S.
[338]
DAS ICH UND DAS ES
(1923)
Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort,
die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ 19201 be-
gonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist,
mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüberstand.
Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit ver-
schiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen
aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber
keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der
Psychoanalyse näher als das „Jenseits“. Sie tragen eher den
Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen
sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, daß sie
beim Gröbsten haltmachen, und bin mit dieser Beschrän-
kung recht einverstanden.Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegen-
stand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und
können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die
von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf1)Seite 178 ff dieses Bandes.
S.
339
ihrem Rückzug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin
sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen
andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem
Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die
Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so
geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte
oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil sie
einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so weit ge-
führt hatte. Und endlich, wenn sie dahin gekommen ist, er-
scheinen ihr auch die Dinge anders als den anderen.I
Bewußtsein und UnbewußtesIn diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen
und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu
vermeiden.Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Un-
bewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und
gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wich-
tigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen,
der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders ge-
sagt: die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen
nicht ins Bewußtsein verlegen, sondern muß das Bewußtsein
als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen
Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psy-
chologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre
ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein
Teil der Leser haltmacht und nicht weiter mitgeht, denn
hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten
philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, dasS.
340
nicht auch bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd
und durch bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies
kommt nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der
Hypnose und des Traumes, welche – vom Pathologischen
ganz abgesehen – zu solcher Auffassung zwingen, nie stu-
diert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber auch un-
fähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu lösen.Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus,
der sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung
beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches
Element, zum Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht
dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, daß der
Zustand des Bewußtseins rasch vorübergeht; die jetzt be-
wußte Vorstellung ist es im nächsten Moment nicht mehr,
allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedin-
gungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht
was; wir können sagen, sie sei latent gewesen, und meinen
dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig war. Auch
wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir
eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt
dann mit latent‑bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen
würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt
hat hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zu-
stand der Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches.
Würden wir ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so
gerieten wir in einen Wortstreit, aus dem sich nichts ge-
winnen ließe.Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten
auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von
Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle
spielt. Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß
es sehr starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, –
hier kommt zuerst ein quantitatives, also ökonomischesS.
341
Moment in Betracht – die alle Folgen für das Seelenleben
haben können wie sonstige Vorstellungen, auch solche
Folgen, die wiederum als Vorstellungen bewußt werden
können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht
nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so oft
dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die
psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche
Vorstellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse
Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden
könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich
von anderen anerkannten psychischen Elementen unter-
scheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, daß
sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden
haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende Kraft auf-
heben und die betreffenden Vorstellungen bewußt machen
kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der Bewußt-
machung befanden, heißen wir Verdrängung, und die
Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht-
gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit
als Widerstand zu verspüren.Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus
der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das
Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei
Unbewußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und
das Verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseins-
fähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann
nicht ohne Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung
bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt
ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt; den
Namen unbewußt beschränken wir auf das dynamisch
unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben,
bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw), deren
Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wirS.
342
an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das
Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten
Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber
nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben
und das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten
Psychischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vor-
schlagen, das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen
des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre
hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Dar-
stellung wären die Folge davon und die einzig wichtige
Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen anderen Punkten
mit dem anerkannt Psychischen übereinstimmen, wäre zu-
gunsten eines Vorurteils in den Hintergrund gedrängt, eines
Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide
oder das Bedeutsamste von ihnen noch nicht kannte.Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und
ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen,
daß es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im
dynamischen aber nur eines. Für manche Zwecke der Dar-
stellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen, für
andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immer-
hin an diese Zweideutigkeit des Unbewußten ziemlich ge-
wöhnt und sind gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt
sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung
zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist schließlich eine
Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beant-
worten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine
Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen
wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht
darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung
nur einen zweideutigen Ausdruck findet2.2)Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten.
[S 15 dieses Bandes.] Eine neuerliche Wendung in der KritikS.
343
Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt
sich aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzu-
länglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen,
die das zeigen, sei folgende als die entscheidende hervor-
gehoben. Wir haben uns die Vorstellung von einer zusammen-
hängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer
Person gebildet und heißen diese das Ich derselben. An
diesem Ich hängt das Bewußtsein, es beherrscht die Zugänge
zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die
Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz, welche eine
Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur
Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum-
zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Ver-
drängungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen
nicht nur vom Bewußtsein, sondern auch von den anderen
Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werdendes Unbewußten verdient an dieser Stelle gewürdigt zu werden.
Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psychoanalytischen
Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen
wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen
Tatsache, daß auch das Bewußtsein – als Phänomen – eine große
Reihe von Abstufungen der Intensität oder Deutlichkeit erkennen
läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar
bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum
eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten
seien eben die, für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort
unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder
„im Bewußtsein“ und lassen sich voll und stark bewußt machen,
wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte.
Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der
Konvention oder von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch
Argumente beeinflußt werden kann, läßt sich hiezu folgendes be-
merken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der Bewußt-
heit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa
die analogen Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung
vom grellsten, blendenden Licht bis zum matten Lichtschimmer,
folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: es gibt ver-
schiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. DieseS.
344
sollen. Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich in
der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird der Analyse
die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzuheben, die das
Ich gegen die Beschäftigung mit dem Verdrängten äußert.
Nun machen wir während der Analyse die Beobachtung, daß
der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn wir ihm gewisse
Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen, wenn sie
sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann,
er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er
weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlust-
gefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm
wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da
aber dieser Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht
und diesem angehört, so stehen wir vor einer unvorher-
gesehenen Situation. Wir haben im Ich selbst etwas gefun-
den, was auch unbewußt ist, sich gerade so benimmt wieSätze mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie
sind praktisch verwerflich, wie sich herausstellt, wenn man be-
stimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, zum Beispiel: also
braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organis-
men unsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung
des Unmerklichen unter das Bewußte nichts anderes, als daß man
sich die einzige unmittelbare Sicherheit verdirbt, die es im
Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man nichts
weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes
Seelisches. Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das
Unbewußte offenbar ohne Rücksicht auf die dynamischen Ver-
hältnisse versucht worden, welche für die psychoanalytische Auf-fassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei
vernachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstren-
gung bedarf, um einem solchen Unbemerkten genug Aufmerksam-
keit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn dies gelungen ist, das
vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird,
sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und
von ihm schroff abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf
das wenig Bemerkte und nicht Bemerkte ist also doch nur ein
Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des Psychischen
mit dem Bewußten ein für allemal feststeht.S.
345
das Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne
selbst bewußt zu werden, und zu dessen Bewußtmachung es
einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge dieser Erfahrung
für die analytische Praxis ist, daß wir in unendlich viele
Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten, wenn wir an
unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und zum
Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem Be-
wußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir
müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die
strukturellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen
einsetzen: den zwischen dem zusammenhängenden Ich und
dem von ihm abgespaltenen Verdrängten3.Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind
aber noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte
uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht
bringt uns die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit
dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles
Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt.
Auch ein Teil des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil
des Ichs, kann ubw sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw
des Ichs ist nicht latent im Sinne des Vbw, sonst dürfte es
nicht aktiviert werden, ohne bw zu werden, und seine
Bewußtmachung dürfte nicht so große Schwierigkeiten be-
reiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes,
nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zu-
gestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns an
Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität,
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen
gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch
müssen wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließ-
lich ist die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte
im Dunkel der Tiefenpsychologie.3)Vgl. Jenseits des Lustprinzips.
S.
346
II
Das Ich und das EsDie pathologische Forschung hat unser Interesse allzu aus-
schließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir möchten mehr
vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, daß auch das Ich
unbewußt im eigentlichen Sinne sein kann. Unser einziger
Anhalt während unserer Untersuchungen war bisher das
Kennzeichen des Bewußt- oder Unbewußtseins; zuletzt haben
wir gesehen, wie vieldeutig dies sein kann.Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein ge-
bunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch kennen
lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt, wie ist das
möglich? Was heißt: etwas bewußt machen? Wie kann das
vor sich gehen?Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. Wir
haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche des
seelischen Apparates, das heißt wir haben es einem System
als Funktion zugeschrieben, welches räumlich das erste von
der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens nicht nur im
Sinne der Funktion, sondern diesmal auch im Sinne der
anatomischen Zergliederung4. Auch unser Forschen muß
diese wahrnehmende Oberfläche zum Ausgang nehmen.Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die von
außen herankommen (Sinneswahrnehmungen), und von innen
her, was wir Empfindungen und Gefühle heißen. Wie aber
ist es mit jenen inneren Vorgängen, die wir etwa – roh
und ungenau – als Denkvorgänge zusammenfassen können?
