Selbstdarstellung1925-041/1934
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    heraufholt. Für viele analytische Behauptungen ergibt darum
    die psychiatrische Klinik die besten Demonstrationsobjekte. Es
    konnte also nicht ausbleiben, daß die Analyse bald den Weg zu
    den Objekten der psychiatrischen Beobachtung fand. Sehr früh-
    zeitig (1896) habe ich an einem Fall von paranoider Demenz die
    gleichen ätiologischen Momente und das Vorhandensein der näm-
    lichen affektiven Komplexe wie bei den Neurosen feststellen können.
    Jung hat rätselhafte Stereotypien bei Dementen durch Rück-
    beziehung auf die Lebensgeschichte der Kranken aufgeklärt;
    Bleuler bei verschiedenen Psychosen Mechanismen aufgezeigt,
    wie die durch Analyse bei den Neurotikern eruierten. Seither
    haben die Bemühungen der Analytiker um das Verständnis der
    Psychosen nicht mehr aufgehört. Besonders seitdem man mit
    dem Begriff des Narzißmus arbeitete, gelang es bald an dieser,
    bald an jener Stelle einen Blick über die Mauer zu tun. Am weitesten
    hat es wohl Abraham in der Aufklärung der Melancholien gebracht.
    Auf diesem Gebiet setzt sich zwar gegenwärtig nicht alles Wissen
    in therapeutische Macht um; aber auch der bloß theoretische Ge-
    winn ist nicht gering anzuschlagen und mag gern auf seine prak-
    tische Verwendung warten. Auf die Dauer können auch die
    Psychiater der Beweiskraft ihres Krankenmaterials nicht wider-
    stehen. Es vollzieht sich jetzt in der deutschen Psychiatrie eine
    Art von pénétration pacifique mit analytischen Gesichts-
    punkten. Unter unausgesetzten Beteuerungen, daß sie keine
    Psychoanalytiker sein wollen, nicht der „orthodoxen“ Schule an-
    gehören, deren Übertreibungen nicht mitmachen, insbesondere aber
    an das übermächtige sexuelle Moment nicht glauben, machen
    doch die meisten der jüngeren Forscher dies oder jenes Stück der
    analytischen Lehre zu ihrem Eigen und wenden es in ihrer Weise
    auf das Material an. Alle Anzeichen deuten auf das Bevorstehen
    weiterer Entwicklungen nach dieser Richtung.

    VI.

    Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Reaktions-
    symptomen sich der Einzug der Psychoanalyse in das lange refrak-
    täre Frankreich vollzieht. Es wirkt wie eine Reproduktion von
    früher Erlebtem, hat aber doch auch seine besonderen Züge. Ein-
    wendungen von unglaublicher Einfalt werden laut, wie der, das
    französische Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und
    Plumpheit der psychoanalytischen Namengebungen (man muß

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    dabei doch an Lessings unsterblichen Chevalier Riccaut de la
    Marliniere denken!). Eine andere Äußerung klingt ernsthafter; sie
    ist selbst einem Professor der Psychologie an der Sorbonne nicht
    unwürdig erschienen: das Genie latin vertrage überhaupt nicht
    die Denkungsart der Psychoanalyse. Dabei werden die anglo-
    sächsischen Alliierten, die als ihre Anhänger gelten, ausdrücklich
    preisgegeben. Wer das hört, muß natürlich glauben, das Genie
    teutonique habe die Psychoanalyse gleich nach ihrer Geburt als
    sein liebstes Kind ans Herz gedrückt.

    In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse von den
    Männern der schönen Literatur ausgegangen. Um das zu ver-
    stehen, muß man sich erinnern, daß die Psychoanalyse mit der
    Traumdeutung die Grenzen einer rein ärztlichen Angelegenheit
    überschritten hat. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland und
    nun in Frankreich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf
    Gebiete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religions-
    geschichte und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde, Päda-
    gogik usw. Alle diese Dinge haben mit der Medizin wenig zu tun,
    sind mit ihr eben nur durch die Vermittlung der Psychoanalyse
    verknüpft. Ich habe darum kein Anrecht, sie an dieser Stelle ein-
    gehend zu behandeln. Ich kann sie aber auch nicht ganz vernach-
    lässigen, denn einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vor-
    stellung vom Wert und Wesen der Psychoanalyse zu geben, ander-
    seits habe ich mich ja der Aufgabe unterzogen, mein eigenes
    Lebenswerk darzustellen.

