S.
[Briefkopf V Berlin] 21. 3. 22.a
Lieber Herr Professor!
Mit den Tagen, die vergehen, ohne daß Nachricht von Ihnen kommt, wächst meine Unruhe, daß mein letzter Brief an Sie nicht in Ihre Hände gelangt sein könnte. Wie ich Ihnen vor einigen Tagen aus Leipzig bereits schrieb, würde ich es ganz besonders bedauern, wenn gerade diesen meinen Brief ein solches Schicksal erreicht hätte.
Beruhigend zwar wirkte auf mich eine Äußerung, die Anna bei ihrem kurzen Hiersein1 getan hat: daß es beschlossene Sache sei, daß Sie mit Frau Professor und Anna während des Kongresses bei uns wohnen. Gerade diese Bitte hatte ich u. a. in jenem meinem Briefe ausgesprochen.
Heute sind meine Eltern nach New York abgereist. Über Mir[r]as Befinden ist nach wie vor Gutes zu berichten, die erreichten Besserungen scheinen ziemlich gesichert zu sein. Meine geplante Arbeitsverringerung läßt sich, wie eben zu erwarten war, sehr schwer durchführen. In der Privatpraxis wie auch ganz besonders in der Poliklinik kann ich es nicht vermeiden, manches von den neuen Fällen auch selbst zu übernehmen. Gerade die Poliklinik macht mir viel Freude, der Zugang an Patienten ist wieder stetig und lebhaft, begreiflicherweise könnten wir wieder einen weiteren Arzt brauchen. Sehr nützlich wäre uns jetzt ein russisch sprechender Kollege. Der Dr. Alexander rechtfertigt meine in ihn gesetzten Hoffnungen und Erwartungen aufs glänzendste; er ist sehr befähigt, theoretisch wie auch spezifisch ärztlich-therapeutisch. Ich bin überzeugt, daß in ihm etwas für unsere Bewegung sehr Wertvolles heranwächst. Olis Analyse geht sehr gut vonstatten.
Bezüglich unserer Sommerpläne weiß ich nun doch schon einiges. Trotzdem unsere Amerikaner in diesem Sommer auch wieder alle herkommen, gedenken wir, den ganzen Sommer hier zu bleiben, in Berlin; ich werde wohl auch bis Mitte September durcharbeiten. So werden auch die Kongreßvorbereitungen keinerlei Unterbrechung erleiden. Anfang Oktober werde ich dann mit Mir[r]a für mehrere Monate auf Reisen gehen. Auf diese Weise in meiner Arbeitskontinuität eine größere Lücke reißend, könnte es auch gelingen, nach der Rückkehr mit einem kleineren Arbeitsquantum wieder zu beginnen.
Wie geht es Ihr[er] Frau jetzt, lieber Herr Professor? Zum ersten Male ein Brief an Sie, der nicht eigenhändig ist, ich bitte, es zu entschuldigen und versichert zu sein, daß es kein Anfang, sondern nur eine Ausnahme ist.
Mit den wärmsten Grüßen an Sie und die Ihren
Ihr herzlich ergebener
Max Eitingon
a Masch. bis „die Ihren“ in Briefausleitung.