Das Ich und das Es1923-003/1931
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    Bewußtsein und Unbewußtes

    In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen
    und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu
    vermeiden.

    Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Un-
    bewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und
    gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wich-
    tigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen,
    der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders ge-
    sagt: die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen
    nicht ins Bewußtsein verlegen, sondern muß das Bewußtsein
    als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen
    Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.

    Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psy-
    chologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre
    ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein
    Teil der Leser halt macht und nicht weiter mitgeht, denn
    hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten
    philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das

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    nicht auch bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd
    und durch bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies
    kommt nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der
    Hypnose und des Traumes, welche – vom Pathologischen
    ganz abgesehen – zu solcher Auffassung zwingen, nie stu-
    diert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber auch un-
    fähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu lösen.

    Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus,
    der sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung
    beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches
    Element, zum Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht
    dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, daß der
    Zustand des Bewußtseins rasch vorübergeht; die jetzt be-
    wußte Vorstellung ist es im nächsten Moment nicht mehr,
    allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedin-
    gungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht
    was; wir können sagen, sie sei latent gewesen, und meinen
    dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig war. Auch
    wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir
    eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt
    dann mit latent‑bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen
    würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt
    hat hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zu-
    stand der Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches.
    Würden wir ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so
    gerieten wir in einen Wortstreit, aus dem sich nichts ge-
    winnen ließe.

    Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten
    auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von
    Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle
    spielt. Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß
    es sehr starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, –
    hier kommt zuerst ein quantitatives, also ökonomisches

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    Moment in Betracht – die alle Folgen für das Seelenleben
    haben können wie sonstige Vorstellungen, auch solche
    Folgen, die wiederum als Vorstellungen bewußt werden
    können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht
    nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so oft
    dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die
    psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche
    Vorstellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse
    Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden
    könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich
    von anderen anerkannten psychischen Elementen unter-
    scheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, daß
    sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden
    haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende Kraft auf-
    heben und die betreffenden Vorstellungen bewußt machen
    kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der Bewußt-
    machung befanden, heißen wir Verdrängung, und die
    Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht-
    gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit
    als Widerstand zu verspüren.

    Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus
    der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das
    Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei
    Unbewußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und
    das Verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseins-
    fähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann
    nicht ohne Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung
    bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt
    ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt; den
    Namen unbewußt beschränken wir auf das dynamisch
    unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben,
    bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw), deren
    Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wir

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    an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das
    Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten
    Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber
    nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben
    und das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten
    Psychischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vor-
    schlagen, das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen
    des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre
    hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Dar-
    stellung wären die Folge davon und die einzig wichtige
    Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen anderen Punkten
    mit dem anerkannt Psychischen übereinstimmen, wäre zu-
    gunsten eines Vorurteils in den Hintergrund gedrängt, eines
    Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide
    oder das Bedeutsamste von ihnen noch nicht kannte.

    Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und
    ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen,
    daß es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im
    dynamischen aber nur eines. Für manche Zwecke der Dar-
    stellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen, für
    andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immer-
    hin an diese Zweideutigkeit des Unbewußten ziemlich ge-
    wöhnt und sind gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt
    sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung
    zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist schließlich eine
    Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beant-
    worten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine
    Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen
    wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht
    darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung
    nur einen zweideutigen Ausdruck findet2.

    2)Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten.
    [S 15 dieses Bandes.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik

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    Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt
    sich aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzu-
    länglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen,
    die das zeigen, sei folgende als die entscheidende hervor-
    gehoben. Wir haben uns die Vorstellung von einer zusammen-
    hängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer
    Person gebildet und heißen diese das Ich derselben. An
    diesem Ich hängt das Bewußtsein, es beherrscht die Zugänge
    zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die
    Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz, welche eine
    Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur
    Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum-
    zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Ver-
    drängungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen
    nicht nur vom Bewußtsein, sondern auch von den anderen
    Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werden

    des Unbewußten verdient an dieser Stelle gewürdigt zu werden.
    Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psychoanalytischen
    Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen
    wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen
    Tatsache, daß auch das Bewußtsein – als Phänomen – eine große
    Reihe von Abstufungen der Intensität oder Deutlichkeit erkennen
    läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar
    bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum
    eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten
    seien eben die, für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort
    unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder
    „im Bewußtsein“ und lassen sich voll und stark bewußt machen,
    wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 
    Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der
    Konvention oder von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch
    Argumente beeinflußt werden kann, läßt sich hiezu folgendes be-
    merken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der Bewußt-
    heit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa
    die analogen Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung
    vom grellsten, blendenden Licht bis zum matten Lichtschimmer,
    folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: es gibt ver-
    schiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese

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    sollen. Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich in
    der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird der Analyse
    die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzuheben, die das
    Ich gegen die Beschäftigung mit dem Verdrängten äußert.
    Nun machen wir während der Analyse die Beobachtung, daß
    der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn wir ihm gewisse
    Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen, wenn sie
    sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann,
    er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er
    weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlust-
    gefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm
    wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da
    aber dieser Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht
    und diesem angehört, so stehen wir vor einer unvorher-
    gesehenen Situation. Wir haben im Ich selbst etwas gefun-
    den, was auch unbewußt ist, sich gerade so benimmt wie

    Sätze mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie
    sind praktisch verwerflich, wie sich herausstellt, wenn man be-
    stimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, zum Beispiel: also
    braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organis-
    men unsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung
    des Unmerklichen unter das Bewußte nichts anderes, als daß man
    sich die einzige unmittelbare Sicherheit verdirbt, die es im
    Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man nichts
    weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes
    Seelisches. Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das
    Unbewußte offenbar ohne Rücksicht auf die dynamischen Ver-
    hältnisse versucht worden, welche für die psychoanalytische Auf-fassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei
    vernachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstren-
    gung bedarf, um einem solchen Unbemerkten genug Aufmerksam-
    keit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn dies gelungen ist, das
    vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird,
    sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und
    von ihm schroff abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf
    das wenig Bemerkte und nicht Bemerkte ist also doch nur ein
    Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des Psychischen
    mit dem Bewußten ein für allemal feststeht.

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    das Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne
    selbst bewußt zu werden, und zu dessen Bewußtmachung es 
    einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge dieser Erfahrung
    für die analytische Praxis ist, daß wir in unendlich viele
    Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten, wenn wir an
    unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und zum
    Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem Be-
    wußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir
    müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die
    strukturellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen
    einsetzen: den zwischen dem zusammenhängenden Ich und
    dem von ihm abgespaltenen Verdrängten3.

    Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind
    aber noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte
    uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht
    bringt uns die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit
    dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles
    Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt.
    Auch ein Teil des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil
    des Ichs, kann ubw sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw
    des Ichs ist nicht latent im Sinne des Vbw, sonst dürfte es
    nicht aktiviert werden, ohne bw zu werden, und seine
    Bewußtmachung dürfte nicht so große Schwierigkeiten be-
    reiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes,
    nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zu-
    gestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns an
    Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität,
    die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen
    gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch
    müssen wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließ-
    lich ist die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte
    im Dunkel der Tiefenpsychologie.

    3)Vgl. Jenseits des Lustprinzips.