Kommen sie, die sich irgendwo im Innern des Apparates
als Verschiebungen seelischer Energie auf dem Wege zur
Handlung vollziehen, an die Oberfläche, die das Bewußtsein
entstehen läßt, heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen?4)S. Jenseits des Lustprinzips.
S.
347
Wir merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen Vor-
stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. Beide
Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte etwas
drittes der Fall sein.An einer anderen Stelle5 habe ich schon die Annahme
gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer ubw von einer
vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin besteht, daß die
erstere sich an irgendwelchem Material, das unerkannt bleibt,
vollzieht, während bei der letzteren (der vbw) die Ver-
bindung mit Wortvorstellungen hinzukommt. Hier
ist zuerst der Versuch gemacht, für die beiden Systeme Vbw
und Ubw Kennzeichen anzugeben, die anders sind als die
Beziehung zum Bewußtsein. Die Frage: Wie wird etwas
bewußt? lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas vor-
bewußt? Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den
entsprechenden Wortvorstellungen.Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie waren
einmal Wahrnehmungen und können wie alle Erinnerungs-
reste wieder bewußt werden. Ehe wir noch weiter von ihrer
Natur handeln, dämmert uns wie eine neue Einsicht auf:
bewußt werden kann nur das, was schon einmal bw Wahr-
nehmung war, und was außer Gefühlen von innen her
bewußt werden will, muß versuchen, sich in äußere Wahr-
nehmungen umzusetzen. Dies wird mittels der Erinnerungs-
spuren möglich.Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen ent-
halten, welche unmittelbar an das System W-Bw anstoßen,
so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die Elemente dieses
Systems von innen her fortsetzen können. Man denkt hier
sofort an die Halluzination und an die Tatsache, daß die5)Das Unbewußte. Internat. Ztschr. f. PsA., III., 1915. [Seite
98 ff dieses Bandes.]S.
348
lebhafteste Erinnerung immer noch von der Halluzination
wie von der äußeren Wahrnehmung unterschieden wird,
allein ebenso rasch stellt sich die Auskunft ein, daß bei
der Wiederbelebung einer Erinnerung die Besetzung im
Erinnerungssystem erhalten bleibt, während die von der
Wahrnehmung nicht unterscheidbare Halluzination entstehen
mag, wenn die Besetzung nicht nur von der Erinnerungsspur
auf das W-Element übergreift, sondern völlig auf dasselbe
übergeht.Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen Wahr-
nehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein besonderer
Sinnesursprung für das System Vbw gegeben ist. Die visuellen
Bestandteile der Wortvorstellung kann man als sekundär,
durch Lesen erworben, zunächst vernachlässigen und ebenso
die Bewegungsbilder des Wortes, die außer bei Taubstummen
die Rolle von unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist
doch eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes.Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung
zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungsreste – von
den Dingen – zu vergessen, oder zu verleugnen, daß ein
Bewußtwerden der Denkvorgänge durch Rückkehr zu den
visuellen Resten möglich ist und bei vielen Personen bevor-
zugt scheint. Von der Eigenart dieses visuellen Denkens
kann uns das Studium der Träume und der vorbewußten
Phantasien nach den Beobachtungen J. Varendoncks
eine Vorstellung geben. Man erfährt, daß dabei meist nur
das konkrete Material des Gedankens bewußt wird, für die
Relationen aber, die den Gedanken besonders kennzeichnen,
ein visueller Ausdruck nicht gegeben werden kann. Das
Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollständiges
Bewußtwerden. Es steht auch irgendwie den unbewußten
Vorgängen näher als das Denken in Worten und ist
unzweifelhaft onto‑ wie phylogenetisch älter als dieses.S.
349
Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren,
dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vorbewußt
wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas Verdrängtes
(vor)bewußt, zu beantworten: indem wir solche vbw Mittel-
glieder durch die analytische Arbeit herstellen. Das Bewußt-
sein verbleibt also an seiner Stelle, aber auch das Ubw ist
nicht etwa zum Bw aufgestiegen.Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung zum
Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren Wahr-
nehmung zum Ich eine besondere Untersuchung heraus. Sie
läßt noch einmal den Zweifel auftauchen, ob man wirklich
Recht daran tut, alles Bewußtsein auf das eine oberflächliche
System W‑Bw zu beziehen.Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von Vor-
gängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten
Schichten des seelischen Apparates. Sie sind schlecht ge-
kannt, als ihr bestes Muster können noch die der Lust‑Unlustreihe
gelten. Sie sind ursprünglicher, elementarer als
die von außen stammenden, können noch in Zuständen ge-
trübten Bewußtseins zustande kommen. Über ihre größere
ökonomische Bedeutung und deren metapsychologische Be-
gründung habe ich mich an anderer Stelle geäußert. Diese
Empfindungen sind multilokulär wie die äußeren Wahr-
nehmungen, können gleichzeitig von verschiedenen Stellen
kommen und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte
Qualitäten haben.Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drän-
gendes an sich, dagegen im höchsten Grad die Unlust-
empfindungen. Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr,
und darum deuten wir die Unlust auf eine Erhöhung, die
Lust auf eine Erniedrigung der Energiebesetzung. Nennen
wir das, was als Lust und Unlust bewußt wird, ein
quantitativ‑qualitativ Anderes im seelischen Ablauf, so istS.
350
die Frage, ob ein solches Anderes an Ort und Stelle bewußt
werden kann oder bis zum System W fortgeleitet werden
muß.Die klinische Erfahrung entscheidet für das letztere. Sie
zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine verdrängte
Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten, ohne daß das
Ich den Zwang bemerkt. Erst Widerstand gegen den Zwang,
Aufhalten der Abfuhrreaktion macht dieses Andere sofort
als Unlust bewußt. Ebenso wie Bedürfnisspannungen, kann
auch der Schmerz unbewußt bleiben, dies Mittelding
zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung, der sich wie
eine innere Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der
Außenwelt stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfin-
dungen und Gefühle nur durch Anlangen an das System W
bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie
nicht als Empfindungen zustande, obwohl das ihnen ent-
sprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abge-
kürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir dann von
unbewußten Empfindungen, halten die Analogie
mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht ganz gerecht-
fertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, daß für die ubw
Vorstellung erst Verbindungsglieder geschaffen werden
müssen, um sie zum Bw zu bringen, während dies für die
Empfindungen, die sich direkt fortleiten, entfällt. Mit
anderen Worten: die Unterscheidung von Bw und Vbw hat
für die Empfindungen keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus,
Empfindungen sind entweder bewußt oder unbewußt. Auch
wenn sie an Wortvorstellungen gebunden werden, danken
sie nicht diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es
direkt.Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends klar.
Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denkvorgänge
zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte der Satz erwiesenS.
351
werden: alles Wissen stammt aus der äußeren Wahr-
nehmung. Bei einer Überbesetzung des Denkens werden die
Gedanken wirklich – wie von außen – wahrgenommen
und darum für wahr gehalten.Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen äußerer
und innerer Wahrnehmung und dem Oberflächensystem W-Bw
können wir darangehen, unsere Vorstellung vom Ich aus-
zubauen. Wir sehen es vom System W als seinem Kern
ausgehen und zunächst das Vbw, das sich an die Erinnerungs-
reste anlehnt, umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir
erfahren haben, unbewußt.Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon haben,
wenn wir der Anregung eines Autors folgen, der vergebens
aus persönlichen Motiven beteuert, er habe mit der gestrengen,
hohen Wissenschaft nichts zu tun. Ich meine G. Groddeck,
der immer wieder betont, daß das, was wir unser Ich heißen,
sich im Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem
Ausdruck „gelebt“ werden von unbekannten, unbeherrsch-
baren Mächten6. Wir haben alle dieselben Eindrücke empfan-
gen, wenngleich sie uns nicht bis zum Ausschluß aller
anderen überwältigt haben, und verzagen nicht daran, der
Einsicht Groddecks ihre Stelle in dem Gefüge der
Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage vor, ihr Rechnung zu
tragen, indem wir das vom System W ausgehende Wesen,
das zunächst vbw ist, das Ich heißen, das andere Psychische
aber, in welches es sich fortsetzt, und das sich wie ubw
verhält, nach Groddecks Gebrauch das Es7.Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auffassung
6)G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho-
analytischer Verlag 1923.7)Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches
gefolgt, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das Un-
persönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen
durchaus gebräuchlich ist.S.
