Die Traumdeutung 1900-001/1909
  • S.

    VI.

    Die Traumarbeit.

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
    ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani-
    festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum-
    deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten,
    ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt
    zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt
    gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die
    Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein:
    der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder
    die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
    Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt
    darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge-
    geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Traum-
    inhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach-
    zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere
    geworden ist.

    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar-
    stellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder
    besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung
    der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen
    und Fügungsgesetze wie die Vergleichung von Original und
    Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns
    ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der
    Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen
    einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind.
    Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen
    nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
    wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus,
    auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe,
    dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl.
    Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und
    deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht
    auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht

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    204

    laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das
    Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen
    Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die
    richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn
    ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
    Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe
    oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung
    durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen-
    finden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und
    sinnreichsten Dichtersprnch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist
    nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum-
    deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische
    Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig
    und wertlos.

    a) Die Verdichtungsarbeit.

    Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
    Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß-
    artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist
    knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur
    Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder-
    geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken
    enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum.
    Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert,
    soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel
    unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man
    die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material
    hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume ver-
    steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen
    müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll-
    ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend
    und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch
    ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Ver-
    dichtungsquote ist also – streng genommen – unbestimmbar.
    Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis
    zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen
    sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials
    bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für
    den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft
    die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch
    geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum,
    den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der
    gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang
    gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran
    ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobach-
    tung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,

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    wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und
    daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr
    lückenhaft wird. Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß
    die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro-
    duzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung
    späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung
    in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum-
    vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen
    erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des
    Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes
    für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
    Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist
    eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter-
    gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken
    bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie-
    benen kennen.

    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
    Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhalts beibringt,
    wird sich bei manchem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man
    denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu
    den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese
    Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen
    und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr
    während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die
    an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur
    bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während
    der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
    jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen
    Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer
    Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
    Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand
    anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl
    der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muß man zu-
    gestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind,
    denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer
    Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat,
    stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt
    vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht
    anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche
    hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als
    das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,
    wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.

    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
    des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle
    die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander
    durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von

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    verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich
    meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen
    Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
    Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken
    handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der,
    welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nach-
    denken in uns wahrnehmen.

    Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich-
    tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdich-
    tung nun zu stande?

    Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken
    nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume
    vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe
    auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine
    getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der
    Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte
    Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden
    werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr
    und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum-
    gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be-
    stimmen die Auswahl derselben?

    Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
    Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die
    gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
    dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird
    für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den
    auf Seite 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.
    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über
    eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben.
    Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein-
    geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein
    getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden.
    Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
    Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages;
    in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
    Monographie über die Gattung „Zyklamen“ gesehen. Die
    Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
    Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
    „botanische Monographie“ erweist sofort ihre Beziehung zu der
    Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain
    aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu
    gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu
    meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der Ver-
    wertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K.
    knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das
    ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über

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    die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch
    ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie über
    Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie
    ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes
    als ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des
    Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit
    dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziations-
    verbindungen verknüpft.

    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische
    Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“ und
    „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer
    und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „botanisch“
    gehören die Erinnerungen an die Person des Professors Gärtner, an
    seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora heißt, und an
    die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen Blumen
    erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Laboratorium und
    auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe Gespräch gehört
    die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit den
    Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen meiner
    Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen
    Monographie liegt. Außerdem erinnert „botanisch“ an eine Gymna-
    sialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, und ein neues
    in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, das meiner Liebhabereien
    knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft sogenannten
    Lieblingsblume, der „Artischocke“ an die von den vergessenen
    Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Artischocke“ steckt
    die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderszene ander-
    seits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu
    Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein wahrer Knotenpunkt,
    in welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammen-
    treffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Gespräche mit Fug
    und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet
    sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-
    Meisterstück.

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
    Die Fäden ungesehen fließen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

    „Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
    an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
    Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
    daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den
    Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten
    Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können,
    also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum-
     

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    gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung
    vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende
    Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente
    des Trauminhalts erweist sich als überdeterminiert, als mehr-
    fach in den Traumgedanken vertreten.

    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des
    Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
    farbige Tafel, die ich aufschlage, zeigt (vergl. die Analyse Seite 121)
    auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten,
    und auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer
    dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen
    Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an das
    Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung besonders
    hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen Traum-
    inhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des Traumes
    sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert, sondern die
    einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch mehrere Ele-
    mente vertreten. Von einem Element des Traumes führt der Asso-
    ziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traumgedanken
    zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht
    so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen
    eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste
    Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus
    einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze
    Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach
    welcher die meist- und bestunterstützten Elemente sich für den Ein-
    tritt in den Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl durch Listen-
    skrutinium analog. Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zer-
    gliederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt,
    daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der Traumgedanken
    gebildet werden, und daß jedes von ihnen in bezug auf die Traum-
    gedanken mehrfach determiniert erscheint.

    Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
    und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
    sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be-
    ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her,
    den ich wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es wird sich
    bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese ausnehmend
    geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:

    II. „Ein schöner Traum.“

    Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in
    der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet
    (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird
    Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schau-
    spieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen,

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    um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des Per-
    sonals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer
    in die des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die
    oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig sind,
    so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben,
    er unten, und er ärgert sich über den Bruder, daß man so
    gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) Es war übrigens schon
    beim Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer oben und
    wer unten sein soll. Dann geht er allein über die An-
    höhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, und
    geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von der Stelle
    kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und schimpft
    über den König von Italien. Am Ende der Anhöhe geht
    er dann viel leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach
    dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
    keit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben
    können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen,
    welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.

    Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde,
    das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der
    Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Vereine
    mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch vor-
    getäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem
    Traume eigentümliche Sensation der Gehemmung aus den Exkibi-
    tionsträumen und finden hier wieder, daß sie als ein allezeit bereit
    liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen Darstellung
    verwendet wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt,
    wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der Anhöhe
    leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes an die
    bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho“ von A. Daudet.
    Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfäng-
    lich wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie
    auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des
    Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mahnen
    will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft
    und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden. Obwohl ich wußte,
    daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame
    vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht,
    meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der
    Sappho umgekehrt wie im Traume; in letzterem war das Steigen
    anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman diente es der Sym-
    bolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende
    als eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der
    Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes, das

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    er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß: „Rund
    um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das zuerst
    anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit hoch-
    stehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe kommt“, end-
    lich aber immer mehr „herunter kommt“. Das Stück hatte ihn
    auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, welches den Titel
    trug: „Von Stufe zu Stufe“, und auf dessen Ankündigung eine
    aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau-
    spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
    hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht.
    Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver-
    brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen.
    Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: Ich bin froh, daß
    ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe: (Übrigens auch eine
    seiner Phobien.) Der Kutscher darauf: Wie kann man aber da ab-
    steigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr-
    wirtshaus.

    An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung
    eines Zitats:

    „Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste.“

    Der Wirt im Uhlandschen Gedichte ist aber ein Apfelbaum.

    Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:

    Faust (mit der Jungen tanzend).
    Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
    Da sah ich einen Apfelbaum,
    Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
    Sie reizten mich, ich stieg hinan.

    Die Schöne.

    Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
    Und schon vom Paradiese her.
    Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
    Daß auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel-
    baume und den Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch
    obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen
    Träumer gefesselt hatte.

    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
    anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
    zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme

  • S.

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    des jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der
    Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl
    als die Sappho Daudet erscheinen als Anspielung auf die vor
    kurzem verlassene Geliebte.

    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
    und zwar ist dieser o b e n, er selbst u n t e n. Dies ist wieder eine
    Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie
    mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie er-
    halten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Trauminhalts
    zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen. Es
    wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei uns
    von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen und Stellung
    eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man „herunter-
    gekommen“ gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, daß an
    dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die Um-
    kehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traumgedanken
    und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, wie diese
    Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes, wo es
    sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der
    Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist:
    In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen
    stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also u m g e-
    kehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich
    nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder auf die
    Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes
    trifft es also, die Sappho und die Amme in der nämlichen Andeutung
    darzustellen.

    Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung auf
    eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes,
    in denen Personen o b e n und u n t e n beschäftigt sind, auf Phantasien
    sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte
    Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß
    es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind,
    die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst
    nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt
    es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phantasierte
    Begebenheiten erscheinen hier – und nicht nur hier, auch bei der
    Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der Träume – zunächst
    als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen,
    Geheimnis. Der Bruder ist nichts anderes, als der in die Kindheits-
    szene durch „Zurückphantasieren“ eingetragene Vertreter aller späteren
    Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den
    König von Italien schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines
    rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Ein-
    drängen von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist,
    als ob der Warnung, welche Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähn-

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    VI. Die Traumarbeit.

    liche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gestellt werden
    sollte.*)

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
    Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines
    anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer
    Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen
    entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über-
    reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs
    ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung
    nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere
    Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.

    III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Mai-
    käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit
    geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die
    Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum
    geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom
    Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster
    schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äuße-
    rungen des Ekels).

    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
    schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
    merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt
    es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am Morgen.
    In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes
    Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. Dies sind
    die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema von der
    Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie weiter. Ihre Tochter
    war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend zum Sommer wohnten,
    sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine Schmetterling-
    sammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur Tötung der
    Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter mit der Nadel
    durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog; ein andermal
    fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt wurden,
    verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem Alter Käfern
    und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute würde sie vor all
    diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie ist sehr gutmütig
    geworden.

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
    Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er in
    Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles
    und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der

    *)Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen
    Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in
    diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 145 erwähnte
    Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht
    besser ausgenützt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.

  • S.

    213

    Aristokrat, der das Gänschen verführt; der adelig
    fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht an-
    sehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen
    geplagt wird?

    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlung
    anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder
    wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da-
    mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß
    und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat
    auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie
    den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es
    aber keineswegs.

    Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt
    und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
    so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als
    Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
    Verehrers.*)

    Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes
    Buch von Maupassant in die Hand bekommen.**) Der Arsenik,
    den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
    dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.

    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
     

    „Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
    Doch geb’ ich dir die Freiheit nicht.“

     

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens:***)
     

    „Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“

     

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt –“

    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
    Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl-
    reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un-
    bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine
    „Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser
    Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er-
    zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in ihren
    Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Imperativ
    erschreckt wurde: „Häng’ dich auf.“ Es ergab sich, daß sie einige
    Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich eine
    kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der
    in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder-
    kehrte. „Häng’ dich auf“, besagte so viel als „Verschaff’ dir eine

    *)Dies ist der eigentliche Traumerreger.

    **)Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst
    hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

    ***)Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dichters:
    Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    214

    Erektion um jeden Preis“. Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im
    Nabob gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt,
    daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zer-
    quetschen von Käfern bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen
    Sinn zielt der Hauptbestandteil des Trauminhalts.
    Das Fensteröffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe-
    renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob.
    Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen
    zu klagen gehabt hat.

    In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die
    Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
    gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
    augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse
    bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit
    ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Überdetermi-
    nierung des Trauminhalts an ihm zu erweisen. Ich wähle hiefür den
    Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos
    erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr
    als nur eines Mittels bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die
    mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also
    zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie
    beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
    Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin
    vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma
    einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um
    meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses
    meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr
    verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen Patientin
    verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich die Be-
    deutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume gesehenes
    Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der
    öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstituts untersuchen, wobei
    meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen erweisen.
    Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung meiner kindlichen
    Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird die
    selbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir unter-
    suchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene
    Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse
    entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von
    noch anderen Personen zusammengetragen.

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter
    der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit alle-
    dings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Ver-
    treterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Per-
    sonen.

  • S.

    215

    Sammelpersonen und Mischpersonen.

    sonen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für
    Zug an diese Personen erinnert.

    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für
    die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
    mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist
    der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des
    Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und
    sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders;
    ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem
    er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Misch-
    person ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traum-
    bild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem
    einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er-
    innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe
    das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine Familien-
    porträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander projiziert, wobei
    die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht zusammen
    stimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich werden. Im
    Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus den zwei Personen
    gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der b l o n d e
    B a r t hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und
    auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen.

    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
    Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An-
    laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.

    Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraume ist gleichfalls mehr-
    fach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleichklang mit
    Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den
    Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.

    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
    Erwähnung von „Propylen“ im Traume. In den Traumgedanken
    war nicht „Propylen“, sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
    meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung
    Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient
    den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum-
    analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro-
    pylen“ noch einen Moment Halt macht, so fällt mir der Gleichklang
    mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die Propyläen befinden sich
    aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt
    habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken
    Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propylen
    folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird.

    Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und
    anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten
    Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden,
    und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung

  • S.

    216

    von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen in dem
    Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen.

    Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
    der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen
    duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die
    meines Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde,
    und dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie
    der Sexualvorgänge, verdanke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er-
    regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe be-
    stimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Traum-
    inhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wil-
    helm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die
    Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto
    anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich ja von einer
    Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach
    Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den Freund
    gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto auch
    in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der Chemie;
    das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in
    den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unverwandelt in den
    Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe
    „Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser
    Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
    Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen
    liegt für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise „Wilhelm“
    kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-
    Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch
    einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum-
    inhalt. Es ist dies ein mittleres Gemeinsames geschaffen wor-
    den, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit
    Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in den
    Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittelbildung ist
    unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem eigent-
    lich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe Liegenden vorge-
    nommen worden.

    Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
    Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
    gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum-
    gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten
    (Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren
    Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu
    die Verdichtung dient und wodurch sie gefördert wird, werden wir
    uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum-
    bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt

  • S.

    217

    mit der Feststellung der Traumverdichtung als einer bemerkens-
    werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt.

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn
    sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden
    vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann
    dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also
    auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt-
    same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir
    einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in
    welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem
    Urteil überschätzt und vor allem in überschwänglichen Ausdrücken
    abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der
    sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahr-
    haft norekdaler Stil.“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete
    mir anfänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den
    Superlativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war;
    aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir
    das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be-
    kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen
    letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen
    Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen.

    II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit,
    der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit
    ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das wird
    in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im
    Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine
    Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais–toll–manns-
    toll–Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konver-
    sation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais
    verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläums-
    ausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die
    einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Verwandten war
    nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten
    jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken und An-
    knüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab.

    III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an-
    geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf-
    folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends,
    um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er
    weggegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier-
    lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener
    holt den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk-
    würdig, daß auch Leute, die sonst tuteln sind, solche
    Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.

    Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines
    der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge-
     

  • S.

    218

    kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers angereiht hat, das an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinemVater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser aufden Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränktwurde, und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafestörte. Da das kontinuierliche Läuten dem Notwerden entspricht, sowerden dann „einzelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tuteln“ zerlegt sich aber nachdrei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedankenvertretenen Materien: „Tutel“ = Kuratel bedeutet Vormundschaft;Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silbendes Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit demNaßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen derin der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt.*)

    IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffsreise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächsteStation Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteresist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reisegewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamenunserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen:Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, meae deliciae der alteName, also „meine Freud“) und dem englischen Hearsay =Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu demindifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den„Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerge, „SagterHatergesagt“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum NamenFließ gewinnt man „Vlissingen“, wirklich die Station der Seereise,die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf Besuchkommt.

    *)Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahreSilbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinntman auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappelnstehen, gebietet Schweigen, dann hört das Pappeln (Schwätzen) auf, und das Silberwird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oftzu witzig erscheine.“ Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogenwird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifensoll, in der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person,sondern an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traumgearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser könnensich überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen(Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [Immerhingab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehungzum Unbewußten“ geschehen ist.]

  • S.

    219

    kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber Flushing,
    was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die Patienten mit
    „Errötensangst“ mahnt, die ich behandle, auch an eine rezente Publi-
    kation Bechterews über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärger-
    lichen Empfindungen gegeben hat.

    V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei geson-
    derten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort
    „Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen
    produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich
    dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der
    Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet
    wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben.“ Das
    neugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht nur der Anforderung
    zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vortritt, es soll
    auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem
    Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug-
    tuung zu geben.

    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto-
    didakt und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die
    ersten dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Ver-
    anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines
    bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist,
    und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie ich
    (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen Ein-
    druck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkommenen
    Talents in einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, und unsere
    Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die
    wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft
    des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder
    bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Ge-
    fahren durch die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht
    ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau
    auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter
    gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte
    meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume
    führen konnte. Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr
    befreundete Dame geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu
    Grunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand
    ich in Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf, die mir gleich-
    zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen
    gestatteten.*) Das „Cherchez la femme“, in dem sich diese Gedanken
    zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch
    unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß

    *)Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weibe
    erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.

  • S.

    220

    Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von
    Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen
    Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mitzuteilen.

    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält
    aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glück-
    lichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem
    Wege. In dem Künstlerroman L’oeuvre, der meinen Traumgedanken
    inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst
    und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt
    darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der
    Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt um-
    gekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm
    wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die
    auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben
    Namens sand, und so kam Sandoz zu stande. So ähnlich entstand
    also auch mein Autodidasker.

    Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns
    beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende
    Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits-
    jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im
    Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine
    Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine
    Neurose zu diagnostizieren, wäre verlockend gewesen und hätte allen
    Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese,
    ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener-
    gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief
    ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie
    andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge.
    Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
    „Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.“ Da
    ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen
    nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht
    meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die
    Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm,
    sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten
    Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen
    habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade
    das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich
    zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung,
    aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zugestehen,
    daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese un-
    beirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen,
    wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe
    und ich unrecht.

    Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch-
    erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe?

  • S.

    221

    Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen
    Befürchtungen, resp. ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen
    ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das
    Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume
    bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten
    nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der
    funktionellen Schädigung durch das Weib, eigentlich durch das Sexual-
    leben: Tabesparalyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des
    Unterganges von Lasalle lockerer anreiht.

    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
    Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie
    und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle – auch
    nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und
    zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin –, sondern auch
    wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere Konsultation
    anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe
    erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu.
    „Wieviel Kinder haben Sie jetzt? – „Sechs.“ – Eine Geberde von
    Respekt und Bedenklichkeit. – „Mädel, Buben?“ – „Drei und drei,
    das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ – „Nun, geben Sie acht,
    mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später
    Schwierigkeiten in der Erziehung.“ – Ich wendete ein, daß sie bis
    jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar beharrte mir diese zweite
    Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher
    gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Ein-
    drücke sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge
    verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den
    Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die
    noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie
    so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rührt. So
    findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Er-
    ziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang
    in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines
    Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge,
    verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider
    gegensätzlichen Glieder der Alternative.

    Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der
    Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor-
    stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die
    zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch
    neue Sprachen und artifizielle Wortfügungen erfinden, sind für den
    Traum wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.

    Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als
    solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose
    Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab-
    stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder

  • S.

    222

    VI. Die Traumarbeit.

    leise im Ausdruck verscho-
    ben; häufig ist die Traumrede aus ver-
    schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei
    das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr oder anders-
    deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An-
    spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel.*)

    b) Die Verschiebungsarbeit.

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation
    mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum-
    verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente,
    welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor-
    drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen.
    Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus-
    sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt
    ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist
    gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als
    Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume
    von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts offenbar
    das Element „botanisch“; in den Traumgedanken handelt es sich um die
    Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen
    zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, daß
    ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und
    das Element „botanisch“ findet in diesem Kerne der Traumgedanken
    überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit
    locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz
    unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines Patienten
    ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- und Untensein zum
    Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren
    sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Personen, so daß nur
    eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher
    Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist
    im Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexu-
    alität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grau-
    samkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Ver-
    knüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zu-
    sammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In
    dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittel-
    punkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die

    *)[Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens
    intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die
    einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen,
    stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprechen
    dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur ab-
    geändert zum Bewußtsein kamen.]

  • S.

    223

    wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume
    machen dann mit gutem Rechte einen „verschobenen“ Eindruck.
    Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von
    Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen Elemente
    auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traum
    gedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem
    Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen.
    Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden,
    daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und
    für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen
    wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der siegenden Vor-
    stellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad
    von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß diese
    Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
    Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es
    ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der
    Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
    Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse
    betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig
    wären, und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in
    den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zu-
    nächst den Eindruck, als käme die psychische Intensität*) der ein-
    zelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Be-
    tracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung
    derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in
    den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man
    meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch diese
    Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht
    glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determi-
    nierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als
    gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traum-
    gedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten
    in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten
    die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum
    diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen
    und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt,
    in seinen Inhalt aufnehmen.

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein-
    druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdetermi-
    nierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher
    Leser diese Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung


    *)Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist
    natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.

  • S.

    224

    der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbst-
    verständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traum-
    elementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben
    knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedanken-
    material eben diese Elemente sich besonders häufig wiederfinden. Ich
    könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber selbst etwas
    ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken,
    welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die dem Kern
    des Traumes fernstehen, und die sich wie künstliche Einschaltungen
    zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt
    sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene
    und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
    her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden,
    entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die
    Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung
    durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse geleitet, daß
    die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl entscheidet,
    wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern
    oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen
    Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen
    Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können be-
    obachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo
    sie sich aus dem Traummateríal nicht ohne Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine
    psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen
    Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem Wege
    der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten
    schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht,
    so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver-
    schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele-
    mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von
    Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so
    supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er
    verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumver-
    schiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werk-
    meister, deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich
    zuschreiben dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die
    sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen.
    Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kern
    der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine
    Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten widergibt. Die Traum-
    entstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur
    zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben
    gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt-
    mittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfen

  • S.

    225

    annehmen, daß die Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur,
    der endopsychischen Abwehr, zu stande kommt.*)

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung
    und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen,
    welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor
    wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig
    können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum gelangen-
    den Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zensur des
    Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung aber
    wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der Traum-
    deutung in Rechnung ziehen.

    c) Die Darstellungsmittel des Traumes.

    Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und
    Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
    Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf-
    gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung
    noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß
    auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher
    möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege
    Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei


    *)[Da ich die Zurückführung der Traumstellung auf die Zensur als den
    Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück jener
    Erzählung „Träumen wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Realisten“ von
    Lynkeus, Wien, 2. Auflage, 1900, ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner
    Lehre wiederfinde:
    „Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn zu
    träumen.“
    „Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen
    Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die
    moralische Klarheit deiner Natur, die mir Alles an dir verständlich macht.“
    „Wenn ich es aber recht bedenke“, erwiderte der andere, „so glaube ich bei
    nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals
    Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen
    kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar nicht
    anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu
    einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden,
    benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß
    ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im
    Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasie-
    gebilde, zu denen nur nur ein Unverständiger sagen würde: ‚Das ist widersinnig! Denn
    das ist nicht möglich!‘“
    „Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das
    eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der Freund.
    „Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam-
    keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. – Warum es meistens nicht
    gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas
    Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen,
    die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn,
    sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja,
    es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt.“]

  • S.

    226

    der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht,
    daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre
    Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen ein-
    zelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie ich
    es in Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt habe,
    dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammen-
    stelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekonstruiere, also
    die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese
    Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner eigenen Belehrung
    vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache
    und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das
    psychische Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern.
    Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn
    die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn
    sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte.
    Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu über-
    zeugen, vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich
    nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum
    unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die
    Mittel bieten, so muß dies Stück Darstellung des Traumes einen
    Aufschub erfahren, bis ich – an anderer Stelle – die psychologische
    Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an
    unser Thema herzustellen ist.*)

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn-
    thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende
    Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben
    bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er-
    setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für
    den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man unter
    dem Namen „Kollateralen“ zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit
    stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch, der sich
    aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch übergeführt wird.
    Von diesen „Kollateralen“ besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen
    an die eigentlichen Traumgedanken, welche, schematisch genommen,
    Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen.
    Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Ver-
    schiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter
    sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein
    dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen,
    durch die man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den
    mittleren Kollateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich
    auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen.

    Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
    Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von


    *)Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither in
    dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905, gegeben.

  • S.

    227

    Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen
    Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge.
    Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum
    ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig
    steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel,
    durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.

    Die einzelnen Stücke dieses komplicierten Gebildes stehen natür-
    lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden
    Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Be-
    dingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse
    dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei
    die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa
    wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus der logischen
    Banden wird, welche bisher das Gefüge gebildet hatten. Welche Dar-
    stellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich,
    entweder – oder“ und alle anderen Präpositionen, ohne die wir Satz
    und Rede nicht verstehen können?

    Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
    logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar-
    stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Präpositionen un-
    berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum-
    gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen,
    den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver-
    nichtet hat.

    Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge-
    arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähn-
    lichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei
    und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen
    kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Ma-
    terial, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Aus-
    druck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie
    gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte sie sich
    noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten
    Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche
    als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler
    verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den
    Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet.
    Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen
    vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen
    wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein;
    wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, daß
    dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung intellek-
    tueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traumgedanken
    ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht
    die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, in deren

  • S.

