Die Traumdeutung 1900-001/1909
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    II.

    Die Methode der Traumdeutung.

    Die Analyse eines Traummusters.

    Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe,
    läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume
    ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, daß
    Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der
    eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger
    Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigenen Aufgabe ergeben
    können. Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich
    sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen
    Traumtheorien mit Ausnahme der Schernerschen, denn „einen
    Traum deuten“ heißt, seinen „Sinn“ angeben, ihn durch etwas er-
    setzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Ver-
    kettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben,
    lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein
    Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für
    sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang,
    der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders
    hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient
    sich ihres guten Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie
    ungesteht, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich
    doch nicht entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen.
    Von einer dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen,
    der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum
    Ersatze eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich
    nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur
    verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
    Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum
    zu „deuten“ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver-
    sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes
    ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen
     

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    und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die
    symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vorn-
    herein an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern
    auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa
    die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao
    angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen,
    welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die
    Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche
    allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben.
    Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen
    wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben
    den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder,
    die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens
    passend gefunden wird.*) Die Meinung, der Traum beschäftige sich
    vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er imvoraus ahne –
    ein Rest der einst den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung
    –, wird dann zum Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen
    Sinn des Traumes durch ein „es wird“ ins Futurum zu versetzen.
    Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung
    findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das
    Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten In-
    tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich
    zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge-
    bunden schien.**) Von solchem Anspruch hält sich die andere der
    populären Methoden der Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie
    als die „Chiffriermethode“ bezeichnen, da sie den Traum wie eine
    Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem
    feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be-
    deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt,
    aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe nun in
    einem „Traumbu-
    che“ nach und finde, daß „Brief“ mit „Verdruß“,
    „Leichenbegängnis“ mit „Verlobung“ zu übersetzen ist. Es bleibt
    mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe,
    einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig
    hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens,

    *) In einer Novelle „Gradiva“ des Dichters W. Jensen entdeckte ich
    zufällig mehrere artefizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und sich
    deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen geträumt
    worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß ihm meine
    Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Übereinstimmung zwischen meiner
    Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis für die Richtigkeit meiner
    Traumanalyse verwertet („Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva,“
    erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften zur angewandten Seelen-
    kunde“, 1906).

    **) Nach Abschluß meines Manuskripts ist mir eine Schrift von Stumpf65)
    zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit
    meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer allegori-
    sierenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens.

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    durch welche dessen Charakter als rein mechanische Übertragung
    einigermaßen korrigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traum-
    deutung des Artemidoros aus Daldis.1) Hier wird nicht nur auf den
    Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände
    des Träumers Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traum-
    element für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Be-
    deutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf-
    mann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deu-
    tungsarbeit nicht auf das ganze des Traumes gerichtet wird, sondern
    auf jedes Stück des Trauminhalts für sich, als ob der Traum ein
    Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere
    Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden
    und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der
    Chiffriermethode ausgegangen ist.*)

    Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die
    Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes
    keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in
    ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig.
    Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel“,
    das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien.
    Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben
    und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre
    Aufgabe zu streichen.

    Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen
    müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt,
    in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr-
    heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der
    heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum
    wirklich eine Bedeutung hat, und daß ein wissenschaftliches Verfahren
    der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin
    ich auf folgende Weise gelangt:

    Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge-
    wisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der
    Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich
    nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß,
    daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf-
    lösung und Lösung in eines zusammenfällt.**) Hat man eine solche
    pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus


    *)[Herr Dr. Alf. Robitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orien-
    talischen Traumbücher, von denen die unserigen klägliche Abklatsche sind, die
    Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der
    Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere
    Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Ersetzungen
    in unseren populären „Traumbüchern“ stammen. – Über die außerordentliche Be-
    deutung des Wortspiels und der Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen
    mag man sich aus den Schriften Hugo Wincklers unterrichten.]

    **)Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895, 2. Aufl., 1909.

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    denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist
    diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht
    unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der
    Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem
    von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis
    zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver-
    fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be-
    mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus-
    führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana-
    lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten,
    die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen,
    die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten
    mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy-
    chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho-
    logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen
    ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu be-
    handeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf
    ihn anzuwenden.

    Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung
    des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner
    Aufmerksamkeit für seine psychische Wahrnehmungen und eine Aus-
    schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken
    sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit
    gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige
    Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die
    Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm
    ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psycho-
    analyse hänge davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was
    ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den
    einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht
    zum Thema gehörig, den anderen weil er ihm unsinnig erscheint.
    Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten;
    denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht ge-
    länge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Zwangs-idee u. dgl.
    zu finden.

    Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß
    die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine
    ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vor-
    gänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion
    mehr ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es
    auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirn des
    Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbst-
    beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der Auf-
    merksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt außerdem
    eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm aufsteigen-
    den Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere

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    kurz abbricht, so daß
    eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich
    so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer
    Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen
    hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so
    kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst
    unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für die Selbstwahr-
    nehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der
    pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man
    sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen,
    der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem
    hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psy-
    chischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim
    Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch den
    Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen)
    Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken
    lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung“
    anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln
    sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen
    von Schleiermacher61) u. a. Seite 34.) Bei dem Zustand, den
    man zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, ver-
    zichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und ver-
    wendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben)
    zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten
    Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unter-
    schied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht
    so die „ungewollten“ Vorstellungen zu „gewollten“.

    Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende“
    Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint
    manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Ge-
    danken“ pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen
    hindern will, zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter-
    philosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche
    Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent-
    halten. An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren
    Aufspürung Herrn Otto Rank zu danken ist, antwortet Schiller
    auf die Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität:

    „Der Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange,
    den dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen
    Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen.
    Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig
    zu sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen gleichsam an den
    Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet,
    sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird
    sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in einer
    gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt

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    scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: – Alles das kann
    der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange festhält, bis
    er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem
    schöpferischen Kopfe hingegen däucht mir hat der Verstand seine
    Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle
    herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen.

    – Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder
    fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden Wahn-
    witze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet und dessen längere
    oder kürzere Dauer den „denkenden Künstler“ von dem Träumer
    unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu
    früh verwerft und zu strenge sondert“ (Brief vom 1. Dezember 1788).
    Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den
    Toren des Verstandes“, wie Schiller es nennt, ein derartiges sich
    in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines
    wegs schwer.

    Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter-
    weisung zu stande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich
    mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der
    Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig-
    keit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbst-
    beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema,
    welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll.

    Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun,
    daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen
    Teilstücke seines Inhalts zum Objekt der Aufmerksamkeit machen
    darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen
    zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem
    geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt
    vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein-
    fällen, die man als die „Hintergedanken“ dieser Traumpartie be-
    zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die
    von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären,
    historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch Sym-
    bolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode“. Sie ist
    wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese faßt sie
    den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein
    Konglomerat von psychischen Bildungen auf.

    Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich
    wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses
    Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und
    Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß
    ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von
    Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder
    Menschen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren
    Verwerfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist

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    natürlich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu
    Grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vor-
    bericht und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen
    Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für
    sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Auf-
    merksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht
    geht vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die
    Erschließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie
    zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker,
    mein Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch
    verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich
    von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind
    oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver-
    zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse
    ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein
    Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier-
    methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten
    Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe
    Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu-
    sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin
    ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches
    und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person
    herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens
    bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit
    solcher „Selbstanalysen“ entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines-
    wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse
    bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung
    anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum-
    deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe
    ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif-
    liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben,
    weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden.
    Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psycho-
    logiste“ schreibt Deboeuf,26) „est obligé de faire l’aveu même de
    ses faiblesses s’il croit par là jeter du jour sur quelque problème
    obscure.“ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an-
    fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr
    bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten
    psychologischen Probleme Platz machen.

    Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorſuchen und
    an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht
    einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für
    eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und
    sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver-
    senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse
    für die versteckte Bedeutung der Träume.

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    Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame
    psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft-
    lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der
    Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden
    kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse
    des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht
    die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern.
    Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor
    ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome.
    Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die
    endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen,
    und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar
    erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen
    die Behandlung ab. – Eines Tages besuchte mich ein jüngerer
    Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma –
    und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte
    ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr
    besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines
    Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten.
    Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin
    zu viel versprochen hätte, und führte – ob mit Recht oder Unrecht –
    die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß
    von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine
    Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine
    peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck.
    Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas
    nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem
    gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in
    unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden
    Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum,
    der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde.

    Traum vom 23./24. Juli 1895.

    Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter
    ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief
    zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung“
    noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast,
    so ist es wirklich nur deine Schuld. – Sie antwortet: Wenn du
    wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und
    Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich erschrecke und sehe sie an.
    Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich
    da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue
    ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen,
    die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch

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    nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde
    rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk-
    würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach-
    gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell
    Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt.
    Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt,
    ist am Kinn bartlos. – Mein Freund Otto steht jetzt auch neben
    ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt:
    Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte
    Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie
    er spüre). – M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es
    macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift
    sich ausscheiden. – Wir wissen auch unmittelbar, woher die
    Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl
    fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen…
    Propionsäure … Trimethylamin (dessen Formel ich fett
    gedruckt vor mir sehe). – Man macht solche Injektionen nicht so
    leichtfertig. – Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.

    Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist
    sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und
    welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus-
    kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er-
    halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge-
    schrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes
    beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den
    Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können,
    was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere
    mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir
    klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt
    habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion-
    säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint
    mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn
    ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu
    einer eingehenden Analyse entschließen.

    Analyse:

    Die Halle – viele Gäste, die wir empfangen. Wir
    wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzel-
    stehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg
    anschließen. Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal
    bestimmt, hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume.
    Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige

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    Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine
    Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden
    mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen.
    Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag
    meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als
    Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen.

    Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung
    nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen
    hast, ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch
    im Wachen sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals
    die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich
    darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome
    mitzuteilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon
    der Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin
    diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er
    mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unver-
    meidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. – Ich merke aber
    an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor
    allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat.
    Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein.
    Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein?

    Irmas Klagen: Schmerzen im Halse, Leibe und
    Magen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen
    gehörten zum Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber
    nicht sehr vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übel-
    keit und Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle
    spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich
    mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe,
    kann es auch für den Moment nicht finden.

    Sie sieht bleich und gedunsen aus.

    Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier
    eine andere Person ihr unterschiebt.

    Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine
    organische Affektion übersehen habe.

    Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst
    beim Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der
    so viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche
    andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht
    mich – ich weiß nicht woher – ein leiser Zweifel, ob mein
    Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch
    begründet sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht ver-
    pflichtet. Meine Kur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es
    kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der
    Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch
    beseitigt.

  • S.

    78

    Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu
    sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die
    falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja
    doch nicht nötig.

    Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren.
    Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit
    vorgenommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den
    Eindruck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen
    des Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen.
    An diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche
    Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von
    beiden zur Lust, enthüllt werden. Sie hat es doch nicht nötig,
    ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber
    noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer
    Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat
    oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich
    plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin,
    die ich sehr hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen
    Besuch machte, fand ich sie in der im Traume produzierten Situation
    beim Fenster und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen
    diphtheritischen Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag
    kehren ja in dem Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein,
    daß ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von
    dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch.
    Ja, Irma selbst hat es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren
    Zuständen? Gerade das eine, daß sie am hysterischen Würgen
    leidet wie meine Irma im Traume. Ich habe also im Traume meine
    Patientin durch ihre Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich,
    ich habe oft mit der Vermutung gespielt, diese Dame könnte mich
    gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu
    befreien. Ich hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich, denn
    sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt sich, wie es
    der Traum zeigt. Eine andere Erklärung wäre, daß sie es
    nicht nötig hat; sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt,
    ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur
    noch einige Züge übrig, die ich weder bei Irma noch bei ihrer
    Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, falsche Zähne. Die
    falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; ich fühle mich
    nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. Dann fällt
    mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge anspielen können.
    Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich möchte sie nicht
    zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir
    geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für
    gewöhnlich bleich und als sie einmal eine besonders gute Zeit
    hatte, war sie gedunsen.*) Ich habe also meine Patientin Irma

    *)Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage über
    Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine eigene

  • S.

    79

    mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der
    Behandlung sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, daß
    ich sie im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß
    ich sie vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir
    stärkere Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer
    Intelligenz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine
    Lösung nicht akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher
    nachgeben. Der Mund geht dann auch gut auf; sie würde
    mehr erzählen als Irma.*)

    Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und
    verschorfte Nasenmuscheln.

    Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an
    Irmas Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung
    meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den
    Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln
    mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte
    damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken,
    und hatte vor wenigen Tagen gehört, daß eine Patientin, die es
    mir gleich tat, sich eine ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut
    zugezogen hatte. Die Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir
    ausging, hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein
    teurer, 1895 schon verstorbener Freund hatte durch den Mißbrauch
    dieses Mittels seinen Untergang beschleunigt.

    Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Unter-
    suchung wiederholt.

    Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm.
    Aber das „schnell“ ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung
    zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis.
    Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels,
    welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere In-
    toxikation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann
    eiligst an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich
    diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand
    erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte den
    selben Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals
    daran gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksals-
    vergeltung vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem
    Sinne hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug um
    Aug.

