Die Traumdeutung1900-001/1925.2
  • S.

    VI

    DIE TRAUMARBEIT

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
    ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen
    manifesten Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die
    Traumdeutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung
    verzichteten, ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf
    den Trauminhalt zu begründen. Nur wir allein stehen einem
    anderen Sachverhalt gegenüber; für uns schiebt sich zwischen dem
    Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues
    psychisches Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene
    latente Trauminhalt oder die Traumgedanken. Aus diesem
    letzteren, nicht aus dem manifesten Trauminhalt entwickelten
    wir die Lösung des Traumes. An uns tritt darum auch als neu
    eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben hat, die Auf-
    gabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den
    latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch
    welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.

    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei
    Darstellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen,
    oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Über-
    tragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren
    Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von
    Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traum-

  • S.

    278

    gedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie er-
    fahren haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift
    gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken
    zu übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn
    man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer
    Zeichenbeziehung lesen wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel
    (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen Dach ein Boot zu sehen
    ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann eine laufende Figur, deren
    Kopf wegapostrophirt ist u. dgl. Ich könnte nun in die Kritik
    verfallen, diese Zusammenstellung und deren Bestandteile für un-
    sinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das Dach eines
    Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist
    die Person größer als das Haus, und wenn das Ganze eine Land-
    schaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen Buchstaben nicht
    ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die richtige Be-
    urteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich
    gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
    Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine
    Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgendwelcher
    Beziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so
    zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den
    schönsten und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches
    Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem
    Gebiete der Traumdeutung haben den Fehler begangen, den
    Rebus als zeichnerische Komposition zu beurteilen. Als solche er-
    schien er ihnen unsinnig und wertlos.

    A
    Die Verdichtungsarbeit

    Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
    Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine
    großartige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist

  • S.

    279

    knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur
    Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder-
    geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traum-
    gedanken enthalten sind, bedarf des sechs-, acht-, zwölffache an
    Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd;
    sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn.
    In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kom-
    pression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken
    für das vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit
    neue, hinter dem Traum versteckte Gedanken enthüllen kann.
    Wir haben bereits anführen müssen, daß man eigentlich niemals
    sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet zu haben; selbst
    wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt
    es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch
    denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist also –
    streng genommen – unbestimmbar. Man könnte gegen die Be-
    hauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und
    Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige
    Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung
    statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck
    recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung,
    daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch geträumt und dann
    das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim
    Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der gesamten
    Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang gleich-
    käme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran
    ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der
    Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reprodu-
    ziert wird, wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern ver-
    sucht, und daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer
    mehr und mehr lückenhaft wird. Zum andern Teil aber läßt
    sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel mehr
    geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer

  • S.

    280

    Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll.
    Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird über-
    dies von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt,
    denn sie wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den
    einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist
    tatsächlich ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung
    verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu
    einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist eine
    durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter-
    gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken
    bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten ge-
    bliebenen kennen. [E1]

    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
    Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt,
    wird sich bei manchem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob
    man denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich ein-
    fällt, zu den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf,
    all diese Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig
    gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht
    vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen
    entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann
    diesem Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedanken-
    verbindungen erst während der Analyse entstehen, ist allerdings
    richtig; aber man kann sich jedesmal überzeugen, daß solche
    neue Verbindungen sich nur zwischen Gedanken herstellen, die
    schon in den Traumgedanken in anderer Weise verbunden sind;
    die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschließungen, Kurz-
    schlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer
    liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse
    aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon
    bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich
    durch eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang
    mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man

  • S.

    281

    dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten,
    für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht anders
    als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche
    hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der
    als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,
    wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.

    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
    des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen
    alle die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nach
    einander durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedanken-
    gänge von verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammen-
    treffen? Ich meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von
    dem psychischen Zustand bei der Traumbildung eine plastische
    Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur nicht, daß es sich um
    unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang leicht ein
    anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von
    Bewußtsein begleiteten, Nachdenken in uns wahrnehmen.

    Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich-
    tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Ver-
    dichtung nun zustande?

    Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken
    nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im
    Traum vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung
    geschehe auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum
    nicht eine getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt
    für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige
    und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie
    wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir
    zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige
    Elemente aus den Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen,
    welche Bedingungen bestimmen die Auswahl derselben?

    Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
    Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die

  • S.

    282

    gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
    dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen,
    wird für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich
    wähle

    I

    den auf S. 168 mitgeteilten Traum von der botanischen
    Monographie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine (unbestimmt
    gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich
    blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar
    ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden.
    Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
    Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traum-
    tages; in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tat-
    sächlich eine Monographie über die Gattung „Zyklamen“
    gesehen. Die Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt,
    in dem nur die Monographie und ihre Beziehung zur Botanik
    übrig geblieben sind. Die „botanische Monographie“ erweist sofort
    ihre Beziehung zu der Arbeit über Kokain, die ich einmal
    geschrieben habe; vom Kokain aus geht die Gedankenverbindung
    einerseits zur Festschrift und zu gewissen Vorgängen in einem
    Universitätslaboratorium, anderseits zu meinem Freund, dem
    Augenarzt Dr. Königstein, der an der Verwertung des Kokains
    seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K. knüpft sich
    weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das ich
    abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken
    über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses
    Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die
    Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber
    indifferenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische
    Monographie“ des Traumes als ein mittleres Gemeinsames
    zwischen beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten
    Eindruck unverändert übernommen, mit dem psychisch bedeut-
     

  • S.

    283


    samen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen ver-
    knüpft.

    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische
    Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“
    und „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Ver-
    bindungen tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken
    ein. Zu „botanisch“ gehören die Erinnerungen an die Person
    des Professors Gärtner, an seine blühende Frau, an meine
    Patientin, die Flora heißt, und an die Dame, von der ich die
    Geschichte mit den vergessenen Blumen erzählt habe. Gärtner
    führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit
    Königstein; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der
    beiden Patientinnen. Von der Frau mit den Blumen zweigt ein
    Gedankenweg zu den Lieblingsblumen meiner Frau ab, dessen
    anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen Mono-
    graphie liegt. Außerdem erinnert „botanisch“ an eine Gymnasial-
    episode und an ein Examen der Universitätszeit, und ein neues,
    in jenem Gespräch angeschlagenes Thema, das meiner Lieb-
    habereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so
    genannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von den
    vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti-
    schocke“ steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine
    Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen
    Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein
    wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Ge-
    dankengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in
    jenem Gespräch mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht
    worden sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedanken-
    fabrik, in der wie im Weber-Meisterstück

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
    Die Fäden ungesehen fließen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

  • S.

    284

    „Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
    an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit
    meiner Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
    daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den
    Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten
    Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können,
    also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum-
    gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traum-
    deutung vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu-
    grunde liegende Tatsache auch anders aussprechen und dann
    sagen: Jedes der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als
    überdeterminiert, als mehrfach in den Traumgedanken ver-
    treten.

    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des
    Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
    farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 171)
    auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen
    Arbeiten, und auf ein bereits im Traum vertretenes, meine Lieb-
    habereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein
    Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar
    der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und
    hebt diese Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher
    Art die Beziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist:
    Nicht nur die Elemente des Traumes sind durch die Traum-
    gedanken mehrfach determiniert, sondern die einzelnen Traum-
    gedanken sind auch im Traum durch mehrere Elemente ver-
    treten. Von einem Element des Traumes führt der Assoziations-
    weg zu mehreren Traumgedanken, von einem Traumgedanken zu
    mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht
    so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen
    eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der
    nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung,

  • S.

    285

    etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden,
    sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer
    gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunter-
    stützten Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt
    herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog.
    Welchen Traum immer ich einer ähnlichen Zergliederung unter-
    ziehe, ich finde stets die nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die
    Traumelemente aus der ganzen Masse der Traumgedanken ge-
    bildet werden, und daß jedes von ihnen in bezug auf die
    Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.

    Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
    und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
    sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen
    Beziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten
    her, den ich wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es
    wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese
    ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu
    überschreiben:

    II

    „Ein schöner Traum“

    Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in der sich
    ein bescheidenes Einkehrwirt-
    shaus befindet (was nicht richtig ist).
    In den Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist bald
    Publikum, bald Schauspie-
    ler. Am Ende heißt es, man müsse sich
    umziehen, um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des
    Personals wird in die Parterre-
    räume verwiesen, ein anderer in
    die des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern
    sich, daß die unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht
    herunter kön-
    nen. Sein Bruder ist oben, er unten, und er ärgert
    sich über den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie
    ist unklar.) Es war übrigens schon beim Ankom-
    men bestimmt und
    eingeteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein

  • S.

    286

    über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht,
    und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von der Stelle
    kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und schimpft über
    den König von Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel
    leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach
    dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
    keit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum
    loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stück
    beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet
    wurde.

    Die geträumte und wahrscheinlich im Traum verspürte Be-
    schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der
    Symptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und
    wurde damals im Verein mit anderen Erscheinungen auf eine
    (wahrscheinlich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen.
    Wir kennen bereits diese dem Traum eigentümliche Sensation
    der Gehemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier
    wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken
    irgendwelcher anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück
    des Trauminhaltes, welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich
    schwer war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, erinnerte
    mich bei der Erzählung des Traumes an die bekannte meister-
    hafte Introduktion der „Sappho“ von Alphonse Daudet. Dort
    trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich
    wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie
    auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Ver-
    lauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die
    Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen
    von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu ver-
    schwenden. [E 2] Obwohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem
    ein Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten

  • S.

    287


    und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungs-
    einfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der Sappho umgekehrt
    wie im Traum; in letzterem war das Steigen anfänglich schwer
    und späterhin leicht; im Roman diente es der Symbolik nur,
    wenn das, was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende als
    eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der
    Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalte des Stückes,
    das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß
    „Rund um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens,
    das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse
    mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe
    kommt“, endlich aber immer mehr „herunter kommt“. Das
    Stück hatte ihn auch an ein anderes vor Jahren gespieltes erinnert,
    welches den Titel trug „Von Stufe zu Stufe“, und auf dessen
    Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu
    sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau-
    spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
    hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht.
    Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien
    verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe ab-
    gestiegen. Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher:
    Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen
    habe! (Übrigens auch eine seiner Phobien.) Der Kutscher darauf:
    Wie kann man aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel,
    eigentlich nur ein Einkehrwirtshaus.

    An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Er-
    innerung eines Zitates:

    „Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste.“

    Der Wirt im Uhlandschen Gedicht ist aber ein Apfelbaum.
    Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:

  • S.

    288

    Faust (mit der Jungen tanzend)
    Einst hat' ich einen schönen Traum;
    Da sah ich einen Apfelbaum,
    Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
    Sie reizten mich, ich stieg hinan.

    Die Schöne
    Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
    Und schon vom Paradiese her.
    Von Freuden fühl ich mich bewegt,
    Daß auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel-
    baum und den Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand
    auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin
    meinen Träumer gefesselt hatte.

    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
    anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kind-
    heit zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf
    die Amme des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für
    das Kind ist der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirts-
    haus. Die Amme sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als
    Anspielung auf die vor kurzem verlassene Geliebte.

    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
    und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine
    Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat,
    wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient
    sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des
    Trauminhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“
    gewesen. Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn
    man sagt bei uns von einer Person, sie ist „parterre“, wenn
    sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Über-
    tragung, wie man „heruntergekommen“ gebraucht. Es muß
    nun einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traum etwas
    umgekehrt dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine

  • S.

    289


    andere Beziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt
    gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung
    vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes, wo es sich mit
    dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der Sappho.
    Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist: In der
    Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen
    stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also um-
    gekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall
    sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht es sich wieder
    auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß
    des Traumes trifft es also, die Sappho und die Amme in der
    nämlichen Andeutung darzustellen.

    Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung
    auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke
    des Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt
    sind, auf Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer be-
    schäftigen und als unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammen-
    hang mit seiner Neurose stehen. Daß es Phantasien und nicht
    Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die so im Traum
    dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an;
    dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt es
    uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phanta-
    sierte Begebenheiten erscheinen hier – und nicht nur hier,
    auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der
    Träume – zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be-
    deutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts
    anderes, als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren“
    eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe.
    Die Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien
    schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines rezenten und
    an sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen
    von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als
    ob der Warnung, welche Daudet dem Jüngling erteilt, eine

  • S.

    290

    ähnliche, für das säugende Kind gültige, an die Seite gestellt
    werden sollte.1)

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei
    der Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse
    eines anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psycho-
    analytischer Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren
    Angstzuständen entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten
    ihre Träume überreichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen
    Kenntnisnahme sie anfangs ebensosehr überraschte wie erschreckte.
    Da ich die Traumdeutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint
    das Traummateríal in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammen-
    hang zu zerfallen.

    III

    „Der Käfertraum“

    Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Maikäfer in einer
    Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben muß, weil sie sonst
    ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die Käfer sind ganz matt;
    einer fliegt zum geöffneten Fenster hinaus, der andere aber wird
    vom Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster schließt,
    wie irgend jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels).

    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
    schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
    merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie ver-
    säumt es aber sie herauszuholen und bedauert das arme Tierchen
    am Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine
    Katze in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres
    geschildert. Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traum-
    anlässe. Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere be-
    schíldert.

    1)Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen Situation
    wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in diesem Fall
    die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 206 erwähnte Bedauern des
    jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenützt
    zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.

  • S.

    291


    schäftigt sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer
    gewissen Gegend im Sommer wohnten, sehr grausam gegen das
    Getier. Sie legte sich eine Schmetterlingsammlung an und ver-
    langte von ihr Arsenik zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal
    kam es vor, daß ein Nachtfalter mit der Nadel durch den Leib noch
    lange im Zimmer herum flog; ein andermal fanden sich einige
    Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt wurden, verhungert. Das
    selbe Kind pflegte in noch zarterem Alter Käfern und Schmetter-
    lingen die Flügel auszureißen; heute würde sie vor all diesen grau-
    samen Handlungen zurückschrecken; sie ist so gutmütig geworden.

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
    Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er
    in Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes, aber
    eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber
    edles. Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter,
    der adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den
    Leuten nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von
    sinnlichen Wünschen geplagt wird?

    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung
    anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder
    wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat
    damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel
    ausriß und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai ge-
    boren, hat auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit
    schrieb sie den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie
    sei. Sie war es aber keineswegs.

    Am Abend vor dem Traum hatte sie in alten Briefen gekramt
    und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
    so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehreres, der ihr als
    Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
    Verehrers.1)


    1)Dies ist der eigentliche Traumerreger.

  • S.

    292

    Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes
    Buch von Maupassant in die Hand bekommen.1) Das Arsenik,
    das ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
    dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.
    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:

    „Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
    Doch geb ich dir die Freiheit nicht.“

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens:2)

    „Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt –.“
    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
    Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in
    zahlreichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren
    unbewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über
    seine „Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen
    dieser Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten,
    wenn ich erzähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traum plötzlich
    mitten in ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann
    gerichteten Imperativ erschreckt wurde: Häng’ dich auf. Es
    ergab sich, daß sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte,
    beim Erhängen stelle sich eine kräftige Erektion ein. Es war der
    Wunsch nach dieser Erektion, der in dieser Schrecken erregenden
    Verkleidung aus der Verdrängung wiederkehrte. „Häng’ dich auf“,
    besagte so viel als „Verschaff’ dir eine Erektion um jeden Preis“.
    Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es
    war der Patientin aber auch bekannt, daß man das stärkste
    Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zerquetschen von Käfern
    bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Haupt-
    bestandteil des Trauminhaltes.


    1)Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst hat
    in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

    2)Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesilea desselben Dichters:
    Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    293

    Das Fenster öffnen und schließen ist eine der ständigen Diffe-
    renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, der Mann
    aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in
    diesen Tagen zu klagen gehabt hat.

    In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die
    Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
    gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
    augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die
    Analyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf
    einen Traum mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen,
    um die Überdeterminierung des Trauminhaltes an ihm zu er-
    weisen. Ich wähle hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir
    werden an diesem Beispiel mühelos erkennen, daß die Ver-
    dichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr als nur eines
    Mittels bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die
    mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und
    also zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher
    ich sie beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an
    eine andere Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich
    meine Patientin vertauschen möchte, wie die Traumgedanken
    zeigen. Insofern Irma einen diphtheritischen Belag erkennen läßt,
    bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert wird, ge-
    langt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem,
    durch die Namensgleichheit mit ihm verknüpft, die Person einer
    durch Intoxikation verlorenen Patientin sich verbirgt. Im weiteren
    Verlauf des Traumes wandelt sich die Bedeutung von Irmas
    Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traum gesehenes Bild sich
    änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der öffent-
    lichen Ordination des Kinder-Krankeninstitutes untersuchen, wobei
    meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen er-
    weisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung
    meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim

  • S.

    294

    Mundöffnen wird dieselbe „Irma“ zur Anspielung auf eine andere,
    einmal von mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zu-
    sammenhang auf meine eigene Frau. In den krankhaften Ver-
    änderungen, die ich in ihrem Hals entdecke, habe ich überdies
    Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch anderen Personen
    zusammengetragen.

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerate, treten im Traum nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich
    hinter der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammel-
    bild mit allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird.
    „Irma“ wird zur Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungs-
    arbeit hingeopferten Personen, indem ich an ihr all das vorgehen
    lasse, was mich Zug für Zug an diese Personen erinnert.

    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise
    für die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge
    zweier oder mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige.
    Solcher Art ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt
    den Namen des Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leib-
    liche Charakteristik und sein Leiden sind die einer anderen
    Person, meines ältesten Bruders; ein einziger Zug, das blasse
    Aussehen, ist doppelt determiniert, indem er in der Realität beiden
    Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R.
    meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traumbild noch auf
    andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem einen eigen
    sind, mit den Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er-
    innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern
    ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine
    Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander proji-
    ziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die
    nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde
    undeutlich werden. Im Onkeltraum hebt sich so als verstärkter
    Zug aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen
    Physiognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine An-

  • S.

    295

    spielung auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch
    die Beziehung zum Ergrauen.

    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
    Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An-
    laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.

    Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraum ist gleichfalls
    mehrfach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleich-
    klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den
    von mir in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie
    verkannt wird.

    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch
    die Erwähnung von „Propylen“ im Traum. In den Traum-
    gedanken war nicht „Propylen“ sondern „Amylen“ enthalten.
    Man könnte meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der
    Traumbildung Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese
    Verschiebung dient den Zwecken der Verdichtung, wie folgender
    Nachtrag zur Traumanalyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit
    bei dem Worte „Propylen“ noch einen Moment Halt macht,
    so fällt mir der Gleichklang mit dem Worte „Propyläen“ ein.
    Die Propyläen befinden sich aber nicht nur in Athen, sondern
    auch in München. In dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem
    Traum meinen damals schwerkranken Freund aufgesucht, dessen
    Erwähnung durch das bald auf Propylen folgende Trimethyl-
    amin des Traumes unverkennbar wird.

    Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und
    anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der ver-
    schiedensten Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung
    benützt werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vor-
    gang bei der Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken
    durch Propylen in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzu-
    stellen.

    Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
    der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen

  • S.

    296

    duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die
    meines Berliner Freundes, der mich versteht, mir Recht geben
    würde, und dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die
    Chemie der Sexualvorgänge, verdanke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders
    erregen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe
    bestimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den
    Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungs-
    gruppe „Wilhelm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto
    belebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die
    bereits erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traum
    rekurriere ich ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf
    eine andere, die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe
    ich Zug für Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So
    erweckt das Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinne-
    rungen aus dem Kreis der Chemie; das Trimethylamin, von
    mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in den Trauminhalt.
    Auch „Amylen“ könnte unverwandelt in den Trauminhalt kommen,
    es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe „Wilhelm“, indem
    aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser Name deckt, ein
    Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte Determinierung
    für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen liegt für die
    Assoziation „Propylen“1); aus dem Kreise „Wilhelm“ kommt ihm
    München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-Propyläen
    treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch einen
    Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum-
    inhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames geschaffen worden,
    welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit
    Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in
    den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittel-
    bildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit
    von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation Nahe
    liegenden vorgenommen worden.

  • S.

    297

    Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
    Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
    gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum-
    gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten
    (Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren
    Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen.
    Wozu die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird,
    werden wir uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge
    bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen wollen. Be-
    gnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der Traumverdichtung
    als einer bemerkenswerten Relation zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt.

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn
    sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte
    werden vom Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt und
    erfahren dann dieselben Zusammensetzungen wie die Dingvor-
    stellungen. Komische und seltsame Wortschöpfungen sind das Er-
    gebnis solcher Träume.

    1) Als mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz
    überschickte, in welchem eine physiologische Entdeckung der
    Neuzeit nach meinem Urteil überschätzt und vor allem in über-
    schwenglichen Ausdrücken abgehandelt war, da träumte ich die
    nächste Nacht einen Satz, der sich offenbar auf diese Abhand-
    lung bezog: „Das ist ein wahrhaft norekdaler Stil.“ Die Auflösung
    des Wortgebildes bereitete mir anfänglich Schwierigkeiten; es war
    nicht zweifelhaft, daß es den Superlativen „kolossal, pyramidal“
    parodistisch nachgeschaffen war; aber woher es stammte, war nicht
    leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungetüm in die beiden Namen
    Nora und Ekdal aus zwei bekannten Schauspielen von Ibsen.
    Von demselben Autor, dessen letztes Opus ich im Traum also kriti-
    sierte, hatte ich vorher einen Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen.

    2) Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit,
    der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich

  • S.

    298

    mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann:
    Das wird in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei
    im Traum der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais,
    eine Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais-
    mannstoll-
    Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Rest einer
    Konversation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen.
    Hinter Mais verbergen sich außer der Anspielung auf die eben
    eröffnete Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner
    Porzellanfigur, die einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin
    ihrer Verwandten war nach Olmütz gereist), mies=ekel, übel
    im scherzhaft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette
    von Gedanken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des
    Wortklumpens ab.

    3) Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an-
    geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der
    darauffolgenden Nacht:

    Ein Geschäftsmann wartet spät abends,
    um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weggegangen
    ist, läutet es noch immer nicht kontinuierlich, sondern nur in ein-
    zelnen Schlägen. Der Diener holt den Mann wieder, und der sagt:
    Es ist doch merkwürdig, daß auch Leute, die sonst tuteltrein
    sind, solche Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.

    Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines
    der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur
    gekommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers
    angereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie
    mit stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der
    mit seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein
    Glas Wasser auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmertele-
    graphen durchtränkt wurde, und das kontinuierliche Läuten
    den Vater im Schlaf störte. Da das kontinuierliche Läuten dem
    Naßwerden entspricht, so werden dann „einzelne Schläge“ zur
    Darstellung des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tuteltrein“
    zerlegt sich aber nach drei Richtungen und zielt damit auf drei

  • S.

    299

    der in den Traumgedanken vertretenen Materien: „Tutel“ =
    Kuratel bedeutet Vormundschaft; Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist
    eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust und der Bestand-
    teil „rein“ übernimmt die ersten Silben des Zimmertelegraphen
    um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit dem Naßmachen des
    Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der in der
    Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt.1)

    4) In einem längeren wüsten Traum von mir, der eine Schiffs-
    reise zum scheinbaren Mittelpunkt hat, kommt es vor, daß die
    nächste Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ.
    Letzeres ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel
    meiner Reise gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den
    Ortsnamen unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing
    ausgehen: Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, meae deliciae
    der alte Name, also „meine Freud“) und dem englischen
    Hearsay = Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Be-
    ziehung zu dem indifferenten Traumerreger des Tages herstellt,
    einem Gedicht in den „Fliegenden Blättern“ von einem ver-
    leumderischen Zwerg, „Sagter Hatergesagt“. Durch Beziehung der
    Endsilbe „ing“ zum Namen Fließ gewinnt man „Vlissingen“
    wirklich die Station der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn
    er von England zu uns auf Besuch kommt. Der englische Name

    1)Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahre
    Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt
    man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappeln
    stehen, gebietet Schweigen, dann hört das „Pappeln“ (Schwätzen) auf, und das Silber
    wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand gemacht,
    den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oft zu witzig
    erscheine“. Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogen wird, involviert
    einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifen soll. In der
    wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“ erheben;
    wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person, sondern
    an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum
    gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim
    zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum
    Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können
    sich überzeugen, daß Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden)
    im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [E 3]

  • S.

    300

    von Vlissingen lautet aber Flushing, was in englischer Sprache
    Erröten bedeutet und an die Patienten mit „Errötensangst“ mahnt,
    die ich behandle, auch an eine rezente Publikation Bechterews
    über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen
    gegeben hat.
    5) Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge-
    sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort
    „Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor
    Tagen produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts,
    daß ich dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen
    muß: „Der Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt kon-
    sultiert habe, leidet wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie
    vermutet haben.“ Das neugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht
    nur der Anforderung zu genügen, daß es komprimierten Sinn
    enthält oder vertritt, es soll auch dieser Sinn in gutem Zusammen-
    hange mit meinem aus dem Wachen wiederholten Vorsatze stehen,
    dem Professor N. jene Genugtuung zu geben.
    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Autodidakt
    und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die ersten
    dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Ver-
    anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände
    eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder be-
    freundet ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte
    stammt wie ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir
    über den tiefen Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Ge-
    schichte eines verkommenen Talents in einer der Davidschen
    Novellen gemacht hatte, und unsere Unterhaltung wendete sich
    darauf den Spuren von Begabung zu, die wir an unseren eigenen
    Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft des eben Gelesenen
    äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder bezog, und ich
    tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Gefahren durch
    die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht ging
    mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau

  • S.

    301


    auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der
    Dichter gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan
    hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Dar-
    stellung im Traum führen konnte. Dieser Weg leitete nach
    Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte.
    Für die Besorgnis, am Weibe zugrunde zu gehen, die den Kern
    meiner Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel
    Lasker und Lasalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten
    dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten.1) Das
    „Cherchez la femme“, in dem sich diese Gedanken zusammen-
    fassen lassen, bringt mich in anderem Sinn auf meinen noch un-
    verheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß
    Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von
    Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß,
    meinen Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mitzuteilen.

    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent-
    hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch
    eines glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar
    auf folgendem Weg. In dem Künstlerroman „L’oeuvre“, der
    meinen Traumgedanken inhaltlich naheliegen mußte, hat der
    Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes Familienglück
    episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen Sandoz
    auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensverwandlung folgenden
    Weg eingeschlagen. Zola gibt umgekehrt (wie die Kinder so gerne
    zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt;
    darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die auch den Namen
    Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben Namens sand,
    und so kam Sandoz zustande. So ähnlich entstand also auch
    mein Autodidasker.

    Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns
    beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf fol-

    1)Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weib
    erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.

  • S.

    302

    gende Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines
    Arbeitsjahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine
    Diagnostik im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden,
    vielleicht eine Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht
    zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend
    gewesen und hätte allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn
    nicht die sexuelle Anamnese, ohne die ich keine Neurose aner-
    kennen will, vom Kranken so energisch in Abrede gestellt worden
    wäre. In meiner Verlegenheit rief ich den Arzt zur Hilfe, den
    ich menschlich am meisten verehre (wie andere auch), und vor
    dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. Er hörte meine
    Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann: „Beobachten
    Sie den Mann weiter, es wird Neurose sein.“ Da ich weiß, daß
    er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen nicht teilt,
    hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht meinen
    Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die
    Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet
    ihm, sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner
    höchsten Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er
    mich belogen habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun ent-
    hüllte er mir gerade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet
    hatte, und dessen ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir
    war es eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung;
    ich mußte mir zugestehen, daß mein Consiliarius, durch die Be-
    rücksichtigung der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte.
    Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe,
    ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe und ich unrecht.
    Gerade das tue ich nun im Traum. Aber was für Wunsch-
    erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht
    habe? Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben
    mit meinen Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine
    Frau, deren Befürchtungen ich in den Traumgedanken mir an-
    geeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf welches sich das

  • S.

    303

    Recht-
    oder Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem für
    die Traumgedanken wirklich Interessanten nicht weitab gelegen.
    Dieselbe Alternative der organischen oder der funktionellen Schädi-
    gung durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabes-
    Paralyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des Unter-
    ganges von Lasalle lockerer anreiht.

    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
    Deutung ganz durchsichtigen) Traum nicht nur wegen dieser
    Analogie und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine
    Rolle – auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Be-
    ziehungen zu Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten
    Freundin – sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit,
    die sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener
    Vermutung die ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein
    Interesse persönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie
    jetzt?“ – „Sechs.“ – Eine Geberde von Respekt und Bedenk-
    lichkeit. – „Mädel, Buben?“ – „Drei und drei, das ist mein
    Stolz und mein Reichtum.“ – „Nun geben Sie acht, mit den
    Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später
    Schwierigkeiten in der Erziehung.“ – Ich wendete ein, daß sie
    bis jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese
    zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig
    wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe.
    Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das
    Erleben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte
    von der Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die
    Rede über die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den
    Traumgedanken aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten
    Besorgnisse meiner Frau rührt. So findet selbst meine Angst,
    daß N. mit den Bemerkungen über die Erziehungsschwierigkeiten
    bei den Buben recht behalten möge, Eingang in den Traum-
    inhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines Wunsches,
    daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge, ver-

  • S.

    304

    birgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider
    gegensätzlichen Glieder der Alternative. [E 4]

    Diese Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der
    Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor-
    stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder,
    die zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte be-
    handeln, auch neue Sprachen uud artefizielle Wortfügungen er-
    finden, sind für den Traum wie für die Psychoneurosen hier die
    gemeinsame Quelle. [E 5]

    Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich als
    solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahms-
    lose Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial
    abstammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt er-
    halten oder leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traum-
    rede aus verschiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der
    Wortlaut dabei das sich Gleichgebliebene, der Sinn womöglich
    mehr- oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient nicht
    selten als bloße Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte
    Rede vorfiel. [E 6]

    B

    Die Verschiebungsarbeit

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation
    mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die
    Traumverdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die
    Elemente, welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Be-
    standteile hervordrängen, in den Traumgedanken keineswegs die
    gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu kann man auch die Um-
    kehrung dieses Satzes aussprechen. Was in den Traumgedanken
    offenbar der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht
    vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam anders zentriert,
    sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die
    Traumgedanken. So z. B. ist im Traum von der botanischen

  • S.

    305

    Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offenbar das Element
    „botanisch“; in den Traumgedanken handelt es sich um die Kom-
    plikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen
    zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf,
    daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege,
    und das Element „botanisch“ findet in diesem Kern der Traum-
    gedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine
    Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte
    niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem
    Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und Niedersteigen,
    Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht; der Traum
    handelt aber von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig
    stehenden Personen, so daß nur eines der Elemente der Traum-
    gedanken, dies aber in ungebührlicher Verbreiterung, in den
    Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist im Traum von den
    Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexualität zur Grausam-
    keit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausamkeit im
    Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung
    und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zusammen-
    hang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In
    dem Onkeltraum wiederum scheint der blonde Bart, der dessen
    Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größen-
    wünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt
    haben. Solche Träume machen dann mit gutem Recht einen
    „verschobenen“ Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Bei-
    spielen zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der
    Traumbildung die einzelnen Elemente auch wohl den Platz be-
    haupten können, den sie in den Traumgedanken einnehmen.
    Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus in-
    konstanten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt
    ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn
    wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, daß
    eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde

  • S.

    306

    und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so
    pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der
    siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit
    (ein gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die
    Erfahrung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den
    Traumgedanken für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder
    nicht in Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches
    die höchstwertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser
    Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der Traumbildung können
    diese wesentlichen, mit intensivem Interesse betonten Elemente
    nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären, und
    an ihre Stelle treten im Traum andere Elemente, die in den
    Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zunächst
    den Eindruck, als käme die psychische Intensität1) der einzelnen
    Vorstellungen für die Trauma-
    uswahl überhaupt nicht in Betracht,
    sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung
    derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt
    in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte
    man meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch
    diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man
    nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen
    Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Trauma-
    uswahl anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche
    in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die
    am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie
    von Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und
    doch kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unter-
    stützten Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die
    letztere Eigenschaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen.

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen
    Eindruck verwenden, den man bei der Untersuchung der Über-
     


    1)Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist
    natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.

  • S.

    307

    determinierung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat
    schon mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die
    Überdeterminierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer
    Fund, weil sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der
    Analyse von den Traumelementen aus und verzeichnet alle Ein-
    fälle, die sich an dieselben knüpfen; kein Wunder dann, daß in
    dem so gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente sich
    besonders häufig wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht
    gelten lassen, werde aber selbst etwas ihm ähnlich Klingendes
    zur Sprache bringen: Unter den Gedanken, welche die Analyse
    zutage fördert, finden sich viele, die dem Kern des Traumes
    ferner stehen und die sich wie künstliche Einschaltungen zu
    einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt
    sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine ge-
    zwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und
    Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse
    ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes
    oftmals nicht nur die Überdeterminierung, sondern überhaupt
    eine genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir
    werden so zum Schlusse geleitet, daß die mehrfache Deter-
    minierung, die für die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht
    immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern oft ein
    sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen
    Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der ein-
    zelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir
    können beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand her-
    gestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial nicht ohne
    Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine
    psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hoch-
    wertigen Elemente ihrer Intensität entkleidet, und anderseits
    auf dem Wege der Überdeterminierung aus minder-
    wertigen neue Wertigkeiten schafft, die dann in den Traum-
     

  • S.

    308

    inhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der Traum
    bildung eine Übertragung und Verschiebung der psychi-
    schen Intensitäten der einzelnen Elemente stattgefunden, als
    deren Folge die Textverschiedenheit von Trauminhalt und Traum-
    gedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so supponieren, ist
    geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit: er verdient den
    Namen der Traumverschiebung. Traumverschiebung
    und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren
    Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zu-
    schreiben dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht,
    die sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu
    erkennen. Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Traum
    inhalt dem Kern der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht,
    daß der Traum nur eine Entstellung des Traumwunsches im
    Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber ist uns
    bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt,
    welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben gegen
    eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt-
    mittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui profuit.
    Wir dürfen annehmen, daß die Traumverschiebung durch den
    Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zustande
    kommt. [E 7]

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdich-
    tung und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander
    spielen, welches der übergeordnete und welches der nebensäch-
    liche Faktor wird, das würden wir späteren Untersuchungen vor-
    behalten. Vorläufig können wir als eine zweite Bedingung, der
    die in den Traum gelangenden Elemente genügen müssen, an-
    geben, daß sie der Zensur des Widerstandes entzogen
    seien. Die Traumverschiebung aber wollen wir von nun an
    als unzweifelhafte Tatsache bei der Traumdeutung in Rechnung
    ziehen.

  • S.

    309


    C

    Die Darstellungsmittel des Traumes

    Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und
    Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
    Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam
    aufgefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Unter-
    suchung noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die un-
    zweifelhaften Einfluß auf die Auswahl des in den Traum ge-
    langenden Materiales üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Ge-
    fahr hin, daß wir auf unserem Wege halt zumachen scheinen,
    einen ersten Blick auf die Vorgänge bei der Ausführung der
    Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, daß es am
    ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre Zuver-
    lässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen
    einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle,
    wie ich es in Abschnitt II bei dem Traum von Irmas Injektion
    gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt
    habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus
    ihnen rekonstruiere, also die Analyse der Träume durch eine
    Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren
    Beispielen zu meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie
    aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache und von jedem
    billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das psychische
    Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern. Bei
    der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger,
    denn die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren
    Wert, wenn sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des
    Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es nicht anders,
    als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine voll-
    ständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Personen
    geben, die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur
    Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies

  • S.

    310

    Stück Darstellung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich 
    an anderer Stelle – die psychologische Aufklärung der Neurosen 
    so weit führen kann, daß der Anschluß an unser Thema her-
    zustellen ist. [E 8]

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken 
    synthetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich 
    ergebende Material von verschiedenartigem Wert ist. Den einen 
    Teil desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also 
    den Traum voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen 
    würden, wenn es für den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen 
    Teil kann man unter dem Namen „Kollateralen“ zusammen-
    fassen; in ihrer Gesamtheit stellen sie die Wege dar, auf denen 
    der wirkliche Wunsch, der sich aus den Traumgedanken erhebt, 
    in den Traumwunsch übergeführt wird. Von diesen „Kollateralen“ 
    besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen an die eigentlichen 
    Traumgedanken, welche, schematisch genommen, Verschiebungen 
    vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter 
    Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Verschiebung 
    bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter sich ver-
    binden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein dritter 
    Anteil endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen, durch die 
    man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den mittleren Kol-
    lateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich auch bei der 
    Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen. [E 9]

    Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
    Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex 
    von Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau 
    mit allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten 
    Gedankengänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr 
    als einem Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht 
    entbehren; fast regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein 
    kontradiktorisches Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm 
    verbunden.

  • S.

    311

    Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen
    natürlich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander.
    Sie bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Er-
    läuterungen, Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn
    dann die ganze Masse dieser Traumgedanken der Pressung der
    Traumarbeit unterliegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und
    zusammengeschoben werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht
    die Frage, was aus den logischen Banden wird, welche bishin das
    Gefüge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traum
    das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder–oder“ und alle
    anderen Präpositionen, ohne die wir Satz und Rede nicht ver-
    stehen können?

    Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
    logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der
    Darstellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Präpositionen
    unberücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der
    Traumgedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es
    überlassen, den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traum-
    arbeit vernichtet hat.

    Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum
    gearbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer
    ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste,
    Malerei und Plastik im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede
    bedienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens
    in dem Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste
    etwas zum Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur
    Kenntnis der für sie gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen
    war, bemühte sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus
    dem Munde der gemalten Personen ließ man auf alten Bildern
    Zettelchen heraushängen, welche als Schrift die Rede brachten,
    die im Bilde darzustellen der Maler verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den
    Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen be-

  • S.

    312

    streitet. Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten
    Geistesoperationen vor sich gehen, begründet und widersprochen,
    gewitzelt und verglichen wird wie im wachen Denken. Allein
    auch hier trügt der Schein; wenn man auf die Deutung solcher
    Träume eingeht, erfährt man, daß das alles Traummaterial ist,
    nicht Darstellung intellektueller Arbeit im Traum. Der
    Inhalt der Traumgedanken ist durch das scheinbare Denken des
    Traumes wiedergegeben, nicht die Beziehungen der Traum-
    gedanken zueinander, in deren Feststellung das Denken be-
    steht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen. Am leichtesten ist es aber
    zu konstatieren, daß alle Reden, die in Träumen vorkommen,
    und die ausdrücklich als solche bezeichnet werden, unveränderte
    oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von Reden sind, die
    sich ebenso in den Erinnerungen des Traummateríales vorfinden.
    Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traum-
    gedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz
    anderer.

    Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk-
    arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wieder-
    holt, ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß
    dieses Faktors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten
    müssen. Es wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht
    durch die Traumgedanken, sondern durch den in gewissem Sinne
    bereits fertigen Traum hervorgerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwischen
    den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht
    finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traum findet, da ist es ent-
    weder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem
    Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen
    den Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traum nur
    in höchst indirekt vermittelter Weise.

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
    Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung,
     

  • S.

    313

    Verwarnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch
    den flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Mög-
    lichkeit ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen
    seinen Traumgedanken durch eine zugehörige Modifikation der
    eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man
    kann die Erfahrung machen, daß die verschiedenen Träume in
    dieser Berücksichtigung verschieden weit gehen; während sich der
    eine Traum über das logische Gefüge seines Materials völlig
    hinaussetzt, sucht ein anderer dasselbe möglichst vollständig anzu-
    deuten. Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger weit
    von dem ihm zur Bearbeitung vorliegenden Text. Ähnlich wechselnd
    benimmt sich der Traum übrigens auch gegen das zeitliche Ge-
    füge der Traumgedanken, wenn ein solches im Unbewußten her-
    gestellt ist (wie z. B. im Traum von Irmas Injektion).
    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
    darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
    versuchen, sie einzeln aufzuzählen.
    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
    sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im
    ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung
    als Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zu-
    sammenhang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin
    ähnlich wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum
    Bild einer Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt,
    die niemals in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen
    gewesen sind, wohl aber für die denkende Betrachtung eine Ge-
    meinschaft bilden.
    Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So
    oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen
    besonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden
    in den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem.
    ab bedeutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausge-
    sprochen werden sollen. a und b nach einer freien Lücke läßt a

  • S.

    314

    als den letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten
    eines anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traum-
    kombinationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen
    des Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den Traum-
    gedanken in innigerem Zusammenhange stehen.

    Die Kausalbeziehungen darzustellen hat der Traum zwei
    Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
    Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil
    dies so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht
    darin, den Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den
    Hauptsatz als Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet
    habe, kann die Zeitfolge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht
    dem Hauptsatz der breiter ausgeführte Teil des Traumes.

    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat
    mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin
    vollständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vor-
    spiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das im hohen
    Grade zentriert war und etwa überschrieben werden konnte:
    Durch die Blume. Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche
    zu den beiden Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden
    „mit dem bißl Essen“. Dabei sieht sie sehr viel grobes Küchen-
    geschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche stehen, und
    zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die beiden Mägd-
    chen holen und müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der
    bis ans Haus oder in den Hof reicht.

    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
    von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, und freut
    sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt usw. Der Vor-
    traum bezieht sich nun auf das elterliche Haus der Dame. Die
    Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer Mutter gehört.
    Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen
    Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der zweite
    Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der

  • S.

    315

    sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei
    einer Überschwemmung – das Haus stand nahe am Ufer des
    Flusses – sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke,
    der sich hinter diesem Vortraum verbirgt, heißt also: Weil ich
    aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Ver-
    hältnissen stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken
    wieder auf und bringt ihn in durch Wunscherfüllung verwan-
    delter Form: Ich bin von hoher Abkunft. Eigentlich also: Weil
    ich von so niedriger Abkunft bin, war mein Lebenslauf so
    und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei
    ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen
    den Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den
    beiden Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichts-
    punkten aus dargestellt würde; [E 10] oder die beiden Träume sind aus
    gesonderten Zentren im Traummaterial hervorgegangen und über-
    schneiden einander im Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum
    ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In
    einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die Spaltung
    in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kausale
    Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungsweise
    des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei minder umfang-
    reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume,
    sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes ver-
    wandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich
    gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet;
    nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das
    andere gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung
    darzustellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die
    Verursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal
    durch das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch
    die unmittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den
    allermeisten Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht

  • S.

    316

    dargestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang un-
    vermeidliche Nacheinander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder—Oder“ kann der Traum überhaupt
    nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichbe-
    rechtigt in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches
    Beispiel hiefür enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen
    latenten Gedanken heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem
    Fortbestand von Irmas Schmerzen; die Schuld liegt entweder
    an ihrem Sträuben gegen die Annahme der Lösung, oder daran,
    daß sie unter ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich
    nicht ändern kann, oder ihre Schmerzen sind überhaupt nicht
    hysterischer, sondern organischer Natur. Der Traum vollzieht aber
    alle diese einander fast ausschließenden Möglichkeiten und nimmt
    keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch eine vierte solche Lösung
    hinzuzufügen. Das Entweder—Oder habe ich dann nach der
    Traumdeutung in den Zusammenhang der Traumgedanken ein-
    gesetzt.

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein
    Entweder—Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten
    oder ein Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken
    nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache
    Anreihung, vor. Mit Entweder—Oder beschreiben wir zumeist
    einen noch auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem
    Traumelemente. Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die
    einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleich-
    zusetzen und durch „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nach
    dem ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien
    weilenden Freundes gewartet habe, daß ich ein Telegramm er-
    halte, welches mir diese Adresse mitteilt. Ich sehe sie in blauem
    Druck auf den Papierstreifen des Telegrammes; das erste Wort
    ist verschwommen, etwa via,
    oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno,
    oder sogar (Casa).

  • S.

    317

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich
    an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch
    meinen Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir
    geheim gehalten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages
    zum ersten Wort läßt sich bei der Analyse als selbständiger und
    gleichberechtigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.

    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich
    von einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel —
    etwa wie die das Rauchverbot verkündenden Zettel in den Warte-
    sälen der Eisenbahnen — auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken

    oder

    Man bittet, ein Auge zuzudrücken

    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:

    Man bittet, die ein Auge(n) zuzudrücken.

