S.
III
DER TRAUM IST EINE WUNSCHERFÜLLUNG
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet,
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin
man zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem
wir diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen
in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht
vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen
Instruments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem
Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos,
nicht absurd, setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungs-
schatzes schläft, während ein anderer zu erwachen beginnt. Er
ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunsch-
erfüllung; er ist einzureihen in den Zusammenhang der uns ver-
ständlichen seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch kompli-
zierte geistige Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von
Fragen bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns dieser
Erkenntnis freuen wollen. Wenn der Traum laut Angabe der
Traumdeutung einen erfüllten Wunsch darstellt, woher rührt die
auffällige und befremdende Form, in welcher diese Wunsch-
erfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit den
Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifesteS.
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Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf
welchem Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher
stammt das Material, das zum Traum verarbeitet worden ist?
Woher rühren manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den
Traumgedanken bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander
widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, S. 124.)
Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren psychischen
Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an
die wir tagsüber geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese
Fragen einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg
weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen
Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein
zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter des Traumes ist,
oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes („von Irmas Injektion“),
mit dem unsere Analyse begonnen hat, denn selbst, wenn wir
uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen Sinn und
psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit offen
lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei.
Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer stellt
sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter
mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine
Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunsch-
träume oder gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume?Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter
der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man
sich wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon
längst ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den
ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann.
Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene
Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich
weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedes-
mal den gleichen Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe
Wasser in vollen Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nurS.
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ein kühler Trunk schmecken kann, wenn man verschmach-
tet ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken. Der Anlaß
dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Erwachen
verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu
trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er
dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter
Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis geweckt zu werden.
Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den Traum, daß ich
trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, um
ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlich-
keitstraum. Das
Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im
Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu
löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein Rache-
durst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille ist
der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einiger-
maßen
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem
Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer
Durstan-
fall, der seine Unbequemlich-
keiten im Gefolge hatte. Um
mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas
holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand.
Ich träumte also zweckent-
sprechend, daß meine Frau mir aus
einem Gefäß zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer
Aschenkrug, den ich mir von einer italienischen Reise heimge-
bracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte
aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte.
Man merkt, wie bequem der Traum es einzu-
richten versteht; da
Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkom-
men
egoistisch sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht-
auf
andere wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschen-
kruges ist wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut
mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens
auch das Wasserglas auf seiten meiner Frau mir nicht zugänglichS.
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ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen
Sensation des salzigen Geschmackes an, von der ich weiß, daß sie
mich zum Erwachen zwingen wird.1)Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen
Jahren sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu
arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierig-
keit. Ich pflegte dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und
beim Waschkasten stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der
Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin,
hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben
Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem
jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die
Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte
den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken,
aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen wollte.
Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins
Zimmer: „Herr Pepi, stehen S’ auf, Sie müssen ins Spital.“ Daraufhin
träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er
lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H. . .
cand. med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: „Wenn
ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen,“
wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das
Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden.Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer un-1)Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der S. 41
darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen auf-
gefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. – Die Art, wie sich der
Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden
Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort
nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung
der vermeintlichen Erfrischungen einstellt.“ Er übersieht aber das Allgemeingültige
in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere Personen, die in der
Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet
dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen
als schlechtere Schläfer. [E 1]Freud, II.
S.
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günstig verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen,
sollte nach dem Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühl-
apparat auf der kranken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber
wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines Tages bat
man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den
Apparat wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verant-
wortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die
Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. Ich war im
Traum in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft
für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich habe
mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch
den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.“ Dieser
Traum der armen Dulderin klingt wie die Darstellung einer
Redensart, die sich einem in unangenehmen Lagen über die
Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Vergnügen.
Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer,
dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste
junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern
konnte.Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe.
Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau
mitgeteilt hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner
Frau erzählen, daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode
bekommen. Du wirst wissen, was das bedeutet.“ Freilich weiß
ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat,
so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken, daß sie
gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Be-
schwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte
Art, die Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein
anderer Freund schreibt, seine Frau habe unlängst geträumt, daß
sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. Dies ist auchS.
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eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten Mal; die
junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr Nahrung
zu haben als seinerzeit fürs erste.Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war,
träumt nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer
Gesellschaft, in der sich A. Daudet, Bourget, M. Prévost u. a.
befinden, die sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind
und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen
auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben;
M. Prévost, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem – Des-
infektionsmanne gleich, der am Tag vorher die Krankenzimmer
gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten
hatte. Man meint den Traum lückenlos übersetzen zu können:
Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen
Krankenpflegen.Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß
man sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen
Träume findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen
lassen, und die ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind
dies zumeist kurze und einfache Träume, die von den ver-
worrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesentlich
die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohl-
tuend abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen
Träumen noch zu verweilen. Die allereinfachsten Formen von
Träumen darf man wohl bei Kindern erwarten, deren psychische
Leistungen sicherlich minder kompliziert sind als die Erwachsener.
Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung dazu berufen,
für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu leisten
wie die Untersuchung des Baues oder der Entwicklung niederer
Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten Tierklassen.
Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die
Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen.S.
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Die Träume der kleinen Kinder sind [E 2] simple Wunsch-
erfüllungen und darum im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener
gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber
natürlich unschätzbar für den Erweis, daß der Traum seinem
innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem
Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von
solchen Träumen sammeln.Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner
damals achteinhalbjährigen Tochter, den anderen von einem fünf-
vierteljährigen Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß
wir in diesem Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von
wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht
genossen. Mit dem Fernrohr war die Simony-Hütte gut zu erkennen.
Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu
sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Vor der Partie hatte
ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins.
Sie freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir
ins Escherntal, das mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder
sehr entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde all-
mählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte
er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten mußte: Nein,
nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einige Male wieder-
holt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall
wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet.
Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und
erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, daß wir auf der
Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; er hatte er-
wartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem Ausfluge
nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht
bekommen werde, von der beim Fernrohr so viel die Rede war.
Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen
und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuschtS.
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und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich
versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich.
„Man geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf“, wie er es
gehört hatte.Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem
Ausflug Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen
mußte. Wir hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn
nach Hallstatt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der, wie
mir schien, sich aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers
bereits erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen folgenden
Traum: „Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von
uns ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer
mit uns schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama ins
Zimmer und wirft eine Handvoll großer Schokoladestangen in
blauem und grünem Papier unter unsere Betten. Die Brüder, die
sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf Traumdeutung
verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum ist
ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des
Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen
zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das
ist ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die
Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause hatten die
Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und sich gerade solche
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papier gewünscht, die
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunsch-
erfüllungen gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig
gelassen. Mir war die kleine Szene entgangen. Den von meiner
Tochter proskribierten Teil des Traumes verstand ich ohne
weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf dem
Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder
die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machteS.
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der Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen
des Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den
Brüdern hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht.
Warum die Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden,
ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe
ich von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges
Mädchen. Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spazier-
gang nach Dornbach in der Absicht unternommen, die Rohrer-
Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil es zu spät geworden
war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal zu ent-
schädigen. Auf dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei,
welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten
nun, auch aufs Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus
demselben Grund wiederum auf einen anderen Tag vertrösten
lassen. Am nächsten Morgen kam das achtjährige Mädchen dem
Papa befriedigt entgegen: „Papa, heut’ hab ich geträumt, du warst
mit uns bei der Rohrer-Hütte und auf dem Hameau. Ihre Un-
geduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver-
sprechens antizipiert.“Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
Schönheit Aussees bei meinem damals dreieinvierteljährigen
Töchterchen erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den
See gefahren, und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch ver-
gangen. An der Landungsstelle wollte sie das Boot nicht ver-
lassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte sie:
„Heute Nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die
Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.“Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die
Realisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem
Wagen gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat
sich natürlich tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert,
die der älteren Schwester geschenkt worden sind.S.
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Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf
der Kinder gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so
kann ich im folgenden einen der jüngsten Träume meiner
Sammlung mitteilen. Mein jüngstes Mädchen, damals neunzehn
Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war darum den
Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem
Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen:
Anna Freud, Erdbeer, Hochbeer, Eierspeis, Papp. Ihren
Namen gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszu-
drücken; der Speisezettel umfaßte wohl alles, was ihr als be-
gehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren darin
in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen die
häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indispo-
sition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für
dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre
Revanche.1)Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine
wie reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der
Traumanregung der andere der großen Lebenstriebe für sie
werden kann. [E3] Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein zweiund-
zwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen
mit Kirschen zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch
zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn
er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind d(r)in, und ist nicht
zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu geben. Aber er
1)Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum
kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum
Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glückliche
Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „ausgebeten“,
zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.S.
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weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden Morgen seiner
Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat“ geträumt, einem
Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße bewunderte.
Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der
Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r)-
man alle Kirschen aufgessen! [E 4]Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort,
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es
zu wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die
Gans? und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais). [E 5] Die
ganze Theorie, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in
diesen zwei Sätzen enthalten. [E 6]Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver-
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege
gelangt wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten.
Die Sprachweisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom
Traum – man meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben,
wenn sie urteilt: Träume sind Schäume – aber für den Sprach-
gebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller.
„Das hätt’ ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt“,
ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen über-
troffen findet.
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Die Traumdeutung1900-001/1925.2
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