    228

    Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen.
    Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, die in
    Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet
    werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von
    Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummate-
    rials
    vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traum-
    gedanken enthaltenes Ereignis; den Sinn des Traumes ein ganz anderer.
    Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk-
    arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt,
    ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors
    werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich
    dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken,
    sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum hervor-
    gerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi-
    schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung
    nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist
    er entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus
    dem Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen
    den Traumgedanken, entspricht der Widerspruch im Traume nur in
    höchst indirekt vermittelter Weise.

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
    Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver-
    warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den
    flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit
    ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum-
    gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen
    Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung
    machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung
    verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das
    logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer
    dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich
    hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor-
    liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens
    auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches
    im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas In-
    jektion).

    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer-
    darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
    versuchen, sie einzeln aufzuzählen.

    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
    sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im
    ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als
    Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen-
    hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie
    der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule

  • S.

    229

    von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer
    Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber
    für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.

    Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft
    er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders
    innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traum
    gedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab bedeutet, daß die
    beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b
    nach einer freien Lücke läßt a als den letzten Buchstaben des einen
    Wortes und b als den ersten eines anderen Wortes erkennen. Dem
    zufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen,
    völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen,
    die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammenhang stehen.

    Die Kausalbeziehung darzustellen, hat der Traum zwei
    Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
    Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies
    so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den
    Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als
    Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit
    folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der
    breiter ausgeführte Teil des Traumes.

    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat
    mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll-
    ständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und
    einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert
    war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der
    Vortraum lautete so: „Sie geht in die Küche zu den beiden
    Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden, „mit
    dem Bissel Essen““. Dabei sieht sie sehr viel grobes
    Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche
    stehen, und zwar im Haufen aufeinander gestellt. Die
    beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei
    wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den
    Hof reicht.

    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
    von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
    und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen
    bleibt u. s. w. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
    Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von
    ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus
    der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand.
    Der zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater,
    der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei
    einer Überschwemmung – das Haus stand nahe am Ufer des
    Flusses – sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich
    hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem

  • S.

    230

    Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme.
    Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt
    ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form. Ich bin von hoher
    Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war
    mein Lebenslauf so und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei
    ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den
    Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden
    Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus
    dargestellt würde; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren
    im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im
    Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als
    Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
    Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
    Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken.
    Die andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung
    bei minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild
    im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes
    verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich
    gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet;
    nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere
    gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu-
    stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver-
    ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch
    das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die unmittel-
    bare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allermeisten
    Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt,
    sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche Nach-
    einander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder – Oder“ kann der Traum überhaupt
    nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt
    in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür
    enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken
    heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas
    Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen
    die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen
    sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre
    Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer
    Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschließenden
    Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch eine
    vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder – Oder habe ich
    dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traum-
    gedanken eingesetzt.

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein
    Entweder – Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten
    oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Traumgedanken

  • S.

    231

    nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache An-
    reihung vor. Mit Entweder – Oder beschreiben wir zumeist einen noch
    auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement.
    Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der
    scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch
    „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver-
    geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes ge-
    wartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse
    mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des
    Telegramms; das erste Wort ist verschwommen,

    etwa via,
    oder Villa,
    oder sogar (Casa).

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich
    an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen
    Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge-
    halten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte
    läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberechtigter
    Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.
    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von
    einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel – etwa
    wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der
    Eisenbahnen, – auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken
    oder
    Man bittet, ein Auge zuzudrücken,
    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:
    Man bittet, die Auge(n) zuzudrücken.

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt
    in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell
    möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über
    solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren
    aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie
    meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen.
    Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken“,
    d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die
    wir mit einem Entweder – Oder beschrieben, ist hier besonders leicht
    zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen,
    aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen.
    So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt
    voneinander.

    In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei
    gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

  • S.

    232

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie
    von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg ver-
    nachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren.
    Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen-
    gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
    die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
    darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
    Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ
    enthalten ist. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder-
    satz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin“),
    steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen
    blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie
    der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündigung
    (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weißgekleideten
    Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während die Straßen
    mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im
    Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig
    ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede einzelne einer
    Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges heißt es im Traume weiter,
    sind die Blüten schon ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare
    Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche Zweig, der ge-
    tragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschuldigen Mädchen,
    gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, die, wie bekannt,
    stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode aber eine rote.
    Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten“ in den Liedern
    von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld dar und
    auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher die Freude
    ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben zu gehen,
    läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) den
    gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich ver-
    schiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen-
    lassen (in der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des
    Traumes deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen
    der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint,
    die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber
    gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung
    gefunden haben.

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mecha-
    nismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies
    die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das
    „Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen
    Mitteln dargestellt werden kann. Die im Traummaterial vorhandenen
    Deckungen oder Fälle von Gleichwie sind ja die ersten Stützpunkte
    der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum-
    arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die
    vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge-

  • S.

    233

    langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt
    der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.

    Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird
    vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu
    einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden
    oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizie-
    rung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identifizierung
    kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Misch-
    bildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden
    Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden
    oft wie Personen behandelt.

    Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
    Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
    gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
    unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im
    Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von
    ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung,
    die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die
    den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden,
    so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
    Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver-
    schiedenen Wegen zu stande gebracht werden. Entweder die Traum-
    person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen –
    wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog
    ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen
    Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist
    aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf Beide verteilen,
    zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der
    zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man
    ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation,
    in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung
    beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch-
    personbildung sich zu verflüchtigen.

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
    rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder
    fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung
    eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt
    zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich
    im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in
    einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so ge-
    wonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen
    Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als
    auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende
    Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist,
    nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele
    ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;

  • S.

    234

    VI. Die Traumarbeit.

    ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse,
    die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser
    Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen
    den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese
    Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider-
    standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be-
    dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen
    Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver-
    knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be-
    ziehungen zu dem beanständeten Material hat, aber nur zu einem Teile
    desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir
    jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten
    hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und
    Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
    Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-
    verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.

    Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar-
    gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen
    verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur
    unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gunsten der
    Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen statt-
    gefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten
    Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs
    indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen.

    Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im
    Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden
    Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer v e r s c h o b e n e n
    Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte
    Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen
    einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem V e r-
    t a u s c h e n derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im
    Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume
    von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen,
    wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die
    eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er
    mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position
    untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit
    hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des
    Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich
    meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile.

    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
    habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
    absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur
    eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein
    Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf
    mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint,

  • S.

    235

    lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich
    eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum
    soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person
    anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt
    auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt,
    die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent-
    hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen
    gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die
    Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr-
    fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der
    Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi-
    fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver-
    dichten.*)

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf-
    lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich-
    keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich
    entfällt. In einem meiner Romträume (Seite 137) heißt der Ort, an
    dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von
    deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch-
    erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag
    nur eine heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend-
    zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zu-
    sammentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Identi-
    fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte
    Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als
    in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.
    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter
    den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge
    verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt
    werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
    Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar
    der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen
    uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß
    bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein-
    druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch-
    bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Ge-
    staltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert
    wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger
    Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden
    nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar-
    stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
    Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen

    *)Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per-
    sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die
    Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die
    verbirgt mein Ich.

  • S.

    236

    VI. Die Traumarbeit.

    wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich
    dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten
    zwischen beiden Objekten. Das neugebildete kann gänzlich absurd
    ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem
    Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind
    die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu
    disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit
    einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeutlichere Be-
    stimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam
    nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und
    erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man
    sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungs-
    bildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in
    einer Zeichnung gelangen.
    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
    einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
    mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf
    Seite 232, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“
    oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden
    Zweig in der Hand, der wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld
    und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art,
    wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die Blüten selbst,
    einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das ganze noch
    den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame
    an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traum-
    gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke
    zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte,
    sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren
    Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine Anspielung auf einen
    vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um
    ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin schafft sich im
    Traume ein Mittelding aus Badekabinen im Seebade, ländlichen
    Aborthäuschen und den Bodenkammern unserer städtischen
    Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf
    menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus
    den Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in
    ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung
    war. Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
    keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer
    und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen
    gelernt hat. Eine andere träumt, nachdem der ältere Bruder ver-
    sprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß
    dessen Beine von den schwarzen Kaviaperlen übersät sind.
    Die Elemente „Ansteckung“ im moralischen Sinne und die Er-
    innerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit
    roten, anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ,

  • S.

    237

    Umgekehrt, im Gegenteil.

    haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff
    vereinigt, dessen, „was sie von ihrem Bruder bekommen hat“.
    Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume behandelt
    wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen.

    Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die
    Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken.
    Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen.
    Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen,
    findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen
    haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an
    die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt
    Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum
    gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen-
    teil“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende
    merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
    gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An-
    wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe
    liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhalts – gleichsam nach-
    träglich – umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren
    als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und Nieder“
    (Seite 208), ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das
    Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der
    Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht,
    während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer
    wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in bezug auf den Bruder ist
    verkehrt im Traume dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von
    Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials
    in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben,
    daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme ge-
    tragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trägt.
    Auch mein Traum vom Goethes Angriff gegen Herrn M. (Seite 268)
    enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert werden muß,
    ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume
    hat Goethe einen jungen Mann Herrn N. angegriffen; in der Realität,
    wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein
    Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden.
    Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in der Wirk-
    lichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus.
    Der Gedanke, der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich
    als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll,
    als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das
    Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor.
    In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine
    Beziehung auf die vorächtliche Wendung („einem die Kehrseite
    zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den Bruder
    im Sapphotraum).

  • S.

    238

    Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines
    der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs-
    mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung
    gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver-
    schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste
    Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Er-
    innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im
    Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Darzu-
    stellenden zu stande bringt, welches das Verständnis des Traumes zu-
    nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen
    Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
    mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhalts wagen, worauf nicht
    selten alles sofort klar wird.

    Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
    übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin,
    den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu
    Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die Voraus-
    setzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nachzu-
    tragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung
    gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen-
    über.*)


    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum-
    gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum
    selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse
    formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf die Traum-
    gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im
    Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der
    sinnlichen Intensität der einzelnen Traumbilder und in der Deutlich-
    keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver-
    glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde
    umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die
    man – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der Realität
    zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
    charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem
    der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten
     

    *)[Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
    hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
    Mädchen hat z. B. in einem Anfall einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
    im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
    Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
    liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
    Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
    ein [dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
    armung], darauf eilt sie ins and-
    re Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
    Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht
    mich an (gibt mir Antwort).]

  • S.

    239

    der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich
    bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut-
    lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir von den
    deutlichen Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit
    der Wahrnehmung stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch
    welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Leb-
    haftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhalts hervorgerufen werden.

    Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,
    die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes
    auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können,
    wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen
    abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität
    hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders
    lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein
    wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht
    richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von
    reinen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreize) sind, sich vor
    den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus-
    zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung
    der Traumbilder verloren.

    Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn-
    liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Bezie-
    hung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Ele-
    mente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit
    psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine
    anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum-
    gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente
    der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden.
    Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömm-
    linge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß
    sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch
    diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Beobachtung von
    Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier
    hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet
    zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um-
    wertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade in einem
    flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element
    des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling
    dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte.

    Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter-
    miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente.
    Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv
    dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt.
    Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des
    Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten
    gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des

  • S.

    240

    Sinnes, wenn wir den letzten empirisch genommenen Satz in nach-
    stehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Ele-
    mente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdich
    tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann
    erwarten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung
    auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.

    Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
    größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
    Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen
    Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit
    ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen-
    satz von Deutlichkeit–Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es
    ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und
    fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie
    des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Ele-
    mente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven
    Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die
    Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich–Verworrenen
    bietet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der
    Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden
    Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man
    nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un-
    deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts
    für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
    ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen
    Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken-
    los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor-
    setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem
    Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren,
    sondern als „Phantasien während des Schlafens“ bezeichnet werden
    durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben
    Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte, wie jeder andere; ich
    ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen.
    Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde
    eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug,
    und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten,
    daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde)
    klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den
    fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent-
    liche Stück des Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam
    in das erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil
    über den Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue
    Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes
    Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen
    in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen-
    wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und endlich

  • S.

