S.
S.
356
einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas
anderes hinzu.Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich
anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die
Ich‑Ideal oder Über‑Ich zu nennen ist, sind an
anderen Orten auseinandergesetzt worden9. Sie bestehen zu
Recht10. Daß dieses Stück des Ichs eine weniger feste Be-
ziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Er-
klärung verlangt.Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns
gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch
die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im
Ich wieder aufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch
eine Identifizierung abgelöst wird11. Damals erkannten wir
aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und
wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. Wir haben
seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen An-
teil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu
beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter
heißt.Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi-
duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht
von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen,9)Zur Einführung des Narzißmus. – Massenpsychologie und
Ich-Analyse.10)Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur
bedürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur
Wahrnehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine
eigene Aufgabe bliebe. – Auch frühere, ziemlich unbestimmt
gehaltene Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt
dahin richtiggestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern
des Ichs anzuerkennen ist.11)Trauer und Melancholie.
S.
357
welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse empfindet.
Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den Objekt-
besetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder sucht sie
durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren12.Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben wer-
den, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die
man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der
Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse
dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht
erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion,
die eine Art von Regression zum Mechanismus der oralen
Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese
Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es
seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in
frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die
Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die
Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natürlich
von vornherein eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben,
inwieweit der Charakter einer Person diese Einflüsse aus
der Geschichte der erotischen Objektwahlen abwehrt oder
annimmt. Bei Frauen, die viel Liebeserfahrungen gehabt
haben, glaubt man, die Rückstände ihrer Objektbesetzungen
in ihren Charakterzügen leicht nachweisen zu können. Auch
eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung,12)Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt,
als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der
Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die
hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, treffen
für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.S.
358
also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf-
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Fall
könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung
überleben und sie in gewissem Sinne konservieren.Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung
einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch
ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Be-
ziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdings auf Kosten
einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse.
Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es
sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm
seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: „Sieh, du kannst
auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido,
die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der
Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art
von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behand-
lung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur
Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Ver-
mittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die
sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr
dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen13. Ob diese Ver-
wandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiede-
nen mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen,
wird uns noch später beschäftigen.Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch
nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für13)Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung
des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und
Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch die
beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen
„sekundären Narzißmus“ her.S.
359
einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs ver-
weilen lassen. Nehmen diese überhand, werden allzu zahl-
reich, und überstark und miteinander unverträglich, so
liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. Es kann zu einer
Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen
Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander ab-
schließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von
sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die
einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an
sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt
sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen
Identifizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Kon-
flikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeich-
net werden können.Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charak-
ters gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen ge-
stalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter
erfolgten Identifizierungen werden allgemeine und nach-
haltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ichideals
zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und be-
deutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem
Vater der persönlichen Vorzeit14. Diese scheint zunächst
nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein,
sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als
jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der14)Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern,
denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des
Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge-
wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich
Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis-
mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen,
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte.
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem
Vater behandeln.S.
360
ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter
betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in
solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre
Identifizierung zu verstärken.Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es
notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind
zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden,
die dreieckige Anlage des Ödipusverhältnisses und die kon-
stitutionelle Bisexualität des Individuums.Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche
Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für
die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust
ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer
Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters
bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden
Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch
die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht15. Die Vater-
identifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie
wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, um
ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhält-
nis zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der
Identifizierung von Anfang an enthaltene Ambivalenz
manifest geworden wäre. Die ambivalente Einstellung zum
Vater und die nur zärtliche Objektstrebung nach der
Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des ein-
fachen, positiven Ödipuskomplexes.Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die
Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre
Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung15)Vgl. Massenpsychologie und Ich‑Analyse, VII.
S.
361
mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vateridenti-
fizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den nor-
maleren anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung
zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den
Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit
im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz
analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen
Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung
(oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den
weiblichen Charakter des Kindes festlegt.Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Er-
wartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins
Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei
Mädchen leichter zu beobachten als bei Knaben. Man er-
fährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine Mädchen,
nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten
mußte, nun seine Männlichkeit hervorholt und sich anstatt
mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen
Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an,
ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind – worin
immer diese bestehen mögen.Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in
Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern
von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen ab-
zuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in
die Schicksale des Ödipuskomplexes einmengt. Die andere
ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck,
daß der einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das
häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schemati-
sierung entspricht, die allerdings oft genug praktisch ge-
rechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu-
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der
ein zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, abhängigS.
362
von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h.
der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung
zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter,
sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mäd-
chen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum
Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige
gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der Bisexualität macht
es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objektwahlen
und Identifizierungen zu durchschauen und noch schwie-
riger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß
die im Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus
auf die Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich
es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus
der Identifizierung entwickelt würde.Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz
besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen
Ödipuskomplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung
zeigt dann, daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder
der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche
Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren
einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende
der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die
Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Beteili-
gung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang
des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen
Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine
Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die Vater-
identifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Kom-
plexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des um-
gekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutter-
identifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung
der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der
beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.S.