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt
    in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zere-
    moniell möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Ver-
    storbene über solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere
    Familienmitglieder waren aber mit solch puritanischer Einfachheit
    nicht einverstanden; sie meinten, man werde sich vor den Trauer-
    gästen schämen müssen. Daher bittet der eine Wortlaut des Trau-
    mes, „ein Auge zuzudrücken“, d. h. Nachsicht zu üben. Die
    Bedeutung der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder-
    Oder beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der
    Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zwei-
    deutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. So sondern
    sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt von-
    einander.

    In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei
    gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

  • S.

    518

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die
    Kategorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird
    schlechtweg vernachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum
    nicht zu existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe
    zu einer Einheit zusammengezogen oder in einem dargestellt. Der
    Traum nimmt sich ja auch die Freiheit, ein beliebiges Element
    durch seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst
    von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente weiß, ob es in
    den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist. [E11] In dem
    einen der letzterwähnten Träume, dessen Vordersatz wir bereits
    gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunf-
    t bin“), steigt die
    Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen blühenden
    Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie der
    Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündi-
    gung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die
    weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen,
    während die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so
    ist der blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung
    auf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten
    besetzt, von denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende
    ihres Weges heißt es im Traum weiter, sind die Blüten schon
    ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf
    die Periode. Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird
    wie eine Lilie und wie von einem unschuldigen Mädchen, gleich
    zeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, die, wie bekannt,
    stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode aber eine
    rote. Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten“ in den
    Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld
    dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher
    die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs
    Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Ab-
    fall der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang durch
    schimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle

  • S.

    319

    Reinheit habe zuschulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich).
    Wir können bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden
    Gedankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche ober-
    flächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander
    schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige
    Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung ge-
    funden haben.

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der
    Mechanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zugute.
    Es ist dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Be-
    rührung, das „Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit
    mannigfachen Mitteln dargestellt werden kann. [E 12] Die im Traum-
    material vorhandenen Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“ sind
    ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein nicht un-
    beträchtliches Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche
    Deckungen zu schaffen, wenn die vorhandenen der Widerstands-
    zensur wegen nicht in den Traum gelangen können. Das Ver-
    dichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der Darstellung der
    Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.

    Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird
    vom Traum ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung
    zu einer Einheit, welche entweder im Traummateríal bereits
    vorgefunden oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man
    als Identifizierung, den zweiten als Mischbildung benennen.
    Die Identifizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Per-
    sonen handelt; die Mischbildung, wo Dinge das Material der
    Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von Personen
    hergestellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.

    Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
    Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Dar-
    stellung gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für
    den Traum unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person
    geht aber im Traum in alle die Beziehungen und Situationen

  • S.

    320

    ein, welche sich von ihr oder von den gedeckten Personen ab
    leiten. Bei der Mischbildung, die sich auf Personen erstreckt, sind
    bereits im Traumbild Züge, die den Personen eigentümlich, aber
    nicht gemeinsam sind, vorhanden, so daß durch die Vereinigung
    dieser Züge eine neue Einheit, eine Mischperson, bestimmt er-
    scheint. Die Mischung selbst kann auf verschiedenen Wegen zu-
    stande gebracht werden. Entweder die Traumperson hat von der
    einen ihrer Beziehungspersonen den Namen – wir wissen dann
    in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog ist,
    daß diese oder jene Person gemeint ist – während die visuellen
    Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst
    ist aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide
    verteilen, zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann
    der Anteil der zweiten Person auch vertreten werden durch
    die Gebärden, die man ihr zuschreibt, die Worte, die man
    sie sprechen läßt, oder die Situation, in welche man sie versetzt.
    Bei der letzteren Art der Kennzeichnung beginnt der scharfe
    Unterschied zwischen Identifizierung und Mischpersonbildung sich
    zu verflüchtigen. [E 13]

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
    rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder
    fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischperson-
    bildung eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu er-
    sparen. Anstatt zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber
    auch, bilde ich im Traum eine Mischperson aus A und B, oder
    stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche uns B
    charakterisiert. Die so gewonnene Traumperson tritt mir im Traum
    in irgendwelcher neuen Verknüpfung entgegen, und aus dem
    Umstande, daß sie sowohl A als auch B bedeutet, schöpfe ich
    dann die Berechtigung, in die betreffende Stelle der Traumdeutung
    einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, nämlich das feindselige
    Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele ich oft eine ganz
    außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; ich kann mir

  • S.

    321


    die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, die mit
    einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser
    Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser
    Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu ver-
    stehen, inwiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch
    dazu dienen kann, die Widerstandszensur zu umgehen, welche
    die Traumarbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoß
    für die Zensur mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche
    im Material mit der einen Person verknüpft sind; ich finde nun
    eine zweite Person, welche gleichfalls Beziehungen zu dem bean-
    standeten Material hat, aber nur zu einem Teil desselben. Die
    Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir jetzt das
    Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten hin
    durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- oder
    Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
    Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-
    verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.

    Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen
    dargestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem an-
    deren verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung
    durch die Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewisser-
    maßen zugunsten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in betreff
    des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson
    mit einem indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird,
    soll ich ein anderes keineswegs indifferentes Gemeinsame in den
    Traumgedanken erschließen.

    Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im
    Traum verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden
    Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verscho-
    benen Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß ge-
    wünschte Gemeinsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Da das
    Herbeiwünschen einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen
    häufig mit einem Vertauschen derselben zusammenfällt, so ist

  • S.

    322

    auch diese Relation im Traum durch Identifizierung ausgedrückt.
    Ich wünsche im Traume von Irmas Injektion, diese Patientin mit
    einer anderen zu vertauschen, wünsche also, daß die andere meine
    Patientin sein möge, wie es die eine ist; der Traum trägt diesem
    Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person zeigt, die Irma
    heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie ich sie nur
    bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkeltraum ist
    diese Vertauschung zum Mittelpunkt des Traumes gemacht; ich
    identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen
    nicht besser als er behandle und beurteile.
    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
    habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
    absolut egoistisch. [E 14] Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern
    nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen,
    daß mein Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt
    ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im
    Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet,
    daß hinter dem Ich eine andere Person sich durch Identifizierung
    verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traum-
    deutung etwas, was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemein-
    same, auf mich zu übertragen. Es gibt auch Träume, in denen
    mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, die sich durch
    Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich enthüllen. Ich
    soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen
    gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die
    Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traum
    mehrfach darstellen, das eine Mal direkt, das andere Mal ver-
    mittels der Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren
    solchen Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedanken-
    material verdichten.1) [E 15]

    1)Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per-
    sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die
    Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die
    verbirgt mein Ich.

  • S.

    323

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf-
    lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten
    Örtlichkeiten, da hier die Störung durch das im Traume über-
    mächtige Ich entfällt. In einem meiner Romträume (S. 196) heißt
    der Ort, an dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über
    die Menge von deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres
    ist eine Wunscherfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der
    Wunsch selbst mag aus einer heute überwundenen deutsch-
    nationalen Periode der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich
    träumte, war in Prag ein Zusammentreffen mit meinem Freunde
    in Aussicht genommen; die Identifizierung von Rom und Prag
    erklärt sich also durch eine gewünschte Gemeinsamkeit; ich
    möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für
    diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.
    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan
    unter den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches
    Gepräge verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt
    eingeführt werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung
    sein konnten. Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im
    Traume ist offenbar der nämliche, wie wenn wir im Wachen
    einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder nachbilden.
    Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen
    Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes
    selbst das Maßgebende ist, während die Mischbildung des Traumes
    durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das
    Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert wird. Die Misch-
    bildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger Weise aus-
    geführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden nur die
    Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Darstellung
    ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
    Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen
    wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient
    sich dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlich-
    keit.

  • S.

    324

    keiten zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich
    absurd ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen,
    je nachdem Material und Witz bei der Zusammensetzung es
    ermöglichen. Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet
    werden sollen, gar zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit
    oft damit, ein Mischgebilde mit einem deutlicheren Kern zu
    schaffen, an den sich undeutlichere Bestimmungen anfügen. Die
    Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht gelungen;
    die beiden Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas
    wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man sich die
    Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungsbildern
    vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in einer
    Zeichnung gelangen.

    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Misch-
    gebilden; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten
    Träumen bereits mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In
    dem Traum auf S. 314, welcher den Lebenslauf der Patientin
    „durch die Blume“ oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-
    Ich einen blühenden Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren
    haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet.
    Der Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten stehen, außer-
    dem an Kirschblüten; die Blüten selbst, einzeln genommen, sind
    Kamelien, wobei dazu das Ganze noch den Eindruck eines
    exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame an den Elementen
    dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traumgedanken. Der
    blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke zusammen-
    gesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte,
    sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in
    späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine An-
    spielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer
    Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere
    Patientin schafft sich im Traum ein Mittelding aus Badekabinett-
    im Seebad, ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkammern

  • S.

    325

    unserer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen
    ist die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung
    gemeinsam; es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem
    dritten Element schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Boden-
    kammer der Schauplatz von Entblößung war. [E 16] Eine andere
    träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar
    zu regalieren, von diesem Bruder, daß dessen Beine von den
    schwarzen Kaviarperlen übersät sind. Die Elemente „An-
    steckung“ im moralischen Sinn und die Erinnerung an einen
    Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit roten anstatt mit
    schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ, haben sich hier
    mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff vereinigt, dessen,
    „was sie von ihrem Bruder bekommen hat“. Teile des
    menschlichen Körpers werden in diesem Traum behandelt wie
    Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. [E 17]

    Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat,
    die Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszu-
    drücken. Ich gehe daran, dieser Behauptung zum ersten Male zu
    widersprechen. Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz“
    zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung einfach durch
    Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit der
    Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden
    werden kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt.
    Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traumgedanken, der
    etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegenteile“ fällt,
    gelangt zu seiner Darstellung im Traum auf folgende merk-
    würdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
    gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine
    Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen
    naheliegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes – gleich-
    sam nachträglich – umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter
    zu illustrieren als zu beschreiben. Im schönen Traum von „Auf
    und nieder“ (S. 285) ist die Traumdarstellung des Steigens

  • S.

    326

    umgekehrt wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die
    Introduktionsszene der Sappho Daudets; es geht im Traume
    anfangs schwer, später leicht, während in der Szene das Steigen
    anfangs leicht, später immer schwerer wird. Auch das „Oben“
    und „Unten“ in Bezug auf den Bruder ist verkehrt im Traum
    dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von Umkehrung oder
    Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materiales in den
    Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben, daß
    in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme
    getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte
    trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M.
    (S. 367) enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert
    werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen
    kann. Im Traum hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M. an-
    gegriffen; in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten,
    ist ein bedeutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten
    jungen Autor angegriffen worden. Im Traum rechne ich vom
    Sterbedatum Goethes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung
    vom Geburtsjahr des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem
    Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch
    dagegen, daß Goethe behandelt werden soll, als sei er ein Ver-
    rückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht
    verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor. In all
    diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine Be-
    ziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehrseite
    zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den
    Bruder im Sapphotraum). [E 18]

    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum-
    gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den
    Traum selbst zum Ausgangspunkt und stellt sich die Frage, was
    gewisse formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf

  • S.
    Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit 327

    die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren,
    die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor allem die
    Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen Traum-
    gebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder
    ganzer Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in
    der Intensität der einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze
    Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die man — wiewohl
    ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität zu stellen, bis zu
    einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als charakteristisch
    für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem der Grade
    der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten der
    Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich
    bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem un-
    deutlichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir
    von den deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch
    längere Zeit der Wahrnehmung Stand gehalten haben. Es fragt
    sich nun, durch welche Bedingungen im Traummateriał diese
    Unterschiede in der Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Traum-
    inhaltes hervorgerufen werden.

        Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,
    die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des
    Traumes auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören
    können, wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder
    die von ihnen abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch
    besondere Intensität hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im
    Traum ganz besonders lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlaf-
    sensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung hat dies
    aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente des
    Traumes, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während
    des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus
    Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das
    Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung der
    Traumbilder verloren.

  • S.
    328 VI. Die Traum
    arbeit

         Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die
    sinnliche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine
    Beziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen ent-
    sprechenden Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren
    fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit zusammen; die inten-
    sivsten Elemente sind keine anderen als die bedeutsamsten, welche
    den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun wissen wir
    zwar, daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine
    Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein,
    daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traum einen
    höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie darum das
    Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Er-
    wartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von
    Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente
    hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen;
    es findet zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine
    völlige „Umwertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade
    in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder ver-
    deckten Element des Traumes kann man oft einzig und allein
    einen direkten Abkömmling dessen entdecken, was in den Traum-
    gedanken übermäßig dominierte.
         Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders
    determiniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige
    Momente. Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente
    besonders intensiv dargestellt sind, durch welche die Wunsch-
    erfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die Analyse, daß von
    den lebhaftesten Elementen des Traumes auch die meisten
    Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die
    bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn
    wir den letzten empirisch genommenen Satz in nachstehender
    Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Elemente
    des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdichtungs-
    arbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann erwarten,

  • S.
    Die Umwertung aller psychischen Werte 329

    daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung auch
    in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.

        Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
    größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
    Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen
    Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit
    ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen-
    satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es
    ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden
    und fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine
    Partie des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist
    intensive Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus
    wenig intensiven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das
    Problem, welches die Skala vom anscheinend Klaren bis zum
    Undeutlich-Verworrenen bietet, weit komplizierter als das der
    Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; ja ersteres ent-
    zieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch der
    Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne Über-
    raschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit,
    den man von einem Traum empfängt, überhaupt nichts für das
    Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein
    Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen
    Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt,
    lückenlos und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit
    mir vorsetzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die
    nicht dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unter-
    legen waren, sondern als „Phantasien während des Schlafens“ be-
    zeichnet werden durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare
    Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie
    jeder andere; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien
    auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber,
    daß ich meinem Freunde eine schwierige und lange gesuchte
    Theorie der Bisexualität vortrug, und die wunscherfüllende Kraft

  • S.
    330 VI. Die Traumarbeit

    des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese Theorie
    (die übrigens im Traum nicht mitgeteilt wurde) klar und lückenlos
    erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum
    gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück
    des Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das
    erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil über
    den Traum jenes Stück des Traummateriales, dessen genaue Dar-
    stellung im Traum ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes
    Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die
    einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht
    erzählen wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und
    endlich unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer
    Darstellung angab, es seien im Traum mehrere Personen vor-
    gekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht
    gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater
    sei oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren
    Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um
    die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle,
    welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun
    Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes)
    sei“1. Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier
    ein Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses
    Inhaltes war in der Form des Traumes dargestellt worden. [E 20]

        In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
    Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können,
    kommt man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen.
    Ich werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der
    Traumbildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese
    Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.

        In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
    und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit

    1) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver-
    stimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.

  • S.
    Darstellung von Trauminhalt durch formale Charaktere des Traumes 331

    folgenden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als
    wäre es gleichzeitig ein anderer Ort und dort ereignete sich dies
    und jenes.“ Was in solcher Weise die Haupthandlung des
    Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder fortgesetzt
    werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz,
    als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den
    Traumgedanken wird im Traum durch Gleichzeitigkeit dargestellt
    (wenn — wann).

       Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation
    der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man
    will gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten
    und stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will
    sich in Bewegung setzen, und man kann ihn nicht erreichen;
    man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie
    versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den
    Exhibitionsträumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch
    nicht ernstlich versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu
    antworten, im Schlaf bestehe motorische Lähmung, die sich durch
    die erwähnte Sensation bemerkbar macht. Wir dürfen fragen:
    Warum träumt man dann nicht beständig von solchen gehemmten
    Bewegungen?, und wir dürfen erwarten, daß diese im Schlaf
    jederzeit hervorzurufende Sensation irgendwelchen Zwecken der
    Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial gegebene
    Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.

       Das Nichts-zu-Stande-bringen tritt im Traum nicht immer als
    Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf.
    Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die
    Bedeutung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt
    einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt
    erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privatheil-
    anstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint, um
    mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im Traum weiß ich, daß
    etwas vermißt wird, und daß die Untersuchung wegen des Ver-

  • S.
    332 VI. Die Traumarbeit

    dachtes erfolgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana-
    lyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt-
    liche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner Un-
    schuld und meiner Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich
    ruhig mit dem Diener. An einer Türe empfängt uns ein anderer
    Diener und sagt, auf mich deutend: Den haben Sie mitgebracht,
    der ist ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener
    in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich an ein
    Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erinnert. An einem
    Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der allen Grund
    hätte, sich um mich zu kümmern; er beachtet mich aber nicht.
    Es heißt dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen
    Hut nicht und kann doch nicht gehen.

        Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als
    ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum-
    gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den
    Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen
    meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
    bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu schließen,
    daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Widerspruches
    sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, bedeutet also:
    Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nicht-zu-Stande-bringen
    des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, ein „Nein“,
    wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, daß der
    Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.1

    1) Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollständigen
    Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
    der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn er
    seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll soviel wirres
    schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter für
    einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehrsinnig
    verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen hatte ihn
    versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich hinter
    diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich darf
    noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume
    von Goethe und dem Paralytiker (S. 367).

  • S.
    Die Traumhemmung 333

         In anderen Träumen, welche das Nicht-zu-Stande-kommen der
    Bewegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten,
    ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungs-
    hemmung kräftiger ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegen-
    wille sich widersetzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt
    also einen Willenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß
    gerade die motorische Lähmung im Schlaf zu den fundamentalen
    Bedingungen des psychischen Vorganges während des Träumens
    gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist
    nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im
    Schlaf diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den
    ganzen Vorgang so überaus geeignet zur Darstellung des Wollens
    und des „Nein“, das sich ihm entgegensetzt. Nach meiner Er-
    klärung der Angst begreift es sich auch leicht, daß die Sen-
    sation der Willenshemmung der Angst so nahe steht und sich
    im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist ein libidinöser
    Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vorbewußten
    gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der Hemmung
    mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln,
    das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle
    Regung. [E 21]

    D

    Die Rücksicht auf Darstellbarkeit

         Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt,
    wie der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken
    darstellt, griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zu-
    rück, welche Veränderung das Traummaterial überhaupt für die
    Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir wissen nun, daß das
    Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile entblößt, einer
    Kompression unterliegt, während gleichzeitig Intensitätsverschie-
    bungen zwischen seinen Elementen eine psychische Umwertung
    dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir berück-

  • S.
    334 VI. Die Traumarbeit

    sichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten
    Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgendwie
    nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht,
    indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres
    Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum ge-
    langte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch
    keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt man aber,
    daß eine solche besteht, und daß sie sich in einer Vertauschung
    des sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden Gedanken
    kund gibt. Es handelt sich beide Male um Verschiebung längs
    einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver-
    schiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver-
    schiebung ist das eine Mal, daß ein Element durch ein anderes
    substituiert wird, während im anderen Falle ein Element seine
    Wortfassung gegen eine andere vertauscht.

        Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
    Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern
    ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab-
    surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die
    Verschiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein
    farbloser und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen
    einen bildlichen und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil,
    und somit die Absicht dieses Ersatzes, liegt auf der Hand. Das
    Bildliche ist für den Traum darstellungsfähig, läßt sich in
    eine Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traum-
    darstellung ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde, wie etwa
    ein politischer Leitartikel einer Zeitung der Illustration. Aber
    nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen der Verdichtung
    und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. Ist erst
    der abstrakt ausgedrückt unbrauchbare Traumgedanke in eine
    bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem
    neuen Ausdruck und dem übrigen Traummateriale leichter als
    vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die Traum-

  • S.
    Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 335

    arbeit bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind,
    denn die konkreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Ent-
    wicklung zufolge anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man
    kann sich vorstellen, daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei
    der Traumbildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf
    möglichst knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu
    reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende sprachliche
    Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der eine
    Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht,
    wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglich-
    keiten des anderen einwirken, und dies vielleicht von vorneherein,
    ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in
    Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Be-
    dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn aus-
    drücken, und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der ersten
    Reimzeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man
    die Absicht den Reim zu finden nicht merkt, sondern wo beide
    Gedanken von vorneherein durch gegenseitige Induzierung den
    sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter Nach-
    bearbeitung den Gleichklang entstehen läßt.

        In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
    verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wort-
    fügung finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der
    Traumgedanken Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wort-
    witzes wird so der Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich
    über die Rolle, welche dem Worte bei der Traumbildung zu-
    fällt, nicht wundern. Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher
    Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit, und
    die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benützen die Vor-
    teile, die das Wort so zur Verdichtung und Verkleidung bietet,
    nicht minder ungescheut wie der Traum. [E 22] Daß die Traumvor-
    stellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofitiert, ist
    leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideutiges

  • S.
    336 VI. Die Traumarbeit

        Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; und der Ersatz der
    alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält
    unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt,
    ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über-
    tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung
    eingeschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden
    sollen. [E 23] Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch
    Zweideutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe
    ich bereits mehrere angeführt (,,Der Mund geht gut auf“ im
    Injektionstraum; ,,Ich kann doch nicht gehen“ im letzten Traum
    S. 331, usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen
    Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere
    Rolle spielt.

        Der Unterschied solcher Traumdeutung von der
    Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer scharf be-
    stimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
    der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in
    unseren Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel
    allgemein bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben.

        Verfügt man über den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit,
    so kann man Träume dieser Art auch unabhängig von den An-
    gaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.

        Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in der
    Oper. Es ist eine Wagner-Vorstellung, die bis 5/8 Uhr morgens
    gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen Tische, an denen
    gespeist und getrunken wird. Ihr eben von der Hochzeitsreise heim-
    gekehrter Vetter sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen
    Frau; neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge
    Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, ganz offen,
    etwa wie man einen Hut von der Hochzeitsreise mitbringt. In-
    mitten des Parketts befindet sich ein hoher Turm, der oben eine
    Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort
    hoch oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er
    läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar

  • S.
    Deutung eines Traumes ohne Einfälle des Träumers 337

    und leitet von diesem Posten aus das unten um die Basis des
    Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst sitzt mit einer (mir be-
    kannten) Freundin in einer Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr
    aus dem Parkett ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der
    Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange
    dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa
    als ob die Logen während der langen Vorstellung geheizt werden
    müßten.)

       Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf
    eine Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von
    dem aus der Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die
    Kohle, die ihr die Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem
    Traume absichtlich keine Analyse verlangt; mit etwas Kennt-
    nis von den persönlichen Beziehungen der Träumerin, gelang
    es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich wußte, daß
    sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen Lauf-
    bahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war.
    Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett wörtlich zu
    nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an Hans
    Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit-
    glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist
    als ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit
    seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem
    Gitter oben, hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein
    Tier im Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) [E24]
    herumläuft, das spätere Schicksal desselben. „Narrenturm“ wäre
    etwa das Wort, in dem die beiden Gedanken hätten zusammen-
    treffen können.

       Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
    konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit
    den Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit
    demselben Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“
    bedeuten.

    Freud, II. 22
  • S.
    338 VI. Die Traumarbeit

    „Kein Feuer, keine Kohle
    kann brennen so heiß
    als wie heimliche Liebe,
    von der niemand was weiß.“

        Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
    jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr
    die Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so
    lange dauern wird“. Was so lange dauern wird, ist im Traume
    nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor-
    stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge
    fassen, ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie
    heiratet“. Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt
    durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett
    sitzt, und durch die dieser letzteren angedichtete offene Lieb-
    schaft. Die Gegensätze zwischen heimlicher und offener Liebe,
    zwischen ihrem Feuer und der Kälte der jungen Frau beherrschen
    den Traum. Hier wie dort übrigens ein „Hochstehender“ als
    Mittelwort zwischen dem Aristokraten und dem zu großen Hoff-
    nungen berechtigenden Musiker.

        Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein
    drittes Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung
    der Traumgedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen
    ist: Die Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigen-
    tümlichen psychischen Material, dessen sich der Traum
    bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschie-
    denen Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken
    wird diejenige bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung
    erlaubt, und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden
    Gedanken etwa zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen,
    sei diese auch die ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung
    ermöglicht und so der psychologischen Bedrängnis des einge-
    klemmten Denkens ein Ende macht. Diese Umleerung des Ge-
    dankeninhaltes in eine andere Form kann sich aber gleichzeitig

  • S.
    Die Traumsymbolik 339

    in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Beziehungen
    zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden
    wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des
    Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver-
    ändert haben. [E 25]

        Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
    Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es
    vollkommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher
    Art überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken ver-
    wendet werden sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen,
    von denen jeder mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der
    Wunschgegensatz von „Kraut und Rüben“, also „Durcheinander“,
    und bedeutet demnach „Unordnung“. Ich habe mich gewundert, daß
    mir dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet worden ist. [E 26]
    Nur für wenige Materien hat sich eine allgemein gültige Traum-
    symbolik herausgebildet, auf Grund allgemein bekannter An-
    spielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Teil dieser Symbolik
    hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen und
    Volksgebräuchen gemeinsam.

        Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die
    Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts
    Originelles leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle
    der zensurfreien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege,
    die sie im unbewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt
    sie jene Umwandlungen des verdrängten Materials, die als Witz
    und Anspielung auch bewußt werden dürfen, und mit denen alle
    Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann
    plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen Scherners,
    deren richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die
    Phantasiebeschaftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs
    dem Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch.

        Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten
    Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist und auf

    22*

  • S.
    340 VI. Die Traumarbeit

        Sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die Genitalien
    des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechts für den
    heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie
    aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das
    Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung
    der Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so wenig wie
    im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten,
    die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers und der
    Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet
    der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler
    und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor
    an eine der Körperöffnungen („Loch“), die jede Wasserleitung an
    den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gerne wird der
    Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck
    sexueller Bilder gewählt; [E27] im ersteren Falle hat der Sprach-
    gebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester
    Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der
    „Samen“, der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied). In
    scheinbar harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der
    Küche lassen sich die häßlichsten wie die intimsten Einzel-
    heiten des Sexuallebens denken und träumen, und die Sym-
    ptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver-
    gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und
    Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat
    seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut
    und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln
    erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der
    Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt,
    und überall, wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient,
    wandelt sie die Wege, die einst in alten Kulturperioden die
    ganze Menschheit begangen hat, und von deren Existenz unter
    leichter Verschüttung heute noch Sprachgebrauch, Aberglaube und
    Sitte Zeugnis ablegen.

  • S.
    Die Symbolik des Sexuellen 341

        Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin,
    ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche.
    Der schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar
    nicht mehr gefallen.

        a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mädchen
    und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit dem Bissel Essen“,
    und sieht dabei soviel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen,
    grobes Geschirr in Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die
    beiden Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie in
    einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof reicht.1

        b) Haupttraum:2 Sie steigt von hoch herab3 über eigentümliche
    Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus vereinigt sind und
    aus Flechtwerk von kleinen Quadraten bestehen.4 Es ist eigentlich
    nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz
    für den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends
    hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig bleibt.5 Dabei trägt
    sie einen großen Ast in der Hand,6 eigentlich wie einen Baum,
    der dick mit roten Blüten besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.7
    Dabei ist die Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie
    gefüllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Während
    des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich zwei, später
    wieder einen.8 Wie sie unten anlangt, sind die unteren Blüten
    schon ziemlich abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen
    Hausknecht, der einen ebensolchen Baum, sie möchte sagen —


    1) Zur Deutung dieses als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 315.

    2) Ihr Lebenslauf.

    3) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.

    4) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstande ihrer späteren
    Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.

    5) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß sie sich
    im Schlafe zu entblößen pflegte.

    6) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.

    7) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 324: Unschuld, Periode, Kamelien-
    dame.

    8) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen.

  • S.
    342 VI. Die Traumarbeit

    kämmt, d. h. mit einem Holz dicke Haarbüschel, die wie Moos
    von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste
    aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo
    sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie
    fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen
    kann.1 Im Garten steht ein junger Mann (von ihr bekannter
    Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen,
    wie man solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne.2
    Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm
    einfällt, ob man sie denn so umfangen darf. Er sagt, das ist kein
    Unrecht, das ist erlaubt.3 Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in
    den anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen,
    und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir
    ohnedies drei Meter — (später sagt sie: Quadratmeter) oder drei
    Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Bereitwilligkeit etwas
    von ihr verlangen würde, als ob er die Absicht hätte, sich in
    ihrem Garten zu entschädigen oder als wollte er irgendein
    Gesetz betrügen, einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen
    Schaden hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.

       Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der
    im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen
    Inhaltes dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine
    Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also
    durch ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der
    Kleidung führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so
    erinnert man sich, daß „to lift“ im Englischen aufheben bedeutet,
    also „Kleider aufheben“. [E 28]

       Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber
    dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer
    Verhältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man

    1 Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.

    2 Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung an den Familiennamen.

    3 Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

  • S.
    Beispiele von Darstellungen im Traum 343

    keine besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traum-
    arbeit anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher
    Symbolisierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig
    enthalten sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist
    auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traum-
    bildung besser genügen. [Zusatzkapitel A]

    E

    Beispiele — Rechnen und Reden im Traum

         Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
    Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
    Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das
    Zusammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils
    Beweise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unab-
    weisbare Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja
    in der vorstehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer
    geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Bei-
    spiele für die einzelnen Sätze sind nur im Zusammenhang einer
    Traumdeutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhange gerissen,
    büßen sie ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte
    Traumdeutung wird bald so umfangreich, daß sie den Faden der
    Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt.
    Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei
    aneinander reihe, was nur durch die Beziehung auf den Text
    des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.

         Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder
    von ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume
    einer Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter
    wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und eine Gorilla-
    katze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich. Sie wirft die Tiere
    auf die Träumerin; der Schimpanse schmiegt sich an die letztere
    an, und das ist sehr ekelhaft. Dieser Traum hat seinen Zweck

  • S.
    344 VI. Die Traumarbeit

    durch ein höchst einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine
    Redensart wörtlich nahm und nach ihrem Wortlaute darstellte.
    „Affe“ wie Tiernamen überhaupt sind Schimpfwörter, und die
    Traumsituation besagt nichts anderes als „mit Schimpfworten um
    sich werfen“. Diese selbe Sammlung wird alsbald weitere Beispiele
    für die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei der Traum-
    arbeit bringen.

         Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem
    Kind, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von diesem
    Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im Mutterleibe so
    geworden. Man könnte den Schädel, sagt der Arzt, durch Kom-
    pression in eine bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn
    schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. —
    Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des abstrakten
    Begriffes: „Kindereindrücke“, den die Träumerin in den Er-
    klärungen zur Kur gehört hat.

         Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
    Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
    zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter draußen;
    ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das Wasser, die
    Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhalts ist minder direkt
    im Traum, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet „über-
    flüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken fand,
    ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa durch
    „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig“, und
    dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Darstellung
    gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, Wasser
    als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „über“flüssig. [E 29]

         Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu
    sammeln und nach den ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu
    ordnen. [E 30]

         Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
    sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene

  • S.
    Zahlen im Traum 345

        Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
    hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein
    Präparat an und klaube etwas heraus, was wie zerknülltes Silber-
    papier aussieht. (Von diesem Traume noch später mehr.) Der
    nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: „Stanniol“, und
    nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius meine, den
    eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Ab-
    handlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste
    wissenschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog
    sich wirklich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes.
    Letzterer Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu ge-
    brauchen. [E 31]

        Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material,
    den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an
    den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen.
    Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders
    verheißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus
    meiner Sammlung heraussuchen.

          1) Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
    Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt ihr 3 fl.
    65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust du? Es kostet
    ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir durch die Ver-
    hältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrerseits ver-
    ständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter in einem
    Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte und die meine Be-
    handlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
    In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete
    auch die Kur. Am Tage vor dem Traum hatte ihr die Instituts-
    vorsteherin nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das
    Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann
    offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem
    Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf
    bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen,

  • S.
    346 VI. Die Traumarbeit

    die drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur
    lassen sich ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele
    Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei
    Zeiten standen, werden im Traum Geldwerten beigesetzt, nicht
    ohne daß damit ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn
    „Time is money“, Zeit hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann
    allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die Kleinheit der im Traum
    erscheinenden Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der
    Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im
    Institut verkleinert.

         2) Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
    anderen Traum. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von
    Jahren verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige
    Bekannte, Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie:
    Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts
    ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
    Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte
    Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die konnten sie ja nicht
    nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen.

         Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe-
    renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem
    Manne 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los
    zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen
    anmerken, daß 150 fl. 100mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher
    die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die
    eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate — drei —
    jünger ist als sie. Zur Auflösung des Traumes führt dann die
    Erkundigung, was der Zug im Traum, daß eine Seite des Par-
    ketts leer bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine unveränderte
    Anspielung auf eine kleine Begebenheit, die ihrem Manne guten
    Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu
    einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen,
    und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen,

  • S.
    Zahlen und Rechnungen im Traum 347

    für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins
    Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses fast
    leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu
    beeilen.

        Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken er-
    setzen: „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte
    es nicht nötig gehabt, mich so zu beeilen. An dem Beispiele
    der Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann be-
    kommen hätte. Und zwar einen hundertmal besseren (Mann,
    Schatz), wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem
    Beeilen der Schwägerin). Drei solche Männer hätte ich für das
    Geld (die Mitgift) kaufen können!“ Wir werden darauf aufmerk-
    sam, daß in diesem Traum die Zahlen in weit höherem Grade
    Bedeutung und Zusammenhang verändert haben, als im vorher
    behandelten. Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des
    Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß
    diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders hohes
    Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden hatten. Wir
    wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traum ein absurdes
    Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei Sitze
    nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im
    Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des
    Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen
    soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz
    nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen ent-
    haltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt
    zur Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns ver-
    wendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf
    1 fl. 50 entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder
    Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der Träumerin.

        3) Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
    vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
    Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekannt-

  • S.
    348 VI. Die Traumarbeit

    schaft) und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
    gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt sind Sie
    denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. — Ah, dann sind Sie
    28 Jahre alt.

       Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
    schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
    des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
    nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen
    Personen, deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in
    Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinations-
    zimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame,
    der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit
    der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er
    auf 28 Jahre schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der
    scheinbaren Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er ge-
    heiratet hatte. Er hatte es nicht unterlassen können, auch mit
    den beiden anderen weiblichen Personen, die er bei mir traf,
    Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen
    Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen pflegten, und
    als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung
    gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „gesetzten“
    Herrn. [E 32]

       Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu-
    sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet über-
    haupt nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die
    in den Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein
    nicht darstellbares Material dienen können, in der Form einer
    Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau
    der nämlichen Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten
    wie alle anderen Vorstellungen, wie auch den Namen und die
    als Wortvorstellungen kenntlichen Reden.

       Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
    So viel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen

  • S.
    Reden im Traum 349

    mag, die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die
    Analyse zeigt uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke
    von wirklich geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken
    entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist.
    Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und
    zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen,
    sondern auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammen-
    hängend scheinende Traumrede bei der Analyse in drei oder vier
    Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung hat er oft den Sinn,
    den die Worte in den Traumgedanken hatten, beiseite gelassen,
    und dem Wortlaut einen völlig neuen Sinn abgewonnen. [S 33] Bei
    näherem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede deutlichere,
    kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemittel dienen
    und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir ausgelassene
    Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede hat
    so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere Brocken
    verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zu-
    sammengehalten werden.

        In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
    für jene Reden im Traum, die etwas vom sinnlichen Charakter
    der Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die
    anderen, die nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden
    werden (keine akustische oder motorische Mitbetonung im Traum
    haben), sind einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denk-
    tätigkeit vorkommen und unverändert in viele Träume übergehen.
    Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint
    auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende
    Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traum als Rede irgendwie
    auffällig hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale,
    selbst gehaltene oder gehörte Rede.

        Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir be-
    reits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
    Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt-

  • S.
    350 VI. Die Traumarbeit

    traum“ auf S. 183, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu
    haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren,
    während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht,
    das nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum
    harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage
    irgendwelche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurück-
    gewiesen: Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig,
    und nun von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück
    in den Traum genommen, um mit ihm auf das spätere Stück
    anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traum zugrunde
    lag, sehr wohl gepaßt, aber dieselbe auch verraten hätte.

       Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
    ergeben:

    Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. Er sagt:
    Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine deutliche
    Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und fragt: Na hat’s
    geschmeckt? Der eine antwortet: Na, nöt gut war’s. Als ob es
    Menschenfleisch gewesen wäre.

       Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht
    nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den
    braven, aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gast-
    freundliche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen
    und nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern
    ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten.
    Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehn S’ weg, das
    werden Sie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten
    und rühmt dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit
    seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Auf-
    dringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten
    Speise. „Das kann ich nicht sehen“, das auch im Traum nicht als
    eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körper-
    lichen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre,
    daß er diese zu schauen nicht begehrt.

  • S.
    Der Traum „Non vixit“ 351

        Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes
    gestalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen
    Mittelpunkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der
    Würdigung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träumte
    sehr klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen
    und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (verstorbenen)
    Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden eintritt und sich
    nach einigen Worten an seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter
    Traum: Mein Freund Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien ge-
    kommen; ich begegne ihn auf der Straße im Gespräch mit meinem
    (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo
    sie einander wie an einem kleinen Tisch gegenübersitzen, ich an
    der schmalen Seite des Tischchens vorne. Fl. erzählt von seiner
    Schwester und sagt: In dreiviertel Stunden war sie tot, und dann
    etwas wie: Das ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet
    sich Fl an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich
    P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen Affekten
    ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar nichts wissen kann,
    weil er) gar nicht am Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst
    bemerkend: Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an,
    unter meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen
    werden krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. Ich bin
    ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst Fleischl
    nur eine Erscheinung, ein Revenant war, und finde es ganz wohl
    möglich, daß eine solche Person nur so lange besteht, als man
    es mag, und daß sie durch den Wunsch des anderen beseitigt
    werden kann.

        Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt
    rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst,
    daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit,
    selbst bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die
    der Traum selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schluß-
    folgerung und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, —

  • S.
    352 VI. Die Traumarbeit

    daß ich „für mein Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel
    mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu
    tun — was ich nämlich im Traum tue — die Rücksicht auf so
    teure Personen meinen Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung
    wäre aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zuschanden
    geworden. So begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an
    späterer Stelle einige Elemente des Traumes zur Deutung heraus-
    zugreifen.

        Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P.
    durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk-
    würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese
    Szene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten.
    Ich war Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den
    Dienst in den Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich
    einige Male zu spät ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da
    kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab.
    Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar
    nicht auf die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchter-
    lichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen
    ich verging — wie P. im Traum, der zu meiner Erleichterung
    die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe Greisen-
    alter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann
    und ihn je im Zorn gesehen hat, wird sich in die Affekte des
    jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können.

        Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
    zuleiten, mit dem ich im Traum jene Justiz übe, bis ich mich
    besann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene,
    sondern als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traum besessen
    hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem
    Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg
    sind die schönen Worte zu lesen:

    Saluti patriae vixit
    non diu sed totus. [E 34]

  • S.
    Zur Deutung des Traumes „Non vixit“ 353

        Aus dieser Inschrift habe ich herausgelaubt, was zu der einen,
    feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und
    was heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er
    lebt ja gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der
    Traum wenige Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals
    in den Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich
    das Denkmal Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten)
    mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und
    ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen
    Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in
    diesen Räumen verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im
    Traum; mein Freund P. hieß mit dem Vornamen Josef.1
        Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
    nicht berechtigt, das non vixit, das ich brauche, durch non vixit,
    das mir die Erinnerung an das Josefsmonument zur Verfügung
    stellt, zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß
    dies durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun
    etwas darauf achten, daß in der Traumszene eine feindselige und
    eine zärtliche Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zu
    sammentreffen, die erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und
    in den nämlichen Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen.
    Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte
    ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen Wunsches
    schuldig gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist),
    darum vernichte ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz be
    sonderem Klang gebildet, bei dem mich ein Vorbild beeinflußt
    haben muß. Wo findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein
    solches Nebeneinanderstellen zweier entgegengesetzter Reaktionen
    gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch erheben, voll be
    rechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An einer


    1) Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zuspätkommen
    lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten Weg
    von der Kaiser-Josef-Straße in die Währinger Straße zu machen hatte.
        Freud, II. 23

  • S.
    354 VI. Die Traumarbeit

    einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der
    Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares „Julius
    Cäsar“: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er
    glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich' ihn,
    aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht
    der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traum-
    gedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im
    Traum. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateralver-
    bindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf-
    finden könnte! Ich denke, dies könnte folgende sein: Mein
    Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet
    gar keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat
    Juli meines Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat
    Juli ist nach Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr
    wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken,
    daß ich den Brutus spiele, vertreten.1
            Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
    gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge-
    dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar
    als vierzehnjähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr
    älteren Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, —
    auch so ein Revenant — denn es war der Gespiele meiner
    ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem
    vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen,
    hatten einander geliebt und miteinander gerauft, und diese
    Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal angedeutet, über all
    meine späteren Gefühle im Verkehr mit Altersgenossen entschieden.
    Mein Neffe John hat seither sehr viele Inkarnationen gefunden,
    die bald diese, bald jene Seite seines in meiner unbewußten Er-
    innerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. Er muß
    mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß

    1) Dazu noch Cäsar-Kaiser.

  • S.
    Absurde Träume 355

        Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir
    in späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wieder-
    erzählt worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater —
    sein Großvater — zur Rede stellte: Warum schlägst du John?
    Sie lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe
    ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinder-
    szene muß es sein, die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in
    der Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen —
    Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher
    Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig be-
    gründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach
    überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder-
    gespielen abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte
    infantile Beziehung zu John zurück.

        Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    Absurde Träume — Die intellektuellen Leistungen
    im Traum

        Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das
    Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die
    Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe
    rührt, und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die
    Absurdität der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein
    Hauptargument bot, um im Traum nichts anderes als ein sinn-
    loses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten Geistestätigkeit
    zu sehen.

        Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität
    des Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Ver-
    tiefung in den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind
    einige Träume, die — wie man zuerst meint, zufällig — vom
    toten Vater handeln.

    23*

  • S.
    356 VI. Die Traumarbeit

    I

    Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
    verloren:

        Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er ist mit dem
    Nachtzug gefahren, da ist eine Entgleisung erfolgt, die Sitze sind
    zusammengekommen, und ihm ist der Kopf quer zusammengedrückt
    worden. Er sieht ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde
    über dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er wundert
    sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da er doch schon
    tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die Augen sind so
    klar.

        Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich
    diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst,
    während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß
    dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe
    des Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er
    sich über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert
    Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach
    solchen Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem
    Künstler eine Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor
    dem Traume in Augenschein genommen hat. Diese ist es, die
    ihm verunglückt vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie
    gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten Photographien. Am
    Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten
    Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch der dasselbe
    Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich daß e r
    zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe aus-
    gefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Aufbau
    dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohnheit,
    wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie
    ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken,
    als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen
    wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen,

  • S.
    Absurde Träume vom toten Vater 357

    wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die
    Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle,
    wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende,
    wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche
    zur Schau. Daß diese Furche im Traum durch eine Wunde er-
    setzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin.
    Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die
    Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob,
    einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über die Stirne
    der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen reichte. Da
    konnte er sich abergläubischer Ahnungen nicht erwehren, denn
    einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die photographi-
    sche Platte mit deren Abbild gesprungen.

       Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
    Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
    Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir
    sind alle gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht ge-
    troffen? Freilich wäre der Anschein der Absurdität in diesem
    Traume leicht zu vermeiden gewesen. Wenn man schon nach
    einer einzigen Erfahrung urteilen dürfte, so möchte man sagen,
    dieser Anschein von Absurdität ist ein zugelassener oder ge-
    wollter.

    II

       Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen:
    (Ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren.)

       Der Vater hat nach seinem Tode eine politische Rolle bei den
    Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt, wozu ich ein kleines
    undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge wie im Reichstag;
    eine Person, die auf einem oder auf zwei Stühlen steht, andere
    um ihn herum. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Toten-
    bette Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese
    Verheißung doch wahr geworden ist.

  • S.
      358

    VI. Die Traumarbeit


     

         Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
    Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen
    Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
    Széll sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traum
    gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne
    Bedeutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche
    visuelle Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns
    etwa den Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild
    ist aber die Reproduktion eines in den Text einer illustrierten
    Geschichte Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria
    Theresia auf dem Reichstage von Preßburg darstellt; die berühmte
    Szene des „Moriamur pro rege nostro“.1 Wie dort Maria Theresia,
    so steht im Traume der Vater von der Menge umringt; er steht
    aber auf einem oder zwei Stühlen, also als Stuhlrichter. (Er
    hat sie geeinigt: — hier vermittelt die Redensart: Wir werden
    keinen Richter brauchen.) Daß er auf dem Totenbette Gari-
    baldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden wirklich alle be-
    merkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung, seine Wangen
    glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir fort: Und
    hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, das
    Gemeine.


