S.
VI.
Die Traumarbeit.
Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani-
festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum-
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten,
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt
gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein:
der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge-
geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Traum-
inhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach-
zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere
geworden ist.Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar-
stellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen
und Fügungsgesetze wie die Vergleichung von Original und
Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns
ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der
Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen
einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind.
Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen
nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus,
auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe,
dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl.
Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nichtS.
204
laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die
richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe
oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung
durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen-
finden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und
sinnreichsten Dichtersprnch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum-
deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig
und wertlos.a) Die Verdichtungsarbeit.
Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß-
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist
knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur
Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder-
geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken
enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum.
Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert,
soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel
unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man
die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material
hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume ver-
steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen
müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll-
ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend
und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch
ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Ver-
dichtungsquote ist also – streng genommen – unbestimmbar.
Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen
sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials
bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für
den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft
die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch
geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum,
den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der
gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang
gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran
ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobach-
tung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,S.
205
wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und
daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr
lückenhaft wird. Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß
die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro-
duzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung
späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung
in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum-
vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen
erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des
Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes
für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist
eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter-
gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken
bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie-
benen kennen.Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhalts beibringt,
wird sich bei manchem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man
denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese
Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen
und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr
während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die
an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur
bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während
der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer
Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand
anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl
der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muß man zu-
gestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind,
denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer
Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat,
stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt
vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht
anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche
hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als
das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,
wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander
durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge vonS.
206
verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken
handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der,
welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nach-
denken in uns wahrnehmen.Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich-
tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdich-
tung nun zu stande?Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe
auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine
getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der
Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte
Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden
werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr
und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum-
gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be-
stimmen die Auswahl derselben?Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den
auf Seite 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.
Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben.
Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein-
geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein
getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden.
Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages;
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
Monographie über die Gattung „Zyklamen“ gesehen. Die
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
„botanische Monographie“ erweist sofort ihre Beziehung zu der
Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain
aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu
gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu
meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der Ver-
wertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K.
knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das
ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken überS.
207
die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch
ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie über
Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie
ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes
als ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des
Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit
dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziations-
verbindungen verknüpft.Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische
Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“ und
„Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer
und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „botanisch“
gehören die Erinnerungen an die Person des Professors Gärtner, an
seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora heißt, und an
die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen Blumen
erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Laboratorium und
auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe Gespräch gehört
die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit den
Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen meiner
Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen
Monographie liegt. Außerdem erinnert „botanisch“ an eine Gymna-
sialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, und ein neues
in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, das meiner Liebhabereien
knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft sogenannten
Lieblingsblume, der „Artischocke“ an die von den vergessenen
Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Artischocke“ steckt
die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderszene ander-
seits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu
Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein wahrer Knotenpunkt,
in welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammen-
treffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Gespräche mit Fug
und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet
sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-
Meisterstück.„Ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“„Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
Liebhabereien.Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können,
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum-
S.
208
gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung
vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende
Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente
des Trauminhalts erweist sich als überdeterminiert, als mehr-
fach in den Traumgedanken vertreten.Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
farbige Tafel, die ich aufschlage, zeigt (vergl. die Analyse Seite 121)
auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten,
und auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer
dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen
Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an das
Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung besonders
hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen Traum-
inhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des Traumes
sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert, sondern die
einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch mehrere Ele-
mente vertreten. Von einem Element des Traumes führt der Asso-
ziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traumgedanken
zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht
so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen
eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste
Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus
einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze
Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach
welcher die meist- und bestunterstützten Elemente sich für den Ein-
tritt in den Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl durch Listen-
skrutinium analog. Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zer-
gliederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt,
daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der Traumgedanken
gebildet werden, und daß jedes von ihnen in bezug auf die Traum-
gedanken mehrfach determiniert erscheint.Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be-
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her,
den ich wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es wird sich
bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese ausnehmend
geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:II. „Ein schöner Traum.“
Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in
der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet
(was nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird
Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schau-
spieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen,S.
209
um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des Per-
sonals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer
in die des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die
oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig sind,
so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben,
er unten, und er ärgert sich über den Bruder, daß man so
gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) Es war übrigens schon
beim Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer oben und
wer unten sein soll. Dann geht er allein über die An-
höhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, und
geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von der Stelle
kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und schimpft
über den König von Italien. Am Ende der Anhöhe geht
er dann viel leichter.Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
keit war.Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen,
welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde,
das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der
Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Vereine
mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch vor-
getäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem
Traume eigentümliche Sensation der Gehemmung aus den Exkibi-
tionsträumen und finden hier wieder, daß sie als ein allezeit bereit
liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen Darstellung
verwendet wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt,
wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der Anhöhe
leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes an die
bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho“ von A. Daudet.
Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfäng-
lich wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie
auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des
Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mahnen
will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft
und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden. Obwohl ich wußte,
daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame
vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht,
meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der
Sappho umgekehrt wie im Traume; in letzterem war das Steigen
anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman diente es der Sym-
bolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende
als eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der
Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes, dasS.
210
er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß: „Rund
um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das zuerst
anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit hoch-
stehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe kommt“, end-
lich aber immer mehr „herunter kommt“. Das Stück hatte ihn
auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, welches den Titel
trug: „Von Stufe zu Stufe“, und auf dessen Ankündigung eine
aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu sehen war.Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau-
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht.
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver-
brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen.
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: Ich bin froh, daß
ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe: (Übrigens auch eine
seiner Phobien.) Der Kutscher darauf: Wie kann man aber da ab-
steigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr-
wirtshaus.An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung
eines Zitats:„Bei einem Wirte wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste.“Der Wirt im Uhlandschen Gedichte ist aber ein Apfelbaum.
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:
Faust (mit der Jungen tanzend).
Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.Die Schöne.
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel-
baume und den Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch
obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen
Träumer gefesselt hatte.Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die AmmeS.
211
des jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der
Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl
als die Sappho Daudet erscheinen als Anspielung auf die vor
kurzem verlassene Geliebte.Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
und zwar ist dieser o b e n, er selbst u n t e n. Dies ist wieder eine
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie
mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie er-
halten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Trauminhalts
zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen. Es
wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei uns
von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen und Stellung
eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man „herunter-
gekommen“ gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, daß an
dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die Um-
kehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traumgedanken
und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, wie diese
Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes, wo es
sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der
Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist:
In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen
stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also u m g e-
kehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich
nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder auf die
Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes
trifft es also, die Sappho und die Amme in der nämlichen Andeutung
darzustellen.Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung auf
eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes,
in denen Personen o b e n und u n t e n beschäftigt sind, auf Phantasien
sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte
Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß
es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind,
die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst
nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt
es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phantasierte
Begebenheiten erscheinen hier – und nicht nur hier, auch bei der
Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der Träume – zunächst
als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen,
Geheimnis. Der Bruder ist nichts anderes, als der in die Kindheits-
szene durch „Zurückphantasieren“ eingetragene Vertreter aller späteren
Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den
König von Italien schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines
rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Ein-
drängen von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist,
als ob der Warnung, welche Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähn-S.
212
VI. Die Traumarbeit.
liche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gestellt werden
sollte.*)Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über-
reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs
ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung
nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere
Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Mai-
käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit
geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die
Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum
geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom
Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster
schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äuße-
rungen des Ekels).Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt
es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am Morgen.
In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes
Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. Dies sind
die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema von der
Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie weiter. Ihre Tochter
war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend zum Sommer wohnten,
sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine Schmetterling-
sammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur Tötung der
Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter mit der Nadel
durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog; ein andermal
fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt wurden,
verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem Alter Käfern
und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute würde sie vor all
diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie ist sehr gutmütig
geworden.Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er in
Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles
und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der*)Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen
Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in
diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 145 erwähnte
Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht
besser ausgenützt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.S.
213
Aristokrat, der das Gänschen verführt; der adelig
fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht an-
sehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen
geplagt wird?In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlung
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da-
mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es
aber keineswegs.Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
Verehrers.*)Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes
Buch von Maupassant in die Hand bekommen.**) Der Arsenik,
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
Doch geb’ ich dir die Freiheit nicht.“Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens:***)
„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“
Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt –“
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl-
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un-
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine
„Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser
Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er-
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in ihren
Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Imperativ
erschreckt wurde: „Häng’ dich auf.“ Es ergab sich, daß sie einige
Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich eine
kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der
in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder-
kehrte. „Häng’ dich auf“, besagte so viel als „Verschaff’ dir eine*)Dies ist der eigentliche Traumerreger.
**)Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst
hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.***)Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dichters:
Grausamkeit gegen den Geliebten.S.
214
Erektion um jeden Preis“. Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im
Nabob gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt,
daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zer-
quetschen von Käfern bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen
Sinn zielt der Hauptbestandteil des Trauminhalts.
Das Fensteröffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe-
renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob.
Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen
zu klagen gehabt hat.In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse
bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit
ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Überdetermi-
nierung des Trauminhalts an ihm zu erweisen. Ich wähle hiefür den
Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos
erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr
als nur eines Mittels bedient.Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma
einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses
meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr
verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen Patientin
verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich die Be-
deutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume gesehenes
Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der
öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstituts untersuchen, wobei
meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen erweisen.
Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung meiner kindlichen
Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird die
selbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir unter-
suchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene
Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse
entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von
noch anderen Personen zusammengetragen.All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter
der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit alle-
dings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Ver-
treterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Per-
sonen.S.
215
Sammelpersonen und Mischpersonen.
sonen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für
Zug an diese Personen erinnert.Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für
die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist
der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des
Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und
sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders;
ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem
er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Misch-
person ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traum-
bild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem
einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er-
innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe
das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine Familien-
porträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander projiziert, wobei
die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht zusammen
stimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich werden. Im
Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus den zwei Personen
gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der b l o n d e
B a r t hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und
auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen.Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An-
laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraume ist gleichfalls mehr-
fach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleichklang mit
Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den
Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
Erwähnung von „Propylen“ im Traume. In den Traumgedanken
war nicht „Propylen“, sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum-
analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro-
pylen“ noch einen Moment Halt macht, so fällt mir der Gleichklang
mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die Propyläen befinden sich
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propylen
folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird.Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten
Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden,
und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der ErsetzungS.
