• S.

    331

    zeit zurück. Den Weg zu den meist vergessenen Konfliktsituationen,
    die wir in der Erinnerung des Kranken wiederbeleben wollen,
    weisen uns die Symptome, Träume und freien Einfälle des Kranken,
    die wir allerdings erst deuten, übersetzen müssen, da sie unter
    dem Einfluß der Psychologie des Es für unser Verständnis fremd
    artige Ausdrucksformen angenommen haben. Von den Einfällen,
    Gedanken und Erinnerungen, die uns der Patient nicht ohne
    inneres Sträuben mitteilen kann, dürfen wir annehmen, daß sie
    irgendwie mit dem Verdrängten zusammenhängen oder Abkömm-
    linge desselben sind. Indem wir den Kranken dazu antreiben, sich
    über seine Widerstände bei der Mitteilung hinauszusetzen, erziehen
    wir sein Ich dazu, seine Neigung zu Fluchtversuchen zu über-
    winden und die Annäherung des Verdrängten zu vertragen. Am
    Ende, wenn es gelungen ist, die Situation der Verdrängung in
    seiner Erinnerung zu reproduzieren, wird seine Gefügigkeit
    glänzend belohnt. Der ganze Unterschied der Zeiten läuft zu seinen
    Gunsten, und das, wovor sein kindliches Ich erschreckt die Flucht
    ergriffen hatte, das erscheint dem erwachsenen und erstarkten Ich
    oft nur als Kinderspiel.

    IV

    „Alles, was Sie mir bisher erzählt haben, war Psychologie. Es
    klang oft befremdlich, spröde, dunkel, aber es war doch immer,
    wenn ich so sagen soll: reinlich. Nun habe ich zwar bisher sehr
    wenig von Ihrer Psychoanalyse gewußt, aber das Gerücht ist doch
    zu mir gedrungen, daß sie sich vorwiegend mit Dingen beschäftigt,
    die auf dieses Prädikat keinen Anspruch haben. Es macht mir den
    Eindruck einer beabsichtigten Zurückhaltung, daß Sie bisher nichts
    Ähnliches berührt haben. Auch kann ich einen anderen Zweifel
    nicht unterdrücken. Die Neurosen sind doch, wie Sie selbst sagen,
    Störungen des Seelenlebens. Und so wichtige Dinge wie unsere
    Ethik, unser Gewissen, unsere Ideale, sollten bei diesen tiefgreifenden
    Störungen gar keine Rolle spielen?“

  • S.

    332

    Sie vermissen also in unseren bisherigen Besprechungen die
    Berücksichtigung des Niedrigsten wie des Höchsten. Das kommt
    aber daher, daß wir von den Inhalten des Seelenlebens überhaupt
    noch nicht gehandelt haben. Lassen Sie mich aber jetzt einmal
    selbst die Rolle des Unterbrechers spielen, der den Fortschritt der
    Unterredung aufhält. Ich habe Ihnen soviel Psychologie erzählt,
    weil ich wünschte, daß Sie den Eindruck empfangen, die analytische
    Arbeit sei ein Stück angewandter Psychologie, und zwar einer
    Psychologie, die außerhalb der Analyse nicht bekannt ist. Der
    Analytiker muß also vor allem diese Psychologie, die Tiefen-
    psychologie oder Psychologie des Unbewußten, gelernt haben,
    wenigstens soviel als heute davon bekannt ist. Wir werden das
    für unsere späteren Folgerungen brauchen. Aber jetzt, was meinten
    Sie mit der Anspielung auf die Reinlichkeit?

    „Nun, es wird allgemein erzählt, daß in den Analysen die
    intimsten – und garstigsten Angelegenheiten des Geschlechtslebens
    mit allen Details zur Sprache kommen. Wenn das so ist, – aus
    Ihren psychologischen Auseinandersetzungen habe ich nicht ent-
    nehmen können, daß es so sein muß, – so wäre es ein starkes
    Argument dafür, solche Behandlungen nur Ärzten zu gestatten.
    Wie kann man daran denken, anderen Personen, deren Diskretion
    man nicht sicher ist, für deren Charakter man keine Bürgschaft
    hat, so gefährliche Freiheiten einzuräumen?“

    Es ist wahr, die Ärzte genießen auf sexuellem Gebiet gewisse
    Vorrechte; sie dürfen ja auch die Genitalien inspizieren. Obwohl
    sie es im Orient nicht durften; auch manche Idealreformer – Sie
    wissen, wen ich meine – haben diese Vorrechte bekämpft. Aber
    Sie wollen zunächst wissen, ob es in der Analyse so ist und warum
    es so sein muß? – Ja, es ist so.

