• S.

    325

    III

    „Ich erwarte, daß Sie mir aus den Theorien der Psychoanalyse
    ableiten wollen, wie man sich die Entstehung eines nervösen Leidens
    vorstellen kann.“

    Ich will es versuchen. Zu dem Zweck müssen wir aber unser
    Ich und unser Es von einem neuen Gesichtspunkt aus studieren,
    vom dynamischen, d. h. mit Rücksicht auf die Kräfte, die in
    und zwischen ihnen spielen. Vorhin hatten wir uns ja mit der
    Beschreibung des seelischen Apparats begnügt.

    „Wenn es nur nicht wieder so unfaßbar wird!“

    Ich hoffe, nicht. Sie werden sich bald zurechtfinden. Also wir
    nehmen an, daß die Kräfte, welche den seelischen Apparat zur
    Tätigkeit treiben, in den Organen des Körpers erzeugt werden als
    Ausdruck der großen Körperbedürfnisse. Sie erinnern sich an das
    Wort unseres Dichterphilosophen: Hunger und Liebe. Übrigens ein
    ganz respektables Kräftepaar! Wir heißen diese Körperbedürfnisse,
    insofern sie Anreize für seelische Tätigkeit darstellen, Triebe, ein
    Wort, um das uns viele moderne Sprachen beneiden. Diese Triebe
    erfüllen nun das Es; alle Energie im Es, können wir abkürzend
    sagen, stammt von ihnen. Die Kräfte im Ich haben auch keine
    andere Herkunft, sie sind von denen im Es abgeleitet. Was wollen
    nun die Triebe? Befriedigung, d. h. die Herstellung solcher Situ-
    ationen, in denen die Körperbedürfnisse erlöschen können. Das Herab-
    sinken der Bedürfnisspannung wird von unserem Bewußtseinsorgan
    als lustvoll empfunden, eine Steigerung derselben bald als Unlust.
    Aus diesen Schwankungen entsteht die Reihe von Lust-Unlust-
    empfindungen, nach der der ganze seelische Apparat seine Tätig-
    keit reguliert. Wir sprechen da von einer „Herrschaft des Lust-
    prinzips“.

    Es kommt zu unerträglichen Zuständen, wenn die Triebansprüche
    des Es keine Befriedigung finden. Die Erfahrung zeigt bald, daß

  • S.

    326

    solche Befriedigungssituationen nur mit Hilfe der Außenwelt her-
    gestellt werden können. Damit tritt der der Außenwelt zugewendete
    Anteil des Es, das Ich, in Funktion. Wenn alle treibende Kraft,
    die das Fahrzeug von der Stelle bringt, vom Es aufgebracht wird,
    so übernimmt das Ich gleichsam die Steuerung, bei deren Ausfall
    ja ein Ziel nicht zu erreichen ist. Die Triebe im Es drängen auf
    sofortige, rücksichtslose Befriedigung, erreichen auf diese Weise nichts
    oder erzielen selbst fühlbare Schädigung. Es wird nun die Aufgabe
    des Ichs, diesen Mißerfolg zu verhüten, zwischen den Ansprüchen
    des Es und dem Einspruch der realen Außenwelt zu vermitteln.
    Es entfaltet seine Tätigkeit nun nach zwei Richtungen. Einerseits
    beobachtet es mit Hilfe seines Sinnesorgans, des Bewußtseinssystems,
    die Außenwelt, um den günstigen Moment für schadlose Befriedi-
    gung zu erhaschen, anderseits beeinflußt es das Es, zügelt dessen
    „Leidenschaften“, veranlaßt die Triebe, ihre Befriedigung aufzu-
    schieben, ja, wenn es als notwendig erkannt wird, ihre Ziele zu
    modifizieren, oder sie gegen Entschädigung aufzugeben. Indem es
    die Regungen des Es in solcher Weise bändigt, ersetzt es das früher
    allein maßgebende Lustprinzip durch das sogenannte Realitäts-
    prinzip, das zwar dieselben Endziele verfolgt, aber den von der
    realen Außenwelt gesetzten Bedingungen Rechnung trägt. Später
    lernt das Ich, daß es noch einen anderen Weg zur Versicherung
    der Befriedigung gibt als die beschriebene Anpassung an die Außen-welt. Man kann auch verändernd in die Außenwelt eingreifen
    und in ihr absichtlich jene Bedingungen herstellen, welche die
    Befriedigung ermöglichen. Diese Tätigkeit wird dann zur höchsten
    Leistung des Ichs; die Entscheidungen, wann es zweckmäßiger ist,
    seine Leidenschaften zu beherrschen und sich vor der Realität zu
    beugen, oder deren Partei zu ergreifen und sich gegen die Außen-welt zur Wehr zu setzen, sind das Um und Auf der Lebensklugheit.
    „Und läßt sich das Es eine solche Beherrschung durch das Ich
    gefallen, wo es doch, wenn ich Sie recht verstehe, der stärkere
    Teil ist?“

  • S.