    *)Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Scheu
    mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und meine Frau in
    diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung
    sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe.
    **) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist,
    um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei Frauen
    fortsetzen, so käme ich weit ab. – Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an
    welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem
    Unerkannten zusammenhängt.

  • S.

    80

    Aug', Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervor-
    suchte, aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Ge-
    wissenschaftlichkeit machen kann.

    Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt.
    Davon ist so viel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig
    die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere-
    müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus-
    land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem,
    wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen
    ähnlich sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß
    er wegen einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es
    muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume
    zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß
    ich gegen beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide
    hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit
    gemacht hatte, zurückgewiesen.

    Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund
    Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links
    unten nach.

    Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von
    Otto. Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität
    ausüben, zu Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander
    vergleicht. Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich
    noch eine öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete.
    Szenen wie die im Traume reproduzierte, haben sich dort oftmals
    zugetragen. Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles
    debattierte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und
    einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand
    eben zwischen ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie
    zwischen dem Inspektor Bräsig und seinem Freunde Karl. Der
    eine tat sich durch „Fixigkeit“ hervor, der andere war langsam,
    bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto und den
    vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es offen-
    bar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen
    wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für
    klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines der Geleise,
    auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom
    kranken Kinde zum Kinderkrankeninstitut. Die Dämpfung links
    unten macht mir den Eindruck, als entspräche sie allen Details eines
    einzelnen Falles, in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit
    frappiert hat. Es schwebt mir außerdem etwas vor wie eine meta-
    statische Affektion, aber es könnte auch eine Beziehung zu der Pa-
    tientin sein, die ich an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame
    imitiert nämlich, soweit ich es übersehen kann, eine Tuberkulose.

  • S.

    81

    Eine infiltrierte Hautpartie an der lin-
    ken Schulter.
    Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus,
    den ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach
    geblieben bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig:
    was ich ... wie er später. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint.
    Übrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrierte
    Hautpartie“ klingt. An die „Infiltration links hinten oben“ sind
    wir gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf
    Tuberkulose.

    Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Ein-
    schaltung. Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natür-
    lich entkleidet; es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man er-
    wachsene weibliche Patienten untersuchen muß. Von einem hervor-
    ragenden Kliniker pflegt man zu erzählen, daß er seine Patienten
    stets nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. Das Wei-
    tere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier
    tiefer einzulassen.

    Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht
    nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und
    das Gift sich ausscheiden.

    Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles
    andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch
    eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war
    eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner
    Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und
    Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen
    Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist Leopold
    durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde denken
    läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige Metastasen
    nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie.

    Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich
    folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt
    gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga-
    nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur
    die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheriti-
    scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht
    werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres
    Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht
    so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus-
    ganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost
    gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich
    aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf.

    Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?

    Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung,
    daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will
    ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit her geholten

  • S.

    82

    Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig machen?
    Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen Monaten
    hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden
    übernommen, den andere Kollegen als einen Fall von „Anämie mit
    Unterernährung“ behandelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um
    eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht an ihm ver-
    suchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam ich vor einigen
    Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, daß er dort
    einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für Dysenterie erklärt
    habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein Irrtum des un-
    wissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt; aber ich
    konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den Kranken
    in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darmaffektion etwa
    noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt ferner an Diphtherie
    an, welcher Name †† im Traume nicht genannt wird.
    Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose:
    Es wird noch Dysenterie hinzukommen u. s. w. über Dr. M. lustig
    mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas
    ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat.
    Er war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer
    Kranken berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen,
    der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten
    Eiweiß im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen,
    sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, der
    Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es ist mir also nicht mehr
    zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der
    Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung
    fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er-
    scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine
    Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er
    diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen“?
    Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht
    zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung“
    bei Irma so wenig einverstanden, wie Irma selbst. Ich habe also
    in diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an
    Irma mit den Worten: Wenn Du noch Schmerzen hast, ist es deine
    eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den
    Mund gelegten unsinnigen Tröstung.
    Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt.
    Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben
    vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
    nachgewiesen wurde.
    Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte,
    eine Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er
    in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins be-
    nachbarte Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötz-

  • S.

    83

    lich unwohl fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen er-
    innern mich wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit
    Kokain vergiftet hat. Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen
    Anwendung während der Morphiumentziehung geraten; er machte
    sich aber unverzüglich Kokaininjektionen.

    Mit einem Propylpräparat. . . . Propylen . . . Pro-
    pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach
    welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge-
    träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher
    „Ananas“*) zu lesen stand, und die ein Geschenk unseres Freundes
    Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An-
    lässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon
    kuriert.**) Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich
    mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche
    schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte
    es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch
    nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offenbar bei
    mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl u. s. w.
    geweckt, die für den Traum die Propylpräparate lieferte. Ich habe
    dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt,
    nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel-
    leicht gerade in der organischen Chemie gestattet.

    Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume
    die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines
    Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als
    wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus-
    heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in
    solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit
    einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden
    Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals
    gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderem
    erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im
    Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die
    Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner-
    vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei-
    lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es
    mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul-
    digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen,
    an welcher ihre Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig
    übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an
    Irmas Statt im Traume zur Patientin habe, ist auch eine junge Witwe.

    *) „Ananas“ enthält übrigens einen merkwürdigen Anklang an den Familien-
    namen meiner Patientin Irma.

    **) Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem
    Sinne behielt er Recht, denn die „ungelösten“ Magenbeschwerden meiner Patientin,
    an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines ernsthaften
    Gallensteinleidens.

  • S.

    84

    II. Analyse eines Traummusters.

    Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich
    so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen
    Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf
    das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine
    Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere,
    wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser
    Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem
    Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch;
    er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen
    der Nase und ihrer Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft
    einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den
    weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im Halse
    bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre
    Magenschmerzen etwa nasalen Ursprungs sind. Er leidet aber selbst
    an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl
    die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.
    Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig.
    Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund
    Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am
    Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme
    gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich
    beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. –
    Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver-
    storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß.
    Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab-
    sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig
    mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder
    die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der
    selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar
    Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.
    Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.
    Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern
    traf ich zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich täglich
    zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem
    Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung
    leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat
    durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr
    in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist
    freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich
    bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder
    auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen
    gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situ-
    ationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde
    auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei
    Personen im Traume füreinander einzusetzen.


  • S.

    Der Traum von Irmas Injektion.

    85

    Ich habe nun die Traumdeutung vollendet. *) Während dieser
    Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen
    der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten
    Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes
    der „Sinn“ des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt,
    welche durch den Traum verwirklicht wird und die das Motiv des
    Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche,
    welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos,
    die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden
    sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht Schuld
    bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran
    schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas
    unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm,
    indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Ver-
    antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem
    er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be-
    gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sach-
    verhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist
    also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch.

    Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des
    Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch-
    erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine
    voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt-
    liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch
    Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet,
    und ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint:
    die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht be-
    friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen
    verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu
    sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der
    die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch
    an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren,
    gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider-
    spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen
    Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen-
    der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten etc.“). Ja, mir
    scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen-
    den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat),
    wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich
    gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir
    durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig,
    die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vor-
    würfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen.

    *) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir zur
    Deutungsarbeit eingefallen ist.

  • S.

    86

    Irmas Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selbst schuld
    an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas
    Schmerzen gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur,
    durch eine psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären
    sich befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran
    ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor-
    sichtige Injektion von seiten Ottos hervorgerufen worden mit einem
    dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas
    Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die
    Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen
    Injektionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Er-
    klärungen für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen mich zu
    entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen
    einander aus. Das ganze Plaidoyer – nichts anderes ist dieser
    Traum – erinnert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der
    von seinem Nachbar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem
    Zustand zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt
    zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er
    ihn entlehnte, drittens hat er nie einen Kessel vom Nachbar ent-
    lehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungs-
    arten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen werden.
    Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren
    Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so
    durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich-
    namigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in
    Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner
    Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden,
    die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen
    leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem
    einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: „Sorge
    um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit.“
    Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir
    Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im
    Traume mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den
    Ausdruck für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er
    mir gesagt hätte: „Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernst-
    haft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst.“
    Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung
    gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem
    Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner
    Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkens-
    werterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Er-
    innerungen, die eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene
    Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material
    ist gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren
    Stoffes, auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des

  • S.

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    Traumes, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krank-
    heit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar.
    Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes
    vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist.
    Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen
    aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen
    heißt. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken-
    zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei
    jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der
    Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch
    bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu
    sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der eineu neu
    gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode
    der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich
    einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten
    Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter
    Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunsch-
    erfüllung erkennen.