• S.

    345

    der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit
    vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel
    lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich
    ein wichtigeres Problem her. Wie soll man sich gegen die Sexual-
    betätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Ver-
    antwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich
    nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren
    zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren
    Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder frei-
    gegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen
    die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden,
    aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der
    Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß
    wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

    Ob aber die Interessen, die durch das Studium des Sexuallebens
    bei den Neurotikern angeregt werden, eine für die Erweckung der
    Lüsternheit günstige Atmosphäre schaffen, getraue ich mich doch
    Ihrem eigenen Urteil zu überlassen.

    V

    „Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen. Sie wollen mir zeigen,
    was für Kenntnisse man für die Ausübung der Analyse braucht,
    damit ich urteilen kann, ob der Arzt allein zu ihr berechtigt sein
    soll. Nun, bisher ist wenig Ärztliches vorgekommen, viel Psy-
    chologie und ein Stück Biologie oder Sexualwissenschaft. Aber
    vielleicht haben wir noch nicht das Ende gesehen?“

    Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken auszufüllen. Darf ich Sie
    um etwas bitten? Wollen Sie mir schildern, wie Sie sich jetzt
    eine analytische Behandlung vorstellen? So, als ob Sie sie selbst
    vorzunehmen hätten?

    „Nun, das kann gut werden. Ich habe wirklich nicht die
    Absicht, unsere Streitfrage durch ein solches Experiment zu ent-

  • S.

    346

    scheiden. Aber ich will Ihnen den Gefallen tun, die Verantwort-
    lichkeit fiele ja auf Sie. Also ich nehme an, der Kranke kommt
    zu mir und beklagt sich über seine Beschwerden. Ich verspreche
    ihm Heilung oder Besserung, wenn er meinen Anweisungen folgen
    will. Ich fordere ihn auf, mir in voller Aufrichtigkeit alles zu
    sagen, was er weiß und was ihm einfällt, und sich von diesem
    Vorsatz nicht abhalten zu lassen, auch wenn manches ihm zu
    sagen unangenehm sein sollte. Habe ich mir diese Regel gut
    gemerkt?“

    Ja, Sie sollten noch hinzufügen, auch wenn er meint, daß das,
    was ihm einfällt, unwichtig oder unsinnig ist.

    „Auch das. Dann beginnt er zu erzählen und ich höre zu. Ja
    und dann? Aus seinen Mitteilungen errate ich, was er für Ein-
    drücke, Erlebnisse, Wunschschregungen verdrängt hat, weil sie ihm
    zu einer Zeit entgegengetreten sind, da sein Ich noch schwach
    war und sich vor ihnen fürchtete, anstatt sich mit ihnen abzu-
    geben. Wenn er das von mir erfahren hat, versetzt er sich in
    die Situationen von damals und macht es jetzt mit meiner Hilfe
    besser. Dann verschwinden die Einschränkungen, zu denen sein
    Ich genötigt war, und er ist hergestellt. Ist es so recht?“

    Bravo, bravo! Ich sehe, man wird mir wieder den Vorwurf
    machen können, daß ich einen Nichtarzt zum Analytiker aus-
    gebildet habe. Sie haben sich das sehr gut zu eigen gemacht.

    „Ich habe nur wiederholt, was ich von Ihnen gehört habe, wie
    wenn man etwas Auswendiggelerntes hersagt. Ich kann mir ja
    doch nicht vorstellen, wie ich’s machen würde, und verstehe gar
    nicht, warum eine solche Arbeit soviele Monate hindurch täglich
    eine Stunde brauchen sollte. Ein gewöhnlicher Mensch hat doch
    in der Regel nicht soviel erlebt, und was in der Kindheit
    verdrängt wird, das ist doch wahrscheinlich in allen Fällen das
    nämlich.“

    Man lernt noch allerlei bei der wirklichen Ausübung der
    Analyse. Zum Beispiel: Sie würden es gar nicht so einfach finden,

  • S.