    327

    Ja, es geht gut, wenn das Ich seine volle Organisation und
    Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang hat und
    seinen Einfluß auf sie üben kann. Es besteht ja keine natürliche
    Gegnerschaft zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und
    sind im Falle der Gesundheit praktisch nicht voneinander zu
    scheiden.

    „Das läßt sich alles hören, aber ich sehe nicht, wo sich in diesem
    idealen Verhältnis ein Plätzchen für die Krankheitsstörung findet.“

    Sie haben recht; solange das Ich und seine Beziehungen zum
    Es diese idealen Anforderungen erfüllen, gibt es auch keine nervöse
    Störung. Die Einbruchsstelle der Krankheit liegt an einem uner-
    warteten Ort, obwohl ein Kenner der allgemeinen Pathologie nicht
    überrascht sein wird, bestätigt zu finden, daß gerade die bedeut-
    samsten Entwicklungen und Differenzierungen den Keim zur Er-
    krankung, zum Versagen der Funktion, in sich tragen.

    „Sie werden zu gelehrt, ich verstehe Sie nicht.“

    Ich muß ein bißchen weiter ausholen. Nicht wahr, das kleine
    Lebewesen ist ein recht armseliges, ohnmächtiges Ding gegen die
    übergewaltige Außenwelt, die voll ist von zerstörenden Einwir-
    kungen. Ein primitives Lebewesen, das keine zureichende Ich-
    organisation entwickelt hat, ist all diesen „Träumen“ ausgesetzt.
    Es lebt der „blinden“ Befriedigung seiner Triebwünsche und geht
    so häufig an dieser zugrunde. Die Differenzierung eines Ichs ist
    vor allem ein Schritt zur Lebenserhaltung. Aus dem Untergang
    läßt sich zwar nichts lernen, aber wenn man ein Trauma glücklich
    bestanden hat, achtet man auf die Annäherung ähnlicher Situationen
    und signalisiert die Gefahr durch eine verkürzte Wiederholung der
    beim Trauma erlebten Eindrücke, durch einen Angstaffekt. Diese
    Reaktion auf die Wahrnehmung der Gefahr leitet nun den Flucht-
    versuch ein, der so lange lebensrettend wirkt, bis man genug er-
    starkt ist, um dem Gefährlichen in der Außenwelt in aktiverer
    Weise, vielleicht sogar durch Aggression zu begegnen.

    „Das ist alles sehr weit weg von dem, was Sie versprochen haben.“

  • S.

    328

    Sie ahnen nicht, wie nah ich der Erfüllung meines Versprechens
    gekommen bin. Auch bei den Lebewesen, die später eine leistungs-
    fähige Ichorganisation haben, ist dieses Ich zuerst in den Jahren
    der Kindheit schwächlich und vom Es wenig differenziert. Nun
    stellen Sie sich vor, was geschehen wird, wenn dieses machtlose
    Ich einen Triebanspruch aus dem Es erlebt, dem es bereits wider-
    stehen möchte, weil es errät, daß dessen Befriedigung gefährlich
    ist, eine traumatische Situation, einen Zusammenstoß mit der Außen-
    welt heraufbeschwören würde, den es aber nicht beherrschen kann,
    weil es die Kraft dazu noch nicht besitzt. Das Ich behandelt dann
    die Triebgefahr, als ob es eine äußere Gefahr wäre, es unternimmt
    einen Fluchtversuch, zieht sich von diesem Anteil des Es zurück
    und überläßt ihn seinem Schicksal, nachdem es ihm alle Beiträge,
    die es sonst zu den Triebregungen stellt, verweigert hat. Wir sagen,
    das Ich nimmt eine Verdrängung dieser Triebregungen vor. Das
    hat für den Augenblick den Erfolg, die Gefahr abzuwehren, aber
    man verwechselt nicht ungestraft das Innen und das Außen. Man
    kann nicht vor sich selbst davonlaufen. Bei der Verdrängung folgt
    das Ich dem Lustprinzip, welches es sonst zu korrigieren pflegt,
    es hat dafür den Schaden zu tragen. Dieser besteht darin, daß das
    Ich nun seinen Machtbereich dauernd eingeschränkt hat. Die ver-
    drängte Triebregung ist jetzt isoliert, sich selbst überlassen, unzu-
    gänglich, aber auch unbeeinflußbar. Sie geht ihren eigenen Weg.
    Das Ich kann zumeist auch später, wenn es erstarkt ist, die Ver-
    drängung nicht mehr aufheben, seine Synthese ist gestört, ein Teil
    des Es bleibt für das Ich verbotener Grund. Die isolierte Trieb-
    regung bleibt aber auch nicht müßig, sie weiß sich dafür, daß
    ihr die normale Befriedigung versagt ist, zu entschädigen, erzeugt
    psychische Abkömmlinge, die sie vertreten, setzt sich mit anderen
    Vorgängen in Verknüpfung, die sie durch ihren Einfluß gleichfalls
    dem Ich entreißt, und bricht endlich in einer unkenntlich ent-
    stellten Ersatzbildung ins Ich und zum Bewußtsein durch, schafft
    das, was man ein Symptom nennt. Mit einem Male sehen wir
     