    241

    unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung
    angab, es seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie,
    ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob
    ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so
    ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen
    in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich
    alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen
    mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören be-
    komme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) sei.“*) Die Unklarheit,
    die der Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus dem traum-
    erregenden Material. Ein Stück dieses Inhalts war in der Form des
    Traumes dargestellt worden. Die Form des Traumes oder des
    Träumens wird in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung
    des verdeckten Inhalts verwendet. Alle Träume derselben Nacht
    gehören ihrem Inhalt nach zu dem „nämlichen Ganzen“; ihre Son-
    derung in mehrere Stücke, deren Gruppierung und Anzahl, all das
    ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den latenten Traum-
    gedanken aufgefaßt werden.

    In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
    Sicherheit oder Zweifel im Traummateríal umdeuten zu können, kommt
    man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen. Ich werde
    späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung
    aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des
    Traumes wesentlich abhängt.

    In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
    und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol-
    genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es
    gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.“
    Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht,
    die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich
    im Traummateríal als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke
    heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch
    Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn – wann).

    Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation
    der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will
    gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und
    stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in
    Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die
    Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. Wir
    sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen
    begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht.
    Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe
    motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerk-

    *)Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große
    Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.

  • S.

    242

    bar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht
    beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen
    erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation
    irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das
    im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung
    erweckt werde.

    Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als
    Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf.
    Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die
    Bedeutung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt
    einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt
    erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer
    Privatheilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein
    Diener erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu
    rufen. Im Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird,
    und daß die Untersuchung wegen des Verdachtes er-
    folgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana-
    lyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist
    und ärztliche Untersuchung miteinschließt. Im Bewußt-
    sein meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in
    diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer
    Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf
    mich deutend: Den haben Sie mitgebracht, der ist ja ein
    anständiger Mensch! Ich stehe dann ohne Diener in
    einem großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich
    an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben er-
    innert. An einem Apparat sehe ich einen Kollegen ein-
    gespannt, der allen Grund hätte, sich um mich zu be-
    kümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt dann,
    daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut
    nicht und kann doch nicht gehen.

    Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als
    ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum-
    gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den
    Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen
    meiner Absolution, wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
    bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
    schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des
    Widerspruchs sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht
    finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nicht-
    zustandebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Wider-
    spruches, ein „Nein“, wonach also die frühere Behauptung zu
    korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.*)

    *)Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollständigen
    Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
    der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn

  • S.

    243

    In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der
    Bewegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten,
    ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung
    kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich
    widersetzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen
    Willenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die
    motorische Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen
    des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf
    die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes
    als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als
    gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus
    geeignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein“, das sich ihm
    entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
    auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so
    nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst
    ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom
    Vorwubten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
    Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen
    handeln, das einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine
    sexuelle Regung.

    d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.

    Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie
    der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt,
    griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche
    Veränderung das Traummateriai überhaupt für die Zwecke der Traum-
    bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummateriai, seiner
    Relationen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt,
    während gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Ele-
    menten eine psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die
    Verschiebungen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Er-
    setzungen einer bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der
    Assoziation irgendwie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung
    dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt zweiter Elemente
    ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den
    Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben
    wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt man
    aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer Ver-
    tauschung des sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden

    er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel
    wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter
    für einen kleinen Mohren erklärte.) – Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr
    sinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen
    hatte ihn versteckt. – Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich
    hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich
    darf noch nicht gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume
    von Goethe und dem Paralytiker (Seite 268).

  • S.

    244

    Gedanken kund gibt. Es handelt sich beidemal um Verschiebung
    längs einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver-
    schiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver-
    schiebung ist das einemal, daß ein Element durch ein anderes
    substituiert wird, während im andern Falle ein Element seine Wort-
    fassung gegen eine andere vertauscht.

    Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
    Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern
    ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab-
    surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver-
    schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser
    und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen
    und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht
    dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum
    darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der
    abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten
    bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung
    der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Inter-
    essen der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche
    gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückt, unbrauchbare Traum-
    gedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen
    diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als
    vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit
    bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die
    konkreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge
    anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen,
    daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche
    die gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheit-
    lichen Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise,
    durch passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor-
    sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen
    Gründen feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die
    Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von
    vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein
    Gedicht in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei
    Bedingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn aus-
    drücken und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile
    finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht
    den Reim zu finden nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von
    vornherein durch gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck
    gewählt haben, der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang
    entstehen läßt.

    In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
    verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
    finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
    Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der

  • S.

    245

    Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle,
    welche dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern.
    Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu-
    sagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangs-
    vorstellungen, Phobien) benützen die Vorteile, die das Wort so zur
    Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie
    der Traum.*) Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des
    Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend,
    wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird;
    und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
    bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
    aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über-
    tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein-
    geschobener Redensarten auf das Traummateríal bezogen werden sollen.**)
    Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
    des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
    angeführt („Der Mund geht gut auf“ im Injektionstraume; „Ich kann
    noch nicht gehen“ im letzten Traume, S. 242) u. s. w. Ich werde nun
    einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab-
    strakten Gedankens eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher
    Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer
    scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
    der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren
    Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein
    bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über
    den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume
    dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz
    oder stückweise auflösen.

    Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in
    der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis
    3/4 Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre
    stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird.
    Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter
    sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau;
    neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die
    junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit-
     


    *)[Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 – und die
    „Wortbrücken“ in den Lösungen neurotischer Symptome.]

    **)Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifel-
    haft, ob es:
    a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation);
    b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
    c) symbolisch oder ob
    d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. Trotz dieser Vieldeutigkeit
    darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt,
    verstanden zu werden, den Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet,
    als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.

  • S.

    246

    gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
    Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet
    sich ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt,
    die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch
    oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters;
    er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt
    furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten
    um die Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie
    selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer
    Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett
    ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti-
    vierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange
    dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren.
    (Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung
    geheizt werden müßten.)

    Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
    Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der
    Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die
    Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine
    Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be-
    ziehungen der Träumerin, gelang es mir, Stücke von ihm selbständig
    zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker
    gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter-
    brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett
    wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an
    Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit-
    glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als ein
    Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
    Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
    hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig
    (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere
    Schicksal desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem
    die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.

    Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
    konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den
    Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben
    Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten.

    „Kein Feuer, keine Kohle
    Kann brennen so heiß,
    Als wie heimliche Liebe,
    Von der niemand was weiß.“

    Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
    jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die
    Kohle hinauf; „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange
    dauern wird.“ Was so lange dauern wird, ist im Traume

  • S.

    247

    nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergän-
    zen: die Vor
    stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen,
    ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet.“
    Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Er-
    wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch
    die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegen-
    sätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer
    und der Kälte der jungen Frau beherrscht den Traum. Hier wie dort
    übrigens ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem
    Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.

    Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
    Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum-
    gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die
    Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentüm-
    lichen psychischen Material, dessen sich der Traum
    bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen
    Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige
    bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die
    Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst
    in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
    ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
    psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
    Diese Umleerung des Gedankeninhalts in eine andere Form kann sich
    aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie-
    hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden
    wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent-
    gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben.
    Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
    Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll-
    kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
    überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
    sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
    anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut
    und Rüben“ also „Durcheinander“ und bedeutet demnach „Unordnung“.
    Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges
    Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine
    allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein
    bekannter Anspielungen und Wortsetzungen. Ein guter Teil dieser
    Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen
    und Volksgebräuchen gemeinsam.

    Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die
    Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles
    leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur-
    freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un-
    bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um-
    wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch

  • S.

    248

    bewußt werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker
    erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für
    die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern ich an anderer
    Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen
    Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich oder für ihn
    charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im un-
    bewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist
    und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
    Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für
    den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie
    aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das
    Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
    Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im un-
    bewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller-
    dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien
    (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren
    Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be-
    deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen
    („Loch“), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt u. s. w.
    Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder
    der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle
    hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen
    ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der
    „Samen“, der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar
    harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich
    die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken
    und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un-
    deutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem
    Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen
    kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder
    kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln
    erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange
    beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall
    wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
    Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit be-
    gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute
    noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.

    Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin
    ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der
    schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
    mehr gefallen.

    a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd-
    chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“ und sieht dabei soviel umgestürztes
    Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in
    Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden

  • S.

    249

    Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie in
    einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof
    reicht.*)

    b) Haupttraum:**) Sie steigt von hoch herab***) übereigen-
    tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus
    vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua-
    draten bestehen.****) Es ist eigentlich nicht zum Steigen
    eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für
    den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei
    nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig
    bleibt.†) Dabei trägt sie einen großen Ast in der Hand.††)
    eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten
    besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.†††) Dabei ist die
    Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie gefüllte
    Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Wäh-
    rend des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich
    zwei, später wieder einen.††††) Wie sie unten anlangt, sind
    die unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht
    dann unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben
    solchen Baum, sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem
    Holze dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab-
    hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste aus
    einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen,
    wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen.
    Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen
    nehmen kann.§) Im Garten steht ein junger Mann (von
    ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht,
    um ihn zu fragen, wie man solche Äste in ihren eigenen
    Garten umsetzen könne.§§) Er umfängt sie, worauf sie sich
    sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn
    so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist
    erlaubt.§§§) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den


    *)Zur Deutung dieses als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 229.
    **)Ihr Lebenslauf.
    ***)Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.
    ****)Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren
    Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.
    †)Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß
    sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.
    ††)Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.
    †††)Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 232: Unschuld, Periode, Ka-
    meliendame.
    ††††)Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen.
    §)Ob man sich auch einen herunterreißen darf i. e. masturbieren.
    §§)Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen.
    §§§)Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

  • S.

    250

    anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen,
    und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es
    fehlen mir ohnedies drei Meter – (später sagt sie: Quadrat-
    meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für
    seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
    als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu ent-
    -
    schädigen, oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen,
    einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden
    hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.
    Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der
    im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen In-
    halts dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine
    Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also durch
    ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung
    führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man
    sich, daß „to lift“ im Englischen aufheben bedeutet, also „Kleider
    aufheben“.

    Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber
    dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver-
    hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine
    besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit
    anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli-
    sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten
    sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen
    ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser
    genügen.

    e) Beispiele. – Rechnen und Reden im Traume.

    Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
    Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
    Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu-
    sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be-
    weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare
    Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor-
    stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine
    Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen
    Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig;
    aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und
    eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich,
    daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen
    soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn
    ich nun allerlei aneinander reihe, was nur durch die Beziehung auf
    den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.

    Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
    ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer
    Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter

  • S.

    251

    Beispiele von Darstellungen im Traume.

    wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
    eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich.
    Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse
    schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel-
    haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches
    Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und
    nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen überhaupt
    sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes als
    „mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Samm-
    lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen
    Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.

    Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem
    Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von
    diesem Kinde hat sie gehört, daß er durch die Lage im
    Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel sagt
    der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form brin-
    gen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt,
    da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. – Dieser Traum
    enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kinder-
    eindrücke“, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur ge-
    hört hat.

    Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
    Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
    zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter
    draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft
    das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des
    Inhalts ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum
    bedeutet „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traum-
    gedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
    worden, etwa durch „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und
    überflüssig“ und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke
    zur Darstellung gebracht: Wasser draußen, Wasser innen an den
    Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und
    „über“flüssig. –

    Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die
    Darstellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine
    ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret
    gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne
    gebraucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre
    frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel
    des Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. träumt jemand, daß
    sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt
    sich der Kasten durch einen „Schrank“ und der Traumgedanke
    lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner
    Statt nämlich.

  • S.

    252

    VI. Die Traumarbeit.

    Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu
    sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu
    ordnen.

    Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
    sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene
    Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
    hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fer-
    tige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie
    zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch
    später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
    „Stanniol“ und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius
    meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
    Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissen-
    schaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich
    br> auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name
    war im Bilderätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.

    Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder-
    barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens-
    wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame
    erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt
    habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut
    auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr
    oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen
    Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht
    bekommen haben. Da ich gehört hatte, Gott sei allwissend, so
    bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes.

    Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material,
    den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an
    den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. Ge-
    träume Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver-
    heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner
    Sammlung heraussuchen.

    I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
    Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt
    ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was
    tust du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieser Stückchen Traum war
    mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung
    ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter
    in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine
    Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
    In drei Wochen, war deren Schuljahr zu Ende und damit endete
    auch die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Instituts-
    vorsteherin nahe gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das
    Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar
    bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle
    auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht

  • S.