    Es muß aber so sein, erstens weil die Analyse überhaupt auf
    volle Aufrichtigkeit gebaut ist. Man behandelt in ihr z. B. Ver-
    mögensverhältnisse mit eben solcher Ausführlichkeit und Offenheit,
    sagt Dinge, die man jedem Mitbürger vorenthält, auch wenn er

  • S.

    333

    nicht Konkurrent oder Steuerbeamter ist. Daß diese Verpflichtung
    zur Aufrichtigkeit auch den Analytiker unter schwere moralische
    Verantwortlichkeit setzt, werde ich nicht bestreiten, sondern selbst
    energisch betonen. Zweitens muß es so sein, weil unter den Ur-
    sachen und Anlässen der nervösen Erkrankungen Momente des
    Geschlechtslebens eine überaus wichtige, eine überragende, vielleicht
    selbst eine spezifische Rolle spielen. Was kann die Analyse anderes
    tun, als sich ihrem Stoff, dem Material, das der Kranke bringt,
    anzuschmiegen? Der Analytiker lockt den Patienten niemals auf
    das sexuelle Gebiet, er sagt ihm nicht voraus: es wird sich um
    die Intimitäten Ihres Geschlechtslebens handeln! Er läßt ihn seine
    Mitteilungen beginnen, wo es ihm beliebt, und wartet ruhig ab,
    bis der Patient selbst die geschlechtlichen Dinge anrührt. Ich pflegte
    meine Schüler immer zu mahnen: Unsere Gegner haben uns an-
    gekündigt, daß wir auf Fälle stoßen werden, bei denen das sexuelle
    Moment keine Rolle spielt; hüten wir uns davor, es in die Analyse
    einzuführen, verderben wir uns die Chance nicht, einen solchen
    Fall zu finden. Nun, bis jetzt hat niemand von uns dieses Glück
    gehabt.

    Ich weiß natürlich, daß unsere Anerkennung der Sexualität –
    eingestandener oder uneingestandener Maßen – das stärkste Motiv
    für die Feindseligkeit der anderen gegen die Analyse geworden
    ist. Kann uns das irre machen? Es zeigt uns nur, wie neurotisch
    unser ganzes Kulturleben ist, da sich die angeblich Normalen nicht
    viel anders benehmen als die Nervösen. Zur Zeit als in gelehrten
    Gesellschaften Deutschlands feierlich Gericht über die Psychoanalyse
    gehalten wurde, – heute ist es wesentlich stiller geworden, –
    beanspruchte ein Redner besondere Autorität, weil er nach seiner
    Mitteilung auch die Kranken sich äußern lasse. Offenbar in dia-
    gnostischer Absicht und um die Behauptungen der Analytiker zu
    prüfen. Aber, setzte er hinzu, wenn sie anfangen von sexuellen
    Dingen zu reden, dann verschließe ich ihnen den Mund. Was
    denken Sie von einem solchen Beweisverfahren? Die gelehrte Ge-

  • S.

    334

    gesellschaft jubelte dem Redner Beifall zu, anstatt sich gebührender-
    weise für ihn zu schämen. Nur die triumphierende Sicherheit,
    welche das Bewußtsein gemeinsamer Vorurteile verleiht, kann die
    logische Sorglosigkeit dieses Redners erklären. Jahre später haben
    einige meiner damaligen Schüler dem Bedürfnis nachgegeben, die
    menschliche Gesellschaft vom Joch der Sexualität, das ihr die
    Psychoanalyse auferlegen will, zu befreien. Der eine hat erklärt,
    das Sexuelle bedeute gar nicht die Sexualität, sondern etwas anderes,
    Abstraktes, Mystisches; ein zweiter gar, das Sexualleben sei nur
    eines der Gebiete, auf dem der Mensch das ihn treibende Bedürfnis
    nach Macht und Herrschaft betätigen wolle. Sie haben sehr viel
    Beifall gefunden, für die nächste Zeit wenigstens.

    „Da getraue ich mich aber doch einmal Partei zu nehmen. Es
    scheint mir sehr gewagt, zu behaupten, daß die Sexualität kein
    natürliches, ursprüngliches Bedürfnis der lebenden Wesen ist, sondern
    der Ausdruck für etwas anderes. Man braucht sich da nur an das
    Beispiel der Tiere zu halten.“

    Das macht nichts. Es gibt keine, noch so absurde Mixtur, die
    die Gesellschaft nicht bereitwillig schlucken würde, wenn sie nur
    als Gegenmittel gegen die gefürchtete Übermacht der Sexualität
    ausgerufen wird.

