S.
[31]
III
DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICH-IDEAL)Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des
Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der
Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten
wir es mit einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein
es kommt etwas anderes hinzu.Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe
im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des
Ichs, die Ich‑Ideal oder Über‑Ich zu nennen ist,
sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden.1 Sie
bestehen zu Recht.2 Daß dieses Stück des Ichs eine
weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die
Neuheit, die nach Erklärung verlangt.1)Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und
Ich-Analyse.2)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur bedürftig.
Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahrnehmungswelt
entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine eigene
Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene
Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtig
gestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern des Ichs
anzuerkennen ist.S.
32
Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war
uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie
durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes
Objekt im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objekt-
besetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird.1
Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Be-
deutung dieses Vorgangs und wußten nicht, wie häufig
und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß
solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung
des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das her-
zustellen, was man seinen Charakter heißt.Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi-
duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht
von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen,
welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse em-
pfindet. Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den
Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder
sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren.21)Trauer und Melancholie.
2)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es
ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in der Begründung
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche
der Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen,
die hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden,
treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.S.
33
Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben
werden, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung
auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie
bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Ver-
hältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt.
Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch
diese Introjektion, die eine Art von Regression zum
Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des
Objekts. Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt
die Bedingung, unter der das Es seine Objekte auf-
gibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Ent-
wicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auf-
fassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist,
die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natür-
lich von vorne herein eine Skala der Resistenzfähig-
keit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person
diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen Ob-
jektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rück-
stände ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakter-
zügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleich-
zeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung,
also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf-
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem
Fall könnte die Charakterveränderung die Objekt-
beziehung überleben und sie in gewissem Sinne kon-
servieren.S.
34
Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Um-
setzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichver-
änderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es be-
meistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann,
allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit
gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des
Objekts annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem
Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu
ersetzen, indem es sagt: „Sieh’, du kannst auch mich
lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische
Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Auf-
geben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich,
also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die
eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht
der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht
alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor
sich geht, welches zunächst die sexuelle Objektlibido in
narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes
Ziel zu setzen.1 Ob diese Verwandlung nicht auch andere
Triebschicksale zur Folge haben kann, z. B. eine Ent-
mischung der verschiedenen mit einander verschmolzenen
Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen.1)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung
des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von
Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch
die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen
„sekundären Narzißmus“ her.S.
35
Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und
doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksam-
keit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen
des Ichs verweilen lassen. Nehmen diese überhand,
werden allzu zahlreich, und überstark und miteinander
unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe.
Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen,
indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider-
stände gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es
das Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler
Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen
alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn
es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der
Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen,
in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die endlich
nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden
können.Wie immer sich aber die spätere Resistenz des
Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener Objekt-
besetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten,
im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden
allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur
Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm ver-
birgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung
des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen
Vorzeit.1 Diese scheint zunächst nicht Erfolg oder1)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern,
denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis desS.
36
Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine
direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede
Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten
Sexualperiode angehören und Vater und Mutter be-
treffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang
in solche Identifizierung zu nehmen und somit die
primäre Identifizierung zu verstärken.Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert,
daß es notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben.
Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation
verschulden, die dreieckige Anlage des Ödipusverhält-
nisses und die konstitutionelle Bisexualität des Indi-
viduums.Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männ-
liche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig ent-
wickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die
von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das
vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem An-
lehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der
Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen
gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch dieGeschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden
gewertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich
Gelegenheit zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penismangel
bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen,
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte.
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem
Vater behandeln.S.
37
Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht.1 Die
Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung
an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu be-
seitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da
an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent; es scheint,
als ob die in der Identifizierung von Anfang an ent-
haltene Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambi-
valente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche
Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den
Knaben den Inhalt des einfachen, positiven Ödipus-
komplexes.Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß
die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden.
An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine
Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung
der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen
wir als den normaleren anzusehen, er gestattet es, die
zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest-
zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes
hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben
eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann
die Ödipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine
Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die
Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weib-
lichen Charakter des Kindes festlegt.1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. VII.
S.
38
Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer
Erwartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Ob-
jekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt
vor und ist bei Mädchen leichter zu beobachten als
bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse,
daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater
als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlich-
keit hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit
dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt, identi-
fiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre
männlichen Anlagen stark genug sind, – worin immer
diese bestehen mögen.Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder
in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Ge-
schlechtern von der relativen Stärke der beiden Ge-
schlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die eine Art,
wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipus-
komplexes einmengt. Die andere ist noch bedeut-
samer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der
einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das häufigste
ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung
entspricht, die allerdings oft genug praktisch gerecht-
fertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu-
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der
ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, ab-
hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes,
d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Ein-
stellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl fürS.
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die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig
wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche femi-
nine Einstellung zum Vater und die ihr entspre-
chende eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses
Eingreifen der Bisexualität macht es so schwer, die Verhält-
nisse der primitiven Objektwahlen und Identifizierungen
zu durchschauen und noch schwieriger, sie faßlich zu
beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Eltern-
verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die
Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich es
vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus
der Identifizierung entwickelt würde.Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen
und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des
vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die ana-
lytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl
von Fällen der eine oder der andere Bestandteil des-
selben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so
daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der
normale, positive, an deren anderem Ende der um-
gekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die
Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Be-
teiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim
Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in
ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammen-
legen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutter-
identifizierung hervorgeht, die Vateridentifizierung wird
das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhaltenS.