363
So kann man als allgemeinstes Ergebnis
der vom Ödipuskomplex beherrschten
Sexualphase einen Niederschlag im Ich
annehmen, welcher in der Herstellung dieser
beiden, irgendwie miteinander vereinbarten
Identifizierungen besteht. Diese
Ichveränderung behält ihre Sonderstellung,
sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als
Ichideal oder Über-Ich entgegen.Das Über‑Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der
ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die
Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen die-
selben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der
Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt
auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht
sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches bleibt
ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet
sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung
des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung
erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus-
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da
die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die
Verwirklichung der Ödipuswünsche erkannt werden, stärkte
sich das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem
es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich
gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus und diese
Anleihe ist ein außerordentlich folgenschwerer Akt. Das
Über‑Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je
stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem
Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre)
seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das
Über‑Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl
über das Ich herrschen. – Woher es die Kraft zu dieserS.
364
Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter,
der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber
werde ich später eine Vermutung vorbringen.Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über‑Ichs
nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier
höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kind-
lichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der
Tatsache seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unter-
brechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit
auf den zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens
zurückgeführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische
Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwungenen
Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung
des Über‑Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die be-
deutsamsten Züge der individuellen und der Artentwicklung,
ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck
schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen sie
ihren Ursprung verdankt.Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische,
Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf
war doppelt ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres,
da von Anbeginn an den moralischen und ästhetischen Ten-
denzen im Ich der Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde,
letzteres, da man nicht einsehen wollte, daß die psycho-
analytische Forschung nicht wie ein philosophisches System
mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auftreten
konnte, sondern sich den Weg zum Verständnis der seelischen
Komplikationen schrittweise durch die analytische Zer-
gliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen
mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den Verbleib
des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wirS.
365
uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu
beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs
heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sitt-
lichen Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß,
und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über‑Ich,
die Repräsentanz unserer Elternbeziehung. Als kleine Kinder
haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürch-
tet, später sie in uns selbst aufgenommen.Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und
somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten
Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das
Ich des Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich
selbst dem Es unterworfen. Während das Ich wesentlich
Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das
Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon-
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun
vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und
Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, widerspiegeln.Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im
Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die
Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell
wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungs-
geschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem phylo-
genetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des Einzelnen.
Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat,
wird durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschen-
seele im Sinne unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergeb-
liches Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleichnisse
einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und
Es nachzubilden versuchten.Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen
S.
366
genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt
werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält
es den Keim, aus dem sich alle Religionen gebildet haben.
Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des
Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Emp-
finden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft. Im
weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autori-
täten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote
sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben jetzt als
Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung
zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistun-
gen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die
sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen
auf Grund des gleichen Ichideals.Religion, Moral und soziales Empfinden – diese Haupt-
inhalte des Höheren im Menschen16 – sind ursprünglich eins
gewesen. Nach der Hypothese von „Totem und Tabu“
wurden sie phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Reli-
gion und sittliche Beschränkung durch die Bewältigung des
eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch
die Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all diesen
sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht der Männer
vorangegangen zu sein, gekreuzte Vererbung hat den Besitz
auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen
noch heute beim Einzelnen als Überbau über die eifersüch-
tigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da
die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich
eine Identifizierung mit dem anfänglichen Rivalen her.
Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Ver-
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärtlichen16)Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.
S.
367
Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige Ein-
stellung abgelöst hat17.Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue
Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück-
weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den
Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Un-
zulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird.
Die Frage lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit
am Vaterkomplex erworben, das Ich des Primitiven oder
sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht
einfach von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differenzierung
in Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe Zeiten tragen?
Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, daß die ganze Auf-
fassung der Ichvorgänge nichts fürs Verständnis der Phylo-
genese leistet und auf sie nicht anwendbar ist?Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beant-
worten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen
wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern noch viel
einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie der notwendige
Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Über‑Ich
ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus
führten, entstehen. Die Frage, ob das Ich oder das Es jene
Erfahrungen und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in
sich zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es
kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer
durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von
einer direkten Vererbung im Ich kann man aber doch nicht
reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem realen In-
dividuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den17)Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse [Seite 248 ff dieses
Bandes]. – Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht,
Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften, Bd. V].S.
368
Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht
vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil
des Es ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und
stark genug bei vielen generationsweise aufeinanderfolgen-
den Individuen wiederholen, setzen sie sich sozusagen in
Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung fest-
gehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich
die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich
sein Über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur
ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen
eine Auferstehung.Die Entstehungsgeschichte des Über‑Ichs macht es ver-
ständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objekt-
besetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem
Über‑Ich, fortsetzen können. Wenn dem Ich die Bewältigung
des Ödipuskomplexes schlecht gelungen ist, wird dessen dem
Es entstammende Energiebesetzung in der Reaktionsbildung
des Ichideals wieder zur Wirkung kommen. Die ausgiebige
Kommunikation dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen
wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der Kampf,
der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Subli-
mierung und Identifizierung nicht zum Abschluß gekommen
war, setzt sich nun wie auf dem Kaulbachschen Gemälde
der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort.IV
Die beiden TriebartenWir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen
Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über-Ich einen Fortschritt
in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel
You are here
Das Ich und das Es1923-003/1931