• S.

    309


    I

    Ob dies geschehen wird, wird von Personen abhängen, die nicht
    dazu verpflichtet sind, die Besonderheiten einer analytischen Be-
    handlung zu kennen. Es ist unsere Aufgabe, diese Unparteiischen,
    die wir als derzeit noch unwissend annehmen wollen, darüber zu
    unterrichten. Wir bedauern, daß wir sie nicht zu Zuhörern einer
    solchen Behandlung machen können. Die „analytische Situation“
    verträgt keinen Dritten. Auch sind die einzelnen Behandlungs-
    stunden sehr ungleichwertig, ein solch – unbefugter – Zuhörer,
    der in eine beliebige Sitzung geriete, würde zumeist keinen ver-
    wertbaren Eindruck gewinnen, er käme in Gefahr, nicht zu ver-
    stehen, was zwischen dem Analytiker und dem Patienten verhandelt
    wird, oder er würde sich langweilen. Er muß sich also wohl oder
    übel mit unserer Information begnügen, die wir möglichst ver-
    trauenswürdig abfassen wollen.

    Der Kranke möge also an Stimmungsschwankungen leiden, die er
    nicht beherrscht, oder an kleinmütiger Verzagtheit, durch die er
    seine Energie gelähmt fühlt, da er sich nichts Rechtes zutraut,
    oder an ängstlicher Befangenheit unter Fremden. Er mag ohne
    Verständnis wahrnehmen, daß ihm die Erledigung seiner Berufs-
    arbeit Schwierigkeiten macht, aber auch jeder ernstere Entschluß
    und jede Unternehmung. Er hat eines Tages – unbekannt, woher –
    einen peinlichen Anfall von Angstgefühlen erlitten und kann seither
    nicht ohne Überwindung allein über die Straße gehen oder Eisen-
    bahn fahren, hat beides vielleicht überhaupt aufgeben müssen. Oder,
    was sehr merkwürdig ist, seine Gedanken gehen ihre eigenen Wege
    und lassen sich nicht von seinem Willen lenken. Sie verfolgen
    Probleme, die ihm sehr gleichgültig sind, von denen er sich aber
    nicht losreißen kann. Es sind ihm auch höchst lächerliche Aufgaben
    auferlegt, wie die Anzahl der Fenster an den Häuserfronten zu-
    sammenzuzählen, und bei einfachen Verrichtungen, wie Briefe in

  • S.

    310

    ein Postfach werfen, oder eine Gasflamme abdrehen, gerät er einen
    Moment später in Zweifel, ob er es auch wirklich getan hat. Das ist
    vielleicht nur ärgerlich und lästig, aber der Zustand wird uner-
    träglich, wenn er sich plötzlich der Idee nicht erwehren kann, daß
    er ein Kind unter die Räder eines Wagens gestoßen, einen Un-
    bekannten von der Brücke ins Wasser geworfen hat, oder wenn er
    sich fragen muß, ob er nicht der Mörder ist, den die Polizei als
    den Urheber eines heute entdeckten Verbrechens sucht. Es ist ja
    offenbarer Unsinn, er weiß es selbst, er hat nie einem Menschen
    etwas Böses getan, aber wenn er wirklich der gesuchte Mörder wäre,
    könnte die Empfindung – das Schuldgefühl – nicht stärker sein.

    Oder aber, unser Patient – sei es diesmal eine Patientin –
    leidet in anderer Weise und auf anderem Gebiet. Sie ist Klavier-
    spielerin, aber ihre Finger verkrampfen sich und versagen den Dienst.
    Wenn sie daran denkt, in eine Gesellschaft zu gehen, stellt sich
    sofort ein natürliches Bedürfnis bei ihr ein, dessen Befriedigung mit
    der Geselligkeit unverträglich wäre. Sie hat also darauf verzichtet,
    Gesellschaften, Bälle, Theater, Konzerte zu besuchen. Wenn sie es
    am wenigsten brauchen kann, wird sie von heftigen Kopfschmerzen
    oder anderen Schmerzsensationen befallen. Eventuell muß sie jede
    Mahlzeit durch Erbrechen von sich geben, was auf die Dauer
    bedrohlich werden kann. Endlich ist es beklagenswert, daß sie keine
    Aufregungen verträgt, die sich im Leben doch nicht vermeiden
    lassen. Sie verfällt bei solchen Anlässen in Ohnmachten, oft mit
    Muskelkrämpfen, die an unheimliche Krankheitszustände erinnern.