    347

    aus den Mitteilungen, die der Patient macht, auf die Erlebnisse
    zu schließen, die er vergessen, die Triebregungen, die er verdrängt
    hat. Er sagt Ihnen irgend etwas, was zunächst für Sie ebenso-
    wenig Sinn hat wie für ihn. Sie werden sich entschließen müssen,
    das Material, das Ihnen der Analysierte im Gehorsam gegen die
    Regel liefert, in einer ganz besonderen Weise aufzufassen. Etwa
    wie ein Erz, dem der Gehalt an wertvollem Metall durch bestimmte
    Prozesse abzugewinnen ist. Sie sind dann auch vorbereitet, viele
    Tonnen Erz zu verarbeiten, die vielleicht nur wenig von dem
    gesuchten kostbaren Stoff enthalten. Hier wäre die erste Be-
    gründung für die Weitläufigkeit der Kur.

    „Wie verarbeitet man aber diesen Rohstoff, um in Ihrem
    Gleichnis zu bleiben?“

    Indem man annimmt, daß die Mitteilungen und Einfälle des
    Kranken nur Entstellungen des Gesuchten sind, gleichsam An-
    spielungen, aus denen Sie zu erraten haben, was sich dahinter
    verbirgt. Mit einem Wort, Sie müssen dieses Material, seien es
    Erinnerungen, Einfälle oder Träume, erst deuten. Das geschieht
    natürlich mit Hinblick auf die Erwartungen, die sich in Ihnen
    dank Ihrer Sachkenntnis, während Sie zuhörten, gebildet haben.

    „Deuten! Das ist ein garstiges Wort. Das höre ich nicht gerne,
    damit bringen Sie mich um alle Sicherheit. Wenn alles von
    meiner Deutung abhängt, wer steht mir dafür ein, daß ich richtig
    deute? Dann ist doch alles meiner Willkür überlassen.“

    Gemach, es steht nicht so schlimm. Warum wollen Sie Ihre
    eigenen seelischen Vorgänge von der Gesetzmäßigkeit ausnehmen,
    die Sie für die des anderen anerkennen? Wenn Sie eine gewisse
    Selbstzucht gewonnen haben und über bestimmte Kenntnisse ver-
    fügen, werden Ihre Deutungen von Ihren persönlichen Eigenheiten
    unbeeinflußt sein und das Richtige treffen. Ich sage nicht, daß
    für diesen Teil der Aufgabe die Persönlichkeit des Analytikers
    gleichgültig ist. Es kommt eine gewisse Feinhörigkeit für das un-
    bewußte Verdrängte in Betracht, von der nicht jeder das gleiche

  • S.

    348

    Maß besitzt. Und vor allem knüpft hier die Verpflichtung für den
    Analytiker an, sich durch tiefreichende eigene Analyse für die vor-
    urteilslose Aufnahme des analytischen Materials tauglich zu machen.
    Eines bleibt freilich übrig, was der „persönlichen Gleichung“ bei
    astronomischen Beobachtungen gleichzusetzen ist; dies individuelle
    Moment wird in der Psychoanalyse immer eine größere Rolle
    spielen als anderswo. Ein abnormer Mensch mag ein korrekter
    Physiker werden können, als Analytiker wird er durch seine
    eigene Abnormität behindert sein, die Bilder des seelischen Lebens
    ohne Verzerrung zu erfassen. Da man niemand seine Abnormität
    beweisen kann, wird eine allgemeine Übereinstimmung in den
    Dingen der Tiefenpsychologie besonders schwer zu erreichen sein.
    Manche Psychologen meinen sogar, dies sei ganz aussichtslos und
    jeder Narr habe das gleiche Recht, seine Narrheit für Weisheit
    auszugeben. Ich bekenne, ich bin hierin optimistischer. Unsere
    Erfahrungen zeigen doch, daß auch in der Psychologie ziemlich be-
    friedigende Übereinstimmungen zu erreichen sind. Jedes Forschungs-
    gebiet hat eben seine besondere Schwierigkeit, die zu eliminieren
    wir uns bemühen müssen. Übrigens ist auch in der Deutungs-
    kunst der Analyse manches wie ein anderer Wissensstoff zu erlernen,
    zum Beispiel, was mit der eigentümlichen indirekten Darstellung
    durch Symbole zusammenhängt.1)

    „Nun, ich habe keine Lust mehr, auch nur in Gedanken eine
    analytische Behandlung zu unternehmen. Wer weiß, was für Über-
    raschungen da noch auf mich warten würden.“

    Sie tun recht daran, eine solche Absicht aufzugeben. Sie merken,
    wieviel Schulung und Übung noch erforderlich wäre. Wenn Sie
    die richtigen Deutungen gefunden haben, stellt sich eine neue
    Aufgabe her. Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um
    dem Patienten Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mitzuteilen.

