S.
17
und mein Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Hand-
auflegen, sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und
Zusammenhänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich
mühseliger zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war
vielleicht sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt
von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei,
hinter dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen
wurde.III.
Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose
frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathar-
tische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel
verdeckt, welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie
eine sichere Begründung gab.Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen des
äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch
erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie
anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende
Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen,
entweder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die
Ansprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der
Gedanke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht
bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte
man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und zu
nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden
groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis zur
Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes war
offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken. Man
brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst verspürt
hatte, und man war im Besitz der Theorie der Verdrängung.Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren.
Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben
eine einzelne Strebu-
ng aufgetreten, der aber mächtige andere
widerstrebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte
nach unserer Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen
Größen – heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider-
stand – eine Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins
miteinander rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Strebu-
ngS.
18
SIGMUND FREUD
die Energiebesetzung entzogen war. Das wäre die normale Er-
ledigung. Bei der Neurose hatte aber – aus noch unbekannten
Gründen – der Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das
Ich hatte sich sozusagen beim ersten Zusammenstoß von der
anstoßigen Triebregung zurückgezogen, ihr den Zugang zum
Bewußtsein und zur direkten motorischen Abfuhr versperrt, dabei
hatte sie aber ihre volle Energiebesetzung behalten. Diesen Vorgang
nannte ich Verdrängung; er war eine Neuheit, nichts ihm
Ähnliches war je im Seelenleben erkannt worden. Er war offenbar
ein primärer Abwehrmechanismus, einem Fluchtversuch vergleichbar,
erst ein Vorläufer der späteren normalen Urteilserledigung. An
den ersten Akt der Verdrängung knüpften weitere Folgen an.
Erstens mußte sich das Ich gegen den immer bereiten Andrang
der verdrängten Regung durch einen permanenten Aufwand, eine
Gegenbesetzung, schützen und verarmte dabei, andererseits
konnte sich das Verdrängte, das nun unbewußt war, Abfuhr
und Ersatzbefriedigung auf Umwegen schaffen und solcherart
die Absicht der Verdrängung zum Scheitern bringen. Bei der
Konversionshysterie führte dieser Umweg in die Körperinnervation,
die verdrängte Regung brach an irgendeiner Stelle durch und
schuf sich die Symptome, die also Kompromißergebnisse waren,
zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt und von ihrem
Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs.Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler
des Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe
mußte nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das
„Abreagieren“ der auf falsche Bahnen geratenen Affekte, sondern
die Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch
Urteilsleistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals
Abgewiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage
Rechnung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung
nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte.Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen
und alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung
bringen. Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts
machen. Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme
Person, die infolge einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen
Akte nicht zusammenhalten konnte. Darum verfiel sie der seelischen
Spaltung und der Einengung des Bewußtseins. Nach den Ergebnissen
der psychoanalytischen Untersuchungen waren diese Phänomene aber
Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen Konflikts und der voll-18
S.
19
zogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied ist weittragend
genug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende machen,
was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine Ent-
lehnung Janetscher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem
Leser gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Janetschen
Funden in historischer Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch
inhaltlich von ihnen abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals
wären auch von den Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen,
welche die Psychoanalyse so wichtig für die Geisteswissenschaften
gemacht und ihr das allgemeinste Interesse zugewendet haben. Janet
selbst habe ich immer respektvoll behandelt, weil seine Entdeckungen
ein ganzes Stück weit mit denen Breuers zusammentrafen, die früher
gemacht und später veröffentlicht worden waren. Aber als die Psycho-
analyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich wurde, hat
Janet sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt und
unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen
bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn
er von „unbewußten“ seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts
damit gemeint, es sei bloß „une façon de parler“ gewesen.Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der patho-
genen Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phäno-
mene gezwungen, den Begriff des „Unbewußten“ ernst zu nehmen.
Für sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die Bewußtseins-
qualität konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei
stieß man freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen,
für die „bewußt“ und „psychisch“ identisch war und die beteuerten,
sie könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische“
nicht vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achsel-
zuckend über diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen.
Die Erfahrungen am pathologischen Material, das die Philosophen
nicht kannten, über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher
Regungen, von denen man nichts wußte und die man wie irgend-
eine Tatsache der Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl.
Man konnte dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelen-
leben tat, was man immer schon für das anderer getan hatte. Man
schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl
man kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus
Äußerungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim
anderen recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein.
Will man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß
die eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein
angehören, so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins,
von dem man nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, wasS.