    253

    sieh nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei
    Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich
    ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele Behandlungs-
    stunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen,
    werden im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein
    tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money“, Zeit
    hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer.
    Die Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
    Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie
    des Lehrjahres im Institut verkleinert.

    II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
    anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren
    verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte,
    Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt
    mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts
    ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und
    ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
    nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.

    Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigent-
    lichen Anlaß des Vortrages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden,
    indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken,
    daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
    Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß
    die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist als sie. Zur
    Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im
    Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Das
    selbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit,
    die ihrem Manne guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich
    vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen
    der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher
    Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte.
    Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des
    Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr
    zu beeilen.

    Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen:
    „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht
    nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der
    Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte.
    Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich
    nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin).
    Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen
    können!“ Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die
    Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang ver-
     

  • S.

    254

    VI. Die Traumarbeit.

    ändert haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und
    Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir
    so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein
    besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu über-
    winden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem
    Traume ein absurdes Element enthalten ist, nämlich, daß zwei Per-
    sonen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der
    Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde
    Detail des Trauminhalts den meistbetonten der Traumgedanken dar-
    stellen soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer
    ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen
    enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur
    Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet
    worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht
    der Gering-
    schätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unter-
    drückten Gedanken der Träumerin.

    III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
    vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
    Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
    und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
    gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt
    sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah,
    dann sind Sie 28 Jahre alt.

    Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
    schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
    des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
    nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen,
    deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen
    können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige
    Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete,
    nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich
    sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
    Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren Rechnung. 1882
    war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht
    unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen,
    die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs
    jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen
    pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die
    Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge-
    setzten“ Herrn.

    Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu-
    sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
    nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
    Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
    darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
    zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen

  • S.

    255

    Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen
    Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen
    kenntlichen Reden.

    Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
    Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag,
    die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt
    uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich
    geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat
    und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht
    nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück
    aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen-
    gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der
    Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung
    hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten,
    bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn
    abgewonnen.*) Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum-
    rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde-
    mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus-
    gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum-
    rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere
    Brocken verschiedenenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse
    zusammengehalten werden.

    In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
    für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der
    Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die
    nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine
    akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind

    *)In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich
    kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen un-
    willkürlich und widerwillig hört [halluziniert], ohne deren Bedeutung für ihr Seelen-
    leben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse
    zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich
    verwendet hat „Leise, leise, fromme Waise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes:
    Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „O du seelige, o du fröhliche“ ist der
    Anfang eines Weihnachts-
    liedes; indem sie es nicht bis zu „Weihnachtszeit“ fortsetzt,
    macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. – Derselbe Entstellungs-
    mechanismus kann
    sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird
    einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in
    jungen Jahren lernen mußte:

    „Nächtlich am Busento lispeln …?“

    Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:
    „Nächtlich am Busen“ begnügt.
    Es ist bekannt, daß der parodistische Witz-
    technik nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustrationen
    zu deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest“, zu dem das
    Zitat vorzeitig abgeschlossen war:

    „Und des frisch erkämpften Weibes
    Freut sich der Atrid und strickt.
    (Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes
    Seine Arme hochbeglückt.)]

  • S.

    256

    einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor
    kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das
    indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die
    Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle ab
    zugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig
    hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst ge-
    haltene oder gehörte Rede.

    Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
    bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
    Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt
    traum“ auf Seite 129, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu
    haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren,
    während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos
    zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche
    Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne
    ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser
    Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen,
    um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie,
    welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch die
    selbe verraten hätte.

    Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
    ergeben:

    Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden.
    Er sagt: „Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen.“
    (Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauer-
    buben und fragt: „Na, hat’s geschmeckt?“ Der eine ant-
    wortet: „Na, nö, gut war’s.“ Als ob es Menschenfleisch
    gewesen wäre.

    Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht
    nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven,
    aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund-
    liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und
    nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zu-
    sammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt
    ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen’s weg, das werden
    Sie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt
    dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner Frau
    wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der
    Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. „Das
    kann ich nicht sehen“, das auch im Traume nicht als eigentliche Rede
    auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Reize der ein-
    ladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu
    schauen nicht begehrt.

    Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge-
    stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel-

  • S.

    257

    punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdi-
    gung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar:
    Ich bin Nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen
    und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (ver-
    storbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden
    eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch
    setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im
    Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihn
    auf der Straße im Gespräche mit meinem (verstorbenen)
    Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie
    einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen,
    ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. er-
    zählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel
    Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die
    Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an
    mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P.
    denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen
    Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar
    nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist.
    Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: „Non vixit.“
    Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke
    wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden
    krankhaft blau – und endlich löst er sich auf. Ich bin
    ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch
    Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war,
    und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Person
    nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch
    den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.

    Dieser schöne Traum vereinigt so viele der trauminhalt-
    rätselhaften Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst,
    daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst
    bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum
    selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und
    die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich „für mein
    Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich
    bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was ich nämlich im
    Traume tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz
    aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte
    Sinn des Traumes zu Schaden geworden. So begnüge ich mich denn,
    zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes
    zur Deutung herauszugreifen.

    Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch
    einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und
    unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die un-
    verkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demon-
    strator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Früh-
     

    Freud, Traumdeutung. 2. Aufl.

  • S.

    258

    stunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins
    Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur
    Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und
    bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwältigende
    waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und
    vor denen ich verging – wie P. im Traume der zu meiner Er-
    leichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe
    Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann
    und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugend-
    lichen Sünders von damals leicht versetzen können.

    Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
    zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übte, bis ich mich besann,
    daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als
    gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann
    wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser-
    Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu
    lesen:

    Saluti patriae vixit
    non diu sed totus.

    Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind-
    seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was
    heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar
    nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige
    Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals in den Arkaden
    der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal
    Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern
    erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissen-
    schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be-
    gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren.
    So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit
    dem Vornamen Josef.*)

    Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
    nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch Non vixit,
    das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt,
    zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch
    seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf
    achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche
    Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die
    erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen
    Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um
    die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal;
    aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am

    *)Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zu-
    spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten
    Weg von der Kaiser Josef-Straße in die Währingerstraße zu machen hatte.

  • S.

    259

    Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich
    habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei dem
    mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine
    ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegen-
    gesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch
    erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen?
    An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in
    der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares’ Julius
    Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glück-
    lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil
    er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche
    Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den
    ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn
    ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine
    andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke,
    dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach
    Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit.
    Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien
    gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und
    könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den
    Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten.*)

    Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
    gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten
    vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als 14jähriger
    Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals
    aus England zu uns gekommen war, – auch so ein Revenant –,
    denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm
    wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir
    unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und miteinander
    gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal ange-
    deutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit Alters-
    genossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele Inkar-
    nationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner
    unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten.
    Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß
    Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in
    späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt
    worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater – sein
    Großvater – zur Rede stellte: „Warum schlägst du den John? Sie
    läutete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe ihn
    ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinderszene
    muß es sein, die non vixit zum non vixit ablenkt, denn in der
    Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen – Wichsen;
    die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu

    *)Dazu noch Cäsar-Kaiser.

  • S.

    260

    bedienen. Die in der Realität so wenig begründete Feindseligkeit
    gegen meinen Freund P., der mir vielfach überlegen war und darum
    auch eine Neuausgabe des Kinderspielen abgeben konnte, geht
    sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John zurück.
    Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    f) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im
    Traume.

    Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Ele-
    ment der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Unter-
    suchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was
    es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume
    den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im
    Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und
    zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.

    Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
    Trauminhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in
    den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume,
    die – wie man zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
    I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
    verloren:

    Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er
    ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung
    erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm
    ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht
    ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über
    dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er
    wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist
    (da er doch schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt).
    Die Augen sind so klar.

    Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man
    sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst,
    während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß
    dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des
    Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich
    über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die
    Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen
    Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
    Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
    Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt
    vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet
    nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume
    selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins
    Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen
    Kopf fällen wird, nämlich daß er zu schmal in der Querrichtung
    von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs-
     

  • S.

    261

    material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat. Der
    Vater hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder
    Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen
    die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit
    wurde, zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war
    unser Träumer Zeugen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen
    Pistole dem Vater die Augen schwärzte (die Augen sind so
    klar). – An der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters
    zeigt, trug der Lebende, wenn er nachdenklich oder traurig war,
    eine tiefe Längsfurche zur Schau. Daß diese Furche im Traume
    durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung
    des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen
    photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte,
    als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche
    über die Stirn der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen
    reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren,
    denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische
    Platte mit deren Abbild gesprungen.

    Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
    Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
    Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
    gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich
    wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver-
    meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung
    urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität
    ist ein zugelassener oder gewollter.

    II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen
    Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):
    Der Vater hat nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt,
    wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge
    wie im Reichstage; eine Person, die auf einem oder auf zwei
    Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere mich
    daran, daß er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich
    gesehen hat, und freue mich, daß diese Verheißung doch
    wahr geworden ist.

    Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
    Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen
    Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
    Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume
    gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be-
    deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle
    Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den
    Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die
    Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Österreichs
    eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichstage

  • S.

    262

    von Preßburg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur pro rege
    nostro“*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater
    von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen,
    also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeignigt: – hier vermittelt die
    Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf
    dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
    wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung,
    seine Wangen glühten rot und röter … unwillkürlich setzen wir
    fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt,
    das Gemeine.

    Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
    gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „post-
    mortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach
    seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war
    die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge-
    wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer
    meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor,
    bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft
    antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver-
    wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge-
    bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche
    fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl-
    entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglück-
    lich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den
    Vater stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen,
    der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein
    und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das
    nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten?
    Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, daß eine völlig
    zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität
    hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag,
    im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den
    Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein ge-
    wollter, absichtlich hervorgerufener, ist.**)

    *) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge-
    funden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als
    dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer
    bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner
    Figuren; eine Reihe derselben behandelt den Greuel des Dreißigjährigen Krieges.

    **) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten,
    handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung hervorgerufen
    und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum
    sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieses Rätsels eine sehr nahe-
    liegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn der Vater noch
    leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses „Wenn“ kann der Traum nicht anders
    darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt z. B.
    ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat, bei einer
    Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei

  • S.

    263

    III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
    dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein
    Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir
    die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein-
    gegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner und gebe
    Auftrag zu einem Bahnhofe zu fahren.“ Auf der Bahn-
    strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren“
    sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich
    ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon
    eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der
    Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte
    gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen
    Einspänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene
    Straße führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach
    Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den
    Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht er-
    sparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung
    zu den Aristokraten an mit der ich später noch zusammentreffen
    werde. Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs
    die Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an
    die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staats-
    wagen von Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich
    aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher
    identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt ab-
    gesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“),
    und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage,
    daß ich ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unver-
    ändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsverände-
    rung, zuviel des Schönen an einem Tage zumute. Mein Bruder hatte
    mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher
    bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der
    Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er
    könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit
    der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre.
    Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine
    Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In
    Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge-
    fahren“); ich hatte meinen Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit
    der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der
    Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch
    an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ – „Wagen“ in den Traum einsetze, was


    wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung
    gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann
    doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene
    das nicht zu erleben braucht, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr
    dreinzureden hat.

  • S.

    264

    allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder gute
    Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges
    heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe
    einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn
    strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“) herstellt. Da ich
    aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln
    brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume ab-
    sichtlich so gestaltet haben.

    In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
    Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen
    oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden
    Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas
    Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den
    Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Darstellung ver-
    langt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und geistreichen
    Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haus-
    hälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen
    konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich
    mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu finden eine etwas
    lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen“
    und „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Ein jeder hat’s,
    Im Grabe ruht’s.

    Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte
    identisch mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Nicht jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s.

    Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren
    sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen
    Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren
    zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
    Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht
    mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher
    einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte, konnte
    die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbe-
    ziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet:
    Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein.
    Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen
    dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt
    löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß
    ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
    vorgefahren.

  • S.

    265

    Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
    gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt:
    Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un-
    bewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird
    somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider-
    spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
    Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen
    Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit
    einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll die Disposition
    der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch
    zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum-
    arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück
    des latenten Inhalts in eine manifeste Form.*)

    Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
    Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana-
    lyse gedeutete Traum von der Wagnervorstellung, die bis morgens
    3⁄4 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert
    wird u. s. w. (siehe Seite 245) will offenbar besagen: Das ist eine
    verdrehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer’s verdient,
    den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s, womit
    sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint. – Daß
    sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche
    vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall.
    Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume
    in typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen
    ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen
    Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner
    Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber
    die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode
    für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die
    Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.

    IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:

    Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner
    Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine
    Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines
    Anfalls bei mir not-
    wendig war. Ich mache mich darüber
    lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
    schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf

    *)Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
    indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt
    Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es
    in noch schlechteren:

    Herr Ludwig ist ein großer Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll oh!“

  • S.

    266

    dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über
    raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal
    betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden
    mußte. Es war, als er für das Haus T... gearbeitet. Du
    hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast
    du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin,
    was mir als unmittelbar folgend vorkommt.

    Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten
    zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als
    Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in
    den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung
    konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben
    und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele
    des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Vor-
    aussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen.
    Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur eine vor-
    geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt
    wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein
    kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
    Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
    umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer,
    und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge-
    heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt,
    daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sach-
    verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich,
    nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un-
    antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer
    meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
    ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
    deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege
    eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr
    erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital);
    und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen,
    geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß-
    helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
    Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren
    sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller
    vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her
    sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der
    das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art
    sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind
    vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,
    wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr
    erleichtert worden ist?

    Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
    Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traum-

  • S.

    267

    gedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So
    verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer etc.,
    das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert
    getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen-
    mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor-
    nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies,
    und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen
    Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater
    verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung
    anderer als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur,
    daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen
    darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein-
    mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein,
    enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
    Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
    große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge-
    folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
    der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum
    erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren ein-
    mal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be-
    rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und
    an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte
    einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der
    männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken
    besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be-
    schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen,
    ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“
    So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen
    zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich
    aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater
    verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden
    Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
    zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken,
    der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines
    Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher
    vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater
    zum Hofrat und Professor. Die größte und störendste Absurdität
    des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir
    von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe-
    renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll
    aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier
    bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die
    Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die
    Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ,
    und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes
    Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver-
     

  • S.

    268

    trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was
    sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist für
    mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe
    Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr
    auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.“
    Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch
    anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt
    darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
    Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich
    habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige
    Tage vorher zum Professor ernannt worden war.

    V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem
    Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an-
    gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht-
    fertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen
    Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber
    bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für
    Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung
    nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse,
    die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf-
    zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff
    auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war
    Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir
    plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber
    nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben,
    und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der
    Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von
    Goethe „Natur“ enthalten.

    Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
    dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch-
    gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
    Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer
    Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig;
    es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke
    ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf
    dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach
    seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be-
    rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klar zu legen;
    Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon,
    daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material
    des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir
    befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine
    höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte
    Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die

  • S.

    269

    ein recht jugendlich und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt
    hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte
    den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be-
    dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin
    brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem
    Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen
    Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden.
    Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
    einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der
    mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die
    Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes
    schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung
    des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es
    vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder-
    gebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und daß der Unglückliche
    sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens
    nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken,
    als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.

    Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch
    meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist
    man es selbst,“ hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den
    zeitlichen Verhältnisse… ein wenig auf-
    zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
    Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken
    sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr
    seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch
    umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Traum-
    inhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat,
    was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute
    den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom
    Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker
    von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ.

    Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum
    von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß
    ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines
    Freundes zu der, meinige mache und mich an seine Stelle setze.
    Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus.
    Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver-
    schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz
    an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie
    für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich
    kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der

  • S.

    The provided text is a list of numbers, likely representing a sequence or a dataset. Since there's no specific question or task associated with it, I'll offer a few ways to interpret or analyze it, assuming common data analysis needs. **Interpretation and Potential Analysis:** 1.  **Nature of the Numbers:**     *   All numbers are positive integers.     *   They range from 1 to 99.     *   There are no decimals, negative numbers, or non-numeric characters. 2.  **Quantity:**     *   There are 100 numbers in total. This is a good sample size for basic statistical analysis. 3.  **Basic Statistics (if this were a dataset):**     *   **Count:** 100     *   **Minimum:** 1     *   **Maximum:** 99     *   **Range:** 99 - 1 = 98     *   **Sum:** (Calculating this manually would be tedious, but a program could do it easily. Let's assume it's a sum of 100 numbers between 1 and 99.)     *   **Average (Mean):** Sum / 100     *   **Median:** The 50th or 50th/51st value after sorting.     *   **Mode:** The most frequently occurring number(s).     *   **Standard Deviation/Variance:** Measures of spread. 4.  **Distribution (Visualizing or Grouping):**     *   **Frequency Count:** How many times does each number appear?         *   Example: 1 appears 3 times, 2 appears 2 times, 3 appears 3 times, etc.     *   **Histogram:** Grouping numbers into bins (e.g., 1-10, 11-20, ..., 91-100) to see the shape of the distribution. Is it uniform, skewed, normal-like?     *   **Even/Odd Split:** How many even numbers vs. odd numbers?     *   **Prime Numbers:** How many prime numbers are in the list? 5.  **Sequence Analysis (if order matters):**     *   Is there a pattern in the sequence? (e.g., increasing, decreasing, alternating, repeating blocks).     *   Are there any runs of the same number?     *   Are there any significant jumps or drops? 6.  **Data Cleaning/Validation:**     *   Since the input is clean, no cleaning is needed. If there were non-numeric entries or out-of-range values, this step would be crucial. **Example of a simple frequency analysis (manual count for a few numbers):** *   1: 3 times *   2: 2 times *   3: 3 times *   4: 1 time *   5: 1 time *   6: 1 time *   7: 1 time *

  • S.

    271

    Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man nach
    der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wieder-
    sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.
    Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
    gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem
    Verbum „goiser“ und läßt sich am besten durch „unbefohlene Leiden,
    Verhängnis“, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im
    Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“. Un-
    geseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk-
    samkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch zunächst ratlos. Die
    kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug
    gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständnis
    die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der
    ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene Kaviar fürs
    Volk, „noble Passionen“; darin liegt eine scherzhafte Anspielung an
    eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe,
    daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen
    wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus-
    haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
    Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen-
    ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an
    einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert
    und ungesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten
    hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen,
    und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur
    Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen,
    der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er-
    innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der
    uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin
    und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge-
    wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse,
    und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine
    später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen,
    von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in die
    Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde… Ich meinte: Hoffentlich ist
    der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir unter-
    dessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bilateralen
    Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen:
    „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie der
    Kyklop…“ Das führt nun zur Rede des Professors im Vortraume:
    Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Hauptquelle für
    das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn
    des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, noch auf
    der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der
    Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie ein-
    seitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf

  • S.

    272

    VI. Die Traumarbeit.

    das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden
    heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber
    die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent-
    setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landauf-
    enthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere
    Seite. „Was machen Sie für Geseres? herrschte er die
    Mutter an. Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es
    auch auf der anderen gut werden.“ Und so ward es auch.

    Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul-
    bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt,
    ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten
    übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund
    lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen
    lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch
    ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig und ein-
    seitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter Kyklop) und
    die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um die Einseitig-
    keit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitig-
    keit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es
    nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge wider-
    spricht? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin sein Ab-
    schiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin das Gegen-
    teil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es handelt
    gleichsam in Beachtung der bilateralen Symmetrie!

    So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
    scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten
    und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu-
    setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete
    sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln
    konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so
    wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz,
    der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom
    Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen
    durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur
    toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich
    einen Reiher von einem Falken unterscheiden.“*)

    Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
    aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind – wenigstens
    nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen – und daß die

    *)Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz,
    daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, auf dem
    Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich
    meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf
    einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß
    ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat,
    ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

  • S.

    273

    Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden
    Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott
    und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt
    mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das
    Zusammenwirken der drei erwähnten Momente – und eines vierten
    noch zu erwähnenden – erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als
    eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr
    vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im
    Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit
    einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen Ver-
    hältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren In-
    halt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung
    über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche
    gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein-
    wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus-
    gewählten Beispielen erledigen.

    Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor
    findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit
    aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum-
    gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde
    in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen
    Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man
    nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den Emp-
    findungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft,
    gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die
    Deutung des Traumes einzufügen.

    I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt.
    Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar
    ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es
    der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum-
    stück, in dem ein „Mistrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinne-
    rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz-
    haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre
    nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Mistrügerls sein müsse.
    Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit
    Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
    der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn
    man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den
    Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
    Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem
    es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum-
    darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
    Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil
    über den ganzen Traum vertreten sein.

  • S.

    274

    II. Ein ähnlicher Fall:

    Einer meiner Patienten hat einen Traum,
    der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach
    dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der
    Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf
    ein Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von
    dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.*)

    III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser
    und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß
    ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen
    habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir
    einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration
    führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau
    Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einem
    kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und
    treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen
    zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme,
    nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine
    Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort ge-
    lassen hat.

    Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich
    damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was
    es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.**) Die Analyse
    lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi-
    gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den
    Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in
    meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit
    der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin,
    die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer
    Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können
    den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las
    ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A...y (woraus
    ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner
    Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden
    sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war
    mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen
    Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes
    ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem Ge-
    burtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.

    *) Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich
    dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoana-
    lytischen Behandlung ent
    spricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes und
    wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt.

    **) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten
    Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.

    275

    Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen.

    IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus
    dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort-
    dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete:
    „Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette
    Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß
    es doch wahr geworden ist.“ (Dazu eine vergessene
    Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in
    diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten
    Knaben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlich-
    keit gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit
    meinem Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das
    Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu ver-
    wenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch be-
    friedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie
    die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf
    die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der
    Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung
    derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses
    Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß
    ihm damals der nämliche – beim Kinde und beim Sterbenden leicht
    verzeihliche – Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.
    Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch
    des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen.
    V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver-
    bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen,
    heraussuchen soll, so werde ich’s als große Erleichterung empfinden,
    daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in
    anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe,
    der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils-
    akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält-
    nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
    aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
    Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
    literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel
    vor, daß er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie das Er-
    gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben“ wäre ein Beispiel
    von Unsicherheit oder Zweifel im Traume.
    Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese
    scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute
    eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum-
    deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver-
    mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen
    Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich mich an die
    Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des

    18*

  • S.

    276

    Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung
    eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden
    Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich
    vorkommt“, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir
    plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der
    Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert:
    „Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf „Natur,
    Natur“, etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel plau-
    sibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“
    Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traume,
    sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum-
    gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich
    dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der Traum-
    gedanken.

    Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in
    Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges,
    aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich nicht
    sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts anderes
    als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen
    Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.

    Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann
    man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der
    Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten
    Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein
    beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der Zurückführung
    unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke
    der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber
    anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träumen eine
    psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang
    herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer
    sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen
    jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung
    beteiligten Momente später würdigen werden.

    VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den
    bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zu-
    schrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge-
    heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was
    mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz
    in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem
    Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 ge-
    boren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die
    Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken
    herrschende Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeit-
    raum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser
    Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken
    anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der

  • S.

    277

    Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes.

    Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur
    zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume
    verkehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an
    einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges
    Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren, wann? 1856. – Patre?
    Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung,
    und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen
    des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht
    jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes
    nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material
    in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues.
    Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher
    lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein
    als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band
    eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem
    Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traum-
    gedanken dar.*)

    Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das
    Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner
    Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an
    meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische
    Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich
    arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner
    Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich
    „fertig“ werden würde. Da entschloß ich mich, schnell, meine
    Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig; trotz des Aufschubs.
    Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern
    trotzig entgegenhalte: „Und wenn Ihr es auch nicht glauben wollt,
    weil ich mir Zeit lasse: ich werde doch fertig, ich komme doch zum
    Schluß. Es ist schon oft so gegangen.“

    Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze,
    denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen
    kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte
    ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im
    Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig,
    denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
    schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich
    auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer
    derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus
    der früheren Analyse (Seite 266), daß dieser Traum auf dem Boden
    von tief erbitterten und hohngestränkten Traumgedanken erwachsen ist;

    *)Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben
    über die Darstellung der logischen Relationen (Seite 228). Letztere beschreiben das
    allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und
    sorgfältigsten Leistungen derselben.

  • S.

    278

    wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke an-
    nehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine
    tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach
    dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen
    Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier
    doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß
    Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es
    ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein
    + und —, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der
    diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Ope-
    rationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber
    dann beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf
    folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, daß
    manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf-
    lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt
    geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So muß
    ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre,
    mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemüts-
    leben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Er-
    innerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und unterste
    Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten,
    denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neu-
    gewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären,
    nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht
    am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner
    Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei
    weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen
    spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 181.) Und doch ist nach
    meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur
    Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in
    ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare
    Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so
    früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß
    meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit
    man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung,
    wenn gerade das Material diesen Schlüsse, deren Beanständung
    ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier
    Schlüsse verwendet wird.

    VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird
    eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich
    ausgesprochen.

    „Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge-
    stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä-
    paration meines eigenen Untergestells, Becken und
    Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne
    den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von

  • S.

    279

    Verwunderung im Traume.

    Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei
    mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die
    obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich ver-
    mengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch
    im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch
    mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber
    lag und zerknülltem Silberpapier glich.*) Dann war ich
    wieder im Besitze meiner Beine und machte einen Weg
    durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen.
    Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor
    hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang
    passieren ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich
    weiter ins Freie führt.**) Schließlich wanderte ich mit
    einem alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch
    wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er
    mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden
    war sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen am
    Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder
    Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden
    mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung,
    daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich
    kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes
    Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und
    legte zwei bereit stehende Holzbretter auf das Fenster-
    brett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom
    Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirk-
    lich Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Über-
    ganges sah ich aber zwei erwachsene Männer auf Holz
    bänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und
    wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht
    die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermög-
    lichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck.

    Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus-
    giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor-
    stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse
    dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang
    entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver-
    wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar
    genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist
    ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit
    assistiert. „Leih’ mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She“ von
    Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von
    verstecktem Sinne“, will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib-

    *)Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 252.
    **) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
    Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

  • S.

    280

    liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte – „Da unterbricht sie
    mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts eige-
    nes? – „Nein, meine
    eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ – Also
    wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die,
    wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas
    anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund
    mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es
    mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich soviel
    vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu
    schicken. „Das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben
    doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die mir im
    Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume
    verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht
    hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es
    sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich
    zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an
    die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt
    zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir
    nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von Rider Haggard
    geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben
    Autors, Heart of the world, geht das Urteil „sonderbar genug“,
    und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen
    Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen
    wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über-
    schreiten ist, stammen aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das
    Holzhaus aus „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau
    die Führerin in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen,
    in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je
    Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem
    Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich
    entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie
    weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She“ endet das
    Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die Un-
    sterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet.
    Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
    geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das
    Grab. Also in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken
    durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück
    geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war
    ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer
    mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette von
    zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere des
    Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der
    Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen sollst,
    so sei es das Etruskergrab,“ und mit dieser Unterschiebung ver-
    wandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. Leider

  • S.

    281

    kann er, wie wir hören, nur die den Affekt begleitende Vor-
    stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt
    selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf, nachdem sich
    noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder er-
    reichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche An-
    spielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person
    durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird.

    VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
    gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume
    Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten
    und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen
    den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der
    Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse
    besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der
    Südbahnstrecke und höre im Schlafe: „Hollthurm 10 Minuten“
    ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien – ein natur-
    historisches Museum –, daß hier ein Ort ist, wo sich
    tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
    Landesherrn gewehrt haben. – Ja die Gegenreformation
    in Österreich! – Als ob es ein Ort in Steiermark oder
    Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum,
    in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer auf-
    bewahrt werden. Ich möchte aussteigen, verzögere es
    aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie
    kauern auf dem Boden und halten die Körbe so einladend
    hin. Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit
    haben, und jetzt stehen wir noch immer. – Ich bin plötz-
    lich in einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze
    so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die
    Lehne stößt.*) Ich wundere mich darüber, aber ich kann
    ja im schlafenden Zustand umgestiegen sein. Mehrere Leute,
    darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe
    Bücher deutlich auf einem Gestell an der Wand. Ich sehe
    „Wealth of nations“, „Matter and Motions“ (von Maxwell),
    dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt
    die Schwester nach einem Buche von Schiller, ob sie das
    vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen,
    bald die der Beiden. Ich möchte mich da bestätigend
    oder unterstützend ins Gespräch mengen – – – – –. Ich
    wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen
    sind. Der Zug hält in Marburg.

    Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
    die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister-

    *)Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge
    dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

  • S.

    282

    VI. Die Traumarbeit.

    paare auf ein gewisses Werk: It is from
    mich aber: It is by… Der Mann bemerkt zur Schwester:
    Er hat es ja richtig gesagt.

    Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
    unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der
    Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten
    oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die
    Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich
    nicht im steirischen, geboren ist.*) Nun reiste ich diesmal, obwohl
    erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war
    überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame an
    getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart besaßen
    oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den
    Eindringling, irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde
    nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen
    die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber
    am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; die
    Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen
    der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger
    bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig ab-
    geschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahrungen
    kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die
    ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der Kondukteur
    kam und ich mein teuer erkauftes Billett vorzeigte, tönte es aus
    dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend: „Mein Mann hat
    Legitimation.“ Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten
    Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher
    Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos
    da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche
    Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht
    ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen ich hinter den
    abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies
    Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das
    Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, und ohne
    daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß
    es nicht im geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald
    meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung
    ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den
    Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu
    erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte
    mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine

    *)[Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren,
    wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder
    einer jener Irrtümer (vgl. Seite 139), die sich als Ersatz für eine absichtliche Ver-
    fälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“ versucht habe.]

  • S.

    283

    Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustand den Wagen
    verlassen haben, ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die
    Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Per-
    sonen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen,
    ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu ver-
    raten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen
    und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen
    Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also noch
    im Traume den meinigen.

    Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
    Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum-
    arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose
    eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle
    von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der
    kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Neigungen
    anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur
    Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von schweren
    Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm
    das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, sich von allen
    Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden seien;
    ent-
    zog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so blieb ihm
    die peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte
    ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie
    dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“. Wegen der Unmöglich-
    keit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen auf und
    verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier Wänden. In
    sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung beständig Nachrichten
    von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein Gewissen
    wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er der gesuchte
    Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine Wohnung
    nicht verlassen habe, schützte ihn in eine Weile gegen diese Anklagen,
    bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein
    Haus im bewußtlosen Zustand verlassen und so den Mord
    begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da
    an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haus-
    hälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein
    Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen.

    Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt-
    losen Zustand umgestiegen bin – er ist aus dem Material der
    Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im
    Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten
    zu identifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch nahe-
    liegende Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige
    Wochen vorher die letzte Nachreise gemacht. Er war geheilt, be-
    gleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen;
    wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch

  • S.

    284

    VI. Die Traumarbeit.

    offen und hatten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten.
    Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner
    Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung
    gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich
    mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst
    sich auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
    nächtlichen Reisegefährten sich darum so abwesend gegen mich be-
    nehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten
    nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie
    aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahr-
    scheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der
    Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus ver-
    trieben wird.

    Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
    würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent-
    nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung
    eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an-
    gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung,
    gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt
    verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen
    Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir
    unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht
    regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo
    sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traum-
    elemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden
    es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu
    beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit den Affekten
    zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.

    g) Die Affekte im Traume.

    Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker77) hat uns auf-
    merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die
    geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht
    den Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume
    vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die
    Furcht ist real,“ und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume
    freue. Nach dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume
    erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten
    von gleicher Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungs-
    inhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter
    die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir
    bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stande, weil wir
    einen Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der
    Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vor-
    stellung der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird
    unser waches Urteil irre.

  • S.

    285

    An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor
    stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als
    notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell äußerte,
    im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten
    entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vor-
    kommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der
    zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin
    im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation,
    verspüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu; hingegen ent-
    setze ich mich andere Male über harmlose, und freue mich über
    kindische Dinge.

    Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so
    vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom
    manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit
    seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr.
    Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver-
    schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während
    die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß
    der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum er-
    halten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
    Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine
    frühere Stelle eingesetzt hat.

    An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
    Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil,
    der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann.
    Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den
    Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner
    Qualität nach; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro-
    tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wundert,
    daß er sich von einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder der
    Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so
    peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den Vor-
    stellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit – für das Wesent-
    liche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen Vorstellungs-
    inhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die Psycho-
    analyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegenteil
    den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, durch
    eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei,
    daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare
    organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt
    sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß
    sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt,
    daß dies in der Tat der Fall ist.

    Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
    bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt,
    der Affektentbindung erzwingen sollte.

  • S.

    286

    I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen
    einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann
    muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will
    auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die
    französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w.
    Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
    Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden:
    Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen solchen
    Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre englische
    Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Bekannter
    hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also die drei
    Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? – Sie hat eine
    Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen zum Auf-
    stand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner Rettung
    auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung
    Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt,
    aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und siebe sie
    durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige, aber
    nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird,
    warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger be-
    mühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hinein-
    zukriechen, aber sein Vordermann war schon oben. Das ganze
    Material wird verständlich, wenn man erfährt, daß die Dame am
    Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres Mannes empfangen
    hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und sie
    fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl er ein sehr „großes
    Tier“ ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines „Löwen
    der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem
    Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnock, der Schreiner
    demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht
    fürchtet.
    II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens
    heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg
    liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und
    keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht.
    Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wieder-
    zusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein und
    nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlaß.
    In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens
    noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu
    ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des
    Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner
    zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume
    untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente
    hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir bei den Urteilsakten
    des Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken
     

  • S.

    287

    ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen solchen;
    aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material ver-
    schoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem
    Prinzip der Gegensätzlichkeit.

    Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum-
    beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

    III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht
    direkt am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, der
    ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich
    stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, vor
    dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben.
    Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der Be-
    satzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von
    feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand
    befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er-
    teilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle
    zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit
    den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom-
    bardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden.
    Er atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
    zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nötigen-
    falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er
    noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe
    ihn wohl mit den Fragen überflüssigerweise ange-
    strengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Ein-
    druck macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben
    wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigen und
    als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
    übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere
    die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf
    dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit
    mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die
    ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor-
    traume). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen
    beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiffe
    erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff.
    Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurück-
    kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines
    Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in
    seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentüm-
    liche becher- oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie
    aus einem Munde: Das ist das Frühstücksschiff.

    Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des
    Wassers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen
    einen hochgespannten, düsteren Eindruck.

  • S.

    288

    Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
    an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja).
    Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem
    Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer
    Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und
    an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika
    lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses
    Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt
    ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben,
    daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer
    anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke
    ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des Schreckens. Die
    Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traume so
    erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja
    kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte,
    und es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses
    bei dem Anblicke des Kriegs-
    schiffes erschrecke. Nun weist aber die
    Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes
    Ich ist (im Traume bin ich ein Ersatzmann). Ich bin der Gouver-
    neur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der
    Zukunft der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer
    peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck,
    der im Traume an den Anblick des Kriegs-
    schiffes gelötet ist, muß
    von dort losgemacht und hieher gesetzt werden. Umgekehrt zeigt
    die Analyse, daß die Region der Traum-
    gedanken, aus der das
    Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt
    ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem
    zauberhaft schönen Tage an den Fenstern unseres Zimmers auf der
    Riva Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute
    mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden englische
    Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten, und plötz-
    lich rief meine Frau heiter wie ein Kind: Da kommt das
    englische Kriegs-
    schiff! Im Traume erschrecke ich bei den
    nämlichsten Worten; wir sehen wieder, daß Rede im Traume von
    Rede im Leben abstammt. Daß auch das Element „englisch“ in
    dieser Rede für die Traum-
    arbeit nicht verloren gegangen ist, werde
    ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traum-
    gedanken
    und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur anzu-
    deuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten
    Trauminhalts zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß
    es der Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen
    in den Traumgedanken zu lösen und beliebig wo anders im Traum-
    inhalt einzufügen.
    Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
    stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene
    Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu unter-

  • S.

    289

    ziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt
    mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden
    in seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlich-
    keit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etrus-
    kischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige
    Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie
    Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer
    modernen Service für den Frühstückstisch. Auf Befragen erfuhren
    wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke-
    und Puderbüchsen darauf, und wir sagten uns im Scherze, es wäre
    nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt
    bedeutet also – schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf
    einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt
    an den „Nachen“ vom Stamme νέκυς, wie mein sprachgelehrter Freund
    mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meere
    zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich, warum im Traume
    die Schiffe zurückkehren.

    „Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.“
    Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruche, der Frühstücks-
    schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
    „Frühstücks“schiff? Hier kommt nun das „Englische“ zur Verwendung,
    das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = break-
    fast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder zum Schiff-
    bruche, das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an.