352
Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen können.
Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt
und unbewußt, diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus
dem W-System als Kern entwickelt. Streben wir nach
graphischer Darstellung, so werden wir hinzufügen, das Ich
umhüllt das Es nicht ganz, sondern nur insoweit das System
W dessen Oberfläche bildet, also etwa so wie die Keim-
scheibe dem Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf
getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm zusammen.Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zusammen,
ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist nur vom Ich
durch die Verdrängungswiderstände scharf geschieden, durch
das Es kann es mit ihm kommunizieren. Wir erkennen so-
fort, fast alle Sonderungen, die wir auf die Anregung der
Pathologie hin beschrieben haben, beziehen sich nur auf die
– uns allein bekannten – oberflächlichen Schichten des
seelischen Apparates. Wir könnten von diesen Verhältnisseneine Zeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur
der Darstellung dienen, keine besondere Deutung bean-
spruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich eineS.
353
„Hörkappe“ trägt, nach dem Zeugnis der Gehirnanatomie
nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen schief auf.Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direk-
ten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw
veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der
Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Ein-
fluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur
Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die
Stelle des Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneinge-
schränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das Ich die
Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsen-
tiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann,
im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält.
Dies alles deckt sich mit allbekannten populären Unter-
scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder
ideell richtig zu verstehen.Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum
Ausdruck, daß ihm normalerweise die Herrschaft über die
Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Ver-
hältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des
Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, daß der Reiter
dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten.
Dieses Gleichnis trägt ein Stück weiter. Wie dem Reiter,
will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes
übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will,
so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung um-
zusetzen, als ob es der eigene wäre.Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderung vom
Es scheint noch ein anderes Moment als der Einfluß des
Systems W hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und
vor allem die Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem
gleichzeitig äußere und innere Wahrnehmungen ausgehen
können. Er wird wie ein anderes Objekt gesehen, ergibtS.
354
aber dem Getast zweierlei Empfindungen, von denen die
eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es
ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert worden,
auf welche Weise sich der eigene Körper aus der Wahr-
nehmungswelt heraushebt. Auch der Schmerz scheint dabei
eine Rolle zu spielen, und die Art, wie man bei schmerz-
haften Erkrankungen eine neue Kenntnis seiner Organe er-
wirbt, ist vielleicht vorbildlich für die Art, wie man über-
haupt zur Vorstellung seines eigenen Körpers kommt.Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur
ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer
Oberfläche. Wenn man eine anatomische Analogie für das
selbe sucht, kann man es am ehesten mit dem „Gehirn-
männchen“ der Anatomen identifizieren, das in der Hirn-
rinde auf dem Kopf steht, die Fersen nach oben streckt,
nach hinten schaut und wie bekannt, links die Sprachzone
trägt.Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wiederholt
gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige Tat-
sachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichtspunkt
einer sozialen oder ethischen Wertung überallhin mitzu-
nehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, daß das Trei-
ben der niedrigen Leidenschaften im Unbewußten vor sich
geht, erwarten aber, daß die seelischen Funktionen um so
leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein finden, je höher
sie in dieser Wertung angesetzt sind. Hier enttäuscht uns
aber die psychoanalytische Erfahrung. Wir haben einerseits
Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle
Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, auch
vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Bewußtsein
zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifelhaft, sie ereig-
nen sich zum Beispiel im Schlafzustand und äußern sich
darin, daß eine Person unmittelbar nach dem Erwachen dieS.
355
Lösung eines schwierigen mathematischen oder anderen
Problems weiß, um das sie sich am Tage vorher vergeblich
bemüht hatte8.Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. Wir
lernen in unseren Analysen, daß es Personen gibt, bei denen
die Selbstkritik und das Gewissen, also überaus hoch-
gewertete seelische Leistungen, unbewußt sind und als un-
bewußt die wichtigsten Wirkungen äußern; das Unbewußt-
bleiben des Widerstandes in der Analyse ist also keineswegs
die einzige Situation dieser Art. Die neue Erfahrung aber,
die uns nötigt, trotz unserer besseren kritischen Einsicht,
von einem unbewußten Schuldgefühl zu reden,
verwirrt uns weit mehr und gibt uns neue Rätsel auf, be-
sonders wenn wir allmählich erraten, daß ein solches un-
bewußtes Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neu-
rosen eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der
Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt. Wollen
wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so müssen wir
sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich
kann unbewußt sein. Es ist, als würde uns auf diese Weise
demonstriert, was wir vorhin vom bewußten Ich ausgesagt
haben, es sei vor allem ein Körper‑Ich.III
Das Ich und das Über-Ich (Ichideal)Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahr-
nehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter
der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit8) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich, und zwar als Ein-
wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit“, mitgeteilt
worden.S.
356
einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas
anderes hinzu.Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich
anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die
Ich‑Ideal oder Über‑Ich zu nennen ist, sind an
anderen Orten auseinandergesetzt worden9. Sie bestehen zu
Recht10. Daß dieses Stück des Ichs eine weniger feste Be-
ziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Er-
klärung verlangt.Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns
gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch
die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im
Ich wieder aufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch
eine Identifizierung abgelöst wird11. Damals erkannten wir
aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und
wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. Wir haben
seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen An-
teil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu
beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter
heißt.Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi-
duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht
von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen,9)Zur Einführung des Narzißmus. – Massenpsychologie und
Ich-Analyse.10)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur
bedürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur
Wahrnehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine
eigene Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt
gehaltene Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt
dahin richtiggestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern
des Ichs anzuerkennen ist.11)Trauer und Melancholie.
S.
357
welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse empfindet.
Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den Objekt-
besetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder sucht sie
durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren12.Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben wer-
den, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die
man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der
Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse
dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht
erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion,
die eine Art von Regression zum Mechanismus der oralen
Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese
Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es
seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in
frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die
Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die
Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich
von vornherein eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben,
inwieweit der Charakter einer Person diese Einflüsse aus
der Geschichte der erotischen Objektwahlen abwehrt oder
annimmt. Bei Frauen, die viel Liebeserfahrungen gehabt
haben, glaubt man, die Rückstände ihrer Objektbesetzungen
in ihren Charakterzügen leicht nachweisen zu können. Auch
eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung,12)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt,
als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der
Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die
hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, treffen
für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.S.
358
also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf-
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Fall
könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung
überleben und sie in gewissem Sinne konservieren.Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung
einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch
ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Be-
ziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdings auf Kosten
einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse.
Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es
sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm
seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: „Sieh, du kannst
auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido,
die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der
Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art
von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behand-
lung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur
Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Ver-
mittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die
sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr
dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen13. Ob diese Ver-
wandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiede-
nen mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen,
wird uns noch später beschäftigen.Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch
nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für13)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung
des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und
Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch die
beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen
„sekundären Narzißmus“ her.S.
359
einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs ver-
weilen lassen. Nehmen diese überhand, werden allzu zahl-
reich, und überstark und miteinander unverträglich, so
liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. Es kann zu einer
Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen
Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander ab-
schließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von
sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die
einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an
sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt
sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen
Identifizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Kon-
flikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeich-
net werden können.Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charak-
ters gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen ge-
stalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter
erfolgten Identifizierungen werden allgemeine und nach-
haltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ichideals
zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und be-
deutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem
Vater der persönlichen Vorzeit14. Diese scheint zunächst
nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein,
sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als
jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der14)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern,
denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des
Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge-
wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich
Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis-
mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen,
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte.
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem
Vater behandeln.S.
