachsenen war. Bei den weiblichen Personen war die
Rolle des Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. Ich
schenkte diesen Mitteilungen Glauben und nahm also an,
daß ich in diesen Erlebnissen sexueller Verführung in der
Kindheit die Quellen der späteren Neurose aufgefunden
hatte. Einige Fälle, in denen sich solche Beziehungen zum
Vater, Oheim oder älteren Bruder bis in die Jahre sicherer
Erinnerung fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem
Zutrauen. Wenn jemand über meine Leichtgläubigkeit
mißtrauisch den Kopf schütteln wollte, so kann ich ihm
nicht ganz unrecht geben, will aber vorbringen, daß es die
Zeit war, wo ich meiner Kritik absichtlich Zwang antat,
um unparteiisch und aufnahmsfähig für die vielen Neu-
heiten zu bleiben, die mir täglich entgegentraten. Als ich
dann doch erkennen mußte, diese Verführungsszenen
seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine
Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufge-
drängt hatte, war ich eine Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen
in meine Technik wie in ihre Ergebnisse erlitt einen harten
Stoß; ich hatte doch diese Szenen auf einem technischen
Wege, den ich für korrekt hielt, gewonnen, und ihr Inhalt
stand in unverkennbarer Beziehung zu den Symptomen,
von denen meine Untersuchung ausgegangen war. Als ichS.
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mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die rich-
tigen Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht
direkt an wirkliche Erlebnisse anknüpften, sondern an
Wunschphantasien, und daß für die Neurose die psy-
chische Realität mehr bedeute als die materielle. Ich
glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten jene
Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe.
Ich war da zum erstenmal mit dem Ödipuskomplex
zusammengetroffen, der späterhin eine so überragende
Bedeutung gewinnen sollte, den ich aber in solch phan-
tastischer Verkleidung noch nicht erkannte. Auch blieb
der Verführung im Kindesalter ihr Anteil an der Ätiologie,
wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die Ver-
führer waren aber zumeist ältere Kinder gewesen.Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn
jemand die Sagengeschichte der römischen Königszeit
nach der Erzählung des Livius für historische Wahrheit
nehmen würde, anstatt für das, was sie ist, eine Reaktions-
bildung gegen die Erinnerung armseliger, wahrscheinlich
nicht immer rühmlicher Zeiten und Verhältnisse. Nach
der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum Studium
des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die
Lage, die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet
anzuwenden, aus ihren Daten ein bisher unbekanntes
Stück des biologischen Geschehens zu erraten.Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden,
lehnte sich zunächst an die anderen lebenswichtigen Funk-
S.
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tionen an und machte sich dann von ihnen unabhängig;
sie hatte eine lange und komplizierte Entwicklung durch-
zumachen, bis aus ihr das wurde, was als das normale
Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. Sie äußerte
sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
komponenten, welche von erogenen Körper-
zonen abhängig waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auf-
traten (Sadismus — Masochismus, Schautrieb — Exhi-
bitionslust), unabhängig voneinander auf Lustgewinn aus-
gingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper fanden.
Sie war also zuerst nicht zentriert und vorwiegend auto-
erotisch. Später traten Zusammenfassungen in ihr auf;
eine erste Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft
der oralen Komponenten, dann folgte eine sadi-
stisch-anale Phase, und erst die spät erreichte dritte
Phase brachte den Primat der Genitalien, womit die
Sexualfunktion in den Dienst der Fortpflanzung trat.
Während dieser Entwicklung wurden manche Triebanteile
als für diesen Endzweck unbrauch-
bar beiseite gelassen
oder anderen Verwendungen zugeführt, andere von ihren
Zielen abgelenkt und in die genitale Organisation über-
geleitet. Ich nannte die Energie der Sexualtriebe — und
nur diese — Libido. Ich mußte nun annehmen, daß die
Libido die beschriebene Entwicklung nicht immer tadellos
durchmache. Infolge der Überstärke einzelner Komponen-
ten oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse kommt es zu
Fixierungen der Libido an gewissen Stellen des Ent-S.
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wicklungsweges. Zu diesen Stellen strebt dann die Libido
im Falle einer späteren Verdrängung zurück (Regres-
sion), und von ihnen aus wird auch der Durchbruch zum
Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, daß
die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend
ist für die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere
Erkrankung auftritt.Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der
Objektfindung einher, dem eine große Rolle im Seelen-
leben vorbehalten ist. Das erste Liebesobjekt nach dem
Stadium des Autoerotismus wird für beide Ge-
schlechter die Mutter, deren nährendes Organ wahrschein-
lich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden
wurde. Später, aber noch in den ersten Kinderjahren,
stellt sich die Relation des Ödipuskomplexes her, in
welcher der Knabe seine sexuellen Wünsche auf die
Person der Mutter konzentriert und feindselige Regungen
gegen den Vater als Rivalen entwickelt. In analoger
Weise stellt sich das kleine Mädchen ein4), alle Variationen4) (1935) Die Ermittlungen über die infantile Sexualität waren
am Mann gewonnen und die aus ihnen abgeleitete Theorie für das
männliche Kind zugerichtet worden. Die Erwartung eines durch-
gehenden Parallelismus zwischen den beiden Geschlechtern war
natürlich genug, aber sie erwies sich als unzutreffend. Weitere
Untersuchungen und Erwägungen deckten tiefgehende Unter-
schiede in der Geschlechtsentwicklung zwischen Mann und Weib
auf. Auch für das kleine Mädchen ist die Mutter das erste Sexual-
objekt, aber um das Ziel der normalen Entwicklung zu erreichen,S.