  • S.

    329

    den Sachverhalt einer nervösen Störung vor uns: ein Ich, das in
    seiner Synthese gehemmt ist, das auf Teile des Es keinen Einfluß
    hat, das auf manche seiner Tätigkeiten verzichten muß, um einen
    neuerlichen Zusammenstoß mit dem Verdrängten zu vermeiden,
    das sich in meist vergeblichen Abwehrreaktionen gegen die Symptome,
    die Abkömmlinge der verdrängten Regungen, erschöpft, und ein Es,
    in dem sich einzelne Triebe selbständig gemacht haben, ohne Rück-
    sicht auf die Interessen der Gesamtperson ihre Ziele verfolgen und
    nur mehr den Gesetzen der primitiven Psychologie gehorchen, die in
    den Tiefen des Es gebietet. Übersehen wir die ganze Situation, so
    erweist sich uns als einfache Formel für die Entstehung der Neu-
    rose, daß das Ich den Versuch gemacht hat, gewisse Anteile des
    Es in ungeeigneter Weise zu unterdrücken, daß dies mißlungen
    ist und das Es dafür seine Rache genommen hat. Die Neurose ist
    also die Folge eines Konflikts zwischen Ich und Es, in den das Ich
    eintritt, weil es, wie eingehende Untersuchung zeigt, durchaus an
    seiner Gefügigkeit gegen die reale Außenwelt festhalten will. Der
    Gegensatz läuft zwischen Außenwelt und Es, und weil das Ich,
    seinem innersten Wesen getreu, für die Außenwelt Partei nimmt,
    gerät es in Konflikt mit seinem Es. Beachten Sie aber wohl, nicht
    die Tatsache dieses Konflikts schafft die Bedingung des Krankseins,
    – denn solche Gegensätze zwischen Realität und Es sind unver-
    meidlich und das Ich führt unter seinen beständigen Aufgaben,
    in ihnen zu vermitteln, – sondern der Umstand, daß das Ich sich
    zur Erledigung des Konflikts des unzureichenden Mittels der Ver-
    drängung bedient hat. Dies hat aber selbst seinen Grund darin,
    daß das Ich zur Zeit, als sich ihm die Aufgabe stellte, unent-
    wickelt und ohnmächtig war. Die entscheidenden Verdrängungen
    fallen ja alle in früher Kindheit vor.

    „Welch ein merkwürdiger Weg! Ich folge Ihrem Rat, nicht
    zu kritisieren, das Sie mir ja nur zeigen wollen, was die Psycho-
    analyse von der Entstehung der Neurose glaubt, um daran zu
    knüpfen, was sie zu ihrer Bekämpfung unternimmt. Ich hätte

  • S.