20
doch kaum ein Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten
Psychischen ist. Sagt man aber mit anderen Philosophen, man
würdige die pathologischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen
zugrunde liegenden Akte nicht psychisch, sondern psychoid ge-
heißen werden, so läuft die Differenz auf einen unfruchtbaren
Wortstreit hinaus, in dem man sich doch am zweckmäßigsten
für die Beibehaltung des Ausdrucks „unbewußt psychisch“ ent-
scheidet. Die Frage, was dies Unbewußte an sich sei, ist dann
nicht klüger und aussichtsreicher als die andere, frühere, was das
Bewußte sei.Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho-
analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte
noch zu gliedern, es in ein Vorbewußtes und in ein eigentlich
Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daß
es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche, zur Be-
wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse
beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden
können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders
zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem
Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren
Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht,
wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht
wird. (Der sog. topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche
Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert
oder ausgetauscht werden kann, sobald seine Unzulänglichkeit
erwiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beob-
achtung näher steht.Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Ver-
anlassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender
Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der Person
und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der Suche
nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die Symptome
als Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in
immer frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte
endlich in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was
Dichter und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß dieS.
21
Eindrücke dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der
Amnesie verfallen, unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des
Individuums zurücklassen, insbesondere daß sie die Disposition
für spätere neurotische Erkrankungen festlegen. Da es sich aber
in diesen Kindererlebnissen immer um sexuelle Erregungen und
um die Reaktion gegen dieselben handelte, stand man vor der
Tatsache der infantilen Sexualität, die wiederum eine Neuheit
und einen Widerspruch gegen eines der stärksten Vorurteile der
Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte ja „unschuldig“ sein,
frei von geschlechtlichen Gelüsten und der Kampf mit dem Dämon
„Sinnlichkeit“ erst mit dem Sturm und Drang der Pubertät ein-
setzen. Was man von sexuellen Betätigungen gelegentlich an
Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als Zeichen von
Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose Laune
der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse haben
eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Ausbruch
von Entrüstung hervorgerufen, wie die Behauptung, daß die
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon
in der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und
doch ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so voll-
ständig zu erweisen.Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität
eingehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile
verfallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnis-
voll geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen
technischen Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten
Szenen aus ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung
durch einen Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen
war die Rolle des Verführers fast immer dem Vater zugeteilt.
Ich schenkte diesen Mitteilungen Glauben und nahm also an,
daß ich in diesen Erlebnissen sexueller Verführung in der Kindheit
die Quellen der späteren Neurose aufgefunden hatte. Einige
Fälle, in denen sich solche Beziehungen zum Vater, Oheim oder
älteren Bruder bis in die Jahre sicherer Erinnerung fortgesetzt
hatten, bestärkten mich in meinem Zutrauen. Wenn jemand
über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch den Kopf schütteln
wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht geben, will aber vor-
bringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner Kritik absichtlich
Zwang antat, unparteiisch und aufnahmsfähig für die vielen
Neuheiten zu bleiben, die mir täglich entgegentraten. Als ichS.
22
SIGMUND FREUD
dann doch erkennen mußte, diese Verführungsszenen seien niemals
vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine Patienten erdichtet,
die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte, war ich eine
Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik wie in ihre
Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch diese Szenen
auf einem technischen Wege, den ich für korrekt hielt, gewonnen
und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung zu den Sym-
ptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen war. Als
ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die richtigen
Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an wirkliche
Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und daß
für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die
materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten
jene Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe. Ich
war da zum erstenmal mit dem Ödipuskomplex zusammen-
getroffen, der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen
sollte, den ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht
erkannte. Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil
an der Ätiologie, wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt.
Die Verführer waren aber zumeist ältere Kinder gewesen.Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand
die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung
des Livius für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für
das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung arm-
seliger, wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Ver-
hältnisse. Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum
Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die
Lage, die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden,
aus ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen
Geschehens zu erraten.Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte
sich zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und
machte sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und
komplizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde,
was als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war.
Sie äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig
waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus –
Masochismus, Schautrieb – Exhibitionstlust), unabhängig von-
einander auf Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am22
S.
23
eigenen Körper fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und
vorwiegend autoerotisch. Später traten Zusammenfassungen in
ihr auf; eine erste Organisationsstufe stand unter der Vorherr-
schaft der oralen Komponenten, dann folgte eine sadistisch-
anale Phase und erst die spät erreichte dritte Phase brachte den
Primat der Genitalien, womit die Sexualfunktion in den Dienst
der Fortpflanzung trat. Während dieser Entwicklung wurden
manche Triebanteile als für diesen Endzweck unbrauchbar bei-
seite gelassen oder anderen Verwendungen zugeführt, andere von
ihren Zielen abgelenkt und in die genitale Organisation über-
geleitet. Ich nannte die Energie der Sexualtriebe – und nur
diese – Libido. Ich mußte nun annehmen, daß die Libido die
beschriebene Entwicklung nicht immer tadellos durchmache. In-
folge der Überstärke einzelner Komponenten oder frühzeitiger
Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen der Libido
an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen Stellen
strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung zurück
(Regression) und von ihnen aus wird auch der Durchbruch
zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, daß
die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für
die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung
auftritt.Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt-
findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten
ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus
wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ
wahrscheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden
wurde. Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich
die Relation des Ödipuskomplexes her, in welcher der Knabe
seine sexuellen Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert
und feindselige Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt.
In analoger Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen
und Abfolgen des Ödipuskomplexes werden bedeutungsvoll, die
angeborene bisexuelle Konstitution macht sich geltend und ver-
mehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es
dauert eine ganze Weile, bis das Kind über die Unterschiede der
Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung
schafft es sich typische Sexualtheorien, die, abhängig von der
Unvollkommenheit der eigenen körperlichen Organisation, Richtiges
und Falsches vermengen und die Probleme des GeschlechtslebensS.
24
(das Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen) nicht lösen
können. Die erste Objektwahl des Kindes ist also eine inzestuöse.
Die ganze hier beschriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen.
Der merkwürdigste Charakter des menschlichen Sexuallebens ist
sein zweizeitiger Ansatz mit dazwischenliegender Pause. Im
vierten und fünften Lebensjahr erreicht es einen ersten Höhepunkt,
dann aber vergüt diese Frühblüte der Sexualität, die bisher leb-
haften Strebungen verfallen der Verdrängung und es tritt die
bis zur Pubertät dauernde Latenzzeit ein, während welcher
die Reaktionsbildungen der Moral, der Scham, des Ekels auf-
gerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der Sexualentwicklung scheint
von allen Lebewesen allein dem Menschen zuzukommen, sie ist
vielleicht die biologische Bedingung seiner Disposition zur Neurose.
Mit der Pubertät werden die Strebungen und Objektbesetzungen
der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühlsbindungen des Ödipus-
komplexes. Im Sexualleben der Pubertät ringen miteinander die
Anregungen der Frühzeit und die Hemmungen der Latenzperiode.
Noch auf der Höhe der infantilen Sexualentwicklung hatte sich
eine Art von genitaler Organisation hergestellt, in der aber nur
das männliche Genitale eine Rolle spielte, das weibliche unentdeckt
geblieben war (der sog. phallische Primat). Der Gegensatz
der Geschlechter hieß damals noch nicht männlich oder weiblich,
sondern: im Besitze eines Penis oder kastriert. Der hier an-
schließende Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam für
die Bildung von Charakter und Neurose.In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das
menschliche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe vielfach
zusammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand und
als Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden
Auflagen meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ Auf-
nahme fand. Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen,
worin die oft betonte und beanstandete Erweiterung des Begriffes
Sexualität besteht. Diese Erweiterung ist eine zweifache. Erstens
wird die Sexualität aus ihren allzu engen Beziehungen zu den
Genitalien gelöst und als eine umfassendere, nach Lust strebende
Körperfunktion hingestellt, welche erst sekundär in den Dienst
der Fortpflanzung tritt; zweitens werden zu den sexuellen Regungen
alle die bloß zärtlichen und freundschaftlichen gerechnet, für
welche unser Sprachgebrauch das vieldeutige Wort „Liebe“ ver-
wendet. Allein ich meine, diese Erweiterungen sind nichtS.
25
Neuerungen, sondern Wiederherstellungen, sie bedeuten die Auf-
hebung von unzweckmäßigen Einengungen des Begriffes, zu denen
wir uns haben bewegen lassen. Die Loslösung der Sexualität von
den Genitalien hat den Vorteil, daß sie uns gestattet, die Sexual-
betätigung der Kinder und der Perversen unter dieselben Gesichts-
punkte zu bringen wie die der normalen Erwachsenen, während
die erstere bisher völlig vernachlässigt, die andere zwar mit mora-
lischer Entrüstung, aber ohne Verständnis aufgenommen wurde.
Der psychoanalytischen Auffassung erklären sich auch die ab-
sonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als Äußerung von
sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat entzogen
haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung selbständig
dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Perversionen,
die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie führt
sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nachwirkung
des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kann man
bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat, so war
das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken;
eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden.
Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern.
Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich
durch den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche
zeigt, daß all diese zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich
vollsexuelle Strebungen waren, die dann „zielgehemmt“ oder
„sublimiert“ worden sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ab-
lenkbarkeit der Sexualtriebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für
mannigfache kulturelle Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten
Beiträge stellen.
Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des
Kindes wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen,
konnten aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen
an Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße
bestätigt werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären
sexuellen Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich
sehr verwundert fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht
haben, diese Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von
der asexuellen Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß
mit der Amnesie der meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit
zusammenhängen.
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Selbstdarstellung1925-041/1934