    Noch andere Kranke fühlen sich gestört in einem besonderen
    Gebiet, auf dem das Gefühlsleben mit Ansprüchen an den Körper
    zusammentrifft. Als Männer finden sie sich unfähig, den zärtlichsten
    Regungen gegen das andere Geschlecht körperlichen Ausdruck zu
    geben, während ihnen vielleicht gegen wenig geliebte Objekte alle
    Reaktionen zu Gebote stehen. Oder ihre Sinnlichkeit bindet sie an
    Personen, die sie verachten, von denen sie frei werden möchten.
    Oder sie stellt ihnen Bedingungen, deren Erfüllung ihnen selbst

  • S.

    311

    widerlich ist. Als Frauen fühlen sie sich durch Angst und Ekel
    oder durch unbekannte Hemmnisse verhindert, den Anforderungen
    des Geschlechtslebens nachzukommen, oder wenn sie der Liebe nach-
    gegeben haben, finden sie sich um den Genuß betrogen, den die
    Natur als Prämie auf solche Gefügigkeit gesetzt hat.

    Alle diese Personen erkennen sich als krank und suchen Ärzte
    auf, von denen man ja die Beseitigung solcher nervösen Störungen
    erwartet. Die Ärzte führen auch die Kategorien, unter denen man
    diese Leiden unterbringt. Sie diagnostizieren sie je nach ihren Stand-
    punkten mit verschiedenen Namen: Neurasthenie, Psychasthenie,
    Phobien, Zwangsneurose, Hysterie. Sie untersuchen die Organe,
    welche die Symptome geben: das Herz, den Magen, den Darm,
    die Genitalien und finden sie gesund. Sie raten zu Unterbrechungen
    der gewohnten Lebensweise, Erholungen, kräftigenden Prozeduren,
    tonisierenden Medikamenten, erzielen dadurch vorübergehende Er-
    leichterungen – oder auch nichts. Endlich hören die Kranken,
    daß es Personen gibt, die sich ganz speziell mit der Behandlung
    solcher Leiden beschäftigen und treten in die Analyse bei ihnen ein.

    Unser Unparteiischer, den ich als gegenwärtig vorstelle, hat
    während der Auseinandersetzung über die Krankheitserscheinungen
    der Nervösen Zeichen von Ungeduld von sich gegeben. Nun wird er
    aufmerksam, gespannt, und äußert sich auch so: „Jetzt werden wir
    also erfahren, was der Analytiker mit dem Patienten vornimmt,
    dem der Arzt nicht helfen konnte.“

    Es geht nichts anderes zwischen ihnen vor, als daß sie miteinander
    reden. Der Analytiker verwendet weder Instrumente, nicht einmal
    zur Untersuchung, noch verschreibt er Medikamente. Wenn es irgend
    möglich ist, läßt er den Kranken sogar in seiner Umgebung und
    in seinen Verhältnissen, während er ihn behandelt. Das ist natürlich
    keine Bedingung, kann auch nicht immer so durchgeführt werden.
    Der Analytiker bestellt den Patienten zu einer bestimmten Stunde
    des Tages, läßt ihn reden, hört ihn an, spricht dann zu ihm und
    läßt ihn zuhören.

  • S.

    312

    Die Miene unseres Unparteiischen zeugt nun von unverkenn-
    barer Erleichterung und Entspannung, verrät aber auch deutlich eine
    gewisse Geringschätzung. Es ist, als ob er denken würde: Weiter
    nichts als das? Worte, Worte und wiederum Worte, wie Prinz
    Hamlet sagt. Es geht ihm gewiß auch die Spottrede Mephistos
    durch den Sinn, wie bequem sich mit Worten wirtschaften läßt,
    Verse, die kein Deutscher je vergessen wird.

    Er sagt auch: „Das ist also eine Art von Zauberei, Sie reden
    und blasen so seine Leiden weg.“

    Ganz richtig, es wäre Zauberei, wenn es rascher wirken würde.
    Zum Zauber gehört unbedingt die Schnelligkeit, man möchte sagen:
    Plötzlichkeit des Erfolges. Aber die analytischen Behandlungen
    brauchen Monate und selbst Jahre; ein so langsamer Zauber verliert
    den Charakter des Wunderbaren. Wir wollen übrigens das Wort
    nicht verachten. Es ist doch ein mächtiges Instrument, es ist das
    Mittel, durch das wir einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg,
    auf den anderen Einfluß zu nehmen. Worte können unsagbar wohltun
    und fürchterliche Verletzungen zufügen. Gewiß, zu allem Anfang
    war die Tat, das Wort kam später, es war unter manchen Ver-
    hältnissen ein kultureller Fortschritt, wenn sich die Tat zum Wort
    ermäßigte. Aber das Wort war doch ursprünglich ein Zauber, ein
    magischer Akt, und es hat noch viel von seiner alten Kraft bewahrt.