    Ich gestehe Ihnen übrigens, daß mir die Abneigung, die Sie
    selbst verraten haben, dem sexuellen Moment eine so große Rolle
    in der Verursachung der Neurosen einzuräumen, mit ihrer Aufgabe
    als Unparteiischer nicht gut verträglich scheint. Fürchten Sie nicht,
    daß Sie durch solche Antipathie in der Fällung eines gerechten
    Urteils gestört sein werden?

    „Es tut mir leid, daß Sie das sagen. Ihr Vertrauen zu mir scheint
    erschüttert. Warum haben Sie dann nicht einen anderen zum Un-
    parteiischen gewählt?“

    Weil dieser andere auch nicht anders gedacht hätte als Sie.
    Wenn er aber von vornherein bereit gewesen wäre, die Bedeutung
    des Geschlechtslebens anzuerkennen, so hätte alle Welt gerufen:

  • S.

    335

    Das ist ja kein Unparteiischer, das ist ja ein Anhänger von Ihnen.
    Nein, ich gebe die Erwartung keineswegs auf, Einfluß auf Ihre
    Meinungen zu gewinnen. Ich bekenne aber, dieser Fall liegt für
    mich anders als der vorhin behandelte. Bei den psychologischen
    Erörterungen mußte es mir gleich gelten, ob Sie mir Glauben
    schenken oder nicht, wenn Sie nur den Eindruck bekommen, es
    handle sich um rein psychologische Probleme. Diesmal, bei der
    Frage der Sexualität, möchte ich doch, daß Sie der Einsicht zu-
    gänglich werden, Ihr stärkstes Motiv zum Widerspruch sei eben
    die mitgebrachte Feindseligkeit, die Sie mit so vielen anderen teilen.

    „Es fehlt mir doch die Erfahrung, welche Ihnen eine so un-
    erschütterliche Sicherheit geschaffen hat.“

    Gut, ich darf jetzt in meiner Darstellung fortfahren. Das Ge-
    schlechtsleben ist nicht nur eine Pikanterie, sondern auch ein
    ernsthaftes wissenschaftliches Problem. Es gab da viel Neues zu
    erfahren, viel Sonderbares zu erklären. Ich sagte Ihnen schon, daß
    die Analyse bis in die frühen Kindheitsjahre des Patienten zurück-
    gehen mußte, weil in diesen Zeiten und während der Schwäche
    des Ichs die entscheidenden Verdrängungen vorgefallen sind. In
    der Kindheit gibt es aber doch gewiß kein Geschlechtsleben, das
    hebt erst mit der Pubertätszeit an? Im Gegenteile, wir hatten die
    Entdeckung zu machen, daß die sexuellen Triebregungen das Leben
    von der Geburt an begleiten, und daß es gerade diese Triebe sind,
    zu deren Abwehr das infantile Ich die Verdrängung vornimmt.
    Ein merkwürdiges Zusammentreffen,
    nicht wahr, daß schon das
    kleine Kind sich gegen die Macht der Sexualität sträubt, wie später
    der Redner in der gelehrten Gesellschaft und noch später meine
    Schüler, die ihre eigenen Theorien aufstellen? Wie das zugeht?
    Die allgemeinste Auskunft wäre, daß unsere Kultur überhaupt
    auf Kosten der Sexualität aufgebaut wird, aber es ist viel anderes
    darüber zu sagen.

    Die Entdeckung der kindlichen Sexualität gehört zu jenen Funden,
    deren man sich zu schämen hat. Einige Kinderärzte haben immer

  • S.

    336

    darum gewußt, wie es scheint, auch einige Kinderpflegerinnen.
    Geistreiche Männer, die sich Kinderpsychologen heißen, haben
    dann in vorwurfsvollem Ton von einer „Entharmlosung der
    Kindheit“ gesprochen. Immer wieder Sentimente an Stelle von
    Argumenten! In unseren politischen Körperschaften sind solche
    Vorkommnisse alltäglich. Irgendwer von der Opposition steht auf
    und denunziert eine Mißwirtschaft in der Verwaltung, Armee,
    Justiz u. dgl. Darauf erklärt ein anderer, am liebsten einer von
    der Regierung, solche Konstatierungen beleidigen das staatliche,
    militärische, dynastische oder gar das nationale Ehrgefühl. Sie seien
    also so gut wie nicht wahr. Diese Gefühle vertragen keine Be-
    leidigung.

