• S.

    Wien, 6.XII.1936

    Meine  liebe Marie

    Ihre Karten aus Athen und eben 
    Ihr Manuskript über Topsy erhalten. 
    Ich liebe es, es ist so rührend echt 
    und wahrhaft. Es ist ja keine 
    analytische Arbeit aber der Wahr-
    heits‑ und Wissensdrang des 
    Analytikers steckt auch hinter 
    dieser Schöpfung. Es sind wirklich 
    die Gründe, weshalb man ein 
    Thier wie Topsy (oder Jofi) mit
     so merkwürdiger Tiefe lieben 
    kann. Die Zuneigung ohne 
    Ambivalenz, die Vereinfachung 
    des Lebens von dem schwer 
    erträglichen Konflikt mit der 
    Kultur befreit, die Schönheit 
    einer in sich vollendeten 
    Existenz. Und bei aller Fremd-
    artigkeit der organischen Ent-
    wicklung doch das Gefühl einer 
    innigen Verwandtschaft einer 
    unbestrittenen Zusam̄enge-
    hörigkeit. Oft, wenn ich Jofi 
    gestreichelt, habe ich mich dabei 
    ertappt eine Melodie zu sum̄en, 
    die ich, ganz unmusikalischer 
    Mensch, als die Arie aus 
    dem Don Juan erkennen 
    musste:

    Ein Band der Freund-
    schaft
    bindet uns beide usw.

  • S.

    Und wenn Sie in Ihrer Jugend 
    von 54 Jahren es nicht ver-
    meiden können, so oft an den 
    Tod zu denken, verwundern 
    Sie sich, wenn ich mit 80½ Jahren 
    grüble, ob ich das Alter von 
    Vater und Bruder erleben 
    werde, oder darüber hinaus 
    reichen werde in das der 
    Mutter, gepeinigt vom Konflikt 
    zwischen dem Wunsch nach Ruhe 
    und der Angst vor neuem 
    Leiden, die die Fortsetzung 
    des Lebens bringt, und dem 
    antizipirten Schmerz der Tren̄ung 
    von allem, woran man noch hängt?

    Seien sie (und Topsy) herz-
    lich gegrüßt von Ihrem 
    Freud

    Verzeihen Sie, daß ich keinen 
    zweiten Bogen genomen, ich 
    sehe, es ist kaum zu lesen!

  • S.

    Wien, 6.XII.1936

    Meine  liebe Marie, 

    Ihre Karten aus Athen und eben Ihr Manuskript über topsy erhalten. Ich liebe es, es ist so 
    rührend echt und wahrhaft. Es ist ja keine analytische Arbeit, aber der Wahrheits‑ und Wissensdrang des Analytikers steckt auch hinter dieser Schöpfung. Es sind wirklich die 
    Gründ, weshalb man ein Thier wie Topsy (oder Jofi) mit so merkwürdiger Tiefe lieben kann, 
    die Zuneigung ohne Ambivalenz, die Vereinfachung des Lebens von dem schwer erträglichen Konflikt mit der Kultur befreit, die Schönheit einer in sich vollendeten Existenz. Und bei aller Fremdartigkeit der organischen Entwicklung doch das Gefühl einer innigen Verwandtschaft, einer unbestrittenen Zusammengehörigkeit. Oft, wenn ich Jofi gestreichelt, habe ich mich dabei ertappt eine Melodie zu summen, die ich, ganz unmusikalischer Mensch, als die Arie aus dem Don Juan erkennen musste: 

    Ein Band der Freundschaft
    Bindet uns beide usw. 

    Und wenn Sie in Ihrer Jugend von 54 Jahren es nicht vermeiden können, so oft an den Tod zu denken, verwundern Sie sich, wenn ich mit 80½ Jahren grüble ob ich das Alter von Vater und Bruder erleben werde, oder darüber hinausreichen werde in das der Mutter, gepeinigt vom Konflikt zwischen dem Wunsch nach Ruhe und der Angst vor neuem Leiden, die die Fortsetzung des Lebens bringt, und dem antizipierten Schmerz der TRennung von allem woran man noch hängt?

    Seien sie (und Topsy) herzlich gegrüsst von Ihrem 
    Freud

     

    Cahier V.22 October 1925

    M: Wie schön, alles was Sie sagen, aber wie Traurig!

    FR: Warum traurig? Es ist ja das Leben. Es ist gerade das ewige Vorübergehen, was das Leben so schön macht. 

    In der Transkription, die aus dem elektronischen Archiv vorliegt, findet sich noch folgende Ergänzung, die vermutiche eine Ergänzung der Person ist, die den Brief transkribiert hat:

    am rechten oberen Rand in Handschrift:
    ???? Jones 
    uber „Vergänglichkeit
    ¿¿¿ 1954“

    Cahier V. 22 October 1925
    M: Wie schön, alles was Sie sagen, aber wie traurig!
    FR: Warum traurig? Es ist ja das Leben. Es ist gerade das ewige Vorübergehen, was das 
    Leben so schön macht.