360
ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter
betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in
solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre
Identifizierung zu verstärken.Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es
notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind
zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden,
die dreieckige Anlage des Ödipusverhältnisses und die kon-
stitutionelle Bisexualität des Individuums.Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche
Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für
die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust
ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer
Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters
bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden
Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch
die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht15. Die Vater-
identifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie
wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, um
ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhält-
nis zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der
Identifizierung von Anfang an enthaltene Ambivalenz
manifest geworden wäre. Die ambivalente Einstellung zum
Vater und die nur zärtliche Objektstrebung nach der
Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des ein-
fachen, positiven Ödipuskomplexes.Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die
Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre
Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung15)Vgl. Massenpsychologie und Ich‑Analyse, VII.
S.
361
mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vateridenti-
fizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den nor-
maleren anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung
zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den
Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit
im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz
analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen
Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung
(oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den
weiblichen Charakter des Kindes festlegt.Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Er-
wartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins
Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei
Mädchen leichter zu beobachten als bei Knaben. Man er-
fährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine Mädchen,
nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten
mußte, nun seine Männlichkeit hervorholt und sich anstatt
mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen
Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an,
ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind – worin
immer diese bestehen mögen.Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in
Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern
von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen ab-
zuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in
die Schicksale des Ödipuskomplexes einmengt. Die andere
ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck,
daß der einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das
häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schemati-
sierung entspricht, die allerdings oft genug praktisch ge-
rechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu-
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der
ein zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, abhängigS.
362
von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h.
der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung
zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter,
sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mäd-
chen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum
Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige
gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der Bisexualität macht
es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objektwahlen
und Identifizierungen zu durchschauen und noch schwie-
riger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß
die im Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus
auf die Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich
es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus
der Identifizierung entwickelt würde.Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz
besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen
Ödipuskomplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung
zeigt dann, daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder
der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche
Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren
einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende
der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die
Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Beteili-
gung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang
des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen
Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine
Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die Vater-
identifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Kom-
plexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des um-
gekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutter-
identifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung
der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der
beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.S.
363
So kann man als allgemeinstes Ergebnis
der vom Ödipuskomplex beherrschten
Sexualphase einen Niederschlag im Ich
annehmen, welcher in der Herstellung dieser
beiden, irgendwie miteinander vereinbarten
Identifizierungen besteht. Diese
Ichveränderung behält ihre Sonderstellung,
sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als
Ichideal oder Über-Ich entgegen.Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der
ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die
Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen die-
selben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der
Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt
auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht
sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches bleibt
ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet
sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung
des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung
erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus-
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da
die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die
Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte
sich das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem
es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich
gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus und diese
Anleihe ist ein außerordentlich folgenschwerer Akt. Das
Über‑Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je
stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem
Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre)
seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das
Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl
über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft zu dieserS.
364
Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter,
der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber
werde ich später eine Vermutung vorbringen.Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über‑Ichs
nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier
höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kind-
lichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der
Tatsache seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unter-
brechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit
auf den zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens
zurückgeführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische
Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwungenen
Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung
des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die be-
deutsamsten Züge der individuellen und der Artentwicklung,
ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck
schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen sie
ihren Ursprung verdankt.Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische,
Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf
war doppelt ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres,
da von Anbeginn an den moralischen und ästhetischen Ten-
denzen im Ich der Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde,
letzteres, da man nicht einsehen wollte, daß die psycho-
analytische Forschung nicht wie ein philosophisches System
mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auftreten
konnte, sondern sich den Weg zum Verständnis der seelischen
Komplikationen schrittweise durch die analytische Zer-
gliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen
mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den Verbleib
des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wirS.
365
uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu
beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs
heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sitt-
lichen Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß,
und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über‑Ich,
die Repräsentanz unserer Elternbeziehung. Als kleine Kinder
haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürch-
tet, später sie in uns selbst aufgenommen.Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und
somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten
Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das
Ich des Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich
selbst dem Es unterworfen. Während das Ich wesentlich
Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das
Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon-
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun
vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und
Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, widerspiegeln.Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im
Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die
Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell
wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungs-
geschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem phylo-
genetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des Einzelnen.
Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat,
wird durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschen-
seele im Sinne unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergeb-
liches Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleichnisse
einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und
Es nachzubilden versuchten.Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen
S.
366
genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt
werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält
es den Keim, aus dem sich alle Religionen gebildet haben.
Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des
Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Emp-
finden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft. Im
weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autori-
täten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote
sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben jetzt als
Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung
zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistun-
gen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die
sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen
auf Grund des gleichen Ichideals.Religion, Moral und soziales Empfinden – diese Haupt-
inhalte des Höheren im Menschen16 – sind ursprünglich eins
gewesen. Nach der Hypothese von „Totem und Tabu“
wurden sie phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Reli-
gion und sittliche Beschränkung durch die Bewältigung des
eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch
die Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all diesen
sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht der Männer
vorangegangen zu sein, gekreuzte Vererbung hat den Besitz
auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen
noch heute beim Einzelnen als Überbau über die eifersüch-
tigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da
die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich
eine Identifizierung mit dem anfänglichen Rivalen her.
Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Ver-
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärtlichen16)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.
S.
367
Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige Ein-
stellung abgelöst hat17.Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue
Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück-
weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den
Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Un-
zulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird.
Die Frage lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit
am Vaterkomplex erworben, das Ich des Primitiven oder
sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht
einfach von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differenzierung
in Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe Zeiten tragen?
Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, daß die ganze Auf-
fassung der Ichvorgänge nichts fürs Verständnis der Phylo-
genese leistet und auf sie nicht anwendbar ist?Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beant-
worten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen
wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern noch viel
einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie der notwendige
Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Über‑Ich
ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus
führten, entstehen. Die Frage, ob das Ich oder das Es jene
Erfahrungen und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in
sich zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es
kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer
durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von
einer direkten Vererbung im Ich kann man aber doch nicht
reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem realen In-
dividuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den17)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse [Seite 248 ff dieses
Bandes]. – Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht,
Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften, Bd. V].S.
368
Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht
vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil
des Es ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und
stark genug bei vielen generationsweise aufeinanderfolgen-
den Individuen wiederholen, setzen sie sich sozusagen in
Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung fest-
gehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich
die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich
sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur
ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen
eine Auferstehung.Die Entstehungsgeschichte des Über‑Ichs macht es ver-
ständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objekt-
besetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem
Über‑Ich, fortsetzen können. Wenn dem Ich die Bewältigung
des Ödipuskomplexes schlecht gelungen ist, wird dessen dem
Es entstammende Energiebesetzung in der Reaktionsbildung
des Ichideals wieder zur Wirkung kommen. Die ausgiebige
Kommunikation dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen
wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der Kampf,
der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Subli-
mierung und Identifizierung nicht zum Abschluß gekommen
war, setzt sich nun wie auf dem Kaulbachschen Gemälde
der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort.IV
Die beiden TriebartenWir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen
Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über-Ich einen Fortschritt
in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als MittelS.
369
zum tieferen Verständnis und zur besseren Beschreibung der
dynamischen Beziehungen im Seelenleben erweisen. Wir
haben uns auch bereits klar gemacht, daß das Ich unter
dem besonderen Einfluß der Wahrnehmung steht und daß
man im Rohen sagen kann, die Wahrnehmungen haben für
das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für das Es. Dabei
unterliegt aber auch das Ich der Einwirkung der Triebe wie
das Es, von dem es ja nur ein besonders modifizierter
Anteil ist.Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des Lust-
prinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich hier festhalten
und den weiteren Erörterungen zugrunde legen werde. Daß
man zwei Triebarten zu unterscheiden hat, von denen die
eine, Sexualtriebe oder Eros, die bei weitem auf-
fälligere und der Kenntnis zugänglichere ist. Sie umfaßt
nicht nur den eigentlichen ungehemmten Sexualtrieb und
die von ihm abgeleiteten zielgehemmten und sublimierten
Triebregungen, sondern auch den Selbsterhaltungstrieb, den
wir dem Ich zuschreiben müssen und den wir zu Anfang
der analytischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen
Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die zweite Triebart
aufzuzeigen, bereitete uns Schwierigkeiten; endlich kamen
wir darauf, den Sadismus als Repräsentanten derselben an-
zusehen. Auf Grund theoretischer, durch die Biologie ge-
stützter Überlegungen supponierten wir einen Todestrieb,
dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende
in den leblosen Zustand zurückzuführen, während der Eros
das Ziel verfolgt, das Leben durch immer weitergreifende
Zusammenfassung der in Partikel zersprengten lebenden
Substanz zu komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten.
