Das Ich und das Es1923-003/1931
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    II 
    Das Ich und das Es

    Die pathologische Forschung hat unser Interesse allzu aus-
    schließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir möchten mehr
    vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, daß auch das Ich
    unbewußt im eigentlichen Sinne sein kann. Unser einziger
    Anhalt während unserer Untersuchungen war bisher das
    Kennzeichen des Bewußt- oder Unbewußtseins; zuletzt haben
    wir gesehen, wie vieldeutig dies sein kann.

    Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein ge-
    bunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch kennen
    lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt, wie ist das
    möglich? Was heißt: etwas bewußt machen? Wie kann das
    vor sich gehen?

    Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. Wir
    haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche des
    seelischen Apparates, das heißt wir haben es einem System
    als Funktion zugeschrieben, welches räumlich das erste von
    der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens nicht nur im
    Sinne der Funktion, sondern diesmal auch im Sinne der
    anatomischen Zergliederung4. Auch unser Forschen muß
    diese wahrnehmende Oberfläche zum Ausgang nehmen.

    Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die von
    außen herankommen (Sinneswahrnehmungen), und von innen
    her, was wir Empfindungen und Gefühle heißen. Wie aber
    ist es mit jenen inneren Vorgängen, die wir etwa – roh
    und ungenau – als Denkvorgänge zusammenfassen können?
    Kommen sie, die sich irgendwo im Innern des Apparates
    als Verschiebungen seelischer Energie auf dem Wege zur
    Handlung vollziehen, an die Oberfläche, die das Bewußtsein
    entstehen läßt, heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen?

    4)S. Jenseits des Lustprinzips.

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    Wir merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich
    ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen Vor-
    stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. Beide
    Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte etwas
    drittes der Fall sein.

    An einer anderen Stelle5 habe ich schon die Annahme
    gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer ubw von einer
    vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin besteht, daß die
    erstere sich an irgendwelchem Material, das unerkannt bleibt,
    vollzieht, während bei der letzteren (der vbw) die Ver-
    bindung mit Wortvorstellungen hinzukommt. Hier
    ist zuerst der Versuch gemacht, für die beiden Systeme Vbw
    und Ubw Kennzeichen anzugeben, die anders sind als die
    Beziehung zum Bewußtsein. Die Frage: Wie wird etwas
    bewußt? lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas vor-
    bewußt? Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den
    entsprechenden Wortvorstellungen.

    Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie waren
    einmal Wahrnehmungen und können wie alle Erinnerungs-
    reste wieder bewußt werden. Ehe wir noch weiter von ihrer
    Natur handeln, dämmert uns wie eine neue Einsicht auf:
    bewußt werden kann nur das, was schon einmal bw Wahr-
    nehmung war, und was außer Gefühlen von innen her
    bewußt werden will, muß versuchen, sich in äußere Wahr-
    nehmungen umzusetzen. Dies wird mittels der Erinnerungs-
    spuren möglich.

    Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen ent-
    halten, welche unmittelbar an das System W-Bw anstoßen,
    so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die Elemente dieses
    Systems von innen her fortsetzen können. Man denkt hier
    sofort an die Halluzination und an die Tatsache, daß die

    5)Das Unbewußte. Internat. Ztschr. f. PsA., III., 1915. [Seite
    98 ff dieses Bandes.]

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    lebhafteste Erinnerung immer noch von der Halluzination
    wie von der äußeren Wahrnehmung unterschieden wird,
    allein ebenso rasch stellt sich die Auskunft ein, daß bei
    der Wiederbelebung einer Erinnerung die Besetzung im
    Erinnerungssystem erhalten bleibt, während die von der
    Wahrnehmung nicht unterscheidbare Halluzination entstehen
    mag, wenn die Besetzung nicht nur von der Erinnerungsspur
    auf das W-Element übergreift, sondern völlig auf dasselbe
    übergeht.

    Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen Wahr-
    nehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein besonderer
    Sinnesursprung für das System Vbw gegeben ist. Die visuellen
    Bestandteile der Wortvorstellung kann man als sekundär,
    durch Lesen erworben, zunächst vernachlässigen und ebenso
    die Bewegungsbilder des Wortes, die außer bei Taubstummen
    die Rolle von unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist
    doch eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes.

    Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung
    zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungsreste – von
    den Dingen – zu vergessen, oder zu verleugnen, daß ein
    Bewußtwerden der Denkvorgänge durch Rückkehr zu den
    visuellen Resten möglich ist und bei vielen Personen bevor-
    zugt scheint. Von der Eigenart dieses visuellen Denkens
    kann uns das Studium der Träume und der vorbewußten
    Phantasien nach den Beobachtungen J. Varendoncks
    eine Vorstellung geben. Man erfährt, daß dabei meist nur
    das konkrete Material des Gedankens bewußt wird, für die
    Relationen aber, die den Gedanken besonders kennzeichnen,
    ein visueller Ausdruck nicht gegeben werden kann. Das
    Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollständiges
    Bewußtwerden. Es steht auch irgendwie den unbewußten
    Vorgängen näher als das Denken in Worten und ist
    unzweifelhaft onto‑ wie phylogenetisch älter als dieses.

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    Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren,
    dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vorbewußt
    wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas Verdrängtes
    (vor)bewußt, zu beantworten: indem wir solche vbw Mittel-
    glieder durch die analytische Arbeit herstellen. Das Bewußt-
    sein verbleibt also an seiner Stelle, aber auch das Ubw ist
    nicht etwa zum Bw aufgestiegen.

    Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung zum
    Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren Wahr-
    nehmung zum Ich eine besondere Untersuchung heraus. Sie
    läßt noch einmal den Zweifel auftauchen, ob man wirklich
    Recht daran tut, alles Bewußtsein auf das eine oberflächliche
    System W‑Bw zu beziehen.

    Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von Vor-
    gängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten
    Schichten des seelischen Apparates. Sie sind schlecht ge-
    kannt, als ihr bestes Muster können noch die der Lust‑Unlustreihe 
    gelten. Sie sind ursprünglicher, elementarer als
    die von außen stammenden, können noch in Zuständen ge-
    trübten Bewußtseins zustande kommen. Über ihre größere
    ökonomische Bedeutung und deren metapsychologische Be-
    gründung habe ich mich an anderer Stelle geäußert. Diese
    Empfindungen sind multilokulär wie die äußeren Wahr-
    nehmungen, können gleichzeitig von verschiedenen Stellen
    kommen und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte
    Qualitäten haben.

    Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drän-
    gendes an sich, dagegen im höchsten Grad die Unlust-
    empfindungen. Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr,
    und darum deuten wir die Unlust auf eine Erhöhung, die
    Lust auf eine Erniedrigung der Energiebesetzung. Nennen
    wir das, was als Lust und Unlust bewußt wird, ein
    quantitativ‑qualitativ Anderes im seelischen Ablauf, so ist

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    die Frage, ob ein solches Anderes an Ort und Stelle bewußt
    werden kann oder bis zum System W fortgeleitet werden
    muß.

    Die klinische Erfahrung entscheidet für das letztere. Sie
    zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine verdrängte
    Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten, ohne daß das
    Ich den Zwang bemerkt. Erst Widerstand gegen den Zwang,
    Aufhalten der Abfuhrreaktion macht dieses Andere sofort
    als Unlust bewußt. Ebenso wie Bedürfnisspannungen, kann
    auch der Schmerz unbewußt bleiben, dies Mittelding
    zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung, der sich wie
    eine innere Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der
    Außenwelt stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfin-
    dungen und Gefühle nur durch Anlangen an das System W
    bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie
    nicht als Empfindungen zustande, obwohl das ihnen ent-
    sprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abge-
    kürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir dann von
    unbewußten Empfindungen, halten die Analogie
    mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht ganz gerecht-
    fertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, daß für die ubw
    Vorstellung erst Verbindungsglieder geschaffen werden
    müssen, um sie zum Bw zu bringen, während dies für die
    Empfindungen, die sich direkt fortleiten, entfällt. Mit
    anderen Worten: die Unterscheidung von Bw und Vbw hat
    für die Empfindungen keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus,
    Empfindungen sind entweder bewußt oder unbewußt. Auch
    wenn sie an Wortvorstellungen gebunden werden, danken
    sie nicht diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es
    direkt.

    Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends klar.
    Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denkvorgänge
    zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte der Satz erwiesen 

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    werden: alles Wissen stammt aus der äußeren Wahr-
    nehmung. Bei einer Überbesetzung des Denkens werden die
    Gedanken wirklich – wie von außen – wahrgenommen
    und darum für wahr gehalten.

    Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen äußerer
    und innerer Wahrnehmung und dem Oberflächensystem W-Bw
    können wir darangehen, unsere Vorstellung vom Ich aus-
    zubauen. Wir sehen es vom System W als seinem Kern
    ausgehen und zunächst das Vbw, das sich an die Erinnerungs-
    reste anlehnt, umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir
    erfahren haben, unbewußt.

    Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon haben,
    wenn wir der Anregung eines Autors folgen, der vergebens
    aus persönlichen Motiven beteuert, er habe mit der gestrengen,
    hohen Wissenschaft nichts zu tun. Ich meine G. Groddeck,
    der immer wieder betont, daß das, was wir unser Ich heißen,
    sich im Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem
    Ausdruck „gelebt“ werden von unbekannten, unbeherrsch-
    baren Mächten6. Wir haben alle dieselben Eindrücke empfan-
    gen, wenngleich sie uns nicht bis zum Ausschluß aller
    anderen überwältigt haben, und verzagen nicht daran, der
    Einsicht Groddecks ihre Stelle in dem Gefüge der
    Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage vor, ihr Rechnung zu
    tragen, indem wir das vom System W ausgehende Wesen,
    das zunächst vbw ist, das Ich heißen, das andere Psychische
    aber, in welches es sich fortsetzt, und das sich wie ubw
    verhält, nach Groddecks Gebrauch das Es7.

    Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auffassung

    6)G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho-
    analytischer Verlag 1923.