216
von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen in dem
Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen.Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen
duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die
meines Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde,
und dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie
der Sexualvorgänge, verdanke.Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er-
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe be-
stimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Traum-
inhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wil-
helm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die
Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto
anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich ja von einer
Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach
Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den Freund
gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto auch
in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der Chemie;
das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in
den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unverwandelt in den
Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe
„Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser
Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen
liegt für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise „Wilhelm“
kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-
Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch
einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum-
inhalt. Es ist dies ein mittleres Gemeinsames geschaffen wor-
den, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit
Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in den
Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittelbildung ist
unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem eigent-
lich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe Liegenden vorge-
nommen worden.Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum-
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu
die Verdichtung dient und wodurch sie gefördert wird, werden wir
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum-
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetztS.
217
mit der Feststellung der Traumverdichtung als einer bemerkens-
werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt.Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann
dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also
auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt-
same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir
einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in
welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem
Urteil überschätzt und vor allem in überschwänglichen Ausdrücken
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der
sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahr-
haft norekdaler Stil.“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete
mir anfänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den
Superlativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war;
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir
das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be-
kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen
Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen.II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit,
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit
ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das wird
in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im
Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine
Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais–toll–manns-
toll–Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konver-
sation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais
verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläums-
ausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die
einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Verwandten war
nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten
jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken und An-
knüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab.III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an-
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf-
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends,
um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er
weggegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier-
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener
holt den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk-
würdig, daß auch Leute, die sonst tuteln sind, solche
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge-
S.
218
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers angereiht hat, das an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinemVater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser aufden Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränktwurde, und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafestörte. Da das kontinuierliche Läuten dem Notwerden entspricht, sowerden dann „einzelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tuteln“ zerlegt sich aber nachdrei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedankenvertretenen Materien: „Tutel“ = Kuratel bedeutet Vormundschaft;Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silbendes Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit demNaßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen derin der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt.*)
IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffsreise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächsteStation Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteresist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reisegewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamenunserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen:Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, meae deliciae der alteName, also „meine Freud“) und dem englischen Hearsay =Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu demindifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den„Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerge, „SagterHatergesagt“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum NamenFließ gewinnt man „Vlissingen“, wirklich die Station der Seereise,die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf Besuchkommt.
*)Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahreSilbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinntman auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappelnstehen, gebietet Schweigen, dann hört das Pappeln (Schwätzen) auf, und das Silberwird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oftzu witzig erscheine.“ Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogenwird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifensoll, in der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person,sondern an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traumgearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser könnensich überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen(Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [Immerhingab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehungzum Unbewußten“ geschehen ist.]
S.
219
kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber Flushing,
was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die Patienten mit
„Errötensangst“ mahnt, die ich behandle, auch an eine rezente Publi-
kation Bechterews über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärger-
lichen Empfindungen gegeben hat.V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei geson-
derten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort
„Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen
produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich
dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben.“ Das
neugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht nur der Anforderung
zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vortritt, es soll
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug-
tuung zu geben.Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto-
didakt und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die
ersten dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Ver-
anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines
bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist,
und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie ich
(J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen Ein-
druck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkommenen
Talents in einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, und unsere
Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die
wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft
des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder
bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Ge-
fahren durch die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht
ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau
auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter
gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte
meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume
führen konnte. Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr
befreundete Dame geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu
Grunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand
ich in Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf, die mir gleich-
zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen
gestatteten.*) Das „Cherchez la femme“, in dem sich diese Gedanken
zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch
unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß*)Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weibe
erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.S.
220
Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von
Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen
Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mitzuteilen.Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält
aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glück-
lichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem
Wege. In dem Künstlerroman L’oeuvre, der meinen Traumgedanken
inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst
und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt
darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der
Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt um-
gekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm
wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die
auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben
Namens sand, und so kam Sandoz zu stande. So ähnlich entstand
also auch mein Autodidasker.Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende
Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits-
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im
Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine
Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine
Neurose zu diagnostizieren, wäre verlockend gewesen und hätte allen
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese,
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener-
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief
ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge.
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.“ Da
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm,
sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten
Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen
habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade
das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich
zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung,
aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zugestehen,
daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese un-
beirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen,
wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe
und ich unrecht.Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch-
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe?S.
221
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen
Befürchtungen, resp. ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen
ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das
Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume
bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten
nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der
funktionellen Schädigung durch das Weib, eigentlich durch das Sexual-
leben: Tabesparalyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des
Unterganges von Lasalle lockerer anreiht.Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie
und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle – auch
nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und
zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin –, sondern auch
wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere Konsultation
anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe
erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu.
„Wieviel Kinder haben Sie jetzt? – „Sechs.“ – Eine Geberde von
Respekt und Bedenklichkeit. – „Mädel, Buben?“ – „Drei und drei,
das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ – „Nun, geben Sie acht,
mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später
Schwierigkeiten in der Erziehung.“ – Ich wendete ein, daß sie bis
jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar beharrte mir diese zweite
Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher
gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Ein-
drücke sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge
verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den
Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die
noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie
so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rührt. So
findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Er-
ziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang
in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines
Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge,
verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider
gegensätzlichen Glieder der Alternative.Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor-
stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die
zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch
neue Sprachen und artifizielle Wortfügungen erfinden, sind für den
Traum wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab-
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oderS.
222
VI. Die Traumarbeit.
leise im Ausdruck verscho-
ben; häufig ist die Traumrede aus ver-
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei
das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr oder anders-
deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An-
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel.*)b) Die Verschiebungsarbeit.
Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum-
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente,
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor-
drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen.
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus-
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist
gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts offenbar
das Element „botanisch“; in den Traumgedanken handelt es sich um die
Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen
zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, daß
ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und
das Element „botanisch“ findet in diesem Kerne der Traumgedanken
überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit
locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz
unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines Patienten
ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- und Untensein zum
Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren
sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Personen, so daß nur
eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher
Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist
im Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexu-
alität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grau-
samkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Ver-
knüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zu-
sammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In
dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittel-
punkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die*)[Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens
intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die
einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen,
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprechen
dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur ab-
geändert zum Bewußtsein kamen.]S.
223
wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume
machen dann mit gutem Rechte einen „verschobenen“ Eindruck.
Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von
Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen Elemente
auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traum
gedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem
Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedanken und
Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen.
Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden,
daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und
für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen
wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der siegenden Vor-
stellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad
von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß diese
Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es
ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der
Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse
betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig
wären, und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in
den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zu-
nächst den Eindruck, als käme die psychische Intensität*) der ein-
zelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Be-
tracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung
derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in
den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man
meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch diese
Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht
glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determi-
nierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als
gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traum-
gedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten
in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten
die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum
diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen
und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt,
in seinen Inhalt aufnehmen.Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein-
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdetermi-
nierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher
Leser diese Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung
*)Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist
natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.S.
224
der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbst-
verständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traum-
elementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben
knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedanken-
material eben diese Elemente sich besonders häufig wiederfinden. Ich
könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber selbst etwas
ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken,
welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die dem Kern
des Traumes fernstehen, und die sich wie künstliche Einschaltungen
zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt
sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene
und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden,
entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die
Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung
durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse geleitet, daß
die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl entscheidet,
wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern
oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen
Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen
Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können be-
obachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo
sie sich aus dem Traummateríal nicht ohne Nachhilfe ergibt.Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine
psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen
Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem Wege
der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten
schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht,
so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver-
schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele-
mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von
Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so
supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er
verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumver-
schiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werk-
meister, deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich
zuschreiben dürfen.Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die
sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen.
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kern
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten widergibt. Die Traum-
entstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur
zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben
gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt-
mittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfenS.
225
annehmen, daß die Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur,
der endopsychischen Abwehr, zu stande kommt.*)In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung
und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen,
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor
wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum gelangen-
den Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zensur des
Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung aber
wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der Traum-
deutung in Rechnung ziehen.c) Die Darstellungsmittel des Traumes.
Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und
Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf-
gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß
auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher
möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege
Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei
*)[Da ich die Zurückführung der Traumstellung auf die Zensur als den
Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück jener
Erzählung „Träumen wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Realisten“ von
Lynkeus, Wien, 2. Auflage, 1900, ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner
Lehre wiederfinde:
„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn zu
träumen.“
„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen
Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die
moralische Klarheit deiner Natur, die mir Alles an dir verständlich macht.“
„Wenn ich es aber recht bedenke“, erwiderte der andere, „so glaube ich bei
nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals
Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen
kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar nicht
anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu
einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden,
benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß
ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im
Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasie-
gebilde, zu denen nur nur ein Unverständiger sagen würde: ‚Das ist widersinnig! Denn
das ist nicht möglich!‘“
„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das
eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der Freund.
„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam-
keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es meistens nicht
gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen,
die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn,
sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja,
es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt.“]S.
226
der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht,
daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre
Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen ein-
zelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie ich
es in Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt habe,
dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammen-
stelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekonstruiere, also
die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese
Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner eigenen Belehrung
vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache
und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das
psychische Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern.
Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn
die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn
sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte.
Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu über-
zeugen, vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich
nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum
unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die
Mittel bieten, so muß dies Stück Darstellung des Traumes einen
Aufschub erfahren, bis ich – an anderer Stelle – die psychologische
Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an
unser Thema herzustellen ist.*)Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn-
thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende
Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben
bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er-
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für
den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man unter
dem Namen „Kollateralen“ zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit
stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch, der sich
aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch übergeführt wird.
Von diesen „Kollateralen“ besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen
an die eigentlichen Traumgedanken, welche, schematisch genommen,
Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen.
Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Ver-
schiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter
sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein
dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen,
durch die man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den
mittleren Kollateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich
auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen.Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von
*)Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither in
dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905, gegeben.S.
227
Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen
Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge.
Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum
ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig
steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel,
durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.Die einzelnen Stücke dieses komplicierten Gebildes stehen natür-
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden
Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Be-
dingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse
dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei
die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa
wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus der logischen
Banden wird, welche bisher das Gefüge gebildet hatten. Welche Dar-
stellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich,
entweder – oder“ und alle anderen Präpositionen, ohne die wir Satz
und Rede nicht verstehen können?Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar-
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Präpositionen un-
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum-
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen,
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver-
nichtet hat.Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge-
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähn-
lichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei
und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen
kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Ma-
terial, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Aus-
druck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie
gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte sie sich
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche
als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler
verzweifelte.Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet.