Beide Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne kon-
servativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die
Entstehung des Lebens gestörten Zustandes anstreben. DieS.
370
Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des Weiter-
lebens und gleichzeitig auch des Strebens nach dem Tode,
das Leben selbst ein Kampf und Kompromiß zwischen diesen
beiden Strebungen. Die Frage nach der Herkunft des Lebens
bliebe eine kosmologische, die nach Zweck und Absicht des
Lebens wäre dualistisch beantwortet.Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer physio-
logischer Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, in jedem
Stück lebender Substanz wären beiderlei Triebe tätig, aber
doch in ungleicher Mischung, so daß eine Substanz die
Hauptvertretung des Eros übernehmen könnte.In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten miteinander
verbinden, vermischen, legieren, wäre noch ganz unvor-
stellbar; daß dies aber regelmäßig und in großem Ausmaß
geschieht, ist eine in unserem Zusammenhang unabweisbare
Annahme. Infolge der Verbindung der einzelligen Elementar-
organismen zu mehrzelligen Lebewesen wäre es gelungen,
den Todestrieb der Einzelzelle zu neutralisieren und die
destruktiven Regungen durch Vermittlung eines besonderen
Organs auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die
Muskulatur und der Todestrieb würde sich nun – wahr-
scheinlich doch nur teilweise – als Destruktionstrieb
gegen die Außenwelt und andere Lebewesen äußern.Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung
der beiden Triebarten angenommen, so drängt sich uns auch
die Möglichkeit einer – mehr oder minder vollständigen –
Entmischung derselben auf. In der sadistischen Kom-
ponente des Sexualtriebes hätten wir ein klassisches Beispiel
einer zweckdienlichen Triebmischung vor uns, im selb-
ständig gewordenen Sadismus als Perversion das Vorbild
einer, allerdings nicht bis zum äußersten getriebenen Ent-
mischung. Es eröffnet sich uns dann ein Einblick in ein
großes Gebiet von Tatsachen, welches noch nicht in diesemS.
371
Licht betrachtet worden ist. Wir erkennen, daß der
Destruktionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Ab-
fuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der
epileptische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebent-
mischung ist, und lernen verstehen, daß unter den Erfolgen
mancher schweren Neurosen, zum Beispiel der Zwangs-
neurosen, die Triebentmischung und das Hervortreten des
Todestriebes eine besondere Würdigung verdient. In rascher
Verallgemeinerung möchten wir vermuten, daß das Wesen
einer Libidoregression, zum Beispiel von der genitalen zur
sadistisch-analen Phase, auf einer Triebentmischung beruht,
wie umgekehrt der Fortschritt von der früheren zur defini-
tiven Genitalphase einen Zuschuß von erotischen Kompo-
nenten zur Bedingung hat. Es erhebt sich auch die Frage,
ob nicht die reguläre Ambivalenz, die wir in der kon-
stitutionellen Anlage zur Neurose so oft verstärkt finden,
als Ergebnis einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein
diese ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht voll-
zogene Triebmischung gelten muß.Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen zuwenden,
ob sich nicht aufschlußreiche Beziehungen zwischen den an-
genommenen Bildungen des Ichs, Über‑Ichs und des Es
einerseits, den beiden Triebarten anderseits auffinden lassen,
ferner, ob wir dem die seelischen Vorgänge beherrschenden
Lustprinzip eine feste Stellung zu den beiden Triebarten und
den seelischen Differenzierungen zuweisen können. Ehe wir
aber in diese Diskussion eintreten, haben wir einen Zweifel
zu erledigen, der sich gegen die Problemstellung selbst richtet.
Am Lustprinzip ist zwar kein Zweifel, die Gliederung des
Ichs ruht auf klinischer Rechtfertigung, aber die Unter-
scheidung der beiden Triebarten scheint nicht genug gesichert
und möglicherweise heben Tatsachen der klinischen Analyse
ihren Anspruch auf.S.
372
Eine solche Tatsache scheint es zu geben. Für den Gegen-
satz der beiden Triebarten dürfen wir die Polarität von Liebe
und Haß einsetzen. Um eine Repräsentanz des Eros sind wir
ja nicht verlegen, dagegen sehr zufrieden, daß wir für den
schwer zu fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb, dem
der Haß den Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können.
Nun lehrt uns die klinische Beobachtung, daß der Haß nicht
nur der unerwartet regelmäßige Begleiter der Liebe ist (Ambi-
valenz), nicht nur häufig ihr Vorläufer in menschlichen Be-
ziehungen, sondern auch, daß Haß sich unter mancherlei
Verhältnissen in Liebe und Liebe in Haß verwandelt. Wenn
diese Verwandlung mehr ist als bloß zeitliche Sukzession,
also Ablösung, dann ist offenbar einer so grundlegenden
Unterscheidung wie zwischen erotischen und Todestrieben,
die entgegengesetzt laufende physiologische Vorgänge voraus-
setzt, der Boden entzogen.Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst liebt und
dann haßt, oder umgekehrt, wenn sie einem die Anlässe dazu
gegeben hat, gehört offenbar nicht zu unserem Problem.
Auch nicht der andere, daß eine noch nicht manifeste Ver-
liebtheit sich zuerst durch Feindseligkeit und Aggressions-
neigung äußert, denn die destruktive Komponente könnte da
bei der Objektbesetzung vorangeeilt sein, bis die erotische
sich zu ihr gesellt. Aber wir kennen mehrere Fälle aus der
Psychologie der Neurosen, in denen die Annahme einer Ver-
wandlung näher liegt. Bei der Paranoia persecutoria erwehrt
sich der Kranke einer überstarken homosexuellen Bindung
an eine bestimmte Person auf eine gewisse Weise, und das
Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person zum Verfolger
wird, gegen den sich die oft gefährliche Aggression des
Kranken richtet. Wir haben das Recht, einzuschalten, daß
eine Phase vorher die Liebe in Haß umgewandelt hatte. Bei
der Entstehung der Homosexualität, aber auch der de-S.
373
sexualisierten sozialen Gefühle, lehrte uns die analytische
Untersuchung erst neuerdings die Existenz von heftigen, zu
Aggressionsneigung führenden Gefühlen der Rivalität ken-
nen, nach deren Überwindung erst das früher gehaßte Objekt
zum geliebten oder zum Gegenstand einer Identifizierung
wird. Die Frage erhebt sich, ob für diese Fälle eine direkte
Umsetzung von Haß in Liebe anzunehmen ist. Hier handelt
es sich ja um rein innerliche Änderungen, an denen ein ge-
ändertes Benehmen des Objekts keinen Anteil hat.Die analytische Untersuchung des Vorganges bei der
paranoischen Umwandlung macht uns aber mit der Mög-
lichkeit eines anderen Mechanismus vertraut. Es ist von An-
fang an eine ambivalente Einstellung vorhanden und die
Verwandlung geschieht durch eine reaktive Besetzungsver-
schiebung, indem der erotischen Regung Energie entzogen
und der feindseligen Energie zugeführt wird.Nicht das nämliche, aber ähnliches geschieht bei der Über-
windung der feindseligen Rivalität, die zur Homosexualität
führt. Die feindselige Einstellung hat keine Aussicht auf
Befriedigung, daher – aus ökonomischen Motiven also –
wird sie von der Liebeseinstellung abgelöst, welche mehr
Aussicht auf Befriedigung, das ist Abfuhrmöglichkeit, bietet.
Somit brauchen wir für keinen dieser Fälle eine direkte Ver-
wandlung von Haß in Liebe, die mit der qualitativen Ver-
schiedenheit der beiden Triebarten unverträglich wäre, an-
zunehmen.Wir bemerken aber, daß wir bei der Inanspruchnahme
dieses anderen Mechanismus der Umwandlung von Liebe in
Haß stillschweigend eine andere Annahme gemacht haben,
die laut zu werden verdient. Wir haben so geschaltet, als
gäbe es im Seelenleben – unentschieden, ob im Ich oder im
Es – eine verschiebbare Energie, die, an sich indifferent, zu
einer qualitativ differenzierten erotischen oder destruktivenS.
