• S.

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    Ich bemerke hierzu nur, daß auch dieser Traum sich der Regel
    fügt, die ich in der „Traumdeutung“ [p. 255, 2. Aufl.] gegeben habe:
    Reden, die im Traume vorkommen, stammen von gehörten oder
    selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen Tage ab.

    Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der Vater
    noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (4-
    1/2 Jahre) sieht wieder zu,
    wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt an zu lachen. Man
    fragt ihn: „Warum lachst du?“

    Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna.“ —
    „Warum?“ — „Weil der Wiwimacher so schön ist.“
    „Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher kam
    ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß er den Unter-
    schied zwischen männlichem und weiblichem Genitale in solcher Weise
    anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen.“

    II. Krankengeschichte und Analyse.

    „Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen
    Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie Sie
    daraus lesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse Störung
    entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein
    Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Er-
    laubnis, Sie morgen . . . . . zu besuchen, habe Ihnen aber . . . . . das
    verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet.“

    „Sexuelle Überegung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl
    den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht an-
    zugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd beißen
    werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß er durch
    einen großen Penis geschreckt ist — den großen Penis des Pferdes
    hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen, schon zeitig
    bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß die Mama, weil
    sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse wie ein Pferd.“

    „Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo
    einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an die
    Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt anfängt
    Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht, auf die Gasse zu gehen,
    und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens ganz der alte, lustig,
    heiter.“

  • S.

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    Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten
    Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern zunächst
    uns das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere Auf-
    gabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen“; dies kann erst später
    gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm geholt haben. Vor-
    läufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und nehmen alles zu Be-
    obachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin.

    Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen
    dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:

    „Hans (43/-
    4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der
    Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen hab‘, hab‘
    ich gedacht, du bist fort und ich hab‘ keine Mammi zum Schmeicheln
    (= liebkosen).“

    „Also ein Angsttraum.“

    „Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden bemerkt.
    Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt und machte
    einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber keine Mammi hab‘,
    wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe den Wortlaut nicht in Er-
    innerung. Wenn er in einer solchen elegischen Stimmung war, wurde
    er leider immer von der Mama ins Bett genommen.“

    „Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und sagte
    bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt hat: „Er hat
    aber ein liebes Pischl1).“ [Tante M. hatte vor 4 Wochen bei uns gewohnt;
    sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben badete, und sagte Obiges
    tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans hat es gehört und suchte es
    zu verwerten.]“

    „Am 7. Jänner geht er mit dem Kindermädchen wie gewöhnlich
    in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt,
    daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi „schmei-
    cheln“. Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen wollte und
    geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend ist er heiter wie
    gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst, weint und ist von
    der Mama nicht fortzubringen; er will wieder schmeicheln. Dann wird
    er wieder heiter und schläft gut.“

    „Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren gehen,


    1)Pischl = Genitale. Liebkosungen der Kindergenitalien in Worten oder auch
    Tätlichkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch der Eltern selbst,
    gehören zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen die Psychoanalysen
    voll sind.

  • S.

    15

    um. zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn, wohin er
    sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will nicht weggehen,
    fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber auf der Straße sichtlich
    Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn sagt er nach vielem Sträuben
    zur Mutter: „Ich hab’ mich gefürchtet, daß mich ein Pferd beißen
    wird.“ (Tatsächlich wurde er in Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd
    sah.) Abends soll er wieder einen ähnlichen Anfall bekommen haben
    wie tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er
    sagt weinend: „Ich weiß, ich werde morgen wieder spazieren gehen
    müssen,“ und später: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen.“

    „Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht die
    Hand zum Wiwimacher?“ Darauf sagt er: „Ja, jeden Abend, wenn
    ich im Bette bin.“ Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem Nach-
    mittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben. Nach dem
    Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze Zeit hingegeben.“

    Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir merken
    ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander zu sondern.
    Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung vollkommen
    ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist dem Verständnisse so günstig
    wie ein solches, leider meist vernachlässigtes oder verschwiegenes
    Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich-zärtlichen Gedanken
    und dann mit einem Angstraume ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter
    zu verlieren, so daß er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit
    für die Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies das Grund-
    phänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der
    beiden Verführungsversuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von
    denen der erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem
    Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales
    enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die in Angst
    umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. Wir wissen
    noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht
    erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden Intensität
    der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir noch nicht erkennen,
    dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren. Diese, verdrängter ero-
    tischer Sehnsucht entsprechende Angst ist zunächst wie jede Kinder-
    angst objektlos, Angst noch und nicht Furcht. Das Kind kann nicht
    wissen, wovor es sich fürchtet, und wenn Hans auf dem ersten Spazier-
    gange mit dem Mädchen nicht sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß
    er es eben noch nicht. Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der

  • S.

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    Straße fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der
    Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn
    seiner Abneigung gegen die Straße.

    Auch seine an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafen
    gehen wiederholten ängstlichen und noch deutlich zärtlich getönten
    Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie vor der
    Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden noch gar nicht
    vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde dann unerklärlich; wer
    denkt vor dem Zubettgehen an Straße und Spaziergang? Hingegen ist
    es vollkommen durchsichtig, daß er abends so ängstlich wird, wenn
    ihn vor dem Zubettgehen die Libido, deren Objekt die Mutter ist,
    und deren Ziel etwa sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt
    überfällt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch
    solche Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu
    nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Nebenbei
    vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mit der Mutter
    allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien dort verbringen konnte;
    ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit auf eine Reihe von Gespielen,
    Freunde und Freundinnen, verteilt hatte, die ihm hier abgingen, so daß
    die Libido wieder ungeteilt zur Mutter zurückkehren konnte.

    Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist
    nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für
    etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung verwandeln, wenn
    man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt diese Therapie
    nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht befriedigt sein könnte,
    sie ist nicht mehr voll in Libido zurückzuverwandeln; die Libido wird
    durch irgend etwas in der Verdrängung zurückgehalten1). Dies zeigt
    sich bei Hans auf dem nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm
    macht. Er ist jetzt mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte
    Sehnsucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch
    zum Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum
    Umkehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort
    fürs „Schmeicheln“, oder was der kleine Verliebte sonst möchte. Aber
    die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt finden.
    Auf diesem Spaziergange äußert er zuerst die Furcht, daß ihn ein Pferd
    beißen werde. Woher das Material dieser Phobie stammt? Wahrscheinlich

    1)Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige Empfindung
    von dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht mehr durch die
    Zuführung des ersehnten Objektes aufzuheben ist.

  • S.

    17

    aus jenen noch unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung beige-
    tragen haben und die Libido zur Mutter im verdrängten Zustande er-
    halten. Das ist noch das Rätsel des Falles, dessen weitere Entwicklung
    wir nun verfolgen müssen, um die Lösung zu finden. Gewisse Anhalts-
    punkte, die wahrscheinlich verläßlich sind, hat uns der Vater schon
    gegeben, daß er die Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit
    Interesse beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwi-
    macher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das Pferd
    sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, daß Hans am
    Abende die Furcht äußert, das Pferd werde ins Zimmer kommen? Eine
    dumme Angstidee eines kleinen Kindes, wird man sagen. Aber die
    Neurose sagt nichts Dummes, sowenig wie der Traum. Wir schimpfen
    immer dann, wenn wir nichts verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe
    leicht machen.

    Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern
    Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor dem
    Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt. Nun, wird
    der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das Kind masturbiert,
    daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind sich masturbatorische
    Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst keineswegs, macht sie
    vielmehr erst recht rätselhaft. Angstzustände werden nicht durch
    Masturbation, überhaupt nicht durch Befriedigung hervorgerufen.
    Nebenbei dürfen wir annehmen, daß unser Hans, der jetzt 43/4 Jahre
    alt ist, sich dieses Vergnügen gewiß schon seit einem Jahre [vgl. p. 113]
    allabendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im
    Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angst-
    bildung besser paßt.

    Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen wir
    Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen Schein von
    Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und allzu häufige Bereit-
    willigkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den Ausbruch der Neurose
    herbeigeführt; wir könnten ihr ebensowohl den Vorwurf machen, daß
    sie durch ihre energische Abweisung seiner Werbungen [„das ist eine
    Schweinerei“] den Eintritt der Verdrängung beschleunigt habe. Aber
    sie spielt eine Schicksalsrolle und hat einen schweren Stand.

    Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle,
    das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die Wahrheit
    sei, daß er die Mama so gerne habe und von ihr ins Bett genommen
    werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der Pferde so sehr interessiert

  • S.

    18

    habe, darum fürchte er sich jetzt vor den Pferden. Er habe gemerkt, es sei
    unrecht, sich mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv
    zu beschäftigen, und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug
    ich dem Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten.
    Da wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine
    Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen, so solle
    er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß die Mama und alle
    anderen weiblichen Wesen, wie er ja von der Hanna wissen könne-
    einen Wiwimacher überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei
    bei passender Gelegenheit, im Anschlusse an irgend eine Frage oder
    Äußerung von Hans zu erteilen.


    Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die Zeit
    vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird bald ihre Erklärung
    finden.

    „Der Aufklärung1) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne
    besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadtpark
    spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt sich mehr
    in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er sagt: „Ich muß auf die Pferde
    sehen und dann fürchte ich mich.“

    „Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett fesselt,
    verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu bewegen ist
    auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon. Sonntags fährt er jede
    Woche mit mir nach Lainz2), weil an diesem Tage wenig Wagen auf der
    Straße zu sehen sind, und er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg
    hat. In Lainz weigert er sich einmal aus dem Garten heraus spazieren
    zu gehen, weil ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren
    Woche, die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten
    wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar auf den
    Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er zum Haustore
    kommt, rasch wieder um.“

    „Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum Bahnhofe
    folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären, daß Pferde
    nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen; in Gmunden ist ein weißes
    Pferd, das beißt. Wenn man die Finger hinhält, beißt es.“ (Es fällt mir
    auf, daß er sagt: die Finger anstatt: die Hand.) Er erzählt dann folgende

    1)Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der Frauen.

    2)Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen.

  • S.

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    Geschichte, die ich hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi
    hat wegfahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor ihrem
    Haus gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen sollte. [Lizzi ist,
    wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem Nachbarhause wohnte.]
    Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden und das Pferd hat den Kopf
    hingewendet (um ihn zu berühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib
    nicht die Finger zum weißen Pferd, sonst beißt es dich.“ Ich
    sage drauf: „Du, mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern
    ein Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll.“

    Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.“
    Ich: „Vielleicht doch,“ worauf er mir lebhaft beweisen will, daß
    es wirklich ein weißes Pferd war1).“

    „Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet: „Weißt du
    was? Die Dummheit“ – so nennt er seine Phobie – „wird schwächer
    werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt ist sie so stark, weil du
    nicht aus dem Hause herausgekommen bist, weil du krank warst.“

    Er: „O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die Hand zum
    Wiwimacher gebe jede Nacht.“

    Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der
    Onanieabgewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des gegen-
    wärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht an Anzeichen
    für die Bedeutung anderer Momente.

    „Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das sein
    besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmerreinigen auf-
    sitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd“ und hält sie immer am Rock,
    „Hüoh“ rufend. Am 10. März etwa sagt er zu diesem Kindermädchen:
    „Wenn Sie das oder das tun, müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das
    Hemd.“ [Er meint, zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter der Wunsch
    zu erkennen.]“

    Sie: „No, was ist da dran? So werd’ ich mir denken, ich hab
    kein Geld auf Kleider.“

    Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den
    Wiwimacher.“

    Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie es

    1)Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine wirkliche
    Begebenheit erzählt hat. – Die Juckempfindungen an der Eichel, welche die Kinder
    zur Berührung veranlassen, werden übrigens in der Regel so beschrieben: Es beißt
    mich.

  • S.

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    den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden
    Tendenz verdeckt!
    „Am 13. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn du nicht mehr
    die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dummheit schon schwächer
    werden.“
    Hans: „Aber ich geb’ die Hand nicht mehr zum Wiwimacher.“
    Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben.“
    Hans: „Ja, das schon, aber ‚möchten‘ ist nicht ‚tun,‘ und ‚tun‘
    ist nicht ‚möchten‘.“ (!!)
    Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute einen
    Sack zum Schlafen.“
    „Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt aber,
    durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes sichtlich gehoben:
    „No morgen, wenn ich den Sack haben werde, wird die Dummheit weg
    sein.“ Er fürchtet sich tatsächlich vor Pferden viel weniger und läßt
    Wagen ziemlich ruhig vorüberfahren.“
    „Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen, mit
    mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht er doch
    mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wagen fahren, sichtlich
    wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß der liebe Gott das Pferd schon
    ausgelassen hat.“ Auf dem Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester
    keinen Wiwimacher hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen
    Wiwimacher. Die Mammi hat keinen, die Anna nicht usw.“
    Hans: „Hast du einen Wiwimacher?“
    Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?“
    Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl Wiwi, wenn
    sie keinen Wiwimacher haben?“
    Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du noch
    nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?“
    „Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw. Erst
    gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich vor Pferden zu
    fürchten.“
    „Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach Schmeicheln
    schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten Tage wird er von der
    Mama in die Stadt mitgenommen, hat auf der Gasse große Furcht.
    Tags darauf bleibt er zu Hause und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen
    kommt er gegen 6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt
    er: „Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben. Da
    hab’ ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und sie hat den Wiwi-
     

  • S.