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen
vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen
wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein;
wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, daß
dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung intellek-
tueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traumgedanken
ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht
die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, in derenS.
228
Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen.
Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, die in
Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet
werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von
Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummate-
rials
vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traum-
gedanken enthaltenes Ereignis; den Sinn des Traumes ein ganz anderer.
Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk-
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt,
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors
werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich
dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken,
sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum hervor-
gerufen wird.Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi-
schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung
nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist
er entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus
dem Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen
den Traumgedanken, entspricht der Widerspruch im Traume nur in
höchst indirekt vermittelter Weise.Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver-
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum-
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung
verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor-
liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens
auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas In-
jektion).Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer-
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
versuchen, sie einzeln aufzuzählen.Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen-
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie
der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer SchuleS.
229
von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer
Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber
für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft
er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders
innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traum
gedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab bedeutet, daß die
beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b
nach einer freien Lücke läßt a als den letzten Buchstaben des einen
Wortes und b als den ersten eines anderen Wortes erkennen. Dem
zufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen,
völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen,
die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammenhang stehen.Die Kausalbeziehung darzustellen, hat der Traum zwei
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als
Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit
folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der
breiter ausgeführte Teil des Traumes.Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll-
ständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und
einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert
war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der
Vortraum lautete so: „Sie geht in die Küche zu den beiden
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden, „mit
dem Bissel Essen““. Dabei sieht sie sehr viel grobes
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche
stehen, und zwar im Haufen aufeinander gestellt. Die
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den
Hof reicht.Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen
bleibt u. s. w. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von
ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus
der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand.
Der zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater,
der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei
einer Überschwemmung – das Haus stand nahe am Ufer des
Flusses – sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich
hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesemS.
230
Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme.
Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt
ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form. Ich bin von hoher
Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war
mein Lebenslauf so und so.Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus
dargestellt würde; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren
im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im
Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als
Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken.
Die andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung
bei minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild
im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes
verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich
gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet;
nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere
gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu-
stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver-
ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch
das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die unmittel-
bare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allermeisten
Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt,
sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche Nach-
einander der Elemente.Die Alternative „Entweder – Oder“ kann der Traum überhaupt
nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür
enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken
heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas
Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschließenden
Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch eine
vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder – Oder habe ich
dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traum-
gedanken eingesetzt.Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein
Entweder – Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten
oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den TraumgedankenS.
231
nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache An-
reihung vor. Mit Entweder – Oder beschreiben wir zumeist einen noch
auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement.
Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der
scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch
„und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver-
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes ge-
wartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse
mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des
Telegramms; das erste Wort ist verschwommen,etwa via,
oder Villa,
oder sogar (Casa).Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen
Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge-
halten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte
läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberechtigter
Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.
In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel – etwa
wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der
Eisenbahnen, – auf dem zu lesen ist, entweder:Man bittet, die Augen zuzudrücken
oder
Man bittet, ein Auge zuzudrücken,
was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
Man bittet, die Auge(n) zuzudrücken.Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell
möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über
solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie
meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen.
Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken“,
d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die
wir mit einem Entweder – Oder beschrieben, ist hier besonders leicht
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen,
aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen.
So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt
voneinander.In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.S.
232
Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie
von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg ver-
nachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren.
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen-
gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ
enthalten ist. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder-
satz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin“),
steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen
blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie
der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündigung
(sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weißgekleideten
Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während die Straßen
mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im
Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig
ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede einzelne einer
Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges heißt es im Traume weiter,
sind die Blüten schon ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare
Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche Zweig, der ge-
tragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschuldigen Mädchen,
gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, die, wie bekannt,
stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode aber eine rote.
Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten“ in den Liedern
von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld dar und
auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher die Freude
ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben zu gehen,
läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) den
gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich ver-
schiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen-
lassen (in der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des
Traumes deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen
der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint,
die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber
gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung
gefunden haben.Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mecha-
nismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies
die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das
„Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen
Mitteln dargestellt werden kann. Die im Traummaterial vorhandenen
Deckungen oder Fälle von Gleichwie sind ja die ersten Stützpunkte
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum-
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge-S.
233
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt
der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu
einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden
oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizie-
rung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identifizierung
kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Misch-
bildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden
Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden
oft wie Personen behandelt.Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung,
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die
den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden,
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver-
schiedenen Wegen zu stande gebracht werden. Entweder die Traum-
person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen –
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist
aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf Beide verteilen,
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der
zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation,
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung
beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch-
personbildung sich zu verflüchtigen.Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in
einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so ge-
wonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist,
nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele
ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;S.
234
VI. Die Traumarbeit.
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse,
die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen
den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese
Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider-
standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be-
dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen
Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver-
knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be-
ziehungen zu dem beanständeten Material hat, aber nur zu einem Teile
desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir
jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten
hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und
Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-
verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar-
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur
unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gunsten der
Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen statt-
gefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen.Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer v e r s c h o b e n e n
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte
Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen
einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem V e r-
t a u s c h e n derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume
von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen,
wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die
eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er
mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position
untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit
hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des
Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich
meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile.Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf
mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint,S.
235
lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich
eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum
soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt
auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt,
die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent-
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen
gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die
Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr-
fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi-
fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver-
dichten.*)Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf-
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich-
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich
entfällt. In einem meiner Romträume (Seite 137) heißt der Ort, an
dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch-
erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag
nur eine heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend-
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zu-
sammentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Identi-
fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte
Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.
Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt
werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen
uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß
bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein-
druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch-
bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Ge-
staltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert
wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger
Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar-
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen*)Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per-
sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die
Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die
verbirgt mein Ich.S.
236
VI. Die Traumarbeit.
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten
zwischen beiden Objekten. Das neugebildete kann gänzlich absurd
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem
Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind
die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu
disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit
einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeutlichere Be-
stimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam
nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und
erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man
sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungs-
bildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in
einer Zeichnung gelangen.
Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf
Seite 232, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“
oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden
Zweig in der Hand, der wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld
und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art,
wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die Blüten selbst,
einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das ganze noch
den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame
an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traum-
gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke
zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte,
sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren
Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine Anspielung auf einen
vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um
ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin schafft sich im
Traume ein Mittelding aus Badekabinen im Seebade, ländlichen
Aborthäuschen und den Bodenkammern unserer städtischen
Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf
menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus
den Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in
ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung
war. Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer
und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen
gelernt hat. Eine andere träumt, nachdem der ältere Bruder ver-
sprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß
dessen Beine von den schwarzen Kaviaperlen übersät sind.
Die Elemente „Ansteckung“ im moralischen Sinne und die Er-
innerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit
roten, anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ,S.
237
Umgekehrt, im Gegenteil.
haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff
vereinigt, dessen, „was sie von ihrem Bruder bekommen hat“.
Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume behandelt
wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen.Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken.
Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen.
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen,
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen
haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an
die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt
Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen-
teil“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An-
wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhalts – gleichsam nach-
träglich – umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren
als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und Nieder“
(Seite 208), ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das
Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der
Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht,
während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer
wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in bezug auf den Bruder ist
verkehrt im Traume dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von
Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials
in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben,
daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme ge-
tragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trägt.
Auch mein Traum vom Goethes Angriff gegen Herrn M. (Seite 268)
enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert werden muß,
ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume
hat Goethe einen jungen Mann Herrn N. angegriffen; in der Realität,
wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein
Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden.
Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in der Wirk-
lichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus.
Der Gedanke, der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich
als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll,
als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das
Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor.
In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine
Beziehung auf die vorächtliche Wendung („einem die Kehrseite
zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den Bruder
im Sapphotraum).S.
238
Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs-
mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung
gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver-
schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste
Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Er-
innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Darzu-
stellenden zu stande bringt, welches das Verständnis des Traumes zu-
nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen
Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhalts wagen, worauf nicht
selten alles sofort klar wird.Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin,
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu
Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die Voraus-
setzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nachzu-
tragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung
gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen-
über.*)
Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum-
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse
formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf die Traum-
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der
sinnlichen Intensität der einzelnen Traumbilder und in der Deutlich-
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver-
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde
umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die
man – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der Realität
zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten
*)[Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
Mädchen hat z. B. in einem Anfall einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
ein [dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
armung], darauf eilt sie ins and-
re Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht
mich an (gibt mir Antwort).]S.
239
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut-
lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir von den
deutlichen Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit
der Wahrnehmung stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Leb-
haftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhalts hervorgerufen werden.Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können,
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von
reinen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreize) sind, sich vor
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus-
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung
der Traumbilder verloren.Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn-
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Bezie-
hung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Ele-
mente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit
psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine
anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum-
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente
der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden.
Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömm-
linge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß
sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch
diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Beobachtung von
Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier
hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um-
wertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade in einem
flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling
dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte.Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter-
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente.
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv
dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt.
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des
Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten
gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung desS.
240
Sinnes, wenn wir den letzten empirisch genommenen Satz in nach-
stehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Ele-
mente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdich
tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann
erwarten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung
auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen
Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit
ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen-
satz von Deutlichkeit–Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es
ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und
fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie
des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Ele-
mente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven
Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die
Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich–Verworrenen
bietet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der
Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden
Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man
nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un-
deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts
für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen
Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken-
los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor-
setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem
Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren,
sondern als „Phantasien während des Schlafens“ bezeichnet werden
durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben
Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte, wie jeder andere; ich
ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen.
Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde
eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug,
und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten,
daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde)
klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den
fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent-
liche Stück des Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam
in das erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil
über den Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue
Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes
Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen
in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen-
wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und endlichS.