374
Regung hinzutreten und deren Gesamtbesetzung erhöhen
kann. Ohne die Annahme einer solchen verschiebbaren
Energie kommen wir überhaupt nicht aus. Es fragt sich nur,
woher sie stammt, wem sie zugehört und was sie bedeutet.Das Problem der Qualität der Triebregungen und deren
Erhaltung bei den verschiedenen Triebschicksalen ist noch
sehr dunkel und derzeit kaum in Angriff genommen. An den
sexuellen Partialtrieben, die der Beobachtung besonders gut
zugänglich sind, kann man einige Vorgänge, die in denselben
Rahmen gehören, feststellen, zum Beispiel, daß die Partial-
triebe gewissermaßen miteinander kommunizieren, daß ein
Trieb aus einer besonderen erogenen Quelle seine Intensität
zur Verstärkung eines Partialtriebes aus anderer Quelle ab-
geben kann, daß die Befriedigung des einen Triebes einem
anderen die Befriedigung ersetzt und dergleichen mehr, was
einem Mut machen muß, Annahmen gewisser Art zu wagen.Ich habe auch in der vorliegenden Diskussion nur eine
Annahme, nicht einen Beweis zu bieten. Es erscheint
plausibel, daß diese wohl im Ich und im Es tätige, verschieb-
bare und indifferente Energie dem narzißtischen Libidovorrat
entstammt, also desexualisierter Eros ist. Die erotischen
Triebe erscheinen uns ja überhaupt plastischer, ablenkbarer
und verschiebbarer als die Destruktionstriebe. Dann kann
man ohne Zwang fortsetzen, daß diese verschiebbare Libido
im Dienst des Lustprinzips arbeitet, um Stauungen zu ver-
meiden und Abfuhren zu erleichtern. Dabei ist eine gewisse
Gleichgültigkeit, auf welchem Wege die Abfuhr geschieht,
wenn sie nur überhaupt geschieht, unverkennbar. Wir
kennen diesen Zug als charakteristisch für die Besetzungs-
vorgänge im Es. Er findet sich bei den erotischen Besetzungen,
wobei eine besondere Gleichgültigkeit in bezug auf das
Objekt entwickelt wird, ganz besonders bei den Übertragun-
gen in der Analyse, die vollzogen werden müssen, gleichgültigS.
375
auf welche Personen. Rank hat kürzlich schöne
Beispiele dafür gebracht, daß neurotische Racheaktionen
gegen die unrichtigen Personen gerichtet werden. Man muß
bei diesem Verhalten des Unbewußten an die komisch ver-
wertete Anekdote denken, daß einer der drei Dorfschneider
gehängt werden soll, weil der einzige Dorfschmied ein
todwürdiges Verbrechen begangen hat. Strafe muß eben sein,
auch wenn sie nicht den Schuldigen trifft. Die nämliche
Lockerheit haben wir zuerst an den Verschiebungen des
Primärvorganges in der Traumarbeit bemerkt. Wie hier die
Objekte, so wären es in dem uns beschäftigenden Falle die
Wege der Abfuhraktion, die erst in zweiter Linie in Betracht
kommen. Dem Ich würde es ähnlich sehen, auf größerer
Exaktheit in der Auswahl des Objekts, wie des Weges der
Abfuhr zu bestehen.Wenn diese Verschiebungsenergie desexualisierte Libido ist,
so darf sie auch sublimiert heißen, denn sie würde noch
immer an der Hauptabsicht des Eros, zu vereinigen und zu
binden, festhalten, indem sie zur Herstellung jener Einheit-
lichkeit dient, durch die – oder durch das Streben nach
welcher – das Ich sich auszeichnet. Schließen wir die Denk-
vorgänge im weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein,
so wird eben auch die Denkarbeit durch Sublimierung eroti-
scher Triebkraft bestritten.Hier stehen wir wieder vor der früher berührten Möglich-
keit, daß die Sublimierung regelmäßig durch die Vermittlung
des Ichs vor sich geht. Wir erinnern den anderen Fall, daß
dies Ich die ersten und gewiß auch spätere Objektbesetzungen
des Es dadurch erledigt, daß es deren Libido ins Ich aufnimmt
und an die durch Identifizierung hergestellte Ichveränderung
bindet. Mit dieser Umsetzung in Ichlibido ist natürlich ein
Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung, verbunden.
Jedenfalls erhalten wir so Einsicht in eine wichtige LeistungS.
376
des Ichs in seinem Verhältnis zum Eros. Indem es sich in
solcher Weise der Libido der Objektbesetzungen bemächtigt,
sich zum alleinigen Liebesobjekt aufwirft, die Libido des Es
desexualisiert oder sublimiert, arbeitet es den Absichten des
Eros entgegen, stellt sich in den Dienst der gegnerischen
Triebregungen. Einen anderen Anteil der Es-Objektbesetzun-
gen muß es sich gefallen lassen, sozusagen mitmachen. Auf
eine andere mögliche Folge dieser Ichtätigkeit werden wir
später zu sprechen kommen.An der Lehre vom Narzißmus wäre nun eine wichtige
Ausgestaltung vorzunehmen. Zu Uranfang ist alle Libido im
Es angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen
oder schwächlich ist. Das Es sendet einen Teil dieser Libido
auf erotische Objektbesetzungen aus, worauf das erstarkte
Ich sich dieser Objektlibido zu bemächtigen und sich dem
Es als Liebesobjekt aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des
Ichs ist so ein sekundärer, den Objekten entzogener.Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß die Trieb-
regungen, die wir verfolgen können, sich als Abkömmlinge
des Eros enthüllen. Wären nicht die im „Jenseits des Lust-
prinzips“ angestellten Erwägungen und endlich die sadisti-
schen Beiträge zum Eros, so hätten wir es schwer, an der
dualistischen Grundanschauung festzuhalten. Da wir aber
dazu genötigt sind, müssen wir den Eindruck gewinnen, daß
die Todestriebe im wesentlichen stumm sind und der Lärm
des Lebens meist vom Eros ausgeht18.Und vom Kampf gegen den Eros! Es ist die Anschauung
nicht abzuweisen, daß das Lustprinzip dem Es als ein Kompaß
im Kampf gegen die Libido dient, die Störungen in den
Lebensablauf einführt. Wenn das Konstanz‑Prinzip im Sinne18)Nach unserer Auffassung sind ja die nach außen gerichteten
Destruktionstriebe durch Vermittlung des Eros vom eigenen Selbst
abgelenkt worden.S.
377
Fechners das Leben beherrscht, welches also dann ein
Gleiten in den Tod sein sollte, so sind es die Ansprüche des
Eros, der Sexualtriebe, welche als Triebbedürfnisse das Herab-
sinken des Niveaus aufhalten und neue Spannungen ein-
führen. Das Es erwehrt sich ihrer, vom Lustprinzip, das
heißt der Unlustwahrnehmung geleitet, auf verschiedenen
Wegen. Zunächst durch möglichst beschleunigte Nachgiebig-
keit gegen die Forderungen der nicht desexualisierten Libido,
also durch Ringen nach Befriedigung der direkt sexuellen
Strebungen. In weit ausgiebigerer Weise, indem es sich bei einer
dieser Befriedigungen, in der alle Teilansprüche zusammen-
treffen, der sexuellen Substanzen entledigt, welche sozusagen
gesättigte Träger der erotischen Spannungen sind. Die Ab-
stoßung der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewisser-
maßen der Trennung von Soma und Keimplasma. Daher die
Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung
mit dem Sterben, bei niederen Tieren das Zusammenfallen
des Todes mit dem Zeugungsakt. Diese Wesen sterben an
der Fortpflanzung, insoferne nach der Ausschaltung des Eros
durch die Befriedigung der Todestrieb freie Hand be-
kommt, seine Absichten durchzusetzen. Endlich erleichtert,
wie wir gehört haben, das Ich dem Es die Bewältigungs-
arbeit, indem es Anteile der Libido für sich und seine
Zwecke sublimiert.V
Die Abhängigkeiten des IchsDie Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, daß
sich keine der Überschriften ganz mit dem Inhalt
der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf bereitsS.