    Das Geschlechtsleben des Kindes ist natürlich ein anderes als das
    des Erwachsenen. Die Sexualfunktion macht von ihren Anfängen bis
    zu der uns so vertrauten Endgestaltung eine komplizierte Entwick-
    lung durch. Sie wächst aus zahlreichen Partialtrieben mit besonderen
    Zielen zusammen, durchläuft mehrere Phasen der Organisation, bis
    sie sich endlich in den Dienst der Fortpflanzung stellt. Von den einzelnen
    Partialtrieben sind nicht alle für den Endausgang gleich brauchbar,
    sie müssen abgelenkt, umgemodelt, zum Teil unterdrückt werden.
    Eine so weitläufige Entwicklung wird nicht immer tadellos durch-
    gemacht, es kommt zu Entwicklungshemmungen, partiellen Fixie-
    rungen auf frühen Entwicklungsstufen; wo sich später der Ausübung
    der Sexualfunktion Hindernisse entgegenstellen, weicht das sexuelle
    Streben – die Libido, wie wir sagen – gern auf solche frühere
    Fixierungsstellen zurück. Das Studium der kindlichen Sexualität und
    ihrer Umwandlungen bis zur Reife hat uns auch den Schlüssel zum
    Verständnis der sogenannten sexuellen Perversionen gegeben, die man
    immer mit allen geforderten Anzeichen des Abscheus zu beschreiben
    pflegte, deren Entstehung man aber nicht aufklären konnte. Das
    ganze Gebiet ist ungemein interessant, es hat nur für die Zwecke
    unserer Unterredungen nicht viel Sinn, wenn ich Ihnen mehr davon
    erzähle. Man braucht, um sich hier zurechtzufinden, natürlich ana-
     

  • S.

    337

    tomische und physiologische Kenntnisse, die leider nicht sämtlich in
    der medizinischen Schule zu erwerben sind, aber eine Vertrautheit
    mit Kulturgeschichte und Mythologie ist ebenso unerläßlich.

    „Nach alledem kann ich mir vom Geschlechtsleben des Kindes
    doch keine Vorstellung machen.“

    So will ich noch länger bei dem Thema verweilen; es fällt mir
    ohnedies nicht leicht, mich davon loszureißen. Hören Sie, das Merk-
    würdigste am Geschlechtsleben des Kindes scheint mir, daß es seine
    ganze, sehr weitgehende Entwicklung in den ersten fünf Lebens-
    jahren durchläuft; von da an bis zur Pubertät erstreckt sich die
    sogenannte Latenzzeit, in der — normaler-
    weise — die Sexualität
    keine Fortschritte macht, die sexuellen Strebungen im Gegenteil
    an Stärke nachlassen und vieles aufgegeben und vergessen wird,
    was das Kind schon geübt oder gewußt hatte. In dieser Lebens-
    periode, nachdem die Frühblüte des Geschlechtslebens abgewelkt
    ist, bilden sich jene Einstellungen des Ichs heraus, die wie Scham,
    Ekel, Moralität dazu bestimmt sind, dem späteren Pubertätssturm
    standzuhalten und dem neu erwachenden sexuellen Begehren die
    Bahnen zu weisen. Dieser sogenannte zweizeitige Ansatz des
    Sexuallebens hat sehr viel mit der Entstehung der nervösen Er-
    krankungen zu tun. Er scheint sich nur beim Menschen zu finden,
    vielleicht ist er eine der Bedingungen des menschlichen Vorrechts,
    neurotisch zu werden. Die Vorzeit des Geschlechtslebens ist vor
    der Psychoanalyse ebenso übersehen worden, wie auf anderem Gebiete
    der Hintergrund des bewußten Seelenlebens. Sie werden mit Recht
    vermuten, daß beide auch innig zusammengehören.

    Von den Inhalten, Änderungen und Leistungen dieser Frühzeit
    der Sexualität wäre sehr viel zu berichten, worauf die Erwartung
    nicht vorbereitet ist. Zum Beispiel: Sie werden gewiß erstaunt sein,
    zu hören, daß sich das Knäblein so häufig davor ängstigt, vom
    Vater aufgefressen zu werden.

  • S.

    338

    Sie vielleicht aus Ihren Schuljahren noch nicht vergessen haben,
    daß auch der Gott Kronos seine Kinder verschlingt. Wie sonderbar
    muß Ihnen dieser Mythus erschienen sein, als Sie zuerst von ihm
    hörten! Aber ich glaube, wir haben uns alle damals nichts dabei
    gedacht. Heute können wir auch mancher Märchen gedenken, in
    denen ein fressendes Tier, wie der Wolf, auftritt, und werden in
    diesem eine Verkleidung des Vaters erkennen. Ich ergreife diese
    Gelegenheit, um Ihnen zu versichern, daß Mythologie und Märchen
    welt überhaupt erst durch die Kenntnis des kindlichen Sexual-
    lebens verständlich werden. Es ist das so ein Nebengewinn der
    analytischen Studien.