    Der Unparteiische setzt fort: „Nehmen wir an, daß der Patient
    nicht besser auf das Verständnis der analytischen Behandlung vor-
    bereitet ist als ich, wie wollen Sie ihn an den Zauber des Wortes
    oder der Rede glauben machen, der ihn von seinen Leiden be-
    freien soll?“

    Man muß ihm natürlich eine Vorbereitung geben, und es findet
    sich ein einfacher Weg dazu. Man fordert ihn auf, mit seinem
    Analytiker ganz aufrichtig zu sein, nichts mit Absicht zurückzu-
    halten, was ihm in den Sinn kommt, in weiterer Folge sich über
    alle Abhaltungen hinwegzusetzen, die manche Gedanken oder Er-
    innerungen von der Mitteilung ausschließen möchten. Jeder Mensch

  • S.

    313

    weiß, daß es bei ihm solche Dinge gibt, die er anderen nur sehr
    ungern mitteilen würde, oder deren Mitteilung er überhaupt für
    ausgeschlossen hält. Es sind seine „Intimitäten“. Er ahnt auch, was
    einen großen Fortschritt in der psychologischen Selbsterkenntnis
    bedeutet, daß es andere Dinge gibt, die man sich selbst nicht
    eingestehen möchte, die man gerne vor sich selbst verbirgt, die man
    darum kurz abbricht und aus seinem Denken verjagt, wenn sie doch
    auftauchen. Vielleicht bemerkt er selbst den Ansatz eines sehr merk-
    würdigen psychologischen Problems in der Situation, daß ein eigener
    Gedanke vor dem eigenen Selbst geheim gehalten werden soll. Das
    ist ja, als ob sein Selbst nicht mehr die Einheit wäre, für die er
    es immer hält, als ob es noch etwas anderes in ihm gäbe, was sich
    diesem Selbst entgegenstellen kann. Etwas wie ein Gegensatz zwischen
    dem Selbst und einem Seelenleben im weiteren Sinne mag sich ihm
    dunkel anzeigen. Wenn er nun die Forderung der Analyse, alles
    zu sagen, annimmt, wird er leicht der Erwartung zugänglich, daß
    ein Verkehr und Gedankenaustausch unter so ungewöhnlichen Vor-
    aussetzungen auch zu eigenartigen Wirkungen führen könnte.

    „Ich verstehe,“ sagt unser unparteiischer Zuhörer, „Sie nehmen
    an, daß jeder Nervöse etwas hat, was ihn bedrückt, ein Geheimnis,
    und indem Sie ihn veranlassen es auszusprechen, entlasten Sie ihn
    von dem Druck und tun ihm wohl. Das ist ja das Prinzip der
    Beichte, dessen sich die katholische Kirche seit jeher zur Ver-
    sicherung ihrer Herrschaft über die Gemüter bedient hat.“

    Ja und nein, müssen wir antworten. Die Beichte geht wohl in
    die Analyse ein, als ihre Einleitung gleichsam. Aber weit davon
    entfernt, daß sie das Wesen der Analyse träfe oder ihre Wirkung
    erklärte. In der Beichte sagt der Sünder, was er weiß, in der
    Analyse soll der Neurotiker mehr sagen. Auch wissen wir nichts
    davon, daß die Beichte je die Kraft entwickelt hätte, direkte Krank-
    heitssymptome zu beseitigen.

    „Dann verstehe ich es doch nicht“, ist die Entgegnung. „Was
    soll es wohl heißen: mehr sagen als er weiß? Ich kann mir aber

  • S.