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und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Kom-
plexes ersetzen; analoges wird für die Mutteridenti-
fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprä-
gung der beiden Identifizierungen wird sich die Un-
gleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.So kann man als allgemeinstes Ergebnis der
vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase
einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher
in der Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander
vereinbarten Identifizierungen besteht.
Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstellung,
sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als
Ichideal oder Über-Ich entgegen.Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum
der ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch
die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen
dieselben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht
in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein,
sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater)
darfst du nicht sein d. h. nicht alles tun, was er
tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppel-
angesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache
ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipus-
komplexes bemüht wurde, ja diesem Umschwung erst
seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus-
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen.
Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis
gegen die Verwirklichung der Ödipuswünsche erkanntS.
41
werden, stärkte sich das infantile Ich für diese Ver-
drängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich
aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu
vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außerordent-
lich folgenschwerer Akt. Das Über‑Ich wird den Charak-
ter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipus-
komplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß
von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine
Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das
Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuld-
gefühl über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft zu
dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter,
der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber
werde ich später eine Vermutung vorbringen.Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über-Ichs
nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das
Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Fak-
toren, der langen kindlichen Hilflosigkeit und Abhängig-
keit des Menschen und der Tatsache seines Ödipus-
komplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der
Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den
zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurück-
geführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische
Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwun-
genen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist
die Sonderung des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges,
sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellenS.
42
und der Artentwicklung, ja indem sie dem Elternein-
fluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie die
Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung
verdankt.Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Mora-
lische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere.
Der Vorwurf war doppelt ungerecht, historisch wie
methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den mora-
lischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der An-
trieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da
man nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische
Forschung nicht wie ein philosophisches System mit
einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auf-
treten konnte, sondern sich den Weg zum Verständ-
nis der seelischen Komplikationen schrittweise durch
die analytische Zergliederung normaler wie abnormer
Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde
Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen
nicht zu teilen, solange wir uns mit dem Studium des
Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten.
Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen,
können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Be-
wußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten:
Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal
oder Über‑Ich, die Repräsentanz unserer Elternbe-
ziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höherenS.
43
Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in
uns selbst aufgenommen.Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskom-
plexes und somit Ausdruck der mächtigsten Regungen
und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine
Aufrichtung hat sich das Ich des Ödipuskomplexes
bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unter-
worfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der
Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich
als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon-
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir
nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von
Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, wieder-
spiegeln.Was die Biologie und die Schicksale der Menschen-
art im Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird
durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an
ihm individuell wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge
seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung
mit dem phylogenetischen Erwerb, der archaischen
Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen-
leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Ideal-
bildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne
unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches
Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleich-
nisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung von
Ich und Es nachzubilden versuchten.S.
44
Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen An-
sprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen
gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht
enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen ge-
bildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit
im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das
demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehn-
süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Ent-
wicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle
fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich
mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen
die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen
den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen
des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen
Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf
Grund des gleichen Ichideals.Religion, Moral und soziales Empfinden – diese
Hauptinhalte des Höheren im Menschen1– sind ur-
sprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von
„Totem und Tabu“ wurden sie phylogenetisch am
Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche Be-
schränkung durch die Bewältigung des eigentlichen
Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die
Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all
diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht1)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.
S.
45
der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte Ver-
erbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt.
Die sozialen Gefühle entstehen noch heute beim Ein-
zelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitäts-
regungen gegen die Geschwister. Da die Feindselig-
keit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi-
fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobach-
tungen an milden Homosexuellen stützen die Ver-
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer
zärtlichen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige
Einstellung abgelöst hat.1Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber
neue Probleme auf, vor deren Beantwortung man zag-
haft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts,
man muß den Versuch wagen, auch wenn man fürchtet,
daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung
bloßstellen wird. Die Frage lautet: Wer hat seiner-
zeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex er-
worben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn
es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach
von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differen-
zierung im Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe
Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich eingestehen,
daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. – Über einige
neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und
Homosexualität.S.
46
Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht
anwendbar ist?Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten
beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es
müssen wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern
noch viel einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie
der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außen-
welt ist. Das Über‑Ich ließen wir gerade aus jenen
Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen.
Die Frage, ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen
und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich
zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das
Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann
außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm
vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann
man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft
auf zwischen dem realen Individuum und dem Begriff
der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich
und Es nicht zu starr nehmen, nicht vergessen, daß
das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es
ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie aber sich häufig
und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander-
folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich so-
zusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke
durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt
das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler
Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich ausS.
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dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur ältere Ich-
gestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine
Auferstehung.Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht
es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den
Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren
Erben, dem Über‑Ich, fortsetzen können. Wenn dem
Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes schlecht ge-
lungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie-
besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder
zur Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation
dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen wird das
Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der
Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch
rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum Ab-
schluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem
Kaulbachschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer
höheren Region fort.
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Das Ich und das Es1923-003/1923