49
und Abfolgen des Ödipuskomplexes werden bedeutungsvoll, die angeborene bisexuelle Konstitution macht sich
geltend und vermehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es dauert eine ganze Weile, bis das
Kind über die Unterschiede der Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung schafft
es sich typische Sexualtheorien, die, abhängig von
der Unvollkommenheit der eigenen körperlichen Organisation, Richtiges und Falsches vermengen und die Probleme des Geschlechtslebens (das Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen) nicht lösen können. Die erste
Objektwahl des Kindes ist also eine inzestuöse. Die
ganze hier beschriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste Charakter des menschlichen
Sexuallebens ist sein zweizeitiger Ansatz mit
dazwischenliegender Pause. Im vierten und fünften
Lebensjahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber
vergeht diese Frühblüte der Sexualität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der Verdrängung, und es tritt
die bis zur Pubertät dauernde Latenzzeit ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der
Scham, des Ekels aufgerichtet werden5).Die Zweizeitigkeit
soll das Weib nicht nur das Sexualobjekt, sondern auch die leitende Genitalzone wechseln. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten
und mögliche Hemmungen, die für den Mann entfallen.5)5)(1935) Die Latenzzeit ist ein physiologisches Phänomen. Eine
völlige Unterbrechung des Sexuallebens kann sie aber nur in
jenen kulturellen Organisationen hervorrufen, die eine Unter-
FreudS.
50
die Sexualentwicklung scheint von allen Lebewesen allein
dem Menschen zuzukommen, sie ist vielleicht die biolo-
gische Bedingung seiner Disposition zur Neurose. Mit der
Pubertät werden die Strebungen und Objektbesetzungen
der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühlsbindungen
des Ödipuskomplexes. Im Sexualleben der Pubertät rin-
gen miteinander die Anregungen der Frühzeit und die
Hemmungen der Latenzperiode. Noch auf der Höhe der
infantilen Sexualentwicklung hatte sich eine Art von geni-
taler Organisation hergestellt, in der aber nur das männ-
liche Genitale eine Rolle spielte, das weibliche unent-
deckt geblieben war (der sog. phallische Primat).
Der Gegensatz der Geschlechter hieß damals noch nicht
männlich oder weiblich, sondern: im Besitze
eines Penis oder kastriert. Der hier anschließende
Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam
für die Bildung von Charakter und Neurose.In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über
das menschliche Sexualleben habe ich dem Verständnis
zuliebe vielfach zusammengetragen, was zu verschiedenen
Zeiten entstand und als Ergänzung oder Berichtigung in
die aufeinanderfolgenden Auflagen meiner „Drei Abhand-
lungen zur Sexualtheorie“ Aufnahme fand. Ich hoffe, es
läßt sich aus ihr leicht entnehmen, worin die oft betonte und
beanstandete Erweiterung des Begriffes Sexualität besteht.drückung der infantilen Sexualität in ihren Plan aufgenommen
haben. Dies ist bei den meisten Primitiven nicht der Fall.S.
51
Diese Erweiterung ist eine zweifache. Erstens wird die
Sexualität aus ihren allzu engen Beziehungen zu den Geni-
talien gelöst und als eine umfassendere, nach Lust strebende
Körperfunktion hingestellt, welche erst sekundär in den
Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens werden zu den
sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und freund-
schaftlichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch
das vieldeutige Wort „Liebe“ verwendet. Allein ich meine,
diese Erweiterungen sind nicht Neuerungen, sondern
Wiederherstellungen, sie bedeuten die Aufhebung von un-
zweckmäßigen Einengungen des Begriffes, zu denen wir
uns haben bewegen lassen. Die Loslösung der Sexualität
von den Genitalien hat den Vorteil, daß sie uns gestattet,
die Sexualbetätigung der Kinder und der Perversen unter
dieselben Gesichtspunkte zu bringen wie die der normalen
Erwachsenen, während die erstere bisher völlig vernach-
lässigt, die andere zwar mit moralischer Entrüstung, aber
ohne Verständnis aufgenommen wurde. Der psychoana-
lytischen Auffassung erklären sich auch die absonderlich-
sten und abstoßendsten Perversionen als Äußerung von
sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat ent-
zogen haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwick-
lung selbständig dem Lusterwerb nachgehen. Die wich-
tigste dieser Perversionen, die Homosexualität, verdient
kaum diesen Namen. Sie führt sich auf die konstitutionelle
Bisexualität und auf die Nachwirkung des phallischen
Primats zurück; durch Psychoanalyse kann man bei jeder-
S.
52
mann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat,
so war das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuch-
lichen Ausdrücken; eine moralische Wertung sollte damit
nicht ausgesprochen werden. Solche Werturteile liegen
der Psychoanalyse überhaupt fern.Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt
sich durch den Hinweis auf die psychoanalytische Unter-
suchung, welche zeigt, daß all diese zärtlichen Gefühls-
regungen ursprünglich vollsexuelle Strebungen waren, die
dann „zielgehemmt“ oder „sublimiert“ worden sind. Auf
dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit der Sexual-
triebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für mannigfache
kulturelle Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten
Beiträge stellen.Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität
des Kindes wurden zunächst durch die Analyse Erwach-
sener gewonnen, konnten aber später, etwa von 1908 an,
durch direkte Beobachtungen an Kindern bis in alle Ein-
zelheiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt werden.
Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären sexuellen
Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich
sehr verwundert fragen muß, wie es die Menschen zustande
gebracht haben, diese Tatsachen zu übersehen und die
Wunschlegende von der asexuellen Kindheit solange auf-
recht zu halten. Dies muß mit der Amnesie der meisten
Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.
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Selbstdarstellung1925-041/1936