    Nicht minder groß wird Ihre Überraschung sein zu hören, daß
    das männliche Kind unter der Angst leidet, vom Vater seines
    Geschlechtsgliedes beraubt zu werden, so daß diese Kastrationsangst
    den stärksten Einfluß auf seine Charakterentwicklung und die Ent-
    scheidung seiner geschlechtlichen Richtung nimmt. Auch hier wird
    Ihnen die Mythologie Mut machen, der Psychoanalyse zu glauben.
    Derselbe Kronos, der seine Kinder verschlingt, hatte auch seinen
    Vater Uranos entmannt und ist dann zur Vergeltung von seinem
    durch die List der Mutter geretteten Sohn Zeus entmannt worden.
    Wenn Sie zur Annahme geneigt haben, daß alles, was die Psycho-
    analyse von der frühzeitigen Sexualität der Kinder erzählt, aus der
    wüsten Phantasie der Analytiker stammt, so geben Sie doch wenig-
    stens zu, daß diese Phantasie dieselben Produktionen geschaffen
    hat wie die Phantasietätigkeit der primitiven Menschheit, von der
    Mythen und Märchen der Niederschlag sind. Die andere, freund-
    lichere und wahrscheinlich auch zutreffendere Auffassung wäre,
    daß im Seelenleben des Kindes noch heute dieselben archaischen
    Momente nachweisbar sind, die einst in den Urzeiten der mensch-
    lichen Kultur allgemein geherrscht haben. Das Kind würde in
    seiner seelischen Entwicklung die Stammesgeschichte in abkür-
    zender Weise wiederholen, wie es die Embryologie längst für die
    körperliche Entwicklung erkannt hat.

  • S.

    339

    Ein weiterer Charakter der frühkindlichen Sexualität ist, daß
    das eigentlich weibliche Geschlechtsglied in ihr noch keine Rolle
    spielt – es ist für das Kind noch nicht entdeckt. Aller Akzent
    fällt auf das männliche Glied, alles Interesse richtet sich darauf,
    ob dies vorhanden ist oder nicht. Vom Geschlechtsleben des kleinen
    Mädchens wissen wir weniger als von dem des Knaben. Wir
    brauchen uns dieser Differenz nicht zu schämen; ist doch auch
    das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes ein dark continent
    für die Psychologie. Aber wir haben erkannt, daß das Mädchen
    den Mangel eines dem männlichen gleichwertigen Geschlechts-
    gliedes schwer empfindet, sich darum für minderwertig hält, und
    daß dieser „Penisneid“ einer ganzen Reihe charakteristisch weib-
    licher Reaktionen den Ursprung gibt.

    Dem Kind eigen ist es auch, daß die beiden exkrementellen
    Bedürfnisse mit sexuellem Interesse besetzt sind. Die Erziehung
    setzt später eine scharfe Scheidung durch, die Praxis der Witze
    hebt sie wieder auf. Das mag uns unappetitlich scheinen, aber es
    braucht bekanntlich beim Kind eine ganze Zeit, bis sich der Ekel
    einstellt. Das haben auch die nicht geleugnet, die sonst für die
    seraphische Reinheit der Kinderseele eintreten.

    Keine andere Tatsache hat aber mehr Anspruch auf unsere
    Beachtung, als daß das Kind seine sexuellen Wünsche regelmäßig
    auf die ihm verwandtschaftlich nächsten Personen richtet, also in
    erster Linie auf Vater und Mutter, in weiterer Folge auf seine
    Geschwister. Für den Knaben ist die Mutter das erste Liebesobjekt,
    für das Mädchen der Vater, soweit nicht eine bisexuelle Anlage
    auch gleichzeitig die gegenteilige Einstellung begünstigt. Der andere
    Elternteil wird als störender Rivale empfunden und nicht selten
    mit starker Feindseligkeit bedacht. Verstehen Sie mich recht, ich
    will nicht sagen, daß das Kind sich nur jene Art von Zärtlichkeit
    vom bevorzugten Elternteil wünscht, in der wir Erwachsene so
    gern das Wesen der Eltern-Kind-Beziehung sehen. Nein, die Analyse
    läßt keinen Zweifel darüber, daß die Wünsche des Kindes über

  • S.

