Das Ich und das Es1923-003/1931
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    DAS ICH UND DAS ES

    (1923)

    Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort,
    die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ 19201 be-
    gonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist,
    mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüberstand.
    Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit ver-
    schiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen
    aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber
    keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der
    Psychoanalyse näher als das „Jenseits“. Sie tragen eher den
    Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen
    sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, daß sie
    beim Gröbsten haltmachen, und bin mit dieser Beschrän-
    kung recht einverstanden.

    Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegen-
    stand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und
    können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die
    von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf

    1)Seite 178 ff dieses Bandes.

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    ihrem Rückzug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin
    sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen
    andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem
    Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die
    Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so
    geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte
    oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil sie
    einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so weit ge-
    führt hatte. Und endlich, wenn sie dahin gekommen ist, er-
    scheinen ihr auch die Dinge anders als den anderen.

    I 
    Bewußtsein und Unbewußtes

    In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen
    und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu
    vermeiden.

    Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Un-
    bewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und
    gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wich-
    tigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen,
    der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders ge-
    sagt: die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen
    nicht ins Bewußtsein verlegen, sondern muß das Bewußtsein
    als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen
    Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.

    Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psy-
    chologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre
    ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein
    Teil der Leser haltmacht und nicht weiter mitgeht, denn
    hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten
    philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das