S.
[Briefkopf III Berlin] 28. XII. 19
Lieber Herr Professor,
Es macht mir unsägliche Freude zu wissen, daß Sie die kleine Stockholmer Sendung als einigen Zuwachs an Sicherung betrachten, sie soll ja gar keine andre Funktion haben als diese lokale, und ihr Wert kann sich ja nur verringern mit dem Sinken der Kaufkraft alles dortigen Papiers. Darauf sollte man sie auch nicht lange aufheben, und ich hätte eine große Bitte, mich dem Verlangen Ihrer Kinder von Herzen anschließend: Reduzieren Sie, Herr Professor, Ihre Arbeitszeit auf den doch allgemein schon längst eingeführten Achtstundentag! Allein entsprechend wäre ja die Arbeitszeit der Bergarbeiter, der in Schächten, im Unterirdischen Tätigen. –
Von Anna hat meine Frau einen wunderschönen Brief bekommen, der sie ihr, uns beiden, noch viel näher gebracht und lieber gemacht hat, die hereingebrochene Bahnsperre bedauern wir um so mehr.
Rank war einige Stunden auf einem hiesigen Bahnhofe, ohne irgendjemand von uns gesehen zu haben. Durch Ernst, der Berlin sehr rasch erobert hat und auch in unser stilles Haus, das ihn oft sieht, viel liebes Leben hineinbringt, erfuhr ich, daßa Rank in London unsere dortigen Geschäftsfreunde1 vielleicht hätten nützlich sein können. Hat er etwas ausgerichtet?
In der Angelegenheit Müller-Abraham2 hoffe ich einiges auszurichten. Aus dem Briefe M[üller]s an Sie hat A. ersehen können, daß M. mit großer Einsicht dem den Konflikt immer wieder nährenden Komplex gegenübersteht. A. beginnt nun sein Urteil über M., wenn auch nur sehr langsam, zu modifizieren, gegen Ende der Woche werden sie beide bei mir einmal zur Aussprache zusammenkommen.
Das ‚Tagebuch‘ habe ich mit viel Spannung und wachsender Sympathie für die kleine Autorin gelesen. Fast tragisch mutete mich die Stelle an, wo das Hexerl, die Zweideutigkeit so vieler einfacher Worte entdeckend, in Gefahr ist, unsicher und irre zu werden an der Welt.3 –
Über Ihren Gratulationsbrief zur Hochzeit meiner (Elternb – mein Schwesterkomplex ist schuld an diesem Verschreiben!) Schwester4 haben sich meine Eltern, über den großen Strauß weißen Flieders hat sich meine Schwester sehr gefreut, sie bat mich vor ihrer Abreise, Ihnen ihren Dank zu übermitteln, bis sie es selbst tun wird.
Hoffentlich halten Freunds gute Tage recht lange an.
Mit den herzlichsten Wünschen für ein gutes neues Jahr grüßen wir beide Sie, Frau Professor und Anna wärmstens
Ihr ergebener
M. Eitingon.
a MS: das.
b Klammer nachträglich eingefügt.