    Von den meisten dieser Anwendungen
    gehen die Anfänge auf meine Arbeiten zurück. Hier und da habe
    ich wohl auch einen Schritt vom Wege getan, um ein solches
    außerärztliches Interesse zu befriedigen. Andere, nicht nur Ärzte,
    sondern auch Fachmänner, sind dann meiner Wegspur nachgefolgt
    und weit in die betreffenden Gebiete eingedrungen. Da ich mich
    aber meinem Programm gemäß auf den Bericht über meine eigenen
    Beiträge zur Anwendung der Psychoanalyse beschränken werde,
    kann ich dem Leser nur ein ganz unzureichendes Bild von deren
    Ausdehnung und Bedeutung ermöglichen.

    Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom Ödipus-
    komplex aus, dessen Ubiquität ich allmählich erkannte. War schon
    immer die Wahl, ja die Schöpfung des grauenhaftes Stoffes rätsel-
    haft gewesen, die erschütternde Wirkung seiner poetischen Dar-
    stellung und das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so er-
    klärte sich dies alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetz-
    mäßigkeit

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    mäßigkeit des seelischen Geschehens in ihrer vollen affektiven
    Bedeutung erfaßt worden war. Verhängnis und Orakel waren nur
    die Materialisationen der inneren Notwendigkeit; daß der Held
    ohne sein Wissen und gegen seine Absicht sündigte, verstand sich
    als der richtige Ausdruck der unbewußten Natur seiner ver-
    brecherischen Strebungen. Vom Verständnis dieser Schicksals-
    tragödie war dann nur ein Schritt bis zur Aufstellung der Charakter-
    tragödie des Hamlet, die man seit dreihundert Jahren bewunderte,
    ohne ihren Sinn angeben und die Motive des Dichters erraten zu
    können. Es war doch merkwürdig, daß dieser vom Dichter er-
    schaffene Neurotiker am Ödipuskomplex scheitert wie seine zahl-
    reichen Gefährten in der realen Welt, denn Hamlet ist vor die
    Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden Taten zu rächen, die
    den Inhalt des Ödipusstrebens bilden, wobei ihm sein eigenes dunkles
    Schuldgefühl lähmend in den Arm fallen darf. Der Hamlet ist von
    Shakespeare sehr bald nach dem Tode seines Vaters geschrieben
    worden. Meine Andeutungen zur Analyse dieses Trauerspiels
    haben später durch Ernest Jones eine gründliche Ausarbeitung
    erfahren. Dasselbe Beispiel nahm dann Otto Rank zum Ausgangs-
    punkt seiner Untersuchungen über die Stoffwahl der dramatischen
    „Dichter“. In seinem großen Buche über das „Inzest-Motiv“ konnte
    er zeigen, wie häufig die Dichter gerade die Motive der Ödipus-
    situation zur Darstellung wählen und die Wandlungen, Abände-
    rungen und Milderungen des Stoffes durch die Weltliteratur verfolgen.

    Es lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen und
    künstlerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu nehmen. Man
    erkannte, daß das Reich der Phantasie eine „Schonung“ war,
    die beim schmerzlich empfundenen Übergang vom Lust- zum
    Realitätsprinzip eingerichtet wurde, um einen Ersatz für Trieb-
    befriedigung zu gestatten, auf die man im wirklichen Leben hatte
    verzichten müssen. Der Künstler hatte sich wie der Neurotiker
    von der unbefriedigenden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt
    zurückgezogen, aber anders als der Neurotiker verstand er den
    Rückweg aus ihr zu finden und in der Wirklichkeit wieder festen
    Fuß zu fassen. Seine Schöpfungen, die Kunstwerke, waren
    Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume,
    mit denen sie auch den Charakter des Kompromisses gemein hatten,
    denn auch sie mußten den offenen Konflikt mit den Mächten der
    Verdrängung vermeiden. Aber zum Unterschied von den asozialen,
    narzißtischen Traumproduktionen waren sie auf die Anteilnahme
     