    21

    macher sehen lassen. Ich hab’ der Grete,1) meiner Grete, gezeigt, was
    die Mama macht, und hab’ ihr meinen Wiwimacher gezeigt. Dann
    hab’ ich die Hand schnell vom Wiwimacher weggegeben.“ Auf meinen
    Einwand, es kann nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt
    Hans: „Sie war im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den
    Wiwimacher gesehen hab‘.“

    „Das Ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem Traume
    äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun läßt, dient offenbar
    zu seiner Rechtfertigung: „Wenn die Mammi den Wiwimacher zeigt,
    darf ich es auch“.

    Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens, daß
    der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf ihn geübt
    hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten keinen Wiwimacher,
    von ihm zunächst nicht akzeptiert wird. Er bedauert es, daß es so sein
    soll, und hält in der Phantasie an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine
    Gründe, dem Vater fürs erste den Glauben zu versagen.


    Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor! Anbei
    folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz inter-
    essantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag in der
    Ordination aufzusuchen und womöglich Hans mitbringen – voraus-
    gesetzt, daß er geht. Ich hab’ ihn heute gefragt: „Willst du Montag
    mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dummheit wegnehmen
    kann?“

    Er: „Nein.“

    Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.“ – Darauf hat er
    bereitwillig und freudig zugestimmt.“

    „Sonntag 22. März. Um das Sonntagsprogramm etwas zu erweitern,
    schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren und erst
    mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg von der
    Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß zurückzulegen,
    sondern auch von der Station Hietzing nach Schönbrunn und von dort
    wieder zur Dampftramwaystation Hietzing, was er auch absolviert,
    indem er, wenn Pferde kommen, eiligst wegschaut, da ihm offenbar
    ängstlich zumute ist. Mit dem Wegschauen befolgt er einen Rat der
    Mama.“

    1)Grete ist eines der Gmundener Mäderl, von der Hans gerade jetzt phanta-
    siert; er spricht und spielt mit ihr.“

  • S.

    22

    „In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furchtlos
    angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die Giraffe befindet.
    Absolut nicht hinein, will auch zum Elefanten nicht, der ihm sonst viel
    Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor allen großen Tieren, während er
    sich bei den kleinen sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal
    auch den Pelikan, was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen
    seiner Größe.“

    „Ich sage ihm daraufhin: „Weißt du, warum du dich vor den
    großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwimacher,
    und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwimacher.“

    Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den Wiwi-
    macher gesehen1).“

    Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein großes
    Tier.“

    Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen vor
    dem Haus gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt.“

    Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden in
    einen Stall gegangen.…“

    Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die
    Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen.“

    Ich: „– und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du einmal
    den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber davor brauchst
    du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben große Wiwimacher, kleine
    Tiere kleine Wiwimacher.“

    Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi-
    macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja angewachsen.“

    „Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint die
    Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor, wohin
    man ihn nach dem Essen führt.“

    Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation und
    gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren.
    Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst hat, weil er an deren
    großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich nicht sagen,
    daß er sich vor dem großen Wiwimacher selbst fürchtet. Die Vorstellung
    eines solchen war ihm früher entschieden lustbetont, und er versuchte
    mit allem Eifer, sich dessen Anblick zu verschaffen. Dies Vergnügen
    ist ihm seither verleidet worden durch die allgemeine Verkehrung von

    1)Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfige, p. 3. Wahr-
    scheinlich beginnendes Vergessen infolge der Verdrängung.

  • S.

    23

    Lust in Unlust, die – auf noch nicht aufgeklärte Weise – seine ganze
    Sexualforschung betroffen hat, und was uns deutlicher ist, durch gewisse
    Erfahrungen und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten.
    Aus seiner Tröstung: Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer
    werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen beständig
    verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwimachers sehr
    unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern ihn die großen
    Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm sind. Weil aber der ganze
    Gedankengang wahrscheinlich nicht klar bewußt werden kann, wandelt
    sich auch diese peinliche Empfindung in Angst, so daß seine gegen-
    wärtige Angst sich auf der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust
    aufbaut. Wenn einmal ein Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die
    Angst alle anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung,
    je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins
    Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln.

    Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewachsen“
    läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht aus-
    sprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen hat. Ich
    ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den Analysen Er-
    wachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht als eine gewalt-
    same und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja angewachsen“: wenn
    das zum Trutze und Troste gedacht ist, so läßt es an die alte Drohung
    der Mutter denken, sie werde ihm den Wiwimacher abschneiden lassen,
    wenn er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb
    damals, als er 31/2 Jahre war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt,
    dann werde er aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus
    das typische Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt
    nachträglich zur Wirkung käme, und er jetzt, 11/4 Jahre später, unter
    der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man kann
    solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen in der
    Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo das Intervall
    ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich kenne Fälle, in denen
    der „nachträgliche Gehorsam“ der Verdrängung den wesentlichen
    Anteil an der Determinierung der Krankheitssymptome hat.

    Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen
    wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf sein
    Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex gewirkt
    haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum blieb ein
    therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also wirklich

  • S.

    24

    lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen? Dann wäre es
    ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwimacher wegnehmen,
    ihn gleichsam zum Weib machen könnte!1)

    „In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans dadurch, daß
    er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns ins Bett
    kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem Schlafzimmer
    getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht gefürchtet habe.
    Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen,“ schläft in! unserem Bette
    ein und wird dann in seines zurückgetragen.“

    „Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu erfahren,
    weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt sich
    nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort stenographisch
    festlege:

    Er: „In der Nacht war eine große und eine zer-
    wutzelte Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien,
    weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab’. Dann
    hat sie aufgehört zu schreien, und dann hab’ ich mich auf
    die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“
    Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?“
    Er: „Ja.“ (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und sagt
    mir.) „So war sie zerwutzelt.“
    Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf-
    gesetzt? Wie?“
    „Er zeigt mir’s wieder, setzt sich auf die Erde.“
    Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?“
    Er: „Das weiß ich selber nicht.“
    Ich: „Hast du dich gefürchtet?“


    1)Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen, um darzutun,
    wieviel Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die ich hier dem
    kleinen Hans zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel
    des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem
    Juden etwas am Penis, – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde,
    und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über
    das Weib hat keine stärkere unbewußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte
    und sexuell gestörte junge Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Ge-
    schlecht und Charakter“ sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem
    vielbemerkten Kapitel den Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft
    bedacht und mit den nämlichen Schmähungen überhäuft. Weininger stand als
    Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexe; die Beziehung zum
    Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Gemeinsame.

  • S.

    25

    Er: „Nein, bestimmt nicht.“
    Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?“
    Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab’ mir’s gedacht – das Ganze
    hab’ ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon früher.“
    Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt
    ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein Stück
    Papier.“
    Er: „Ich weiß’ ja. Ich hab’s halt geglaubt. Es gibt’s ja eh net auf
    der Welt1). Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem Fußboden, und ich
    hab’ sie weggenommen,¿ mit den Händen genommen.“
    Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen
    nehmen?“
    Er: „Die zerwutzelte hab’ ich mit der Hand genommen.“
    Ich: „Wo war die große unterdessen?“
    Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden.“
    Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?“
    Er: „Ich hab sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die
    große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum Schreien auf-
    gehört hat, hab ich mich draufgesetzt.“
    Ich: „Weshalb hat die große geschrieen?“
    Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab’.“ (Bemerkt, daß
    ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?“)“
    Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ‚Dummheit‘
    wegnehmen kann.“
    Er: „Aha, da hast du’s doch auch aufgeschrieben, daß sich die
    Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem
    Professor.“
    Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß man
    eine Giraffe zerwutzeln kann.“
    Er: „Sag’ ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er nicht
    fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist, kann er uns
    ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben wir gleich, ich weiß
    es selber nicht.“
    Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“
    Ich: „Sag’ mir halt schnell, woran du jetzt denkst.“


    1)Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie.

  • S.

    26

    Seine Wünsche.

    Er (humoristisch): „An einen Himbersaft.“
    Ich: „Was noch?“
    Er: „Ein Gewehr zum Totschießen.1)“
    Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?“
    Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.“

    „Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten, ich
    soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin. Ich hab’s aber
    nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der Mammi geschämt hab‘.“
    Ich: „Weshalb?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“

    „Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag inquiriert,
    bis er ihr die Giraffengeschichte erzählt hat.“

    Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der Giraffen-
    phantasie.

    „Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der lange
    Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr Glied, was
    also der Erfolg der Aufklärung ist.“

    „Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein Bild
    einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen.“

    „Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast jeden
    Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt in der Früh
    immer zu uns, und meine Frau kann es dann nicht unterlassen, ihn für
    einige Minuten zu sich ins Bett zu nehmen. Daraufhin fange ich immer
    an sie zu warnen, sie möge ihn nicht zu-
    sich geschrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab‘“) und sie
    erwidert hie und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute
    sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei ihr. („Dann
    hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und dann hab‘ ich mich auf
    die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.“)

    „Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Eheszene ist
    also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama bekommen, nach
    ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist deshalb ins Schlafzimmer
    gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung der Pferdefurcht.“

    Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzuzufügen:
    Das „Draufsetzen“ ist wahrscheinlich Hansens Darstellung des Besitz-
    ergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutzphantasie, die mit Befriedigung

    1)Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit die klassische Technik
    der Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann doch
    im Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden.

  • S.

    27

    an den Sieg über den väterlichen Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel
    du willst, die Mammi nimmt mich doch ins Bett und die Mammi gehört
    mir.“ Es läßt sich also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater ver-
    mutet: [die Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwi-
    macher mit dem des Vaters nicht messen kann.

    „Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung seiner
    Deutung.

    „Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der Tür
    verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: „Adieu, große
    Giraffe.“ Hans fragt: „Warum Giraffe?“ Darauf ich: „Die Mammi
    ist die große Giraffe,“ worauf Hans sagt: „Nicht wahr, und die Hanna
    ist die zerwutzelte Giraffe?“

    „Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er sagt:
    Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große Giraffe, der
    lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert, sagt er: „Die Mammi
    hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab ich gesehen, wie sie sich
    den weißen Hals gewaschen hat!“1)“

    „Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: „Du,
    heut hab’ ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich bin mit dir in
    Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann sind wir unter den
    Stricken durchgekrochen, und das haben wir dann dem Wachmanne
    beim Eingange des Gartens gesagt und der hat uns zusammengepackt.“
    Das zweite hat er vergessen.“

    „Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen gehen
    wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt, so daß wir
    nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert, daß man einen
    Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter dem man doch leicht
    durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, anständige Menschen kriechen
    nicht unter den Strick. Er meinte, es ist ja ganz leicht, worauf ich
    erwiderte, es kann dann ein Wachmann kommen, der einen fortführt.
    Am Eingange von Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich
    Hans einmal gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.“

    „Nach der Rückkehr von dem Besuche bei ihnen, der am selben Tage
    vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes zu tun.
    „Du, heut früh hab’ ich mir wieder etwas gedacht.“ „Was?“ „Ich bin

    1)Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und Mutter,
    nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Vertretung des Penis
    erblicken will. Wahrscheinlich hat diese Symbolik Recht, aber von Hans kann
    man wahrlich nicht mehr verlangen.

  • S.

    28

    mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein Fenster zerschlagen
    und der Wachmann hat uns mitgenommen.“

    Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, daß
    es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist auf die
    Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an sich. Bei den
    verbotenen Streichen, die er in der Phantasie ausführt, ist jedesmal
    der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt. Der Vater, meint er,
    tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene mit der Mutter, das er sich
    durch etwas Gewalttätiges, wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe,
    durch das Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, ersetzt.

    An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn in meiner
    ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps schon und
    hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit doch so liebenswürdig war,
    jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner erinnerte, weiß ich nicht, aber
    er benahm sich tadellos, wie ein ganz vernünftiges Mitglied der mensch-
    lichen Gesellschaft. Die Konsultation war kurz. Der Vater knüpfte
    daran an, daß trotz aller Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich
    doch nicht gemindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß
    die Beziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte,
    und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter wenig
    ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß ihn besonders
    geniere, was die Pferde vor den Augen haben, und das Schwarze um
    deren Mund ließen sich von dem aus, was wir wußten, gewiß nicht erklären.
    Aber als ich die beiden so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung
    seiner Angstpferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung
    durch den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater entgehen
    konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde Augengläser tragen,
    was er verneinte, dann ob sein Vater Augengläser trage, was er gegen alle
    Evidenz wiederum verneinte, ob er mit dem Schwarzen um den „Mund“
    den Schnurrbart meine, und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor
    seinem Vater, eben weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben,
    daß ihm der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater
    habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen. Lange, ehe
    er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß ein kleiner Hans
    kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte, daß er sich darum vor dem
    Vater fürchten müßte, und hätte es seinem Vater erzählt. „Warum
    glaubst du denn, daß ich böse auf dich bin,“ unterbrach mich hier der
    Vater, „habe ich dich denn je geschimpft oder geschlagen?“ „O ja, du hast
    mich geschlagen,“ verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?“

  • S.

    29

    „Heute vormittag“ mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte sich, daß
    Hans ihn ganz unerwartet mit dem Kopfe in den Bauch gestoßen, worauf
    er ihm wie reflektorisch einen Schlag mit der Hand gegeben. Es war
    bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht in den Zusammenhang der
    Neurose aufgenommen hatte; er verstand es aber jetzt als Ausdruck
    der feindseligen Disposition des Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als
    Äußerung des Bedürfnisses, sich dafür eine Bestrafung zu holen1).

    Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht denn der
    Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher wissen kann?“
    Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kindermund außerordentlich
    stolz, wenn ich sie nicht durch meine scherzhaften Prahlereien selbst
    provoziert hätte. Ich erhielt von dieser Konsultation an fast täglich
    Berichte über die Veränderungen im Befinden des kleinen Patienten.

    Es stand nicht zu erwarten, daß er durch meine Mitteilung mit einem
    Schlage angstfrei werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die
    Möglichkeit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen
    und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Programm aus,
    das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen konnte.

    „Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung festzu-
    stellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für längere Zeit vors
    Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde kamen, mit allen Zeichen
    des Schreckens zurück ins Haus rannte, bleibt er diesmal eine Stunde
    vor dem Haustore, auch wenn Wagen vorüberfahren, was bei uns ziem-
    lich häufig vorkommt. Hie und da läuft er, wenn er von ferne einen
    Wagen kommen sieht, ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich
    anders besinnen würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vor-
    handen und der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen.“

    „Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, werden
    wir auch in den Stadtpark gehen.“

    „Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während er die letzten
    Tage nicht mehr gekommen war und sogar stolz auf diese Enthaltung
    schien. Ich frage: „Weshalb bist du denn heute gekommen?“

    Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht mehr
    kommen.“

    Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?“

    Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn ich

    1)Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später in deut-
    licher und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen Schlag auf die
    Hand gab und dann dieselbe Hand zärtlich küßte.

  • S.

    30

    nicht bei dir im Bette bin, da fürcht’ ich mich. Bis ich mich nicht mehr
    fürchten werde, komme ich nicht mehr.“

    Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du früh
    in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?“

    Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab’ die Mammi gern,
    und ich fürcht’ mich deshalb, wenn ich dich gern hab’?“

    Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. Er gibt zu
    erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der Feindseligkeit gegen
    den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle bei der Mutter ringt, und macht
    dem Vater den Vorwurf, daß er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das
    in Angst auslaufen mußte, nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater
    versteht ihn noch nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unter-
    haltung die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn,
    die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende, das
    ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer für die Auf-
    klärung des Vaters als für den kleinen Patienten.

    „Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner Bedeutung
    aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er mich offenbar weg-
    haben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser unterdrückte feindliche
    Wunsch wird zur Angst um den Vater, und er kommt früh zu mir, um
    zu sehen, ob ich fort bin. Ich habe das leider in diesem Momente noch
    nicht verstanden und sage ihm:

    „Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du kommst
    zu mir.“

    Hans: „Wenn du weg bist, fürcht’ ich mich, daß du nicht nach
    Hause kommst.“

    Ich: „Hab’ ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach Hause
    komme?“

    Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt,
    daß sie nicht mehr kommt.“ (Wahrscheinlich war er schlimm, und sie hat
    ihm mit dem Weggehen gedroht.)“

    Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh’ weg, weil du schlimm warst,
    deshalb kommst du zu mir.“

    „Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans sagt:
    Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn“ anstatt „lauf“ sagt, fällt
    mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich, das Pferd rennt
    dir davon.“ Wozu er lacht.“

  • S.

    31

    Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt gefügt
    ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. Die erstere stammt
    von der Feindseligkeit gegen den Vater, die andere von dem Konflikte
    der Zärtlichkeit, die hier reaktionsweise übertrieben wird, mit der
    Feindseligkeit.

    Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang eines wich-
    tigen Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut, vom Hause aber
    nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der Angst auf der Hälfte des
    Weges umkehrte, ist motiviert durch die Furcht, die Eltern nicht zu
    Hause zu treffen, weil sie weggegangen sind. Er klebt am Hause aus
    Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feindlichen
    Wünschen gegen mich, dann wäre er der Vater.“

    „Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach Wien weggefahren,
    weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater. Ich erinnere daran,
    daß die Pferdeangst an das Erlebnis in Gmunden anknüpft, als ein Pferd
    das Gepäck der Lizzi auf den Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte
    Wunsch, ich solle auf den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter
    allein („das Pferd soll wegfahren“), wird dann zur Angst vor dem Weg-
    fahren der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst,
    als wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe des
    Hauptzollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Bewegung setzen.“

    „Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den Vater)
    konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich nicht böse bin,
    weil er die Mama so gerne hat.“

    „Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er geht wieder
    vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen fahren, nur bei ein-
    zelnen Wagen hat er Angst und läuft in den Hausflur. Er erklärt mir
    auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen; d. h.: durch die Analyse sind
    bereits einige weiße Pferde als ‚Vatti‘ erkannt worden, die beißen nicht
    mehr, allein es bleiben noch andere zum Beißen.“

    „Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: „Gegenüber
    ist das Lagerhaus des Verzehrungsteueramtes mit einer Verladungs-
    rampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, um Kisten u. dgl.
    abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter diesen Hofraum. Vis-
    àvis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor des Hofraumes. (Fig. 2.)
    Ich bemerke schon seit einigen Tagen, daß Hans sich besonders fürchtet,
    wenn Wagen aus dem Hofe heraus- oder hineinfahren, wobei sie eine
    Schwenkung machen müssen. Ich habe seinerzeit gefragt, warum er
    sich so fürchtet, worauf er sagt: „Ich fürcht’ mich, daß die Pferde

  • S.

    32

    Lagerhaus

    Wagen

    Verladungsrampe

    Hofraum

    Gitter

    Einfahrtstor

    Untere Viaduktgasse

    Unser Haus

    Fig. 2.

    umfallen, wenn der Wagen umwendet (A).“ Ebens-
    sosehr fürchtet er sich, wenn Wagen, die bei der Verladungsrampe stehen, sich plötzlich
    in Bewegung setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C)
    vor großen Lastpferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen
    Pferden mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-
    ) Pferden. Auch fürchtet
    er sich mehr, wenn ein Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn die
    Pferde langsam dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natürlich
    erst in den letzten Tagen deutlich hervorgetreten.“

    Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der Patient,
    sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen und wagt es sich
    zu zeigen.

    „Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und wird in
    sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du früh ins Zimmer
    kommst, wird die Pferdeangst nicht besser werden.“ Er trotzt aber und
    antwortet: „Ich werde doch kommen, auch wenn ich mich fürchte.“
    Er will sich auch also den Besuch bei der Mama nicht verbieten lassen.“

    „Nach dem Frühstücke sollen wir hinuntergehen. Hans freut sich
    sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem Haustore zu
    bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen, wo er oft genug Gassen-
    buben spielen sah. Ich sage ihm, es werde mich freuen, wenn er hinüber-
    gehen werde, und benütze die Gelegenheit, um zu fragen, weshalb er
    sich so fürchte, wenn die beladenen Wagen sich an der Verladungs-
    rampe in Bewegung setzen (B).“

    Hans: „Ich fürcht’ mich, wenn ich am Wagen steh’ und der Wagen
    geschwind wegfährt, und ich steh’ drauf und ich will dort auf das Brett
    gehen (die Verladungsrampe) und ich fahre mit dem Wagen weg.“

    Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich nicht?
    Weshalb nicht?“

  • S.

    33

    Hans : „Wenn der Wagen steht, geh’ ich geschwind auf den Wagen
    und geh auf das Brett.“

    „(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe zu
    klettern, und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn er auf
    dem Wagen oben ist.)“

    Fig. 3.

    Ich : „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach Hause
    kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?“

    Hans : „O nein; ich kann ja immer noch zur Mama kommen, mit
    dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch die Haus-
    nummer sagen.“

    Ich : „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?“

    Hans : „Das weiß ich nicht, der Professor wird’s aber wissen.
    Glaubst du, daß er es wissen wird?“

    Ich : „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?“

    Hans : „Weil ich noch nie drüben war, und da hab’ ich so gern
    wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab’ wollen hingehen? Weil
    ich hab’ wollen Gepäck aufladen und einladen und auf dem Gepäcke
    dort hab’ ich wollen herumklettern. Da mag ich so gerne herumklettern.
    Weißt du, von wem ich das Herumklettern gelernt habe? Buben haben
    auf dem Gepäcke geklettert und das hab’ ich auch gesehen und das will
    ich auch machen.“

    „Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans sich auch
    wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte über die Gasse in
    den Hofraum wecken in ihm zu große Widerstände, weil im Hofe fort-
    während Wagen fahren.“

    Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte Spiel Hansens
    mit den beladenen Wagen in eine symbolische, ersetzende Beziehung
    zu einem andern Wunsche geraten sein muß, von dem er noch nichts
    geäußert hat. Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn es nicht zu kühn
    schiene, schon jetzt konstruieren.

    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. 3

  • S.

    34

    „Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurückgekehrt
    frage ich Hans:
    „Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?“
    Hans: „Vor allen.“
    Ich: „Das ist nicht wahr.“
    Hans: „Am meisten fürcht’ ich mich vor den Pferden, die am
    Munde so etwas haben.“
    Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?“
    Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt seinen
    Mund mit der Hand zu).“
    Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?“
    Hans (lacht): „O nein.“
    Ich: „Haben das alle?“
    Hans: „Nein, nur einige.“
    Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?“
    Hans: „So etwas Schwarzes.“ Ich glaube, es ist in der Realität
    das dicke Riemenzeug der Lastpferde über der Schnauze.“

    Fig. 4.

    „Auch vor einem Möbelwagen fürcht’ ich mich am meisten.“
    Ich: „Warum.“
    Hans: „Ich glaub’, wenn die Möbelpferde einen schweren Wagen
    ziehen, fallen sie um.“
    Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also nicht?“
    Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen
    fürcht’ ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, fürcht’ ich
    mich am meisten.“
    Ich: „Warum, weil er so groß ist?“
    Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd umge-
    fallen ist.“
    Ich: „Wann?“

  • S.

    35

    Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz der
    ‚Dummheit‘, wie ich die Weste gekauft hab‘.“
    [Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.]“
    Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?“
    Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim Stell-
    wagen umfallen.“
    Ich: „Bei jedem Stellwagen?“
    Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen nicht
    so oft.“
    Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?“
    Hans: „Nein, ich hab‘ sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom Möbel-
    wagen umgefallen ist, hab‘ ich mich so sehr erschrocken, wirklich! Wie
    ich gegangen bin, hab‘ ich sie gekriegt.“
    Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein Pferd
    wird dich beißen und jetzt sagst du, du hast dich gefürchtet, daß ein
    Pferd umfallen wird.“
    Hans: „Umfallen und beißen wird1).“
    Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?“
    Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt sich
    auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich hab‘ mich er-
    schrocken, weil es einen ‚Krawall‘ gemacht hat mit den
    Füßen.“
    Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?“
    Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, dann
    eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi und dann
    nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadtpark durch-
    gegangen.“
    „(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß unmittelbar
    nachher die Angst ausgebrochen ist).“
    Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Woher weißt du das?“
    Hans: „Weil ich‘s gesehen hab‘ (lacht). Nein, es war gar nicht tot.“
    Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist.“
    Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab‘s nur im Spasse gesagt.“ (Seine
    Miene war aber damals ernst.)

    1)Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. Der
    Zusammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd (der Vater) ihn
    beißen werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) umfallen möge.

  • S.

    36

    „Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir nur noch,
    daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen anderen und
    zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe.“
    „Auf dem Rückwege von Lainz noch einige Fragen:
    Ich: „Wie das Stellwagenpferd gefallen ist, was für Farbe hat
    es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?“
    Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz.“
    Ich: „War es groß oder klein?“
    Hans: „Groß.“
    Ich: „Dick oder dünn?“
    Hans: „Dick, sehr groß und dick.“
    Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, an den Vatti gedacht?“
    Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich.“
    Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht haben;
    aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man gerne nach ihrem
    neuen Objekte benennen möchte, aus der Nähe kennen zu lernen. Wir
    erfahren so, wie diffus sie eigentlich ist. Sie geht auf Pferde und auf
    Wagen, darauf, daß Pferde fallen und daß sie beißen, auf Pferde be-
    sonderer Beschaffenheit, auf Wagen, die schwer beladen sind. Verraten
    wir gleich, daß alle diese Eigentümlichkeiten daher rühren, daß die
    Angst ursprünglich gar nicht den Pferden gilt, sondern sekundär auf
    sie transponiert wurde und sich nun an den Stellen des Pferdekomplexes
    fixierte, die sich zu gewissen Übertragungen geeignet zeigten. Ein
    wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters müssen wir besonders
    anerkennen. Wir haben den aktuellen Anlaß erfahren, nach welchem
    die Phobie ausbrach. Dies war, als der Knabe ein großes schweres
    Pferd fallen sah, und wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes
    scheint die vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den Wunsch
    verspürte, der Vater möge so fallen und – tot sein. Die ernste Miene
    bei der Erzählung galt wohl diesem unbewußten Sinne. Ob nicht noch
    anderer Sinn sich dahinter verbirgt? Und was soll das Krawallmachen
    mit den Beinen bedeuten?
    „Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt herum,
    fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal bindet er sich
    ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er auf mich
    zu und beißt mich.“
    Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener als er es
    mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenvertauschung, da das

  • S.

    37

    Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben.

    Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er ist das Pferd,
    er beißt den Vater, übrigens identifiziert er sich dabei mit dem Vater.