    „Woran erkennt man jedesmal den richtigen Moment?“

    Das ist Sache eines Takts, der durch Erfahrung sehr verfeinert
    werden kann. Sie begehen einen schweren Fehler, wenn Sie etwa

  • S.

    349

    im Bestreben, die Analyse zu verkürzen, dem Patienten Ihre
    Deutungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden haben.
    Sie erzielen damit bei ihm Äußerungen von Widerstand, Ablehnung,
    Entrüstung, erreichen es aber nicht, daß sein Ich sich des Ver-
    drängten bemächtigt. Die Vorschrift ist, zu warten, bis er sich
    diesem soweit angenähert hat, daß er unter der Anleitung Ihres
    Deutungsvorschlages nur noch wenige Schritte zu machen braucht.

    „Ich glaube, das würde ich nie erlernen. Und wenn ich diese
    Vorsichten bei der Deutung befolgt habe, was dann?“

    Dann ist es Ihnen bestimmt, eine Entdeckung zu machen, auf
    die Sie nicht vorbereitet sind.

    „Die wäre?“

    Daß Sie sich in Ihrem Patienten getäuscht haben, daß Sie gar
    nicht auf seine Mithilfe und Gefügigkeit rechnen dürfen, daß er
    bereit ist, der gemeinsamen Arbeit alle möglichen Schwierigkeiten
    in den Weg zu legen, mit einem Wort: daß er überhaupt nicht
    gesund werden will.

    „Nein, das ist das Tollste, das Sie mir bisher erzählt haben!
    Ich glaube es auch nicht. Der Kranke, der so schwer leidet, der
    so ergreifend über seine Beschwerden klagt, der so große Opfer
    für die Behandlung bringt, der soll nicht gesund werden wollen!
    Sie meinen es auch gewiß nicht so.“

    Fassen Sie sich, ich meine es. Was ich sagte, ist die Wahrheit,
    nicht die ganze freilich, aber ein sehr beachtenswertes Stück der-
    selben. Der Kranke will allerdings gesund werden, aber er will
    es auch nicht. Sein Ich hat seine Einheit verloren, darum bringt
    er auch keinen einheitlichen Willen auf. Er wäre kein Neurotiker,
    wenn er anders wäre.

    „Wär’ ich besonnen, hieß ich nicht der Tell.“

    Die Abkömmlinge des Verdrängten sind in sein Ich durchge-
    brochen, behaupten sich darin, und über die Strebungen dieser
    Herkunft hat das Ich so wenig Herrschaft wie über das Verdrängte
    selbst, weiß auch für gewöhnlich nichts von ihnen. Diese Kran-

  • S.

    350

    ken sind eben von einer besonderen Art und machen Schwierig-
    keiten, mit denen wir nicht zu rechnen gewohnt sind. Alle unsere
    sozialen Institutionen sind auf Personen mit einheitlichem, normalem
    Ich zugeschnitten, das man als gut oder böse klassifizieren kann,
    das entweder seine Funktion versieht oder durch einen übermäch-
    tigen Einfluß ausgeschaltet ist. Daher die gerichtliche Alternative:
    verantwortlich oder unverantwortlich. Auf die Neurotiker passen
    alle diese Entscheidungen nicht. Man muß gestehen, es ist schwer,
    die sozialen Anforderungen ihrem psychologischen Zustand anzu-
    passen. Im großen Maßstab hat man das im letzten Krieg erfahren.
    Waren die Neurotiker, die sich dem Dienst entzogen, Simulanten
    oder nicht? Sie waren beides. Wenn man sie wie Simulanten be-
    handelte und ihnen das Kranksein recht unbehaglich machte, wurden
    sie gesund; wenn man die angeblich Hergestellten in den Dienst
    schickte, flüchteten sie prompt wieder in die Krankheit. Es war
    mit ihnen nichts anzufangen. Und das nämliche ist mit den Neu-
    rotikern des zivilen Lebens. Sie klagen über ihre Krankheit, aber
    sie nützen sie nach Kräften aus, und wenn man sie ihnen nehmen
    will, verteidigen sie sie wie die sprichwörtliche Löwin ihr Junges,
    ohne daß es einen Sinn hätte, ihnen aus diesem Widerspruch
    einen Vorwurf zu machen.