    340

    diese Zärtlichkeit hinaus alles anstreben, was wir als sinnliche
    Befriedigung begreifen, soweit eben das Vorstellungsvermögen des
    Kindes reicht. Es ist leicht zu verstehen, daß das Kind den wirk-
    lichen Sachverhalt der Vereinigung der Geschlechter niemals errät,
    es setzt dafür andere aus seinen Erfahrungen und Empfindungen
    abgeleitete Vorstellungen ein. Gewöhnlich gipfeln seine Wünsche
    in der Absicht, ein Kind zu gebären oder – in unbestimmbarer
    Weise – zu zeugen. Von dem Wunsche, ein Kind zu gebären,
    schließt sich in seiner Unwissenheit auch der Knabe nicht aus.
    Diesen ganzen seelischen Aufbau heißen wir nach der bekannten
    griechischen Sage den Ödipuskomplex. Er soll normalerweise
    mit dem Ende der sexuellen Frühzeit verlassen, gründlich abgebaut
    und umgewandelt werden und die Ergebnisse dieser Verwandlung
    sind zu großen Leistungen im späteren Seelenleben bestimmt. Aber
    es geschieht in der Regel nicht gründlich genug und die Pubertät
    ruft dann eine Wiederbelebung des Komplexes hervor, die schwere
    Folgen haben kann.

    Ich wundere mich, daß Sie noch schweigen. Das kann kaum
    Zustimmung bedeuten. – Wenn die Analyse behauptet, die erste
    Objektwahl des Kindes sei eine inzestuöse, um den technischen
    Namen zu gebrauchen, so hat sie gewiß wieder die heiligsten
    Gefühle der Menschheit gekränkt und darf auf das entsprechende
    Ausmaß von Unglauben, Widerspruch und Anklage gefaßt sein.
    Die sind ihr auch reichlich zuteil geworden. Nichts anderes hat ihr
    in der Gunst der Zeitgenossen mehr geschadet als die Aufstellung
    des Ödipuskomplexes als einer allgemein menschlichen, schicksal-
    gebundenen Formation. Der griechische Mythus muß allerdings
    dasselbe gemeint haben, aber die Überzahl der heutigen Menschen,
    gelehrter wie ungelehrter, zieht es vor zu glauben, daß die Natur
    einen angeborenen Abscheu als Schutz gegen die Inzestmöglichkeit
    eingesetzt hat.

    Zunächst soll uns die Geschichte zu Hilfe kommen. Als C. Julius
    Cäsar Ägypten betrat, fand er die jugendliche Königin Kleopatra,

  • S.

    341

    die ihm bald so bedeutungsvoll werden sollte, vermählt mit ihrem
    noch jüngeren Bruder Ptolemäus. Das war in der ägyptischen
    Dynastie nichts Besonderes; die ursprünglich griechischen Ptolemäer
    hatten nur den Brauch fortgesetzt, den seit einigen Jahrtausenden
    ihre Vorgänger, die alten Pharaonen, geübt hatten. Aber das ist
    ja nur Geschwisterinzest, der noch in der Jetztzeit milder beurteilt
    wird. Wenden wir uns darum an unsere Kronzeugin für die Ver-
    hältnisse der Urzeit, die Mythologie. Sie hat uns zu berichten, daß
    die Mythen aller Völker, nicht nur der Griechen, überreich sind
    an Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter und selbst
    Mutter und Sohn. Die Kosmologie wie die Genealogie der könig-
    lichen Geschlechter ist auf dem Inzest begründet. In welcher Ab-
    sicht, meinen Sie, sind diese Dichtungen geschaffen worden? Um
    Götter und Könige als Verbrecher zu brandmarken, den Abscheu
    des Menschengeschlechts auf sie zu lenken? Eher doch, weil die
    Inzestwünsche uraltes menschliches Erbgut sind und niemals völlig
    überwunden wurden, so daß man ihre Erfüllung den Göttern
    und ihren Abkömmlingen noch gönnte, als die Mehrheit der
    gewöhnlichen Menschenkinder bereits darauf verzichten mußte.
    Im vollsten Einklang mit diesen Lehren der Geschichte und der
    Mythologie finden wir den Inzestwunsch in der Kindheit des Ein-
    zelnen noch heute vorhanden und wirksam.

    „Ich könnte es Ihnen übelnehmen, daß Sie mir all das über
    die kindliche Sexualität vorenthalten wollten. Es scheint mir gerade
    wegen seiner Beziehungen zur menschlichen Urgeschichte sehr
    interessant.“

    Ich fürchtete, es würde uns zu weit von unserer Absicht ab-
    führen. Aber vielleicht wird es doch seinen Vorteil haben.