    7)Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches
    gefolgt, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das Un-
    persönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen
    durchaus gebräuchlich ist.

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    Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen können.
    Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt
    und unbewußt, diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus
    dem W-System als Kern entwickelt. Streben wir nach
    graphischer Darstellung, so werden wir hinzufügen, das Ich
    umhüllt das Es nicht ganz, sondern nur insoweit das System
    W dessen Oberfläche bildet, also etwa so wie die Keim-
    scheibe dem Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf
    getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm zusammen.

    Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zusammen,
    ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist nur vom Ich
    durch die Verdrängungswiderstände scharf geschieden, durch
    das Es kann es mit ihm kommunizieren. Wir erkennen so-
    fort, fast alle Sonderungen, die wir auf die Anregung der
    Pathologie hin beschrieben haben, beziehen sich nur auf die
    – uns allein bekannten – oberflächlichen Schichten des
    seelischen Apparates. Wir könnten von diesen Verhältnissen

     

    eine Zeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur
    der Darstellung dienen, keine besondere Deutung bean-
    spruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich eine

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    „Hörkappe“ trägt, nach dem Zeugnis der Gehirnanatomie
    nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen schief auf.

    Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direk-
    ten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw
    veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der
    Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Ein-
    fluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur
    Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die
    Stelle des Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneinge-
    schränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das Ich die
    Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsen-
    tiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann,
    im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält.
    Dies alles deckt sich mit allbekannten populären Unter-
    scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder
    ideell richtig zu verstehen.

    Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum
    Ausdruck, daß ihm normalerweise die Herrschaft über die
    Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Ver-
    hältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des
    Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, daß der Reiter
    dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten.
    Dieses Gleichnis trägt ein Stück weiter. Wie dem Reiter,
    will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes
    übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will,
    so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung um-
    zusetzen, als ob es der eigene wäre.

    Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderung vom
    Es scheint noch ein anderes Moment als der Einfluß des
    Systems W hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und
    vor allem die Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem
    gleichzeitig äußere und innere Wahrnehmungen ausgehen
    können. Er wird wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt

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    aber dem Getast zweierlei Empfindungen, von denen die
    eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es
    ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert worden,
    auf welche Weise sich der eigene Körper aus der Wahr-
    nehmungswelt heraushebt. Auch der Schmerz scheint dabei
    eine Rolle zu spielen, und die Art, wie man bei schmerz-
    haften Erkrankungen eine neue Kenntnis seiner Organe er-
    wirbt, ist vielleicht vorbildlich für die Art, wie man über-
    haupt zur Vorstellung seines eigenen Körpers kommt.

    Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur
    ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer
    Oberfläche. Wenn man eine anatomische Analogie für das
    selbe sucht, kann man es am ehesten mit dem „Gehirn-
    männchen“ der Anatomen identifizieren, das in der Hirn-
    rinde auf dem Kopf steht, die Fersen nach oben streckt,
    nach hinten schaut und wie bekannt, links die Sprachzone
    trägt.

    Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wiederholt
    gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige Tat-
    sachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichtspunkt
    einer sozialen oder ethischen Wertung überallhin mitzu-
    nehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, daß das Trei-
    ben der niedrigen Leidenschaften im Unbewußten vor sich
    geht, erwarten aber, daß die seelischen Funktionen um so
    leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein finden, je höher
    sie in dieser Wertung angesetzt sind. Hier enttäuscht uns
    aber die psychoanalytische Erfahrung. Wir haben einerseits
    Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle
    Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, auch
    vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Bewußtsein
    zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifelhaft, sie ereig-
    nen sich zum Beispiel im Schlafzustand und äußern sich
    darin, daß eine Person unmittelbar nach dem Erwachen die

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    Lösung eines schwierigen mathematischen oder anderen
    Problems weiß, um das sie sich am Tage vorher vergeblich
    bemüht hatte8.

    Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. Wir
    lernen in unseren Analysen, daß es Personen gibt, bei denen
    die Selbstkritik und das Gewissen, also überaus hoch-
    gewertete seelische Leistungen, unbewußt sind und als un-
    bewußt die wichtigsten Wirkungen äußern; das Unbewußt-
    bleiben des Widerstandes in der Analyse ist also keineswegs
    die einzige Situation dieser Art. Die neue Erfahrung aber,
    die uns nötigt, trotz unserer besseren kritischen Einsicht,
    von einem unbewußten Schuldgefühl zu reden,
    verwirrt uns weit mehr und gibt uns neue Rätsel auf, be-
    sonders wenn wir allmählich erraten, daß ein solches un-
    bewußtes Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neu-
    rosen eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der
    Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt. Wollen
    wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so müssen wir
    sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich
    kann unbewußt sein. Es ist, als würde uns auf diese Weise
    demonstriert, was wir vorhin vom bewußten Ich ausgesagt
    haben, es sei vor allem ein Körper‑Ich.

    III
    Das Ich und das Über-Ich (Ichideal)

    Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahr-
    nehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter 
    der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit 

    8) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich, und zwar als Ein-
    wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit“, mitgeteilt
    worden.