    „Aber, wäre es dann nicht das Beste, wenn man diese schwierigen
    Leute gar nicht behandelte, sondern sich selbst überließe? Ich kann
    nicht glauben, daß es der Mühe lohnt, auf jeden einzelnen dieser
    Kranken so viel Anstrengung zu verwenden, wie ich nach Ihren
    Andeutungen annehmen muß.“

    Ich kann Ihren Vorschlag nicht gutheißen. Es ist gewiß richtiger,
    die Komplikationen des Lebens zu akzeptieren, anstatt sich gegen
    sie zu sträuben. Nicht jeder der Neurotiker, den wir behandeln,
    mag des Aufwands der Analyse würdig sein, aber es sind doch
    auch sehr wertvolle Personen unter ihnen. Wir müssen uns das
    Ziel setzen, zu erreichen, daß möglichst wenig menschliche Indi-
    viduen mit so mangelhafter seelischer Ausrüstung dem Kulturleben

  • S.

    351

    entgegentreten, und darum müssen wir viel Erfahrungen sammeln,
    viel verstehen lernen. Jede Analyse kann instruktiv sein, uns Gewinn
    an neuen Aufklärungen bringen, ganz abgesehen vom persönlichen
    Wert der einzelnen Kranken.

    „Wenn sich aber im Ich des Kranken eine Willensregung ge-
    bildet hat, welche die Krankheit behalten will, so muß sich diese
    auch auf Gründe und Motive berufen, sich durch etwas recht-
    fertigen können. Es ist aber gar nicht einzusehen, wozu ein
    Mensch krank sein wollte, was er davon hat.“

    O doch, das liegt nicht so ferne. Denken Sie an die Kriegs-
    neurotiker, die eben keinen Dienst zu leisten brauchen, weil sie
    krank sind. Im bürgerlichen Leben kann die Krankheit als Schutz
    gebraucht werden, um seine Unzulänglichkeit im Beruf und in
    der Konkurrenz mit anderen zu beschönigen, in der Familie als
    Mittel, um die anderen zu Opfern und Liebesbeweisen zu zwingen
    oder ihnen seinen Willen aufzunötigen. Das liegt alles ziemlich
    oberflächlich, wir fassen es als „Krankheitsgewinn“ zusammen; merk-
    würdig ist nur, daß der Kranke, sein Ich, von der ganzen Ver-
    kettung solcher Motive mit seinen folgerichtigen Handlungen doch
    nichts weiß. Man bekämpft den Einfluß dieser Strebungen, indem
    man das Ich nötigt, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Es gibt aber
    noch andere, tieferliegende Motive, am Kranksein festzuhalten, mit
    denen man nicht so leicht fertig wird. Ohne einen neuen Aus-
    flug in die psychologische Theorie kann man diese letzteren aber
    nicht verstehen.

    „Erzählen Sie nur weiter, auf ein bißchen Theorie mehr kommt
    es jetzt schon nicht an.“

    Als ich Ihnen das Verhältnis von Ich und Es auseinandersetzte,
    habe ich Ihnen ein wichtiges Stück der Lehre vom seelischen
    Apparat unterschlagen. Wir waren nämlich gezwungen anzunehmen,
    daß sich im Ich selbst eine besondere Instanz differenziert hat,
    die wir das Über-Ich heißen. Dieses Über-Ich hat eine besondere
    Stellung zwischen dem Ich und dem Es. Es gehört dem Ich an,

  • S.

    352

    teilt dessen hohe psychologische Organisation, steht aber in be-
    sonders inniger Beziehung zum Es. Es ist in Wirklichkeit der
    Niederschlag der ersten Objektbesetzungen des Es, der Erbe des
    Ödipuskomplexes nach dessen Auffassung. Dieses Über-Ich kann
    sich dem Ich gegenüberstellen, es wie ein Objekt behandeln und
    behandelt es oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso wichtig, mit
    dem Über-Ich im Einvernehmen zu bleiben, wie mit dem Es.
    Entzweigungen zwischen Ich und Über-Ich haben eine große Be-
    deutung für das Seelenleben. Sie erraten schon, daß das Über-Ich
    der Träger jenes Phänomens ist, das wir Gewissen heißen. Für
    die seelische Gesundheit kommt sehr viel darauf an, daß das Über-
    Ich normal ausgebildet, das heißt genügend unpersönlich geworden
    sei. Gerade das ist beim Neurotiker, dessen Ödipuskomplex nicht
    die richtige Umwandlung erfahren hat, nicht der Fall. Sein Über-
    Ich steht dem Ich noch immer gegenüber wie der strenge Vater
    dem Kind, und seine Moralität betätigt sich in primitiver Weise
    darin, daß sich das Ich vom Über-Ich bestrafen läßt. Die Krank-
    heit wird als Mittel dieser „Selbstbestrafung“ verwendet, der Neu-
    rotiker muß sich so benehmen, als beherrschte ihn ein Schuld-
    gefühl, welches zu seiner Befriedigung der Krankheit als Strafe
    bedarf.

    „Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll. Das Merkwürdigste
    daran ist, daß dem Kranken auch diese Macht seines Gewissens
    nicht zum Bewußtsein kommen soll.“

    Ja, wir fangen erst an, die Bedeutung all dieser wichtigen Ver-
    hältnisse zu würdigen. Deshalb mußte meine Darstellung so dunkel
    geraten. Ich kann nun fortsetzen. Wir heißen alle die Kräfte, die
    sich der Genesungsarbeit widersetzen, die „Widerstände“ des Kranken.
    Der Krankheitsgewinn ist die Quelle eines solchen Widerstandes,
    das „unbewußte Schuldgefühl“ repräsentiert den Widerstand des
    Über-Ichs, es ist der mächtigste und von uns gefürchtetste Faktor.
    Wir treffen in der Kur noch mit anderen Widerständen zusammen.
    Wenn das Ich in der Frühzeit aus Angst eine Verdrängung vor-

  • S.

    353


    genommen hat, so besteht diese Angst noch fort und äußert sich
    nun als ein Widerstand, wenn das Ich an das Verdrängte heran-
    gehen soll. Endlich kann man sich vorstellen, daß es nicht ohne
    Schwierigkeiten abgeht, wenn ein Triebvorgang, der durch Dezennien
    einen bestimmten Weg gegangen ist, plötzlich den neuen Weg gehen
    soll, den man ihm eröffnet hat. Das könnte man den Widerstand
    des Es heißen. Der Kampf gegen alle diese Widerstände ist unsere
    Hauptarbeit während der analytischen Kur, die Aufgabe der Deu-
    tungen verschwindet dagegen. Durch diesen Kampf und die Über-
    windung der Widerstände wird aber auch das Ich des Kranken so
    verändert und gestärkt, daß wir seinem zukünftigen Verhalten nach
    Beendigung der Kur mit Ruhe entgegensehen dürfen. Anderseits
    verstehen Sie jetzt, wozu wir die lange Behandlungsdauer brauchen.
    Die Länge des Entwicklungsweges und die Reichhaltigkeit des
    Materials sind nicht das Entscheidende. Es kommt mehr darauf an,
    ob der Weg frei ist. Auf einer Strecke, die man in Friedenszeiten
    in ein paar Eisenbahnstunden durchfliegt, kann eine Armee wochen-
    lang aufgehalten sein, wenn sie dort den Widerstand des Feindes
    zu überwinden hat. Solche Kämpfe verbrauchen Zeit auch im seeli-
    schen Leben. Ich muß leider konstatieren, alle Bemühungen, die
    analytische Kur ausgiebig zu beschleunigen, sind bisher gescheitert.
    Der beste Weg zu ihrer Abkürzung scheint ihre korrekte Durch-
    führung zu sein.

    „Wenn ich je Lust verspürt hätte, Ihnen ins Handwerk zu
    pfuschen und selbst eine Analyse an einem anderen zu versuchen,
    Ihre Mitteilungen über die Widerstände würden mich davon geheilt
    haben. Aber wie steht es mit dem besonderen persönlichen Einfluß,
    den Sie doch zugestanden haben? Kommt der nicht gegen die
    Widerstände auf?“

    Es ist gut, daß Sie jetzt danach fragen. Dieser persönliche Ein-
    fluß ist unsere stärkste dynamische Waffe, er ist dasjenige, was wir
    neu in die Situation einführen und wodurch wir sie in Fluß bringen.
    Der intellektuelle Gehalt unserer Aufklärungen kann das nicht
    Freud XI.