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    anderer Menschen berechnet, konnten bei diesen die nämlichen un-
    bewußten Wunschregungen beleben und befriedigen. Überdies be-
    dienten sie sich der Wahrnehmungslust der Formschönheit als
    „Verlockungsprämie“. Was die Psychoanalyse leisten konnte, war,
    aus der Aufeinanderbeziehung der Lebenseindrücke, zufälligen
    Schicksale, und der Werke des Künstlers seine Konstitution und die
    in ihr wirksamen Triebregungen, also das allgemeine Menschliche
    an ihm, zu konstruieren. In solcher Absicht habe ich z. B.
    Leonardo da Vinci zum Gegenstand einer Studie genommen, die
    auf einer einzigen, von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht
    und im wesentlichen auf die Erklärung seines Bildes „Die heilige
    Anna selbdritt“ hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben dann
    zahlreiche ähnliche Analysen an Künstlern und ihren Werken
    unternommen. Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunst-
    werk durch das so gewonnene analytische Verständnis geschädigt
    wird. Dem Laien, der aber hier vielleicht von der Analyse zu viel
    erwartet, muß eingestanden werden, daß sie auf zwei Probleme
    kein Licht wirft, die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren.
    Die Analyse kann nichts zur Aufklärung der künstlerischen Be-
    gabung sagen und auch die Aufdeckung der Mittel, mit denen der
    Künstler arbeitet, der künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu.

    An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen Novelle,
    der „Gradiva“ von W. Jensen, konnte ich nachweisen, daß er
    dichtete Träume dieselben Deutungen zulassen wie reale, daß also
    in der Produktion des Dichters die uns aus der Traumarbeit be-
    kannten Mechanismen des Unbewußten wirksam sind.

    Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung zum
    Unbewußten“ ist direkt ein Seitensprung von der „Traum-
    deutung“ her. Der einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten
    Anteil nahm, hatte mir bemerkt, daß meine Traumdeutungen
    häufig einen „witzigen“ Eindruck machten. Um diesen Eindruck
    aufzuklären, nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand,
    das Wesen des Witzes liege in seinen technischen Mitteln, diese
    seien aber dieselben wie die Arbeitsweisen der „Traumarbeit“,
    also Verdichtung, Verschiebung, Darstellung durch das Gegenteil,
    durch ein Kleinstes usw. Daran schloß sich die ökonomische Unter-
    suchung, wie der hohe Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande
    komme. Die Antwort war: durch momentane Aufhebung von Ver-
    drängungsaufwand nach der Verlockung durch eine dargebotene
    Lustprämie (Vorlust).

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    Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religionspsycho-
    logie ein, die 1907 mit der Feststellung einer überraschenden
    Ähnlichkeit zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen
    (Ritus) begannen. Ohne noch die tieferen Zusammenhänge zu
    kennen, bezeichnete ich die Zwangsneurose als eine verzerrte
    Privatreligion, die Religion sozusagen als eine universelle Zwangs-
    neurose. Später, 1912, wurde der nachdrückliche Hinweis von
    Jung auf die weitgehenden Analogien zwischen den geistigen
    Produktionen der Neurotiker und der Primitiven mir zum Anlaß,
    meine Aufmerksamkeit diesem Thema zuzuwenden. In den vier
    Aufsätzen, welche zu einem Buch mit dem Titel „Totem und
    Tabu“ zusammengefaßt wurden, führte ich aus, daß bei den
    Primitiven die Inzestscheu noch stärker ausgeprägt ist als bei den
    Kultivierten und ganz besondere Abwehrmaßregeln hervorgerufen
    hat, untersuchte die Beziehungen der Tabuverbote, in welcher
    Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten, zur Gefühlsambi-
    valenz und deckte im primitiven Weltsystem des Animismus
    das Prinzip der Überschätzung der seelischen Realität, der „All-
    macht der Gedanken“ auf, welches auch der Magie zugrunde
    liegt. Überall wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose
    durchgeführt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des
    primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affektion noch
    in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies
    erste Organisationssystem primitiver Stämme, in dem die Anfänge
    sozialer Ordnung mit einer rudimentären Religion und der un-
    erbittlichen Herrschaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind.
    Das „verehrte“ Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von
    dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus verschiedenen
    Anzeichen wird erschlossen, daß alle, auch die höchststehenden
    Völker, einst dieses Stadium des Totemismus durchgemacht haben.

    Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf diesem Gebiete
    waren die bekannten Werke von J. G. Frazer („Totemism and Exogamy“,
    „The Golden Bough“) eine Fundgrube wertvoller Tatsachen und Gesichts-
    punkte. Aber zur Aufklärung der Probleme des Totemismus leistete
    Frazer wenig; er hatte seine Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals
    grundstürzend verändert und die anderen Ethnologen und Prähistoriker
    schienen ebenso unsicher als uneinig in diesen Dingen. Mein Ausgangs-
    punkt war die auffällige Übereinstimmung der beiden Tabusatzungen
    des Totemismus, den Totem nicht zu töten und kein Weib des gleichen
    Totemclans geschlechtlich zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des
    Ödipuskomplexes, den Vater zu beseitigen und die Mutter zum Weibe
    zu nehmen. Es ergab sich so die Versuchung, das Totemtier dem Vater

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    gleichzustellen, wie es die Primitiven ohnedies ausdrücklich taten, indem
    sie es als den Ahnherrn des Clans verehrten. Von psychoanalytischer
    Seite kamen mir dann zwei Tatsachen zu Hilfe, eine glückliche Beob-
    achtung Ferenczis am Kinde, welche gestattete, von einer infantilen
    Wiederkehr des Totemismus zu sprechen, und die Analyse der
    frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte, daß dies Tier ein
    Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipuskomplex begründete Furcht
    vor dem Vater verschoben wurde. Es fehlte nun nicht mehr viel, um
    die Vatertötung als Kern des Totemismus und als Ausgangspunkt
    der Religionsbildung zu erkennen.

    Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von W. Robert-
    son Smith’s Werk „The Religion of the Semites“ hinzu – der geniale
    Mann, Physiker und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches Stück der
    Totemreligion die sog. Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre
    wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich unter Beteiligung
    aller Stammesgenossen getötet, verzehrt und dann betrauert. An diese
    Trauer schloß sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche
    Vermutung hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden lebten,
    deren jede unter der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen
    und eifersüchtigen Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen
    Komponenten die Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision,
    des folgenden Hergangs: Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter
    Despot alle Frauen für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen
    gefährlichen Söhne getötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich
    diese Söhne zusammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemein-
    sam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat
    waren sie außerstande, sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen im
    Wege stand. Unter dem Einfluß des Mißerfolges und der Reue lernten
    sie, sich miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Brüderclan
    durch die Satzungen des Totemismus, welche die Wiederholung einer
    solchen Tat ausschließen sollten, und verzichteten insgesamt auf den
    Besitz der Frauen, um welche sie den Vater getötet hatten. Sie waren
    nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der Ursprung der mit dem
    Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totemmahlzeit war die
    Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das Schuldbewußtsein
    der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale Organisation,
    Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang nahmen.

    Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen ist
    oder nicht, die Religionsbildung war hiermit auf den Boden des
    Vaterkomplexes gestellt und über der Ambivalenz aufgebaut,
    welche diesen beherrscht. Nachdem der Vaterersatz durch das
    Totemtier verlassen war, wurde der gefürchtete und gehaßte, ver-
    ehrte und beneidete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnes-
    trotz und seine Vaterssehnsucht rangen miteinander in immer neuen
    Kompromißbildungen, durch welche einerseits die Tat des Vater-
    mordes gesühnt, anderseits deren Gewinn behauptet werden sollte.