241
unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung
angab, es seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie,
ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob
ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so
ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen
in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich
alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen
mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören be-
komme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) sei.“*) Die Unklarheit,
die der Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus dem traum-
erregenden Material. Ein Stück dieses Inhalts war in der Form des
Traumes dargestellt worden. Die Form des Traumes oder des
Träumens wird in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung
des verdeckten Inhalts verwendet. Alle Träume derselben Nacht
gehören ihrem Inhalt nach zu dem „nämlichen Ganzen“; ihre Son-
derung in mehrere Stücke, deren Gruppierung und Anzahl, all das
ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den latenten Traum-
gedanken aufgefaßt werden.In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
Sicherheit oder Zweifel im Traummateríal umdeuten zu können, kommt
man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen. Ich werde
späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung
aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des
Traumes wesentlich abhängt.In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol-
genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.“
Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht,
die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich
im Traummateríal als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke
heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn – wann).Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. Wir
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen
begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht.
Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe
motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerk-*)Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große
Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.S.
242
bar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht
beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen
erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation
irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das
im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung
erweckt werde.Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf.
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die
Bedeutung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt
einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt
erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer
Privatheilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein
Diener erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu
rufen. Im Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird,
und daß die Untersuchung wegen des Verdachtes er-
folgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana-
lyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist
und ärztliche Untersuchung miteinschließt. Im Bewußt-
sein meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in
diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer
Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf
mich deutend: Den haben Sie mitgebracht, der ist ja ein
anständiger Mensch! Ich stehe dann ohne Diener in
einem großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich
an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben er-
innert. An einem Apparat sehe ich einen Kollegen ein-
gespannt, der allen Grund hätte, sich um mich zu be-
kümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt dann,
daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut
nicht und kann doch nicht gehen.Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum-
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen
meiner Absolution, wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des
Widerspruchs sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht
finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nicht-
zustandebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Wider-
spruches, ein „Nein“, wonach also die frühere Behauptung zu
korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.*)*)Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollständigen
Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wennS.
243
In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der
Bewegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten,
ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung
kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich
widersetzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen
Willenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die
motorische Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen
des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes
als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als
gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus
geeignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein“, das sich ihm
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so
nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst
ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom
Vorwubten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen
handeln, das einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine
sexuelle Regung.d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.
Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie
der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt,
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche
Veränderung das Traummateriai überhaupt für die Zwecke der Traum-
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummateriai, seiner
Relationen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt,
während gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Ele-
menten eine psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die
Verschiebungen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Er-
setzungen einer bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der
Assoziation irgendwie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung
dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt zweiter Elemente
ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den
Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben
wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt man
aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer Ver-
tauschung des sprachlichen Ausdruckes für den betreffendener seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel
wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter
für einen kleinen Mohren erklärte.) – Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr
sinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen
hatte ihn versteckt. – Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich
hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich
darf noch nicht gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume
von Goethe und dem Paralytiker (Seite 268).S.
244
Gedanken kund gibt. Es handelt sich beidemal um Verschiebung
längs einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver-
schiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver-
schiebung ist das einemal, daß ein Element durch ein anderes
substituiert wird, während im andern Falle ein Element seine Wort-
fassung gegen eine andere vertauscht.Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab-
surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver-
schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser
und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum
darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der
abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten
bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung
der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Inter-
essen der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche
gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückt, unbrauchbare Traum-
gedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen
diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als
vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit
bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die
konkreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge
anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen,
daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche
die gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheit-
lichen Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise,
durch passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor-
sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen
Gründen feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die
Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von
vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein
Gedicht in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei
Bedingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn aus-
drücken und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile
finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht
den Reim zu finden nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von
vornherein durch gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck
gewählt haben, der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang
entstehen läßt.In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so derS.
245
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle,
welche dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern.
Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu-
sagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangs-
vorstellungen, Phobien) benützen die Vorteile, die das Wort so zur
Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie
der Traum.*) Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des
Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend,
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird;
und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über-
tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein-
geschobener Redensarten auf das Traummateríal bezogen werden sollen.**)
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
angeführt („Der Mund geht gut auf“ im Injektionstraume; „Ich kann
noch nicht gehen“ im letzten Traume, S. 242) u. s. w. Ich werde nun
einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab-
strakten Gedankens eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher
Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer
scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren
Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein
bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über
den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume
dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz
oder stückweise auflösen.Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis
3/4 Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre
stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird.
Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter
sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau;
neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die
junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit-
*)[Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 – und die
„Wortbrücken“ in den Lösungen neurotischer Symptome.]**)Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifel-
haft, ob es:
a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation);
b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
c) symbolisch oder ob
d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. Trotz dieser Vieldeutigkeit
darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt,
verstanden zu werden, den Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet,
als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.S.
246
gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet
sich ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt,
die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch
oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters;
er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt
furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten
um die Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie
selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer
Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett
ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti-
vierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren.
(Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung
geheizt werden müßten.)Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der
Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die
Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine
Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be-
ziehungen der Träumerin, gelang es mir, Stücke von ihm selbständig
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter-
brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an
Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit-
glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als ein
Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig
(Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere
Schicksal desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem
die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den
Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben
Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten.„Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so heiß,
Als wie heimliche Liebe,
Von der niemand was weiß.“Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die
Kohle hinauf; „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange
dauern wird.“ Was so lange dauern wird, ist im TraumeS.
247
nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergän-
zen: die Vor
stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen,
ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet.“
Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Er-
wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch
die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegen-
sätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer
und der Kälte der jungen Frau beherrscht den Traum. Hier wie dort
übrigens ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem
Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum-
gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die
Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentüm-
lichen psychischen Material, dessen sich der Traum
bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen
Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige
bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die
Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst
in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
Diese Umleerung des Gedankeninhalts in eine andere Form kann sich
aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie-
hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden
wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent-
gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben.
Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll-
kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut
und Rüben“ also „Durcheinander“ und bedeutet demnach „Unordnung“.
Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges
Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine
allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein
bekannter Anspielungen und Wortsetzungen. Ein guter Teil dieser
Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen
und Volksgebräuchen gemeinsam.Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur-
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un-
bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um-
wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auchS.
248
bewußt werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker
erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für
die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern ich an anderer
Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen
Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich oder für ihn
charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im un-
bewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist
und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für
den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie
aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das
Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im un-
bewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller-
dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien
(reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren
Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be-
deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen
(„Loch“), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt u. s. w.
Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder
der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle
hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen
ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der
„Samen“, der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar
harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich
die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken
und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un-
deutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem
Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen
kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder
kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln
erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange
beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall
wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit be-
gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute
noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
mehr gefallen.a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd-
chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
dem Bissel Essen“ und sieht dabei soviel umgestürztes
Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in
Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beidenS.
249
Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie in
einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof
reicht.*)b) Haupttraum:**) Sie steigt von hoch herab***) übereigen-
tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus
vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua-
draten bestehen.****) Es ist eigentlich nicht zum Steigen
eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für
den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei
nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig
bleibt.†) Dabei trägt sie einen großen Ast in der Hand.††)
eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten
besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.†††) Dabei ist die
Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie gefüllte
Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Wäh-
rend des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich
zwei, später wieder einen.††††) Wie sie unten anlangt, sind
die unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht
dann unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben
solchen Baum, sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem
Holze dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab-
hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste aus
einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen,
wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen.
Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen
nehmen kann.§) Im Garten steht ein junger Mann (von
ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht,
um ihn zu fragen, wie man solche Äste in ihren eigenen
Garten umsetzen könne.§§) Er umfängt sie, worauf sie sich
sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn
so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist
erlaubt.§§§) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den
*)Zur Deutung dieses als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 229.
**)Ihr Lebenslauf.
***)Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.
****)Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
Vaterhauses auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.
†)Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß
sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.
††)Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.
†††)Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 232: Unschuld, Periode, Ka-
meliendame.
††††)Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen.
§)Ob man sich auch einen herunterreißen darf i. e. masturbieren.
§§)Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen.
§§§)Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.S.
250
anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen,
und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es
fehlen mir ohnedies drei Meter – (später sagt sie: Quadrat-
meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für
seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu ent-
-
schädigen, oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen,
einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden
hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.
Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der
im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen In-
halts dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine
Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also durch
ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung
führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man
sich, daß „to lift“ im Englischen aufheben bedeutet, also „Kleider
aufheben“.Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver-
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli-
sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten
sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen
ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser
genügen.e) Beispiele. – Rechnen und Reden im Traume.
Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu-
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be-
weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor-
stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen
Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig;
aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich,
daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen
soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn
ich nun allerlei aneinander reihe, was nur durch die Beziehung auf
den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer
Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der LeiterS.
251
Beispiele von Darstellungen im Traume.
wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich.
Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel-
haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und
nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen überhaupt
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes als
„mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Samm-
lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen
Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem
Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von
diesem Kinde hat sie gehört, daß er durch die Lage im
Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel sagt
der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form brin-
gen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt,
da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. – Dieser Traum
enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kinder-
eindrücke“, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur ge-
hört hat.Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft
das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des
Inhalts ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum
bedeutet „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traum-
gedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
worden, etwa durch „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und
überflüssig“ und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke
zur Darstellung gebracht: Wasser draußen, Wasser innen an den
Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und
„über“flüssig. –Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die
Darstellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine
ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret
gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne
gebraucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre
frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel
des Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. träumt jemand, daß
sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt
sich der Kasten durch einen „Schrank“ und der Traumgedanke
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner
Statt nämlich.S.
252
VI. Die Traumarbeit.
Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu
sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu
ordnen.Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene
Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fer-
tige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie
zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch
später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
„Stanniol“ und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissen-
schaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich
br> auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name
war im Bilderätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder-
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens-
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame
erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt
habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut
auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr
oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen
Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht
bekommen haben. Da ich gehört hatte, Gott sei allwissend, so
bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes.Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material,
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. Ge-
träume Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver-
heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner
Sammlung heraussuchen.I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt
ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was
tust du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieser Stückchen Traum war
mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung
ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter
in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine
Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
In drei Wochen, war deren Schuljahr zu Ende und damit endete
auch die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Instituts-
vorsteherin nahe gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das
Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar
bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle
auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf beziehtS.
253
sieh nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei
Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich
ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele Behandlungs-
stunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen,
werden im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein
tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money“, Zeit
hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer.
Die Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie
des Lehrjahres im Institut verkleinert.II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren
verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte,
Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und
ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
kein Unglück gewesen.Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigent-
lichen Anlaß des Vortrages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden,
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken,
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß
die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist als sie. Zur
Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im
Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Das
selbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit,
die ihrem Manne guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich
vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen
der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher
Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte.
Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des
Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr
zu beeilen.Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen:
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der
Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte.
Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich
nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin).
Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen
können!“ Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die
Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang ver-
S.
254
VI. Die Traumarbeit.
ändert haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und
Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir
so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein
besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu über-
winden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem
Traume ein absurdes Element enthalten ist, nämlich, daß zwei Per-
sonen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der
Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde
Detail des Trauminhalts den meistbetonten der Traumgedanken dar-
stellen soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer
ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen
enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur
Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet
worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht
der Gering-
schätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unter-
drückten Gedanken der Träumerin.III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt
sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah,
dann sind Sie 28 Jahre alt.Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen,
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen
können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige
Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete,
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren Rechnung. 1882
war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen,
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge-
setzten“ Herrn.Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu-
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichenS.
255
Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen
Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen
kenntlichen Reden.Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag,
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich
geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht
nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen-
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten,
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn
abgewonnen.*) Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum-
rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde-
mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus-
gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum-
rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere
Brocken verschiedenenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse
zusammengehalten werden.In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der
Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind*)In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich
kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen un-
willkürlich und widerwillig hört [halluziniert], ohne deren Bedeutung für ihr Seelen-
leben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse
zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich
verwendet hat „Leise, leise, fromme Waise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes:
Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „O du seelige, o du fröhliche“ ist der
Anfang eines Weihnachts-
liedes; indem sie es nicht bis zu „Weihnachtszeit“ fortsetzt,
macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Entstellungs-
mechanismus kann
sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird
einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in
jungen Jahren lernen mußte:„Nächtlich am Busento lispeln …?“
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
„Nächtlich am Busen“ begnügt.
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz-
technik nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustrationen
zu deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“, zu dem das
Zitat vorzeitig abgeschlossen war:„Und des frisch erkämpften Weibes
Freut sich der Atrid und strickt.
(Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
Seine Arme hochbeglückt.)]S.
256
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das
indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die
Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle ab
zugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig
hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst ge-
haltene oder gehörte Rede.Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt
traum“ auf Seite 129, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren,
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos
zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche
Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne
ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser
Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen,
um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie,
welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch die
selbe verraten hätte.Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
ergeben:Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden.
Er sagt: „Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen.“
(Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauer-
buben und fragt: „Na, hat’s geschmeckt?“ Der eine ant-
wortet: „Na, nö, gut war’s.“ Als ob es Menschenfleisch
gewesen wäre.Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven,
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund-
liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und
nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zu-
sammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt
ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen’s weg, das werden
Sie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner Frau
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der
Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. „Das
kann ich nicht sehen“, das auch im Traume nicht als eigentliche Rede
auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Reize der ein-
ladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu
schauen nicht begehrt.Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge-
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel-S.
257
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdi-
gung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar:
Ich bin Nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen
und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (ver-
storbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden
eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch
setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im
Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihn
auf der Straße im Gespräche mit meinem (verstorbenen)
Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie
einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen,
ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. er-
zählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel
Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die
Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an
mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P.
denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen
Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar
nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist.
Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: „Non vixit.“
Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke
wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden
krankhaft blau – und endlich löst er sich auf. Ich bin
ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch
Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war,
und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Person
nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch
den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.Dieser schöne Traum vereinigt so viele der trauminhalt-
rätselhaften Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst,
daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst
bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich „für mein
Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was ich nämlich im
Traume tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte
Sinn des Traumes zu Schaden geworden. So begnüge ich mich denn,
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes
zur Deutung herauszugreifen.Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch
einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und
unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die un-
verkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demon-
strator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Früh-
Freud, Traumdeutung. 2. Aufl.
S.
258
stunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins
Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur
Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und
bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwältigende
waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und
vor denen ich verging – wie P. im Traume der zu meiner Er-
leichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe
Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann
und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugend-
lichen Sünders von damals leicht versetzen können.Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übte, bis ich mich besann,
daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als
gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser-
Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu
lesen:Saluti patriae vixit
non diu sed totus.Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind-
seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar
nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige
Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals in den Arkaden
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal
Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissen-
schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be-
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren.
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit
dem Vornamen Josef.*)Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch Non vixit,
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt,
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal;
aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am*)Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zu-
spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten
Weg von der Kaiser Josef-Straße in die Währingerstraße zu machen hatte.S.
259
Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich
habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei dem
mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine
ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegen-
gesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch
erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen?
An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in
der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares’ Julius
Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glück-
lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil
er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche
Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den
ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn
ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine
andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke,
dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach
Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit.
Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien
gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und
könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den
Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten.*)Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten
vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als 14jähriger
Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals
aus England zu uns gekommen war, – auch so ein Revenant –,
denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm
wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir
unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und miteinander
gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal ange-
deutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit Alters-
genossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele Inkar-
nationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner
unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten.
Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß
Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in
späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt
worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater – sein
Großvater – zur Rede stellte: „Warum schlägst du den John? Sie
läutete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe ihn
ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinderszene
muß es sein, die non vixit zum non vixit ablenkt, denn in der
Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen – Wichsen;
die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu*)Dazu noch Cäsar-Kaiser.
S.
260
bedienen. Die in der Realität so wenig begründete Feindseligkeit
gegen meinen Freund P., der mir vielfach überlegen war und darum
auch eine Neuausgabe des Kinderspielen abgeben konnte, geht
sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John zurück.
Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.f) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im
Traume.Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Ele-
ment der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Unter-
suchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was
es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume
den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im
Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und
zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
Trauminhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume,
die – wie man zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
verloren:Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er
ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm
ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht
ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über
dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er
wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist
(da er doch schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt).
Die Augen sind so klar.Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man
sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst,
während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß
dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des
Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich
über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die
Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen
Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet
nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume
selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins
Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen
Kopf fällen wird, nämlich daß er zu schmal in der Querrichtung
von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs-
S.
261
material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat. Der
Vater hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder
Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen
die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit
wurde, zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war
unser Träumer Zeugen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen
Pistole dem Vater die Augen schwärzte (die Augen sind so
klar). – An der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters
zeigt, trug der Lebende, wenn er nachdenklich oder traurig war,
eine tiefe Längsfurche zur Schau. Daß diese Furche im Traume
durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung
des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen
photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte,
als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche
über die Stirn der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen
reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren,
denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische
Platte mit deren Abbild gesprungen.Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver-
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität
ist ein zugelassener oder gewollter.II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):
Der Vater hat nach seinem Tode eine politische
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt,
wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge
wie im Reichstage; eine Person, die auf einem oder auf zwei
Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere mich
daran, daß er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich
gesehen hat, und freue mich, daß diese Verheißung doch
wahr geworden ist.Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be-
deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den
Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Österreichs
eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem ReichstageS.
262
von Preßburg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur pro rege
nostro“*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater
von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen,
also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeignigt: – hier vermittelt die
Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf
dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung,
seine Wangen glühten rot und röter … unwillkürlich setzen wir
fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt,
das Gemeine.Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „post-
mortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach
seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge-
wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor,
bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver-
wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge-
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche
fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl-
entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglück-
lich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den
Vater stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen,
der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein
und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das
nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten?
Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, daß eine völlig
zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität
hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag,
im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den
Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein ge-
wollter, absichtlich hervorgerufener, ist.**)*) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge-
funden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als
dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer
bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner
Figuren; eine Reihe derselben behandelt den Greuel des Dreißigjährigen Krieges.**) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten,
handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung hervorgerufen
und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum
sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieses Rätsels eine sehr nahe-
liegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn der Vater noch
leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses „Wenn“ kann der Traum nicht anders
darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt z. B.
ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat, bei einer
Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe, der Großvater seiS.
263
III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein
Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir
die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein-
gegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner und gebe
Auftrag zu einem Bahnhofe zu fahren.“ Auf der Bahn-
strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren“
sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich
ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon
eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der
Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte
gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen
Einspänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene
Straße führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach
Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den
Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht er-
sparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung
zu den Aristokraten an mit der ich später noch zusammentreffen
werde. Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs
die Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an
die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staats-
wagen von Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich
aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher
identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt ab-
gesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“),
und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage,
daß ich ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unver-
ändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsverände-
rung, zuviel des Schönen an einem Tage zumute. Mein Bruder hatte
mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher
bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der
Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er
könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit
der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre.
Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine
Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In
Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge-
fahren“); ich hatte meinen Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit
der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der
Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch
an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ – „Wagen“ in den Traum einsetze, was
wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung
gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann
doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene
das nicht zu erleben braucht, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr
dreinzureden hat.S.
264
allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder gute
Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges
heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe
einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn
strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“) herstellt. Da ich
aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln
brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume ab-
sichtlich so gestaltet haben.In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen
oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden
Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas
Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den
Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Darstellung ver-
langt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und geistreichen
Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haus-
hälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen
konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich
mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu finden eine etwas
lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen“
und „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:Der Herr befiehlt’s,
Der Kutscher tut’s.
Ein jeder hat’s,
Im Grabe ruht’s.Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte
identisch mit dem ersten war:Der Herr befiehlt’s,
Der Kutscher tut’s.
Nicht jeder hat’s,
In der Wiege ruht’s.Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren
sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher
einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte, konnte
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbe-
ziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet:
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein.
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen
dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt
löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
vorgefahren.S.
265
Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt:
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un-
bewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird
somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider-
spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen
Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit
einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll die Disposition
der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch
zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum-
arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück
des latenten Inhalts in eine manifeste Form.*)Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana-
lyse gedeutete Traum von der Wagnervorstellung, die bis morgens
3⁄4 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert
wird u. s. w. (siehe Seite 245) will offenbar besagen: Das ist eine
verdrehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer’s verdient,
den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s, womit
sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint. – Daß
sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche
vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall.
Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume
in typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen
ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen
Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber
die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode
für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die
Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine
Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines
Anfalls bei mir not-
wendig war. Ich mache mich darüber
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben,
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf*)Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt
Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es
in noch schlechteren:Herr Ludwig ist ein großer Poet,
Und singt er, so stürzt Apollo
Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
„Halt ein, ich werde sonst toll oh!“S.