    314

    vorstellen, daß Sie als Analytiker einen stärkeren Einfluß auf Ihren
    Patienten gewinnen als der Beichtvater auf das Beichtkind, weil
    Sie sich soviel länger, intensiver und auch individueller mit ihm
    abgeben, und daß Sie diesen gesteigerten Einfluß dazu benützen,
    ihn von seinen krankhaften Gedanken abzubringen, ihm seine Be-
    fürchtungen auszureden usw. Es wäre merkwürdig genug, daß es
    auf diese Weise gelänge, auch rein körperliche Erscheinungen wie
    Erbrechen, Diarrhöe, Krämpfe zu beherrschen, aber ich weiß da-
    von, daß solche Beeinflussungen sehr wohl möglich sind, wenn man
    einen Menschen in den hypnotischen Zustand versetzt hat. Wahr-
    scheinlich erzielen Sie durch Ihre Bemühung um den Patienten
    eine solche hypnotische Beziehung, eine suggestive Bindung an
    Ihre Person, auch wenn Sie es nicht beabsichtigen, und die Wunder
    Ihrer Therapie sind dann Wirkungen der hypnotischen Suggestion.
    Soviel ich weiß, arbeitet aber die hypnotische Therapie viel rascher
    als Ihre Analyse, die, wie Sie sagen, Monate und Jahre dauert.“

    Unser Unparteiischer ist weder so unwissend noch so ratlos, wie
    wir ihn anfangs eingeschätzt hatten. Es ist unverkennbar, daß er
    sich bemüht, die Psychoanalyse mit Hilfe seiner früheren Kennt-
    nisse zu begreifen, sie an etwas anderes anzuschließen, was er schon
    weiß. Wir haben jetzt die schwierige Aufgabe, ihm klarzumachen,
    daß dies nicht gelingen wird, daß die Analyse ein Verfahren sui
    generis ist, etwas Neues und Eigenartiges, was nur mit Hilfe neuer
    Einsichten – oder wenn man will, Annahmen – begriffen werden
    kann. Aber wir sind ihm auch noch die Antwort auf seine letzten
    Bemerkungen schuldig.

    Was Sie von dem besonderen persönlichen Einfluß des Analytikers
    gesagt haben, ist gewiß sehr beachtenswert. Ein solcher Einfluß
    existiert und spielt in der Analyse eine große Rolle. Aber nicht die-
    selbe wie beim Hypnotismus. Es müßte gelingen, Ihnen zu be-
    weisen, daß die Situationen hier und dort ganz verschiedene sind.
    Es mag die Bemerkung genügen, daß wir diesen persönlichen
    Einfluß – das „suggestive“ Moment – nicht dazu verwenden, um

  • S.

    315

    die Leidenssymptome zu unterdrücken, wie es bei der hypnotischen
    Suggestion geschieht. Ferner, daß es irrig wäre zu glauben, dies
    Moment sei durchaus der Träger und Förderer der Behandlung. Zu
    Anfang wohl; aber später widersetzt es sich unseren analytischen
    Absichten und nötigt uns zu den ausgiebigsten Gegenmaßnahmen.
    Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie ferne der
    analytischen Technik das Ablenken und Ausreden liegt. Wenn unser
    Patient an einem Schuldgefühl leidet, als ob er ein schweres Ver-
    brechen begangen hätte, so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
    tonung seiner unzweifelhaften Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
    qual hinwegzusetzen; das hat er schon selbst erfolglos versucht.
    Sondern wir mahnen ihn daran, daß eine so starke und anhaltende
    Empfindung doch in etwas Wirklichem begründet sein muß, was
    vielleicht aufgefunden werden kann.

    „Es sollte mich wundern,“ meint der Unparteiische, „wenn Sie
    durch solches Zustimmen das Schuldgefühl Ihres Patienten be-
    schwichtigen könnten. Aber was sind denn Ihre analytischen Ab-
    sichten und was nehmen Sie mit dem Patienten vor?“

    II

    Wenn ich Ihnen etwas Verständliches sagen soll, so muß ich
    Ihnen wohl ein Stück einer psychologischen Lehre mitteilen, die
    außerhalb der analytischen Kreise nicht bekannt ist oder nicht
    gewürdigt wird. Aus dieser Theorie wird sich leicht ableiten lassen,
    was wir von dem Kranken wollen und auf welche Art wir es
    erreichen. Ich trage sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
    Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als solches
    wie ein philosophisches System entstanden ist. Wir haben sie sehr
    langsam entwickelt, um jedes Stückchen lange gerungen, sie in
    stetem Kontakt mit der Beobachtung fortwährend modifiziert, bis
    sie endlich eine Form gewonnen hat, in der sie uns für unsere