     

         Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß
    wir gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das
    „postmortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten
    „nach seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner
    Leiden war die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten
    Wochen gewesen. An diese knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken
    an. Einer meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gym-
    nasiast verlor, bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert


     

    1) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt gefunden
    habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dessen
    Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer bei Tag
    betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren;
    eine Reihe derselben behandelt die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges.

  • S.
    Absurde Träume vom toten Vater 359

    meine Freundschaft antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem
    Schmerz einer Verwandten, deren Vater auf der Straße gestorben
    und nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei der
    Entkleidung der Leiche fand, daß im Moment des Todes oder
    postmortal eine Stuhlentleerung stattgefunden hatte. Die
    Tochter war so tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche
    Detail die Erinnerung an den Vater stören mußte. Hier sind wir
    nun zu dem Wunsch vorgedrungen, der sich in diesem Traume
    verkörpert. Nach seinem Tode rein und groß vor seinen
    Kindern dastehen, wer möchte das nicht wünschen? Wohin
    ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr Anschein ist nur
    dadurch zustande gekommen, daß eine völlig zulässige Redensart,
    bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität hinwegzusehen,
    die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im Traume
    getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck
    nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter,
    absichtlich hervorgerufener, ist. [E 35]

        III
        In dem Beispiel, das ich jetzt ausführe, kann ich die Traum-
    arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material
    gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem
    Traume, den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor
    meiner Ferialreise eingegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner
    und gebe Auftrag, zu einem Bahnhof zu fahren. ,Auf der Bahn-
    strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren‘, sage
    ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich ihn über-
    müdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon eine Strecke mit
    ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt.“ Zu dieser ver-
    worrenen und unsinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende
    Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner genommen,
    der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte.
    Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten

  • S.
    360 VI. Die Traumarbeit

        Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte,
    wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von
    diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den
    Aristokraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde.
    Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die
    Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an
    die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den
    Staatswagen von Österreich. Der nächste Satz im Traum bezieht
    sich aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt
    abgesagt („Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen
    nicht fahren“), und diese Absage war eine Art Bestrafung für
    seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen zu übermüden
    pflege (was unverändert in den Traum gelangt), indem
    ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zuviel des Schönen an einem
    Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum
    Bahnhof begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation
    Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf
    zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile
    länger bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern
    mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den
    Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren
    bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit
    war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch gefahren“);
    ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit der
    Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der
    Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch
    an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ — „Wagen“ in den Traum einsetze,
    was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem
    Bruder gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas
    Unsinniges heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint,
    und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren Rede von
    mir („Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“)

  • S.
    Einzelne Absurditäten im Traume 361

        hergestellt. Da ich aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt
    nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze rätselhafte
    Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben.

        In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
    Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie
    zugelassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses
    im vorliegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume
    eine Absurdität und etwas Unverständliches in Verbindung mit
    dem „Fahren“, weil ich in den Traumgedanken ein gewisses
    Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abende
    bei jener gastfreundlichen und geistreichen Dame, die in einer
    anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haushälterin“ auftritt,
    hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da
    sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich mit meinen
    erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu finden, eine etwas lächer-
    liche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen“ und
    „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Ein jeder hat’s
    Im Grabe ruht’s. (Vorfahren.)

        Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte
    identisch mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Nicht jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s. (Nachkommen.)

        Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren
    sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen
    Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, ge-
    boren zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden
    Rätsel zu Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristo-
    kraten leicht mit Kutschern verwechseln kann, und man dem

  • S.
    362 VI. Die Traumarbeit

        Kutscher früher einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu
    sagen pflegte, konnte die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in
    dieselbe Darstellung einbeziehen. Der Traumgedanke aber, der
    dahinter gewirkt hat, lautet: Es ist ein Unsinn, auf seine
    Vorfahren stolz zu sein. Lieber bin ich selber ein Vor-
    fahr, ein Ahnherr. Wegen dieses Urteils: Es ist ein Unsinn,
    also der Unsinn im Traum. Jetzt löst sich wohl auch das letzte
    Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß ich mit dem Kutscher
    schon vorher gefahren, mit ihm schon vorgefahren.

        Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den
    Traumgedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vor-
    kommt: Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott
    einen der unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren.
    Das Absurde wird somit eines der Mittel, durch welches die
    Traumarbeit den Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer
    Materialbeziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt,
    wie die Verwertung der motorischen Hemmungsempfindung. Das
    Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem einfachen „Nein“
    zu übersetzen, sondern soll die Disposition der Traumgedanken
    wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen oder
    zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traumarbeit etwas
    Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück des
    latenten Inhaltes in eine manifeste Form.1

        Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
    Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne
    Analyse gedeutete Traum von der Wagner-Vorstellung, die bis
    morgens 3/8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme


    1) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
    indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm schafft. So ähnlich verfährt Heine,
    wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es in noch
    schlechteren:

    Herr Ludwig ist ein großer Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll, oh!“

  • S.
    Einzelne Absurditäten im Traume 363

    aus dirigiert wird usw. (siehe S. 336), will offenbar besagen: Das
    ist eine verdrehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer's
    verdient, den trifft es nicht; und wer sich nichts daraus macht,
    der hat's, womit sie ihr Schicksal im Vergleich zu dem ihrer
    Cousine meint. — Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität
    der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben,
    ist auch keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen
    für die Schöpfung absurder Träume in typischer Weise zusammen.
    Die Autorität, die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik
    des Kindes hervorgerufen; die strengen Anforderungen, die er
    gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf
    jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber die Pietät, mit
    der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode für unser
    Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die Äuße-
    rungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.


    IV

    Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:

        Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburts-
    stadt, betreffend die Zahlungskosten für eine Unterbringung im
    Spital im Jahre 1851, die wegen eines Anfalls bei mir notwendig
    war. Ich mache mich darüber lustig, denn erstens war ich 1851
    noch nicht am Leben, zweitens ist mein Vater, auf den es sich
    beziehen kann, schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo
    er auf dem Bette liegt und erzähle es ihm. Zu meiner Über-
    raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal betrunken
    war und eingesperrt oder verwahrt werden mußte. Es war, als
    er für das Haus T . . . gearbeitet. Du hast also auch getrunken,
    frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich
    ja 1856 geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt.

        Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurdi-
    täten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen
    nur als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen

  • S.
    364 VI. Die Traumarbeit

         Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer
    Verwunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traum die
    Polemik offen betrieben, und der Vater als diejenige Person be-
    zeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche
    Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur bei
    der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber,
    daß hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während
    der Streit mit einer anderen geführt wird, die im Traume durch
    eine einzige Anspielung zum Vorschein kommt. Während sonst
    der Traum von Auflehnung gegen andere Personen handelt,
    hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier umgekehrt; der
    Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer und der Traum
    darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person
    beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht
    in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus
    der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich
    gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar
    gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer
    meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
    ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
    deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege
    eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr
    erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spitale);
    und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen be-
    gannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle
    einer Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und
    die früheren Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traum-
    gedanken wehren sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich
    nicht schneller vorwärts komme, der von der Behandlung
    dieses Patienten her sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt
    er denn jemanden, der das schneller machen kann? Weiß er
    nicht, daß Zustände dieser Art sonst überhaupt unheilbar sind
    und lebenslange dauern? Was sind vier bis fünf Jahre

  • S.
    Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus 365

    gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn dem
    Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr er-
    leichtert worden ist?

        Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
        Teile dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der
        Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht
        werden. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Neben-
        zimmer usw. das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind,
        und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen ich dem
        Vater meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will
        mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen, die der
        alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Be-
        nehmen eines anderen, einer neuen Person, bringen. Ich merke
        hier, daß der Traum darum den Vater verspotten darf, weil dieser
        in den Traumgedanken in voller Anerkennung anderen als Muster
        vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, daß man von
        den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen darf
        als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, einmal
        betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, enthält
        nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
        Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
        große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung
        gefolgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen
        Periode der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug.
        Der Traum erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe
        in jungen Jahren einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit
        Chloroform zu berauschen, und habe darum die Anstalt
        aufsuchen müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz
        vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit
        mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er
        leugnete, und als ich ihn als Totkranken besuchte und nach
        seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner
        Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen, ich war immer

  • S.
    366 VI. Die Traumarbeit

    einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“ So hatte er zu
    meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen zugegeben, wogegen
    er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in dieser Szene des
    Traumes Meynert durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen
    Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen
    Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Dar-
    stellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der aus-
    führlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn
    eines Professors oder Hofrats, wäre, dann wäre ich freilich
    rascher vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen
    Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste
    Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl
    1851, die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als
    würde die Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten.
    Gerade das soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck
    gebracht werden. Vier bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum,
    während dessen ich die Unterstützung des eingangs erwähnten
    Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher ich meine
    Braut auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges, von
    den Traumgedanken gern ausgenütztes Zusammentreffen auch die
    Zeit, während welcher ich jetzt meinen vertrautesten Patienten
    auf die völlige Heilung warten lasse. „Was sind fünf Jahre?“
    fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich keine Zeit,
    das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit genug vor mir,
    und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch nicht glauben
    wolltet, so werde ich auch dies zustande bringen.“ Außerdem
    aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders, und
    zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum
    auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
    Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich
    habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren
    einige Tage vorher zum Professor ernannt worden war.

  • S.
    Der absurde Goethe-Traum 367

        Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren
    als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen worden, wie wir
    alle meinen, mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist
    durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber
    bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat
    aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche
    mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vor-
    kommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da
    sein Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war
    Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir plausibel
    vor, daß er achtzehn Jahre alt war. Ich weiß aber nicht sicher,
    welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und so versinkt die
    ganze Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem
    bekannten Aufsatz von Goethe „Natur“ enthalten.

        Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
    dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer
    Tischgesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert,
    seinen Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von para-
    lytischer Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung
    war richtig; es ereignete sich bei diesem Besuch das Peinliche,
    daß der Kranke ohne jeden Anlaß im Gespräch den Bruder durch
    Anspielung auf dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken
    hatte ich nach seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt
    zu kleinen Berechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnis-
    schwächung klar zu legen; Proben, die er übrigens noch
    recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume
    benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß nicht sicher, welches
    Jahr wir schreiben.) Anderes Material des Traumes stammt
    aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Re-
    dakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst un-
    gnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte Buch

  • S.
    368 VI. Die Traumarbeit

         meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen,
    die ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent
    verfaßt hatte. Ich glaubte, ein Recht zur Einmengung zu haben
    und stellte den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik
    lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte.
    Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und
    hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere
    persönlichen Beziehungen unter diesem Vorfall nicht
    leiden würden. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals
    frische Erzählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung
    ihres Bruders, der mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tob-
    sucht verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme
    aus der Lektüre jenes schönen Aufsatzes von Goethe und
    deute auf die Überarbeitung des Erkrankten bei seinen natur-
    philosophischen Studien. Ich zog es vor, an den sexuellen Sinn
    zu denken, in dem auch die Mindergebildeten bei uns von der
    „Natur“ reden, und daß der Unglückliche sich später an den
    Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht Unrecht zu
    geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, als sich jener
    Tobsuchtsanfall einstellte.

         Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch
    meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder
    ist man es selbst“, hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit
    den zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch
    Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie
    bedeutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß
    ich mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich
    suche mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig auf-
    zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
    Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken
    sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und
    Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht
    aber doch umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig

  • S.
    Analyse des absurden Goethe-Traumes 369

    im Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann an-
    gegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger
    Mensch noch heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte,
    und indem ich vom Sterbejahre Goethes an rechne, während
    ich den Paralytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ.

        Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum
    von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit
    muß ich rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache
    meines Freundes zu der meinigen mache und mich an seine
    Stelle setze. Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht
    hiefür nicht aus.

        Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen
    Kranken und die verschiedenartige Deutung seines Ausrufes
    „Natur“ auf den Gegensatz an, in den ich mich mit meiner
    Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu
    den meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie
    deinem Freunde, so wird es auch dir mit der Kritik ergehen,
    ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun darf ich
    das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ ersetzen.

        „Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.“ Daß „mea res
    agitur“, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen,
    unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag
    dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich
    schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft
    drängte.

    VI

        Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen
    Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er
    egoistisch ist. Ich erwähnte auf S. 271 einen kurzen Traum, daß
    Professor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop . . .“ und gab an,
    das sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine
    Rolle spiele. Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine
    absurde und unverständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet:

    Freud, II.

  • S.
    „Geseres und Ungeseres“ 371

        Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
    gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von
    einem Verbum goiser und läßt sich am besten durch „anbefohlene
    Leiden, Verhängnis“ wiedergeben. Nach der Verwendung des
    Wortes im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und
    Jammern“. Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht
    meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch
    zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des Traumes,
    daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den
    Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches
    Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der ungesalzene wird
    höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar fürs Volk, „noble
    Passionen“: darin liegt eine scherzhafte Anspielung an eine der
    Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, daß
    sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen
    wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines
    Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne)
    vom Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar
    gesalzen-ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch
    an einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „ge-
    säuert und ungesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus
    Ägypten hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig
    gären zu lassen, und essen zur Erinnerung daran noch heute
    ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen
    Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes der Analyse
    gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den letzten Oster-
    tagen, in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau herum-
    spazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen
    fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich mußte
    mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann
    zu meinem Freunde: „Hoffentlich beweist die Kleine später im
    Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, von denen
    sie sich leiten läßt.“ Kurz darauf fiel mir ein Schild in die

    24*

  • S.
    372 VI. Die Traumarbeit

    Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde . . . Ich meinte: „Hoffentlich
    ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt.“ Mein Freund hatte mir
    unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der
    bilateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Ein-
    leitung begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der
    Stirne trügen wie der Zyklop . . .“ Das führt nun zur Rede des
    Professors im Vortraum: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin
    ich zur Hauptquelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen
    Jahren, als dieser Sohn des Professors M., der heute ein selb-
    ständiger Denker ist, noch auf der Schulbank saß, erkrankte er
    an einer Augenaffektion, die der Arzt für besorgniserweckend
    erklärte. Er meinte, solange sie einseitig bleibe, habe sie nichts
    zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das andere Auge über-
    greifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf dem einen
    Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für
    die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter
    ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthaltes
    kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere Seite.
    „Was machen Sie für Geseres?“ herrschte er die Mutter an.
    „Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch auf
    der anderen gut werden.“ Und so ward es auch.

    Und nun die Beziehung zu mir und den Meinigen. Die
    Schulbank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste
    Weisheit erlernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigen-
    tum meines Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die
    Abschiedsworte in den Mund lege. Der eine der Wünsche, die
    sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu er-
    raten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion
    das Kind davor schützen, kurzsichtig und einseitig zu werden.
    Daher im Traum Myop (dahinter Zyklop) und die Erörterungen
    über Bilateralität. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine
    mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitigkeit die
    der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es

  • S.
    Tollheit und Tiefsinn des Traumes 373

    nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge
    widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin
    sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin
    das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es
    handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen Sym-
    metrie!

        So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
    scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen
    hatten und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die Narren-
    kappe aufzusetzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede be-
    stimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit
    dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame offenbar
    etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum,
    verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen
    muß, und darum kann man auch vom Traume aussagen, was
    Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen durch witzig-
    unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur toll bei
    Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich einen
    Reiher von einem Falken unterscheiden.“1

        Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
    aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens
    nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß
    die Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen
    absurden Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken
    Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform
    vorliegt. Es liegt mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit
    überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten


    1) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemeingültigen Satz,
    daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung getrennt, auf dem
    Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß
    ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung
    auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß
    ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat,
    ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

  • S.
    374 VI. Die Traumarbeit

         Momente — und eines vierten noch zu erwähnenden — erschöpft
    ist, daß sie sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traum-
    gedanken unter Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Be-
    dingungen, und daß die Frage, ob die Seele im Traume mit all
    ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit einem Teile
    derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen Verhältnissen
    abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt ge-
    urteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung
    über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche
    gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die
    Einwendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an
    ausgewählten Beispielen erledigen.

         Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor-
    findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit
    aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum-
    gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde in
    den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen
    Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man
    nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den
    Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervor-
    ruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist
    in die Deutung des Traumes einzufügen.

         I) Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt.
    Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu
    unklar ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß
    nicht, ob es der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein
    zweites Traumstück, in dem ein „Misttrügerl“ vorkommt, an
    das folgende Erinnerung sich anschließt. Als junge Hausfrau
    äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten, der
    im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung
    eines neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten
    Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen ge-

  • S.
    Keine Urteilsleistung im Traume 375

    füllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung der Redens-
    art „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn man
    die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den
    Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend ge-
    hörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen,
    von dem es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die
    Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt
    eines der Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen
    gefälltes Urteil über den ganzen Traum vertreten sein.

        II) Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen
    Traum, der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich un-
    mittelbar nach dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor er-
    zählen. Der Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten
    Anspielungen auf ein Verhältnis, das er während der Behandlung
    begonnen, und von dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts
    zu erzählen. [E 36]

        III) Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und
    Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß ich diese
    Gegend schon mehrmals im Traume gesehen habe. Ich kenne mich
    nicht sehr gut aus; er zeigt mir einen Weg, der durch eine
    Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage
    ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer
    kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe schon
    vorher eine undeutliche Person mit meinen zwei kleinen Mädchen,
    die ich dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen
    gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie
    dort gelassen.

        Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die
    ich damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren
    werde, was es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.1


    1) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten Jahr-
    gängen der „Revue philosophique“ angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.
    376 VI. Die Traumarbeit

    Die Analyse lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur,
    daß die Befriedigung zum latenten Trauminhalt und nicht zu
    einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die Befriedigung
    darüber, daß ich in meiner Ehe Kinder bekommen habe.
    P. ist eine Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen
    Weg gegangen bin, die mich dann sozial und materiell weit
    überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die
    beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine voll-
    ständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die
    Todesanzeige einer Frau Dona A . . y (woraus ich Doni
    mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner Frau,
    daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden sei
    wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona
    war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem
    englischen Romane zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß
    des Traumes ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die
    Nacht vor dem Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichte-
    risch begabten Knaben.

    IV) Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen
    aus dem absurden Traum, daß der Vater nach seinem Tode eine
    politische Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich
    durch die Fortdauer der Empfindung, die den letzten Satz des
    Traumes begleitete: „Ich erinnere mich daran, daß er auf dem
    Totenbett Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber,
    daß es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene Fort-
    setzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese
    Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben,
    dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit
    gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit
    meinem Aufenthalte in England, mächtig angezogen. Ich hatte
    das Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen
    zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm
    hoch befriedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu

  • S.
    Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen 377

    merken, wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in
    seinen Gedanken auf die Kinder überträgt; ja man wird gerne
    glauben, daß dies einer der Wege ist, auf denen die im Leben
    notwendig gewordene Unterdrückung derselben vor sich geht.
    Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses Traumes aufgenommen
    zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß ihm damals der
    nämlich — beim Kind und beim Sterbenden leicht verzeih-
    liche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.
    Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den
    Wunsch des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein da-
    zustehen.

        V) Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traum selbst
    verbleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin ver-
    legen, heraussuchen soll, so werde ich’s als große Erleichterung
    empfinden, daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf,
    die bereits in anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum
    von Goethe, der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze
    Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. Ich suche mir die zeit-
    lichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vorkom-
    men, ein wenig aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen
    Regung gegen den Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen
    Mann meiner Bekanntschaft literarisch angegriffen haben soll?
    „Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war.“
    Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer allerdings schwach-
    sinnigen Berechnung; und „Ich weiß nicht sicher, welches
    Jahr wir schreiben“, wäre ein Beispiel von Unsicherheit oder
    Zweifel im Traum.

        Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese
    scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wort-
    laute eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die
    Traumdeutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Ab-
    surdität vermieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die
    zeitlichen Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich

  • S.
    378 VI. Die Traumarbeit

    mich an die Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen
    Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert
    hiemit die Bedeutung eines Urteils, welches sich gegen den Unsinn
    der vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir
    unwahrscheinlich vorkommt“, gehört zusammen mit dem
    späteren „Es kommt mir plausibel vor“. Ungefähr mit den
    gleichen Worten habe ich der Dame, die mir die Kranken-
    geschichte ihres Bruders erzählte, erwidert: „Es kommt mir un-
    wahrscheinlich vor, daß der Ausruf ‚Natur, Natur‘, etwas
    mit Goethe zu tun hatte: es ist mir viel plausibler, daß er
    die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“ Es ist hier
    allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traum, sondern
    in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum-
    gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet
    sich dieses Urteil an wie irgendein anderes Bruchstück der
    Traumgedanken.

       Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise
    in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen-
    hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich, daß
    „ich nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll
    nichts anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker
    durchsetzen, in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt
    wirklich ergeben hatte.

       Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes
    kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Aus-
    führung der Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im
    Traume hergestellten Zusammenhang der Traumbestandteile als
    einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und jedes Traum-
    element für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der
    Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke der Untersuchung
    wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber anderseits auf-
    merksam gemacht, daß sich in den Träumen eine psychische
    Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang herstellt,

  • S.
    Anscheinende Schlußfolgen im Traume 379

    also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer sekun-
    dären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen jener
    Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung
    beteiligten Momente später würdigen werden.
         VI) Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den
    bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traum von der
    Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du
    geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was
    mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz
    in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem
    Anfall im Jahre 1853 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856
    geboren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch
    die Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken
    herrschende Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein
    Zeitraum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser
    Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumge-
    danken anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen
    Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung
    der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater
    im Traume verkehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen,
    und damit an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptions-
    stunde ein vollständiges Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren,
    wann? 1856. — Patre? Darauf sagte man den Vornamen des
    Vaters mit lateinischer Endung, und wir Studenten nahmen an,
    der Hofrat ziehe aus dem Vornamen des Vaters Schlüsse, die
    ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal gestattet hätte.
    Somit wäre das Schlußziehen des Traumes nur die Wieder-
    holung des Schlußziehens, das als ein Stück Material in den
    Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues.
         Wenn im Trauminhalte ein Schluß vorkommt, so kommt er ja
    sicherlich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber ent-
    halten sein als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann
    als logisches Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander

  • S.
    380 VI. Die Traumarbeit

    verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen
    Schluß aus den Traumgedanken dar.1

        Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das
    Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner
    Zeit lateinisch abgefaßten) Index des Universitätsstudenten. Ferner
    an meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische
    Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich.
    Ich arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im
    Kreise meiner Bekannten hielt man mich für verbummelt,
    zweifelte man, daß ich „fertig“ werden würde. Da entschloß
    ich mich schnell, meine Prüfungen zu machen, und wurde
    doch fertig: trotz des Aufschubs. Eine neue Verstärkung der
    Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte.
    „Und wenn ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit
    lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch zum Schluß. Es
    ist schon oft so gegangen.“

        Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze,
    denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut ab-
    sprechen kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd,
    sie könnte ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich
    mache mich im Traume über die Zuschrift des Gemeinde-
    rates lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht auf
    der Welt, zweitens ist mein Vater, auf den es sich be-
    ziehen kann, schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig,
    sondern deckt sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten,
    die ich im Falle einer derartigen Zuschrift in Anwendung bringen
    würde. Wir wissen aus der früheren Analyse (S. 363), daß dieser
    Traum auf dem Boden von tief erbitterten und hohngtränkten
    Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem noch die


    1) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben über
    die Darstellung der logischen Relationen (S. 312). Letztere beschreiben das allgemeine
    Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und sorgfältigsten
    Leistungen derselben.