    „Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in entschiedenster
    Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern ganz lustig. Ist es,
    weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht mehr fürchtet?“

    „6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause. Ich frage
    ihn, bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze am Munde“ sieht;
    er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das Schwarze eigentlich aus-
    schaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen. Meine erste Vermutung, er meine
    die dicken Lederriemen des Geschirres bei den Lastpferden, bestätigt
    sich also nicht. Ich frage, ob das „Schwarze“ an einen Schnurrbart
    erinnert; er sagt: nur durch die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß
    ich bis jetzt also nicht.“

    „Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis zum Nach-
    barhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne Pferdetraben
    hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vorfährt und hält, gerät er
    in Angst und läuft ins Haus, da das Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich
    frage ihn, weshalb er sich fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil
    es so gemacht habe (stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach
    doch keinen solchen Krawall mit den Füßen!“ Vergleiche dazu die
    Äußerung über das gefallene Stellwagenpferd.“

    „Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbelwagens.
    Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleichgültig: „Sieht so ein
    Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stellwagen aus?“ Er sagt nichts.
    Ich wiederhole die Frage. Er sagt dann: „Na natürlich, sonst würde
    ich mich nicht so vor einem Möbelwagen fürchten.“

    „7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am Munde“
    der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das Merkwürdige
    ist, daß seit 3 Tagen kein Pferd vorüberkommt, an dem er diesen „Maul-
    korb“ konstatieren kann; ich selbst habe bei keinem Spaziergange ein
    solches Pferd gesehen, obzwar Hans beteuert, daß es solche gebe. Ich
    vermute, daß ihn wirklich eine Art von Kopfzäumung der Pferde –
    das dicke Riemenzeug um den Mund etwa – an einen Schnurrbart
    erinnert hat, und daß mit meiner Andeutung auch diese Furcht ver-
    schwunden ist.“

    „Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines Aktions-
    kreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unternimmt sogar
    das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs Trottoir vis-a-vis

  • S.

    38

    hinüberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, hängt mit der Stellwagen-
    szene zusammen, deren Sinn mir allerdings noch nicht klar ist.“

    „9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich mit ent-
    blößtem Oberkörper wasche.“

    Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!“
    Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd.“
    Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder ist
    es vielleicht der schwarze Maulkorb?“

    „Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim Professor
    war, und sage: „Der will einiges wissen,“ worauf Hans: „Da bin ich
    aber neugierig.“

    „Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit den Füßen
    Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht wahr, wenn ich einen
    „Zurn“ habe oder wenn ich Lumpf machen soll und lieber spielen
    will. [Im Zorne hat er allerdings die Gewohnheit, mit den Füßen Krawall
    zu machen, d. h.: aufzustampfen. – „Lumpf machen“ bedeutet auf die
    große Seite gehen. Als Hans klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe
    aufstehend: „Schau den Lumpf.“ (Er meinte: Strumpf wegen der Form
    und der Farbe.). Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. – In ganz
    frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte und sich
    weigerte, das Spiel stehen zu lassen, stampfte er wütend mit den Füßen
    auf, zappelte und warf sich eventuell auch auf den Boden.]“

    „Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen sollst
    und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.“

    Er: „Du, ich muß Wiwi machen“ – und geht hinaus, wohl als
    Bestätigung.“

    Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich gerichtet,
    woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim gefallenen Pferde Hans
    erinnert haben möchte, und ich hatte vorgebracht, daß dies wohl seine
    eigene Reaktion bei zurückgehaltenem Harndrange gewesen sein könnte.
    Das bestätigt nun Hans durch das Wiederauftreten des Harndranges
    im Gespräche und fügt noch andere Bedeutungen des Krawallmachens
    mit den Füßen hinzu.

    „Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein Kohlenwagen
    kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich mich auch stark.
    Ich: „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie ein Stellwagen.“ Hans: „Ja,
    und weil er so schwer beladen ist und die Pferde haben soviel zu ziehen
    und können leicht fallen. Wenn ein Wagen leer ist, fürcht’ ich mich

  • S.

    39

    nicht.“ Tatsächlich versetzt ihn, wie schon früher konstatiert, nur
    Schwerfuhrwerk in Angst.“

    Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die Analyse
    macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, wird dem Leser
    bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder Psychoanalyse solche
    dunkle Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald auf ein von uns nicht in
    Erwartung gezogenes Gebiet.


    „Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, die ver-
    schiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Darunter ist eine
    gelbe Frauenunterhose. Hans sagt einige Male: „Pfui!“ wirft sich auf
    die Erde und spuckt aus. Meine Frau sagt, er habe das schon einige Male
    getan, sowie er die Hose gesehen habe.
    Ich frage: „Warum sagst du pfui?“
    Hans: „Wegen der Hose.“
    Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi
    oder an Lumpf erinnert?“
    Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz. –
    Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man
    Käse ißt? [Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu ich
    Käse esse.]“
    Ich: „Ja.“
    Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen?
    Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen.“
    „Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse herumsprang:
    „Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt, macht man leicht
    Lumpf?“ – Seit jeher macht sein Stuhlgang Schwierigkeiten, Kinder
    meth und Klystiere werden häufig gebraucht. Einmal war seine habituelle
    Verstopfung so stark, daß meine Frau Dr. L. um Rat fragte. Dieser
    meinte, Hans werde überfüttert, was ja auch stimmt, und empfahl
    mäßigere Kost, was den Zustand auch sofort behob. In der letzten
    Zeit trat Verstopfung wieder häufiger auf.“
    „Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor wieder
    schreiben, und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe Hose gesehen habe,
    habe ich gesagt: Pfui, da spei’ ich, hab’ mich niedergeworfen, hab’ die
    Augen zugemacht und hab’ nicht geschaut.“
    Ich: „Warum?“

  • S.

    40

    Sig. Freud.

    Hans. „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der schwarzen
    Hose1) habe ich auch so etwas gemacht. Die schwarze ist auch
    so eine Hose, nur schwarz war sie. [Sich unterbrechend] Du,
    ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben kann, bin ich
    immer so froh.“

    Ich. „Weshalb hast du pfui gesagt? Hast du dich geekelt?“
    Hans. „Ja, weil ich das gesehen hab‘. Ich hab‘ geglaubt, ich muß
    Lumpf machen.“

    Ich. „Warum?“
    Hans. „Ich weiß nicht.“
    Ich. „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?“
    Hans. „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war –
    bei der Mama – sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause gebracht.“
    [Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.]

    Ich. „Hast du dich auch geekelt?“
    Hans. „Ja.“
    Ich. „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?“
    Hans. „Nein.“
    Ich. „Wenn sie sich angezogen hat?“
    Hans. „Die gelbe hab‘ ich schon einmal gesehen, wie sie sie
    gekauft hat [Widerspruch! Wie die Mama die gelbe gekauft hat,
    hat er sie zum erstenmal gesehen]. Die schwarze hat sie heute auch
    an [richtig!], weil ich gesehen hab‘, wie sie in der Früh sie sich aus
    gezogen hat.“

    Ich. „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose aus
    gezogen?“

    Hans. „In der Früh‘, wie sie weggegangen ist, hat sie sich die
    schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sich noch
    einmal die schwarze angezogen.“

    „Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie
    sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natürlich
    nicht die Hose gewechselt.“

    „Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi hat
    sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen ist, hat sie
    sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie noch einmal an-
    gezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr.“

    1)Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer schwarzen Reform-
    hose für Radfahrpartien.“

  • S.

    41

    Hans: „Mir scheint, ich hab’ vielleicht vergessen, daß sie sie
    nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß’ mich endlich in Ruh’.“

    Zur Erläuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun: Hans
    heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daß er nun über diese
    Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er die Maske ab und
    wird grob gegen seinen Vater. Es handelt sich um Dinge, die ihm früher
    viel Lust bereitet haben, und deren er sich jetzt nach eingetretener
    Verdrängung sehr schämt, zu ekeln vorgibt. Er lügt geradezu, um dem
    beobachteten Hosenwechsel der Mama andere Veranlassungen unter-
    zuschieben; in Wirklichkeit gehört das An-
    und Ausziehen der Hose
    in den „Lumpf“-
    Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es
    hier ankommt, und was Hans verbergen will.

    „Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn sie sich
    aufs Kloset begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt“ so lange, bis sie es ihm
    erlaubt; das täten alle Kinder.“

    Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust, die Mama
    beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken.

    „Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er fortwährend
    gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: „Du, wer ist eigentlich
    ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?“

    Hans: (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd.“

    „Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah, Angst
    hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte ich, um ihn zu
    beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die springen halt’
    wie die jungen Buben. Du springst ja auch und bist ein Bub.“ Seit-
    her, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: „Das ist wahr, das sind
    junge Pferde!“

    „Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedankenlos:
    „Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?“

    Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab’ ich die Dumm-
    heit gekriegt.“

    Ich: „Wer war das Pferdl?“

    Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher.“

    Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?“

    Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell
    gelaufen, sogar gerannt1).“

    Ich: „Stellwagen habt ihr nie gespielt?“

    1)Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckchen.“

  • S.

    42

    Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen.
    Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen gehen
    und der Wagen kann ja zu Hause sein.“

    Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?“

    Hans: „Sehr oft. Der Fritzl [wie bekannt, auch ein Hausherrn-
    kind] ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzl Kutscher, und der
    Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal ist er auf einen Stein getreten
    und hat geblutet.“

    Ich: „Ist er vielleicht gefallen?“

    Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein Wasser hineingegeben und
    dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben1).“

    Ich: „Warst du oft Pferd?“

    Hans: „O ja.“

    Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt.“

    Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd“ und
    „wegen dem Pferd“ [er betont das „wegen“], und so hab’ ich vielleicht,
    weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd“, hab’ ich vielleicht die
    Dummheit gekriegt2).“

    Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden.

    Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „Was?“

    Hans: „Ich hab’s vergessen.“

    Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?“

    Hans: „O nein!“

    Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?“

    Hans: „O nein, ich hab’ mich gar nicht gefürchtet.“

    Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein
    Pferd . . .“


    1)Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl
    damals gefallen ist.

    2)Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die Dummheit
    gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muß ja wohl so zugehen,
    die Theorie fordert es, daß dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war,
    was heute das Objekt der Phobie ist. Und dann ergänze ich für ihn, was das
    Kind ja nicht zu sagen weiß, daß das Wörtchen „wegen“ der Ausbreitung der
    Phobie vom Pferde auf die Wagen [oder wie Hans zu hören und zu sprechen
    gewohnt ist: Wägen] den Weg eröffnet hat. Man darf nie daran vergessen,
    um wieviel dinglicher das Kind die Worte behandelt als der Erwachsene, wie
    bedeutungsvoll ihm darum Wortgleichklänge sind.

  • S.

    43

    Hans: (unterbrechend), „Wiwi macht? Nein!“
    „Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an und will
    wissen, was das „wegen dem Pferde“ bedeutet habe. Hans weiß sich
    nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere Kinder vor dem
    Haustore gestanden sind, und „wegen dem Pferde, wegen dem Pferd“
    gesagt haben. Er selbst war dabei. Wie ich dringender werde, erklärt
    er, sie hätten gar nicht „wegen dem Pferde“ gesagt, er habe sich falsch
    erinnert.“

    „Ich: „Ihr wart doch auch oft im Stalle, da habt ihr gewiß
    vom Pferde gesprochen.“ – „Wir haben nicht gesprochen.“ – „Wovon
    habt Ihr gesprochen?“ – „Von nichts.“ – „Soviel Kinder wart ihr und
    ihr habt von nichts gesprochen?“ – „Etwas haben wir schon ge-
    sprochen, aber nicht vom Pferde.“ – „Was denn?“ – „Das weiß ich
    jetzt nicht mehr.“

    „Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu groß sind1),
    und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?“
    Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die Olga getan
    hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball geschenkt und
    die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt’ mir den Ball nie zer-
    rissen. Mit der Berta hab’ ich sehr gern gespielt.“

    Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta aus-
    sieht?“

    Er: „Nein, vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und
    da hab’ ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen.“

    Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher von
    der Berta und von der Mammi aus?“

    Er: „Ja!“

    „Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, die Mäderl
    wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht.“

    Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus nicht
    gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine Garten ist,
    wo die Rettige sind, hab’ ich Wiwi gemacht, und sie ist vor dem Haus-
    tore gestanden und hat hergeschaut.“

    Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?“
    Er: „Sie ist ja aufs Kloset gegangen.“
    Ich: „Und du warst neugierig?“


    1)Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüpfung, die
    dem Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter denen die
    analytische Bemühung fehlschlägt.

  • S.

