S.
Vorbemerkung.
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche,
glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über-
schreiten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho-
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann
der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben;
um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und
wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß,
wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn-
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich
bemühen.Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig-
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver-
antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser
Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen
Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt
werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet werden
sollen.Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traum-
deutung erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer
gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle
in der Literatur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden
Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur
die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner, inS.
IV
psychoanalytischer Behandlung stehenden, Patienten. Die Verwendung
des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt,
daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch
die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mit-
teilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar
verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens
fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte, und als
sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern Naturforscher ist, zur
Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich
also darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine
psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natür-
lich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch
Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die Spitze
abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es dem Werte der von
mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann
nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich
in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir
zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten
Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Ge-
dankenfreiheit nicht werden versagen wollen.
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Die Traumdeutung 1900-001/1909