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    Ein besonders helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf
    die psychologische Fundierung des Christentums, in dem ja die
    Zeremonie der Totemmahlzeit noch wenig entstellt als Kom-
    munion fortlebt. Ich will ausdrücklich bemerken, daß diese letztere
    Agnoszierung nicht von mir herrührt, sondern sich bereits bei
    Robertson Smith und Frazer findet.

    Th. Reik und der Ethnologe G. Röheim haben in zahl-
    reichen beachtenswerten Arbeiten an die Gedankengänge von
    „Totem und Tabu“ angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oder be-
    richtigt. Ich selbst bin später noch einige Male auf sie zurück-
    gekommen, bei Untersuchungen über das „unbewußte Schuld-
    gefühl“, dem auch unter den Motiven des neurotischen Leidens eine
    so große Bedeutung zukommt, und bei Bemühungen, die soziale
    Psychologie enger an die Psychologie des Individuums zu binden
    („Das Ich und das Es“ – „Massenpsychologie und Ich-Analyse“).
    Auch zur Erklärung der Hypnotisierbarkeit habe ich die archaische
    Erbschaft aus der Urhordenzeit der Menschen herangezogen.

    Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendungen der
    Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Interesses würdig sind.
    Von den Phantasien des einzelnen Neurotikers führt ein breiter
    Weg zu den Phantasieschöpfungen der Massen und Völker, wie sie
    in den Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die Mytho-
    logie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank geworden, die Deutung
    der Mythen, ihre Zurückführung auf die bekannten unbewußten
    Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen durch mensch-
    liche Motivierung war in vielen Fällen der Erfolg seiner analytischen
    Bemühung. Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche Be-
    arbeiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der
    Psychoanalyse viel Feindschaften eingetragen; manche allzu nüch-
    terne Forscher haben ihr die Anerkennung der Symbolik, wie sie
    sich aus der Deutung der Träume ergab, niemals verzeihen können.
    Aber die Analyse ist an der Entdeckung der Symbolik unschuldig,
    sie war auf anderen Gebieten längst bekannt und spielt dort
    (Folklore, Sage, Mythus) selbst eine größere Rolle als in der
    „Sprache des Traumes“.

    Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe ich per-
    sönlich nichts beigetragen; aber es war natürlich, daß die ana-
    lytischen Ermittelungen über das Sexualleben und die seelische
    Entwicklung der Kinder die Aufmerksamkeit der Erzieher auf
    sich zogen und sie ihre Aufgaben in einem neuen Lichte sehen

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    ließen. Als unermüdlicher Vorkämpfer dieser Richtung in der
    Pädagogik hat sich der protestantische Pfarrer O. Pfister in
    Zürich hervorgetan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Fest-
    halten an einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar fand;
    neben ihm Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr. S. Bernfeld in
    Wien sowie viele andere. Aus der Verwendung der Analyse zur
    vorbeugenden Erziehung des gesunden und zur Korrektur des noch
    nicht neurotischen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes
    hat sich eine praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht mehr
    möglich, die Ausübung der Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten
    und die Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der
    nicht eine besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms
    ein Laie in der Analyse und der Nichtarzt kann bei entsprechender
    Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt auch die
    Aufgabe der analytischen Behandlung von Neurosen erfüllen.

    Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg man sich
    vergebens sträuben würde, ist das Wort Psychoanalyse selbst
    mehrdeutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung eines be-
    stimmten therapeutischen Verfahrens, ist es jetzt auch der Name
    einer Wissenschaft geworden, der vom Unbewußt-Seelischen. Diese
    Wissenschaft kann nur selten für sich allein ein Problem voll er-
    ledigen; aber sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissens-
    gebieten wichtige Beiträge zu liefern. Das Anwendungsgebiet der
    Psychoanalyse reicht ebensoweit wie das der Psychologie, zu der
    sie eine Ergänzung von mächtiger Tragweite hinzufügt.

    So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk meiner
    Lebensarbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht und manche
    Anregungen ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft etwas
    werden soll. Ich kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird
    oder wenig.