    An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
    neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der
    heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja
    mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine
    Flasche des vorzüglichen istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und
    während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam
    in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein-
    zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein,
    das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh-
    stücksschiff“, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten Lebens-
    genusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an eine
    unbekannte und unheimliche Zukunft.

    Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
    Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei
    der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesent-
    lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken
    zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
    Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo
    sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum-
    gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen
    affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er
    hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe,

  • S.

    290

    so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen-
    regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die
    ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück,
    so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls-
    ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch
    oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten
    gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine
    Unterdrückung der Affekte zu stande gebracht. Man nehme
    z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht
    im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit,
    so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es
    mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene
    Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben,
    sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete
    Pflanzen sind jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines
    Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.
    Es kann auch anders ausfallen, in dem Traume selbst können
    lebhafte Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
    unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
    erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
    Ergriffenheit versetzen kann.

    Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung
    während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
    sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
    Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge-
    danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich
    – aus anderen Gründen – genötigt mir als einen zentrifugalen,
    gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den
    motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im
    Schlafzustand die Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen-
    welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Erweckung
    von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes
    erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der
    Traumgedanken zu stande kommen, wären also an und für sich
    schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch
    nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung
    der Affekte“ überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine
    Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
    alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammen-
    gesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wider-
    streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch-
    bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
    Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im un-
    bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra-
    diktatorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge-
    dankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großen

  • S.

    291

    kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als
    Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die
    Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die
    Affekthemmung wäre dann der zweite Erfolg der Traum-
    zensur, wie die Traumdarstellung deren erster war.
    Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
    Empfindungston des Trauminhalts durch die Gegensätzlichkeit in den
    Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen
    Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen
    wird:

    IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im
    Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes
    Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit
    Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische.
    Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank;
    ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kotpatzen
    lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob
    am Ende noch etwas übrig bliebe.

    Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
    Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
    Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt
    hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den
    Herkules reinigt. Diesen Herkules bin ich. Die Anhöhe und das
    Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich
    habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch
    meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis
    auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels,
    das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie
    mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
    Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung
    fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine
    Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten
    bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,
    der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So
    löscht Gulliver bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht
    sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu.
    Aber auch Gargantua, der Übermensch bei Meister Rabelais,
    nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame
    reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnierschen
    Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem
    Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß
    ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
    Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf
    den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufels-
    fratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so
    rasch verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt,

  • S.

    292

    mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über
    schreiben werde.

    Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
    heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend
    stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit
    den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, miß
    fiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war
    müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte
    mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutze, nach meinen
    Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung
    ging ich vom Hörsaal in ein Café, um dort in freier Luft einen be
    scheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich verlassen.
    Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis
    dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an meinem
    Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wie viel er
    bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe,
    daß ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neuro
    senlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine
    Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem
    Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor
    dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von C. F.
    Meyer „Die Leiden eines Knaben“.

    Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle
    von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vergl.
    den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung
    von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als
    sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte.
    Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von
    kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung rege und hob die
    erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in
    demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung
    den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte
    ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung
    der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.

    Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
    ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte
    aber mit Lust betonte, Gedankenzug des Größenwahns zu dem des
    Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar
    gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur
    dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung
    gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht.

    Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken
    noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte
    herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver
    kehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß
    jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar
    ¿

  • S.

    293

    stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein,
    ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang
    entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhalts hat sich offen
    bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren
    bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon-
    trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige
    assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor-
    stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede
    andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber
    auch häufig das Werk der Wunscherfüllung; denn die Wunscherfüllung
    besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen
    Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen
    können also auch die Affekte der Traumgedanken im Traume ins
    Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese
    Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur bewerkstelligt wird.
    Affektunterdrückung wie Affektverkehrung dienen ja
    auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traum-
    zensur gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich münd-
    lich mit der Person verkehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen
    muß, während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe
    wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge,
    als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich
    zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite diese aber mit einem
    Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die
    Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als
    wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen
    hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unter-
    drücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich
    den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und
    mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

    Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt-
    verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume
    „von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen
    Freund R., während und weil die Traumgedanken ihm Schwach-
    kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte
    haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum-
    zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die
    Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft;
    sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit-
    liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr-
    motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt-
    erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich
    aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt),
    denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
    meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 259) bei
    mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.

  • S.

    294

    Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver-
    kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traum-
    gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn-
    thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier
    noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die
    etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen.

    V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
    Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich
    im Traume selbst das dazu gehörige Grauen. Dies ist
    nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation be-
    deutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung
    des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war,
    daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskripts um mehr als ein
    Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich
    über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver-
    spüre ich im Traume kein „Grauen“. Das „Grauen“ im anderen
    Sinne möchte ich auch gern vermissen; es graut bei mir schon
    ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht
    länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlusse des Traumes
    der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern
    überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu
    kommen.

    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
    die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
    Befriedigung das einmal motiviert durch die Erwartung, „ich werde
    jetzt erfahren, was es heißt, ich habe schon davon geträumt“, und
    bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere
    mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich
    durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist
    die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind
    hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
    herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu.
    Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
    daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug
    aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und
    deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich
    nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt
    aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein-
    schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel
    selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine
    Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe
    in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb-
    hafte Regung zu stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
    widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem
    Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu
    äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter-
     

  • S.

    295

    drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äuße-
    rungen und Gedanken des Bedauerns. Jedermals wird sich in
    solcher Lage schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß
    die gehaßte Person sich durch eine Überschreitung eine wohl-
    verdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung
    darüber freien Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe ge-
    troffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen
    anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung
    machen, daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der an-
    deren; sie hat einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten,
    der bis dahin von der inneren Zensur verhindert war, Affekt zu
    liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr gehindert
    wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu, wo anti-
    pathische Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen Minorität
    eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht dann ge-
    wöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden vermehrt
    um das bisher effektlose Übelwollen, das sich gegen sie richtet. Die
    Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden
    aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung,
    welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung
    in ihrem Innern bereitet. In welchen Fällen ist der Affekt seiner
    Qualität nach zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in
    dem einen Punkte beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht
    die Prüfung des zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet
    ist, so drängen sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich
    einzulassen beabsichtigte.

    Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
    Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
    quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
    soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über-
    schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten
    Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver-
    bindung herstellen können, und für deren Affektentbindung die ein-
    spruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung er-
    öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der
    unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht
    ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge
    fassen dürfen. Ebensowiel Beachtung verdienen die Fälle, in denen
    die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver-
    stärkung, einen pathologischen Effekt zu stande bringen. Diese an-
    deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun
    zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden.
    Eine Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich
    alsbald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist
    durch diesen Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt.
    In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den Traum-
     

  • S.

    296

    gedanken aufzusuchen haben, auf welche der Druck der Zensur
    lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den
    gegenteiligen Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit
    der ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungs-
    affekt der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der
    Befriedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die
    Affekte im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und
    als überdeterminiert in bezug auf das Material der Traumgedanken;
    Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern können,
    treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zu-
    sammen.*)

    Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
    man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“
    den Mittelpunkt bildet (vgl. Seite 257). In diesem Traume sind die
    Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des
    manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feindselige und peinliche
    Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten
    ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
    mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich
    ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen
    als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die
    man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.

    Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit-
    geteilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis
    des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den
    ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß er sich
    einer Operation unterziehen werde, und daß in Wien lebende Ver-
    wandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden.
    Diese ersten Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich
    und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist,
    aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden
    behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traum-
    gedanken erfahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes
    fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich
    wußte, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im
    Traume: Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in
    ¾ Stunden war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß
    seine eigene Natur nicht viel resistenter sei und mir vorgestellt, daß
    ich auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und
    zu spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.**)
    Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des

    *)[Analog habe ich später die außerordentlich starke Lustwirkung der tenden-
    ziösen Witze erklärt.]

    **)Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
    „non vivit“ anstatt „non vixit“ verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht
    mehr.“ Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf „non vivit“ zielt, ist
    Seite 258 angegeben worden.

  • S.

    297

    Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der
    der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem
    fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was
    diese Ablenkung der Szene zu stande gebracht, wird sich bald er-
    geben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren,
    wie ich sie erlebt habe. Es läßt zwar dem anderen die blauen
    Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung,
    die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das
    Leben des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine
    Beschämung (er ist unauffällig zu mir) nach Wien gekommen), mein
    Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, das
    alles setzt den Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe deutlich ver-
    spürt, in jener Region der Traumgedanken tobt.
    An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was
    auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un-
    günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt
    ich auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem
    zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen
    in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wußte
    zwar, daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging,
    sondern einer Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des ver-
    mittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vor-
    wurfe sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz unberechtigt war.
    Andere Vorwürfe als solche, an denen „etwas daran ist“, haften be-
    kanntlich nicht keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
    Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren
    hatte ich zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner
    Ehrung so nennen wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert,
    was der eine über den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe,
    die ich damals zu hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine
    der beiden Freunde, zwischen denen ich damals den Unfrieden-
    stifter machte, war Professor Fleischl; der andere kann durch den
    Vornamen Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund
    und Gegner P. führte, ersetzt werden.
    Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver-
    möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage
    Fls., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt
    habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den
    Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich
    im Brückeschen Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die
    zweite Person in der Vernichtungsszene des Traumes durch einen
    Josef ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf
    darstellen, daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Ver-
    drängung stärker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bewahre. Die
    Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren
    Motive werden hier augenfällig.

  • S.

    298

    Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung,
    nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
    fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger
    Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,
    welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilismus. Ich habe schon
    erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften
    mit Gleichaltrigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein
    Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war,
    ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich mit-
    einander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen
    älterer Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle
    meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten
    Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants.
    Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals
    führten wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund
    und ein gehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse
    meines Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu
    verschaffen, und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit
    her, daß Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen,
    natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Ab-
    wechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen
    sein mag.

    Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
    rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann,
    um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte
    ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten
    Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf-
    klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum-
    deutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine
    solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die bei-
    den Kinder geraten in Streit miteinander um ein Objekt, – welches,
    lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungs-
    täuschung ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er
    seifrühergekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur
    Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Trau-
    mes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irr-
    tum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere,
    behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive
    Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch
    die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn
    gelagt, weil er mich gelagt hat; so ist diese Erinnerung oder
    wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des
    Traumes – ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie – auf-
    drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum-
    gedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnenschale die zu-
    geleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen die Traumgedanken

  • S.

    299

    in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den
    Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver-
    drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
    anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich
    die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
    einmünden. Ein solches „Ôte-toi que je m’y mette“ mußte ich seiner
    zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er
    war in meine Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium
    getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden
    Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig.
    Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein
    intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner Ungeduld
    gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer
    Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem
    Sinne, durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebenbedeutung zu
    lassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche
    Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter
    gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung
    gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er-
    öffnet. Shakespeares Prinz Hal kann sich nicht einmal am Bett
    des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren,
    wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich,
    diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm.*)
    „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil er
    nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räumen, darum
    ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich un-
    mittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem
    anderen gesetzten Denkmals beigewohnt habe. Ein Teil meiner im
    Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe; es
    ist dir recht geschehen.
    Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
    Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so
    gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
    mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des
    wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung
    stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: Es
    ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zu Grabe
    geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte
    den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen
    Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm
    reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue wieder
    jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er,


    *)Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in
    meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen,
    kann ich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch
    der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.

    300

    daß ich den Platz behaupte wie damals in der phantasierten Kinder-
    szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber,
    daß ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum
    aufgenommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe,
    ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen Ehe-
    gatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris.“ Es
    ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der eine bin.
    Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung
    dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß sich
    als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen
    man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die Re-
    venants nur so lange bestehen, als man sie mag, und daß sie durch
    den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das, wofür mein
    Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind aber die auf-
    einander folgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes; ich bin
    also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer wieder
    ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im Begriffe
    bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich.
    Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht
    den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der
    rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung
    nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Ge-
    dankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung
    ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der verbotenen infantilen
    Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich mir
    bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele
    teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch Auf-
    lösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt
    haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet,
    als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man
    nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten
    werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen
    Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinüber-
    nehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung
    aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich
    die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich
    seinen Weg in die Darstellung gebahnt.
    Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen
    anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf.
    Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen
    bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester be-
    trauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe
    übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen
    würde ihm den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.
    So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
    des latenten Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegen-