Das Ich und das Es1923-003/1931
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    III

    Das Ich und das Über‑Ich (Idideal)

    Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahr-
    nehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter
    der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit

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    einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas
    anderes hinzu.

    Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich
    anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die
    Ich‑Ideal oder Über‑Ich zu nennen ist, sind an
    anderen Orten auseinandergesetzt worden9. Sie bestehen zu
    Recht10. Daß dieses Stück des Ichs eine weniger feste Be-
    ziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Er-
    klärung verlangt.

    Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns
    gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch
    die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im
    Ich wieder aufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch
    eine Identifizierung abgelöst wird11. Damals erkannten wir
    aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und
    wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. Wir haben
    seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen An-
    teil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu
    beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter
    heißt.

    Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi-
    duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht
    von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur
    annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen,

    9)Zur Einführung des Narzißmus. – Massenpsychologie und
    Ich-Analyse.

    10)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem
    Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur
    bedürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur
    Wahrnehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine
    eigene Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt
    gehaltene Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt
    dahin richtiggestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern
    des Ichs anzuerkennen ist.

    11)Trauer und Melancholie.

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    welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse empfindet.
    Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den Objekt-
    besetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder sucht sie
    durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren12.

    Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben wer-
    den, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die
    man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der
    Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse
    dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht
    erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion,
    die eine Art von Regression zum Mechanismus der oralen
    Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese
    Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es
    seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in
    frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die
    Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
    Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die
    Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich
    von vornherein eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben,
    inwieweit der Charakter einer Person diese Einflüsse aus
    der Geschichte der erotischen Objektwahlen abwehrt oder
    annimmt. Bei Frauen, die viel Liebeserfahrungen gehabt
    haben, glaubt man, die Rückstände ihrer Objektbesetzungen
    in ihren Charakterzügen leicht nachweisen zu können. Auch
    eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung, 

    12)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl
    durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die
    Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt,
    als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten
    Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung
    des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der
    Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die
    hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, treffen
    für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.

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    also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf-
    gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Fall
    könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung
    überleben und sie in gewissem Sinne konservieren.

    Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung
    einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch
    ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Be-
    ziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdings auf Kosten
    einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse.
    Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es
    sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm
    seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: „Sieh, du kannst
    auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“

    Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido,
    die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der
    Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art
    von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behand-
    lung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur
    Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Ver-
    mittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die
    sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr
    dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen13. Ob diese Ver-
    wandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge
    haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiede-
    nen mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen,
    wird uns noch später beschäftigen.

    Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch
    nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für

    13)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung
    des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und
    Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch die
    beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen 
    „sekundären Narzißmus“ her.

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    einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs ver-
    weilen lassen. Nehmen diese überhand, werden allzu zahl-
    reich, und überstark und miteinander unverträglich, so 
    liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. Es kann zu einer 
    Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen 
    Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander ab-
    schließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von 
    sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die 
    einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an 
    sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt 
    sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen 
    Identifizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Kon-
    flikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeich-
    net werden können.

    Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charak-
    ters gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen ge-
    stalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter 
    erfolgten Identifizierungen werden allgemeine und nach-
    haltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ichideals 
    zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und be-
    deutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem 
    Vater der persönlichen Vorzeit14. Diese scheint zunächst 
    nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, 
    sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als 
    jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der

    14)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, 
    denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des 
    Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge-
    wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich 
    Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis-
    mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, 
    sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte. 
    Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren 
    Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem 
    Vater behandeln.

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    ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter
    betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in
    solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre
    Identifizierung zu verstärken.

    Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es
    notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind
    zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden,
    die dreieckige Anlage des Ödipusverhältnisses und die kon-
    stitutionelle Bisexualität des Individuums.

    Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche
    Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für
    die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust
    ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer
    Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters
    bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden
    Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch
    die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter
    und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen
    ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht15. Die Vater-
    identifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie
    wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, um
    ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhält-
    nis zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der
    Identifizierung von Anfang an enthaltene Ambivalenz
    manifest geworden wäre. Die ambivalente Einstellung zum
    Vater und die nur zärtliche Objektstrebung nach der
    Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des ein-
    fachen, positiven Ödipuskomplexes.

    Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die
    Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre
    Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung

    15)Vgl. Massenpsychologie und Ich‑Analyse, VII.

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    mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vateridenti-
    fizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den nor-
    maleren anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung
    zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den
    Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit
    im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz
    analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen
    Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung
    (oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den
    weiblichen Charakter des Kindes festlegt.

    Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Er-
    wartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins
    Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei
    Mädchen leichter zu beobachten als bei Knaben. Man er-
    fährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine Mädchen,
    nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten
    mußte, nun seine Männlichkeit hervorholt und sich anstatt
    mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen
    Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an,
    ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind – worin
    immer diese bestehen mögen.

    Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in
    Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern
    von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen ab-
    zuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in
    die Schicksale des Ödipuskomplexes einmengt. Die andere
    ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck,
    daß der einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das
    häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schemati-
    sierung entspricht, die allerdings oft genug praktisch ge-
    rechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu-
    meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der
    ein zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, abhängig 

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    von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h.
    der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung
    zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter,
    sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mäd-
    chen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum
    Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige
    gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der Bisexualität macht
    es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objektwahlen
    und Identifizierungen zu durchschauen und noch schwie-
    riger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß
    die im Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus
    auf die Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich
    es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus
    der Identifizierung entwickelt würde.

    Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz
    besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen
    Ödipuskomplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung
    zeigt dann, daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder
    der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche
    Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren
    einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende
    der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die
    Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Beteili-
    gung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang
    des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen
    Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine
    Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die Vater-
    identifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Kom-
    plexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des um-
    gekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutter-
    identifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung
    der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der
    beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.

