Das Ich und das Es1923-003/1923
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    III 
    DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICH-IDEAL)

    Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des 
    Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der
    Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten
    wir es mit einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein
    es kommt etwas anderes hinzu.

    Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe
    im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des
    Ichs, die Ich‑Ideal oder Über‑Ich zu nennen ist,
    sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden.1 Sie
    bestehen zu Recht.2 Daß dieses Stück des Ichs eine
    weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die
    Neuheit, die nach Erklärung verlangt.

    1)Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und 
    Ich-Analyse.

    2)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem
    Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur bedürftig. 
    Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahrnehmungswelt 
    entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine eigene
    Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene
    Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtig
    gestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern des Ichs
    anzuerkennen ist.

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    Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war
    uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie
    durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes
    Objekt im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objekt-
    besetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird.1
    Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Be-
    deutung dieses Vorgangs und wußten nicht, wie häufig
    und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß
    solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung
    des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das her-
    zustellen, was man seinen Charakter heißt.

    Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi-
    duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht
    von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur
    annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen,
    welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse em-
    pfindet. Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den
    Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder
    sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren.2

    1)Trauer und Melancholie.

    2)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl
    durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die
    Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es
    ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten
    Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in der Begründung
    des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche
    der Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen,
    die hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden,
    treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.

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    Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben
    werden, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung
    auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie
    bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Ver-
    hältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt.
    Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch
    diese Introjektion, die eine Art von Regression zum
    Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des
    Objekts. Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt
    die Bedingung, unter der das Es seine Objekte auf-
    gibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Ent-
    wicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auf-
    fassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
    Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist,
    die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natür-
    lich von vorne herein eine Skala der Resistenzfähig-
    keit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person
    diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen Ob-
    jektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel
    Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rück-
    stände ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakter-
    zügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleich-
    zeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung,
    also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf-
    gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem
    Fall könnte die Charakterveränderung die Objekt-
    beziehung überleben und sie in gewissem Sinne kon-
    servieren.

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    Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Um-
    setzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichver-
    änderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es be-
    meistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann,
    allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit
    gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des
    Objekts annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem
    Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu
    ersetzen, indem es sagt: „Sieh’, du kannst auch mich
    lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“

    Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische
    Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Auf-
    geben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich,
    also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die
    eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht
    der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht
    alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor
    sich geht, welches zunächst die sexuelle Objektlibido in
    narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes
    Ziel zu setzen.1 Ob diese Verwandlung nicht auch andere
    Triebschicksale zur Folge haben kann, z. B. eine Ent-
    mischung der verschiedenen mit einander verschmolzenen
    Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen.

    1)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung 
    des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von
    Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch
    die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen 
    „sekundären Narzißmus“ her.

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    Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und
    doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksam-
    keit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen
    des Ichs verweilen lassen. Nehmen diese überhand,
    werden allzu zahlreich, und überstark und miteinander
    unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe.
    Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen,
    indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider-
    stände gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es
    das Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler
    Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen
    alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn
    es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der
    Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen,
    in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die endlich
    nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden
    können.

    Wie immer sich aber die spätere Resistenz des
    Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener Objekt-
    besetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten,
    im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden
    allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur
    Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm ver-
    birgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung
    des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen
    Vorzeit.1 Diese scheint zunächst nicht Erfolg oder

    1)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern,
    denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des

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    Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine
    direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede
    Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten
    Sexualperiode angehören und Vater und Mutter be-
    treffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang
    in solche Identifizierung zu nehmen und somit die
    primäre Identifizierung zu verstärken.

    Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert,
    daß es notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben.
    Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation
    verschulden, die dreieckige Anlage des Ödipusverhält-
    nisses und die konstitutionelle Bisexualität des Indi-
    viduums.

    Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männ-
    liche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig ent-
    wickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die
    von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das
    vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem An-
    lehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der
    Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen
    gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch die

    Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden 
    gewertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich
    Gelegenheit zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penismangel 
    bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen,
    sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte.
    Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren
    Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem
    Vater behandeln.

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    Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter
    und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen
    ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht.1 Die
    Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung
    an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu be-
    seitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da
    an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent; es scheint,
    als ob die in der Identifizierung von Anfang an ent-
    haltene Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambi-
    valente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche
    Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den
    Knaben den Inhalt des einfachen, positiven Ödipus-
    komplexes.

    Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß
    die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden.
    An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine
    Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung
    der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen
    wir als den normaleren anzusehen, er gestattet es, die
    zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest-
    zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes
    hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben
    eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann
    die Ödipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine
    Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die
    Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weib-
    lichen Charakter des Kindes festlegt.

    1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. VII.

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    Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer
    Erwartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Ob-
    jekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt
    vor und ist bei Mädchen leichter zu beobachten als
    bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse,
    daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater
    als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlich-
    keit hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit
    dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt, identi-
    fiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre
    männlichen Anlagen stark genug sind, – worin immer
    diese bestehen mögen.

    Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder
    in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Ge-
    schlechtern von der relativen Stärke der beiden Ge-
    schlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die eine Art,
    wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipus-
    komplexes einmengt. Die andere ist noch bedeut-
    samer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der
    einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das häufigste
    ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung
    entspricht, die allerdings oft genug praktisch gerecht-
    fertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu-
    meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der
    ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, ab-
    hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes,
    d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Ein-
    stellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für

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    die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig
    wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche femi-
    nine Einstellung zum Vater und die ihr entspre-
    chende eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses
    Eingreifen der Bisexualität macht es so schwer, die Verhält-
    nisse der primitiven Objektwahlen und Identifizierungen
    zu durchschauen und noch schwieriger, sie faßlich zu
    beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Eltern-
    verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die
    Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich es
    vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus
    der Identifizierung entwickelt würde.

    Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen
    und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des
    vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die ana-
    lytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl
    von Fällen der eine oder der andere Bestandteil des-
    selben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so
    daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der
    normale, positive, an deren anderem Ende der um-
    gekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die
    Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Be-
    teiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim
    Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in
    ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammen-
    legen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutter-
    identifizierung hervorgeht, die Vateridentifizierung wird
    das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten

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    und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Kom-
    plexes ersetzen; analoges wird für die Mutteridenti-
    fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprä-
    gung der beiden Identifizierungen wird sich die Un-
    gleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.

    So kann man als allgemeinstes Ergebnis der
    vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase
    einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher
    in der Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander 
    vereinbarten Identifizierungen besteht.
    Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstellung, 
    sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als
    Ichideal oder Über-Ich entgegen.

    Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum
    der ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch
    die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen
    dieselben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht
    in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein,
    sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater)
    darfst du nicht sein d. h. nicht alles tun, was er
    tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppel-
    angesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache
    ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipus-
    komplexes bemüht wurde, ja diesem Umschwung erst
    seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus-
    komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen.
    Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis
    gegen die Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt

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    werden, stärkte sich das infantile Ich für diese Ver-
    drängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich
    aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu
    vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außerordent-
    lich folgenschwerer Akt. Das Über‑Ich wird den Charak-
    ter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipus-
    komplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß
    von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine
    Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das
    Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuld-
    gefühl über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft zu
    dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter,
    der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber
    werde ich später eine Vermutung vorbringen.

    Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über-Ichs 
    nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das
    Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Fak-
    toren, der langen kindlichen Hilflosigkeit und Abhängig-
    keit des Menschen und der Tatsache seines Ödipus-
    komplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der
    Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den
    zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurück-
    geführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch
    menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische 
    Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwun-
    genen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist
    die Sonderung des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges,
    sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen

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    und der Artentwicklung, ja indem sie dem Elternein-
    fluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie die
    Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung
    verdankt.

    Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf
    gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Mora-
    lische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere.
    Der Vorwurf war doppelt ungerecht, historisch wie
    methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den mora-
    lischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der An-
    trieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da
    man nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische
    Forschung nicht wie ein philosophisches System mit
    einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auf-
    treten konnte, sondern sich den Weg zum Verständ-
    nis der seelischen Komplikationen schrittweise durch
    die analytische Zergliederung normaler wie abnormer
    Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde
    Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen
    nicht zu teilen, solange wir uns mit dem Studium des
    Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten.
    Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen,
    können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Be-
    wußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch
    ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten:
    Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal
    oder Über‑Ich, die Repräsentanz unserer Elternbe-
    ziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren

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    Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in
    uns selbst aufgenommen.

    Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskom-
    plexes und somit Ausdruck der mächtigsten Regungen
    und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine
    Aufrichtung hat sich das Ich des Ödipuskomplexes
    bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unter-
    worfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der
    Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich
    als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon-
    flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir
    nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von
    Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, wieder-
    spiegeln.

    Was die Biologie und die Schicksale der Menschen-
    art im Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird
    durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an
    ihm individuell wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge
    seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung
    mit dem phylogenetischen Erwerb, der archaischen
    Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen-
    leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Ideal-
    bildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne
    unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches
    Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise
    wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleich-
    nisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung von
    Ich und Es nachzubilden versuchten.

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    Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen An-
    sprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen
    gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht
    enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen ge-
    bildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit
    im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das
    demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehn-
    süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Ent-
    wicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle
    fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich 
    mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen
    die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen
    den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen
    des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen
    Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf
    Grund des gleichen Ichideals.

    Religion, Moral und soziales Empfinden – diese
    Hauptinhalte des Höheren im Menschen1– sind ur-
    sprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von
    „Totem und Tabu“ wurden sie phylogenetisch am
    Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche Be-
    schränkung durch die Bewältigung des eigentlichen
    Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die
    Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität
    unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all
    diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht

    1)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.

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    der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte Ver-
    erbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt.
    Die sozialen Gefühle entstehen noch heute beim Ein-
    zelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitäts-
    regungen gegen die Geschwister. Da die Feindselig-
    keit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi-
    fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobach-
    tungen an milden Homosexuellen stützen die Ver-
    mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer
    zärtlichen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige 
    Einstellung abgelöst hat.1

    Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber
    neue Probleme auf, vor deren Beantwortung man zag-
    haft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts,
    man muß den Versuch wagen, auch wenn man fürchtet,
    daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung
    bloßstellen wird. Die Frage lautet: Wer hat seiner-
    zeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex er-
    worben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn
    es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach
    von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt 
    das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differen-
    zierung im Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe
    Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich eingestehen,
    daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs

    1)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. – Über einige
    neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
    Homosexualität.

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    Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht
    anwendbar ist?

    Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten
    beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es
    müssen wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern
    noch viel einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie
    der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außen-
    welt ist. Das Über‑Ich ließen wir gerade aus jenen
    Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen.
    Die Frage, ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen
    und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich
    zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das
    Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann
    außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm
    vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann
    man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft
    auf zwischen dem realen Individuum und dem Begriff
    der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich
    und Es nicht zu starr nehmen, nicht vergessen, daß
    das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es
    ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die
    Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie aber sich häufig
    und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander-
    folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich so-
    zusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke
    durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt
    das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler
    Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus

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    47

    dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur ältere Ich-
    gestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine
    Auferstehung.

    Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht
    es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den
    Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren
    Erben, dem Über‑Ich, fortsetzen können. Wenn dem
    Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes schlecht ge-
    lungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie-
    besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder
    zur Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation
    dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen wird das
    Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil
    unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der
    Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch
    rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum Ab-
    schluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem
    Kaulbachschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer
    höheren Region fort.