266
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden
mußte. Es war, als er für das Haus T... gearbeitet. Du
hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast
du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin,
was mir als unmittelbar folgend vorkommt.Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten
zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als
Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in
den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung
konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben
und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele
des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Vor-
aussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen.
Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur eine vor-
geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt
wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein
kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer,
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge-
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt,
daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sach-
verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich,
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un-
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr
erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital);
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen,
geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß-
helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr
erleichtert worden ist?Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traum-S.
267
gedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So
verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer etc.,
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen-
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor-
nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies,
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen
Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung
anderer als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur,
daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen
darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein-
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein,
enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge-
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren ein-
mal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be-
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be-
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen,
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken,
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater
zum Hofrat und Professor. Die größte und störendste Absurdität
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir
von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe-
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ,
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver-
S.
268
trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was
sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist für
mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe
Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr
auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.“
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige
Tage vorher zum Professor ernannt worden war.V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem
Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an-
gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht-
fertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen
Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber
bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für
Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung
nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse,
die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf-
zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff
auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war
Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir
plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber
nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben,
und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der
Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von
Goethe „Natur“ enthalten.Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch-
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig;
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be-
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klar zu legen;
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon,
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir
befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine
höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, dieS.
269
ein recht jugendlich und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be-
dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem
Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden.
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der
mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die
Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder-
gebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und daß der Unglückliche
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens
nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken,
als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist
man es selbst,“ hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den
zeitlichen Verhältnisse… ein wenig auf-
zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr
seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch
umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Traum-
inhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat,
was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute
den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom
Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker
von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ.Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines
Freundes zu der, meinige mache und mich an seine Stelle setze.
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus.
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver-
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich
kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit derS.
The provided text is a list of numbers, likely representing a sequence or a dataset. Since there's no specific question or task associated with it, I'll offer a few ways to interpret or analyze it, assuming common data analysis needs. **Interpretation and Potential Analysis:** 1. **Nature of the Numbers:** * All numbers are positive integers. * They range from 1 to 99. * There are no decimals, negative numbers, or non-numeric characters. 2. **Quantity:** * There are 100 numbers in total. This is a good sample size for basic statistical analysis. 3. **Basic Statistics (if this were a dataset):** * **Count:** 100 * **Minimum:** 1 * **Maximum:** 99 * **Range:** 99 - 1 = 98 * **Sum:** (Calculating this manually would be tedious, but a program could do it easily. Let's assume it's a sum of 100 numbers between 1 and 99.) * **Average (Mean):** Sum / 100 * **Median:** The 50th or 50th/51st value after sorting. * **Mode:** The most frequently occurring number(s). * **Standard Deviation/Variance:** Measures of spread. 4. **Distribution (Visualizing or Grouping):** * **Frequency Count:** How many times does each number appear? * Example: 1 appears 3 times, 2 appears 2 times, 3 appears 3 times, etc. * **Histogram:** Grouping numbers into bins (e.g., 1-10, 11-20, ..., 91-100) to see the shape of the distribution. Is it uniform, skewed, normal-like? * **Even/Odd Split:** How many even numbers vs. odd numbers? * **Prime Numbers:** How many prime numbers are in the list? 5. **Sequence Analysis (if order matters):** * Is there a pattern in the sequence? (e.g., increasing, decreasing, alternating, repeating blocks). * Are there any runs of the same number? * Are there any significant jumps or drops? 6. **Data Cleaning/Validation:** * Since the input is clean, no cleaning is needed. If there were non-numeric entries or out-of-range values, this step would be crucial. **Example of a simple frequency analysis (manual count for a few numbers):** * 1: 3 times * 2: 2 times * 3: 3 times * 4: 1 time * 5: 1 time * 6: 1 time * 7: 1 time *
S.
271
Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man nach
der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wieder-
sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.
Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem
Verbum „goiser“ und läßt sich am besten durch „unbefohlene Leiden,
Verhängnis“, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im
Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“. Un-
geseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk-
samkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch zunächst ratlos. Die
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug
gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständnis
die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der
ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene Kaviar fürs
Volk, „noble Passionen“; darin liegt eine scherzhafte Anspielung an
eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe,
daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus-
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen-
ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an
einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert
und ungesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten
hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen,
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen,
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er-
innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der
uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge-
wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse,
und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen,
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in die
Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde… Ich meinte: Hoffentlich ist
der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir unter-
dessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bilateralen
Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen:
„Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie der
Kyklop…“ Das führt nun zur Rede des Professors im Vortraume:
Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Hauptquelle für
das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn
des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, noch auf
der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der
Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie ein-
seitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch aufS.
272
VI. Die Traumarbeit.
das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden
heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent-
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landauf-
enthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere
Seite. „Was machen Sie für Geseres? herrschte er die
Mutter an. Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es
auch auf der anderen gut werden.“ Und so ward es auch.Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul-
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt,
ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten
übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund
lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen
lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch
ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig und ein-
seitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter Kyklop) und
die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um die Einseitig-
keit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitig-
keit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es
nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge wider-
spricht? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin sein Ab-
schiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin das Gegen-
teil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es handelt
gleichsam in Beachtung der bilateralen Symmetrie!So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu-
setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so
wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz,
der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom
Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen
durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur
toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich
einen Reiher von einem Falken unterscheiden.“*)Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen – und daß die*)Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz,
daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, auf dem
Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich
meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf
einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß
ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat,
ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.S.
273
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente – und eines vierten
noch zu erwähnenden – erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als
eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen Ver-
hältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren In-
halt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein-
wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus-
gewählten Beispielen erledigen.Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor
findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit
aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum-
gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde
in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen
Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man
nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den Emp-
findungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft,
gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die
Deutung des Traumes einzufügen.I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt.
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum-
stück, in dem ein „Mistrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinne-
rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz-
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre
nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Mistrügerls sein müsse.
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum-
darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil
über den ganzen Traum vertreten sein.S.
274
II. Ein ähnlicher Fall:
Einer meiner Patienten hat einen Traum,
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach
dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der
Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf
ein Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von
dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.*)III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser
und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß
ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen
habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir
einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration
führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau
Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einem
kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und
treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen
zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme,
nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine
Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort ge-
lassen hat.Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich
damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was
es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.**) Die Analyse
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi-
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin,
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer
Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können
den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las
ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A...y (woraus
ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner
Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes
ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem Ge-
burtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.*) Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich
dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoana-
lytischen Behandlung ent
spricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes und
wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt.**) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten
Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).S.
275
Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen.
IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort-
dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete:
„Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette
Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß
es doch wahr geworden ist.“ (Dazu eine vergessene
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in
diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten
Knaben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlich-
keit gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit
meinem Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das
Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu ver-
wenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch be-
friedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie
die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf
die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der
Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung
derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses
Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß
ihm damals der nämliche – beim Kinde und beim Sterbenden leicht
verzeihliche – Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch
des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen.
V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver-
bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen,
heraussuchen soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden,
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe,
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils-
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält-
nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel
vor, daß er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie das Er-
gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben“ wäre ein Beispiel
von Unsicherheit oder Zweifel im Traume.
Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute
eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum-
deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver-
mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen
Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich mich an die
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des18*
S.
276
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung
eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden
Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich
vorkommt“, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir
plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert:
„Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf „Natur,
Natur“, etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel plau-
sibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“
Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traume,
sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum-
gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich
dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der Traum-
gedanken.Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in
Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges,
aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich nicht
sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts anderes
als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen
Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann
man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der
Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten
Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein
beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der Zurückführung
unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke
der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber
anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träumen eine
psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang
herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer
sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen
jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung
beteiligten Momente später würdigen werden.VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zu-
schrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge-
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz
in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem
Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 ge-
boren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die
Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken
herrschende Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeit-
raum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser
Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken
anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld derS.
277
Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes.
Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur
zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume
verkehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an
einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges
Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren, wann? 1856. – Patre?
Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung,
und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen
des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht
jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes
nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material
in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues.
Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher
lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band
eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem
Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traum-
gedanken dar.*)Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner
Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an
meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich
„fertig“ werden würde. Da entschloß ich mich, schnell, meine
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig; trotz des Aufschubs.
Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern
trotzig entgegenhalte: „Und wenn Ihr es auch nicht glauben wollt,
weil ich mir Zeit lasse: ich werde doch fertig, ich komme doch zum
Schluß. Es ist schon oft so gegangen.“Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze,
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen
kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im
Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig,
denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt,
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich
auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer
derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus
der früheren Analyse (Seite 266), daß dieser Traum auf dem Boden
von tief erbitterten und hohngestränkten Traumgedanken erwachsen ist;*)Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben
über die Darstellung der logischen Relationen (Seite 228). Letztere beschreiben das
allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und
sorgfältigsten Leistungen derselben.S.
278
wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke an-
nehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine
tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach
dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen
Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier
doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß
Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es
ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein
+ und —, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der
diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Ope-
rationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber
dann beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf
folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, daß
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf-
lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt
geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So muß
ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre,
mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemüts-
leben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Er-
innerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und unterste
Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten,
denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neu-
gewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären,
nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht
am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner
Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei
weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen
spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 181.) Und doch ist nach
meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur
Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in
ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare
Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so
früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß
meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung,
wenn gerade das Material diesen Schlüsse, deren Beanständung
ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier
Schlüsse verwendet wird.VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich
ausgesprochen.„Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge-
stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä-
paration meines eigenen Untergestells, Becken und
Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne
den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur vonS.
279
Verwunderung im Traume.
Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei
mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die
obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich ver-
mengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch
im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch
mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber
lag und zerknülltem Silberpapier glich.*) Dann war ich
wieder im Besitze meiner Beine und machte einen Weg
durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen.
Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor
hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang
passieren ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich
weiter ins Freie führt.**) Schließlich wanderte ich mit
einem alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch
wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er
mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden
war sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen am
Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder
Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden
mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung,
daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich
kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes
Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und
legte zwei bereit stehende Holzbretter auf das Fenster-
brett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom
Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirk-
lich Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Über-
ganges sah ich aber zwei erwachsene Männer auf Holz
bänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und
wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht
die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermög-
lichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck.Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus-
giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor-
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang
entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver-
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar
genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit
assistiert. „Leih’ mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She“ von
Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von
verstecktem Sinne“, will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib-*)Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 252.
**) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.S.
280
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte – „Da unterbricht sie
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts eige-
nes? – „Nein, meine
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ – Also
wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die,
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es
mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich soviel
vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu
schicken. „Das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben
doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die mir im
Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume
verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht
hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es
sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an
die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt
zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir
nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von Rider Haggard
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben
Autors, Heart of the world, geht das Urteil „sonderbar genug“,
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über-
schreiten ist, stammen aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das
Holzhaus aus „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau
die Führerin in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen,
in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je
Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie
weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She“ endet das
Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die Un-
sterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet.
Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das
Grab. Also in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken
durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück
geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war
ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer
mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette von
zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere des
Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der
Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen sollst,
so sei es das Etruskergrab,“ und mit dieser Unterschiebung ver-
wandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. LeiderS.
281
kann er, wie wir hören, nur die den Affekt begleitende Vor-
stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt
selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf, nachdem sich
noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder er-
reichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche An-
spielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person
durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird.VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume
Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten
und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen
den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der
Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse
besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der
Südbahnstrecke und höre im Schlafe: „Hollthurm 10 Minuten“
ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien – ein natur-
historisches Museum –, daß hier ein Ort ist, wo sich
tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
Landesherrn gewehrt haben. – Ja die Gegenreformation
in Österreich! – Als ob es ein Ort in Steiermark oder
Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum,
in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer auf-
bewahrt werden. Ich möchte aussteigen, verzögere es
aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie
kauern auf dem Boden und halten die Körbe so einladend
hin. Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit
haben, und jetzt stehen wir noch immer. – Ich bin plötz-
lich in einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze
so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die
Lehne stößt.*) Ich wundere mich darüber, aber ich kann
ja im schlafenden Zustand umgestiegen sein. Mehrere Leute,
darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe
Bücher deutlich auf einem Gestell an der Wand. Ich sehe
„Wealth of nations“, „Matter and Motions“ (von Maxwell),
dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt
die Schwester nach einem Buche von Schiller, ob sie das
vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen,
bald die der Beiden. Ich möchte mich da bestätigend
oder unterstützend ins Gespräch mengen – – – – –. Ich
wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen
sind. Der Zug hält in Marburg.Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister-*)Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge
dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.S.
282
VI. Die Traumarbeit.
paare auf ein gewisses Werk: It is from
mich aber: It is by… Der Mann bemerkt zur Schwester:
Er hat es ja richtig gesagt.Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der
Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten
oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die
Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich
nicht im steirischen, geboren ist.*) Nun reiste ich diesmal, obwohl
erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war
überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame an
getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart besaßen
oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den
Eindringling, irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde
nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen
die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber
am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; die
Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen
der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger
bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig ab-
geschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahrungen
kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die
ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der Kondukteur
kam und ich mein teuer erkauftes Billett vorzeigte, tönte es aus
dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: „Mein Mann hat
Legitimation.“ Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten
Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher
Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos
da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche
Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht
ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen ich hinter den
abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies
Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das
Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, und ohne
daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß
es nicht im geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald
meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung
ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den
Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu
erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte
mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine*)[Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren,
wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder
einer jener Irrtümer (vgl. Seite 139), die sich als Ersatz für eine absichtliche Ver-
fälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho-
pathologie des Alltagslebens“ versucht habe.]S.
283
Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustand den Wagen
verlassen haben, ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die
Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Per-
sonen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen,
ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu ver-
raten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen
und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen
Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also noch
im Traume den meinigen.Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum-
arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose
eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle
von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der
kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Neigungen
anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur
Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von schweren
Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm
das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, sich von allen
Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden seien;
ent-
zog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so blieb ihm
die peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte
ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie
dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“. Wegen der Unmöglich-
keit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen auf und
verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier Wänden. In
sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung beständig Nachrichten
von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein Gewissen
wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er der gesuchte
Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine Wohnung
nicht verlassen habe, schützte ihn in eine Weile gegen diese Anklagen,
bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein
Haus im bewußtlosen Zustand verlassen und so den Mord
begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da
an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haus-
hälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein
Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen.Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt-
losen Zustand umgestiegen bin – er ist aus dem Material der
Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im
Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten
zu identifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch nahe-
liegende Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige
Wochen vorher die letzte Nachreise gemacht. Er war geheilt, be-
gleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen;
wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurchS.
284
VI. Die Traumarbeit.
offen und hatten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten.
Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner
Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung
gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich
mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst
sich auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
nächtlichen Reisegefährten sich darum so abwesend gegen mich be-
nehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten
nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie
aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahr-
scheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der
Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus ver-
trieben wird.Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent-
nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung
eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an-
gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung,
gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt
verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen
Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir
unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht
regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo
sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traum-
elemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden
es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu
beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit den Affekten
zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.g) Die Affekte im Traume.
Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker77) hat uns auf-
merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die
geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht
den Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume
vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die
Furcht ist real,“ und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume
freue. Nach dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume
erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten
von gleicher Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungs-
inhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter
die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir
bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stande, weil wir
einen Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der
Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vor-
stellung der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird
unser waches Urteil irre.S.
285
An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor
stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als
notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell äußerte,
im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten
entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vor-
kommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der
zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin
im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation,
verspüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu; hingegen ent-
setze ich mich andere Male über harmlose, und freue mich über
kindische Dinge.Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so
vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom
manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit
seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr.
Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver-
schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während
die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß
der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum er-
halten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine
frühere Stelle eingesetzt hat.An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil,
der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann.
Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den
Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner
Qualität nach; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro-
tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wundert,
daß er sich von einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder der
Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so
peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den Vor-
stellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit – für das Wesent-
liche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen Vorstellungs-
inhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die Psycho-
analyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegenteil
den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, durch
eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei,
daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare
organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt
sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß
sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt,
daß dies in der Tat der Fall ist.Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt,
der Affektentbindung erzwingen sollte.S.
286
I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann
muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will
auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die
französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w.
Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden:
Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen solchen
Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre englische
Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Bekannter
hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also die drei
Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? – Sie hat eine
Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen zum Auf-
stand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner Rettung
auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung
Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt,
aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und siebe sie
durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige, aber
nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird,
warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger be-
mühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hinein-
zukriechen, aber sein Vordermann war schon oben. Das ganze
Material wird verständlich, wenn man erfährt, daß die Dame am
Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres Mannes empfangen
hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und sie
fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl er ein sehr „großes
Tier“ ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines „Löwen
der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem
Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnock, der Schreiner
demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht
fürchtet.
II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens
heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg
liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und
keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht.
Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wieder-
zusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein und
nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlaß.
In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens
noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu
ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des
Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner
zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume
untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente
hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir bei den Urteilsakten
des Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken
S.
287
ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen solchen;
aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material ver-
schoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem
Prinzip der Gegensätzlichkeit.Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum-
beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht
direkt am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, der
ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich
stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, vor
dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben.
Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der Be-
satzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von
feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand
befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er-
teilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle
zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit
den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom-
bardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden.
Er atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nötigen-
falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er
noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe
ihn wohl mit den Fragen überflüssigerweise ange-
strengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Ein-
druck macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben
wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigen und
als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere
die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf
dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit
mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die
ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor-
traume). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen
beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiffe
erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff.
Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurück-
kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines
Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in
seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentüm-
liche becher- oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie
aus einem Munde: Das ist das Frühstücksschiff.Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des
Wassers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen
einen hochgespannten, düsteren Eindruck.S.
288
Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja).
Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem
Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer
Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und
an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika
lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses
Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt
ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben,
daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer
anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke
ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des Schreckens. Die
Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traume so
erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja
kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte,
und es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses
bei dem Anblicke des Kriegs-
schiffes erschrecke. Nun weist aber die
Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes
Ich ist (im Traume bin ich ein Ersatzmann). Ich bin der Gouver-
neur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der
Zukunft der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer
peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck,
der im Traume an den Anblick des Kriegs-
schiffes gelötet ist, muß
von dort losgemacht und hieher gesetzt werden. Umgekehrt zeigt
die Analyse, daß die Region der Traum-
gedanken, aus der das
Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt
ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem
zauberhaft schönen Tage an den Fenstern unseres Zimmers auf der
Riva Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute
mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden englische
Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten, und plötz-
lich rief meine Frau heiter wie ein Kind: Da kommt das
englische Kriegs-
schiff! Im Traume erschrecke ich bei den
nämlichsten Worten; wir sehen wieder, daß Rede im Traume von
Rede im Leben abstammt. Daß auch das Element „englisch“ in
dieser Rede für die Traum-
arbeit nicht verloren gegangen ist, werde
ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traum-
gedanken
und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur anzu-
deuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten
Trauminhalts zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß
es der Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen
in den Traumgedanken zu lösen und beliebig wo anders im Traum-
inhalt einzufügen.
Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene
Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu unter-S.
289
ziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt
mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden
in seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlich-
keit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etrus-
kischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige
Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie
Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer
modernen Service für den Frühstückstisch. Auf Befragen erfuhren
wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke-
und Puderbüchsen darauf, und wir sagten uns im Scherze, es wäre
nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt
bedeutet also – schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf
einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt
an den „Nachen“ vom Stamme νέκυς, wie mein sprachgelehrter Freund
mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meere
zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich, warum im Traume
die Schiffe zurückkehren.„Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.“
Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruche, der Frühstücks-
schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
„Frühstücks“schiff? Hier kommt nun das „Englische“ zur Verwendung,
das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = break-
fast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder zum Schiff-
bruche, das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an.An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der
heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja
mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine
Flasche des vorzüglichen istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und
während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam
in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein-
zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein,
das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh-
stücksschiff“, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten Lebens-
genusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an eine
unbekannte und unheimliche Zukunft.Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei
der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesent-
lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken
zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo
sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum-
gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen
affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er
hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe,S.
290
so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen-
regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die
ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück,
so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls-
ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch
oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten
gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine
Unterdrückung der Affekte zu stande gebracht. Man nehme
z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht
im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit,
so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es
mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene
Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben,
sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete
Pflanzen sind jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines
Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.