  • S.

    354

    leisten, denn der Kranke, der alle Vorurteile der Umwelt teilt, brauchte
    uns so wenig zu glauben wie unsere wissenschaftlichen Kritiker.
    Der Neurotiker macht sich an die Arbeit, weil er dem Analytiker
    Glauben schenkt, und er glaubt ihm, weil er eine besondere Ge-
    fühlseinstellung zu der Person des Analytikers gewinnt. Auch das
    Kind glaubt nur jenen Menschen, denen er anhängt. Ich sagte
    Ihnen schon, wozu wir diesen besonders großen „suggestiven“ Ein-
    fluß verwenden. Nicht zur Unterdrückung der Symptome, – das
    unterscheidet die analytische Methode von anderen Verfahren der
    Psychotherapie, – sondern als Triebkraft, um das Ich des Kranken
    zur Überwindung seiner Widerstände zu veranlassen.

    „Nun, und wenn das gelingt, geht dann nicht alles glatt?“
    Ja, es sollte. Aber es stellt sich eine unerwartete Komplikation
    heraus. Es war vielleicht die größte Überraschung für den Analytiker,
    daß die Gefühlsbeziehung, die der Kranke zu ihm annimmt, von
    einer ganz eigentümlichen Natur ist. Schon der erste Arzt, der
    eine Analyse versuchte, – es war nicht ich, – ist auf dieses
    Phänomen gestoßen – und an ihm irre geworden. Diese Gefühls-
    beziehung ist nämlich – um es klar herauszusagen – von der
    Natur einer Verliebtheit. Merkwürdig, nicht wahr? Wenn Sie über-
    dies in Betracht ziehen, daß der Analytiker nichts dazu tut, sie zu
    provozieren, daß er im Gegenteil sich eher menschlich vom Patienten
    fernhält, seine eigene Person mit einer gewissen Reserve umgibt.
    Und wenn Sie ferner erfahren, daß diese sonderbare Liebesbeziehung
    von allen anderen realen Begünstigungen absieht, sich über alle
    Variationen der persönlichen Anziehung, des Alters, Geschlechts
    und Standes hinaussetzt. Diese Liebe ist direkt zwangsläufig.
    Nicht, daß dieser Charakter der spontanen Verliebtheit sonst fremd
    bleiben müßte. Sie wissen, das Gegenteil kommt oft genug vor,
    aber in der analytischen Situation stellt er sich ganz regelmäßig
    her, ohne doch in ihr eine rationelle Erklärung zu finden. Man
    sollte meinen, aus dem Verhältnis des Patienten zum Analytiker
    brauchte sich für den ersteren nicht mehr zu ergeben als ein ge-

  • S.

    355

    wisses Maß von Respekt, Zutrauen, Dankbarkeit und menschlicher
    Sympathie. Anstatt dessen diese Verliebtheit, die selbst den Eindruck
    einer krankhaften Erscheinung macht.

    „Nun, ich sollte meinen, das ist doch für Ihre analytischen Ab-
    sichten günstig. Wenn man liebt, ist man gefügig und tut dem
    anderen Teil alles mögliche zu Liebe.“

    Ja, zu Anfang ist es auch günstig, aber späterhin, wenn sich
    diese Verliebtheit vertieft hat, kommt ihre ganze Natur zum Vor-
    schein, an der vieles mit der Aufgabe der Analyse unverträglich
    ist. Die Liebe des Patienten begnügt sich nicht damit zu gehorchen,
    sie wird anspruchsvoll, verlangt zärtliche und sinnliche Befriedi-
    gungen, fordert Ausschließlichkeit, entwickelt Eifersucht, zeigt immer
    deutlicher ihre Kehrseite, die Bereitschaft zu Feindseligkeit und
    Rachsucht, wenn sie ihre Absichten nicht erreichen kann. Gleich-
    zeitig drängt sie, wie jede Verliebtheit, alle anderen seelischen In-
    halte zurück, sie löscht das Interesse an der Kur und an der Ge-
    nesung aus, kurz, wir können nicht daran zweifeln, sie hat sich
    an die Stelle der Neurose gesetzt und unsere Arbeit hat den Erfolg
    gehabt, eine Form des Krankseins durch eine andere zu vertreiben.

