Die Traumdeutung1900-001/1925.2
  • S.

    III

    DER TRAUM IST EINE WUNSCHERFÜLLUNG

    Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf
    einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen
    und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet,
    darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin
    man zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem
    wir diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen
    in der Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht
    vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen
    Instruments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem
    Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos,
    nicht absurd, setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungs-
    schatzes schläft, während ein anderer zu erwachen beginnt. Er
    ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunsch-
    erfüllung; er ist einzureihen in den Zusammenhang der uns ver-
    ständlichen seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch kompli-
    zierte geistige Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von
    Fragen bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns dieser
    Erkenntnis freuen wollen. Wenn der Traum laut Angabe der
    Traumdeutung einen erfüllten Wunsch darstellt, woher rührt die
    auffällige und befremdende Form, in welcher diese Wunsch-
    erfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit den
    Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste

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    Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf
    welchem Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher
    stammt das Material, das zum Traum verarbeitet worden ist?
    Woher rühren manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den
    Traumgedanken bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander
    widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, S. 124.)
    Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren psychischen
    Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an
    die wir tagsüber geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese
    Fragen einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg
    weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen
    Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein
    zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter des Traumes ist,
    oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes („von Irmas Injektion“),
    mit dem unsere Analyse begonnen hat, denn selbst, wenn wir
    uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen Sinn und
    psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit offen
    lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei.
    Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer stellt
    sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter
    mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine
    Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunsch-
    träume oder gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume?

    Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter
    der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man
    sich wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon
    längst ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den
    ich mir beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann.
    Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene
    Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der mich
    weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedes-
    mal den gleichen Inhalt hat, nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe
    Wasser in vollen Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nur

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    ein kühler Trunk schmecken kann, wenn man verschmach-
    tet ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken. Der Anlaß
    dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Erwachen
    verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu
    trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er
    dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter
    Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis geweckt zu werden.
    Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den Traum, daß ich
    trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, um
    ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlich-
    keitstraum. Das
    Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im
    Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu
    löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein Rache-
    durst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille ist
    der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einiger-
    maßen
    modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und
    trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem
    Bett stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer
    Durstan-
    fall, der seine Unbequemlich-
    keiten im Gefolge hatte. Um
    mir Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas
    holen müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand.
    Ich träumte also zweckent-
    sprechend, daß meine Frau mir aus
    einem Gefäß zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer
    Aschenkrug, den ich mir von einer italienischen Reise heimge-
    bracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte
    aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte.
    Man merkt, wie bequem der Traum es einzu-
    richten versteht; da
    Wunscherfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkom-
    men
    egoistisch sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht-
    auf
    andere wirklich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschen-
    kruges ist wahrscheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut
    mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens
    auch das Wasserglas auf seiten meiner Frau mir nicht zugänglich

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    ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen
    Sensation des salzigen Geschmackes an, von der ich weiß, daß sie
    mich zum Erwachen zwingen wird.1)

    Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen
    Jahren sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu
    arbeiten, war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierig-
    keit. Ich pflegte dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und
    beim Waschkasten stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der
    Einsicht nicht verschließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin,
    hatte aber doch dazwischen eine Weile geschlafen. Denselben
    Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem
    jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die
    Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte
    den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken,
    aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen wollte.
    Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins
    Zimmer: „Herr Pepi, stehen S’ auf, Sie müssen ins Spital.“ Daraufhin
    träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er
    lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H. . .
    cand. med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: „Wenn
    ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen,“
    wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das
    Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden.

    Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes
    selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer un-

    1)Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der S. 41
    darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen auf-
    gefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. – Die Art, wie sich der
    Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden
    Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß sich sofort
    nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe Wirkung
    der vermeintlichen Erfrischungen einstellt.“ Er übersieht aber das Allgemeingültige
    in der Reaktion des Traumes auf den Reiz. – Wenn andere Personen, die in der
    Nacht vom Durst befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet
    dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen
    als schlechtere Schläfer. [E 1]

    Freud, II.

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    günstig verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen,
    sollte nach dem Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühl-
    apparat auf der kranken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber
    wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines Tages bat
    man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den
    Apparat wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verant-
    wortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die
    Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. Ich war im
    Traum in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft
    für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl
    Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich habe
    mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch
    den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.“ Dieser
    Traum der armen Dulderin klingt wie die Darstellung einer
    Redensart, die sich einem in unangenehmen Lagen über die
    Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Vergnügen.
    Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer,
    dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste
    junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern
    konnte.

    Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen
    Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe.
    Ein Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau
    mitgeteilt hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner
    Frau erzählen, daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode
    bekommen. Du wirst wissen, was das bedeutet.“ Freilich weiß
    ich’s; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat,
    so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir’s denken, daß sie
    gerne noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Be-
    schwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte
    Art, die Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein
    anderer Freund schreibt, seine Frau habe unlängst geträumt, daß
    sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. Dies ist auch

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    eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten Mal; die
    junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr Nahrung
    zu haben als seinerzeit fürs erste.

    Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres
    infektiös erkrankten Kindes vom Verkehr abgeschnitten war,
    träumt nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer
    Gesellschaft, in der sich A. Daudet, Bourget, M. Prévost u. a.
    befinden, die sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind
    und sie vortrefflich amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen
    auch im Traum die Züge, welche ihnen ihre Bilder geben;
    M. Prévost, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem – Des-
    infektionsmanne gleich, der am Tag vorher die Krankenzimmer
    gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten
    hatte. Man meint den Traum lückenlos übersetzen zu können:
    Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen
    Krankenpflegen.

    Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß
    man sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen
    Träume findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen
    lassen, und die ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind
    dies zumeist kurze und einfache Träume, die von den ver-
    worrenen und überreichen Traumkompositionen, die wesentlich
    die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben, wohl-
    tuend abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen
    Träumen noch zu verweilen. Die allereinfachsten Formen von
    Träumen darf man wohl bei Kindern erwarten, deren psychische
    Leistungen sicherlich minder kompliziert sind als die Erwachsener.
    Die Kinderpsychologie ist nach meiner Meinung dazu berufen,
    für die Psychologie der Erwachsenen ähnliche Dienste zu leisten
    wie die Untersuchung des Baues oder der Entwicklung niederer
    Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten Tierklassen.
    Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die
    Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen.

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    Die Träume der kleinen Kinder sind [E 2] simple Wunsch-
    erfüllungen und darum im Gegensatz zu den Träumen Erwachsener
    gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber
    natürlich unschätzbar für den Erweis, daß der Traum seinem
    innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem
    Materiale von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von
    solchen Träumen sammeln.

    Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896
    von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner
    damals achteinhalbjährigen Tochter, den anderen von einem fünf-
    vierteljährigen Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß
    wir in diesem Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von
    wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht
    genossen. Mit dem Fernrohr war die Simony-Hütte gut zu erkennen.
    Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu
    sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Vor der Partie hatte
    ich den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins.
    Sie freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir
    ins Escherntal, das mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder
    sehr entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde all-
    mählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte
    er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten mußte: Nein,
    nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einige Male wieder-
    holt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall
    wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet.
    Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und
    erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, daß wir auf der
    Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; er hatte er-
    wartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem Ausfluge
    nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht
    bekommen werde, von der beim Fernrohr so viel die Rede war.
    Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen
    und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht

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    und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich
    versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich.
    „Man geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf“, wie er es
    gehört hatte.

    Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem
    Ausflug Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen
    mußte. Wir hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn
    nach Hallstatt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der, wie
    mir schien, sich aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers
    bereits erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen folgenden
    Traum: „Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von
    uns ist, Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer
    mit uns schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama ins
    Zimmer und wirft eine Handvoll großer Schokoladestangen in
    blauem und grünem Papier unter unsere Betten. Die Brüder, die
    sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf Traumdeutung
    verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum ist
    ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des
    Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen
    zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das
    ist ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war
    gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die
    Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause hatten die
    Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und sich gerade solche
    Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papier gewünscht, die
    der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama
    hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunsch-
    erfüllungen gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig
    gelassen. Mir war die kleine Szene entgangen. Den von meiner
    Tochter proskribierten Teil des Traumes verstand ich ohne
    weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast auf dem
    Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder
    die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte

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    der Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen
    des Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von den
    Brüdern hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht.
    Warum die Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden,
    ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.

    Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe
    ich von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges
    Mädchen. Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spazier-
    gang nach Dornbach in der Absicht unternommen, die Rohrer-
    Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil es zu spät geworden
    war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal zu ent-
    schädigen. Auf dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei,
    welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten
    nun, auch aufs Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus
    demselben Grund wiederum auf einen anderen Tag vertrösten
    lassen. Am nächsten Morgen kam das achtjährige Mädchen dem
    Papa befriedigt entgegen: „Papa, heut’ hab ich geträumt, du warst
    mit uns bei der Rohrer-Hütte und auf dem Hameau. Ihre Un-
    geduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver-
    sprechens antizipiert.“

    Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
    Schönheit Aussees bei meinem damals dreieinvierteljährigen
    Töchterchen erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den
    See gefahren, und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch ver-
    gangen. An der Landungsstelle wollte sie das Boot nicht ver-
    lassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte sie:
    „Heute Nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die
    Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.“

    Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die
    Realisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem
    Wagen gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat
    sich natürlich tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert,
    die der älteren Schwester geschenkt worden sind.

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    Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf
    der Kinder gleichfalls dem Kreis des Träumens angehört, so
    kann ich im folgenden einen der jüngsten Träume meiner
    Sammlung mitteilen. Mein jüngstes Mädchen, damals neunzehn
    Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war darum den
    Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem
    Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen:
    Anna Freud, Erdbeer, Hochbeer, Eierspeis, Papp. Ihren
    Namen gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszu-
    drücken; der Speisezettel umfaßte wohl alles, was ihr als be-
    gehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren darin
    in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen die
    häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr
    wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indispo-
    sition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für
    dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre
    Revanche.1)

    Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle
    Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine
    wie reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der
    Traumanregung der andere der großen Lebenstriebe für sie
    werden kann. [E3] Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein zweiund-
    zwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
    bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen
    mit Kirschen zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch
    zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn
    er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind d(r)in, und ist nicht
    zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu geben. Aber er


    1)Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum
    kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren
    ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum
    Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glückliche
    Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „ausgebeten“,
    zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.

  • S.

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    weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden Morgen seiner
    Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat“ geträumt, einem
    Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße bewunderte.
    Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der
    Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r)-
    man alle Kirschen aufgessen! [E 4]

    Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort,
    dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es
    zu wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die
    Gans? und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais). [E 5] Die
    ganze Theorie, daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in
    diesen zwei Sätzen enthalten. [E 6]

    Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver-
    borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege
    gelangt wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten.
    Die Sprachweisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom
    Traum – man meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben,
    wenn sie urteilt: Träume sind Schäume – aber für den Sprach-
    gebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller.
    „Das hätt’ ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt“,
    ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen über-
    troffen findet.