378
Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Beziehungen studieren
wollen.So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum
guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene
Besetzungen des Es ablösen, daß die ersten dieser Iden-
tifizierungen sich regelmäßig als besondere Instanz im Ich
gebärden, sich als Über‑Ich dem Ich entgegenstellen, während
das erstarkte Ich sich späterhin gegen solche Identifizierungs-
einflüsse resistenter verhalten mag. Das Über‑Ich verdankt
seine besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment,
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens,
daß es die erste Identifizierung ist, die vorfiel, solange das
Ich noch schwach war, und zweitens, daß es der Erbe des
Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich
einführte. Es verhält sich gewissermaßen zu den späteren Ich-
veränderungen wie die primäre Sexualphase der Kindheit
zum späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen
späteren Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vater-
komplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich
entgegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal
der einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt
seine Herrschaft auch über das reife Ich fort. Wie das Kind
unter dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so
unterwirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines
Über‑Ichs.Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es,
also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für das Über-Ich
noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben,
in Beziehung zu den phylogenetischen Erwerbungen des
Es und macht es zur Reinkarnation früherer Ichbildungen,
die ihre Niederschläge im Es hinterlassen haben. Somit steht
das Über-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem IchS.
379
gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es
ein, ist dafür entfernter vom Bewußtsein als das Ich19.Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir
uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die längst
keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung
noch warten.Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz
sonderbar benehmen. Wenn man ihnen Hoffnung gibt und
ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt,
scheinen sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr
Befinden. Man hält das anfangs für Trotz und Bemühen,
dem Arzt ihre Überlegenheit zu bezeugen. Später kommt
man zu einer tieferen und gerechteren Auffassung. Man über-
zeugt sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die Fortschritte
der Kur in verkehrter Weise reagieren. Jede Partiallösung,
die eine Besserung oder zeitweiliges Aussetzen der Symptome
zur Folge haben sollte und bei anderen auch hat, ruft bei
ihnen eine momentane Verstärkung ihres Leidens hervor, sie
verschlimmern sich während der Behandlung, anstatt sich zu
bessern. Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische
Reaktion.Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr gefürchtet
wird. Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungs-
wille, sondern das Krankheitsbedürfnis die Oberhand.
Analysiert man diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht
die Trotzeinstellung gegen den Arzt, die Fixierung an die
Formen des Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch
das meiste noch bestehen und dies erweist sich als das19)Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta-
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das
Gehirnmännchen.S.
380
stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als die uns
bereits bekannten der narzißtischen Unzugänglichkeit, der
negativen Einstellung gegen den Arzt und des Haftens am
Krankheitsgewinne.Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen
sozusagen „moralischen“ Faktor handelt, um ein Schuld-
gefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und
auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will. An dieser
wenig tröstlichen Aufklärung darf man endgültig festhalten.
Aber dies Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt
ihm nicht, daß er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig,
sondern krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es ist auch
besonders schwierig, den Kranken von diesem Motiv seines
Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich an die näher
liegende Erklärung halten, daß die analytische Kur nicht
das richtige Mittel ist, ihm zu helfen20.20)Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld-
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wobei
es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine
besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies
ubw Schuldgefühl ein entlehntes ist, das heißt das Ergebnis
der Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt
einer erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuld-
gefühls ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufge-
gebenen Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei
Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige
Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist
die therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der
Ausgang der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er
hängt in erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab,
welcher die Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größen-
ordnung entgegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die
Person des Analytikers es zuläßt, daß sie vom Kranken an die
Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit die Versuchung verbundenS.
381
Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten
Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem Ausmaß für sehr
viele, vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in
Betracht kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade
dieser Faktor, das Verhalten des Ichideals, der die Schwere
einer neurotischen Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir
wollen darum einigen weiteren Bemerkungen über die
Äußerung des Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen
nicht aus dem Wege gehen.Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der
Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung
zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die be-
kannten Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften
nicht weit davon abliegen. In zwei uns wohlvertrauten
Affektionen ist das Schuldgefühl überstark bewußt; das Ich-
ideal zeigt dann eine besondere Strenge und wütet gegen das
Ich oft in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneurose und
Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten des Ichideals,
die nicht minder bedeutungsvoll sind.Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das
Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich nicht
rechtfertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen
die Zumutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in
seiner Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu werden.ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters,
Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer
solchen Verwendung der ärztlichen Persönlichkeit entschieden
widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, daß hier eine neue Schranke
für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krankhaften
Reaktionen nicht unmöglich machen, sondern dem Ich des
Kranken die Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu
entscheiden.S.
382
Es wäre töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos.
Die Analyse zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge
beeinflußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind.
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auffinden,
welche das Schuldgefühl begründen. Das Über-Ich hat hier
mehr vom unbewußten Es gewußt als das Ich.Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich das
Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melancholie. Aber
hier wagt das Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig
und unterwirft sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unter-
schied. Bei der Zwangsneurose handelte es sich um anstößige
Regungen, die außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der
Melancholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs
gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen worden.Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden
neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine so außer-
ordentliche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der
Situation liegt doch an anderer Stelle. Wir schieben seine
Erörterung auf, bis wir die anderen Fälle behandelt haben,
in denen das Schuldgefühl unbewußt bleibt.Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom
hysterischen Typus zu finden. Der Mechanismus des Un-
bewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich
erwehrt sich der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von
Seiten der Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben Weise,
wie es sich sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu
erwehren pflegt, durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt
also am Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst und
Auftrag seines Über‑Ichs vornimmt; hier ist aber ein Fall,
wo es sich derselben Waffe gegen seinen gestrengen Herrn
bedient. Bei der Zwangsneurose überwiegen bekanntlich die
Phänomene der Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nurS.
383
die Fernhaltung des Materials, auf welches sich das Schuld-
gefühl bezieht.Man kann weiter gehen und die Voraussetzung wagen, daß
ein großes Stück des Schuldgefühls normalerweise unbewußt
sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten an-
gehört. Würde jemand den paradoxen Satz vertreten wollen,
daß der normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist,
als er glaubt, sondern auch viel moralischer, als er weiß, so
hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die erste Hälfte
der Behauptung ruht, auch gegen die zweite Hälfte nichts
einzuwenden21.Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung
dieses ubw Schuldgefühls den Menschen zum Verbrecher
machen kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei
vielen, besonders jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges
Schuldgefühl nachweisen, welches vor der Tat bestand, also
nicht deren Folge, sondern deren Motiv ist, als ob es als
Erleichterung empfunden würde, dies unbewußte Schuld-
gefühl an etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können.In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich seine
Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine innigen Be-
ziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rück-
sicht auf die Bedeutung, die wir den vorbewußten Wort-
resten im Ich zugeschrieben haben, die Frage, ob das Über-Ich,
wenn es ubw ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen,
oder aus was sonst es besteht. Die bescheidene Antwort wird
lauten, daß das ÜberIch auch seine Herkunft aus Gehörtem
unmöglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs und21)Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen weit
über das hinausgeht, was er von sich glaubt, das heißt was seinem
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist.S.
384
bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, Abstraktionen)
her dem Bewußtsein zugänglich, aber die Besetzungsenergie
wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht von der Hörwahr-
nehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern von den
Quellen im Es zugeführt.Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten,
lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich wesentlich als
Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser
Kritik entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei
eine so außerordentliche Härte und Strenge gegen das Ich
entfaltet. Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so
finden wir, daß das überstarke Über‑Ich, welches das Be-
wußtsein an sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungs-
loser Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im
Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, die
destruktive Komponente habe sich im Über-Ich abgelagert
und gegen das Ich gewendet. Was nun im Über-Ich herrscht,
ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich
gelingt es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben,
wenn das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in
Manie seines Tyrannen erwehrt.Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvor-
würfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, aber die
Situation ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz
zur Melancholie bemerkenswert, daß der Zwangskranke
eigentlich niemals den Schritt der Selbsttötung macht, er ist
wie immun gegen die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen
geschützt als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal-
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs verbürgt. Bei
der Zwangsneurose ist es durch eine Regression zur prägeni-
talen Organisation möglich geworden, daß die Liebesimpulse
sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt umsetzen.S.