  • S.
    Analyse einer absurden Rechnung 381

         Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so werden
    wir verstehen, daß die Traumarbeit eine tadellose Widerlegung
    einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traumge-
    danken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die
    Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine
    freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material
    aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist,
    als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen
    ein + und —, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und
    jemand, der diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen,
    nähme die Operationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift
    hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander. Die beiden
    Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen. Es
    ist mir peinlich zu denken, daß manche der Voraussetzungen, die
    ich meiner psychologischen Auflösung der Psychoneurosen zu-
    grunde lege, wenn sie erst bekannt geworden sind, Unglauben
    und Gelächter hervorrufen werden. So muß ich behaupten, daß
    bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahr, mitunter auch
    schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben der
    später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Erinnerung
    vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und unterste Be-
    gründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten,
    denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die
    neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit
    erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch
    nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach
    meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden,
    welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten
    sexuellen Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S. 258.)
    Und doch ist nach meiner gut begründeten Überzeugung beides
    wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen
    der Tod des Vaters in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und
    spätere sonst unerklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch

  • S.
    382 VI. Die Traumarbeit

    Erinnerungen an die ihm so früh entschwundene Person un-
    bewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß meine beiden Behauptungen
    auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit man anfechten wird.
    Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn gerade das
    Material dieser Schlüsse, deren Beanständung ich fürchte, von
    der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier Schlüsse ver-
    wendet wird.

        VII) In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe,
    wird eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema
    deutlich ausgesprochen.

        „Der alte Brücke muß mir irgendeine Aufgabe gestellt haben;
    sonderbar genug bezieht sie sich auf Präparation meines eigenen
    Untergestells, Becken und Beine, das ich vor mir sehe wie im
    Seziersaal, doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch
    ohne Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und macht die
    Arbeit mit mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die
    obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich vermengt. Dicke,
    fleischrote Knollen (bei denen ich noch im Traume an Hämor-
    rhoiden denke) sind zu sehen. Auch mußte etwas sorgfältig aus-
    geklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier
    glich.1 Dann war ich wieder im Besitz meiner Beine und machte
    einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen
    Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor
    hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang passieren ließ,
    der am Ende abgeknickt, schließlich weiter ins Freie führte.2
    Schließlich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine
    Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke
    trug er mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war
    sumpfig; wir gingen am Rand hin; Leute saßen am Boden, ein
    Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich


    1) Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 345.
    2) Die Örtlichkeit im Flur meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der Parteien
    stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

  • S.
    Verwunderung im Traume 383

    auf dem schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter steter
    Verwunderung, daß ich es nach der Präparation so gut kann.
    Endlich kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes
    Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei
    bereit stehende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den Ab-
    grund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu überschreiten
    war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine Beine. Anstatt
    des erwarteten Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer
    auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren,
    und wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht die
    Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten.
    Ich erwache mit Gedankenschreck.
        Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der
    Ausgiebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich
    leicht vorstellen können, welche Anzahl von Blättern die aus-
    führliche Analyse dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück
    für den Zusammenhang entlehne ich dem Traume aber bloß das
    eine Beispiel für die Verwunderung im Traum, die sich in der
    Einschaltung „sonderbar genug“ kundgibt. Ich gehe auf den
    Anlaß des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N.,
    die auch im Traum der Arbeit assistiert. „Leih mir etwas zum
    Lesen.“ Ich biete ihr „She“ von Rider Haggard an, „Ein
    sonderbares Buch, aber voll von verstecktem Sinn“, will ich
    ihr auseinandersetzen; „das ewig Weibliche, die Unsterblichkeit
    unserer Affekte. — —“ Da unterbricht sie mich: „Das kenne ich
    schon. Hast du nichts Eigenes?“ — „Nein, meine eigenen un-
    sterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ — „Also wann
    erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die
    wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden?“ fragt sie
    etwas anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch
    ihren Mund mahnen läßt und verstumme. Ich denke an die
    Überwindung, die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den
    Traum, in der ich soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben

  • S.
    384 VI. Die Traumarbeit

    muß, in die Öffentlichkeit zu schicken. „Das Beste, was du
    wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.“ Die
    Präparation am eigenen Leib, die mir im Traume aufgetragen
    wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume verbundene
    Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht hiezu; schon
    in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es sich, daß ich
    einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich zur
    Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich
    an die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief,
    um bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das
    Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der „She“
    von Rider Haggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und
    auf ein zweites desselben Autors, „Heart of the world“, geht
    das Urteil „sonderbar genug“, und zahlreiche Elemente des
    Traumes sind den beiden phantastischen Romanen entnommen. Der
    sumpfige Boden, über den man getragen wird, der Abgrund, der
    mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist, stammen
    aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus
    „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau die
    Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen,
    in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum
    je Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich
    bei dem Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen.
    Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und die
    zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch
    tragen? In der „She“ endet das Abenteuer damit, daß die
    Führerin, anstatt sich und den anderen die Unsterblichkeit zu
    holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet. Eine
    solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
    geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das
    Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Ge-
    danken durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr
    Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem

  • S.
    „Gedankenschreck“ 385

        Grabe, aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto,
    eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden,
    auf denen die Skelette von zwei Erwachsenen gelagert waren.
    Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus, nur
    ist Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: „Wenn
    du schon im Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab,“
    und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die traurigste Er-
    wartung in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir
    hören werden, nur die den Affekt begleitende Vorstellung in ihr
    Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt selbst. So
    wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf, nachdem sich noch
    die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder
    erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuer-
    liche Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität
    einer Person durch eine Generationsreihe von zweitausend Jahren
    festgehalten wird.

        VIII) In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet
    sich gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im
    Traume Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit
    hergeholten und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich
    bloß seinetwegen den ganzen Traum der Analyse unterwerfen
    müßte, auch wenn der Traum nicht noch zwei andere Anziehungs-
    punkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der Nacht vom
    18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im Schlaf:
    „Hollthurn, zehn Minuten“ ausrufen. Ich denke sofort an Holo-
    thurien — ein naturhistorisches Museum — daß hier ein Ort
    ist, wo sich tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
    Landesherrn gewehrt haben. — Ja, die Gegenreformation in
    Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark oder Tirol wäre.

        Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum, in dem die Reste
    oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich möchte
    aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem
    Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe so ein-

        Freud, II.

    25

  • S.
    386 VI. Die Traumarbeit

    ladend hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit
    haben, und jetzt stehen wir noch immer. — Ich bin plötzlich in
    einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind,
    daß man mit dem Rücken direkt an die Lehne stößt.1 Ich wun-
    dere mich darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zu-
    stande umgestiegen sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches
    Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell
    an der Wand. Ich sehe „Wealth of nations“, „Matter and Motion“
    (von Maxwell), dick und in braune Leinwand gebunden. Der
    Mann fragt die Schwester nach einem Buch von Schiller, ob sie
    das vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen, bald
    die der beiden. Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend
    ins Gespräch mengen — — — —. Ich wache, am ganzen Körper
    schwitzend auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält
    in Marburg.

        Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
    die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwisterpaare
    auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere mich aber:
    It is by . . . Der Mann bemerkt zur Schwester: Er hat es ja
    richtig gesagt.

        Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich
    wohl unvollständig geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen,
    der Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg
    beim ersten oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört
    habe, beweist die Erwähnung Schillers im Traum, der ja in
    steirischen, geboren ist. [E 37] Nun
    reiste ich diesmal, obwohl erster Klasse, unter sehr unangenehmen
    Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem Coupé hatte ich
    einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm
    schienen und nicht die Lebensart besassen oder es nicht der


    1) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge dem
    Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

  • S.
    Ein Erklärungsversuch im Traum 387

        Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den Eindringling
    irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde nicht er-
    widert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen die
    Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber
    am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirm zu belegen;
    die Türe wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das
    Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den
    Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im
    allseitig geschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen
    Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes
    Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt
    haben. Als der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes
    Billet vorzeigte, tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar
    und wie drohend: Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine
    stattliche Erscheinung mit mißvergnügten Zügen, im Alter nicht
    weit von der Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit; der Mann
    kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich ver-
    suchte zu schlafen. Im Traum nehme ich fürchterliche Rache an
    meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht
    ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den
    abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem
    dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch
    geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die
    Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Veränderung
    genommen wird, daß es nicht im geringsten auffällig gewesen
    wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch eine
    angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber tritt
    ein Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanständete
    und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötz-
    lich in ein anderes Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern,
    umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte
    im schlafenden Zustande den Wagen verlassen haben,
    ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des

    25*

  • S.
    388 VI. Die Traumarbeit

        Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Personen, die
    Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne
    durch irgendein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten,
    bis sie an irgendeiner Station der Reise voll zu sich kommen
    und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen
    solchen Fall von „Automatismen ambulatoire“ erkläre ich also noch
    im Traume den meinigen.

        Die Analyse gestattet, eine andere Auflösung zu geben. Der
    Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der
    Traumarbeit zuschreiben mußte, ist nicht originell, sondern aus
    der Neurose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits
    an anderer Stelle von einem hochgebildeten und im Leben weich-
    herzigen Manne, der kurz nach dem Tode seiner Eltern begann,
    sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und nun unter den
    Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen dieselben
    treffen mußte. Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen
    bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren der
    Straße durch den Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden
    Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden seien; entzog
    sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blick, so blieb ihm die
    peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte
    ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie
    dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“. Wegen der Un-
    möglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen
    auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier
    Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung be-
    ständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen
    waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels
    nahe legen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß
    er ja seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte
    ihn eine Weile gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die
    Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein Haus im be-
    wußtosen Zustand verlassen und so den Mord begangen haben

  • S.
    Ein Erklärungsversuch im Traum 389

    könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß er die
    Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und
    verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in
    seine Hände gelangen zu lassen.

        Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt-
    losen Zustande umgestiegen bin, — er ist aus dem Material der
    Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und
    soll im Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes
    Patienten zu identifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir
    durch naheliegende Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte
    ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er war
    geheilt, begleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die
    mich beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle Fenster
    die Nacht hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach
    blieb, vortrefflich unterhalten. Ich wußte, daß feindselige Impulse
    gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammen-
    hange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen waren. Indem ich
    mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir etwas Analoges
    eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich auch wirklich
    in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden ältlichen
    Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen,
    weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächt-
    lichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie
    aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind,
    wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlaf-
    zimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des
    Vaters daraus vertrieben wird.

        Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
    würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten
    entnommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wieder-
    holung eines Vorbildes aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine
    übel angebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte
    Wiederholung, gelegentlich aber, wie in unseren letzten Bei-

  • S.
    390 VI. Die Traumarbeit

    spielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst den
    Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen
    kann. Von hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen
    Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traum-
    bildung mitzuwirken scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist,
    die nach ihrer Herkunft disparaten Traumelemente widerspruchs-
    frei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden es aber vorher
    noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu beschäftigen,
    die im Traum auftreten, und dieselben mit den Affekten zu ver-
    gleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.

    G

    Die Affekte im Traume

        Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns auf-
    merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht
    die geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir
    erwacht den Trauminhalt abzuschütteln pflegen: „Wenn ich mich
    im Traume vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar
    imaginär, aber die Furcht ist real“, und ebenso geht es, wenn
    ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung
    ist der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen
    den im Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer
    als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem
    Affektinhalt den Anspruch, unter die wirklichen Erlebnisse unserer
    Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen diese Einreihung
    nun im Wachen nicht zustande, weil wir einen Affekt nicht
    anders psychisch zu würdigen verstehen, als in der Verknüpfung
    mit einem Vorstellungsinhalte. Passen Affekt und Vorstellung der
    Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser
    waches Urteil irre.

        An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor-
    stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir

  • S.
    Die Affekte im Traum 391

    als notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell
    äußerte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen
    Werten entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen-
    teiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung bei einem
    Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu
    bieten scheint. Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahr-
    vollen, ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht
    oder Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über
    harmlose, und freue mich über kindische Dinge.

        Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und
    so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn
    wir vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir
    werden mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es
    besteht nicht mehr. Die Analyse lehrt uns, daß die Vor-
    stellungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen er-
    fahren haben, während die Affekte unverrückt geblieben
    sind. Kein Wunder, daß der durch die Traumstellung
    veränderte Vorstellungsinhalt zum erhaltengebliebenen Affekt
    dann nicht mehr paßt; aber auch keine Verwunderung mehr,
    wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine frühere Stelle
    eingesetzt hat. [E 38]

        An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
    Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente
    Anteil, der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung
    geben kann. Deutlicher noch als beim Traum enthüllt sich dies
    Verhältnis bei den Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer
    Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine Intensität ist ja
    durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern.
    Wenn der Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer Kleinig-
    keit so sehr fürchten muß, oder der Mann mit Zwangsvor-
    stellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vor-
    wurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den Vorstellungs-
    inhalt — die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit — für das Wesent-

  • S.
    392 VI. Die Traumarbeit

    liche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen
    Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkt ihrer Denkarbeit machen.
    Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem
    sie im Gegenteile den Affekt als berechtigt anerkennt, und die
    zu ihm gehörige, durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung
    aufsucht. Voraussetzung ist dabei, daß Affektentbindung und Vor-
    stellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare organische Einheit
    bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern
    daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß sie durch
    Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß
    dies in der Tat der Fall ist.

       Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
    bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalte auf-
    klärt, der Affektentbindung erzwingen sollte.

    I

       Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer lacht,
    fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann muß sie doch vor ihnen
    geflüchtet sein, denn sie will auf einen Baum klettern, findet aber
    ihre Cousine, die französische Lehrerin ist, schon oben usw.

       Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
    Anlaß zum Traum ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe ge-
    worden: Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater
    trug einen solchen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht um-
    rahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions =
    Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von Loewe zu-
    geschickt. Das sind also die drei Löwen; warum sollte sie sich
    vor ihnen fürchten? — Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher
    ein Neger, der die anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Blut-
    hunden gejagt wird und zu seiner Rettung auf einen Baum
    klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung Erinnerungs-
    brocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt, aus den
    „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und siebe sie

  • S.
    Das Ausbleiben erwarteter Affekte 393

    durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige,
    aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der
    gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines
    Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe
    sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann
    war schon oben. Das ganze Material wird verständlich, wenn
    man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vor-
    gesetzten ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit
    ihr, küßte ihr die Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor
    ihm, obwohl er ein sehr „grosses Tier“ ist und in der Haupt-
    stadt ihres Landes die Rolle eines „Löwen der Gesellschaft“
    spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommer-
    nachtstraum, der sich als Schnock, der Schreiner, demaskiert, und
    so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht fürchtet.

    II

       Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran,
       das den kleinen Sohn der Schwester als Leiche im Sarg liegen
       sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und
       keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht.
       Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann
       wiederzusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt
       sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer
       gar kein Anlaß.

       In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens
       noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalte, welcher den
       zu ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung
       des Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner
       zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im
       Traume untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traum-
       elemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s bei den
       Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den
       Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der

  • S.
    394 VI. Die Traumarbeit

        Traum einen solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein
    ganz anderes Material verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese
    Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit.

        Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum-
    beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

    III

        Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt am Meer,
    sondern an einem schmalen Kanal, der ins Meer führt. Ein Herr P.
    ist der Gouverneur. Ich stehe mit ihm in einem großen drei-
    fenstrigen Salon, vor dem sich Mauervorsprünge wie Festungs-
    zinnen erheben. Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der
    Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von feindlichen
    Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustande befinden. Herr P.
    hat die Absicht wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in
    dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine kranke Frau be-
    findet sich mit den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das
    Bombardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden. Er
    atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn zurück und
    frage, auf welche Weise ich ihm nötigenfalls Nachricht zukommen
    lassen soll. Darauf sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf
    tot um. Ich habe ihn wohl mit den Fragen überflüssigerweise
    angestrengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Eindruck
    macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich
    dem Oberkommando den Tod anzeigen und als der nächste im
    Befehl die Leitung des Schlosses übernehmen soll. Ich stehe nun
    am Fenster und mustere die vorbeifahrenden Schiffe; es sind
    Kauffahrer, die auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige
    mit mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die ganz
    ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor-
    traum). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen
    beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiff erschrecken
    wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff. Es zeigt sich aber,

  • S.
    Ablösung und Umstellung der Affekte 395

    daß nur dieselben Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne. Nun
    kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten
    in seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentümliche becher-
    oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das
    ist das Frühstücksschiff.

         Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des
    Wassers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen
    einen hochgespannten, düsteren Eindruck.

         Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
    an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig,
    Aquileja). Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja
    mit meinem Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir
    noch in frischer Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen
    Amerika und Spanien und an ihn geknüpfte Besorgnisse um das
    Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten spielen mit
    hinein. An zwei Stellen dieses Traumes treten Affektwirkungen
    hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender Affekt aus,
    es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des
    Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer anderen Stelle,
    wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke ich und
    verspüre im Schlaf alle Sensationen des Schreckens. Die Unter-
    bringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traum so erfolgt,
    daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja kein
    Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte,
    und es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses
    bei dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber
    die Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein
    eigenes Ich ist (im Traum bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der
    Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von
    der Zukunft der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein
    anderer peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken.
    Der Schreck, der im Traume an den Anblick des Kriegsschiffes
    gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt werden.

  • S.
    396 VI. Die Traumarbeit

         Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken, 
    aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Re-
    miniszencen erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir 
    standen an einem zauberhaft schönen Tag an den Fenstern 
    unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schauten auf die 
    blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden war als 
    sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich emp-
    fangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie 
    ein Kind: „Da kommt das englische Kriegsschiff!“ Im 
    Traume erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen 
    wieder, daß Rede im Traum von Rede im Leben abstammt. Daß 
    auch das Element „englisch“ in dieser Rede für die Traumarbeit 
    nicht verloren gegangen ist, werde ich alsbald zeigen. Ich ver-
    kehre also hier zwischen Traumgedanken und Trauminhalt 
    Fröhlichkeit in Schreck und brauche nur anzudeuten, daß ich mit 
    dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhaltes 
    zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traum-
    arbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den 
    Traumgedanken zu lösen und beliebig anderswo im Trauminhalte 
    einzufügen.

         Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
    stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell fest-
    gehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse 
    zu unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, 
    so fällt mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein 
    Abschneiden in seiner größten Breite an diesem Ende eine weit-
    gehende Ähnlichkeit mit einem Gegenstand erzielt, der uns in 
    den Museen etruskischer Städte interessant geworden war. Es 
    war dies eine rechteckige Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei 
    Henkeln, auf der Dinge wie Kaffee- oder Teetassen standen, 
    nicht ganz unähnlich einem unserer modernen Service für den 
    Frühstückstisch. Auf Befragen erfuhren wir, das sei die Toilette 
    einer etruskischen Dame mit den Schminke- und Puderdüchsen

  • S.
    Ablösung der Affekte von den Vorstellungen 397

    darauf; und wir sagten uns im Scherz, es wäre nicht übel, so
    ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet
    also — schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf einen
    Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt an
    den „Nachen“ vom Stamme νέκυς, wie mein sprachgelehrter
    Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt
    und dem Meer zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht
    sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren.

        „Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.“
        Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruch, das Frühstücks-
    schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der
    Name „Frühstücksschiff“? Hier kommt nun das „Englische“ zur
    Verwendung, das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben.
    Frühstück = breakfast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört
    wieder zum Schiffbruch, das Fasten schließt sich der schwarzen
    Toilette an.

        An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom
    Traume neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an
    eine der heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung
    in Aquileja mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mit-
    genommen, eine Flasche des vorzüglichen Istrianer Weines in
    Aquileja eingekauft, und während der kleine Postdampfer durch
    den Kanal delle Mee langsam in die öde Lagunenstrecke nach
    Grado fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagiere, in heiterster
    Laune auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie selten
    eines zuvor. Das war also das „Frühstücksschiff“, und gerade
    hinter dieser Reminiszenz frohesten Lebensgenusses verbirgt der
    Traum die betrübendsten Gedanken an eine unbekannte und un-
    heimliche Zukunft.

        Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
    Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen
    bei der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch
    die wesentlichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den

  • S.
    398 VI. Die Traumarbeit

        Traumgedanken zum manifesten Traum erleiden. Vergleicht man
    die Affekte in den Traumgedanken mit denen im Traume, so
    wird eines sofort klar: Wo sich im Traume ein Affekt findet,
    da findet er sich auch in den Traumgedanken, aber nicht um-
    gekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das
    psychische Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen
    ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe
    ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelenregungen
    nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die ihnen
    scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück, so
    finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls-
    ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern
    auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des
    Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit
    wird eine Unterdrückung der Affekte zustande gebracht. Man
    nehme z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm
    entspricht im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für
    meine Freiheit, so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so
    einzurichten, wie es mir einzig und allein richtig scheint. Der
    daraus hervorgegangene Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine
    Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist mit farbigen
    Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplare bei-
    gelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt
    nichts mehr vom Toben der Schlacht.

        Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können
    lebhafte Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei
    der unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume in-
    different erscheinen, während man sich in die Traumgedanken
    nie ohne tiefe Ergriffenheit versetzen kann.

        Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung
    während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
    sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
    Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei

  • S.

        147

        heimlich
            durch Verdrängung in unheimlich ver-
                wandelt X, 395
            sowohl der Vertraute, Heimatliche als auch
                der Versteckte X, 375ff
        Heine, Heinrich VI, 169; IX, 9f, 14—19, 24,
            36, 38—41, 47ff, 73ff, 83ff, 91, 93f, 96,
            126, 157ff, 162, 241f; X, 339, 388; XI,
            460
        Heine, Theodor Thomas VIII, 249
        Heinrich VIII. von England (revolutionärer
            Traum) VI, 213
        Heirat unter dem sozialen Niveau V, 205f
        Heiratsbeschränkungen, zielbewußte Absicht
            in ihrer Entstehung X, 148
        Heiratsklassen, Totemverbote u. Beschrän-
            kung der sexuellen Freiheit X, 14
        Heiserkeit VIII, 85; hysterische VIII, 20
        heiterer Alkoholrausch V, 548
        Heiterkeit V, 548; s. auch „Normalvorbilder
            der Manie“
        Hekate X, 253
        Held, -en
            Abspaltung in der Tragödie X, 187
            Aussetzung des mythischen VIII, 190
            u. Chor in der Tragödie X, 187
            Geburt des III, 46, 120
            des psychologischen Romans X, 236
            des Tagtraumes VII, 96; u. Ich X, 236
            tragischer, Auflehnung gegen die Autori-
                tät X, 187
            der urzeitlichen Tragödie, Urvater als X,
                188
            u. Verbrecher VIII, 150
            der volkstümlichen Erzählung unter dem
                Schutze einer besonderen Vorsehung
                X, 235f
        Heldengefühl der Unverletzlichkeit X, 236
        Heldentaten VII, 95
        Heldentum in der Einstellung des Ubw zum
            Tode begründet X, 341f
        Helena
            schöne (Melodieeinfall) VII, 106
            Traum von der Seereise nach St. H.
                (Hildebrandt) II, 11f
        Hellenen, Inversion bei V, 17f; VIII, 50
        Heller, Th. V, 48
        Helmholtz V, 27
        Helmholtz-Young I, 249
        Hemianästhesie I, 10
        Hemianopsie I, 281, 283
        Hemikranie I, 50
        Hemiplegie I, 277f
        Hemisphären, Darstellung im Traum III, 75
        Hemmung, -en VIII, 312; IX, 166—169, 176;
            XI, 23—27; s. auch „Widerstand“
            der Abfuhrneigung im System Vbw V, 503
            der Affektentwicklung durch Verdrängung
                V, 493f
            Alkohol hebt H. auf VIII, 415; IX, 142
            u. Angst XI, 21, 24; im Traum II, 333
            der Angstentwicklung, Besetzungsflucht als
                V, 498
            u. Arbeitsstörung XI, 25
            assoziative VII, 71
            u. Erotisierung XI, 26
            Eßlust u. Eßunlust XI, 25
            u. Fetischismus XI, 24
            als Funktionseinschränkung des Ichs
                XI, 26
            des Ichs, Trauer als H. V, 536
            u. Ichverarmung XI, 27
            innere, der Potenz V, 198f
            intellektuelle VIII, 512
            u. Libidoabwendung XI, 25

  • S.
    400 VI. Die Traumarbeit

    IV

        Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im Freien, eine
    sehr lange Bank, an deren Ende ein großes Abortloch. Die ganze
    hintere Kante dicht besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen
    und Stufen der Frische. Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uri-
    niere auf die Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein, die
    Kotpatzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob
    am Ende noch etwas übrig bliebe.

        Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?

        Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
    Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mit-
    gewirkt hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall
    ein, den Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe
    und das Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder
    weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt
    und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die
    Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung
    eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk
    gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich
    ehren. Ja selbst das Museum menschlicher Exkremente ist einer
    herzerfreuenden Deutung fähig. So sehr ich mich dort davor ekle,
    im Traume ist es eine Reminiszenz an das schöne Land Italien,
    in dessen kleinen Städten bekanntlich die W. C. nicht anders
    ausgestattet sind. Der Harnstrahl, der alles rein abspült, ist eine
    unverkennbare Größenanspielung. So löscht Gulliver bei den
    Liliputanern den großen Brand; er zieht sich dadurch allerdings
    das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber auch Gargantua,
    der Übermensch bei Meister Rabelais, nimmt so seine Rache an
    den Parisern, indem er auf Notre-Dame reitend seinen Harnstrahl
    auf die Stadt richtet. In den Garnierschen Illustrationen zum
    Rabelais habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen ge-
    blättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Über-
    mensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein Lieblings-

  • S.
    Ein affektloser Ekeltraum 401

    aufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf den
    Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufelsfratzen
    dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so rasch
    verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt, mit dem
    ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie überschreiben
    werde. [E 39]

        Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
    heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend-
    stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie
    mit den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte,
    mißfiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor.
    Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren
    Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im menschlichen
    Schmutz, nach meinen Kindern und dann nach den Schönheiten
    Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café,
    um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen,
    denn die Eßlust hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer
    ging mit mir; er bat um die Erlaubnis, dabei zu sitzen, während
    ich meinen Kaffee trank und an meinem Kipfel würgte, und
    begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wieviel er bei mir gelernt,
    und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß ich den
    Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neurosenlehre
    gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine Stimmung
    paßte schlecht zu seinem Lobgesang; ich kämpfte mit dem Ekel,
    ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch
    vor dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von
    C. F. Meyer „Die Leiden eines Knaben“.

        Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die No-
    velle von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu
    (vgl. den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tages-
    stimmung von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern
    durch, als sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt bei-
    stellen durfte. Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche

    Freud, II.

    26

  • S.
    402 VI. Die Traumarbeit

        Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung
        rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so
        gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie
        der Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser
        Kompromißbildung resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber
        auch durch gegenseitige Hemmung der Gegensätze ein indifferenter
        Empfindungston.

        Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum
        nicht ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar
        unterdrückte, aber mit Lust betonte Gedankenzug des Größen-
        wahnes zu dem des Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches
        soll im Traume nicht dargestellt werden; das Peinliche aus unseren
        Tagesgedanken kann nur dann den Eintritt in den Traum er-
        ringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer Wunsch-
        erfüllung leiht.

        Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken
        noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Null-
        punkt herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil
        verkehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt,
        daß jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein
        Gegenteil darstellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß
        nie im vorhinein, ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst
        der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses
        Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt;
        die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr
        häufig nach dem Prinzip des Kontrastes. Solche Verwandlung ins
        Gegenteil wird durch die innige assoziative Verkettung ermöglicht,
        die in unserem Denken die Vorstellung eines Dinges an die ihres
        Gegensatzes fesselt. Wie jede andere Verschiebung dient sie den
        Zwecken der Zensur, ist aber auch häufig das Werk der Wunsch-
        erfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja in nichts anderem
        als in der Ersetzung eines unliebsamen Dinges durch sein Gegen-
        teil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die Affekte

  • S.
    Affektunterdrückung und Affektverkehrung 403

    der Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen,
    und es ist wahrscheinlich, daß diese Affektverkehrung zumeist von
    der Traumzensur bewerkstelligt wird. Affektunterdrückung wie
    Affektverkehrung dienen ja auch im sozialen Leben, das uns
    die geläufige Analogie zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem
    der Verstellung. Wenn ich mündlich mit der Person verkehre,
    vor der ich mir Rücksicht auferlegen muß, während ich ihr
    Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wichtiger, daß ich die
    Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, als daß ich die
    Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu ihr in
    nicht unhöflichen Worten, begleite diese aber mit einem Blick
    oder einer Geberde des Hasses und der Verachtung, so ist die
    Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als
    wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht ge-
    worfen hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte
    unterdrücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin,
    werde ich den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich
    zürnen, und mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

        Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt-
    verkehrung im Traum im Dienste der Traumzensur. Im Traum
    „von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen
    Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen
    Schwachkopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der
    Affekte haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer
    Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß
    die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft;
    sie findet ihn gewöhnlich im Materiale der Traumgedanken bereit-
    liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der
    Abwehrmotive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann.
    Im letzterwähnten Onkeltraum stammt der zärtliche Gegenaffekt
    wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des
    Traumes nahelegt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch
    die besondere Natur meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die

    26*

  • S.
    404 VI. Die Traumarbeit

    Analyse S. 354) bei mir die Quelle aller Freundschaften und alles
    Hasses geworden.

    [E 40]

    Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver-
    kehrsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der
    Traumgedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten
    Synthesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich
    will hier noch einige Beispiele der Affektregung im Traume be-
    handeln, die etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert
    erweisen.

    V

    In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der
    alte Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse
    ich im Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist
    nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation
    bedeutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffent-
    lichung des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so
    peinlich war, daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskriptes
    um mehr als ein Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der
    Wunsch, daß ich mich über diese abhaltende Empfindung hinaus-
    setzen möge, darum verspüre ich im Traume kein Grauen. Das
    „Grauen“ im anderen Sinne möchte ich auch gerne vermissen;
    es graut bei mir schon ordentlich, und dies Grau der Haare
    mahnt mich gleichfalls, nicht länger zurückzuhalten. Wir wissen ja,
    daß am Schlusse des Traumes der Gedanke zur Darstellung durch-
    dringt, ich würde es den Kindern überlassen müssen, in der
    schwierigen Wanderung ans Ziel zu kommen.

    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
    die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
    Befriedigung das eine Mal motiviert durch die Erwartung, ich
    werde jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon ge-
    träumt“, und bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten
    Kinder, das andere Mal durch die Überzeugung, es werde jetzt

  • S.
    Gegenseitige Förderung der Affekte 405

    eintreffen, „was sich durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und
    diese Befriedigung ist die nämliche, die seinerzeit den zweiten
    Sohn begrüßt hat. Es sind hier im Traume die Affekte verblieben,
    die in den Traumgedanken herrschen, aber es geht wohl in keinem
    Traume so ganz einfach zu. Vertieft man sich ein wenig in beide
    Analysen, so erfährt man, daß diese der Zensur nicht unterliegende
    Befriedigung einen Zuzug aus einer Quelle erhält, welche die
    Zensur zu fürchten hat, und deren Affekt sicherlich Widerspruch
    erregen würde, wenn er sich nicht durch den gleichartigen, gerne
    zugelassenen Befriedigungsaffekt aus der erlaubten Quelle decken,
    sich gleichsam hinter ihm einschleichen würde. Ich kann dies
    leider nicht an dem Traumbeispiel selbst erweisen, aber ein Bei-
    spiel aus anderer Sphäre wird meine Meinung verständlich machen.
    Ich setze folgenden Fall: Es gäbe in meiner Nähe eine Person,
    die ich hasse, so daß in mir eine lebhafte Regung zustande
    kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas widerfährt. Dieser
    Regung gibt aber das Moralische in meinem Wesen nicht nach;
    ich wage es nicht, den Unglückwunsch zu äußern, und nachdem
    ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unterdrücke ich meine
    Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen und Ge-
    danken des Bedauerns. Jedermann wird sich schon in solcher Lage
    befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte Person
    sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Unannehmlich-
    keit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung darüber freien
    Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe getroffen worden
    ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen,
    die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen,
    daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen;
    sie hat einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der
    bis dahin von der inneren Zensur verhindert war, Affekt zu
    liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr ge-
    hindert wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu,
    wo antipathische Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen

  • S.
    406 VI. Die Traumarbeit

        Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht
        dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Ver-
        schulden vermehrt um das bisher effektlose Übelwollen, das sich
        gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine
        Ungerechtigkeit; sie werden aber an der Wahrnehmung derselben
        gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Aufhebung
        einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem Inneren be-
        reitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar
        berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkt
        beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des
        zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen
        sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich einzulassen
        beabsichtigte.

        Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
        Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
        quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
        soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der
        Überschuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unter-
        drückten Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine
        assoziative Verbindung herstellen können, und für deren Affekt-
        entbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle die
        erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht,
        daß wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden
        seelischen Instanz nicht ausschließlich die Beziehungen gegen-
        seitiger Hemmung ins Auge fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung
        verdienen die Fälle, in denen die beiden Instanzen durch Zu-
        sammenwirken, durch gegenseitige Verstärkung, einen pathologi-
        schen Effekt zustande bringen. Diese andeutenden Bemerkungen
        über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis der
        Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die
        sich im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald an ihrer
        Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen
        Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel

  • S.
    Zusammensetzung der Affekte 407

    wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken auf-
    zusuchen haben, auf welcher der Druck der Zensur lastet, und die
    unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen
    Affekt ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten
    Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt
    der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Be-
    friedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die
    Affekte im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen
    und als überdeterminiert in bezug auf das Material der Traum-
    gedanken; Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern
    können, treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben
    zusammen. [E 41]

       Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
    man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“
    den Mittelpunkt bildet (vgl. S. 351). In diesem Traum sind die
    Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des
    manifesten Inhaltes zusammengedrängt. Feindselige und peinliche
    Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten
    ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen
    Freund mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes
    bin ich ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine
    im Wachen als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich
    Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.

       Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit-
    geteilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis
    des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin
    (den ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß
    er sich einer Operation unterziehen werde, und daß in Wien
    lebende Verwandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden
    geben würden. Diese ersten Nachrichten nach der Operation
    lauteten nicht erfreulich und machten mir Sorge. Ich wäre am
    liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war gerade zu jener Zeit
    mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das mir jede Be-

  • S.
    408 VI. Die Traumarbeit

    wegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken erfahre ich
    nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete. Seine
    einzige Schwester, die ich nie gekannt, war, wie ich wußte, in
    jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traum:
    Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in drei Viertel Stunden
    war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine eigene
    Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich auf weit
    schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und zu spät
    komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.1 Dieser
    Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkt des
    Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in
    der der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit
    einem fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf
    macht. Was diese Ablenkung der Szene zustande gebracht, wird
    sich bald ergeben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reprodu-
    zieren, wie ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die
    blauen Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Um-
    kehrung, die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die
    Sorge um das Leben des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht
    zu ihm hinreise, meine Beschämung (er ist unauffällig [zu mir]
    nach Wien gekommen), mein Bedürfnis, mich durch meine
    Krankheit für entschuldigt zu halten, das alles setzt den Gefühls-
    sturm zusammen, der im Schlaf deutlich verspürt, in jener Region
    der Traumgedanken tobt.

    An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was
    auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den
    ungünstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation
    erhielt ich auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit
    niemandem zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein über-


    1 Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
    non vivit anstatt non vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht mehr.“
    Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf non vivit zielt, ist S. 353 ange-
    geben worden.

  • S.
    Die Affekte im Traum „Non vixit“ 409

        flüssiges Mißtrauen in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung
    hatte. Ich wußte zwar, daß dieser Auftrag nicht von meinem
    Freunde ausging, sondern einer Ungeschicklichkeit oder Überängst-
    lichkeit des vermittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von
    dem versteckten Vorwurf sehr peinlich berührt, weil er — nicht
    ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe als solche, an denen
    „etwas daran ist“, haften bekanntlich nicht, haben keine auf-
    regende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freundes, aber
    früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen zwei
    Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen
    wollten, überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über
    den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu
    hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden
    Freunde, zwischen denen ich damals den Unfriedensstifter machte,
    war Professor Fleischl; der andere kann durch den Vornamen
    Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund und
    Gegner P. führte, ersetzt werden.

        Von dem Vorwurf, daß ich nichts für mich zu behalten ver-
    möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die
    Frage Fl.s, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mit-
    geteilt habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber,
    welche den Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in
    die Zeit, da ich im Brückeschen Laboratorium lebte, verlegt, und
    indem ich die zweite Person in der Vernichtungszene des Traumes
    durch einen Josef ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den
    einen Vorwurf darstellen, daß ich zu spät komme, sondern auch
    den von der Verdrängung stärker betroffenen, daß ich kein Ge-
    heimnis bewahre. Die Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des
    Traumes, sowie deren Motive werden hier augenfällig.

        Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung,
    nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
    fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strom feindseliger
    Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,

  • S.
    410 VI. Die Traumarbeit

    welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe
    schon erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine
    Feindschaften mit Gleichaltrigen auf meinen Kinderverkehr mit
    einem um ein Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der
    Überlegene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir
    unzertrennlich miteinander lebten und einander liebten, dazwischen,
    wie Mitteilungen älterer Personen bezeugen, uns rauften und — ver-
    klagten. Alle meine Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen
    dieser ersten Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick ge-
    zeigt“, Revenants. Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren
    wieder, und damals führten wir Cäsar und Brutus miteinander
    auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter Feind waren mir
    immer notwendige Erfordernisse meines Gefühlslebens; ich wußte
    beide mir immer von neuem zu verschaffen, und nicht selten
    stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß Freund und Feind
    in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht mehr gleich-
    zeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung, wie es in den
    ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag.

        Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
    rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen
    kann, um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das
    möchte ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des
    unbewußten Denkens an und fände seine Stelle in einer psycho-
    logischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere
    Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung
    einstellt, oder eine solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden
    Inhalts: Die beiden Kinder geraten in Streit miteinander um ein
    Objekt, — welches, lassen wir dahingestellt, obwohl die Er-
    innerung oder Erinnerungstäuschung ein ganz bestimmtes im
    Auge hat; — ein jeder behauptet, er sei früher gekommen,
    habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei, Macht
    geht vor Recht; nach den Andeutungen des Traumes könnte ich
    gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irrtum selbst

  • S.
    Die Affekte im Traum „Non vixit“ 411

    bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, be-
    Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respek-
    vater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch
    die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn ge-
    lagt, weil er mich gelagt hat, so ist diese Erinnerung oder
    wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des
    Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie —
    aufdrängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den
    Traumgedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnen-
    schale die zugeleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen
    die Traumgedanken in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz
    recht, daß du mir den Platz hast räumen müssen; warum hast du
    mich vom Platze verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich
    werde mir schon einen anderen verschaffen, mit dem ich
    spiele usw. Dann eröffnen sich die Wege, auf denen diese Ge-
    danken wieder in die Traumdarstellung einmünden. Ein solches
    „Ote-toi que je m’y mette“ mußte ich seinerzeit meinem ver-
    storbenen Freunde Josef zum Vorwurf machen. Er war in meine
    Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium getreten,
    aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden
    Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig.
    Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den
    kein intimes Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner
    Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann
    ein schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu
    wissen, außer dem Sinn: durch eine Beförderung auch eine an-
    stößige Nebendeutung zulassen. Natürlich war bei mir einige
    Jahre vorher der nämliche Wunsch, eine freigewordene Stelle
    einzunehmen, noch viel lebhafter gewesen; wo immer es in der
    Welt Rangordnung und Beförderung gibt, ist ja der Weg für
    der Unterdrückung bedürftige Wünsche eröffnet. Shakespeares
    Prinz Hal kann sich nicht einmal am Bett des kranken Vaters
    der Versuchung entziehen, einmal zu probieren, wie ihm die Krone

  • S.
    412 VI. Die Traumarbeit

        steht. Aber der Traum straft, wie begreiflich, diesen rücksichts-
    losen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm.1

        „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil
    er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume,
    darum ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege
    ich unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung
    des dem anderen gesetzten Denkmales beigewohnt habe. Ein
    Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung deutet sich also:
    Gerechte Strafe; es ist dir recht geschehen.

        Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
    Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so
    gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
    mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des
    wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung
    stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an:
    Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon
    zum Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle über-
    lebt, ich behaupte den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment,
    da ich fürchte, meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden
    anzutreffen, wenn ich zu ihm reise, läßt nur die weitere Ent-
    wicklung zu, daß ich mich freue, wieder jemanden zu überleben,
    daß nicht ich gestorben bin, sondern er, daß ich den Platz be-
    haupte wie damals in der phantasierten Kinderszene. Diese aus
    dem Infantilien kommende Befriedigung darüber, daß ich den
    Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum auf-
    genommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe,
    ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen
    Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach
    Paris.“ Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß
    nicht ich der eine bin.

    1) Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in meinen
    Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen, kann
    sich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch der aus
    der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.
    Die Affekte im Traum „Non vixit“ 413

    Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwin-
    dung dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man
    muß sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den
    Edlen, mit denen man das Leben teilt. Ich finde es also ganz
    begreiflich, daß die Revenants nur so lange bestehen, als man
    sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden können.
    Das ist also das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist.
    Die Revenants sind aber die aufeinanderfolgenden Inkarnationen
    meines Kindheitsfreundes; ich bin also auch befriedigt darüber,
    daß ich mir diese Person immer wieder ersetzt habe, und auch
    für den, den ich jetzt zu verlieren im Begriffe bin, wird sich der
    Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich.

        Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht
    den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der
    rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Be-
    friedigung nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere ein-
    wurfsfreie Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls
    in Befriedigung ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der
    verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht
    von Gedanken habe ich mir bei jener feierlichen Denkmal-
    enthüllung gesagt: Ich habe so viele teure Freunde verloren, die
    einen durch Tod, die anderen durch Auflösung der Freund-
    schaft; es ist doch schön, daß sie sich mir ersetzt haben, daß
    ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, als die
    anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man
    nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer fest-
    halten werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die
    verlorenen Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den
    Traum hinübernehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feind-
    selige Befriedigung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile
    Zärtlichkeit hilft sicherlich die heute berechtigte verstärken; aber
    auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in die Darstellung
    gebahnt.

  • S.
    414 VI. Die Traumarbeit

         Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf
    einen anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung aus-
    laufen darf. Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten
    ein Töchterchen bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh
    verlorene Schwester betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses
    Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester emp-
    funden; dieses kleine Mädchen würde ihm den unersetzlichen
    Verlust endlich vergessen machen.

         So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
    des latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach ent-
    gegengesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand un-
    ersetzlich. Sieh', nur Revenants; alles was man verloren hat,
    kommt wieder. Und nun werden die assoziativen Bande zwischen
    den widerspruchsvollen Bestandteilen der Traumgedanken enger
    angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter
    meines Freundes denselben Namen trägt wie meine eigene kleine
    Jugendgespielin, die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten
    Freundes und Gegners. Ich habe den Namen „Pauline“ mit Be-
    friedigung gehört, und um auf dieses Zusammentreffen anzu-
    spielen, habe ich im Traume einen Josef durch einen anderen
    Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen Anlaut in den
    Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft
    dann ein Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen eigenen
    Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der Mode
    des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure Per-
    sonen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu
    „Revenants“. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns
    alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit?

         Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige
    Bemerkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen.
    In der Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung — was
    wir Stimmung heißen — als dominierendes Element enthalten
    sein und dann den Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann

  • S.
    Die Tagesstimmung 415

    aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages hervorgehen,
    sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von
    ihr entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser
    Vorstellungsinhalt der Traumgedanken das einemal primär die
    Affektneigung bedingt, das anderemal sekundär durch die somatisch
    zu erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird, bleibt für die
    Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht alle Male unter der
    Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was Wunscherfüllung
    ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Triebkraft ent-
    lehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe Be-
    handlung erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende
    Sensation (vgl. S. 235), die entweder vernachlässigt wird oder im Sinne
    einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen während
    des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes, indem sie energi-
    sche Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das Material,
    an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Aus-
    druck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je
    dominierender das Element der peinlichen Stimmung in den Traum-
    gedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunsch-
    regungen die Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benützen,
    da sie durch die aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus
    eigenem erzeugen müßten, den schwereren Teil der Arbeit für
    ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden, und mit
    diesen Erörterungen streifen wir wieder das Problem der Angst-
    träume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung heraus-
    stellen werden.

    H

    Die sekundäre Bearbeitung

       Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei
    der Traumbildung beteiligten Momente gehen.

       Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin
    eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im

  • S.
    416 VI. Die Traumarbeit

        Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so
    stößt man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer
    völlig neuen Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man
    sich im Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein
    Stück des Trauminhaltes selbst. Die meisten dieser Regungen von
    Kritik im Traum sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet,
    sondern erweisen sich als übernommene und passend verwendete
    Teile des Traummaterlales, wie ich an geeigneten Beispielen dar-
    gelegt habe. Einiges der Art fügt sich aber einer solchen Ab-
    leitung nicht; man kann das Korrelat dazu im Traummaterlal
    nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traum nicht gar
    seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine wirkliche
    Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar
    nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch
    häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich
    nach der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Ge-
    danke: „Das ist ja nur ein Traum“ während des Traumes be-
    absichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde
    der schönen Helena von Offenbach besagen soll; er will die
    Bedeutung des eben Erlebten herabdrücken und die Duldung
    des Weiteren ermöglichen. Er dient zur Einschläferung einer
    gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment alle Veran-
    lassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des Traumes —
    oder der Szene — zu verbieten. Es ist aber bequemer, weiter
    zu schlafen und den Traum zu dulden, „weils doch nur ein
    Traum ist“. Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es
    ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt, wenn die
    niemals ganz schlafende Zensur sich durch den bereits zuge-
    lassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist zu spät, ihn zu unter-
    drücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der Angst,
    oder der peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum
    hin erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit d’escalier von seiten
    der psychischen Zensur.

  • S.

    417

    An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis
    dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traum-
    gedanken stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von
    unserem wachen Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum
    Trauminhalt liefern kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur
    ganz ausnahmsweise vor, oder kommt der sonst nur als Zensur
    tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der Traum-
    bildung zu?

    Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden.
    Es ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß
    wir bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Traum-
    inhalte erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen des
    selben verschuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich;
    sie werden zaghaft berichtet, mit einem „als ob“ eingeleitet, haben
    an und für sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind
    stets an Stellen angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier
    Stücke des Trauminhaltes, zur Anbahnung eines Zusammenhanges
    zwischen zwei Traumpartien dienen können. Sie zeigen eine
    geringere Haltbarkeit im Gedächtnis als die echten Abkömmlinge
    des Traummateriates; unterliegt der Traum dem Vergessen, so
    fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Vermutung, daß
    unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das meiste
    davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf dem alsbaldigen
    Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger Ana-
    lyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß
    sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch
    muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als dem selteneren
    bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf
    Material in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder
    durch seine eigene Wertigkeit noch durch Überdeterminierung
    Anspruch auf Aufnahme in den Traum erheben könnte. Die
    psychische Funktion bei der Traumbildung, die wir jetzt betrachten,
    erhebt sich, wie es scheint, nur im äußersten Falle zu Neu-

    Freud, II.

  • S.

    418

    schöpfungen; solange es noch möglich ist, verwertet sie, was sie
    Taugliches im Traummaterial auswählen kann.

    Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist
    seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der
    Dichter boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen
    und Flicken stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die
    Folge ihrer Bemühung ist, daß der Traum den Anschein der
    Absurdität und Zusammenhanglosigkeit verliert und sich dem
    Vorbilde eines verständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Be-
    mühung ist nicht jedesmal vom vollen Erfolge gekrönt. Es
    kommen so Träume zustande, die für die oberflächliche Be-
    trachtung tadellos logisch und korrekt erscheinen mögen; sie
    gehen von einer möglichen Situation aus, führen dieselbe durch
    widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es, wiewohl
    dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. Diese
    Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem
    wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen
    einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen
    Bedeutung des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert
    man sie, so überzeugt man sich, daß hier die sekundäre Be-
    arbeitung des Traumes am freiesten mit dem Material umge-
    sprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten
    hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet
    worden sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung unterziehen.
    In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur ein
    Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen,
    dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um
    sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des
    Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung
    überhaupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen
    von Inhaltsbrocken gegenüber.

    Ich möchte dieser vierten den Traum gestaltenden Macht, die
    uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in

  • S.

    419

    Wirklichkeit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier
    Traumbildnern; – ich möchte diesem vierten Momente also die
    Fähigkeit, schöpferisch neue Beiträge zum Traume zu liefern,
    nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert sich auch
    ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung
    und Auswahl von bereits gebildetem psychischen Material in den
    Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit,
    an den Traum gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren
    Teil dadurch erspart bleibt, daß im Materiale der Traumgedanken
    ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend, bereits fertig
    vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das ich im
    Auge habe, pflege ich als „Phantasie“ zu bezeichnen; ich gehe
    vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als
    das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache.1)
    Die Rolle dieses Elementes in unserem Seelenleben ist von den
    Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt
    worden; M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, wie
    mir scheint, vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten
    Scharfblick der Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht
    entgangen; allgemein bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet
    im „Nabab“ von den Tagträumen einer der Nebenfiguren des
    Romanes entwirft. Das Studium der Psychoneurosen führt zur
    überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien oder Tagträume
    die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome – wenigstens
    einer ganzen Reihe von ihnen – sind; nicht an den Erinnerungen
    selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten
    Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das häufige
    Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese Bildungen
    unserer Kenntnis nahe; wie es aber bewußte solche Phantasien
    gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen
    ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom verdrängten Material un-
     


    1)rêve, petit roman – day-dream, story.

  • S.

    420

    bewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in die
    Charaktere dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem
    Rechte diesen Bildungen derselbe Name zugefallen ist, den unsere
    nächtlichen Denkproduktionen tragen, der Name: Träume. Sie
    haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigenschaften mit den Nacht-
    träumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns eigentlich den
    nächsten und besten Zugang zum Verständnis der Nachtträume
    eröffnen können.

    Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume
    basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Er-
    lebnisse; wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nach-
    lasses der Zensur für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Auf-
    bau nachspürt, so wird man inne, wie das Wunschmotiv, das
    sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus dem sie
    gebaut sind, durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem
    neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen zu den Kindheits-
    erinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben Ver-
    hältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken Ruinen,
    deren Quadern und Säulen das Material für den Bau in moder-
    neren Formen hergegeben haben.

    In der „sekundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten
    traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben
    haben, finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der
    Schöpfung der Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen
    äußern darf. Wir könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes
    Moment sucht aus dem ihm dargebotenen Material etwas wie
    einen Tagtraum zu gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum
    bereits im Zusammenhange der Traumgedanken gebildet ist, da
    wird dieser Faktor der Traumarbeit sich seiner mit Vorliebe be-
    mächtigen und dahin wirken, daß er in den Trauminhalt gelange.
    Es gibt solche Träume, die nur in der Wiederholung einer Tages-
    phantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, bestehen, so
    z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des

  • S.

    421


    Trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem Traume
    „Autodidasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue
    Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen
    Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplikation
    der Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu
    genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein
    Stück des Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum
    Trauminhalt hin durchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie
    behandelt wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials;
    sie ist aber oft im Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen
    Träumen kommen oft Partien vor, die sich durch einen von den
    übrigen verschiedenen Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir
    wie fließend, besser zusammenhängend und dabei flüchtiger als
    andere Stücke desselben Traumes; ich weiß, dies sind unbewußte
    Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum gelangen, aber
    ich habe es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im
    übrigen werden diese Phantasien wie alle anderen Bestandteile
    der Traumgedanken zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch
    die andere überlagert u. dgl.; es gibt aber Übergänge von dem
    Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt oder wenigstens
    die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegengesetzten
    Fall, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte
    Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es
    bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den
    Traumgedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die An-
    sprüche der Zensur und des Verdichtungszwanges zu bieten ver-
    mögen.

    Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin
    ich Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erhebliche
    Rolle spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses
    psychischen Elements weitläufige Erörterungen aus der Psychologie
    des unbewußten Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann
    ich jedoch die „Phantasie“ auch in diesem Zusammenhange nicht,

  • S.

    422

    da sie häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger
    deutlich durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen
    Traum anführen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und
    einander an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammen-
    gesetzt erscheint, von denen die eine die oberflächliche ist, die
    andere gleichsam zur Deutung der ersteren wird. [E 42]

    Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine sorg-
    fältigen Aufzeichnungen besitze – ungefähr so: Der Träumer –
    ein unverheirateter junger Mann – sitzt in seinem, richtig
    gesehenen, Stammwirtshause; da erscheinen mehrere Personen,
    ihn abzuholen, darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu
    seinen Tischgenossen: Ich zahle später, ich komme wieder zurück.
    Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt
    ein jeder. Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer
    dahin. Er wird dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine
    Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arm findet. Einer
    seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr Müller. Ein Kommissär,
    oder sonst eine Amtsperson, blättert in einem Packe von Zetteln
    oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller, Müller.
    Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit ja beantwortet.
    Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß
    sie einen großen Bart bekommen hat.

    Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Ober-
    flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der
    Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material,
    das von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat,
    die Phantasie der Verheiratung sichtbar, und die Züge, die
    beiden gemeinsam sein können, treten wieder wie bei einer
    Galtonschen Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das
    Versprechen des bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stamm-
    tische wieder aufzusuchen, der Unglaube der durch viele Er-
    fahrungen gewitzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht
    (heiratet) wieder einer dahin, das sind auch für die andere

  • S.

    423

    Deutung leicht verständliche Züge. Ebenso das Jawort, das man
    der Amtsperson gibt. Das Blättern in einem Stoß von Papieren,
    wobei man denselben Namen wiederholt, entspricht einem unter-
    geordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den Hochzeitsfeierlich-
    keiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten Glückwunsch-
    telegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. In dem
    persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traum hat sogar die
    Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungs-
    phantasie davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart
    zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung – zu einer
    Analyse kam es nicht – aufklären. Der Träumer war tags vorher
    mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die
    Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette
    Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der
    Freund aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht
    mit den Jahren Bärte bekämen wie ihre Väter.

    Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen,
    bei denen die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet
    hat. So mag die Rede: „Ich werde später zahlen“1) auf das zu
    befürchtende Benehmen des Schwiegervaters in betreff der Mit-
    gift zielen. Offenbar halten den Träumer allerlei Bedenken ab,
    sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie hinzugeben. Eines
    dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit verliert,
    hat sich in der Umwandlung zu einer Verhaftungsszene ver-
    körpert.

    Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die
    Traumarbeit sich gerne einer fertig vorgefundenen Phantasie be-
    dient, anstatt eine solche erst aus dem Material der Traum-
    gedanken zusammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht viel-
    leicht eines der interessantesten Rätsel des Traumes. Ich habe auf
    S. 29 den Traum von Maury erzählt, der, von einem Brettchen
    im Genick getroffen, mit einem langen Traum, einem kompletten
    Roman aus den Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der

  • S.

    424

    Traum für zusammenhängend ausgegeben wird und ganz auf die
    Erklärung des Weckreizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der
    Schläfer nichts ahnen konnte, so scheint nur die eine Annahme
    übrig zu bleiben, daß der ganze reiche Traum in dem kurzen
    Zeitraume zwischen dem Auffallen des Brettes auf Maurys Hals-
    wirbel und seinem durch diesen Schlag erzwungenen Erwachen
    komponiert worden und stattgefunden haben muß. Wir würden
    uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche
    Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der Traumarbeit
    eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes als Vorrecht
    zuzugestehen.

    Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere
    Autoren (Le Lorrain, Egger u. a.) lebhaften Einspruch erhoben.
    Sie zweifeln teils die Exaktheit des Traumberichtes von seiten
    Maurys an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit
    unserer wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt,
    was man der Traumleistung ungeschmälert lassen kann. Die Dis-
    kussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht
    nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die
    Argumentation, z. B. Eggers, gerade gegen den Guillotinentraum
    Maurys mir keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich
    würde folgende Erklärung dieses Traumes vorschlagen: Wäre es
    denn so sehr unwahrscheinlich, daß der Traum Maurys eine
    Phantasie darstellt, die in seinem Gedächtnis seit Jahren fertig
    aufbewahrt war und in dem Momente geweckt – ich möchte
    sagen: angespielt – wurde, da er den Weckreiz erkannte? Es
    entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange Ge-
    schichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeit-
    raum, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu komponieren;
    sie war bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken im
    Wachen getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken ge-
    wesen: Das ist ja gerade so, als ob man guillottiniert würde. Da
    er aber im Schlaf von dem Brette getroffen wird, so benützt die

  • S.
    Erklärungsversuch des Guillotinentraumes 425

        Traumarbeit den anlangenden Reiz rasch zur Herstellung einer
    Wunscherfüllung, als ob sie denken würde (dies ist durchaus
    figürlich zu nehmen): „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Wunsch-
    phantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei
    der Lektüre gebildet habe.“ Daß der geträumte Roman gerade
    ein solcher ist, wie ihn der Jüngling unter mächtig erregenden
    Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir nicht bestreitbar. Wer
    hätte sich nicht gefesselt gefühlt — und zumal als Franzose und
    Kulturhistoriker — durch die Schilderungen aus der Zeit des
    Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der
    Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die
    Frische ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur
    verhängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da
    mitten hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die
    sich mit einem Handkuß von der Dame verabschieden, um uner-
    schrocken das Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das
    Hauptmotiv des Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener
    gewaltigen Individualitäten zu versetzen, die nur durch die Macht
    ihrer Gedanken und ihrer flammenden Beredsamkeit die Stadt
    beherrschen, in der damals das Herz der Menschheit krampfhaft
    schlägt, die Tausende von Menschen aus Überzeugung in den
    Tod schicken und die Umwandlung Europas anbahnen, dabei selbst
    ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines Tages unter das
    Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle der Girondisten
    oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys eine solche
    ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinnerung er-
    haltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren Menschen-
    menge begleitet“.

        Diese ganze, seit langem fertige Phantasie braucht aber während
    des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt,
    wenn sie sozusagen „angetupft“ wird. Ich meine das folgender-
    maßen: Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand
    wie im „Don Juan“ dazu sagt: Das ist aus „Figaros Hochzeit“

  • S.
    426 VI. Die Traumarbeit

    von Mozart, so wogt es in mir mit einem Male von Erinne-
    rungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts einzelnes
    zum Bewußtsein erheben kann. Das Schlagwort dient als Ein-
    bruchsstation, von der aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung
    versetzt wird. Nicht anders brauchte es im unbewußten Denken
    zu sein. Durch den Weckreiz wird die psychische Station erregt,
    die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet. Diese
    wird aber nicht noch im Schlaf durchlaufen, sondern erst in der
    Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert man jetzt in ihren
    Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im Traum gerührt
    wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man
    wirklich etwas Geträumtes erinnert. Man kann dieselbe Erklärung,
    daß es sich um fertige Phantasien handelt, die durch den Weck-
    reiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für andere
    auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für den
    Schlachtentraum Napoleons vor der Explosion der Höllen-
    maschine. [E 43] Ich will nicht behaupten, daß alle Weckträume
    diese Erklärung zulassen, oder daß das Problem des beschleunigten
    Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise überhaupt weg-
    zuräumen ist.

        Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis
    dieser sekundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen
    Faktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich,
    daß die traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der
    Zwang, der Zensur auszuweichen und die Rücksicht auf Dar-
    stellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus
    dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser
    dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer
    zweiten Instanz möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich.
    Man muß eher annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz
    von allem Anfang an eine der Bedingungen abgeben, denen der
    Traum genügen soll, und daß diese Bedingung ebenso wie die der
    Verdichtung, der Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleich-

  • S.
    Der Zwang zur Zusammensetzung 427

    zeitig auf das große Material der Traumgedanken induzierend
    und auswählend einwirken. Unter den vier Bedingungen der
    Traumbildung ist aber die letzterkannte jedenfalls die, deren
    Anforderungen für den Traum am wenigsten zwingend er-
    scheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion, welche die
    sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt,
    mit der Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher
    Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung: Unser waches (vor-
    bewußtes) Denken benimmt sich gegen ein beliebiges Wahr-
    nehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage stehende Funktion
    gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem solchen
    Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter
    die Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen.
    Wir gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschen-
    spieler äffen uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle
    Gewohnheit stützen. In dem Bestreben, die gebotenen Sinnes-
    eindrücke verständlich zusammenzusetzen, begehen wir oft die
    seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit des uns vor-
    liegenden Materials. Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr
    allgemein bekannt, um breiter Anführung zu bedürfen. Wir lesen
    über sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige
    illusionieren. Ein Redakteur eines vielgelesenen französischen
    Journals soll die Wette gewagt haben, er werde in jeden Satz
    eines langen Artikels durch den Druck einschalten lassen, „von
    vorne“ oder „von hinten“, ohne daß einer der Leser es be-
    merken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches Beispiel von
    falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der Zeitungs-
    lektüre aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen Kammer,
    in welcher Dupuy durch das beherzte Wort: La séance continue
    den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten in den
    Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der Galerie
    als Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen.
    Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren

  • S.
    428 VI. Die Traumarbeit

    einer erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er wohl
    eine Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament
    Sitte, jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzu-
    feuern. Der andere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner
    angehört hatte, war in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der
    Abänderung, daß solches Schießen eine Anerkennung sei, die nur
    nach besonders gelungenen Reden erfolge.

        Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser
    normales Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch
    herantritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung
    unterzieht und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbei-
    führt. Für unsere Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren
    Zusammenhang im Traum, als seiner Herkunft nach verdächtig,
    in allen Fällen unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie vom
    Verworrenen den gleichen Weg des Rückganges zum Traum-
    material einzuschlagen.

        Wir merken aber dabei, wovon die oben, S. 329, erwähnte
    Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
    wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an
    denen die sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, ver-
    worren jene anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat.
    Da die verworrenen Traumpartien so häufig auch die minder
    lebhaft ausgeprägten sind, so dürfen wir den Schluß ziehen, daß
    die sekundäre Traumarbeit auch für einen Beitrag zur plastischen
    Intensität der einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen ist.

        Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich
    unter der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo
    ein Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir kein anderes als
    jene rätselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden Blätter“
    so lange ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz,
    des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von möglichst
    skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er
    eine lateinische Inschrift enthalte. Zu diesem Zwecke werden die

  • S.
    Der mißverständliche scheinbare Zusammenhang 429

       Buchstabenelemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu
    Silben gerissen und neu angeordnet. Hie und da kommt ein echt
    lateinisches Wort zustande, an anderen Stellen glauben wir Ab-
    kürzungen solcher Worte vor uns zu haben, und an noch anderen
    Stellen der Inschrift lassen wir uns mit dem Anscheine von ver-
    witterten Partien oder von Lücken der Inschrift über die Sinn-
    losigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen.
    Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns
    über alle Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die Buchstaben
    ins Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene Anord-
    nung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.

    [Zusatzkapitel B]

       Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über
    die Traumarbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor,
    ob die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung
    an die Traumbildung verwende, oder nur einen in seiner Leistung
    gehemmten Bruchteil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns
    dazu, solche Fragestellung überhaupt als den Verhältnissen inadäquat
    zu verwerfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden
    bleiben, auf den uns die Frage drängt, so müssen wir beide, einander
    scheinbar durch Gegensatz ausschließende Auffassungen bejahen. Die
    seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in zwei Leistungen:
    die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung derselben
    zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig korrekt und mit
    allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet; sie
    gehören unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus dem
    durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken hervor-
    gehen. So viel an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge,
    diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung zum Traume
    und verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu
    werden. [E 44] Hingegen ist jenes andere Stück Arbeit, welches die
    unbewußten Gedanken in den Trauminhalt verwandelt, dem Traum-
    leben eigentümlich und für dasselbe charakteristisch. Diese eigent-

  • S.
    430 VI. Die Traumarbeit

    liche Traumarbeit entfernt sich nun von dem Vorbild des wachen
    Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten Verkleinerer
    der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint haben.
    Sie ist nicht etwa nachlässiger, inkorrekter, vergeßlicher, unvoll-
    ständiger als das wache Denken; sie ist etwas davon qualitativ
    völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar.
    Sie denkt, rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt
    sich darauf umzuformen. Sie läßt sich erschöpfend beschreiben,
    wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis
    zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem der
    Zensur entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sich
    die Traumarbeit der Verschiebung der psychischen Inten-
    sitäten bis zur Umwertung aller psychischen Werte; es sollen
    Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in dem Material visueller
    und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und
    aus dieser Anforderung erwächst für die Traumarbeit die Rück-
    sicht auf Darstellbarkeit, der sie durch neue Verschiebungen
    entspricht. Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt
    werden, als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen,
    und diesem Zwecke dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den
    Bestandteilen der Traumgedanken vorgenommen wird. Auf die
    logischen Relationen des Gedankenmateriales entfällt wenig Rück-
    sicht; sie finden schließlich in formalen Eigentümlichkeiten der
    Träume eine versteckte Darstellung. Die Affekte der Traumgedanken
    unterliegen geringeren Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt.
    Sie werden in der Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von
    den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit zusammen-
    gesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmaß
    inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte Wach-
    denken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die Autoren für die
    gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen wollten. [E 45]