    44

    Er: „Ich war ja im Kloset drinnen, wenn sie drinn war.“
    „(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und
    ich erinnere mich, wir haben es Hans verbo-
    ten.)“
    Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?“
    Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta er-
    laubt
    hat. Es ist ja keine Schande.“
    Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen.“
    Er: „Ja, ich hab’ ihn aber nicht gesehen.“
    „Ich erinnere ihn an den Gmun-
    dner Traum: Was soll das Pfand in
    meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden gewünscht, daß
    dich die Berta Wiwi machen lassen soll?“
    Er: „Gesagt hab’ ich ihr nie.“
    Ich: „Warum hast du’s ihr nie gesagt?“
    Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab’. (Sich unterbrechend.)
    Wenn ich alles dem Professor schreib’, wird die Dummheit sehr bald
    vorüber sein, nicht wahr?“
    Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwi-
    machen
    lassen soll?“
    Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat.“
    Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher
    geben?“
    Er: „Ja. (Ablenkend). In Gmunden war’s sehr lustig. In dem
    kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner Sandhaufen,
    dort spiel’ ich mit der Schaufel.“
    „(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)“
    Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist, die
    Hand zum Wiwimacher gegeben?“
    Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab’ ich so gut geschla-
    fen,
    daß ich gar nicht daran gedenkt hab’. Nur in der –1)gasse!) und jetzt
    hab’ ich’s getan.“
    Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher
    gegeben?“
    Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr’s nie gesagt hab’.“
    Ich: „Wann hast du dir’s denn gewünscht?“
    Er: „Einen Tag halt in Gmunden.“
    Ich: „Nur einmal?“
    Er: „Ja, öfters.“


    1)In der früheren Wohnung vor dem Umzuge.

  • S.

    45

    Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie hergeschaut;
    sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust.“

    Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher aussieht.“

    Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?“

    Er: „Auf die Berta, auf die Olga.“

    Ich: „Auf wen noch?“

    Er: „Auf niemand andern.“

    Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch.“

    Er: „Auf die Mammi schon.“

    Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch,
    wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?“

    Er: „Er wird aber wachsen, nicht1)?“

    Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun
    wie deiner.“

    Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur
    größer.“

    Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich
    ausgezogen hat?“

    Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den Wiwimacher
    gesehen.“

    Ich: „Bei der Mammi auch?“

    Er: „Nein!“

    Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi
    gesehen hast.“

    Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab’, wenn sie sie ge-
    kauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose anzieht oder aus-
    zieht, dann spei ich nicht. Dann s p e i ich, weil die schwarze
    Hose doch schwarz ist wie ein Lumpf und die gelbe wie ein
    Wiwi, und da glaub’ ich, ich muß Wiwi machen. Wenn die
    Mammi die Hose trägt, dann seh’ ich sie nicht, dann hat sie doch die
    Kleider vor.“

    Ich: „Und wenn sie sich auszieht?“

    Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht sie
    aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter und sie
    wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz rein, zu Hause
    hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn sie gekauft ist, ist sie
    neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist sie alt.“

    Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?“


    1)Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher wachsen wird.

  • S.

    46

    Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lump, nicht
    wahr? Ein bissel schwärzer ist sie1).“
    Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Kloset?“
    Er: „Sehr oft.“
    Ich: „Da hast du dich geekelt?“
    Er: „Ja . . ., Nein!“
    Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lump
    macht?“

    Er: „Sehr gerne.“
    Ich: „Warum so gerne?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“
    Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst.“
    Er: „Ja, das glaub’ ich auch.“
    Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Kloset gehen?“
    „(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Kloset führen;
    er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herabstürzende Spül-
    wasser macht.)“

    Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man her-
    unterzieht.“
    Ich: „Da fürchtest du dich.“
    Er: „Ja!“
    Ich: „Und in unserem Kloset hier?“
    Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du herunterläßt.
    Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich auch.“

    „Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht fürchte‘,
    fordert er mich auf, ins Kloset zu gehen und die Wasserspülung in Be-
    wegung zu setzen. Dann erklärt er mir:

    „Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das Wasser
    herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib’ ich lieber
    drin, wenn es einen schwachen macht, geh’ ich lieber hinaus.

    Ich: „Weil du dich fürchtest?“
    Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall sehen
    (korrigiert sich), hören und da bleib’ ich lieber drin, daß ich ihn fest hör’.“
    Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?“

    1)Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht darzustellen weiß,
    und wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß die Hosen die
    Ekelerinnerung nur dann erwecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe
    der Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang.
    Dann interessieren sie ihn in anderer Weise.

  • S.

    47

    Er: „Daß ich im Kloset Lumpf machen muß. [Also dasselbe wie
    die schwarze Hose].“

    Ich: „Warum?“

    Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört sich
    so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall erinnert an
    Lumpf, ein kleiner an Wiwi [vgl. die schwarze und die gelbe Hose].“

    Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt
    wie ein Lumpf?“ (Es war nach seiner Angabe schwarz.)

    Er (sehr betroffen): „Ja!“

    Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu viel
    und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen sich äußern
    zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig und unsicher.
    Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, wenn man ihn von
    diesem ablocken will. Sein Interesse ist jetzt offenbar bei Lumpf und
    Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. Die Krawallgeschichte ist so wenig
    befriedigend aufgeklärt wie die mit der gelben und schwarzen Hose.
    Ich vermute, sein scharfes Ohr hat die Verschiedenheit der Geräusche,
    wenn ein Mann oder ein Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse
    hat das Material aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden
    Bedürfnisse gepreßt. Dem Leser, der noch selbst keine Analyse gemacht
    hat, kann ich nur den Rat geben, nicht alles sogleich verstehen zu wollen,
    sondern allem, was kommt, eine gewisse unparteiische Aufmerksamkeit
    zu schenken und das Weitere abzuwarten.


    „11. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer und wird,
    wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen.“

    „Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht:

    „Ich bin in der Badewanne1), da kommt der Schlosser
    und schraubt sie los2). Dann nimmt er einen großen Bohrer
    und stoßt mich in den Bauch.“

    Der Vater übersetzt sich diese Phantasie: „Ich bin im Bette
    bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich weg. Mit seinem
    großen Penis verdrängt er mich von der Mama.“

    Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten.

    „Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht. „Wir fahren

    1)„Hans wird von der Mama gebadet.“

    2)„Um sie in Reparatur zu nehmen.“

  • S.

    48

    im Zuge nach Gmunden In der Station ziehen wir die Kleider an,
    werden damit aber nicht fertig und der Zug fährt mit uns davon.“
    „Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf machen
    gesehen?“
    Hans: „Ja, sehr oft.“
    Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „An was erinnert dich der Krawall?“
    Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt.“
    „Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den Füßen
    macht, ist wohl – ein Lumpf, der herabfällt und dabei Geräusch macht.
    Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht vor schwer beladenen Wagen
    ist überhaupt gleich der Furcht vor schwerbeladenem Bauche.“
    Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige Sachverhalt.
    „11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur in Gmunden
    eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die Badeanstalt gehen muß.“
    Er wurde in Gmunden nämlich, um ihn warm zu baden, immer in die
    nahe gelegene Badeanstalt geführt, wogegen er mit heftigem Weinen zu
    protestieren pflegte. Auch in Wien schreit er immer, wenn er zum
    Baden in die große Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß kniend
    oder stehend gebadet werden.“
    Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch selb-
    ständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbindung zwischen
    seinen beiden letzten Phantasien [vom Schlosser, der die Badewanne
    abschraubt, und von der mißglückten Reise nach Gmunden] her. Der
    Vater hatte mit Recht aus letzterer eine Abneigung gegen Gmunden
    erschlossen. Übrigens wieder eine gute Mahnung daran, daß man das
    aus dem Unbewußten Auftauchende nicht mit Hilfe des Vorher-
    gegangenen, sondern des Nachkommenden zu verstehen hat.
    „Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet.“
    Hans: „Weil ich hineinfall.“
    Ich „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in der
    kleinen Badewanne gebadet worden bist?“
    Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab’ ich mich nicht legen können,
    die war ja zu klein.“
    Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du
    dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?“
    Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab’, und da kann ich nicht.

  • S.

    49

    hineinfallen. Ich fürcht’ mich nur in der großen Badewanne, daß ich
    hineinfall.“

    Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß dich
    die Mammi ins Wasser werfen wird?“

    Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins Wasser
    mit dem Kopf.“

    Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch
    nicht die Hände weggeben.“

    Hans: „Ich hab’s halt geglaubt.“

    Ich: „Warum?“

    Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht.“

    Ich: „Vielleicht, weil du schlimm warst und du geglaubt hast,
    daß sie dich nicht mehr gerne hat?“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna gebadet
    hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen, damit die
    Hanna hineinfällt?“

    Hans: „Ja.“

    Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten.

    „12. April. Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten Klasse
    sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht: „Pfui, da spei ich,
    bei den schwarzen Hosen und den schwarzen Pferden spei ich auch,
    weil ich muß Lumpf machen.

    Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes gesehen,
    was dich erschreckt hat?“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „Was denn?“

    Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze
    Strümpfe.“

    Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du
    neugierig warst und hingeschaut hast.“

    Hans: (entschuldigend) „Aber den Wiwimacher hab’ ich nicht
    gesehen.“

    „Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftore vis-à-vis
    ein Wagen fuhr, fragte ich. „Sieht dieses Tor nicht aus wie ein Podl?“
    Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!“ Seitdem sagt er immer,
    wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein ‚Lumpfi‘ kommt.
    Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt wie ein Kosewort.
    Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer „Wumpfi.“

    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I.

  • S.

    50

    „Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und sagt:
    „Pfui, ein Lumpf.“ Auch fachiertes Fleisch ißt er sichtlich ungern wegen
    der Form und Farbe, die ihn an einen Lumpf erinnern.“

    „Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon gewesen und
    habe dann gesagt: „Ich hab‘ gedacht, die Hanna ist am Balkon gewesen
    und ist hinuntergefallen.“ Ich hatte ihm öfter gesagt, er soll, wenn die
    Hanna am Balkon ist, acht geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer
    kommt, das von einem sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt,-
    mit großen Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetze verkleinern
    lassen mußte-
    konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens
    ist sehr durchsichtig. Die Mama fragte ihn, ob es ihm lieber wäre, wenn
    die Hanna nicht da wäre, was er bejaht.“

    „14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrunde. Er hatte, wie
    aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das neugeborene Kind,
    das ihm einen Teil der Liebe der Eltern raubte, eine große Aversion,
    die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden und durch übergroße Zärt-
    lichkeit nur zum Teil überkompensiert ist1). Er äußerte sich öfter
    schon, der Storch solle kein Kind mehr bringen, wir sollen ihm Geld
    geben, daß er keines mehr aus der großen Kiste, worin die Kinder
    sind, bringe. (Vgl. die Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein
    Stellwagen wie eine große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei,
    das sei ihm lästig.“

    „Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie die
    Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette gelegen, so lieb
    und brav.“ (Dieses Lob hat verdächtig falsch geklungen!)“

    „Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer Fortschritt
    zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere Furcht ein. Einmal
    ruft er fast freudig: „Da kommt ein Pferd mit was Schwarzem am Munde“
    und ich kann endlich konstatieren, daß es ein Pferd mit einem Maul-
    korbe aus Leder ist. Hans hat aber gar keine Angst vor diesem Pferde.“

    „Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster und fragt:
    „Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der begraben ist . . . , oder gibt‘s
    das nur am Friedhofe?“ Ihn beschäftigt also nicht nur das Rätsel des
    Lebens, sondern auch das des Todes.“

    „Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen und Hans
    sagt: Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mitgefahren. Immer

    1)Wenn das Thema „Hanna“ das Thema „Lumpf“ direkt ablöst, so
    leuchtet uns der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf“, Kinder
    sind Lumpfe!

  • S.

    51

    wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie mitgefahren in der Kiste.
    Du glaubst mir schon wieder nicht? Wirklich, Vatti. Glaub’ mir. Wir
    haben eine große Kiste gekriegt und da sind lauter Kinder drin, in der
    Badewanne sitzen sie drin. (In die Kiste ist eine kleine Badewanne
    eingepackt worden.) Ich hab’ sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann mich
    gut erinnern!1)

    Ich: „Was kannst du dich erinnern?“

    Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich’s nicht
    vergessen hab’. Mein Ehrenwort!“

    Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupé mit
    gefahren.“

    Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit
    gefahren.“

    Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt.“

    Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt?“

    Ich: „Wo denn?“

    Hans: „Zu Hause am Boden.“

    Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen?2)“

    Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird die
    Hanna auch in der Kiste fahren.“

    Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?“

    Hans: „Man hat sie herausgenommen.“

    Ich: „Die Mammi?“

    Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen ein
    gestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der Kutscher hat
    ,Hüöh‘ gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst du mit? Die Mammi
    weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht, sie hat es schon wieder ver-
    gessen, aber nichts ihr sagen!“

    „Ich lasse mir alles wiederholen.“

    Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen.“

    Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können.“

    Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben.“

    Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja voriges
    Jahr noch gar nicht sitzen können.“

    1)Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und Badewanne
    ihm das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem sich die Kinder
    befinden. Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen!

    2)Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans andeuten,
    daß er dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die Helden des Mythus ausgesetzt
    werden, von König Sargon von Agade an, ist nichts anderes.

  • S.

    52

    Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen ‚Hüöh‘ und
    gepeitscht ‚Hüöh, hüöh‘ mit der Peitsche, die ich früher gehabt hab‘.
    Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt und die Hanna hat geritten;
    Vatti, aber nicht im Spasse vielleicht.“

    Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es ist kein
    Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an seinem Vater. Es heißt soviel
    als: Kannst du mir zumuten, daß ich glauben soll, der
    Storch habe die Hanna im Oktober gebracht, wo ich doch
    den großen Leib der Mutter schon im Sommer, wie wir
    nach Gmunden gefahren sind, bemerkt hab‘, so kann ich
    verlangen, daß du mir meine Lügen glaubst. Was kann die
    Behauptung, daß die Hanna schon im vorigen Sommer „in der Kiste“
    nach Gmunden mitgefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen um die
    Gravidität der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser Fahrt in der
    Kiste für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, entspricht einer häufigen
    Form des Auftauchens eines unbewußten Gedankens aus der Vergangen-
    heit, oder es hat speziellere Gründe und drückt seine Angst aus, eine
    solche Gravidität zur nächsten Sommerreise wiederholt zu sehen. Wir
    haben jetzt auch erfahren, durch welchen Zusammenhang ihm die Reise
    nach Gmunden verleidet war, was seine zweite Phantasie andeutete.