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    So kann man als allgemeinstes Ergebnis
    der vom Ödipuskomplex beherrschten
    Sexualphase einen Niederschlag im Ich 
    annehmen, welcher in der Herstellung dieser
    beiden, irgendwie miteinander vereinbarten 
    Identifizierungen besteht. Diese 
    Ichveränderung behält ihre Sonderstellung,
    sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als
    Ichideal oder Über-Ich entgegen.

    Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der
    ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die
    Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen die-
    selben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der
    Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt
    auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht
    sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches bleibt
    ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet
    sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung
    des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung
    erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus-
    komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da
    die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die
    Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte
    sich das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem
    es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich
    gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus und diese
    Anleihe ist ein außerordentlich folgenschwerer Akt. Das
    Über‑Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je
    stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem
    Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre)
    seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das
    Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl
    über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft zu dieser

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    Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter,
    der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber
    werde ich später eine Vermutung vorbringen.

    Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über‑Ichs 
    nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier 
    höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kind-
    lichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der 
    Tatsache seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unter-
    brechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit 
    auf den zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens 
    zurückgeführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch 
    menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische 
    Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwungenen 
    Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung 
    des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die be-
    deutsamsten Züge der individuellen und der Artentwicklung, 
    ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck 
    schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen sie 
    ihren Ursprung verdankt.

    Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf 
    gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische, 
    Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf 
    war doppelt ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, 
    da von Anbeginn an den moralischen und ästhetischen Ten-
    denzen im Ich der Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, 
    letzteres, da man nicht einsehen wollte, daß die psycho-
    analytische Forschung nicht wie ein philosophisches System 
    mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auftreten 
    konnte, sondern sich den Weg zum Verständnis der seelischen 
    Komplikationen schrittweise durch die analytische Zer-
    gliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen 
    mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den Verbleib 
    des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir

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    uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu
    beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs
    heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sitt-
    lichen Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch
    ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß,
    und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über‑Ich,
    die Repräsentanz unserer Elternbeziehung. Als kleine Kinder
    haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürch-
    tet, später sie in uns selbst aufgenommen.

    Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und
    somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten
    Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das
    Ich des Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich
    selbst dem Es unterworfen. Während das Ich wesentlich
    Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das
    Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon-
    flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun
    vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und
    Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, widerspiegeln.

    Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im
    Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die
    Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell
    wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungs-
    geschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem phylo-
    genetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des Einzelnen.
    Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat,
    wird durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschen-
    seele im Sinne unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergeb-
    liches Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise
    wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleichnisse
    einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und
    Es nachzubilden versuchten.

    Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen

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    genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt
    werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält
    es den Keim, aus dem sich alle Religionen gebildet haben.
    Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des
    Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Emp-
    finden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft. Im
    weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autori-
    täten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote
    sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben jetzt als
    Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung
    zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistun-
    gen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die
    sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen
    auf Grund des gleichen Ichideals.

    Religion, Moral und soziales Empfinden – diese Haupt-
    inhalte des Höheren im Menschen16 – sind ursprünglich eins
    gewesen. Nach der Hypothese von „Totem und Tabu“
    wurden sie phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Reli-
    gion und sittliche Beschränkung durch die Bewältigung des
    eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch
    die Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität
    unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all diesen
    sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht der Männer
    vorangegangen zu sein, gekreuzte Vererbung hat den Besitz
    auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen
    noch heute beim Einzelnen als Überbau über die eifersüch-
    tigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da
    die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich
    eine Identifizierung mit dem anfänglichen Rivalen her.
    Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Ver-
    mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärtlichen 

    16)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.

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    Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige Ein-
    stellung abgelöst hat17.

    Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue
    Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück-
    weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den
    Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Un-
    zulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird.
    Die Frage lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit
    am Vaterkomplex erworben, das Ich des Primitiven oder
    sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht
    einfach von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt
    das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differenzierung
    in Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe Zeiten tragen?
    Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, daß die ganze Auf-
    fassung der Ichvorgänge nichts fürs Verständnis der Phylo-
    genese leistet und auf sie nicht anwendbar ist?

    Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beant-
    worten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen
    wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern noch viel
    einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie der notwendige
    Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Über‑Ich
    ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus
    führten, entstehen. Die Frage, ob das Ich oder das Es jene
    Erfahrungen und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in
    sich zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es
    kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer
    durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von
    einer direkten Vererbung im Ich kann man aber doch nicht
    reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem realen In-
    dividuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den

    17)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse [Seite 248 ff dieses
    Bandes]. – Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht,
    Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften, Bd. V].

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    Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht
    vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil
    des Es ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die
    Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und
    stark genug bei vielen generationsweise aufeinanderfolgen-
    den Individuen wiederholen, setzen sie sich sozusagen in
    Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung fest-
    gehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich
    die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich
    sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur
    ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen
    eine Auferstehung.

    Die Entstehungsgeschichte des Über‑Ichs macht es ver-
    ständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objekt-
    besetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem
    Über‑Ich, fortsetzen können. Wenn dem Ich die Bewältigung
    des Ödipuskomplexes schlecht gelungen ist, wird dessen dem
    Es entstammende Energiebesetzung in der Reaktionsbildung
    des Ichideals wieder zur Wirkung kommen. Die ausgiebige
    Kommunikation dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen
    wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil
    unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der Kampf,
    der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Subli-
    mierung und Identifizierung nicht zum Abschluß gekommen
    war, setzt sich nun wie auf dem Kaulbachschen Gemälde
    der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort.

    IV
    Die beiden Triebarten

    Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen 
    Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über-Ich einen Fortschritt 
    in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel