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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN, IX., BERGGASSE 19.27.1.1938
Meine liebe Marie
Ihr lieber Brief von heute hat mich '
in eine Stim̄ung versetzt die sofort
ihren Ausdruck verlangt. Ich stelle
mir also vor wie Sie in den
Elysaeischen Feldern begrüße nachdem
ich Ihre Ankunft erfahren habe:
Wie schön, daß Sie endlich da sind,
Sie haben mich lange warten
lassen! Und Ihre letzte große Arbeit
über die Zeit habe ich gar nicht
mehr lesen können. ich bin schon sehr
neugierig darauf, was Sie gefunden
haben. Denn wie Sie sich denken
können, ist die Gelegenheiten
zu Erfahrungen über diesen merk-
würdigen Charakter unserer
geistigen Thätigkeit hierorts beson-
ders ungünstig. Sie werden mir
überhaupt viel von der Analyse
erzählen müßen. Meine Tochter
geht mir sehr aber, mit der ich so
leicht Gedanken darüber austausch-
en kön̄te. Und dann möchte ich
natürlich endlich erfahren, was
aus Ihrer Tochter geworden ist.
Wen sie zuerst geheiratet hat, beim
wievielten Mann sie jetzt hält, -
S.
wieviel Kinder sie hat usw. Und denken
Sie, wir brauchen nicht einmal
zu bedauern, daß sie damals von
der Hochzeit in Athen, nicht nach
Wien gekom̄en ist, denn ich bin
so sehr bald darauf erkrankt u sie
hätte wenig von der versetzten
Fortsetzung der Analyse gehabt.Sie werden mir wahrscheinlich sagen, daß
ich gut aussehe. Ich hoffe Ihnen das Kom-
pliment bald zurückgeben zu können,
denn der Aufenthalt hier wirkt günstig
auf die Erscheinung. Vielleicht be-
merken Sie aber auch daß ich mich
überhaupt verschönt habe. Ich war doch
entstellt durch eine Balggeschwulst,
ein Atherom, das Sie vielleicht aus
Diskretion nie erwähnt haben. Diese
Verzierung habe ich mir bei der
letzten Operation – die vorletzte
meine ich natürlich – abtragen laßen.
Aber genug von mir. Seien
Sie nochmals herzlich willkom̄en!
Ihrem seligen
Freud -
S.
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
PALAIS ROYAL ATHEN
Athen 105 57
Griechenland