    „Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt eigentlich
    ins Bett der Mama gekommen ist“.

    Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln.

    Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die
    Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen können. Aber
    der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen hat sie ja nicht können.
    (In einem Zuge fortfahrend.) Der Storch ist bis im Gang gegangen
    und er hat den richtigen Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat
    die Hanna in dein1) Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen-
    nein, der Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht,
    und dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar nicht
    getrampelt, und dann hat er sich den Hut genommen, und dann ist er
    wieder weggegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt.“

    Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor vielleicht?“

    Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause gegangen
    und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause haben nicht mehr

    1)Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts von dem
    Geheimnis zu verraten.

  • S.

    53

    geschlafen. Aber erzähl' das nicht der Mammi und der Tini (der Köchin).
    Das ist Geheimnis!“
    Ich: „Hast du die Hanna gerne?“
    Hans: „O ja, sehr gerne.“
    Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die Welt ge-
    kommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der Welt ist?“
    Hans: „Mir wär' lieber, daß sie nicht auf die Welt gekommen
    wär'.“
    Ich: „Warum?“
    Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann das Schreien
    nicht aushalten.“
    Ich: „Du schreist ja selbst.“
    Hans: „Die Hanna schreit ja auch.“
    Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?“
    Hans: „Weil sie so stark schreit.“
    Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht.“
    Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann schreit sie.“
    Ich: „Hast du sie einmal gehaut?“
    Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann schreit sie.“
    Ich: „Das hast du nicht gerne?“
    Hans: „Nein . . . Warum? Weil sie so einen Krawall macht
    mit dem Schreien.“
    Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt wär',
    hast du sie ja gar nicht gern.“
    Hans: „Hm, hm (zustimmend).“
    Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie badet, wenn
    sie die Hände weggeben möcht', dann möchte sie ins Wasser fallen . . .“
    Hans (ergänzt): – „und sterben.“
    Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein braver
    Bub' wünscht das doch nicht.“
    Hans: „Aber denken darf er's.“
    Ich: „Das ist aber nicht gut.“
    Hans: „Wenn ers denken tut, ist es doch gut, damit
    man's dem Professor schreibt1).“
    „Später sag' ich ihm: ‚Weißt du, wenn die Hanna größer sein wird
    und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben.“
    Hans: „O nein. Ich hab' sie ja lieb. Wenn sie im Herbst groß

    1)Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen ein
    besseres Verständnis der Psychoanalyse.

  • S.

    54

    sein wird, werd’ ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark gehen und werd’
    ihr alles erklären.“

    „Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, unterbricht
    er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es nicht so schlimm
    ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht.“

    Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch wie sie
    noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch auf der Welt.“

    Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht.“

    Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie gehabt.“

    Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?“

    Hans: „Na, von ihm.“

    Ich: „Wo hat er sie denn gehabt “

    Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste.“

    Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus “

    Hans: „Rot. Rot angestrichen.“ (Blut?)

    Ich: „Wer hat dir’s denn gesagt?“

    Hans: „Die Mammi – ich hab’ mir’s gedacht – im Buche steht’s.“

    Ich: „In welchem Buche?“

    Hans: „Im Bilderbuche.“ (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch
    bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf einem
    roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf demselben
    Blatte ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die Kiste verlegt
    Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet.)“

    Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?“

    Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel. Weißt,
    der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm beißt.“ (Reminis-
    zenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn.)

    Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna gebracht hat?“

    Hans: „Du, da hab’ ich doch noch geschlafen. In der Früh kann
    kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen.“

    Ich: „Warum?“

    Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weißt
    warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn früh ist, ist
    ein Mäderl da!.“1)


    1)Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen Gespräch
    ist der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vorschein gekommen,
    der mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war.
    Jetzt ist er ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in denen
    er sich für die vielen mit der Storchhypothese verbundenen Schwierigkeiten
    Erklärungen zurecht gemacht hat.

  • S.

    55

    Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der Storch
    gemacht hat?“
    Hans: „O ja!“
    Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?“
    Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig.“
    Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir aber
    nicht gefallen.“
    Hans: „O sehr!“
    Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Wie klein war sie?“
    Hans: „Wie ein junger Storch.“
    Ich: „Wie was noch? Wie ein Lumpf vielleicht?“
    Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissel kleiner,
    wie die Hanna wirklich.“

    Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des Kleinen
    sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der Geburt des Schwester-
    chens werde zurückführen lassen, aber ich hatte versäumt, ihn aufmerk-
    sam zu machen, daß ein Kind ein „Lumpf“ für die infantile Sexualtheorie
    sei, so daß Hans den Exkrementalkomplex passieren werde. Aus dieser
    meiner Nachlässigkeit entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur.
    Jetzt nach erfolgter Klärung versuchte der Vater, Hans über diesen
    wichtigen Punkt ein zweites Mal zu vernehmen.

    „Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte Geschichte
    nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna ist in der großen
    Kiste nach Gmunden gefahren, und die Mammi im Coupé und die Hanna
    ist im Lastzuge mit der Kiste gefahren, und dann, wie wir in Gmunden
    waren, haben ich und die Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs
    Pferd gesetzt. Der Kutscher war am Bocke und die Hanna hat die vorige
    (vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd gepeitscht und hat immer
    gesagt: „Hüoh,“ und das war immer lustig, und der Kutscher hat auch
    gepeitscht. – Der Kutscher hat gar nicht gepeitscht, weil die Hanna
    die Peitsche gehabt hat. – Der Kutscher hat die Zügel gehabt – auch
    die Zügel hat die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen
    von der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklichkeit und
    Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden haben wir die
    Hanna vom Pferde heruntergehoben, und sie ist allein über die Stiege
    gegangen.“ [Als Hanna voriges Jahr in Gmunden war, war sie 8 Monate
    alt. Ein Jahr früher, worauf sich offenbar Hans’ Phantasie bezieht,

  • S.

    56

    waren bei der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver-
    strichen.]

    Ich: „Das vorige Jahr war ja die Hanna schon da.“

    Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein Jahr
    vorher, wie sie bei uns auf der Welt war . . .“

    Ich: „Bei uns war sie schon?“

    Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir Schinakel
    zu fahren, und die Anna hat dich bedient.“

    Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna noch
    gar nicht auf der Welt.“

    Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der
    Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ‚Anna‘ sagen.“
    (Das kann sie erst seit 4 Monaten.)

    Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns.“

    Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche.“

    Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?“

    Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war doch da,
    du weißt es doch.“

    Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?“

    Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist. Schon
    sehr lange.“

    Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in
    Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können.“

    Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon.“

    Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden.“

    Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich kann mich
    sehr gut erinnern. Frag’ nur die Mammi, die wird dir’s schon sagen.“

    Ich: „Das ist doch nicht wahr.“

    Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erstemal
    war, hat sie gehen und reiten können und später hat man sie
    tragen müssen. – Nein, später ist sie erst geritten und voriges Jahr
    hat man sie tragen müssen.“

    Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden hat
    sie nicht gehen können.“

    Hans: „Ja, schreib’s nur auf. Ich kann mich ganz gut erinnern.
    – Warum lachst du?“

    Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt, daß die
    Hanna nur einmal in Gmunden war.“

  • S.

    57

    Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf dem
    Pferde geritten . . . und das zweitemal (wird offenbar unsicher).“
    Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?“
    Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner.“
    Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren.“
    Hans: „So war’s halt ein Fiaker.“
    Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?“
    Hans: „Man hat ihr ein Butterbrot und Hering und Rettig (ein
    Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und da weil die Hanna gefahren
    ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert und hat 50mal gegessen.“
    Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?“
    Hans: „Nein!“
    Ich: „Was hat sie denn gemacht?“
    Hans: „Ganz ruhig drin gesessen.“
    Ich: „Hat sie nicht gestoßen?“
    Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht
    einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken – bis
    in der Früh war alles weg und den Mist hat sie in der Kiste gelassen,
    die Blätter von den zwei Rettigen und ein Messer zum Rettigschneiden;
    sie hat alles zusammengeputzt wie ein Has, in einer Minute und sie war
    fertig. Das war eine Hetz’. Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren
    in der Kiste, ich hab’ in der Kiste geschlafen die ganze Nacht (wir sind
    vor 2 Jahren tatsächlich in der Nacht nach Gmunden gefahren) und
    die Mammi ist im Coupé gefahren. Immer haben wir gegessen auch im
    Wagen, das war eine Gaude. – Sie ist gar nicht am Pferde geritten (er
    ist jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir im Zweispänner
    gefahren sind) . . . sie ist im Wagen gesessen. Das ist das Richtige,
    aber ganz allein bin ich und die Hanna gefahren . . . die Mammi ist
    auf dem Pferde geritten, die Karolin’ (unser Mädchen vom vorigen
    Jahre) auf dem andern . . . Du, was ich dir da erzähl’, ist nicht
    einmal wahr.“

    Ich: „Was ist nicht wahr?“
    Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die Kiste1)
    und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd’ halt in die Hosen
    Wiwi machen, liegt mir gar nichts dran, ist gar keine Schand’. Du,
    das ist aber kein Spaß, aber lustig ist es schon!“

    „Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen ist,
    wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut genommen hat.

    1)Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht.

  • S.

    58

    Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?“
    Hans: „In der Tasche.“
    Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?“
    Hans: „Im Schnabel.“
    Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab’ noch keinen Storch
    gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat.“
    Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt
    denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr, ich hab’
    mich nur geirrt, der Storch läutet an und jemand macht auf.“
    Ich: „Wie läutet er denn?“
    Hans: „Auf der Glocke.“
    Ich: „Wie macht er das?“
    Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem Schnabel an.“
    Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?“
    Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht. Die war
    ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht.“
    Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?“
    Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schönbrunn
    vielleicht.“
    Ich: „Ich hab’ in Schönbrunn keine Kiste gesehen.“
    Hans: „Die wird halt weiter weg sein. – Weißt, wie der Storch
    die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel – die Kiste hat auch
    einen Schlüssel – er nimmt den Schnabel und eins (eine Schnabelhälfte)
    läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert es mir am Schreibtisch-
    schlosse). Da ist ja auch ein Henkel.“
    Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?“
    Hans: „O nein!“
    Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchenkiste aus?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Und ein Möbelwagen?“
    Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für
    unartige Kinder) auch.“


    „17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vorsatz aus
    geführt und ist in den Hof vis-à-vis hinübergegangen. Heute wollte er
    es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Einfahrtstore ein Wagen an
    der Ausladerampe stand. Er sagte mir: „Wenn dort ein Wagen steht,

  • S.

    59

    so fürcht’ ich mich, daß ich die Pferde necken werde und sie fallen
    um und machen mit den Füßen Krawall.“

    Ich: „Wie neckt man denn Pferde?“
    Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie, wenn
    man hühü schreit1).“

    Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?“
    Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich’s tu, aber
    wahr ist es nicht.“

    Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?“
    Hans: „Nein!“
    Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?“
    Hans: „O ja, sehr gerne!“
    Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi die
    Hanna? Das hast du ja auch gerne.“

    Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie schlägt.
    (So hab’ ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor dem Peitschen
    der Pferde zu mäßigen.) Ich hab’s einmal wirklich getan. Ich hab’
    einmal die Peitsche gehabt und hab’ das Pferd gepeitscht und es ist
    umgefallen und hat mit den Füßen Krawall gemacht.“

    Ich: „Wann?“
    Hans: „In Gmunden.“
    Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?“
    Hans: „Es war außer’m Wagen.“
    Ich: „Wo war’s denn?“
    Hans: „Ich hab’s halt gehalten, daß es nicht davonrennen soll.“
    (Das klang natürlich alles unwahrscheinlich.)“

    Ich: „Wo war das?“
    Hans: „Beim Brunnen.“
    Ich: „Wer hat’s dir erlaubt? Hat’s der Kutscher dort stehen
    lassen?“

    Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle.“
    Ich: „Wie ist es denn zum Brunnen gekommen?“
    Hans: „Ich hab’s hingeführt.“
    Ich: „Woher? Aus dem Stalle?“

    1)Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die Pferde schlugen
    und hü schrien.“

  • S.

    60

    Hans: „Ich hab’s herausgeführt, weil
    peitschen.“

    Ich: „War im Stalle niemand?“

    Hans: „O ja, der Loisl (der Kutscher in Gmunden).“

    Ich: „Hat er dir’s erlaubt?“

    Hans: „Ich hab’ mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, ich darf
    es tun.“

    Ich: „Was hast du ihm gesagt?“

    Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und schreien.
    Er hat gesagt, ja.“

    Ich: „Hast du’s viel gepeitscht?“

    Hans: „Was ich dir da erzählt, ist gar nicht wahr.“

    Ich: „Was ist davon wahr?“

    Hans: „Nix ist davon wahr, das hab’ ich dir nur so im Spasse
    erzählt.“

    Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?“

    Hans: „O nein!“

    Ich: „Gewünscht hast du dir’s.“

    Hans: „O, gewünscht schon, gedacht hab’ ich mir’s.“

    Ich: „In Gmunden?“

    Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab’ ich mir’s schon gedacht,
    wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette.“

    Ich: „Warum hast du mir’s nie erzählt?“

    Hans: „Ich hab’ nicht d’ran gedacht.“

    Ich: „Du hast dir’s gedacht, weil du auf die Straßen gesehen hast.“

    Hans: „Ja!“

    Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi,
    die Hanna oder mich?“

    Ich: „Die Mammi.“

    Ich: „Warum?“

    Hans: „Ich möcht’ sie halt schlagen.“

    Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi schlägt?“

    Hans: „Ich hab’s noch nie gesehen, in meinem Leben nie.“¿

    Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest du
    das tun?“

    Hans: „Mit dem Pracker.“ (Mit dem Pracker droht die Mama öfter
    ihn zu schlagen).