    „Nun sagen Sie mir aber, welche Sicherheit haben Sie für Ihre
    analytischen Resultate über das Sexualleben der Kinder zu geben?
    Ruht Ihre Überzeugung allein auf den Übereinstimmungen mit
    Mythologie und Historie?“

    Oh, keineswegs. Sie ruht auf unmittelbarer Beobachtung. Es

  • S.

    342

    ging so zu: Wir hatten zunächst den Inhalt der sexuellen Kindheit
    aus den Analysen Erwachsener, also zwanzig bis vierzig Jahre
    später, erschlossen. Später haben wir die Analysen an den Kindern
    selbst unternommen, und es war kein geringer Triumph, als sich
    an ihnen alles so bestätigen ließ, wie wir es trotz der Über-
    lagerungen und Entstellungen der Zwischenzeit erraten hatten.

    „Wie, Sie haben kleine Kinder in Analyse genommen, Kinder
    im Alter vor sechs Jahren? Geht das überhaupt und ist es nicht
    für diese Kinder recht bedenklich?“

    Es geht sehr gut. Es ist kaum zu glauben, was in einem solchen
    Kind von vier bis fünf Jahren schon alles vorgeht. Die Kinder
    sind geistig sehr regsam in diesem Alter, die sexuelle Frühzeit ist
    für sie auch eine intellektuelle Blüteperiode. Ich habe den Ein-
    druck, daß sie mit dem Eintritt in die Latenzzeit auch geistig
    gehemmt, dümmer, werden. Viele Kinder verlieren auch von da
    an ihren körperlichen Reiz. Und was den Schaden der Frühanalyse
    betrifft, so kann ich Ihnen berichten, daß das erste Kind, an dem
    dies Experiment vor nahezu zwanzig Jahren gewagt wurde, seither
    ein gesunder und leistungsfähiger junger Mann geworden ist, der
    seine Pubertät trotz schwerer psychischer Traumen klaglos durch-
    gemacht hat. Den anderen „Opfern“ der Frühanalyse wird es
    hoffentlich nicht schlechter ergehen. An diese Kinderanalysen
    knüpfen sich mancherlei Interessen; es ist möglich, daß sie in der
    Zukunft zu noch größerer Bedeutung kommen werden. Ihr Wert
    für die Theorie steht ja außer Frage. Sie geben unzweideutige
    Auskünfte über Fragen, die in den Analysen Erwachsener unent-
    schieden bleiben, und schützen den Analytiker so vor Irrtümern,
    die für ihn folgenschwer wären. Man überrascht eben die Momente,
    welche die Neurose gestalten, bei ihrer Arbeit und kann sie nicht
    verkennen. Im Interesse des Kindes muß allerdings die analytische
    Beeinflussung mit erzieherischen Maßnahmen verquickt werden.
    Diese Technik harrt noch ihrer Ausgestaltung. Ein praktisches
    Interesse wird aber durch die Beobachtung geweckt, daß eine sehr

  • S.

    343

    große Anzahl unserer Kinder in ihrer Entwicklung eine deutlich
    neurotische Phase durchmachen. Seitdem wir schärfer zu sehen
    verstehen, sind wir versucht zu sagen, die Kinderneurose sei nicht
    die Ausnahme, sondern die Regel, als ob sie sich auf dem Weg
    von der infantilen Anlage bis zur gesellschaftlichen Kultur kaum
    vermeiden ließe. In den meisten Fällen wird diese neurotische
    Anwandlung der Kinderjahre spontan überwunden; ob sie nicht
    doch regelmäßig ihre Spuren auch beim durchschnittlich Gesunden
    hinterläßt? Hingegen vermissen wir bei keinem der späteren Neu-
    rotiker die Anknüpfung an die kindliche Erkrankung, die ihrerzeit
    nicht sehr auffällig gewesen zu sein braucht. In ganz analoger
    Weise, glaube ich, behaupten heute die Internisten, daß jeder
    Mensch einmal in seiner Kindheit eine Erkrankung an Tuber-
    kulose durchgemacht hat. Für die Neurosen kommt allerdings der
    Gesichtspunkt der Impfung nicht in Betracht, nur der der Prä-
    disposition.