385
Wiederum ist der Destrukionsbetrieb frei geworden und
will das Objekt vernichten, oder es hat wenigstens den An-
schein, als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten-
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit
Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln; sie verbleiben
im Es. Das Über‑Ich aber benimmt sich, als wäre das Ich für
sie verantwortlich, und zeigt uns gleichzeitig durch den Ernst,
mit dem es diese Vernichtungsabsichten verfolgt, daß es sich
nicht um einen durch die Regression hervorgerufenen An-
schein, sondern um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß
handelt. Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich ver-
geblich gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie gegen
die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es gelingt ihm,
gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen, das Er-
gebnis ist zunächst eine endlose Selbstqual und in der weiteren
Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts, wo
dies zugänglich ist.Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf
verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung mit
erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils als
Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil setzen
sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. Wie kommt
es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich zu einer Art
Sammelstätte der Todestriebe werden kann?Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität,
kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist
bemüht, moralisch zu sein, das Über‑Ich kann hypermoralisch
und dann so grausam werden wie nur das Es. Es ist merk-
würdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression nach
außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem
Ichideal wird. Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies
umgekehrt, sie sieht in der Forderung des Ichideals das
Motiv für die Unterdrückung der Aggression. Die TatsacheS.
386
bleibt aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein
Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert sich
die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein Ich. Es ist
wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen das eigene Ich.
Schon die gemeine, normale Moral hat den Charakter des
hart Einschränkenden, grausam Verbietenden. Daher stammt
ja die Konzeption des unerbittlich strafenden höheren
Wesens.Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern,
ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über‑Ich ist ja
durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden.
Jede solche Identifizierung hat den Charakter einer De-
sexualisierung oder selbst Sublimierung. Es scheint nun, daß
bei einer solchen Umsetzung auch eine Triebentmischung
stattfindet. Die erotische Komponente hat nach der Subli-
mierung nicht mehr die Kraft, die ganze hinzugesetzte De-
struktion zu binden, und diese wird als Aggressions‑ und
Destruktionsneigung frei. Aus dieser Entmischung würde das
Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug des gebieteri-
schen Sollens beziehen.Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier
liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der Liebe
zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des Ichs zu
stande gekommen, sondern die Folge einer Regression, die
sich im Es vollzogen hat. Aber dieser Vorgang hat vom Es
auf das Über‑Ich übergegriffen, welches nun seine Strenge
gegen das unschuldige Ich verschärft. In beiden Fällen würde
aber das Ich, welches die Libido durch Identifizierung be-
wältigt hat, dafür die Strafe durch die der Libido beige-
mengte Aggression vom Über‑Ich her erleiden.Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären,
seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit zu gewin-
nen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinenS.
387
Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft
seiner Beziehung zum Wahrnehmungssystem stellt es die
zeitliche Anordnung der seelischen Vorgänge her und unter-
zieht dieselben der Realitätsprüfung. Durch die Einschaltung
der Denkvorgänge erzielt es einen Aufschub der motorischen
Entladungen und beherrscht die Zugänge zur Motilität.
Letztere Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch,
das Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stel-
lung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sank-
tion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über-
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto
einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen
von außen; das Es aber ist seine andere Außenwelt, die es
sich zu unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet
die Objektbesetzungen des Es zu Ichgestaltungen um. Mit
Hilfe des Über-Ichs schöpft es in einer für uns noch dunklen
Weise aus den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich
eindringen kann. Der eine ist der direkte, der andere führt
über das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätig-
keiten entscheidend sein, auf welchem der beiden Wege sie
erfolgen. Das Ich entwickelt sich von der Triebwahr-
nehmung zur Triebbeherrschung, vom Triebgehorsam zur
Triebhemmung. An dieser Leistung hat das Ichideal, das ja
zum Teil eine Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des
Es ist, seinen starken Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werk-
zeug, welches dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es
ermöglichen soll.Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding,
welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und dem-
zufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet,
von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der
Strenge des Über‑Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechenS.
388
diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines
Rückzuges vor der Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich
zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt
gefügig machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich eigentlich
wie der Arzt in einer analytischen Kur, indem es sich selbst
mit seiner Rücksichtnahme auf die reale Welt dem Es als
Libidoobjekt empfiehlt und dessen Libido auf sich lenken
will. Es ist nicht nur der Helfer des Es, auch sein unter-
würfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn wirbt. Es
sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu bleiben,
überzieht dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisie-
rungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen
der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig
geblieben ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität
und wo möglich auch die mit dem Über‑Ich. In seiner Mittel-
stellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft
der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lüg-
nerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter
Einsicht sich doch in der Gunst der öffentlichen Meinung
behaupten will.Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch.
Durch seine Identifizierungs‑ und Sublimierungsarbeit leistet
es den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der
Libido, gerät aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todes-
triebe zu werden und selbst umzukommen. Es hat sich zu
Zwecken der Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen,
wird dadurch selbst Vertreter des Eros und will nun leben
und geliebt werden.Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung
und Freiwerden der Aggressionstriebe im Über‑Ich zur Folge
hat, liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der
Gefahr der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das IchS.
389
unter der Aggression des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt,
so ist sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die
an den Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst
geschaffen haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökono-
mischen Sinne erscheint uns die im Über-Ich wirkende
Moral.Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom
Über‑Ich die interessanteste.Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei
Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den Fluchtreflex, indem
es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrneh-
mung oder dem ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zu-
rückzieht und als Angst ausgibt. Diese primitive Reaktion
wird später durch Aufführung von Schutzbesetzungen abge-
löst (Mechanismus der Phobien). Was das Ich von der äußeren
und von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht
angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Vernichtung,
aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das Ich folgt einfach
der Warnung des Lustprinzips. Hingegen läßt sich sagen,
was sich hinter der Angst des Ichs vor dem Über‑Ich, der
Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen, welches zum
Ichideal wurde, drohte einst die Kastration und diese Kastra-
tionsangst ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die
spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge-
wissensangst fortsetzt.Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst,
schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu recht-
fertigen. Es scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todes-
angst von der Objekt-(Real‑)Angst und von der neuroti-
schen Libidoangst zu sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein
schweres Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff
von negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst könnteS.
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nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libidobesetzung in
reichlichem Ausmaß entläßt, also sich selbst aufgibt, wie
sonst im Angstfalle ein anderes Objekt. Ich meine, daß die
Todesangst sich zwischen Ich und Über-Ich abspielt.Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei
Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen Angstentwick-
lung durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere
Gefahr und als inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melan-
cholie. Der neurotische Fall mag uns wieder einmal zum Ver-
ständnis des realen verhelfen.Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Er-
klärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Über-Ich
gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also
für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über‑Ich
geliebt werden, das auch hier als Vertreter des Es auftritt.
Das Über‑Ich vertritt dieselbe schützende und rettende Funk-
tion wie früher der Vater, später die Vorsehung oder das
Schicksal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen,
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr befindet, die
es aus eigenen Kräften nicht glaubt überwinden zu können.
Es sieht sich von allen schützenden Mächten verlassen und
läßt sich sterben. Es ist übrigens immer noch dieselbe
Situation, die dem ersten großen Angstzustand der Geburt
und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der
Trennung von der schützenden Mutter.Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst
wie die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst
aufgefaßt werden. Bei der großen Bedeutung des Schuld-
gefühls für die Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu
weisen, daß die gemeine neurotische Angst in schweren Fällen
eine Verstärkung durch die Angstentwicklung zwischen Ich
und Über‑Ich (Kastrations‑, Gewissens‑, Todesangst) erfährt.Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat keine
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Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. Es kann nicht
sagen, was es will; es hat keinen einheitlichen Willen zu-
stande gebracht. Eros und Todestrieb kämpfen in ihm; wir
haben gehört, mit welchen Mitteln sich die einen Triebe
gegen die anderen zur Wehre setzen. Wir könnten es so dar-
stellen, als ob das Es unter der Herrschaft der stummen, aber
mächtigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur Ruhe
bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei die Rolle des
Eros zu unterschätzen.
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Das Ich und das Es1923-003/1931