Es kann auch anders ausfallen, in dem Traume selbst können
lebhafte Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
Ergriffenheit versetzen kann.Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung
während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge-
danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich
– aus anderen Gründen – genötigt mir als einen zentrifugalen,
gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den
motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im
Schlafzustand die Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen-
welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Erweckung
von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes
erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der
Traumgedanken zu stande kommen, wären also an und für sich
schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch
nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung
der Affekte“ überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine
Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammen-
gesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wider-
streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch-
bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im un-
bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra-
diktatorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge-
dankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großenS.
291
kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als
Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die
Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die
Affekthemmung wäre dann der zweite Erfolg der Traum-
zensur, wie die Traumdarstellung deren erster war.
Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
Empfindungston des Trauminhalts durch die Gegensätzlichkeit in den
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen
Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen
wird:IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im
Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes
Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit
Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische.
Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank;
ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kotpatzen
lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob
am Ende noch etwas übrig bliebe.Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt
hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den
Herkules reinigt. Diesen Herkules bin ich. Die Anhöhe und das
Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich
habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch
meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis
auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels,
das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie
mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung
fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine
Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten
bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,
der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So
löscht Gulliver bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht
sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu.
Aber auch Gargantua, der Übermensch bei Meister Rabelais,
nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame
reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnierschen
Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem
Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß
ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf
den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufels-
fratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so
rasch verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt,S.
292
mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über
schreiben werde.Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend
stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit
den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, miß
fiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war
müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte
mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutze, nach meinen
Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung
ging ich vom Hörsaal in ein Café, um dort in freier Luft einen be
scheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich verlassen.
Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis
dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an meinem
Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wie viel er
bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe,
daß ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neuro
senlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine
Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem
Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor
dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von C. F.
Meyer „Die Leiden eines Knaben“.Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle
von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vergl.
den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung
von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als
sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte.
Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von
kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung rege und hob die
erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in
demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung
den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte
ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung
der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte
aber mit Lust betonte, Gedankenzug des Größenwahns zu dem des
Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar
gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur
dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung
gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht.Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken
noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte
herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver
kehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß
jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar
¿S.
293
stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein,
ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang
entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhalts hat sich offen
bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren
bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon-
trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige
assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor-
stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede
andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber
auch häufig das Werk der Wunscherfüllung; denn die Wunscherfüllung
besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen
Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen
können also auch die Affekte der Traumgedanken im Traume ins
Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese
Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur bewerkstelligt wird.
Affektunterdrückung wie Affektverkehrung dienen ja
auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traum-
zensur gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich münd-
lich mit der Person verkehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen
muß, während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe
wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge,
als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich
zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite diese aber mit einem
Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die
Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als
wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen
hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unter-
drücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich
den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und
mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt-
verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume
„von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen
Freund R., während und weil die Traumgedanken ihm Schwach-
kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte
haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum-
zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die
Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft;
sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit-
liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr-
motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt-
erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich
aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt),
denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 259) bei
mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.S.
294
Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver-
kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traum-
gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn-
thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier
noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die
etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen.V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich
im Traume selbst das dazu gehörige Grauen. Dies ist
nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation be-
deutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung
des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war,
daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskripts um mehr als ein
Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich
über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver-
spüre ich im Traume kein „Grauen“. Das „Grauen“ im anderen
Sinne möchte ich auch gern vermissen; es graut bei mir schon
ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht
länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlusse des Traumes
der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern
überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu
kommen.In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
Befriedigung das einmal motiviert durch die Erwartung, „ich werde
jetzt erfahren, was es heißt, ich habe schon davon geträumt“, und
bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere
mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich
durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist
die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind
hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu.
Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug
aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und
deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich
nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt
aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein-
schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel
selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine
Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe
in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb-
hafte Regung zu stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem
Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu
äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter-
S.
295
drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äuße-
rungen und Gedanken des Bedauerns. Jedermals wird sich in
solcher Lage schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß
die gehaßte Person sich durch eine Überschreitung eine wohl-
verdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung
darüber freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe ge-
troffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen
anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung
machen, daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der an-
deren; sie hat einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten,
der bis dahin von der inneren Zensur verhindert war, Affekt zu
liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr gehindert
wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu, wo anti-
pathische Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen Minorität
eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht dann ge-
wöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden vermehrt
um das bisher effektlose Übelwollen, das sich gegen sie richtet. Die
Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden
aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung,
welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung
in ihrem Innern bereitet. In welchen Fällen ist der Affekt seiner
Qualität nach zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in
dem einen Punkte beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht
die Prüfung des zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet
ist, so drängen sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich
einzulassen beabsichtigte.Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über-
schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten
Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver-
bindung herstellen können, und für deren Affektentbindung die ein-
spruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung er-
öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der
unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht
ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge
fassen dürfen. Ebensowiel Beachtung verdienen die Fälle, in denen
die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver-
stärkung, einen pathologischen Effekt zu stande bringen. Diese an-
deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun
zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden.
Eine Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich
alsbald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist
durch diesen Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt.
In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den Traum-
S.
296
gedanken aufzusuchen haben, auf welche der Druck der Zensur
lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den
gegenteiligen Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit
der ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungs-
affekt der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der
Befriedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die
Affekte im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und
als überdeterminiert in bezug auf das Material der Traumgedanken;
Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern können,
treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zu-
sammen.*)Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“
den Mittelpunkt bildet (vgl. Seite 257). In diesem Traume sind die
Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des
manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feindselige und peinliche
Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten
ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich
ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen
als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die
man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit-
geteilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis
des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den
ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß er sich
einer Operation unterziehen werde, und daß in Wien lebende Ver-
wandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden.
Diese ersten Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich
und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist,
aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden
behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traum-
gedanken erfahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes
fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich
wußte, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im
Traume: Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in
¾ Stunden war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß
seine eigene Natur nicht viel resistenter sei und mir vorgestellt, daß
ich auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und
zu spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.**)
Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des*)[Analog habe ich später die außerordentlich starke Lustwirkung der tenden-
ziösen Witze erklärt.]**)Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
„non vivit“ anstatt „non vixit“ verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht
mehr.“ Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf „non vivit“ zielt, ist
Seite 258 angegeben worden.S.
297
Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der
der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem
fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was
diese Ablenkung der Szene zu stande gebracht, wird sich bald er-
geben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren,
wie ich sie erlebt habe. Es läßt zwar dem anderen die blauen
Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung,
die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das
Leben des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine
Beschämung (er ist unauffällig zu mir) nach Wien gekommen), mein
Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, das
alles setzt den Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe deutlich ver-
spürt, in jener Region der Traumgedanken tobt.
An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was
auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un-
günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt
ich auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem
zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen
in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wußte
zwar, daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging,
sondern einer Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des ver-
mittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vor-
wurfe sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz unberechtigt war.
Andere Vorwürfe als solche, an denen „etwas daran ist“, haften be-
kanntlich nicht keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren
hatte ich zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner
Ehrung so nennen wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert,
was der eine über den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe,
die ich damals zu hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine
der beiden Freunde, zwischen denen ich damals den Unfrieden-
stifter machte, war Professor Fleischl; der andere kann durch den
Vornamen Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund
und Gegner P. führte, ersetzt werden.
Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver-
möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage
Fls., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt
habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den
Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich
im Brückeschen Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die
zweite Person in der Vernichtungsszene des Traumes durch einen
Josef ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf
darstellen, daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Ver-
drängung stärker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bewahre. Die
Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren
Motive werden hier augenfällig.S.
298
Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung,
nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger
Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,
welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilismus. Ich habe schon
erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften
mit Gleichaltrigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein
Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war,
ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich mit-
einander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen
älterer Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle
meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten
Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants.
Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals
führten wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund
und ein gehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse
meines Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu
verschaffen, und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit
her, daß Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen,
natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Ab-
wechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen
sein mag.Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann,
um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte
ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten
Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf-
klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum-
deutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine
solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die bei-
den Kinder geraten in Streit miteinander um ein Objekt, – welches,
lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungs-
täuschung ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er
seifrühergekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur
Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Trau-
mes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irr-
tum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere,
behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive
Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch
die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn
gelagt, weil er mich gelagt hat; so ist diese Erinnerung oder
wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des
Traumes – ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie – auf-
drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum-
gedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnenschale die zu-
geleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen die TraumgedankenS.
299
in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den
Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver-
drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich
die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
einmünden. Ein solches „Ôte-toi que je m’y mette“ mußte ich seiner
zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er
war in meine Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium
getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden
Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig.
Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein
intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner Ungeduld
gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer
Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem
Sinne, durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebenbedeutung zu
lassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche
Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter
gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung
gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er-
öffnet. Shakespeares Prinz Hal kann sich nicht einmal am Bett
des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren,
wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich,
diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm.*)
„Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil er
nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räumen, darum
ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich un-
mittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem
anderen gesetzten Denkmals beigewohnt habe. Ein Teil meiner im
Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe; es
ist dir recht geschehen.
Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so
gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des
wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung
stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: Es
ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zu Grabe
geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte
den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen
Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm
reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue wieder
jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er,
*)Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in
meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen,
kann ich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch
der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.S.
300
daß ich den Platz behaupte wie damals in der phantasierten Kinder-
szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber,
daß ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum
aufgenommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe,
ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen Ehe-
gatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris.“ Es
ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der eine bin.
Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung
dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich
als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen
man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die Re-
venants nur so lange bestehen, als man sie mag, und daß sie durch
den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das, wofür mein
Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind aber die auf-
einander folgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes; ich bin
also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer wieder
ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im Begriffe
bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich.
Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht
den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der
rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung
nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Ge-
dankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung
ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der verbotenen infantilen
Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich mir
bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele
teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch Auf-
lösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt
haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet,
als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man
nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten
werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen
Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinüber-
nehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung
aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich
die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich
seinen Weg in die Darstellung gebahnt.
Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen
anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf.
Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen
bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester be-
trauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe
übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen
würde ihm den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.
So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
des latenten Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegen-
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Die Traumdeutung 1900-001/1909