    Ich will zu Ihrer Frage nach den Sicherheiten zurückkehren.
    Wir haben uns also ganz allgemein durch die direkte analytische
    Beobachtung der Kinder überzeugt, daß wir die Mitteilungen der
    Erwachsenen über ihre Kinderzeit richtig gedeutet hatten. In einer
    Reihe von Fällen ist uns aber noch eine andere Art der Be-
    stätigung möglich geworden. Wir hatten aus dem Material der
    Analyse gewisse äußere Vorgänge, eindrucksvolle Ereignisse der
    Kinderjahre rekonstruiert, von denen die bewußte Erinnerung der
    Kranken nichts bewahrt hatte, und glückliche Zufälle, Erkun-
    digungen bei Eltern und Pflegepersonen haben uns dann den un-
    widerleglichen Beweis erbracht, daß diese erschlossenen Begeben-
    heiten sich wirklich so zugetragen hatten. Das gelang natürlich
    nicht sehr oft, aber wo es eintraf, machte es einen überwältigenden
    Eindruck. Sie müssen wissen, die richtige Rekonstruktion solcher
    vergessenen Kindererlebnisse hat immer einen großen therapeu-
    tischen Effekt, ob sie nun eine objektive Bestätigung zulassen oder
    nicht. Ihre Bedeutung verdanken diese Begebenheiten natürlich

  • S.

    344

    dem Umstand, daß sie so früh vorgefallen sind, zu einer Zeit, da
    sie auf das schwächliche Ich noch traumatisch wirken konnten.

    „Um was für Ereignisse kann es sich da handeln, die man
    durch die Analyse aufzufinden hat?“

    Um Verschiedenartiges. In erster Linie um Eindrücke, die im-
    stande waren, das keimende Sexualleben des Kindes dauernd zu
    beeinflussen, wie Beobachtungen geschlechtlicher Vorgänge zwischen
    Erwachsenen oder eigene sexuelle Erfahrungen mit einem Erwach-
    senen oder einem anderen Kind, – gar nicht so seltene Vorfälle, –
    des weiteren um Mithören von Gesprächen, die das Kind damals
    oder erst nachträglich verstand, aus denen es Aufschluß über ge-
    heimnisvolle oder unheimliche Dinge zu entnehmen glaubte, ferner
    Äußerungen und Handlungen des Kindes selbst, die eine bedeut-
    same zärtliche oder feindselige Einstellung desselben gegen andere
    Personen beweisen. Eine besondere Wichtigkeit hat es in der Ana-
    lyse, die vergessene eigene Sexualbetätigung des Kindes erinnern
    zu lassen und dazu die Einmengung der Erwachsenen, welche
    derselben ein Ende setzte.

    „Das ist jetzt für mich der Anlaß, eine Frage vorzubringen,
    die ich längst stellen wollte. Worin besteht also die ‚Sexual-
    betätigung‘ des Kindes während dieser Frühzeit, die man, wie
    Sie sagen, vor der Zeit der Analyse übersehen hatte?“

    Das Regelmäßige und Wesentliche an dieser Sexualbetätigung
    hatte man merkwürdigerweise doch nicht übersehen; d. h. es ist
    gar nicht merkwürdig, es war eben nicht zu übersehen. Die sexu-
    ellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Aus-
    druck in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Geni-
    talien, in Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die
    außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den
    Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde
    betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von
    den unsittlichen Neigungen der Kinder – denn die Kinder tun
    dies, wie sie selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit

  • S.

    345

    der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit
    vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel
    lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich
    ein wichtigeres Problem her. Wie soll man sich gegen die Sexual-
    betätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Ver-
    antwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich
    nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren
    zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren
    Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder frei-
    gegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen
    die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden,
    aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der
    Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß
    wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

    Ob aber die Interessen, die durch das Studium des Sexuallebens
    bei den Neurotikern angeregt werden, eine für die Erweckung der
    Lüsternheit günstige Atmosphäre schaffen, getraue ich mich doch
    Ihrem eigenen Urteil zu überlassen.

    V

    „Ich glaube, Ihre Absicht zu verstehen. Sie wollen mir zeigen,
    was für Kenntnisse man für die Ausübung der Analyse braucht,
    damit ich urteilen kann, ob der Arzt allein zu ihr berechtigt sein
    soll. Nun, bisher ist wenig Ärztliches vorgekommen, viel Psy-
    chologie und ein Stück Biologie oder Sexualwissenschaft. Aber
    vielleicht haben wir noch nicht das Ende gesehen?“

    Gewiß nicht, es bleiben noch Lücken auszufüllen. Darf ich Sie
    um etwas bitten? Wollen Sie mir schildern, wie Sie sich jetzt
    eine analytische Behandlung vorstellen? So, als ob Sie sie selbst
    vorzunehmen hätten?

    „Nun, das kann gut werden. Ich habe wirklich nicht die
    Absicht, unsere Streitfrage durch ein solches Experiment zu ent-