    „Das klingt nun trostlos. Was macht man da? Man sollte die
    Analyse aufgeben, aber da, wie Sie sagen, ein solcher Erfolg in
    jedem Fall eintritt, so könnte man ja überhaupt keine Analyse
    durchführen.“

    Wir wollen zuerst die Situation ausnützen, um aus ihr zu lernen.
    Was wir so gewonnen haben, kann uns dann helfen, sie zu be-
    herrschen. Ist es nicht höchst beachtenswert, daß es uns gelingt,
    eine Neurose mit beliebigem Inhalt in einen Zustand von krank-
    hafter Verliebtheit zu verwandeln?

    Unsere Überzeugung, daß der Neurose ein Stück abnorm ver-
    wendeten Liebeslebens zugrunde liegt, muß doch durch diese Er-
    fahrung unerschütterlich befestigt werden. Mit dieser Einsicht fassen
    wir wieder festen Fuß, wir getrauen uns nun, diese Verliebtheit
    selbst zum Objekt der Analyse zu nehmen. Wir machen auch eine

  • S.

    356

    andere Beobachtung. Nicht in allen Fällen äußert sich die analytische Verliebtheit so klar und so grell, wie ich’s zu schildernversuchte. Warum aber geschieht das nicht? Man sieht es baldein. In dem Maß, als die vollsinnlichen und die feindseligen Seitenseiner Verliebtheit sich zeigen wollen, erwacht auch das Widerstreben des Patienten gegen dieselben. Er kämpft mit ihnen, suchtsie zu verdrängen, unter unseren Augen. Und nun verstehen wirden Vorgang. Der Patient wiederholt in der Form der Verliebtheit in den Analytiker seelische Erlebnisse, die er bereits frühereinmal durchgemacht hat, – er hat seelische Einstellungen, diein ihm bereit lagen und mit der Entstehung seiner Neurose innigverknüpft waren, auf den Analytiker übertragen. Er wiederholtauch seine damaligen Abwehrraktionen vor unseren Augen, möchteam liebsten alle Schicksale jener vergessenen Lebensperiode in seinemVerhältnis zum Analytiker wiederholen. Was er uns zeigt, ist alsoder Kern seiner intimen Lebensgeschichte, er reproduziert ihngreifbar, wie gegenwärtig, anstatt ihn zu erinnern. Damitist das Rätsel der Übertragungsliebe gelöst und die Analyse kanngerade mit Hilfe der neuen Situation, die für sie so bedrohlichschien, fortgesetzt werden.

    „Das ist raffiniert. Und glaubt Ihnen der Kranke so leicht, daßer nicht verliebt, sondern nur gezwungen ist, ein altes Stück wiederaufzuführen?“

    Alles kommt jetzt darauf an und die volle Geschicklichkeit inder Handhabung der „Übertragung“ gehört dazu, es zu erreichen.Sie sehen, daß die Anforderungen an die analytische Technik andieser Stelle die höchste Steigerung erfahren. Hier kann man dieschwersten Fehler begehen oder sich der größten Erfolge versichern.Der Versuch, sich den Schwierigkeiten zu entziehen, indem mandie Übertragung unterdrückt oder vernachlässigt, wäre unsinnig;was immer man sonst getan hat, es verdiente nicht den Nameneiner Analyse. Den Kranken wegzuschicken, sobald sich die Unannehmlichkeiten seiner Übertragungsneurose herstellen, ist nicht sinn

  • S.

