S.
[338]
DAS ICH UND DAS ES
(1923)
Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort,
die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ 19201 be-
gonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist,
mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüberstand.
Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit ver-
schiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen
aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber
keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der
Psychoanalyse näher als das „Jenseits“. Sie tragen eher den
Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen
sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, daß sie
beim Gröbsten haltmachen, und bin mit dieser Beschrän-
kung recht einverstanden.Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegen-
stand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und
können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die
von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf1)Seite 178 ff dieses Bandes.
S.
339
ihrem Rückzug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin
sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen
andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem
Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die
Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so
geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte
oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil sie
einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so weit ge-
führt hatte. Und endlich, wenn sie dahin gekommen ist, er-
scheinen ihr auch die Dinge anders als den anderen.I
Bewußtsein und UnbewußtesIn diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen
und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu
vermeiden.Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Un-
bewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und
gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wich-
tigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen,
der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders ge-
sagt: die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen
nicht ins Bewußtsein verlegen, sondern muß das Bewußtsein
als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen
Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psy-
chologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre
ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein
Teil der Leser haltmacht und nicht weiter mitgeht, denn
hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten
philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das
You are here
Das Ich und das Es1923-003/1931