    330

    verschiedenes zu fragen, werde einiges auch später vorbringen.
    Zunächst verspüre ich auch einmal die Versuchung, auf Grund
    Ihrer Gedankengänge weiter zu bauen und selbst eine Theorie zu
    wagen. Sie haben die Relation Außenwelt-
    Ich-Es entwickelt und
    als die Bedingung der Neurose hingestellt, daß das Ich in seiner
    Abhängigkeit von der Außenwelt das Es bekämpft. Ist nicht auch
    der andere Fall denkbar, daß das Ich in einem solchen Konflikt
    sich vom Es fortreißen läßt und seine Rücksicht auf die Außen-
    welt verleugnet? Was geschieht in einem solchen Falle? Nach
    meinen laienhaften Vorstellungen von der Natur einer Geistes-
    krankheit könnte diese Entscheidung des Ichs die Bedingung der
    Geisteskrankheit sein. Solch eine Abwendung von der Wirklich-
    keit scheint doch das Wesentliche an der Geisteskrankheit.“

    Ja, daran habe ich selbst gedacht, und halte es sogar für zu-
    treffend, wenngleich der Erweis dieser Vermutung eine Diskussion
    von recht komplizierten Verhältnissen erfordert. Neurose und Psy-
    chose sind offenbar innig verwandt und müssen sich doch in einem
    entscheidenden Punkt voneinander trennen. Dieser Punkt könnte
    wohl die Parteinahme des Ichs in einem solchen Konflikt sein.
    Das Es würde in beiden Fällen seinen Charakter von blinder
    Unnachgiebigkeit bewahren.

    „Nun setzen Sie fort. Welche Winke gibt Ihre Theorie für die
    Behandlung der neurotischen Erkrankungen?4)“

    Unser therapeutisches Ziel ist jetzt leicht zu umschreiben. Wir
    wollen das Ich herstellen, es von seinen Einschränkungen befreien,
    ihm die Herrschaft über das Es wiedergeben, die es infolge seiner
    frühen Verdrängungen eingebüßt hat. Nur zu diesem Zweck
    machen wir die Analyse, unsere ganze Technik ist auf dieses
    Ziel gerichtet. Wir haben die vorgefallenen Verdrängungen auf-
    zusuchen und das Ich zu bewegen, sie nun mit unserer Hilfe zu
    korrigieren, die Konflikte besser als durch einen Fluchtversuch zu
    erledigen. Da diese Verdrängungen sehr frühen Kinderjahren an-
    gehören, führt uns auch die analytische Arbeit in diese Lebens-

  • S.

    331

    zeit zurück. Den Weg zu den meist vergessenen Konfliktsituationen,
    die wir in der Erinnerung des Kranken wiederbeleben wollen,
    weisen uns die Symptome, Träume und freien Einfälle des Kranken,
    die wir allerdings erst deuten, übersetzen müssen, da sie unter
    dem Einfluß der Psychologie des Es für unser Verständnis fremd
    artige Ausdrucksformen angenommen haben. Von den Einfällen,
    Gedanken und Erinnerungen, die uns der Patient nicht ohne
    inneres Sträuben mitteilen kann, dürfen wir annehmen, daß sie
    irgendwie mit dem Verdrängten zusammenhängen oder Abkömm-
    linge desselben sind. Indem wir den Kranken dazu antreiben, sich
    über seine Widerstände bei der Mitteilung hinauszusetzen, erziehen
    wir sein Ich dazu, seine Neigung zu Fluchtversuchen zu über-
    winden und die Annäherung des Verdrängten zu vertragen. Am
    Ende, wenn es gelungen ist, die Situation der Verdrängung in
    seiner Erinnerung zu reproduzieren, wird seine Gefügigkeit
    glänzend belohnt. Der ganze Unterschied der Zeiten läuft zu seinen
    Gunsten, und das, wovor sein kindliches Ich erschreckt die Flucht
    ergriffen hatte, das erscheint dem erwachsenen und erstarkten Ich
    oft nur als Kinderspiel.

    IV

    „Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war Psychologie. Es
    klang oft befremdlich, spröde, dunkel, aber es war doch immer,
    wenn ich so sagen soll: reinlich. Nun habe ich zwar bisher sehr
    wenig von Ihrer Psychoanalyse gewußt, aber das Gerücht ist doch
    zu mir gedrungen, daß sie sich vorwiegend mit Dingen beschäftigt,
    die auf dieses Prädikat keinen Anspruch haben. Es macht mir den
    Eindruck einer beabsichtigten Zurückhaltung, daß Sie bisher nichts
    Ähnliches berührt haben. Auch kann ich einen anderen Zweifel
    nicht unterdrücken. Die Neurosen sind doch, wie Sie selbst sagen,
    Störungen des Seelenlebens. Und so wichtige Dinge wie unsere
    Ethik, unser Gewissen, unsere Ideale, sollten bei diesen tiefgreifenden
    Störungen gar keine Rolle spielen?“