    „Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen.“

  • S.

    61

    „Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbelwagen,
    Kohlenwagen seien Storchkistenwagen.“

    Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwendung
    unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem
    Thema sein.


    „21. April. Heute früh erzählt Hans, er habe sich gedacht: „Ein
    Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama nach Haupt-
    zollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von der Brücke und der
    zweite Zug war schon in St. Veit. Wie du heruntergekommen bist,
    war der Zug schon da und da sind wir eingestiegen.“

    „Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigperron zu
    kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron sieht
    man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die Sache ist etwas
    undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl gedacht: er ist mit dem
    ersten Zuge, den ich versäumt habe, davongefahren, dann ist aus
    Unter-St. Veit ein zweiter Zug gekommen, mit dem ich nachgefahren
    bin. Ein Stück dieser Ausreißerphantasie hat er erstellt, so daß er
    schließlich sagt: Wir sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren.“

    Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten ungedeuteten,
    die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel Zeit verbraucht, um
    die Kleider in der Bahn anzuziehen und der Zug wäre davon gefahren.“

    „Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, als
    ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts Außergewöhn-
    liches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat. Er sagt: „Ich fürchte
    mich, weil die Pferde so stolz sind, daß sie umfallen.“ (Die Pferde
    wurden vom Kutscher scharf am Zügel gehalten, so daß sie in kurzem
    Schritte gingen, die Köpfe hochhaltend – sie hatten wirklich einen
    „stolzen“ Gang.)“

    „Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei.“

    Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm.“

    Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?“

    Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seinerzeit
    Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut fließen und wenigstens
    kann ich mit der Mammi ein bischen allein sein. Wenn du in die Wohnung
    heraufkommst, kann ich geschwind weglaufen von der Mammi, daß
    du’s nicht siehst.“

    Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine angestoßen
    hat?“

  • S.

    62

    Er: „Ja der Fritzl.“
    Ich: „Wie der Fritzl hingefallen ist, was hast du dir gedacht1)?“
    Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst.“
    Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?“
    Er: „Ja!“
    Ich: „Weshalb schimpf’ ich denn eigentlich?“
    Er: „Das weiß ich nicht.“ (!!)
    Ich: „Warum?“
    Er: „Weil du eifern tust.“
    Ich: „Das ist doch nicht wahr!“
    Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß
    wahr sein.“

    „Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins Bett
    kommen, große in ihrem eigenen Bette schlafen, hat ihm also nicht sehr
    imponiert.“

    „Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken“, i. e. schlagen,
    anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, sondern auf mich geht.
    Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, weil er mir das andere nicht
    eingestehen wollte. In den letzten Tagen ist er von besonderer Zärt-
    lichkeit gegen mich.“

    Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich“ so leicht erwirbt,
    wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch Hansens, das Pferd
    zu „necken“ doppelt gefügt ist, zusammengesetzt aus einem dunkeln,
    sadistischen Gelüste auf die Mutter und einem klaren Rachedrange gegen
    den Vater. Der letztere konnte nicht eher reproduziert werden, als bis
    im Zusammenhange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe
    gekommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten Ge-
    danken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der Weg der
    Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose wiederholen.


    „22. April. Heute früh hat sich Hans wieder etwas gedacht: „Ein
    Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der Kondukteur ist ge-
    kommen und hat den Buben ganz nackt ausgezogen und bis in der Früh
    dort stehen lassen und in der Früh hat der Bub dem Kondukteur
    50.000 Gulden gegeben, damit er mit dem Wagerl fahren darf.“
    „Vis-à-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stockgeleise

    1)Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat.

  • S.

    63

    steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassenbuben fahren
    sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm gesagt, das dürfe man nicht,
    sonst käme der Kondukteur. Ein zweites Element der Phantasie ist
    der verdrängte Nacktheitswunsch.]“

    Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie „im
    Zeichen des Verkehres“ schafft und konsequenterweise vom Pferde
    das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fort-
    schreitet. So gesellt sich ja
    auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die Eisenbahnangst hinzu.

    „Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit einer
    Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte. Er hat
    durch die Öffnung, in der einmal das kleine Blechpfeifchen
    befestigt war, ein kleines Taschenmesser hineingesteckt,
    und ihr dann die Füße voneinander gerissen, um das Messer
    herausfallen zu lassen. Dem Kindermädchen sagte er,
    zwischen die Füße der Puppe zeigend: „Schau, hier ist der
    Wiwimacher!“

    Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe gespielt?“
    Er: „Ich hab’ die Füße auseinander gerissen, weißt warum? Weil
    ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das hab’ ich hinein-
    gegeben, wo der Knopf quietscht, und dann hab’ ich die Füß’ auseinander
    gerissen und dort ist es hinausgegangen.“

    Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinander gerissen? Damit
    du den Wiwimacher sehen kannst?“

    Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab’ ich ihn auch sehen können.“
    Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?“
    Er: „Ich weiß es nicht.“
    Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?“
    „Er bringt es mir.“
    Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?“
    Er: „Nein, ich hab’ mir gar nichts gedacht, aber der Storch hat,
    mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt – oder wer.“
    Ich: „Wann?“
    Er: „Einmal. Ich hab’s gehört oder hab’ ich’s gar nicht gehört,
    oder hab’ ich mich verredet?“
    Ich: „Was heißt verredet?“
    Er: „Es ist nicht wahr.“
    Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissel wahr.“
    Er: „No ja, ein bißchen.“

  • S.

    64

    Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht, kommen
    die Hendl auf die Welt?“
    Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die Hendl
    wachsen, – nein, der liebe Gott.“
    „Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den Eiern
    wieder Hendl kommen.“
    Hans lacht.“
    Ich: „Warum lachst du?“
    Er: „Weil mir’s gefällt, was du mir da erzählst.“
    „Er sagt, er habe das bereits gesehen.“
    Ich: Wo denn?“
    Hans: „Bei dir!“
    Ich: „Wo hab’ ich ein Ei gelegt?“
    Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und auf
    einmal ist ein Hendl aufgesprungen. Du hast einmal ein Ei gelegt, das
    weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir’s die Mammi gesagt hat.“
    Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist?“
    Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab schon einmal ein
    Ei gelegt, da ist ein Hendl aufgesprungen.“
    Ich: „Wo?“
    Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein, gekniet und
    da haben die Kinder gar nicht hergeschaut und auf einmal in der Früh
    hab’ ich gesagt: Sucht’s Kinder, gestern hab’ ich ein Ei gelegt! Und auf
    und aus dem ist ein kleiner Hans gekommen. Was lachst du denn?
    Die Mammi weiß es nicht und die Karolin’ weiß es nicht, weil niemand
    zugeschaut hat, und auf einmal hab’ ich ein Ei gelegt und auf einmal
    war’s da. Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus dem Ei? Wenn
    man es stehen läßt? Muß man das essen?“
    „Ich erkläre ihm das.“
    Hans: „No ja, lassen’s wir bei der Henne, dann wächst ein Hendl.
    Packen wir’s in die Kiste und lassen wirs nach Gmunden fahren.“
    Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen Griffe an
    sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten Aufklärungen
    zögerten, und in einer glänzenden Symptomhandlung mitgeteilt:
    „Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt vor.“ Was er dem Dienst
    mädchen über den Sinn seines Spieles mit der Puppe gesagt, war nicht
    aufrichtig, dem Vater gegenüber weist er es direkt ab, daß er nur den
    Wiwimacher sehen wollte. Nachdem ihm der Vater gleichsam als

  • S.

    65

    Abschlagszahlung die Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt
    hat, vereinigen sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein
    Besserwissen zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen letzten
    Worten zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt der Schwester
    steigert.

    Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?“
    Hans: „Ich hab’ ihr Grete gesagt.“
    Ich: „Warum?“
    Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab’.“
    Ich: „Wie hast du dich gespielt?“
    Hans: „Ich hab’ sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind.“
    Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?“
    Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die Mammi
    darf keins kriegen, ich mags nicht.“
    „Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet, durch ein
    drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden.“
    Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind.“
    Hans: „Ich krieg’ ein Mäderl.“
    Ich: „Wo kriegst du es denn her?“
    Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus und
    das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei kommt dann noch
    eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna kommt noch eine
    Hanna. Nein, es kommt halt eine Hanna heraus.“
    Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben.“
    Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg’ ich eins, das wird auch
    Hanna heißen.“
    Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen?“
    Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag.“
    Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen.“
    Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl kriegt
    einen Buben!1)“
    Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur
    Frauen, Mammis.“
    Hans: „Warum denn ich nicht?“
    Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat.“
    Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst schon
    eins kriegen, nur warten.“

    1)Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne.
    Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. 5

  • S.

    66

    Ich: „Da kann ich lang warten.“
    Hans: „Ich gehör’ doch dir.“
    Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du gehörst
    dann der Mammi und mir.“
    Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?“
    Ich: „Der Mammi.“
    Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der Mammi?“
    Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir.“
    Hans: „No also!“
    Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Verständnisse
    der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Genitale unentdeckt ist.


    „Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau so weit auf-
    geklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, was große
    Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf“ in die Welt
    gesetzt werden.“
    „Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine sicht-
    liche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen nach und nur der Um-
    stand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores nicht wegtraut respektive-
    zu keinem größeren Spaziergange zu bewegen ist, verrät den Rest von
    Angst.“
    „Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den Bauch, was
    er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, ob er eine Ziege ist.“
    „Er sagt: „Ja, ein Wieder (Widder).“ – „Wo er einen Widder gesehen
    hat?“
    Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt.“ [Der Fritzl hat ein
    kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.]“
    Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es
    gemacht?“
    Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi [eine Lehrerin, die im Hause
    wohnte] hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt, da hat es aber
    nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen können. Wenn man
    hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat. Der Fritzl tut’s halt an der
    Schnur führen und an einen Baum anbinden. Er bindet’s immer an
    einen Baum an.“
    Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?“
    Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich
    einmal hinge-
    geben ... ich bin einmal hingegangen und hab’s nicht

  • S.

    67

    gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen. Das war
    so lustig – erschrocken bin ich nicht.“
    „Das ist gewiß unwahr.“
    Ich: „Hast du den Vatti gern?“
    Hans: „O ja.“
    Ich: „Vielleicht auch nicht?“
    Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Momente
    fällt das Pferdl um. Er schreit: „Das Pferdl ist umgefallen! Siehst
    du, wie’s Krawall macht!“)
    Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi gern hat.“
    Hans: „Nein.“
    Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir einen
    Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist.“
    Hans: „Das schon.“
    Ich: „Du möchtest halt gern der Vatti sein.“
    Hans: „O ja.“
    Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst.“
    Hans: „Und du der Hans?“
    „Da möcht’ ich dich jeden Sonntag nach Lainz fahren, nein, auch
    jeden Wochentag. Wenn ich der Vatti wär’, wär’ ich gar brav.“
    Ich: „Was möchtest du aber mit der Mammi machen?“
    Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen.“
    Ich: „Was sonst noch?“
    Hans: „Nix.“
    Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?“
    Hans: „Das weiß ich nicht.“
    Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?“
    Hans: „In Gmunden nicht [das ist nicht wahr]. In Gmunden hab’
    ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab’ ich in Gmunden gehabt
    und auch Kinder.“
    Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl be-
    kommen hat?“
    Hans: „O ja. Es ist mit einem Wagen hergekommen [Das hat
    man ihm wohl damals in Gmunden gesagt. Auch ein Stoß gegen die
    Storchtheorie] und eine andere Kuh hat es aus dem Podl heraus-
    gedrückt.“ [Das ist bereits die Frucht der Aufklärung, die er mit der
    „Wagerltheorie“ in Einklang bringen will.]“
    Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl gekommen
    ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle war.“

  • S.

    68

    „Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh gesehen.
    Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahrscheinlich erzählt
    hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen sei. Er gibt es schließlich
    zu: „Es hat mir’s wahrscheinlich die Berta gesagt oder nein – oder
    vielleicht der Hausherr. Er war dabei und es war doch Nacht, deshalb
    ist es doch wahr, wie ich’s dir sage, oder mir scheint, es hat mir’s niemand
    gesagt, ich hab’ mir’s in der Nacht gedacht.“
    „Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weggeführt;
    daher die Verwechslung.“
    Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat’s ge-
    bracht?“
    Hans: „Das hab’ ich mir nicht denken wollen.“
    Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du dir
    gedacht?“
    Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab’ ich mir’s gedacht. –
    Du, Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei, wie das
    Kalberl von der Kuh gekommen ist?1)“
    Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?“
    Hans: „Ich glaub’ schon . . . Vatti, hast du schon öfter gesehen,
    wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?“
    Ich: „Ich hab’s schon öfter gesehen, auf der Straße in Gmunden2).“
    Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?“
    Hans: „Ja.“
    Ich: „Und du hast dir gedacht, du bist der Vatti?“
    Hans: „Ja.“
    Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?“
    Hans: „Du weißt ja alles, ich hab’ nichts gewußt.“
    Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn der
    Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl gestoßen hat, wenn es
    den Vatti stoßen möcht’. Kannst du dich an das Begräbnis in Gmunden
    erinnern?“ [Das erste Begräbnis, das Hans sah. Er erinnert sich öfter
    daran, eine zweifellose Deckerinnerung.]“
    Hans: „Ja, was war da?“

    1)Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen mißtrauisch
    zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei als der Vater.