    357

    reicher und außerdem eine Feigheit; es wäre ungefähr so, als ob
    man Geister beschworen hätte und dann davongerannt wäre, so-
    bald sie erscheinen. Zwar manchmal kann man wirklich nicht anders;
    es gibt Fälle, in denen man der entfesselten Übertragung nicht
    Herr wird und die Analyse abbrechen muß, aber man soll wenig-
    stens mit den bösen Geistern nach Kräften gerungen haben. Den
    Anforderungen der Übertragung nachgeben, die Wünsche des Patienten
    nach zärtlicher und sinnlicher Befriedigung erfüllen, ist nicht nur
    berechtigterweise durch moralische Rücksichten versagt, sondern
    auch als technisches Mittel zur Erreichung der analytischen Absicht
    völlig unzureichend. Der Neurotiker kann dadurch, daß man ihm
    die unkorrigierte Wiederholung eines in ihm vorbereiteten unbe-
    wußten Klischees ermöglicht hat, nicht geheilt werden. Wenn man
    sich auf Kompromisse mit ihm einläßt, indem man ihm partielle
    Befriedigungen zum Austausch gegen seine weitere Mitarbeit an
    der Analyse bietet, muß man achthaben, daß man nicht in die
    lächerliche Situation des Geistlichen gerät, der den kranken Ver-
    sicherungsagenten bekehren soll. Der Kranke bleibt unbekehrt, aber
    der Geistliche zieht versichert ab. Der einzig mögliche Ausweg
    aus der Situation der Übertragung ist die Rückführung auf die
    Vergangenheit des Kranken, wie er sie wirklich erlebt oder durch
    die wunscherfüllende Tätigkeit seiner Phantasie gestaltet hat. Und
    dies erfordert beim Analytiker viel Geschick, Geduld, Ruhe und
    Selbstverleugnung.

    „Und wo, meinen Sie, hat der Neurotiker das
    Übertragungsliebe erlebt?“

    In seiner Kindheit, in der Regel in der Beziehung zu einem
    Elternteil. Sie erinnern sich, welche Wichtigkeit wir diesen frühesten
    Gefühlsbeziehungen zuschreiben mußten. Hier schließt sich also
    der Kreis.

    „Sind Sie endlich fertig? Mir ist ein bißchen wirre vor der Fülle
    dessen, was ich von Ihnen gehört habe. Sagen Sie mir nur noch, wie
    und wo lernt man das, was man zur Ausübung der Analyse braucht?“

  • S.

    358

    Es gibt derzeit zwei Institute, an denen Unterricht in der Psycho-
    analyse erteilt wird. Das erste in Berlin hat Dr. Max Eitingon
    der dortigen Vereinigung eingerichtet. Das zweite erhält die „Wiener
    Psychoanalytische Vereinigung“2) aus eigenen Mitteln unter
    beträchtlichen Opfern. Die Anteilnahme der Behörden erschöpft sich
    vorläufig in den mancherlei Schwierigkeiten, die sie dem jungen
    Unternehmen bereiten. Ein drittes Lehrinstitut soll eben jetzt in
    London von der dortigen Gesellschaft unter der Leitung von
    Dr. E. Jones eröffnet werden. An diesen Instituten werden die
    Kandidaten selbst in Analyse genommen, erhalten theoretischen
    Unterricht durch Vorlesungen in allen für sie wichtigen Gegen-
    ständen und genießen die Aufsicht älterer, erfahrener Analytiker,
    wenn sie zu ihren ersten Versuchen an leichteren Fällen zugelassen
    werden. Man rechnet für eine solche Ausbildung etwa zwei Jahre.
    Natürlich ist man auch nach dieser Zeit nur ein Anfänger, noch
    kein Meister. Was noch mangelt, muß durch Übung und durch
    den Gedankenaustausch in den psychoanalytischen Gesellschaften,
    in denen jüngere Mitglieder mit älteren zusammentreffen, erworben
    werden. Die Vorbereitung für die analytische Tätigkeit ist gar nicht
    so leicht und einfach, die Arbeit ist schwer, die Verantwortlichkeit
    groß. Aber wer eine solche Unterweisung durchgemacht hat, selbst
    analysiert worden ist, von der Psychologie des Unbewußten erfaßt
    hat, was sich heute eben lehren läßt, in der Wissenschaft des Sexual-
    lebens Bescheid weiß, und die heikle Technik der Psychoanalyse
    erlernt hat, die Deutungskunst, die Bekämpfung der Widerstände
    und die Handhabung der Übertragung, der ist kein Laie mehr
    auf dem Gebiet der Psychoanalyse. Er ist dazu befähigt, die
    Behandlung neurotischer Störungen zu unternehmen, und wird mit
    der Zeit darin alles leisten können, was man von dieser Therapie
    verlangen kann.