    2)Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde der Pferde
    hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bis es sich endlich hat verifizieren
    lassen.

  • S.

    69

    Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht’, wärst
    du der Vatti.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?“

    Hans: „Vor allen.“

    Ich: „Das ist doch nicht wahr.“

    Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor
    Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie aber
    leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen hat, da
    fürcht’ ich mich, und wenn’s zwei Pferde sind und voll aufgeladen haben,
    da fürcht’ ich mich nicht.“

    Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel Leute
    sind?“

    Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist.“

    Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat, nicht
    auch voll aufgeladen?“

    Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein, wenn sie
    wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen wird, bis wieder
    eins drin sein wird.“

    Ich: „Das möchtest du halt gern.“

    Hans: „Ja.“

    „Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch ein
    Kind bekommen soll.“

    Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die Mammi
    hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will’s der liebe Gott auch nicht.
    Wird die Mammi auch keins wollen, so wird sie keins bekommen.“ [Hans
    hat natürlich gestern auch gefragt, ob in der Mammi noch Kinder sind.
    Ich habe ihm gesagt, nein, wenn der liebe Gott nicht will, wird’s in ihr
    auch nicht wachsen.]

    Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will,
    wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott nicht will.“

    „Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe, worauf er
    bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß besser.“ – Er
    stellte also die Mama zur Rede, und die stellte die Konkordanz her,
    indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle, wolle auch der liebe Gott nicht.1)“

    Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein Kind
    bekommen?“

    1)Ce que femme veut Dieu le veut. Aber Hans hat hier in seinem Scharfsinne
    wieder ein sehr ernsthaftes Problem entdeckt.

  • S.

    70

    Hans: „Aber haben will ich’s nicht.“

    Ich: „Aber du wünschest es?“

    Hans: „Wünschen schon.“

    Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der
    Vatti sein möchst.“

    Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschichte?“

    Ich: „Welch Geschichte?“

    Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschichte?
    dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht?“

    Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi verheiratet
    sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart haben und
    möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll.“

    Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde ich nur
    eins kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi verheiratet sein
    werde, und wenn ich kein Kind will, will der liebe Gott auch nicht,
    wenn ich geheiratet hab‘.“

    Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?“

    Hans: „O ja.“

    Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie noch durch
    die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und die Zweifel an der
    Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird.


    „Am Abende desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett gelegt
    wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach‘? Jetzt sprech‘ ich noch
    bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im Bett. Immer sind meine
    Kinder bei mir im Bett. Kannst du mir sagen, wie das ist?“ – Da
    er schon sehr schläfrig ist, verspreche ich ihm, wir werden das morgen
    aufschreiben, und er schläft ein.“

    „Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans seit
    seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern“ phantasiert,
    er führt mit ihnen Gespräche usw.1)“

    „Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer von seinen
    Kindern spricht.“


    1)Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug von Sehnsucht
    nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Erlebnisse als Kind bei
    der Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in aktiver Rolle, wobei er selbst
    die Mutter spielen muß.

  • S.

    71

    Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag,
    aber ich wünsch’ mir’s nie, haben mag ich sie nicht.1)“
    Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw.
    sind deine Kinder?“
    Hans: „Ja, der Franzl, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele
    in Lainz) auch und die Lodi.“ „Ein fingierter Name. Sein Lieblings-
    kind von dem er am öftesten spricht. – Ich betone hier, daß die
    Persönlichkeit der Lodi nicht erst se’t einigen Tagen, seit dem Datum
    der letzten Aufklärung (24. April) besteht.“
    Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?“
    Hans: „Nein.“
    Ich: „Gibt’s eine Lodi?“
    Hans: „Ja, ich kenn’ sie schon.“
    Ich: „Welche denn?“
    Hans: „Die da, die ich hab’.“
    Ich: „Wie sieht sie denn aus?“
    Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare… ich hab’
    sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in die Stadt
    gegangen bin.“
    „Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er-
    funden ist.2)“
    Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?“
    Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi.“
    Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?“
    Hans: „Bei mir hab’ ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben.“
    Ich: „Jeden Tag?“
    Hans: „Na freilich.“
    Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?“
    Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind,
    habe ich welche Kinder aufs Sophia gelegt und welche in den Kinder-
    wagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab’ ich sie am Boden
    getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch Kinder und ich hab’
    sie in die andere Kiste gelegt.“

    1)Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und Wirklichkeit
    – wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn
    andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit
    denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten wiederholen kann.

    2)Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in Gmunden
    zum Ideal erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen und Haaren der
    Mutter nachgebildet ist.

  • S.

    72

    Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden gestanden?“
    Hans: „Ja.“
    Hans: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna
    schon auf der Welt?“
    Hans: „Ja, schon lange.“
    Ich: Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die Kinder be-
    kommen?“
    Hans: „No, von mir.1)“
    Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die Kinder
    von einem kommen.“
    Hans: „Ich hab’ mir gedacht, der Storch hat sie gebracht.“ (Offen-
    bar Lüge und Ausflucht2))
    Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch schon,
    daß ein Bub keine Kinder haben kann.“
    Hans: „No ja, ich glaub’s aber doch.“
    Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So heißt
    doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?“
    Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name ist
    es doch.“
    Ich (scherzend): „meinst du vielleicht eine „Schokolodi?“
    Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi3) . . . weil ich so gern
    Wurst essen tu, Salami auch.“
    Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lump aus?“
    Hans: „Ja!“
    Ich: „Wie sieht denn ein Lump aus?“
    Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und
    Schnurrbart) wie das und das.“
    Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?“
    Hans: „Ja.“
    Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lump gekommen
    ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?“
    Hans (lachend): „Ja, in der **gasse schon und auch hier.“
    Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen sind? Der

    1)Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Autoerotismus ant-
    worten.

    2)Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder.

    3)Saffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß ihre Tante
    immer Soffilodi sagt, das mag er gehört haben.

  • S.

    73

    Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze
    Pferd umgefallen ist, war es so . . .“

    Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt.“
    Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen Krawall
    gemacht hat?“

    Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und lieber
    spielen, dann mach’ ich so mit den Füßen Krawall.“ (Er stampft mit
    den Füßen auf.)
    „Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder ungern
    Kinder bekommt.“

    „Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf-
    und abladen,
    wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten als Spielzeug.
    Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interessierte ihn am meisten
    das Auf-
    und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten,
    wenn ein Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die Pferde
    werden fallen“1). Die Türen des Hauptzollamtsschuppens nannte er
    „Loch“, (das erste, zweite, dritte . . . Loch). Jetzt sagt er „Podlloch“.
    „Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in der Nähe
    des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, wenn er sich fürchten
    sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins Haus hinein, bleibt immer auf der
    Straße. Bekanntlich hat das Kranksein damit begonnen, daß er auf
    dem Spaziergange weinend umkehrte, und als man ihn ein zweites Mal
    zwang spazieren zu gehen, nur bis zur Stadtbahnstation „Hauptzoll-
    amt“ ging, von der aus man unsere Wohnung noch sieht. Bei der Ent-
    bindung der Frau war er natürlich von ihr getrennt, und die jetzige
    Angst, die ihn hindert, die Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die
    damalige Sehnsucht.“


    „30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kinderspielt,
    sage ich ihm: „Wieso leben denn deine Kinder noch? Du weißt ja, daß
    ein Bub keine Kinder bekommen kann.“
    Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin ich
    der Vatti.“
    Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?“
    Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti.“
    Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi
    verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen.“

    1)Heißt man es nicht „niederkommen“, wenn eine Frau entbindet?

  • S.

    74

    Hans: „Ja, das möcht’ ich und die Lainzerin (meine Mutter)
    ist dann die Großmammi.“

    Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glücklichere
    Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. Er gönnt
    seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das er für sich
    verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet auch ihn
    mit der eigenen Mutter.


    „Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt was?
    Schreiben wir was für den Professor auf.“
    Ich: „Was denn?“
    Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem
    Kloset. Zuerst hab’ ich Lumpf gemacht und Wiwi und sie haben zu
    geschaut. Dann hab’ ich sie aufs Kloset gesetzt und sie haben Wiwi
    und Lumpf gemacht und ich hab’ihnen den Podl mit Papier ausgewischt.
    Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder haben möcht’, dann möcht’
    ich ihnen alles tun, sie aufs Kloset führen, ihnen den Podl abputzen,
    ’halt alles, was man mit Kindern tut.“

    Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl kaum an
    gehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte Lust bei Hans
    in Abrede zu stellen.

    „Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadtpark. Da
    es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, immerhin genug,
    die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr stolz auf seine Leistung,
    und ich muß mit ihm nach der Jause noch einmal in den Stadtpark
    gehen. Auf dem Wege treffen wir einen Stellwagen, den er mir zeigt:
    „Schau einen Storchenkistenwagen!“ Wenn er, wie geplant ist, morgen
    mit mir wieder in den Stadtpark geht, kann man die Krankheit wohl
    als geheilt ansehen.“

    „Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab’ mir heute was ge-
    dacht.“ Zuerst hat er’s vergessen, später erzählt er unter beträchtlichen
    Widerständen: „Es ist der Installateur gekommen und hat
    mir mit einer Zange zuerst den Podl weggenommen und hat
    mir dann einen andern gegeben und dann den Wiwimacher.
    Er hat gesagt: Laß den Podl sehen und ich hab’ mich umdrehen müssen,
    und er hat ihn weggenommen und dann hat er gesagt: Laß den Wiwi-
    macher sehen.“

    Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und
    zweifelt keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung.

  • S.

    75

    Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen
    größeren Podl gegeben.“

    Hans: „Ja.“

    Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gern der Vatti sein möchtest?“
    Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht’ ich auch haben
    und solche Haare.“ (Deutet auf die Haare an meiner Brust.)

    „Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: Der In-
    stallateur ist gekommen und hat die Badewanne abgeschraubt und hat
    mir dann einen Bohrer in den Bauch eingesetzt, rekapituliert sich
    demnach: Die große Badewanne bedeutet den „Podl“, der Bohrer
    oder Schraubenzieher, wie damals schon gedeutet, den Wiwimacher1).
    Es sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch ein neuer Zugang
    zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne, die übrigens auch
    bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb, daß sein „Podl“ zu klein
    ist für die große Wanne.“

    In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das Wort,
    um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Ausdruck zu geben.


    Nachtrag des Vaters eine Woche später:

    „Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Krankengeschichte
    Hansens noch durch folgendes ergänzen:

    „1. Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht so voll-
    ständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans ging allerdings
    spazieren, aber nur gezwungen und mit großer Angst. Einmal ging er
    mit mir bis zur Station „Hauptzollamt“, von wo man noch die Wohnung
    sieht, und war nicht weiter zu bringen.“

    „2. ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt Hans
    bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch ihm ge-
    läufige Wortvertauschung.“

    1)Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer“ nicht ohne Beziehung
    auf das Wort „geboren“, „Geburt“ gewählt worden ist. Das Kind würde so
    zwischen „gebohrt“ und „geboren“ keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere
    diese mir von einem kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht
    zu sagen, ob hier ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die Ausnützung
    eines dem Deutschen eigentümlichen Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus
    (Pramantha), der Menschenschöpfer, ist etymologisch der „Bohrer“. Vgl. Abra-
    ham, Traum und Mythus, 4. Heft der „Schriften zur angewandten Seelen-
    kunde“, 1908.

  • S.

    76

    „3. Als Hans aus unserem Schlafzimmer
    separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.“

    „4. Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in Furcht, sondern
    in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich meist darauf,
    woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen usw.), wer die
    Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten Fragen ist, daß
    Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits selbst gegeben hat.
    Er will sich nur vergewissern. Als er mich einmal mit Fragen zu sehr
    ermüdet hatte und ich ihm sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir auf
    alles antworten kann, was du fragst?“, meinte er: „No, ich hab’ ge-
    glaubt, weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt.“

    „5. Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch: „Damals,
    wie ich die Dummheit gehabt hab’.“

    „6. Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht,
    was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter das Kind
    zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen, wie: „Nicht
    wahr, ich gehör’ auch dir?“ (Er meint, nicht nur der Mutter). Das:
    wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten
    Beweis, daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der Eltern belauscht hätte.“

    „7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit
    der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde:
    „Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon spa-
    zieren gegangen.“

    Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens
    war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst überwunden,
    die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja, der Arzt,
    Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber nur um einen
    größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser kleiner Forscher nur
    frühzeitig die Erfahrung machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und
    daß auf jeder Stufe ein ungelöster Rest bleibt.

    III. Epikrise.

    Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung von
    der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem noch nicht
    5jährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit sie die Behaup-
    tungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“,
    1905 aufgestellt habe; zweitens, was sie zum Verständnisse der so häufigen
    Krankheitsform zu leisten vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Auf-